Klassenfahrt1

Die Klassenfahrt 2010

Nach Eisenstadt via Großer Wald, Bärenbucht, Fröstelgrund, Vielwasser,

Riesenberge, Süße Wüste und Midgard

 

 

 

 

Protokoll des Reiseleiters …

Pünktlich um zehn Uhr trabten sie alle an. Daseinsformen über Daseinsformen, alle mit einem breiten Grinsen im Gesicht, weil sie nun für mehr als drei Wochen der Schule und der damit verbundenen Fron entflohen. Der Schulleiter war nirgends zu sehen … Gerüchteweise soll die Nachtschule ja schon lange von den Schülern verwaltet werden, weil der Professor verschwunden ist. Ob an diesem Gerede etwas dran sein sollte? Anderseits – was geht es mich an? Die Reise ist bezahlt, die Einverständniserklärungen sind unterschrieben und der Bus ist betankt. Dann beging ich meinen ersten Fehler. Wie ein blutiger Anfänger stellte ich mich vor die Meute, verschränkte die Arme vor der Brust und stellte die dümmste aller Fragen, die man in einer solchen Situation stellen konnte:

„Und? Wer von euch möchte vorne sitzen?“

Ein übergewichtiger Schweinsbarbar war der Erste, der über mich hinwegsprang. Wie ein entfesseltes Rumpelheinzchen oder wie diese Biester heißen, hüpfte er über mich und warf mich um. Die Hutze, die über mich hinweg rannte und mir ihre haarigen Beine in die Rippen rammte, war nur Bruchteile von Sekunden langsamer als dieser Rumpelhans.

Dann brach die restliche Meute über mich herein und mir schwanden die Sinne. Als ich nach Minuten wieder erwachte, sah ich das lächelnde Gesicht eines Fhernhachen und die gerunzelte Stirn eines Rettungssauriers über mir. Ein Faß Uschan de Luca wäre mir lieber gewesen. Der Fhernhache fühlte meinen Puls und meinte dann:

„Siehste, Appeli, der ist doch nicht tot! Das macht dann zwei und doppelvier Pyras, bitte!“ Mit diesen Worten streckte er seine kleine Hand aus.

Brummend griff der Rettungssaurier in einen Beutel, der um seinen faltigen Hals hing und pflückte zehn Pyras hervor. Dabei knurrte das Biest:

„Versteh ich nicht! Die ganze Nachtschule ist auf den Kerl rumgetrampelt und der steht mir nichts dir nichts wieder auf. Wo bleibt denn da die Vorhersagbarkeit, Bärnum?“

Ich konnte es nicht fassen. Hatten die beiden Bälger da etwa um meinen Gesundheitszustand gewettet? Na, das konnte ja eine reizende Fahrt werden. Kopfschüttelnd stieg ich in den Bus und begann damit, die Anwesenheit festzustellen.

Das Feststellen der Anwesenheit stellte sich als ebenso obligatorisch wie überflüssig heraus. Egal, welchen Namen ich aufrief – immer krähten, riefen, dröhnten, rülpsten, furzten oder meckerten mehrere Stimmen gleichzeitig: „Hier! Ist tot! Gibt es dem noch? Hat die nicht diesem Erstie geheiratet und eine Boutique in den Friedhofshöfen aufgemacht? Javaman!“

Sehr originell das Ganze … Und was zur Untenwelt bedeutet Javaman?

Nach dieser bürokratischen Prozedur erklärte ich den staunenden Kleinen, wie das Reisebüro Hin und nicht mehr zurück! es hinbekam, daß bei seinen Fahrten jeder vorne saß. Das ganze war eine Erfindung unsers Fahrers, eines in die Jahre gekommenen Yetis. Das Prinzip ist denkbar einfach: Sämtliche Sitze des Busses sind auf ein Kettenband montiert, daß die ganze Fahrt über mittels diverser Zahnräder in Bewegung gehalten wird. Und das bedeutet, daß sich jeder Sitz irgendwann mal vorne befindet, dann die linke Fensterseite hochwandert, den Scheitelpunkt passiert, die rechte Fensterseite hinunterdriftet und schließlich wieder vorne ist. Wie gesagt – eine geniale Idee.

Nach verschiedenen Belehrungen und der Frage, ob noch jemand auf die Toilette müßte – wie überraschend, es meldete sich niemand! – schloßen sich die Türen des Busses und wir fuhren los. Fast zeitgleich setzten sich die Sitze in Bewegung und – mir sträuben sich noch immer die Schuppen! – durchzog eine übelriechende Wolke den Wagen. Den Übeltäter mußte man nicht lange suchen: „Rumpel!“ stöhnte es kollektiv! Ich faßte den Flatuenzierer ins Auge. Ah, der Springteufel, der mich umgerannt hatte! Sehr schön. An diesen Schweinsbarbaren würde ich ein Exempel statuieren. Denn Pupsen im Bus – das gibt es beim Reisebüro Hin und nicht mehr zurück! nicht. Ich griff also in meine Reisetasche, zog nach kurzen Suchen einen Gegenstand hervor und zeigte der staunenden Klasse – und dem erbleichenden Rumpel – einen Gummistöpsel. Dann schnappte ich mir den Pupser und nach einem kurzen Kampf war die störungsfreie, geruchsneutrale Weiterfahrt garantiert.

Noch am selben Tag erreichten wir unser erstes Ziel: die zamonische Riviera. Und hier kamen uns die ersten beiden Nachtschüler abhanden …

Ahh, die zamonische Riviera. Juwel des Kontinents! Kaum waren die Türen offen, strömten-schwappten-hetzten-stolperten-hüpften-fielen die lieben Kleinen aus dem Bus. Ja, das kannten sie noch nicht: frische, unverbrauchte Luft! Ein klarer Himmel hoch über ihnen, lockerer Sand unter ihren Füßen oder was auch immer. Soviel Natur waren diese Stubenhocker doch überhaupt nicht mehr gewohnt. Folgerichtig fielen dann auch gleich zwei Hutzen mit krampfhaft um die Hälse geschlungenen Händen zu Boden und wälzten sich wie unter Krämpfen. Sauerstoffschock! Das kannte ich schon. Kein Grund zur Sorge.

Ein warziger Stollentroll – werden diese Kreaturen wirklich in der Schule geduldet? – tanzte um die beiden Hutzen herum und sang kreischend:

„Darth und Amanda liegen unten im Sand! Bald liegen sie drunter, Hel sei Dank!“

Gut, das Metrum war nicht so gelungen, aber der Text war für eine Stegreifdichtung doch sehr schön. Ich notierte ihn mir.

Ein übergewichtiger – diese Gattung ist ja immer übergewichtig, warum erwähne ich das also immer? – Schweinsbarbar, der ein paar Bücher in Händen hielt, trat an den Stollentroll heran und versetzte ihn einem Schlag auf den Kopf. Dabei knurrte er:

„Lass das dumme Geplärre, Skelch und hilf den beiden lieber!“ Dann stampfte er weiter zum Strand.

Helfen? Hatte der dumme Junge gerade etwa einen Stollentroll um Hilfe gebeten? Ja, lernten diese Brut denn in dieser sogenannten Schule überhaupt nichts? Ich wandte mich an den Troll und sah meine Befürchtungen bestätigt: Der Mund stand offen, die Augen waren weit aufgerissen, die Nase angewidert zusammengezogen, die Hände zu Krallen verbogen – die Schockstarre hatte den Unglücklichen mitten in der schönsten Empörung erwischt. Seufzend winkte ich den Busfahrer heran und bat ihn, den erstarrten Stollentroll im Gepäckraum zu verstauen. Meiner nicht unbeträchtlichen Erfahrung nach können solche katatonischen Starren mehrere Tage andauern.

Wütend sah ich den Verursacher dieses Mißgeschicks hinterher. Dieser war gerade dabei, ein Buch nach den anderen ins Wasser zu werfen. Neugierig schlenderte ich näher und fragte ihn dann:

„Na, mein Dickerchen, was machst du denn da schönes?“

„Bücher aussetzen!“ rotzte mich der Bengel an.

„Aber, aber. Die werden doch ganz nass. Und dann lösen sich die Seiten auf und sie gehen kaputt.“

„Besser die als ich!“ gab mir der verzogene Barbar zur Antwort.

Ich wollte gerade zu einer passenden Antwort über den hohen Wert von Büchern und den vernachlässigbaren Wert von ungezogenen Lümmeln ansetzen, als ich aus den Augenwinkeln sah, wie zwei Tratschwellen ins Wasser schwappten. Auch das noch! Unerlaubtes Entfernen von der Truppe! Ich rannte in die Dünung. Zu spät: Die Wellen waren schon auf hoher See. Während ich noch überlegte, was ich in meinen Bericht schreiben sollte - zwei Wellen unterwegs verdunstet, vertrocknet, von durstigen Mitschülern getrunken, als Kühlwasserersatz benötigt und im Dienste des Gemeinwohls verkocht – trat ein Wolpertinger-Welpe mit großen Augen – siehe hierzu meine Anmerkungen über die Beleibtheit bei Schweinsbarbaren! – neben mich und winselte herzzerreißend:

„Aba, Schwapp! Wohin?“

„Wir treffen uns morgen in der Bärenbucht!“ schnatterten die beiden Wellen unisono und entschwappten.

Nun war die Bärenbucht in der Tat das morgige Tagesziel. Aber wenn die beiden Wellen glaubten, daß wir da auf sie warten würden, dann glaubten sie auch, daß Rettungssaurier freundliche Daseinsformen sind.

Da die beiden Hutzen sich mittlerweile wieder erholt hatten und der Barbar auch das letzte Buch „ausgesetzt“ hatte, trommelte ich die Bande wieder zusammen und erklärte ihnen, was wir in der nächsten Stunde unternehmen würden.

Die Begeisterung, die auf meine Aufforderung hin, Sandburgen zu bauen, herrschte, war allerhöchstens mittelprächtig. Vor allem die gröberen Daseinsformen machten aus ihrer Ablehnung gegen solche Kindereien keinen Hehl. Aber ich blieb hart. Das Bauen von Sandburgen an der Riviera war seit jeher fester Bestandteil meiner Klassenfahrten und würde es auch in Zukunft bleiben – trotz der bedauernswerten Zwischenfälle und des nach wie vor unauffindbaren Rettungssauriers, der irgendwo eingebuddelt wurde und der bis zur Abfahrt nicht mehr gefunden wurde. Aber der Reihe nach …

Die lieben Kleinen verstreuten sich also über den Strand und – während die beiden Tratschwellen auf dem weiten Meer damit begannen, sich diverse Lexika zuzuwerfen – begannen mit ihren Sandburgen. Lediglich der dickliche Schweinsbarbar, der eben noch Bücher in die Fluten geworfen hatte, stand noch am Ufer und starrte angestrengt hinaus. Na, sollte er nur. Aber er würde schon sehen, was er davon hatte! Wer keine Sandburg baute, der bekam auch kein Butterbrot! So bin ich nämlich: Hart, aber gerecht.

Eine Gruppe von Haifischmaden – wie hat der Professor es nur geschafft, diese Gattung auf seine Schule zu zwingen – war gerade mit der Errichtung eines exquisiten Kunstwerkes aus Sand und Muscheln beschäftigt, als ich den gurgelnden Hilfeschrei hörte. Ohne mich umzudrehen, wußte ich Bescheid: Der Schweinsbarbar! Aber hatten wir nicht genug Rettungssaurier dabei? Einer von diesen würde sich des Problems schon annehmen.

Ich besah mir das Meisterwerk der Haifischmaden noch einige Zeit und war darüber entzückt, was für schöne Dinge diese finsteren Zeitgenossen zu schaffen vermögen – der große Turm in der Mitte hatte tatsächlich die Form eines Rettungssaurier-Schnabels, eine sehr gute Arbeit, in der Tat – da hörte ich das ledrige Schwappen großer Flügel und eine Stimme erklang:

„Hey, Meister, ich habe hier einen Badegast. Soll der direkt in den Bus oder wollen Sie ihm noch ein paar warme Worte mitgeben?“

Ehe ich etwas sagen konnte, wand sich der tropfnasse Barbar aus den Klauen seines Retters und fuhr diesen an:

„Appeli, du olle Pfeife! Die warfen sich da eine Brockhaus-Erstausgabe von 7216 vor Blaubär zu! Weißt du, was die Wert ist?“

Mit diesen Worten gab er den vollkommen verdutzen Retti einen Hieb. Dessen Verwirrung währte allerdings nicht lange und er versetzte den aufsässigen Barbaren einen Schnabelhieb. Und schon hatten wir die schönste Keilerei.

Irgendwie sind diese Dinge ja ansteckend und so war es für mich kein Wunder, daß binnen Sekunden der ganze Strand nur noch ein einziges Schlachtfeld zerstörter Sandburgen und weinender Fhernhachen war. Die wüsten Anfeuerungsrufe und rüden Gesten der beiden Tratschwellen auf dem Meer heizten die Stimmung noch zusätzlich an. Im Geiste machte ich mir eine Notiz, die beiden bei der sich ersten bietenden Gelegenheit als Kühlwasserersatz zu verwenden. Wie sagte meine Großmutter immer? Mit Schwund muß man rechnen.

Mit Hilfe des Fahrers gelang es mir schließlich, die tobende Brut des Professors zu bändigen. Lediglich die sieben Haifischmaden hatten sich aus der Massenprügelei rausgehalten und weiter an ihrer Sandburg gebaut. So sind sie eben: Bleiben immer unter sich. Und eine tolle Sandburg war es: Da konnte man wirklich einen … einen … ja, einen Rettungssaurier drunter begraben!

Allmählich lief uns aber die Zeit davon. Die Nacht wollten wir in einen unerforschten Ausläufer des großen Waldes verbringen und wenn wir nicht auf den harten Boden schlafen wollten, dann mußten wir los. Die Zelte bauten sich schließlich nicht von alleine auf. Ich rief die Namen auf und ließ die kleinen Racker einsteigen. Wie sich herausstellte, war uns ein Rettungsssaurier namens Zeze abhanden gekommen. Auf meine gelangweilte Frage – schließlich kamen immer irgendwelche Rettungssaurier abhanden – ob jemand diesen Zeze gesehen habe, zupfte mich ein Horchlöffelchen am Bein und zirpte aufgeregt, es heiße Miripiri und habe den „lieben Zeze bei den sieben Haifischmaden“ gesehen.

Bei den sieben Haifischmaden! Du lieber Himmel! Warum nicht gleich hinter den sieben Hutzenbergen oder den sieben Wotanskerben? Ach, diese Horchlöffelchen! Man kann ihnen einfach nicht böse sein. Ich strich ihr sanft über den Kopf, brummte ein väterliches „Aber ja, aber ja“ und schob sie in den Bus.

Wenige Minuten später fuhren wir ab in Richtung Großer Wald

Langsam bekomme ich ein schlechtes Gefühl bei dieser Klassenfahrt. Zwei Tratschwellen eigenmächtig unterwegs, ein Rettungssaurier verschwunden und nun die Sache mit den Waldspinnenhexennetz… Aber bei manchen Daseinsformen kannste reden und reden und reden – die hören einfach nicht zu.

Doch der Reihe nach …

Nach einer dreistündigen Fahrt kamen wir also am Großen Wald an. Immer noch eine übel beleumundete Gegend auf diesen Kontinent. Klar, da gibt es die Siedlung dieser komischen Buntbären, aber die nimmt nur einen Bruchteil des ganzen Geländes ein. Ich stellte mich also vor die Kinder und erklärte ihnen:

„Wenn wir gleich aussteigen und die Zelte aufschlagen, dann denkt bitte daran, nicht zu weit in den Wald hineinzugehen! Der große Wald ist gefährlich und zum größten Teil noch unerforscht. Also …“

Ein Wolpertinger meldete sich.

„Ja?“

„Öhm, Sorabeth von Vielwasser. Öhm, wie weit ist denn nicht zu weit?“

Dumme-Fragen-Steller wie du können gar nicht weit genug weg sein, dachte ich mir, zwang dann aber doch ein Lächeln auf meine Lippen und flötete:

„Wenn deine Hinterpfoten den Waldboden berühren – dann bist du zu weit drin!“

Ich fixierte die anderen.

„Habt ihr das verstanden? Niemand betritt den Wald! Wir bauen unsere Zelte auf, zünden ein Lagerfeuer an und dann wird es gemütlich.“

„Wird Amanda dann wieder um das Feuer tanzen und I am the dancing queen kreischen, fragte ein Fhernhachen-Bürschlein.

Bevor ich noch fragen konnte, warum zum Henker von Dullsgard eine Hutze so etwas tun sollte, verschränkte eine von ihnen – wahrscheinlich besagte Amanda – die Hände im haarigen Schoß und kicherte verschämt:

„Also wirklich, Bärnum… diese alten Geschichten … da wollten wir doch nicht mehr drüber …

„Na, das hört sich ja alles sehr spaßig an“, stellte ich fest. Da können wir alle zusammen heute Abend drüber lachen – wenn die Zelte stehen. Und jetzt: Husch, husch!“

Zwei Stunden später …

Die Zelte standen mehr schlecht als recht, das Feuer hätte einen Gralsunder Generalinquisitor zu Tränen der Verzweiflung gerührt und die Rasselbande saß in einträchtiger Zwietracht davor und grillte Würstchen. Ich besah mir gerade froh dieses Bild des Friedens, als etwas an meinen Hosenbein zupfte. Ich sah nach unten – das Horchlöffelchen von heute Morgen wieder.

„Äh, Meister … Also, ich weiß ja nicht, ob das wichtig ist, aber sie sagten doch, der Wald … daß wir nicht reingehen sollten … und … und …

„Jaaaaaaaa?“ fragte ich gedehnt.

„Also, Meister, es ist so, ich und die drei anderen, wir mußten mal und wir wußten nicht, wohin und da sind wir … ich meine, wir sind … äh …“ Sie brach hilflos ab.

„Dann sei ihr einfach mal in den gefährlichen Wald gegangen?“ führte ich ihr Gestammel zu einen sinnvollen Ende. „Habt in einen gefährlichen Wald voller gefährlichen Wesen und Getier die Hosen runtergelassen? Sehr vernünftig! Genau das, was ich von einem Nachtschüler erwarte! Sich mit nacktem Arsch auf einen Boden hocken, der von giftigen Spinnen und Schlangen nur so wimmelt!“

„Äh, Meister, ist das jetzt irgendwie ironisch gemeint oder …“

„Und wieso kommst du jetzt zu mir? Braucht ihr frisches Papier? Soll ich euch eine Latrine graben?“

Das Löffelchen wand sich wie unter Qualen.

„Ich bin nicht … die anderen sind weiter rein … habe mich nicht getraut … und dann war da dieses Geräusch … und ein leiser Schrei … und dann war alles still … habe die drei gerufen, aber sie haben nicht geantwortet …

„Wer fehlt?“ fragte ich barsch.

„Kur, Skelch und Lia.“

„Gut. Geh zu den anderen ans Feuern. Kein Wort. Ich werde die drei suchen gehen!“

Ich ahnte ja gleich nichts Gutes, als ich mit meinem Yeti vom Steuer den Wald betrat. Die dummen Gören hatten sich aber auch wirklich einer der dunkelsten und unheimlichsten Stellen für ihre Notdurft ausgesucht. Ich nahm mir vor, mit dem Leiter dieser sogenannten Schule ein paar ernste Worte zu wechseln, wenn wir wieder zurückkamen.

„Kur!“ Rief ich. „Skelch! Lia!“ bellte der Yeti. „Wo seid ihr?“ brüllten wir gemeinsam. Nichts. Das Fellungetüm sah mich an und fragte, ob wir weitersuchen sollten, nach seiner Meinung hätten wir unserer Fürsorgepflicht Genüge getan und außerdem würde er nicht dafür bezahlt, im Großen Wald nach kleinen Bälgern zu suchen, die sich beim Pissen verlaufen hätten. So unrecht hatte er damit nicht und ich war schon drauf und dran, die „Suche abzubrechen“, als ich etwas sah: Einen abgebrochenen Ast und daran - den Fetzen eines Geschenkbandes aus roter Seide. Abgebrochene Äste sind nun im Großen Wald bestimmt nichts seltenes, aber Bänder aus roter Seide …

„Das sehen wir uns noch an, dann war es das!“ entschied ich und wir gingen zur besagten Stelle. Tatsächlich – ein Geschenkband. Seltsam. Der Yeti zupfte mich am Ärmel und ich hätte schwören können, daß er blasser als gewöhnlich war. Auf meine stumme Frage fing er an, von seltsamen Geschichten über verschwundene Yeti-Kinder in den Kalten Bergen und von roten Bändern aus Seide zu erzählen, die man stets dort gefunden hatte, wo die Kinder …

„Pappperlapp“, tat ich sein törichtes Geschwätz ab. „Rote Seide wird eher älteren Herren gefährlich, aber doch keinen Kindern. Nein, ich schätzte, die kleinen Lumpen haben eine verlorene Rolle Geschenkband gefunden und wollten sich damit die verlausten Ärsche abwischen! So wird es gewesen sein!“

In diesen Augenblick hörten wir das Lachen. Es klang wie der Urahne aller gemeinen, hinterhältigen und bösen Gelächter. Den Yeti stellten sich die Haare auf – ein beeindruckender Anblick. Und auch meine Schuppen begannen sich zu heben. Aber Feigheit vor dem Feind - das kennt ein Werkröterich wie ich nicht und wir – den Yeti zog ich hinter mir her – steuerten auf die Quelle des Lachens zu.

Kein schöner Anblick! Wirklich nicht!

Vor uns eine Grube, gefüllt mit alten Netzen der Waldspinnenhexe. Das sah man direkt, wenn man dafür ein Auge hatte. Hinter der Grube stand ein riesiges Lager von Geschenken aller Größen und Farben und mit Bändern aus roter Seide geschmückt. Man mußte kein Genie sein, um zu erkennen, daß es sich hier um eine Fallgrube handelte und die Geschenke nur der der Köder gewesen waren. Über die Grube gebeugt, die Hände in die Hüften gestützt und noch immer sein gräßliches Lachen ausstoßend, stand der – Übelknecht!

Der Übelknecht – das zamonische Gegenstück des Nikolaus! Jetzt wurde mir alles klar. Der Schlitten des Übelknechtes wurde von Kindern gezogen und man sagte, der Knecht verschliss vor Übelabend bis zu 476 Kinder! Er brauchte also ständig Nachschub und da diesen Job ja kein Kind freiwillig machte … Alles klar? Zwar hatte ich keine Ahnung, warum er seine Fallen am Arsch der Welt aufstellte, aber wer verstand schon die Beweggründe einer solchen Kreatur?

Der Übelknecht langte in die Grube, zog die drei unglücklichen Kinder hervor und spannte sie vor seinen Schlitten. Der Yeti und ich sahen uns an, dann schlichen wir uns leise davon. Gegen den Übelknecht kamen wir erstens nicht an, zweitens mußte ja jemand den Schlitten ziehen und drittens – wer wußte denn schon, ob er wirklich nur Kinder ins Geschirr spannte.

Die lieben Kleinen waren also im Großen Wald verschollen. Das würde die offizielle Version sein. Schade, aber nicht zu ändern. Als wir beim Lagerfeuer ankamen, sahen wir noch, wie aus dem Wald ein rot-grüner Blitz hervorzuckte, der sich bald in den Wolken verlor. Schwach meinte ich noch, die gebrüllten Worte: „Ho, Kur! Schneller, Lia! Wieder gestolpert, Skelch?“ zu hören. Aber das kann auch Einbildung gewesen sein.

Die restliche Nacht verlief verhältnismäßig ruhig. Wenn man das donnernde Schnarchen der Schweinsbarbaren, das im-Schlaf-Fluchen der Stollentrolle und das ständige Wasserlassen der Tratschwellen als „ruhig“ bezeichnen will! Nie wieder Zelten!

Nach einen eiligen und lieblosen Frühstück – die Racker werden in der Nachtschule ja wohl auch nichts besseres bekommen! – trieb ich die Bande zurück in den Bus. Hier fielen natürlich die mittlerweile sechs freien Plätze auf, aber dieses Problems nahm sich mein Yeti in bewährter Manier an: Er riß vier der Sitze einfach aus ihrer Verankerung und damit hatte es sich. Sollten sich die beiden Tratschwellen heute Nachmittag nicht in der Bärenbucht einfinden, dann flögen eben noch zwei Sitze zum Fenster raus. Allerdings würde ich den Fahrer dann bitten, die Fenster doch vorher zu öffnen. Ach ja … Yetis …

Wir fuhren den ganzen Vormittag durch Orniem und außer Wald, Sand und Meer gab es nicht viel zu sehen. Trostlose Gegend. Einmal meinte eines der Kinder, die sich mir artig als Grünkäpchen vorstellte, in der Ferne einen Bollogg gesehen zu haben, aber daß hielt ich für absolut unmöglich. Ein Bollogg soweit im Norden? Wohl ein bisschen viel Gimp eingeworfen, was? Noch bevor wir in der Bärenbucht ankamen, sollte ich diese Fehleinschätzung meinerseits bitterlich bereuen …

In der Mittagszeit erreichten wir den Teil Orniems, an dem der Große Wald fast ganz bis an das Meer reichte. Hier, an diesem Nadelöhr, gab es ein hervorragendes Gasthaus. Dort würden wir eine Rast einlegen und uns stärken, bevor es auf die zweite Hälfte unserer Tagesetappe zum Hotel Bären-Arsch ging.

Wir bogen um den letzten Waldausläufer und vor uns lag die Taverne Bäume! Nichts als Bäume! Nur trug sie ihren Namen nicht mehr länger zu recht! Denn es gab hier keine Bäume mehr. Genaugenommen gab es auch das Gasthaus nicht mehr! Streng genommen gab es hier gar nichts mehr!

Knirschend kam der Bus zum stehen und staunend pressten wir unsere Nasen an die Scheiben. Irgendetwas hatte ein kreisrundes Stück der Wirklichkeit in ein kreisrundes Stück Nichts verwandelt. Was bei Hel … Ein schrecklicher Gedanke kam mir.

„Grünkäpchen! Hierhin!“ bellte ich. Das Kind kam angetrabt.

„Dieser angebliche Bollogg, den du gesehen haben willst … Wo genau soll der gewesen sein?“

„Ähh, weit weg?“

„Du … Nein, ich meine, in welcher Richtung hast du ihm gesehen? In dieser?“

„Ähhhh, ganz weit weg?“

Entnervt schickte ich die Nervensäge zurück. Das hielt ja keine Daseinsform aus!

Ein Atlas flog an meinen Kopf vorbei, gefolgt von wüsten Schimpfen. Ich drehte mich um. Eine Schrecke. Natürlich! Auch dieses Kroppzeug war mit am Bord.

„Hast du gerade den Atlas geschmissen, Äh Püh?“ fragte ich streng. Den Namen von Schrecksen habe ich immer im Kopf!

„Das Mistding taugt doch nichts“, kreischte die Schreckse. „Da behaupten die Stollentrollfrech, in Orniem gäbe es nur Wald und Küste.“

„Und? Was soll daran falsch sein?“ fragte ich neugierig.

„Nur Wald und Küste? Und warum erwähnen die dann nicht den Berg da hinten? Man kann doch nicht einfach einen Berg unterschlagen!“

Ein Berg? Hier? Oh ihr Götter! Ich sah in die Richtung, in die die Schreckse und jetzt auch die andere Brut schaute.

„Das ist kein Berg“, stöhnte ich.

„So? Und warum nicht?“ fragte mich der Rettungssaurier namens Appeli.

„Weil Berge keine Hände haben, die sie nach uns ausstrecken!“

Ich leite jetzt seit 273 Jahren Klassenfahrten in Zamonien, Groß-Troll und Urien. Und ich dachte wirklich, in dieser langen Zeit hätte ich schon alles erlebt! Aber in einer derart fürchterlichen Situation hatte ich mich noch nie befunden! Der Bus – eingepfercht zwischen Meer und Wald auf einen schmalen Landstreifen. Vor uns ein Bollogg, keine Möglichkeit zum Wenden und eine Wagenladung johlender Kinder am Bord, die ihre dicken Nasen an der Scheibe platt drückten und die trüben Augen aufrissen.

Immer näher und näher kam die riesige Pranke des Riesen, der unser Gefährt wahrscheinlich für ein besonders leckeres Tier hielt. Bei diesem Tempo würde er uns in zehn Minuten gepackt haben. Dann würden wir in Bruchteilen von Sekunden zerquetscht, zermatscht und zerdrückt werden. Keine schönen Aussichten. Noch schienen die Schüler das Ganze für eine Art Spiel zu halten, aber das konnte sich jederzeit ändern.

Meine Gedanken überschlugen sich. Wenden konnten wir nicht. Über Wasser fahren? Durch den dichten Wald? Beides unmöglich! Also aussteigen und den Bus verlassen? Und dann? Ohne Reisemittel, ohne Proviant in der nordzamonischen Wildnis würden wir keine drei Tage überleben. So viele Beeren und Wurzeln würde es zu dieser Jahreszeit gar nicht geben, um die ganze Rasselbande hier …

Oder … Dieser dicke Schweinsbarbar da hinten … Rumpel, richtig. Der schaufelte sich gerade wieder Backblechladungen Pommes in den Rachen. Hatte der seine eigene Frittiermaschine mitgebracht? Und woher nahm er Kartoffeln und Salz … Egal! Also, dieser Rumpel … Der könnte uns schon eine weitere Woche am Leben halten. Und danach … Ein paar Schweinsbarbaren waren ja noch am Bord. Mit einer Kruste aus wildem Honig und ein paar Kräutern … ich sah Rumpel vor mir, einen Apfel im Mund und mein Magen begann zu knurren. Und die Liste ließ sich beliebig erweiterten: Die Rettungssaurier und die Haifischmaden. Viel Rippen und viel Fett … Am besten also Grillen. Die Fhernhachen und Hutzen könnte man in eine Suppe schnippeln … Die Schrecken waren zähe Biester, aber lang genug gedünstet … Ich fing an zu sabbern.

Der Rettungssaurier namens Appeli zupfte mich am Ärmel.

„Sie! Was machen wir denn jetzt?“

„Was meinst du, mein sprechendes Grillrippchen?“ kam ich nur mühsam wieder in der Wirklichkeit an.

„Sprechendes … Was … Also, ich will wissen, was wir machen sollen. Wenn der Bollogg uns erst einmal gepackt hat, dann ist es zu spät.

In welcher Tasche hatte ich denn meine Gewürze … Was hatte der Saurier gesagt? Der Bollogg, natürlich. Die Hand war jetzt bedrohlich nahe gekommen, das Schnattern der Schüler wurde langsam lauter, einige Zwiezwerge und Horchlöffelchen begannen, panisch im Kreis zu laufen. Die Stollentrolle dagegen feuerten die Pranke auch noch an:

„Komm schon, das packst du! „Gut so, immer weiter!“ Ein kleines Stück noch!“

Die Götter sollten diese wasserscheuen Kreaturen … Ein in seiner Schlichtheit ebenso genialer wie schöner Einfall flammte in mir auf.

„Appeli! Schaff mir sofort alle Hutzen und Stollentrolle ran. Ich habe eine Idee!“

Der Rettungssaurier humpelte davon und ich begann, den Fahrer meinen Plan zu erläutern. Er war begeistert.

Haben Sie einen Stollentroll schon einmal Baden sehen? Wahrscheinlich nicht. Diese Biester starren vor Dreck. Gut, es sind halt Stollentrolle und für die gehört das zum Erscheinungsbild, aber das Problem geht tiefer: Stollentrolle hassen Wasser und Wasser hasst Stollentrolle. Dem Pfeiffenkott´schen Ausschließungsprinzip nach können ein Stollentroll und Wasser niemals den gleichen Raum einnehmen, ohne sich zu übergeben. Das habe ich zwar nie so ganz verstanden, aber …

Wir konnten also nicht durch die Bäume fahren und wir konnten nicht in Richtung Bollogg fahren. Aber – wir konnten über das Wasser! Theoretisch jedenfalls …

Als die Hutzen und die Trolle kamen, erklärte ich ihnen in Windeseile meinen Plan. Skeptische Gesichter und ablehnende Mienen sahen mich an, aber damit hatte ich gerechnet. Ich bot alles auf, was ich an Überredungskunst besaß und es klappte: Die enorm starken Hutzen bohrten ihre Zehen in die Naselöcher der quäkenden Trolle, packten dann den Bus und schleppten sich so auf ihren improvisierten Wasserskiern zum Wasser. Das war für die Trolle zwar unangenehm, aber was muß, das muß.

Der Rest ist schnell erzählt: Die Unfähigkeit der Trolle, mit Wasser in Berührung zu kommen, sorgte dafür, daß die Hutzen mit ihrer Last gleichsam über den Wogen schwebten. Ich blickte zurück: Die gigantische Hand des Bolloggs war nur noch wenige Meter von der Stelle entfernt, an der sich der Bus eben noch befunden hatte. Sein kleines Gehirn würde die veränderte Lage niemals rechtzeitig in Impulse übersetzen können, aber Eile war trotzdem geboten. Ich beugte mich aus dem Seitenfenster, schwang einen Gürtel und schrie:

„Hüah, Skugga! Die Hufe geschwungen, Kulla! Amanda, mehr Schwung, bitte! Wir sind hier nicht bei Hutzen auf den Eis, sondern auf der Flucht!“

Die Stollentrolle anzufeuern, sparte ich mir, da diese in meinen Plan eh nur eine passive Funktion ausübten.

Wir hatten eine beachtliche Geschwindigkeit erreicht, das Jammern und Wehklagen der Stollentrolle störte immer weniger und Kulla, die genau unter meinen Fenster lief, erklärte nach einem freundlichen Gürtelschlag auf die – vermutliche! – Region, in der ihr Gesäß liegen mußte, daß sie locker quer durch die Bärenbucht bis zu den ersten Ausläufern der Blutschinken-Berge laufen könnten. Das nenne ich Einsatz für die Klasse!

In diesen Moment durchlief ein Beben unseren Bus, das Meer, ja, wahrscheinlich den ganzen Planeten: Die Hand des Giganten war niedergegangen. Und wir waren – dank meines Genies – ihr entkommen. Die Kinder hatten eine Menge Spaß an der wilden Hatz über das Wasser und ich sonnte mich gerade in meinen Erfolg, als ein zweites, ungleich schwächeres Beben, den Bus durchlief. Was bei Hel …?

„Chef! Chef!“ rief es von draußen. Ich ging zum Fenster und sah auf Kulla hinab, die mit besorgter Miene zu mir aufblickte.

„Was war das eben?“

„Öh, Chef, also, Amanda meint, wir hätten da eben … also, das Ding hier ist echt schwer und läßt sich nicht gut steuern und wenn man sich darauf konzentriert, seine Zehen in den Nasen …“

„Was war das eben?“ hob ich meine Stimme

„Also, wie es aussieht … war echt keine Absicht … also, ich glaube, wir haben eben Schwapp und aba überfahren!“

Ich mußte mich setzen, schwankend zwischen Entsetzen und aufkeimenden Gelächter. Zwei mir anvertraute Schüler unter die Räder gekommen! Fürchterlich! Anderseits: Tratschwellen, die auf den offenen Meer überfahren worden war – köstlich! Ich riß mich zusammen und fragte:

„Und? Wie geht es Ihnen? Kannst du was sehen?“

„Nö, Chef. Skugga meint, die sehen ziemlich platt aus und Amanda glaubt, daß aba einen Zusammenstoß mit Klogatte hatte. Aber da ist sie sich nicht sicher. Was sollen wir machen?“

„Weiterlaufen!“ entschied ich. Die erholen sich schon wieder. Am Horizont tauchten schon die ersten Berge des Blutschinken-Gebirges auf.

Schließlich kamen wir an den Schmalen Streifen Landes an, der den Fröstelgrund von der Bärenbucht trennt. Wer hat sich nur all diese Namen ausgedacht? Bärenbucht? Also wirklich! Keinen einzigen Bären habe ich da gesehen. Aber was weiß unsereiner schon, der noch nicht mal das Nachtitur hat! Die Kinder, die vertraut man uns Nicht-Akademikern ja noch an, aber wenn es gelehrte Dinge geht, dann …

Wir kamen also an. Die Hutzen hoben den Bus auf den Strand, die Trolle rieben sich klagend ihre Nasen und prüften ihre Nüstern und – ich konnte einfach nicht widerstehen – ich gab der Hutze mit Namen Kulla einen letzten Streich mit dem Gürtel. Man gönnt sich ja sonst nichts …

Die erste Etappe unserer Reise lag also hinter uns. Wir hatten die Finsterberge, Orniem und die Bärenbucht gesehen, hatten Lagerfeuer-Romantik und unerwartete Abenteuer genossen und erfreulicherweise nur wenige Schüler verloren. Wie es den beiden Tratschwellen wohl ging? Große Sorgen machte ich mir eigentlich nicht, denn diese Daseinsformen sind ja bekanntlich zähe Biester … Irgendwann würden wir schon wieder auf die beiden treffen.

Vor uns lag also das weite Land der Blutschinken. Eine unfreundliche Gegend, aber hier mußten wir durch. Wir würden es bis zu den nördlichen Nattitftoffen durchfahren, dort eine zweitägige Kulturpause einlegen und dann nach Vielwasser übersetzen. Das alles teilte ich der Brut in meinen Gefolge mit. Die Reaktionen waren – wie immer – gemischt.

Als Erstes kamen natürlich die Rettungssaurier angeschissen. Was für ein Wunder. Ob er seinen alten Onkel im Ruhestandspalast besuchen könne, fragte mich einer namens Güni. Sie vermisse noch immer diesen Zeze und vielleicht sei er ja bei Günis Onkel, nervte die mich noch immer fatal an ein Grillrippchen gemahnende Appeli. Dann schwappten sie alle heran, umfaßten mich mit ledrigen Flügeln und sprachen wild durcheinander:

„Meine Tante …“ „Soll da ja ganz exzellenten Milchkaffee …“ „Draußen aber nur Kännchen!“ „Seit Weihnachten vor einen Jahr nichts mehr …“ „… müssen da einfach hin!“ Wirklich, nur Kännchen? Was kostet denn eines?“

Ich tat das, was ich stets schon an besten konnte und zerstörte ein paar Hoffnungen. Nein, erklärte ich streng, wir besuchen diese Ansammlung gichtiger Greise nicht. Das hier ist eine Klassenfahrt und keine Beerdigung.

Dann kamen die Zwergpiraten. Sie zupften an meinen Knöcheln, trampelten auf meinen Zehen und Nerven herum und fistelten mit ihren hohen Stimmen:

„Die Säulen des Herakles! Da woll´n mer hin. Da hat mein Oller einmal einen Schatz ...“ „Dein Oller? Du Sack, daß war ja wohl meiner!“ „Dein Oller war auch seiner?“

Eine dieser wimmelnden Wimmlinge schaffte es irgendwie, auf meine Schulter zu klettern. Er hielt seinen Mund an meine Ohren und dröhnte:

„Hey, Leichtmatrose. Ich bin der Minus. Größter aller Zwergpiraten. Fahr mich zu den Säulen und ich mach dich reich. Sonst schlitz ich dich auf!“

„Minus, ja?“ fragte ich höflich.

„Ganz genau! Minus! Bezwinger großer Schlachtschiffe und Notzüchtiger der Witwen und Ehefrauen!“

Ich schnippte den Mini-Zwerg mit einem Finger von meiner Schulter hinunter und rief ihn während seines Fluges hinterher:

„Da siehst du, was passiert, wenn man Minus mit Null multipliziert.“ Ein matter Scherz, aber es kann ja schließlich nicht alles klasse sein, oder?

Nach den Rettis und den Zwergen kamen die schlechten Ideen. Die mochte ich. Die waren immer lustig. Und wenn man auf sie hörte, dann hatte man immer eine Menge Spaß. Spontan beschloß ich, den ersten Vorschlag einer dieser Daseinsformen zu folgen – egal, was es war. Man lebte ja schließlich nur einmal.

„Hallo, Chef. Also, mein Name ist Nano und ich hätte gerne …“

„Wird gemacht, mein Lieber.“

„Höh, ich habe doch noch gar nicht …

„Ach, das ist doch nur eine Formsache. Was auch immer es ist – es wird gemacht! Versprochen!“

Ein kollektives Stöhnen ging durch den Bus.

„Also, mein Kleiner, was hast du dir denn gedacht?“

Er sagte es mir. Daß es sich dabei um einen Kindheitstraum handelte und er schon immer …

Es war sogar für eine schlechte Idee eine schlechte Idee, aber versprochen war versprochen. Und wer weiß – es konnte lustig werden. Wenn es einer von uns überleben sollte, der dann darüber lachen konnte.

Wie es sich dann herausstellen sollte, war es alles andere als lustig gewesen. Und für die sieben Zwiezwerge, deren Namen ich leider nicht erfahren habe, für die beiden Wolpertinger Wolff und Remus und für die arme Phell… so jung noch und dann das! Aber ich greife vor:

Wie man sich bestimmt erinnert, hatte ich Nano versprochen, seiner Bitte nachzukommen. Was es auch sein mochte. Konnte ich denn ahnen, daß der Wahnsinnige einen Ritt auf der Seeschlange wagen wollte? Aber versprochen ist versprochen und so gerne ich meine Versprechen sonst auch breche – irgendwas an dieser Sache reizte mich. Wann kam man denn noch mal zum Fröstelgrund? Und um diese Jahreszeit trieb sich die olle Schlange für gewöhnlich in Ufernähe rum. Wenn sie gerade gefressen haben sollte … Ein gewisses Risiko blieb immer, aber anderseits: Was für eine Erfahrung. Was für eine Geschichte. Kurz und gut: Ich gab Anweisung, den Bus in Richtung Fröstelgrund zu steuern. Der Yeti zog natürlich ein Gesicht, aber das ist bei diesen Typen ja nichts Neues. Was anderes können die ja gar … eigentlich schon erstaunlich, wenn man die eingeschränkte Mimik eines Yeti … Aber ich schweife schon wieder

Nach einer knappen Stunde Fahrt kamen wir also am Ufer des Fröstelgrundes an. Kalt war es hier. Eiskalt! In der Ferne sah man Eisberge treiben, schneidender Wind wehte vom Meer heran und – weit und breit keine Seeschlange. Die Enttäuschung stand uns allen – vor allen Nano! – ins Gesicht geschrieben. Aber man konnte nichts machen. Um die Fahrt hierher nicht vollkommen umsonst gewesen sein zu lassen, erlaubte ich den Kleinen, für eine Stunde am Strand zu spielen. Die kalte Luft würde ihren verweichlichten Hälsen gut tun und ein anständiger Schnupfen hatte noch niemanden geschadet. Außerdem – kranke Kinder sind stille Kinder!

Der Fahrer und ich zogen gerade gemütlich an einer Gimp-Phoggare, als der Schrei ertönte. Aber den hätte sich dieser komische Fhernhache auch schenken können. Oder glaubte er, irgendeiner im Umkreis von sieben Tagen hätte den gigantischen Kopf übersehen, der sich da urplötzlich aus dem Wasser hob? Es war die verdammte Wasserschlange! Und wie groß sie war! Ein Bollogg war ein Dreck dagegen! Aus goldgelben Augen sah sie auf uns herab, Augen, so groß wie ein Schiff. Und damit meine ich keine Zwergpiraten-Schaluppe, sondern ein richtiges Schiff!

„Keine Panik!“ rief ich. „Jeder weiß, daß die Seeschlange nur von Algen und Plankton lebt! Bewegt euch ganz normal, ärgert sie aber nicht. Und Nano… Also, wenn du …“ Weiter kam, ich nicht.

Das riesige Maul der riesigen Schlange klaffte auf, mit einer eleganten Bewegung neigte sie ihren riesigen Hals und wischte mit ihrer Zunge – habe ich erwähnt, daß auch diese riesig war? über den Strand. 7 Zwiezwerge, 2 Wolpertinger, 1 Hutze – eben noch da, jetzt auf den Weg in den Magen der Seeschlange!

„In Ordnung“, schrie ich. „Jetzt dürft ihr doch in Panik geraten und herumlaufen!“

Einigen Schülern gelang es tatsächlich, mich zu überraschen. Da war zum Beispiel dieser Rettungssaurier, der ständig im Kreis umher rannte und dabei schrie:

„Retten? Flüchten? Flüchten? Retten?“ Dann gab es da diese Wolpertingerin Sora, die die ganze Zeit um den hin und her pendelnden Kopf der Seeschlange herumtollte und doch tatsächlich versuchte, auf diesen zu klettern. Tapferes Mädchen …

Wie sich im folgenden herausstellte, war diese ganze Panik-Sache mehr als überflüssig. Die Seeschlange, die anscheinend wirklich eine Vegetarierin reinsten Wassers war, stieß mit einen Mal heftig auf, verzog dann angewidert die Lefzen und – verschwand. Sieben Zwiezwerge, zwei Wolpertinger und eine Hutze – das war wohl auch für den Magen der Schlange eine zu ungewohnte Diät. Kurz und gut: Die ganze Sache war noch einmal glimpflich ausgegangen. Wobei – einen weiteren Verlust gab es noch zu beklagen. Der Rettungssaurier, der die ganze Zeit im Kreis gelaufen war, hatte allen nach seinem Verstand verloren. Er hörte nämlich nicht mehr auf zu laufen und zu jammern. Seine Mitschüler und ich schauten uns das Schauspiel noch eine gute Viertelstunde an, dann wurde es uns langweilig und wir stiegen in den Bus ein. Bei einem letzten Blick in den Rückspiegel sah man diesen Güni noch immer lamentierend herumlaufen und noch lange klang uns allen sein „Retten? Flüchten? Flüchten? Retten?“ in den Ohren.

Den restlichen Tag durchquerten wir den Landstrich zwischen Fröstelgrund und Blutschinken-Gebirge. Viel gab es hier zwar nicht zu sehen, aber was man sah, war dafür umso interessanter. Vor allem die verstreuten Einödhöfe waren jedes Mal mehr als nur einen Blick wert. Ganze Generationen von Blutschinken hatten hier gelebt, untereinander geheiratet, sich immer mehr Erbkrankheiten eingefangen und waren dabei immer weiter degeneriert. Hier lebten Blutschinken mit drei Augen, einen Ohr und zwei Mündern. Und das waren noch die ansehnlichsten von ihnen. Die wirklich interessanten Exemplare wurden allerdings hinter dicken Eichentüren und vergitterten Fenstern „aufbewahrt“.

Natürlich stiegen wir an diesen Höfen nie aus. Degeneriert oder nicht – es waren immer noch Blutschinken. Aber – haben Sie schon einmal versucht, einer Horde von neunmalklugen Nachtschülern klarzumachen, was das Wort „Unklug“ bedeutet? Immer lauter wurde ihr Drängen, doch endlich mal an einen solchen Einöd-Hof anzuhalten, immer schwerer wurde es mir, ihr Drängen zu ignorieren. Und endlich – endlich platzte mir der Kragen. Ich wies den Fahrer an, bei der nächsten Holzhütte anzuhalten, damit sich die Nervensägen etwas die Beine vertreten konnten. Im stillen dachte ich mir, daß schon nichts passieren würde.

Mal wieder lag ich falsch …

Der Einöd-Hof war sogar für hiesige Verhältnisse verfallen. Hier konnte unmöglich jemand oder etwas leben. Gut, also würde hier auch keine Gefahr drohen. Wir hielten an, die Türen öffneten sich und die Schüler strömten hinaus. Die meisten von ihnen stromten über das überwucherte Gelände, einige untersuchten die ruinöse Hütte und die beiden Ställe. Der Schweinsbarbar, den ich unter den Namen Grams kennengelernt hatte, schlenderte mit einen Buch bewaffnet in Richtung Latrine. Ich sah ihn gelangweilt hinterher. Nahm ein Buch mit. Komischer Vogel … Apropos komisch: Irgendwas stimmte mit dieser Latrine nicht. Zuerst kam ich nicht drauf, aber dann erkannte ich es: Der gesamte Hof sah aus, als sei die Zeit hier nicht nur einmal, sondern unzählige Male drüber weggegangen. Aber die Latrine – die war nagelneu! Da stimmte etwas nicht.

„Hö, Grams“, rief ich, aber es war schon zu spät. Die Tür schloß sich knarrend hinter den Schweinsbarbaren und nur Sekunden später erschollen seine ersten, seltsam spitzen Schreie.

Langsam entwickele sich diese Klassenfahrt zu einem echten Albtraum! Was war denn jetzt schon wieder? Behutsam sah ich mich um. Scheinbar war ich bis jetzt der einzige, der die im übrigem jetzt verstummten Schreie gehört hatte. Gut, gut, gut … Ich bellte den Fahrer zu, er möge gefälligst ein Auge auf die Kinder halten und schlenderte betont lässig zur Latrine hinüber. Übrigens: Wenn ich hier von einer Latrine spreche, dann meine ich natürlich keinen Balken über einen Loche im Erdboden wie im klassischen Sinn, sondern ein Plumpsklo. Aber mit diesen Begrifflichkeiten muß man ja nicht allzu genau sein, oder? Wir wissen ja wohl alle, was ich meine …

Ich näherte mich also der Latrine.

„Grams?“ rief ich. Keine Antwort.

„Graaaaammmms?“ rief ich gedehnt. Nichts!

„Graaaaaaaaaaammmmmmmmssssssss?“ überdehnte ich meine Stimme. Weniger als nichts!

Ich klopfte an die Tür. Zu meinen Erstaunen und nicht geringen Schrecken schwang das Ding auf. Da bereits ein flüchtiger Blick und eine kurze Prise genügt hatten, um zu erkennen, daß das Klo leer war, sah ich genauer hin. Drei Dinge fielen mir auf:

Erstens: Das Ding war nagelneu. Auf dieser Schüssel, da hatte noch kein Blutschink oder Schweinsbarbar jemals geschissen.

Zweitens: Es gab hier – wie es vernünftigerweise auch zu erwarten war – keine Fenster oder Hintertür.

Drittens: Grams war reingegangen, aber nicht mehr da. Nur sein mitgebrachter Almanach lag noch da.

Ich hob das Buch und blätterte es versonnen durch. Sehr weiches Papier … Einige Seiten fehlten bereits … Aber wirklich sehr, sehr, weiches Papier. Versonnen steckte ich das Buch ein. Einen guten Almanach konnte man immer gebrauchen.

Ein Rülpsen durchlief die den engen Raum. Tief, grollend und irgendwie satt. Ein Rülpsen? Aber wer … Hatte sich die Schüssel gerade leicht bewegt? Ich widerstand den Drang, sie mir näher anzusehen und ging stattdessen langsam, vorsichtig hinaus. Erinnerungsfetzen zogen in mir vorbei: Abgelegene Gegend … nagelneue Toilette … verschwundene Besucher derselben … Das konnte nur … Der Schweinsbarbar war ziemlich rund gewesen, daß sollte uns genügend Zeit … aber besser nicht zu lange zögern …

„Alle zurück in den Bus!“ rief ich, dabei immer einen Blick auf die Latrine haltend. Ja, kein Zweifel, jetzt sah man genau, wie sie langsam und träge verdauend, hin und her schwankte.

Während die Schüler lachend und kichernd in den Bus einstiegen und ihre Plätze einnahmen, fasste mich der Fahrer an die Schultern und flüsterte:

„Der Schweinsbarbar?“

„Latrinia insularis!“ gab ich ebenso kurz zurück.

Der Yeti nickte. Da waren keine weiteren Worte nötig. Wir verließen den doch nicht so verlassenen Hof und am nächsten Tag erreichten wir schon die Blutschinken-Berge.

Quer durch die Blutschinken-Berge führt der Blutschinken-Pass. Sind schon ein originelles Völkchen, die Blutschinken. Blutschinken hier, Blutschinken da. Man hätte den Pass ja genauso gut Rue de Schink de Sanguin oder Blood Ham Street nennen können. Das hätte ein wenig internationales Flair in diese gottverlassene Gegend gebracht. Die Fahrt selbst verlief recht ereignislos, auch wenn einige der Schüler in den engen Kurven und den stellenweise doch recht steilen Abfahrten eifrigen Gebrauch von ihren Tüten machten. Während wir durch die Berge zuckelten, versuchte ich den verzogenen Bälgern die Schönheit der Berge näherzubringen. Das ist übrigens mal ein gutes Stichwort … Berge. Schon mal überlegt, wie viele Gebirge es hier auf Zamonien gibt? Was hat sich der Schöpfer denn nur dabei gedacht? Finsterberge, Riesenberge, Hutzenberge, Kalte und Heiße Wand. Man könnte fast meinen, Zamonien bestehe nur aus Bergen! Aber Lebensqualität steht hier eh nicht ganz oben, was? Eine riesige Wüste in der Mitte, überall die bereits erwähnten Berge und zwischendurch noch ein bisschen denkender Treibsand. Sehr durchdacht das Ganze, wirklich.

Na, zurück zum Thema. Die Schönheit der hiesigen Berge. Ich erklärte den Kindern gerade, daß auf den höchsten Gipfeln der Blutschinken-Berge noch heute wilde Angehörige dieses Volkes lebten, die in ihren ganzen Leben noch nie ein Buch gelesen oder eine Hausaufgabe gemacht hätten – an dieser Stelle scholl der Ruf: „Heißen die Klogatte?“ durch den Bus, auf dem allgemeines Gelächter und wütendes Geschimpf folgte – als der Bus um eine besonders enge Kurve fuhr und wir vor einer Zollschranke standen. Was bei Hel dachte ich noch, da löste sich bereits der feiste Schatten eines Blutschinken aus den Schatten des Häuschens neben der Schranke.

Er war angetan mit einer Uniform, die direkt aus einer dieser verrückten Opern stammen mochte, die zur Zeit in Atlantis so beliebt waren. Aus trüben Augen starrte er erst den Bus, dann den Himmel und dann wieder den Bus an. Nun lehnte er sich aufreizend langsam gegen die Schranke und riß den Mund zu einem ungeheuren Gähnen auf.

Ich verstand nur noch Postkutschenhaltestelle. Seit wann gab es hier eine Zollstation? Seit wann gab es überhaupt Zollstationen in Zamonien? Ich sah den Fahrer an, aber der zuckte nur mit den Achseln. Also lag es mal wieder an mir. Ich stieg aus und näherte mich den Blutschinken.

„Schöner Tag heute, was?“ begann ich vorsichtig.

„Hm.“

„So einen schönen Tag, den hat man selten um diese Jahreszeit, was?“

„Hm.“

„Ein idealer Tag für eine Klassenfahrt, finden Sie nicht?“

„Hm.“

„Wie es der Zufall will, sind wir gerade auf einer solchen. Auf einer Klassenfahrt, meine ich. Aber irgendwie … Also, da ist diese Schranke und da sind Sie und ich frage mich … Also, wir würden ja ganz gerne weiterfahren und wenn Sie …“

„Zehn Pyras pro Nase, zwanzig für den Bus!“ knurrte der Blutschink.

Ich mußte mich verhört haben. Das war ja nackter Straßenraub. Das sagte ich ihm auch ins feiste Gesicht, aber er zuckte nur mit den Achseln.

„Selber Schuld, wenn sie anhalten. Hat noch nie einer. Habe mich vor einem Jahr hier hingestellt und bis jetzt hat noch nie einer angehalten. Sind alle durch die Schranke gefahren. Oder über mich drüber gelaufen.“

Er kratzte sich am Ohr.

„Sind wirklich der Erste, der hier anhält. Wollte ja schon aufgeben und mein Glück in der süßen Wüste versuchen. Was ist jetzt mit meinen Pyras?“

„Zehn Pyras pro Nase, zwanzig für den Bus? Richtig?“

„Richtig, Meister.“

„Na, ich bin ja keine Un-Daseinsform, was? Ich werde das Geld eben holen und dann machen wir die Sache klar, was?“

„Hm.“

Ich ging ihn immer freundlich zulächelnd zurück zum Bus, stieg lächelnd ein und – die Mundwinkel noch immer nach oben verzogen – flüsterte ich den Fahrer zu:

„Wenn dir diese verlauste Brut dahinten im Bus nicht ein paar Hundert Pyras wert ist, dann gibst du jetzt Gas und fährst diesen verlausten Typen und seine morsche Schranke über den Haufen, verstanden?“

„Ein paar Hundert … Alle Mann festhalten!“

Drei Stunden später kamen wir endlich in Vielwasser an.

Ahhh – Vielwasser. Endlich einmal keine Berge oder Wälder. Keine Barbaren oder Monster. Nur schimmernde Seen, soweit das Auge reicht. Große und kleine, tiefe und flache, salzige und süße. Eine in ihrer friedlichen Ausstrahlung fast schon unzamonische Landschaft …

Das Reisebüro Hin und nicht mehr zurück! hatte für diesen Tag etwas ganz besonderes vorbereitet: Überall an den Seen lagen kleine Boote, Kanus, Kähne, Schaluppen und so weiter. Die Kinder, die mit leuchtenden Augen ausgestiegen waren, erkannten sofort, was sie heute erwartete und ich hatte daher einige Mühe, daß aufgeregte Stimmengewirr zu übertönen.

„Zugehört!“ rief ich. „Wir haben jetzt hier in Vielwasser vier Stunden Aufenthalt. In diesen vier Stunden könnt ihr nach Herzenslust auf den Wasser rumschippern. Passt aber auf: Wer ins Wasser fällt, der muß selber schauen, wie er wieder rauskommt! Und jetzt ab mit euch!“

Vier Stunden ohne die Brut – wunderbar. Und wer weiß: Wenn man die ein paar Stunden unbeaufsichtigt auf den Seen rumfahren ließ, dann waren am Schluß vielleicht ein paar Plätze mehr frei. Ich verweilte einen Moment bei diesen verlockenden Gedanken. Nicht gut. Zu große Verluste in der Biomasse würden den Professor gar nicht gefallen.

Ich pfiff also ein paar Rettungssaurier zurück und beauftragte sie damit, ein Auge auf die wilde Horde zu haben. Gefiel diesen Gesindel natürlich überhaupt nicht, aber eines muß man ihnen lassen: Befehlen kamen sie nach.

Und so kreisten also die geflügelten Aufpasser über die Boote und der Yeti und ich genossen vier herrlich stille Stunden. Auch wenn es tatsächlich nur drei waren. Denn nach dieser viel zu kurzen Zeitspanne kam einer der besonders aufdringlichen Saurier auf uns zu und plapperte aufgeregt:

„Sollten die Kinder aus dem Wasser holen. Gewitter zieht auf. Könnte gefährlich werden.“

„Ist gut, Appeli, ist gut“, sagte ich. Das dich der Blitz getroffen … dachte ich. Ein Blick zum Himmel zeigte mir aber, daß Appeli recht hatte und sich wirklich dunkle Wolken gesammelt hatten. Vor allem über einen der kleineren Seen hingen sie schon sehr tief und dicht und ich meinte auch, ein leises Wetterleuchten in ihnen wahrzunehmen. Ich hielt meine Hände trichterförmig vor den Mund und …

Ein Blitz zuckte aus dem Wolkenball über besagten kleinen See und fuhr mit traumwandlerischer Sicherheit in das kleine Boot, daß in seiner Mitte schwamm. Sofort brannte das Holz und die Insassin lichterloh.

Panik breitete sich auf den Seen aus und ich konnte mir das Rufen schenken. Aber trotzdem konnte ich ja nicht so tun, als sei ich nicht betroffen.

Ich wandte mich an die neben mir stehende Appeli und fragte:

„Öh, war das eines unserer Boote?“

„Das war Darthula!“ kam es mit schwerer Stimme zurück.

„Oh! Darthula!“ Sagte mir überhaupt nichts. „Klingt Groß-Trollisch. Die mögen doch solche Feuerbestattungen auf See, die Groß-Troller. Na, das paßt doch, oder?“

Und mit diesen – vielleicht ein wenig herzlosen Worten – lief ich zum Bus, um mich als Erster in Sicherheit zu bringen. Als ich hineinsprang, warf ich noch einen letzten Blick auf das brennende Boot auf den See. Wirklich – ein toller Anblick!

Diese Vielwasser-Gewitter mögen ja nicht so imposant oder bekannt wie die Finsterberg-Gewitter sein, aber ein Anblick sind sie trotzdem. Und wenn dann noch eine brennende Jolle unter zuckenden Blitzen über den See treibt und der Regen schwer auf das Blech des schützenden Daches prasselt – dann genießt man es doppelt. Das galt natürlich in erster Linie für mich und den Fahrer des Busses, den die meisten Schüler hasteten noch immer in heller Aufregung auf das schützende Gefährt zu.

„Was meinst du?“ fragte ich den Yeti. „Wieviele?“

Er überlegte kurz und meinte dann:

„Vier!“

„Denke ich auch. Pass auf, als Erstes erwischt es diese Eisenmade da hinten!“

Und so kam es auch. Natürlich ist man als Eisenmade während eines Gewitters schon extrem benachteiligt und wenn man noch mit einem Fuß im Wasser steht… tja. Als sich der Rauch verzogen hatte und von der Eisenmade nur noch ein Klumpen rauchenden Metalls übrig geblieben war, hakte ich nachdenklich einen weiteren Namen auf der Liste ab. Verluste, nichts als Verluste. Jetzt also auch Samus. Auf dem hatte ich große Stücke gesetzt. Zähe Burschen, diese Eisenmaden. Na, ein paar waren ja mit am Bord.

Das galt zum Glück auch für Berghutzen, denn eine von diesen haarigen Kreaturen erwischte es als nächste. Aber mal ehrlich: Es ist schon erheiternd, was statische Elektrizität mit so vielen Jahren anstellen konnte. Gut, für Kulla war es bestimmt nicht besonders lustig und ich dachte wehmütig an die Zeit zurück, als sie uns über die Bärenbucht getragen hatte. Aber die Wege eines Kugelblitzes sind unergründlich, wie ich immer sage. Schlußendlich blieben von der guten Kulla nur ein paar Haarspitzen, die in der Luft hängend die Form einer Hutze bildeten. Mögen sie niemals zu Boden fallen.

Es schien nun aber doch, das der Yeti und ich mit unserer Prognose zu hoch gegriffen hatten, denn außer diesen beiden tragischen Verlusten – tragisch vor allem für unseren Geldbeutel! – kamen alle Schüler wohlbehalten im Bus an. Natürlich gab es Tränen und Klagen über die Verluste, aber irgendwann trocknen alle Tränen.

„So, jetzt setzen sich alle mal schön hin und sind still“, bat ich. „So eine Klassenfahrt durch Zamonien ist eben ein Ausflug nach Fhernhachingen, ja? Da kann schon mal was passieren, gell.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Aber euch geht es gut und …“ Ein besonders tückischer Blitz schlug nahe der Tür ein. „… und wir sollten jetzt langsam sehen, daß wir hier wegkommen. An der Grenze zu den Riesenbergen steht eine ganz entzückende Taverne, in der wie die Nacht verbringen und uns etwas von den Strapazen der letzten Tage … ja, Bärnum?“

„Ich kann Didel nirgends entdecken, Chef“.

„Und wer ist dieser Didel?“ fragte ich mit aller Freundlichkeit, der ich fähig war.

„Das Horchlöffelchen, das eben noch bei mir und Amanda im Boot saß“, druckste der Fhernhache. „Amanda und ich sind so schnell gelaufen und dann kam die Sache mit Kulla und wir waren ganz durcheinander und dann …“

„Dann haben wir Didel aus den Augen verloren“, mischte sich eine Hutze ein. Wahrscheinlich besagte Amanda. Ich besah Sie mir genauer. Trug sie Rasta-Locken? Eine Hutze mit Rasta-Locken? Himmel, was es nicht alles gab!

Ich sah fragend zum Fahrer, aber der brummte nur, er habe von einem verdammten Horchlöffelchen nichts gesehen und sei auch nicht besonders traurig darüber. Und aussteigen und suchen würde er bei diesen Gewitter bestimmt nicht.

Ich seufzte schwer. Immer blieb alles an mir hängen. Na gut, wenn es unbedingt sein mußte. „Fahren wir los“, befahl ich. Dieser Didel wird schon wieder einfinden.“

Wir fuhren an und der Bus machte einen ganz leichten Satz, so als seien wir über einen Stein gefahren. Nur das es in Vielwasser keine Steine gab. Der Yeti und ich sahen uns an. Dann flüsterte er:

„Ich glaube, wir haben diesen Didel gefunden! Hat wahrscheinlich unterm Vorderrad Schutz gesucht, weil die Türen zu waren.“

„Na, ich hab es ja gesagt. Der wird schon wieder zu uns stoßen.“

Kennen Sie die gefährlichste Daseinsform Zamoniens? Falls Sie jetzt an Haifischmaden oder Laubwölfe denken, dann liegen Sie natürlich nicht vollkommen verkehrt, aber doch leicht daneben. Nein, die gefährlichste Daseinsform von allen – das sind Wolpertinger. Nicht wegen ihrer angeblichen Kampfkünste oder ihres ganz passablen Schachspiels, oh nein! Sondern wegen ihren verfluchten, großen Augen. Wenn diese verlausten Töllen einen mit ihren Glotzern anstarren und dabei noch die Mundwinkel hängen lassen … da wird sogar ein leidenschaftlicher Sammler von Wolpertingerfell-Handschuhen wie ich weich. Und so kam es, daß, als wir gerade Kurs auf die Riesenberge nahmen, diese Sora auf mich zugezuckelt kam, mich mit ihren schon erwähnten Augen ansah und in jammervollen Ton ausstieß:

„Ach, bitte, Herr Reiseleiter, können wir nicht noch ein paar Stunden hier bleiben? Wissen Sie, ich komm doch aus Vielwasser und wann komme ich denn mal nach Hause!“

Meine erste Reaktion war natürlich, ihr zu sagen, sie solle sich gefälligst auf ihren Platz verziehen und was sie eigentlich glaubte? Das ein ausgeklügelter Fahrplan nur wegen ihres Heimwehs über den Haufen geschmissen werde? Das wir nur ihr zuliebe während eines Gewitters durch Vielwasser fuhren? Aber dann dachte ich mir: Warum nicht das unerwartete tun? Warum nicht einmal den Wunsch eines Schülers nachkommen? Ich wies den Fahrer also an, eine Runde durch Vielwasser zu drehen, während ich auf die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten dieses Landstriches hinweisen würde. Das würde nicht viel Arbeit machen, wie ich ja wußte.

„Aber höchstens vier Stunden“, entschied ich. „Wir müssen heute noch die Taverne in den Riesenbergen erreichen und morgen geht es ab in die Süße Wüste. Da bleibt uns nicht viel Spielraum, klar!“

Sora tollte durch den Bus wie eine … eine … wie eine junge Wolpertingerin halt tollt und wir traten unsere Rundreise an.

Es war sterbenslangweilig! Todlangweilig! Ich-muß-gestorben-und-in-Hel-aufgewacht-sein-Langweilig. See neben See, Tümpel an Weiher, Wasser und nochmals Wasser.

„Hier sehen wir – was für eine Überraschung! – noch einen See, etwas größer als der vor zwei Minuten. Sehr schön! Ich glaube, da vorne kommt gleich – nein, was für eine Überraschung! – ein anderer See. Der scheint aber etwas kleiner als dieser zu sein.“

Das ging mir ja schon nach einer Viertelstunde auf die Nerven. Und das sollte ich noch fast vier Stunden länger mitmachen? Keine Chance! Aber anderseits hatte ich mein Wort gegeben und wollte es nicht gerne brechen. Immerhin hatte man ja eine Vorbildfunktion für die Kinder im Bus und überhaupt …

Der Yeti auf den Fahrersitz knurrte halblaut:

„Wenn ich noch einen verdammten See umkurven muß, dann stirbt hier drin jemand!“

Oha. Gefahr im Verzug! Das hieß handeln. Und zwar unverzüglich! Ich sah mir unauffällig die Schüler, dann unsere Sora an. Die Schüler waren durchweg gelangweilt, die meisten schliefen oder spielten Karten. Dieser Grams las in einer dicken Schwarte etwas über 1.000.000 Giraffen und ich beschloß, diesen Knaben genau im Auge zu behalten. Der war ja eine tickende Zeitbombe! Aber davon ab, herrschte im Bus ein Zustand allgemeiner Unaufmerksamkeit. Sehr schön. Ich langte in die Werkzeugkiste unseres Fahrers, zog das schwere Radkreuz raus und knotete es an ein Abschleppseil. Dann ging ich zum Seitenfenster hinüber, öffnete es und rief erstaunt aus:

„Donnerwetter! Das habe ich ja noch nie … Das es so was gibt … Sora, das mußt du dir …“

Natürlich kam sie sofort angesprungen, steckte ihre feuchte Nase zum Fenster raus und fing an zu bellen:

„Was? Was?“

„Das! Das!“ gab ich zur Antwort, schlang blitzschnell das Ende des Seils um ihr Flohhalsband und warf sie zum Fenster hinaus in einen der Seen. Ein kurzes Aufplatschen, ein letztes Aufheulen und es gab einen Wolpertinger weniger auf diesen Kontinent.

Natürlich rang ich schwer mit meinen Gewissen. Die Tat war mir nicht leichtgefallen. Aber anderseits hatte sie so starkes Heimweh gehabt und jetzt war sie ja für immer zu Hause. Hatte ich am Ende nicht sogar eine gute Tat verbracht? Als wir am Abend in der Taverne ankamen, war ich fast so weit, das selber zu glauben. Und das mußte reichen.

Die Taverne Anus mundi war um diese Zeit des Jahres immer gut besucht und der Spelunkenwirt war nicht besonders unglücklich über die Tatsache, daß wir ein paar Betten weniger brauchten als gebucht. Eine Gruppe von Gimpeln zog gerade über den naheliegenden Pass in die Süße Wüste und der Wirt hatte sie in seiner Platznot schon in den Stall zu den Yetis und Stollentrollen gesperrt.

Als alle versorgt waren, zog ich mich laut gähnend zurück auf mein Zimmer und ließ die Schüler schnatternd und plappernd im großen, vom Schatten und flackernden Kaminfeuer erfüllten Saal, zurück. Natürlich war ich nicht im geringsten müde, aber mich drängte, zu erfahren, wie die elende Brut so über die Klassenfahrt dachte und mit welch lobenden Worten sie mich bedachten, wenn ich es nicht hörte. Ich verschwand also unter lauten Getöse und kam leise wie eine rollschuhfahrende Haifischmade wieder zurück. Zuerst hörte ich gar nichts. Das hieß natürlich, ich hörte schon was, aber es war nichts Interessantes. Nur Geschwätz und Gewäsch über Hausaufgaben, die nicht mehr korrigiert würden und irgendwelche Mega-Ereignisse, die sie nur kryptisch als „LD“ umschrieben. Dann – irgendwann …

„Meint ihr, der Typ schläft?“ fragte ein Fhernhache. Ich glaube, es war dieser seltsame Vogel Bärnum. Eine Hutze – Amanda, wenn ich mich nicht zu sehr täuschte – verdrehte die Augen und stöhnte:

„Interessiert doch keinen Troll.“ Aha!

„Mich interessiert das schon“, widersprach Bärnum. „Wenn der schläft, dann kann der keine Mitschüler von uns umbringen! Das ist doch nicht mehr normal, was der Typ abzieht!“

Unwillkürlich krampften sich meine Finger um ein imaginäres Radkreuz zusammen und banden es mit einen unsichtbaren Seil zusammen. Frecher Fhernhache!

Eine andere Hutze mischte sich ein.

„Stell dich nicht so an, Bärnum. Unfälle passieren halt. Und wenn du mich fragst, dann waren das eher zu wenig als zu viele!“

„Klogatte!“ riefen Amanda und Bärnum unisono. Ach, Klogatte … seufzte ich unhörbar. Du Braver …

„Das mit Sora, das war aber kein Unfall“, mischte sich meckernd Appeli, das Grillrippchen … Verzeihung, der Rettungssaurier! ein. „Das habe ich ganz genau gesehen!“

„Und warum hast du dann nichts gemacht?“ fragte Klogatte lauernd. „Wäre doch deine Aufgabe gewesen, häh?“

Appeli murmelte etwas davon, daß sie gerade ein paar Photos gemacht habe und ihre Kamera nicht so schnell habe … Sie ließ den Satz auslaufen.

„Ja, das ist natürlich wichtiger“, ätzte Klogatte und brach in gemeines Lachen aus. Appeli wurde rot. Geschah ihr ganz recht. Die schlechte Idee Nano P. mischte sich jetzt ein.

„Wißt ihr, was mir ja viel mehr Sorgen macht?“

Kopfschütteln, was-weiß-ich-denn? und Skelch?-Rufe.

„Nö! Ja. Aber vor allem: Ich glaube, es spukt im Bus. Heute habe ich doch tatsächlich Grams gesehen, wie er neben mir in einen Buch über Giraffen las! Richtig blaß war er und sah aus, als hätte man ihm die Toilette runtergespült.“

Oh, oh …

Die anderen brachen in Gelächter aus.

„Nano, du spinnst! Grams ist doch die ganze Zeit … Giraffen? Was soll Grams denn mit Giraffen? Wenn ich so darüber nachdenke, dann … Das Lachen flaute ab. Bärnum stellte nachdenklich fest:

„Wenn ich so darüber nachdenke … wann haben wir Grams eigentlich das letzte Mal gesehen? War das nicht auf diesen komischen Bauernhof?“

Die anderen nickten beklommen.

Klogatte fragte vorsichtig: „Geister?“

Ich konnte einfach nicht länger widerstehen und ließ ein hohles Stöhnen hören. Der Erfolg war durchschlagend! Wie aufgeschreckte Horchlöffelchen sprangen sie auf, rannten durcheinander und schrien dabei:

„Ahhh, der Geist von Grams!“ „Er kommt zurück um uns zu holen!“ „Ihh, ich kann schon seine kalte Hand … Klogatte!“ „Was sollen wir nur tun? Was sollen wir nur tun?“ „Javanam, Geist von Grams!“

Lachend ging ich zu Bett. Schüler! So leicht ins Bockshorn zu jagen. Obwohl ... diese Sache mit Grams ... Ich hätte ja schwören, diesen Kerl gestern selber ... Ach Blödsinn. Morgen ginge es in die Süße Wüste und da mußte man bei klarem Verstand sein.

12 Stunden später …

Hatte sich was mit klarem Kopf … Ist natürlich verdammt schwer, ohne ausreichendes Wasser in der Wüste einen klaren Kopf zu bewahren … alles die Schuld dieses närrischen Nattiffoffen Zettasilie… Nattiffoffen… überflüssig wie ein Kropf … Aber der Reihe nach:

Natürlich waren wir nicht ohne ausreichende Wasservorräte in die Süße Wüste aufgebrochen. Man war ja schließlich ein verantwortungsvoller Reiseleiter und so. Zwei große Tanks hatten wir auf dem Dach, voll mit dem klarsten Wasser, daß man sich nur vorstellen konnte. Aber Zetta… oh, mir sträubt sich die Feder …

Wir kamen also in der Süßen Wüste an und begannen sie auf Höhe der festgeklebten Stadt Ataf Anagrom zu durchqueren. Mein Plan war, diese Stadt zu besuchen, dort ein paar Stunden Aufenthalt zu nehmen und dann Richtung Süden weiterzufahren, bis wir nach Midgard kämen. So weit die Theorie.

Wir waren also mitten in der wüstesten Wüste, als die ersten Schüler über Durst klagten. Ich schickte einen von Ihnen – einen entbehrlichen Stollentroll – auf das Dach des Busses, um ein paar Eimer Wasser herunterzuschaffen. Nach fünf Minuten kam der Kerl wieder – mit leeren Eimern! Ich fragte streng:

„Nun? Ich sehe die Eimer, aber ich sehe kein Wasser!“

„Da ist kein Wasser, Boss“, winselte die Kreatur.

„Kein Wasser?“ donnerte ich. „Du elender Lügner, ich werde dich …

In diesen Moment stand der Nattiffoffe auf und begann zu beichten. Man habe doch gestern so Angst vor dem Geist vom Grams gehabt und da habe man sich schließlich nicht mehr zu helfen gewußt und es sei ja allgemein bekannt, daß Geister im allgemeinen und Grams im Besonderen das Weihwasser scheuten wie … wie … nun, wie ein Geist das Weihwasser eben! Und da alle Nattiffoffen gleichzeitig geweihte Priester seien … Und man hatte halt auf Nummer sicher gehen wollen … und ein paar Hundert Liter Weihwasser müßten es bei Grams aber schon sein …

Ich mußte mich setzten. Ich war fertig! Erledigt! Fix und alle!

„Du hast vierhundert Liter Wasser in der Taverne versprüht?“ brachte ich schließlich hervor. Zetta nickte munter.

„Aber wieso … wieso habe ich heute Morgen davon nichts … es hätte doch alles schwimmen …

„Hab aufgewischt.“

„Aufgewischt?“

„Aufgewischt!“

„400 Liter? Aufgewischt!“

„Jau.“

Ich konnte mich nicht länger zurückhalten. Ich packte Zetta am Hals und den Beinen und zeigte dieser Daseinsform einmal, wie ich einen Boden aufwischte. Nach zehn Minuten hörte ich auf und sah in die entsetzten Gesichter der anderen Schüler.

„Was denn?“ blaffte ich. „Verklagt mich doch! Da wir eh hier verdursten werden, ist das wohl kaum besonders geistreich, was?“

„Bärnum kann ja einen See machen“, rief jemand.

„Wirklich? Der sowas? Mit neu gewonnen Interesse besah ich mir den Fhernhachen. „Wie macht der das … oh, ich verstehe! Wirklich, sehr komisch.“

Es war dann letztlich der Yeti, der die Situation rettete, bevor sie eskalieren konnte. Er rief, daß er da weiter vorne eine Oase sehe, die wir wahrscheinlich – da die Sicht in der Wüste oft trüge – in wahrscheinlich einer oder zwei Stunden erreichen würden.

Eine Oase! Wasser. Zwei Stunden. Das würde hart werden. Immer mehr Nachtschüler klagten über Durst. Ich funkelte Zetta an.

„Sei bloß froh, daß ich kein Vampir bin, sonst wüßte ich, wie ich meinen Durst … aber was nicht ist, kann ja noch …

Letztlich stellte sich dann heraus, daß die Oase Wasser führte. Und – sie barg eine ganz besondere Überraschung für uns.

Zwei Tratschwellen mußten dran glauben, bis wir dann endlich bei der Oase ankamen. Durst kennt kein Gebot, wie man so schön sagt. Dann aber hatten wir die Durststrecke – man verzeihe mir das Wortspiel – überwunden, die Türen öffneten sich und wie verdurstende Nachtschüler liefen, hüpften, flogen und humpelten meine Schutzbefohlenen zum Wasser. Zwei Fhernhachen kamen unter die Hufe des wie immer Fritten – woher bekommt der Kerl nur immer die frischen Fritten? – mampfenden Rumpels und erhöhten somit unfreiwillig die Wasserration für die anderen. Ja, keine gute Tat bleibt ohne ihren Lohn, dachte ich mir. In kürzester Zeit war das schmale Ufer dicht gedrängt voll mit schlürfenden Leibern und der eine oder andere riß sich die Klamotten vom Leib und sprang in das kühle Nass. Ich – zurückhaltend wie immer! – packte einen Gimpel, besah mir kurz ihr grünes Käpchen und rümpfte die Nase, dann warf ich das Wesen ins Wasser und kniete mich am Ufer nieder. Gierig trank ich das Wasser und dachte mir so, daß es auf dieser Erde noch nichts schöneres gäbe als einfaches Wasser, als …

„Na, Chef, schmeckt´s?“

„Frag doch nicht so dunm, aba. Siehste doch, daß es ihm schmeckt.

„Hat ja ganz schönen Durst, die Bande, was, Schwapp? Nicht einer, der uns zwei Gesangsschwestern begrüßt!“

„Undankbare Saubande, das!“

Verdutzt blickte ich auf. Schwammen da wirklich zwei Tratschwellen vor mir herum? Das gab es doch gar nicht … das waren ja …

„Aba! Schwapp!“ hallte es auf einmal von überall her. Die beiden Wellen kicherten und verbeugten sich in alle Richtungen.

Ich konnte mich der allgemeinen Freude nicht so recht anschließen. Zu verwirrend war das Ganze. Wie hatten die beiden Nervensägen es geschafft, von der Bärenbucht bis in die Süße Wüste zu kommen? Das ging doch nicht mit rechten …

„Sieh dir mal den Chef an, aba. Der überlegt bestimmt, wie wir beiden Hübschen hier hergekommen sind, was?“

„Können es ihm ja erzählen, hä? Na, Chef, sollen wir?“

Natürlich sollten sie. Und das war ihre Geschichte.

Nachdem man sie in der Bärenbucht erst vergessen und dann plattgetreten hatte – eine vollkommene Übertreibung, wie ich hier mal klarstellen will! – hatten sie sich dem süßen Nichtstun hingegeben und einen Cocktail nach den anderen geschlürft. Keine Ahnung, wo die die auf der hohen See herbekommen hatten, aber Schwapp zeigte mir einen Eimer voller bunter Schirmchen als Beweis. Jedenfalls – irgendwann waren die beiden Wellen heillos betrunken gewesen. Und wie jeder weiß, neigen betrunkene Tratschwellen dazu, die dümmsten Sachen anzustellen. Diese beiden hier bildeten da keine Ausnahme und als sich eine der in der Bärenbucht so häufig vorkommenden Wasserhosen bildete, steuerten sie – schmutzige Shantys singend – mitten hinein. Die Wasserhose riß sie – so erzählten sie es ihren atemlos lauschendem Publikum und mir – in die Höhe. Lachend und immer noch schmutzige Lieder singend stiegen sie gen Himmel und dann trieb die Wasserhose langsam ab. Über Vielwasser verlor sie während eines Gewitters einiges an Wasser und so – leichter geworden – überquerte sie die Riesenberge, um schließlich in der Süßen Wüste langsam zu verdampfen. Und so – Wunder aller Wunder – waren sie hier in der Oase gelandet.

„Übrigens, Chef“, schloß Schwapp die hanebüchene Geschichte mit breitem Grinsen, „wir haben noch jemanden mitgebracht. Direkt aus Vielwasser. Hat ein paar üble Brandwunden davongetragen und ob die Haare jemals nachwachsen…

„Muß irgendwie in eine Art Aufwind geraten sein, die gute Darth“, überlegte aba. „Wiegen ja nichts, diese Fhernhachen."

Darth lebte? Ja, wo war sie denn? Und überhaupt: Wasserhose? Das glaubte ich ja keine Sekunde. Wahrscheinlich hatte ein fahrender Kuriositätenhändler auf „Flasche gezogen“ und sie dann hier ausgesetzt. Ihre Mitschüler waren natürlich entzückt über die Geschichte und als sie das von Darth hörten…

Darth… Ich stemmte die Hände in die Hüften und trat vor:

„Die Hachin hat überlebt? Ist ja wunderbar! Manche Daseinsformen in Eisenstadt in Eisenstadt können gar nicht genug von Hachen…“ ich unterbrach mich. Nur nicht zuviel sagen. „Wo ist sie denn?“

„Hiiiieerrrrr!“ flötete es aus Richtung der Dattelpalme. Ich wirbelte herum. Sah mich um. Sah – nichts.

„Hiiiiieeer unten!“

Ich suchte den Boden ab. Nichts. Nur eine alte Kokosnuss, die auf Gott weiß was für Wegen hier hingelangt war. Dann fing die Kokosnuss an zu sprechen und ich erkannte – Darth. Auch ihre Mitschüler hatten sie jetzt erspäht und scharrten sich um sie. Die Hachin lächelte – leicht verstört, wie mir schien – über das ganze Gesicht. Dann begann sie zu erzählen:

Darths Geschichte:

„Das verdammte Boot brannte wie Zunder. Nun trage ich auf Reisen zwar immer Asbest-Unterwäsche – ein Mädchen muß sehen, wo es bleibt, wenn ihr versteht! – aber das half mir im ersten Moment nicht so viel. Ruckzuck lohten mein Mantel und meine Schuhe und meine Haare sowieso und ich dachte schon, der Käse wäre gegessen. Tat natürlich alles ziemlich weh und ich wohl ganz gut geschrien, was? Aber der Hammer kommt erst noch: Auf einmal spüre ich nämlich, wie mich was am Kragen packt und eins-zwei-drei in den Himmel reißt. Ging so schnell, daß habt ihr noch gar nicht gesehen. Und wo fand ich mich wieder? Na? Na? Richtig: bei den beiden Wellen hier. Aufwind und Thermik, haben die mir dann erklärt. Temperaturgefälle zwischen meiner Unterwäsche und den brennenden Schuhen. Alles sehr interessant.“

Sie gackerte und in mir flackerte der Verdacht auf, daß der Blitzeinschlag möglicherweise ihre interne Festplatte verschmort hatte.

„Sind dann hier gelandet und ich habe mich mal direkt unter dieser Palme hier eingegraben. Toller Platz zum Leben. Datteln fallen mir direkt auf den Kopf und wenn ich mich ein bisschen strecke, komme ich an das Wasser ran.“

Sie demonstrierte es uns. Ein trauriger, ein bedrückender Anblick.

„Aber warum hast du dich denn …“ begann die Schreckse Äh Püh – wollen ja immer alles wissen, diese Biester, aber in diesen Fall ging es mir auch nicht anderes!

„Sie meint, der Sand tut ihren Brandwunden gut“, flüsterte aba.

„Aber wir glauben, ihre Schüssel hat einen Riss bekommen“, ergänzte Schwapp.

„Es ist schön hier“, krähte Darth. „Datteln und Wasser, Wasser und Datteln.“

„Ich glaube, sie versteckt sich hier vor dem Gewitter.“ Wieder aba. „Scheinbar glaubt sie, der Blitz habe es noch immer auf sie abgesehen und da es in der Süßen Wüste nur selten Gewitter gibt…“

„Verkriecht sie sich in der Nähe eines Wasserloches unter einen hohen Baum in feuchten Sand“, beendete ich den Satz. „Ja, das klingt logisch.

„Schön hier! So schön!“

Ich beugte mich zu ihr herab.

„Hör mal, Darth, was hälst du davon, wenn wir dich jetzt ausbuddeln und du mit uns weiterfährst, hä? Aba und Schwapp wollen bestimmt auch mit und du willst hier doch nicht alleine bleiben, oder?

Sie überlegte kurz und ich bin noch immer davon überzeugt, daß sie mitgefahren wäre, wenn in diesen Moment nicht weit hinten am Horizont über den Riesenbergen ein Blitz den abendlichen Himmel zerrissen hätte.

„Er sucht mich! Ihr habt ihn zu mir geführt! Haut ab! Husch, husch!“ schrie die Hachin in höchster Panik und begann uns, mit Sand zu bespucken.

Da konnte man wohl nichts mehr machen. Schweren Herzen nahmen wir Abschied von Darth und noch lange hörten wir ihre Worte im Wind wehen:

„Schön hier! So schön hier! Oh, eine Dattel! So schön hier.“

Wir aber steuerten direkt in die nächste Katastrophe hinein …

Kennen Sie den ewigen Tornado? Natürlich kennen Sie den! Jeder kennt den! Überall warnen Schilder vor diesen Wirbelwind, stellenweise finden sich sogar Haltestellen. Jeder, der die Süße Wüste betritt, der weiß um die Gefahren des ewigen Tornados.

Und wenn Sie jetzt denken, wir wären in den ewigen Tornado gefahren, dann müssen Sie uns aber wirklich für selten verantwortungslos halten. Nein, tatsächlich haben wir den ewigen Tornado gar nicht gesehen. Wie auch? Wir gerieten nämlich in den temporären Treibsand. Apropos Treibsand: Jeder Zamonier kennt den denkenden Treibsand von Unbiskant, der sich für was weiß ich für eine große Nummer hält. Ha! Wenn der wüßte, daß es in der Süßen Wüste einen Treibsand gibt, der ihm locker in die Tasche stecken würde, dann … Aber genau da liegt das Problem: Kaum einer kennt den temporären Treibsand und niemand, absolut niemand, kennt seine genaue Position. Das Zeug taucht unvermittelt irgendwo in der Süßen Wüste auf, verschlingt alles, was sich eben noch auf festen Boden befand und verschwindet dann wieder. Manchmal für Tage, manchmal für Monate oder Jahre. Schön, nicht wahr? Der Albtraum eines jeden Kartographen.

Wir fuhren also durch die Wüste und näherten uns langsam aber sicher ihren letzten Ausläufern. Die ewig beschwippsten Tratschwellen Schwapp und aba kippten einen Cocktail um den anderen, Rumpel aß seine Fritten, Bärnum lauste Amanda, der Rest der Rasselbande band Klogatte bunte Schleifen ins Haar. Nur Äh Püh saß abseits und schreib an einer komischen Liste, an der er schon seit einigen Tagen saß. Bei Gelegenheit, beschloß ich für mich, würde ich mal einen Blick auf diese ominöse Liste werfen. Was da wohl drinstand? Eine Aufzählung meiner guten Eigenschaften? Ein Loblied auf meine Umsicht während dieser Klassenfahrt? Oder … Rummms. Der Bus hatte plötzlich und ohne Warnung eine Vollbremsung. Alles flog durcheinander, fiel und stürzte. Aba und Schwapp wurden aus ihren Blechwannen geschleudert, ihre bunten Schirmchen sausten durch die Luft. Dann – das Schicksal ist manchmal hart – flogen die beiden Wellen in einer wunderschönen Parabel durch das offenstehende Seitenfenster und klatschen auf den glühend heißen Wüstenboden auf. Entgeistert sahen sie sich um und noch ehe einer von uns reagieren konnte, begannen sie, zu versickern.

„Das ist aber gar nicht cool“, schimpfte Schwapp.

„Voll trocken hier“, ergänzte aba. „Schlecht für eine Oberflächenspannung und so.“

„Du, ich glaube, das war es dann.“

„Stimmt, hier kommen wir nicht mehr …“

Und fort waren sie. Und wir auch. Denn der Yeti hatte nicht einfach aus Willkür oder Vorsatz gebremst – nein, wir waren mitten in den temporären Treibsand gefahren, der uns jetzt mit Urgewalt festhielt. Und da der Bus mit den ganzen Heerscharren der Nachtschule ein beträchtliches Gewicht hatte, sanken wir schnell ein.

Meine Gedanken überschlugen sich. Rumpel aus dem Fenster zu werfen würde uns zehn Minuten schenken. Außerdem wäre ich dann diesen Frittengeruch los. Und überhaupt: alle Schweinsbarbaren und schweren Daseinsformen von Bord. Weg damit. Vielleicht verschwand der Treibsand ja wieder, wenn wir genug Zeit gewannen. In diesen für Rumpel und seine Artverwandten kritischen Moment trat das Grillrippchen aka Appeli auf mich zu.

„Zur Seite, Chef“, krächzte sie. „Das hier ist die Stunde der Rettungssaurier.“ Dann schwang sie sich und noch zehn weitere Echsen aus dem Bus, flogen zum Dach und verkrallten ihre Krallen im Blech.

„Auf drei!“ hörte ich Grillrippchen. „Eins – zwei – drei!“

So ein Rettungssaurier ist natürlich schon ein starkes Biest. Und sehnig. Und bänderig. Und überhaupt. Anderseits – der Bus – ohne Rumpel – wog so um die sieben Tonnen und elf Flugechsen waren eben nur 11 Flugechsen. Aber gut – erstens hatten wir keine Wahl, zweitens war es mir herzlich egal, ob sich die Rettis einen Bruch hoben und drittens – wenn man die Wahl hat, im temporären Treibsand zu versinken oder von einer total irrwitzigen Idee gerettet zu werden, dann fällt die Entscheidung leicht.

Ich bin – das gebe ich offen – immer schon ein Skeptiker gewesen und daher war ich mehr als überrascht, als der Bus sich wirklich bewegte. Nach oben bewegte. Was in unserer Situation ja wirklich nicht selbstverständlich war. Sollten das Grillrippchen und seine zehn Kumpane wirklich …

Knirschend erhoben wir uns in die Luft. Der Wahnsinn! Wir alle – ich schäme mich nicht, es zu gestehen – brachen in wilden Applaus aus. Wir erhoben uns hoch und höher in die Luft und mir kam eine geniale Idee: Wenn wir schon einmal flogen, warum sollten wir dann nicht ein paar Meter gutmachen? Ich beugte mich also aus dem Seitenfenster, das unseren geschätzten Tratschwellen zum Verderben geworden war und rief:

„Holla, Appeli, altes Grillrippchen! Wie weit können du und deine Kumpels uns denn tragen?“

„Keine Ahnung, Chef“, kam es krächzend zurück. „So gute zehn Minuten wird es wohl noch gehen, was?“

Die anderen Rettis gaben mehr oder weniger zustimmende Laute von sich. Wobei das weniger nach meiner bescheidenen Meinung überwog. Aber Reisende soll man nicht aufhalten und so …

Fünf Minuten später erreichten wir die Berge, die die Süße Wüste von Midgard trennten. Wenn wir da noch rüber kämen … das wär ein Schluck aus der Pulle.

„Wie sieht es aus da oben?“

„Geht … so … Chef …“ kam es pfeifend. „Können … wir … bald … runter?“

„Über die Berge noch, dann können wir landen. Das packt ihr!“ rief ich aufmunternd. Und tatsächlich – wir packten es. Wir landeten in Midgard, nahe der Quelle der vier Flüsse. Wunderbar! Jubelnd und lachend stiegen wir aus und sahen zu unseren Rettern hinauf – die auf dem Blechdach lagen und japsend ihren letzten Atemzug ausstießen. Die Rettis waren bis an ihre Grenze und darüber hinaus gegangen. Und dann … das Herz, die Lunge, die Nieren – wer mochte es wissen? Wer wollte es wissen? Sie hatten uns …

„Haben wir es geschafft, Chef?“ brachte Appeli mit letzter Kraft hervor.

Gerührt trat ich vor.

„Habt ihr, ihr Guten. Habt ihr.“ Mit diesen Worten strich ich ihr und den anderen über den Kopf. „Ihr habt großes verbracht. Und jetzt ruht euch aus und dann rettet ihr in den ewigen Jagdgründen.“

„Gerettet!“, stieß Appeli aus. Dann rutschten sie und ihre Mitrettis vom Schlitten. Wir aber, wir waren in Midgard angekommen und schon übermorgen würden wir in Eisenstadt ankommen.

Im Vergleich zu den letzten Tagen gestaltete sich die Fahrt durch Midgard als äußerst angenehm. Es gab viel zu sehen und durch die bedauerlichen Verluste an Biomasse konnten die restlichen Schüler immer öfter vorne beim Fahrer sitzen. Das war für diesen zwar eine Qual, aber wenn es den lieben Kleinen gefiel … Es würde ja nicht mehr lange etwas geben, das ihnen gefiel.

Die Landschaft in Midgard ist abwechslungsreich, die Flora und Fauna ist beeindruckend und wenn man sich nur ein bisschen mit Geographie auskannte, dann konnte man einen hübschen, mehrstündigen Vortrag halten, während draußen die Gegend vorbeisauste.

Irgendwann war mein Repertoire an Allgemeinplätzen aber erschöpft und bis Eisenstadt waren es noch immer gut fünf Stunden Fahrt. Die Schüler begannen unruhig auf ihren Sitzen hin-und herzurutschen. Ablenkung mußte her. Ich schnappte mir also meinen Stimmenverstärker und stellte mich in die Mitte des Busses.

„Hey-hey“ rief ich munter. „Ich schulde euch ja noch immer einen Ausflug nach Ataf Anagrom, was? Das ist ja irgendwie vollkommen untergegangen, hä? Aber was nicht ist kann ja noch werden, oder? Nächstes Jahr gibt es bestimmt wieder eine Klassenfahrt!“

Bei diesen Worten stieß der Yeti hinter mir ein gemeines Lachen aus.

„Na, nach Ataf Anagrom kommen wir nicht mehr, aber ich war vor ein paar Jahren mal da und habe dort eine lustige Geschichte erlebt. Geht um einen Blutschinken, eine Haifischmade, einen Rettungssaurier und einen Ersatzreifen. Was ist? Wollt ihr die Geschichte hören?“

Die Euphorie hätte ruhig etwas euphorischer sein dürfen, aber anderseits war es eh nur eine rhetorische Frage gewesen und daher …

Die Geschichte des Reiseleiters:

Ich war ja nicht immer ein verantwortungsvoller Reiseleiter, müßt ihr wissen. Früher, da war ich ein Malediktologe. Keiner konnte so schöne Beleidigungen wie ich zu Papier bringen. Die Kunden liefen mir die sprichwörtliche Türe ein und im Rathaus von Gralsund kann man noch heute eine Ausstellung … aber ich komme ins Plaudern.

Eines Tages nun saß ich in meinem Büro in Ataf Anagrom – war die Nachtschule der Malediktologen seinerzeit – und feilte an einer besonders salzigen Beleidigung, als die Tür aufflog und zwei meiner besten Kunden wütend hineinstürmten. Wie sich im folgenden herausstellte, hatte ich den beiden versehentlich die gleiche Beleidigung verkauft und als sie sich auf der Straße begegneten, schleuderten sie sich unisono ein herzliches „scherenspülendes Endergebnis einer besonders traurigen Liebesnacht zwischen einer kahlen Hutze und einen warzenlosen Stollentroll“ an den Kopf. Nicht gut. Gar nicht gut. Die beiden – ein Blutschink und eine Haifischmade – hatten sich jeweils für die exklusiven Besitzer dieser „Begrüßungs-Beleidigung“ gehalten und … Kurz, die Sache drohte, aus dem Ruder zu laufen. Gut, daß ich immer eine Rikscha mit laufenden Dämonen im Hof stehen hatte. Ich sprang also aus dem Fenster – das ich in dieser heißen Stadt natürlich immer offen stehen ließ – und rannte zu meinem Fahrzeug. Aber wenn einen das Pech einmal an den Pfoten klebt, dann klebt es: Einer der Rikscha-Räder war zerbrochen und nirgends ein Ersatzreifen. Der Dämon war verzweifelt. Und ich auch. Und meine wütenden Kunden kletterten jetzt durch das Fenster. Es sah schlecht aus! Aber wie immer – auf Rettungssaurier ist in der Not verlass. Eines von diesen ledrigen Biestern tauchte jetzt nämlich auf und besah sich den Schaden an meinen Rad. Ich verständigte mich stumm mit meinen Dämon, verwickelte die Echse dann in ein belangloses Gespräch über dies und das und … es klappte! Mein Rikscha-Dämon zog den Retti eines über den Schädel, verknotete dann blitzschnell seinen Schwanz mit seinen Schnabel und zog das ledrig-sehnige Rund auf die Achse. Keine Sekunde zu früh. Ich sprang in meinen Einachser und fort ging es …“

Die restlichen Rettungssaurier im Bus – viele waren es ja nicht mehr – verzogen unwillig die Münder und brummten etwas vor sich hin. Der Rest der Schüler dagegen war begeistert von meiner kleinen Geschichte. Dann rief einer von ihnen plötzlich, er könne da hinten am Horizont etwas glänzen sehen. Ob das wohl …

Ja, es war tatsächlich die stählerne Mauer Eisenstadts. Wir hatten es fast geschafft.

Eisenstadt – mächtige Metropole des Südens. Eisenstadt – Stätte stattlicher Stahlbarone und adlergleiche Aluminiumvögte. Eisenstadt – unersättlicher Moloch und Verschlinger ganzer Heerscharen an Arbeitskräften. Eisenstadt – gewaltig, metallen, kühl und niemals schlafend. Die mächtigen Tore aus Bronze standen weit offen, als unser Bus langsam in die Stadt hineinfuhr, eine kühn geschwungene Brücke aus Zinn überquerte, die einen schnell dahinschießenden Strom aus Quecksilber überspann. In ihren Schatten standen die Hütten der Thermometer-Macher, die das flüssige Metall mit bloßen Händen schöpften. Arme Kreaturen, in der Hierarchie Eisenstadts ganz unten angesiedelt.

Hinter der Brücke lag der Hochofen-Platz. Er war das zentrale Sammelbecken für alle Neuankömmlinge in Eisenstadt. Hier standen die besten Gasthäuser, hier ragte das Rathaus empor, hier residierte der amtierende Kupferkönig, das auf drei Jahre gewählte Stadtoberhaupt, hier fanden sich die Konsulate der wichtigsten Städte Zamoniens.

Wenn irgendwo in Eisenstadt das Leben wild und unbändig durch die Straßen pumpt – dann auf den Hochofen-Platz. Wir hielten vor dem Gasthaus Zur gelungenen Legierung und ich rief den Schülern zu, während ich die Tür des Busses öffnete:

„So, Kinder, ich bin dann eben schnell den Papierkram erledigen. Ihr wartet so lange hier im Bus, ja? Und benehmt euch! Ich werde … Rumpel mit der Aufsicht über euch betrauen. Solange ich weg bin, hört ihr auf alles, was er sagt, klar?“

Grinsend stieg ich aus. Nie würden die auch nur eine halbe Silbe von dieser frittenfressenden Frittenvernichtungsmaschine für wichtig nehmen. Aber ein bisschen Spaß mußte sein und nach der langen Fahrt im Bus tat den Kleinen ein bisschen Anarchie ganz gut. Die Götter wußten, daß sie es bald schwer genug haben würden.

Wo lag denn jetzt die Schmiede dieses Jös? Das letzte Mal hatte sich der Kerl gerade selbstständig gemacht und hatte … ah, hier. Ein Schild hing im Fenster. Es verkündete, daß Jös Schmiede wegen Trunksucht und schwerer Verfehlungen gegen die Moral amtlicherseits geschlossen worden war. Ich mußte grinsen. Guter, alter Jös. Der ändert sich nie. War schon immer eines meiner besten Pferde im Stall.

Es dauerte dann einige Zeit, bis ich den alten Haderlumpen gefunden hatte. Stapfte vollkommen besoffen durch die schon dunkel werdenden Gassen und erkannte mich zuerst gar nicht. War ganz schön runtergekommen, der Gute. Na, ich würde mir wohl bald einen neuen Agenten zulegen müssen. Aber für diesen einen Auftrag würde er noch gut sein. Wir gingen gemütlich zum Bus zurück, ich öffnete die Türen und erfreute mich für ein paar Sekunden an dem puren Chaos, das hier drin herrschte. Rumpel hing gefesselt unter der der Decke, schlechte Ideen stachen mit spitzten Fingern auf ihn ein und dieser so unscheinbare Fhernhache Bärnum hatte in meiner Abwesenheit die Macht ergriffen und sich – zusammen mit einen ganzen Harem vom weiblichen Hutzen, Stollentrollen und Schweinsbarbaren auf der Rückbank einen Thron errichtet. Dort richtete er gerade über zwei Tratschwellen, die sich um einen Becher Kaffee stritten. Der Fahrer saß von diesem ganzen Treiben unbeeindruckt hinter seinen Steuer und las in der aktuellen Ausgabe des Busfahrer-Bulletins

Natürlich brach die ganze Revolte sofort zusammen, als ich nur die linke Augenbraue hob. Autorität kann man nicht lernen. Autorität hat man! Ich scheuchte die Rasselbande ins Gasthaus, Jös und ich gingen hinterher und wir betraten das große Gästezimmer.

„Das wären sie dann, Jös!“

Dieser nickte.

„Wann holst du die Kundschaft?“

„Jetzt gleich!“

„Schön. Und - könntest du mir noch einen Gefallen tun? Ja? Wenn du rausgehst, binde doch diesen Schweinsbarbaren los und schick ihm hoch zu mir. Danke.“

Zwei Stunden später …

Es ist doch so, daß keiner großartig wissen möchte, wie die Dinge funktionieren, oder? Ich meine, jeder möchte in wohlgefüllten Läden einkaufen und beim Handwerker seines Vertrauens nicht vor leeren Regalen stehen. Aber wo die Sachen letztlich herkommen, das interessiert keinen! Aber die wenigsten Handelsgüter wachsen auf Bäumen und das gilt erst recht für die Metallwaren Eisenstadts. Unzählige Arbeiter und Hilfskräfte sind hier Tag und Nacht am Schuften, um den Rest Zamoniens mit Werkzeug, Schmuck, Waffen und was weiß ich was zu versorgen. Unzählige. Jeden Tag sterben Dutzende dieser armen Kreaturen wie die Fliegen und es wird immer schwerer, den unersättlichen Arbeitsmarkt Eisenstadts zu bedienen. Und genau in diese Lücke zielt das Reisebüro Hin und nicht mehr zurück! Es hat doch jeder einen Verwandten zuhause, dem man nicht mehr braucht, jeder hat einen lieben Mitmenschen, den er lieber heute als morgen los wäre. Aber wie? Wir bieten die Lösung: Buchen Sie eine Reise bei uns – unverfänglicher geht es nun wirklich nicht – wir fahren ein bisschen durch die Lande und trennen bei diversen Zwischenfällen die Spreu vom Weizen und verkaufen die Überlebenden dann auf den Lohnsklavenmarkt von Eisenstadt. Schnell – unkompliziert – für sie kostenlos! Das ist das Prinzip des Reisebüros Hin und nicht mehr zurück!

Daß natürlich irgendwann mal eine ganze Schulklasse angeboten wurde – damit hatte nun wirklich niemand gerechnet. Hartnäckig hielt sich in der Geschäftsführung die Meinung, daß hier ein Fehler vorliege, daß sich die Schulleitung nicht über unsere besonderes Geschäftsmodell im klaren gewesen sei und überhaupt … Aber letztlich überwog natürlich der Gedanke an den Profit! Eine ganze Schule. Junge, kräftige Daseinsformen – wie geschaffen für die Hochöfen und Schmelztiegel Eisenstadts.

Ein paar der Typen waren mir ja schon ans Herz gewachsen. Und ein bisschen nahm es mich schon mit, als ich hörte, daß die olle Fritte Rumpel an einen Thermometer-Macher verkauft worden war. Das barg keine hohe Lebensdauer. Nano P. hatte es mit seiner Tätigkeit als Stahlträger-Bieger da noch verhältnismäßig gut getroffen. Und die anderen? Ach, mir bricht schier das Herz: Amanda, Zetta und Äh wanderten in die Bleigruben; Bärnum mußte die Felder mit den seltenen Erden umgraben; Klogatte und Jupp wurden aneinandergekettet und müssen jetzt den großen Schmiedehammer von Eisenstadt bedienen; Ohjann von so und so muß Kupferplatten ausstanzen und so weiter und so fort.

Es war schon eine tolle Zeit gewesen … Aber vorbei ist vorbei und der nächste Auftrag wartet schon. Daher – die Klassenfahrt der Nachtschule 2010 ist hiermit zu Ende. Danke an alle, die mitgefahren sind