Pendel

Die schwarze Katze pendelt über den Mahlstrom und stürzt in die Grube des roten Todes

Das vierte zamonische Criminalstückchen

 

 

 

I

Der bekannte Buchhaimer Schriftsteller Etzi St. Negermen lehnte sich in seinen Sessel zurück und nippte genießerisch an einem Glas erlesenen Ports. Er schloß kurz die Augen. Das Leben hatte es gut mit ihm gemeint.

„Eine Neuauflage der Werke la Gadions?“ drang die Stimme seines Verlegers und Freundes Sir Udo Herckers an sein Ohr und riß ihn unsanft aus seinen Tagträumen. „Ich weiß nicht, Etzi, ich weiß nicht. La Gadion hat seine Zeit gehabt und die Regale sind voll mit den verschiedensten Editionen seiner Werke. Ich glaube wirklich nicht …“

„Keine Neuauflage, mein alter Freund“, unterbrach St. Negermen seinen Gast, „vielmehr eine Neu-Interpretation. Ich werde die Erzählungen la Gadions als Gerüst für eine vollkommen neue Handlung verwenden und ihn so einem modernen Publikum wieder zugänglich machen“.

Hercker grunzte.

„Ich habe das Manuskript bereits fertig“. St. Negermen deutete auf ein voluminöses Bündel Papier, das auf einen nahe stehenden Tisch lag. „10 Geschichten la Gadions bilden wie gesagt einen Rahmen, in dem sich die von mir erdachte Handlung entwickelt. Nimm es mit und lies es dir durch“.

„Gut, um unserer Freundschaft willen will ich es lesen. Aber versprich dir nicht zu viel davon, Etzi. Die Zeiten sind hart und die Leute wollen mit Novitäten verwöhnt werden und nicht mit Aufgüssen – seien sie noch so klassisch und bedeutend. Aber natürlich“ – er sah den aufkeimenden Unwillen in St. Negermens Gesicht und beeilte sich, gegenzusteuern – „ bist du ein großer Schriftsteller und deine Bücher verkaufen sich nach wie vor hervorragend. Wir werden das Kind schon schaukeln“. Mit diesen Worten leerte er sein Glas, erhob sich, klemmte sich das Manuskript unter den Arm und verlies das Haus.

"Die schwarze Katze pendelt über den Mahlstrom und stürzt in die Grube des roten Todes", schmunzelte Sir Udo. „Sperriger geht es wirklich nicht mehr. Guter alter Etzi. Dieser Titel ist der Albtraum einer jeden Werbeabteilung“. Während er durch die Seiten blätterte, murmelte er vor sich hin. „Ist eh das A und O, die Werbung. Das Buch scheint gut zu sein … interessante Idee, das …Irgendwie vermarkten … Wohl eine Art Krimi … Ah, der Mahlstrom. Kennt natürlich jeder…Könnte man nicht…Wäre natürlich nicht legal und moralisch vollkommen verwerflich – aber die Verkaufszahlen. Oh, diese Verkaufszahlen. Und ich kenne da ein paar Leute, die es wirklich verdient hätten. Ethisch natürlich nicht zu vertreten – aber die Zahlen. Die Zahlen“. So vor sich hinmurmelnd und rechnend erreichte er schließlich sein Heim, betrat es und widmete sich ganz dem Manuskript.

II

Nach sieben Stunden und 13 Minuten intensiver Lektüre – unterbrochen nur von einen gelegentlichen Schluck Weines oder den nachdenklichen Putzen der Brillengläser – legte Sir Udo Hercker das letzte Blatt des Manuskripts zur Seite. Tief holte er Luft. Seine Augen starrten ins Nichts. Sein linkes Ohr zuckte. Ein Finger trommelte auf der Sessellehne. Ein kehliges Seufzen entrang sich seiner Kehle. Dann wandte er sich an die Leere des Zimmers in Besonderen und die Welt in Allgemeinen und verkündete: „Absolut unverkäuflich! U-N-V-E-R-K-Ä-U-F-L-I-C-H!“ Er sprang auf und fuhrwerkte wild mit den Händen umher.

„Was hat sich der alte Uhu dabei nur gedacht? Hat die Welt so einen kruden Unsinn schon gelesen? Ein Mörder, der seine Opfer nach Motiven aus la Gadions sinistren Erzählungen umbringt und entsprechend der Geschichte drapiert? Und ist der Mörder in grellen Farben gemalt, wie es die Tradition verlangt? Nein! Er ist ein farbloser, nicht fassbarer Charakter. Austauschbar! Wüst zusammengestrickt! Und dann das Motiv! Nur weil er …“

Er unterbrach sich, unfähig, seine Empörung weiter in Worte zu fassen. Stattdessen griff er die Weinflasche, setzte sie an den Mund und leerte sie in einen Zug. Dann schleuderte er die leere Flasche in den Kamin, wo sie klirrend zerschellte. Scherben flogen durch den Raum und glitzerten im Licht der Kerzen. Der Verleger ließ sich in den Sessel sinken und begann – die Hände knetend und wringend – zu überlegen.

„Also gut. Ruhe bewahren. Wenn ich das Buch nicht verlege, macht es ein anderer. St. Negermen ist nach wie vor eine Institution in Buchhaim, ach was: in Zamonien. Ich muß die Massen nur neugierig machen, den Mob dieses Kauderwelsch schmackhaft erscheinen lassen. Könnte ich da meine ursprüngliche Idee von heute Nachmittag …Etwas modifizieren …Was man nicht alles für Geld und Freundschaft tut.“

Er straffte sich. „Ich mache es! Jawohl – zu Ehren des zamonischen Buchmarktes und – nicht zuletzt – für meinen Profit. Ich mache es!“

Während der betagte Verleger diesen heldenhaften, wenn auch für den geneigten Leser noch rätselhaften, Beschluß fasst, geschehen im Haus des Schriftstellers Etzi St. Negermen in der Tintenfraß-Gasse 19 weitaus profanere Dinge. Hier wechselte der Dichter gerade Rock und Hosen gegen Nachthemd und Schlafmütze, gönnte sich noch einen letzten Schlummertrunk und begab sich dann zu Bette. Langsam sank der kreative Kopf auf das mit Hutzenhaaren gefüllte Kissen und ebenso langsam versank der kreative Geist in Träumen. Die Nacht bricht über Buchhaim herein.

III

„Und sie haben wirklich ein Fass Bolloggschädeler Südhang? Gestern erstanden? Um diese Jahreszeit? Unfassbar!“ Bolphogor Bel war mehr als erstaunt – er war über die Massen verblüfft. Was ihn sein alter Bekannter – den er zufällig heute Nacht über den Weg gelaufen war – da erzählte, konnte eigentlich nur ein Scherz sein. Anderseits war sein Begleiter nicht gerade berühmt für seinen Humor. Sollte er am Ende wirklich … Der Sache mußte auf den Grund gegangen werden.

„Ja, sehen sie, verehrter Bel, ich dachte natürlich auch erst an einen unglaublichen Glücksfall. Aber langsam mehren sich doch meine Zweifel. Ich meine – Bolloggschädeler Südhang. Jetzt. Und zu diesen Preis. Aber sie“ – er klopfte seinen Begleiter jovial auf die fetten Schultern – „sie werden meine Zweifel beseitigen. Ihre Zungen sind bekanntlich untrüglich.“

Der Zwiezwerg lachte gekünstelt. Sie schritten über den zu dieser nächtlichen Stunde vollkommen verlassenen Marktplatz Buchhaims in Richtung Rathaus.

„Und sie haben dieses wertvolle Gut einfach hier zurückgelassen?“, murmelte Bolphogor. „Wie konnten sie nur? Wenn es nun gestohlen wurde? Oder gar“ – er schauderte – „einfach ausgetrunken?“

„Seien sie beruhigt, mein Freund. Das Fass ist gut verwahrt. Ich wollte lediglich vermeiden, es nach Hause in meinen Keller zu schaffen, ohne mich vorher seiner Güte zu versichern.“

„Verständlich, verständlich.“ „So, da wären wir. Ich habe es hier in dieser Nische unterhalb des Denkmals Rofocalus Z. E. A. Smeiks verborgen.“

Die beiden standen vor einem riesigen Denkmal, in dessen massiven Granitsockel eine Öffnung gähnte, die ca. 2 Dictor hoch war, sieben Einfluß breit und 70 Manipulation tief. Welchen Zweck der Erbauer des Denkmals ihr einst zugedacht hatte, verlor sich im Laufe der Geschichte. Heute wurde sie allgemein als Unterstand bei Regen und als vorübergehender Lagerplatz genutzt.

„Da drin?“, fragte Bel und trat aufgeregt von einen Fuß auf den anderen.

„Da drin!“, bestätigte sein Begleiter. „Gehen sie nur und nehmen sie einen Schluck. Und dann geben sie mir ihre Expertise.“ Der Zwiezwerg quietschte vor Aufregung, huschte in die Nische und tatsächlich – da stand ein Faß. Aber was war das? Es war leer?

„Was zum …“ stieß Bel aus, als er sich auch schon von erstaunlich starken Händen gepackt füllte, die ihn blitzschnell in Ketten legten. Ehe er sich von seinen Schrecken erholt hatte, wurde er geknebelt. An beiden Mündern. Hier kannte jemand seine Daseinsformen.

„Sie werden mir hoffentlich diesen kleinen Scherz verzeihen“, hob sein Begleiter an. „Aber es ist leider unabdingbar, sie in dieser Nische einzumauern.“ Der Zwiezwerg begann zu strampeln und zu schnaufen. „Geben sie sich keine Mühe. Die Ketten sind neu und aus massivem Stahl, die Knebel sitzen fest. Wenn sie meinen wohlgemeinten Rat hören wollen: Tragen sie es wie ein Mann.“

Mit diesen Worten begab sich der Geheimnisvolle aus den Blickfeld Bolphogors, um nach wenigen Minuten schnaufend und keuchend mit einer Schubkarre voller Ziegelsteine, Mörtel und Maurerwerkzeug wieder-zukommen. Vor der Öffnung zur Nische blieb er stehen, verschnaufte kurz und begann dann, Lage für Lage die Mauer hochzuziehen und den Unglücklichen einzukerkern. Auf seinen Gefangenen achtete er dabei überhaupt nicht. Wozu auch? Schließlich war dieser ja gut verwahrt.

Nach einer Stunde war der Zwiezwerg vollständig eingemauert. Lediglich in Brusthöhe hatte der Unbekannte eine große Lücke in der Ziegelwand gelassen. Jetzt musterte er sein Werk, während er sich die Hände abwischte.

„Sehr schön. Fast genau wie in der Vorlage. Ganz klassisch. Man erkennt doch sofort die Handschrift la Gadions. Fehlt nur noch eine Kleinigkeit.“

Er griff erneut in die Schubkarre und zog einen Degen. „Es ist nämlich notwendig, daß sie morgen früh tot aufgefunden werden, mein alter Freund. Und daher …“ Mit diesen Worten stieß er das scharfe Metall mehrmals in die Brust des unglücklichen Bolphogor Bel und beförderte diesen damit nicht nur aus den Leben, sondern auch aus dieser Geschichte. Dann packte er sein Werkzeug zusammen, verstaute alles auf der Schubkarre und verschwand mit dieser in der tiefen Nacht.

IV

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Kühle der Nacht lag noch spürbar in der Luft und doch herrschte auf den großen Marktplatz Buchhaims bereits ein reges Treiben. Fischweiber entschuppten und entgräteten ihre Ware, Käsesieder heizten ihre Kessel über lodernden Feuern an und Obstbauern aus dem Umland wuchteten schwer gefüllte Kisten umher. Es war ein Bild der Geschäftigkeit und des Fleißes. Soeben durchquerte der Yeti Öbrü Ürbö mit seinen schwankenden Karren das südliche Tor und hielt auf den Platz zu. Er war Obstbauer und seine Äpfel, Birnen und Brommen waren in ganz Buchhaim bekannt und beliebt. Ürbös Stand vor dem Denkmal Rofocalus Z. E. A. Smeiks war allen Köchen und Feinschmeckern der Stadt wohlbekannt und unter den Gourmets Zamoniens galt es als ausgemachte Tatsache, das Übrös Brommen die besten, saftigsten und harzigsten des ganzen Kontinents waren. Nach einer kurzen Fahrt über den sich füllenden Platz erreichte der Yeti sein Ziel. Aufseufzend ließ er den Karren los und rieb sich die Arme. Er spürte mit jedem Tag deutlicher die Last seiner Jahre. Die Arbeit setzte ihn immer mehr zu – nicht mehr lange, und er würde sich eine Aushilfe suchen müssen. Das bedeutete zwar eine empfindliche Schmälerung seines Gewinnes, aber wenn die Knochen morsch wurden, konnte auch ein Yeti nichts daran ändern. Aber heute, morgen und auch nächste Woche noch ginge es ohne Hilfe. Ürbö spuckte in die Pranken, griff sich die stabile Verkaufstheke und wuchtete diese kraftvoll vom Karren. Mitten im Schwung stutzte er allerdings: Was war das? Jemand hatte die Nische, in die er seine Obstkisten bei Regen zu stellen pflegte, zugemauert.

„Ja, wat ist jetzt fei dös für ein Bockmist“, grunzte der Yeti verärgert. „Döt Ding war doch noch jestern janz offen.“ Er kratzte sich am Kopf und besah sich neugierig die Mauer. Als Landmann, der es gewohnt war, ohne fremde Hilfe auszukommen und kleinere und auch größere Reparaturen an seinem Haus selber auszuführen, erkannte er sofort die stümperhafte Ausführung der Arbeit. Diese Mauer hatte nie und nimmer ein von Magistrat beauftragter Handwerker hochgezogen. Das war – Pfuschwerk. Und was sollte dieses Loch in der Mitte? Die Neugier des Yetis wurde geweckt: Er stellte den Tisch – den er immer noch in Händen hielt – ab, schritt näher und blickte vorsichtig in die Öffnung. Nichts zu sehen. Stockdunkel wie im Hintern eines Stollentrolls war es darin. Aber den scharfen Augen des Yetis schien es, als sei die Schwärze an manchen Stellen kompakter als sonst. Da war irgendwas drin! Er wandte sich um und rief einen in einiger Entfernung hockenden Käsesieder an.

„He, Edagoud. Komm doch mal her“. Der Angesprochene hob den flachen Kopf und sah hinüber. Ürbö winkte. „Mach schon. Komm. Und bring eine Fackel oder so was mit.“

Edagoud Butterschmelz erhob sich schwerfällig, griff mit einer schwieligen Hand (Pfote? Pranke? Flosse?) in das Feuer und zog ein brennendes Scheit hervor. Gemächlich hoppelte er zum Obstbauern hinüber, der ihm ungeduldig entgegensah.

„Leuchte mal hier herein“, forderte dieser, als der Werkröterich an der seltsamen Mauer angekommen war. Grunzend folgte der der Aufforderung und die beiden starrten in die nun erhellte Dunkelheit innerhalb der Nische. Ein oder zwei Augenblicke vergingen, dann zuckt der Yeti entsetzt zurück, während der Werkröterich nur trocken schmatzte und die provisorische Fackel auf das Pflaster des Platzes legte: Sie hatten den aufgespießten Leichnam Bolphogor Bels erblickt, dessen Hände noch im Todeskampf das Heft des Degens umklammerten, der sein Leben ausgelöscht hatte. Öbrü Ürbö taumelte ein paar Schritte zurück, stolperte und plumpste in eine Kiste frischer Brommen. Ein Teil seines verwirrten Gehirns registrierte den finanziellen Verlust, konnte sich gegen den allgemeinen Zustand der Angst aber nicht durchsetzen. Edagoud blickte mit ausdruckslosen Glubschaugen auf den Obsthändler.

„Du hast dich in die frischen Brommen gesetzt“, quakte er. „Die Flecken gehen nie wieder raus“.

Ungefähr zur selben Zeit in einem Haus in der Letter-Allee. Sir Udo Hercker wandte sich an einen vermummten und schwarz gekleideten Besucher, der außerordentlich dubios wirkte.

„Haben sie ihren Auftrag ausgeführt?“, fragte der Verleger.

„Was erledigt werden sollte, ist getan“, zischte der Vermummte. „Weitere Schritte folgen in dieser Nacht.“ Eine kurze Pause, dann lauernd: „Sind sie ganz sicher, daß sie damit fortfahren wollen? Die ganze Sache könnte noch wesentlich – unschöner werden“

Sir Udo straffte sich: „Es ist zum höheren Wohle der Kultur, der Literatur und …“

„Ihrer Kasse“, unterbrach ihn der Unheimliche hämisch. „Mir müssen sie nichts vormachen, mein Lieber. Sie bezahlen mich für die Erledigung gewisser Aufgaben und ich führe sie aus. Beidseitige Diskretion ist selbstverständlich.“

„Diskretion, ja.“ Sir Udo fährt sich mit einem Seidentuch über die schweißnasse Stirn. Man hatte ihn diesen ... Herren … empfohlen, gewiß. Aber in seiner Gegenwart fühlte sich der Verleger außerordentlich unwohl. Je schneller die ganze Angelegenheit abgewickelt war, desto besser. Für ihn, seinen Schlaf und sein Seelenheil.

„Und denken sie bitte daran: Sie dürfen kein Jota von meinen Anweisungen abweichen. Sonst ist alles umsonst.“

„Keine Sorge“, zischelt der Finstere. „Nur keine Sorge.“

V

Wohl nur im vampirgeplagten Siebenbürgen brechen die Nächte so schnell herein wie in Buchhaim innerhalb dieser Erzählung. Eben noch helllichter Tag und reges Treiben auf den Plätzen und Märkten – jetzt schon wieder dunkelste Nacht und ausgestorbene Leere. Stille allerorten. Die braven und saturierten Bürger der Stadt schiefen den Schlaf des Erfolgreichen, die gesättigten Existenzen verdauten den ertragreichen Tag im Schlummer. Aber was war mit den Gescheiterten, den Hungrigen, den Erfolglosen? Schliefen auch sie? Nein, sie schliefen nicht. Viele hockten in dunklen Löchern auf bzw. unter den Platz der gescheiterten Dichter und weinten sich in einen Schlaf, der einfach nicht kommen wollte.

Auch Etzi St. Negermen verbrachte eine schlechte Nacht. Ruhelos wälzte er sich im Bett, sprach abgehackt im Schlaf und kämpfte sich durch wüste Träume. Das Bettzeug war zerwühlt und geknüllt wie nach harten Kampf und im Raum hing der beißende Geruch von Schweiß und Alp.

Drei dumpfe Schläge schollen vom großen Turm über dem Rathaus und ihr Echo rollte durch die Straßen. Drei Uhr. Die tiefste Stunde der Nacht. Der Morgen so weit entfernt wie nur möglich. Sowohl St. Negermen wie auch die Schreiberlinge in ihren Löchern hatten endlich Ruhe gefunden. Kein Laut durchdrang die Stille …Doch halt. Was war das für ein Geräusch, das da leise und verstohlen näher kam? Ein Rumpeln und Knarren wie von einen alten Ochsenkarren? Das Scheuern von Leder auf Holz und Fleisch? Ein früher Obstbauer, der seinen Stand weit vor der üblichen Zeit aufbauen möchte? Ein verspäteter Pestwagen, der zum Sanatorium für Fieberkrankheiten eilte? Ein Pirat mit Holzbein und Ledergurten um die Hüften? Nichts von alledem: Es ist ein schwerer Lastkarren voller Friedhofserde, gezogen von zwei schwarzen Gäulen, gesteuert von einer vermummten Gestalt. Die Hufe der Zugtiere waren mit Lumpen umwickelt, um jedes Geräusch zu dämpfen. Nur in unmittelbarer Nähe des Gefährts konnte man es überhaupt hören. Langsam doch entsetzlich zielstrebig hielt der gespenstische Wagen auf den zerlöcherten Platz der gescheiterten Schreiberlinge zu. Vor einem besonders großen und tiefen Loch hielt er an. Der Kutscher konsultierte eine spongiöse Karte. Ja, er war richtig. Dies war das „Heim“ Hadubrands von Odenstich, einem jungen Lindwurm, der sich auf Parodien la Gadinons spezialisiert hatte und damit grandios gescheitert war. Der unheimliche Kutscher des Wagens stieg herab, spannte die Pferde vorsichtig aus und rollte unter viel Ächzen und Stöhnen das schwere Gefährt unmittelbar bis an den Rand des Loches heran. Da unten schlief der Lindwurm – ungeküßt von der Muse des Erfolges und Träume träumend, die sich in diesen Leben nicht mehr erfüllen sollten. Denn nun wurde die Seitenklappe des Karrens geöffnet und mit einen seidigen WUSCH und einen samtigen RUSCH sauste und raste die Ladung Friedhofserde in das Loch und füllte es binnen kürzester Zeit vollkommen aus.

„Nicht ganz werksgetreu, wie ich zugeben muß“, kicherte der Kutscher, der nunmehr zu Fuß davon spazierte, „aber lebendig begraben bleibt lebendig begraben. Ein bisschen Raum für Interpretation muß schließlich bleiben.“ Und unter lautem Gelächter verschwand er in den dunklen Gassen Buchhaims. Zurück blieben nur ein leerer Wagen, zwei Pferde, die langsam davonzuckelten und ein lebendig begrabener Dichterling. Und das Echo eines wahnsinnigen Lachens.

VI

Etzi St. Negermen erwachte nach einen unruhigen und alles andere als erholsamen Schlaf. Zerschlagen betrachtete er seine zerwühlte Bettstatt und reckte dabei versuchsweise seine schmerzenden Glieder. Schon seit ein paar Nächten schlief er schlecht und wachte wie gerädert auf. Er wußte, daß ihn Albträume plagten, doch konnte er sich an diese nicht erinnern. Er fuhr sich über die Stirn. Schweißnass! Und sein Nachthemd konnte er auswringen. Während er das durchgeschwitzte Kleidungsstück auszog und in einen seidenen Morgenmantel schlüpfte, schoß ihn ein Gedanke durch den Kopf: Er brauchte Urlaub. Dringend. Wenn Sir Udo doch nur endlich die Korrekturfahnen seines letzten Buches rüberschickte. Die Arbeit daran hatte ihn arg erschöpft, das Schreiben fiel ihm im Alter leider immer schwerer. Sämtliche Kritiker Zamoniens bescheinigten ihn zwar, er stehe auf der Höhe seiner Schaffenskraft – er aber wußte es besser: Die Batterie war so gut wie leer, der Akkumulator mußte dringend aufgeladen werden. Er trank einen Schluck Wasser und blinzelte in die Morgenluft.

Urlaub – ja, das war es. Die Nord-Zamonische Küste war um diese Jahreszeit einfach wunderbar. Ein Monat Meer und Wind wirkten bestimmt Wunder. Die Füße im Sand vergraben, in die Sonne blinzeln und vor sich hin dösen. Sich im Wasser treiben …

„Extrablatt!“ scholl eine schrille Jungenstimme von der Straße durch das offene Fenster zu ihm herein. „Extrablatt! Unheimliche Morde in Buchhaim. Sehr merkwürdige Umstände. Magistrat ratlos. Schon zwei Opfer! Haifischmaden wissen angeblich von nichts! Extrablatt! Extrablatt!“

St. Negermen beugte sich zum Fenster hinaus, warf den Zeitungsjungen 5 Pyras zu und fing ungelenk sein hochgeschleudertes, noch druckfrisches Exemplar auf. Begierig auf Novitäten und von süßen Schauer dessen erfaßt, der im gemütlichen Ohrensessel am Kamin über grausige Geschehnisse in der Außenwelt liest, faltete er den Buchhaimer Gassenschauer auf und verschlang den reißerischen Artikel:

Buchhaim lebt in Angst! Seine braven Bürger leben in Angst! Wir, die Redaktion des Gassenschauers, leben in Angst! Angst allerorten! Und warum diese Angst? Weil ein offenkundig wahnsinniger Mörder durch die Gassen und Straßen unserer geliebten Stadt streift, weil ein irrer Meuchler über die Plätze und Märkte dieser unserer Heimat zieht. Zwei Mitglieder unserer Gemeinde fielen ihn bereits zum Opfer – und was tut er hochlöbliche Magistrat? Was macht die Stadtwache? Nichts. Sie sprechen von Einzelfällen und Spielschulden und erklären, sie würden sich „mit den Haifischmaden besprechen“. Was soll uns dies nützen? Sie wiegen uns in Sicherheit und streuen uns Sand in die Augen. Aber Sand war es nicht, unter dem der unglückliche Lindwurm Hadubrand von Odenstich in dieser Nacht begraben wurde. Lebendig begraben! Welch krankes Gehirn kann sich so was ausdenken. Was kann es schlimmeres geben, als lebendig begraben zu werden? Vielleicht eingemauert und erstochen werden, wie es dem ersten Opfer widerfuhr? Und der Mörder wird weitermorden. Davon sind wir überzeugt. Darum fordern wir alle …

Leider werden wir nie erfahren, was der Buchhaimer Gassenschauer fordert, da wir in diesen Moment den Schriftsteller und seine morgendliche Lektüre verlassen und uns spornstreichs in das Haus seines Verlegers, Sir Udo Herckers, begeben. Auch hier erkannte man am Herren des Hauses die deutlichen Spuren einer schlaflosen Nacht. Mit trüben Augen und schweren Ringen unter selbigen saß Sir Udo vor einer dampfenden Tasse Kaffee und versuchte, den Ausführungen seines frühen Besuchers zu folgen. Ein Unterfangen, das durch die zischende Aussprache des vermummten Unbekannten nicht leichter gemacht wurde. Gerade sagte der Verleger: „Ich bin sicher, sie tun ihr bestes. Aber muß das alles letztlich so … blutig sein. So drastisch?“

„Oh, sie werden erstaunt sein“, zischte es, „wie sehr die braven Bürger Zamoniens auf derlei … Attraktionen reagieren. Gewiß, zu Beginn sind sie schockiert und haben Bedenken, aber dann …“

„Sie meinen, unser Plan geht auf?“, fragte Sir Udo und nippte am Kaffee.

„Davon bin ich überzeugt. In acht Nächten werde ich mit meiner Arbeit fertig sein – sehen Sie nur zu, daß sie ihren Termin einhalten. Es wäre doch schade, wenn unsere … Kampagne zur Markteinführung des Buches mit den unmöglichen Titel ihren Höhepunkt erreicht und das Buch dann nicht verfügbar wäre.“

Er lachte glucksend.

Erbost schnaubte der Herr der Bücher in seine Tasse. „Sie müssen mir nicht mein Handwerk erklären, mein Herr. Das Buch St. Negermens wird pünktlich erscheinen. Heute Nachmittag gehen die Korrekturfahnen raus, mein Sekretär ist instruiert und die Drucker warten nur auf die korrigierten Bögen.“ Nachdenklich schaute er auf den Grund der leeren Kaffeetasse und zog die buschigen Augenbrauen zusammen. „Es darf und es wird keine Pannen geben. Denn jede Verzögerung bedeutete …“

„…Eine Verschwendung von viel Blut und viel Arbeit“, ergänzte der Vermummte den Satz.

„Blut … ja“, stöhnte Sir Udo und rieb sich den schmerzenden Kopf. „Hätte ich das vorher gewußt – ich glaube, ich hätte mich nicht an sie gewandt. Aber dieses Buch …Dieser Titel …Diese Thematik …“

„Es geht nun mal nicht anders“, entgegnet der frühe Gast. „Der Bezug auf die Werke La Gadions muß für jeden erkennbar sein. Da fällt mir ein: Haben sie heute Morgen schon die Zeitung gelesen?“

Sir Udo schenkte sich die leere Tasse zum dritten Mal voll und murmelte dann angewidert: „Lese nie die Zeitung. Nur Klatsch und Lügen. Billige Sensationshascherei. Macht mir Kopfschmerzen.“ Der Besuch schaute ihn aufmerksam an.

„Sie sehen schlecht aus, wenn sie die Bemerkung gestatten. Erschöpft.“

„Ich gestatte die Bemerkung. Ich schlafe dieser Tage nicht so gut“, brummte der Verleger. „Sogar außerordentlich schlecht. Aus diesem Grund fahre ich auch heute Nachmittag für eine Woche nach Bad Mildenteich. Unberührte Natur, schlichte Kost, reine Luft – das brauche ich jetzt dringend.“ Er sah sein Gegenüber aufmerksam an. „Sie werden doch alleine zurechtkommen?“

„Ich komme immer alleine zurecht, mein Lieber. Tatsächlich komme ich alleine am besten zurecht. Aber täten sie mir wohl einen Gefallen?“

Sir Udo zückte seine Geldkatze und begann, den Knoten zu lösen. „Wie viel?“, fragte er nur müde.

„Kein Geld“, zischte sein Gast. „Nur einen Gruß, den sie für mich überbringen sollen.“ Überrascht legte der Verleger die Geldkatze zurück. Kein Geld! Das hörte er sehr selten von seinen Besuchen, die meist verhungerte Schriftsteller oder ihren Wert kennende Autoren waren. „Wenn sie die übliche Route nach Bad Mildenteich nehmen, dann müßte ihr Weg sie an den Weiler St. Luzifug-Beel vorbeiführen. Wenn sie dort sind, könnten sie kurz in das dortige Wirtshaus „Zum stampfenden Pferdehuf“ einkehren und der Wirtin ausrichten, ihren Sechsten ginge es gut und er ließe sie grüßen?“

„Aber natürlich kann ich das“, antwortete Sir Udo.“ Und ich will es gerne erledigen.“

VII

Der Verleger hat die Stadt verlassen, der Dichter sitzt zu später Stunde noch an seinen Schreibtisch und korrigiert die Druckfahnen, die Stadt kommt zur Ruhe. Zwar streifen verstärkt Angehörige der Buchhaimer Wache durch die Straßen, aber die Stadt ist einfach zu groß, als das sie alles kontrollieren könnten. Und wer will es ihnen verübeln, daß sie sich bevorzugt auf den hellerleuchteten Plätzen und belebten Gassen aufhalten? Wir bestimmt nicht, denn wir wissen, was in den finsteren Schlünden dieser Metropole lauert. O ja, wir wissen es …

Wieder schlug es drei Uhr …Die noch aktiven Wächter hatten sich um ein großes Feuer in der Nähe ihrer Unterkunft versammelt und wärmten sich die klammen Knochen. Die ersten Ausläufer des nahenden Herbstes waren spürbar und Nebelschwaden zogen durch die Gassen und Straßen. Umso erstaunlicher war es, das im Haus Letterweg 18 ein Fenster sperrangelweit aufstand und die kühle Luft in die Wohnung ließ. Anderseits war das Eindringen kühler Nachtluft die letzte Sache, um die sich der Bewohner des Hauses Sorgen machen mußte. Es war ein großes, üppig eingerichtetes Haus, das vom Reichtum seines Besitzers zeugte. Doch warum lag er nicht im Bett? Warum stand er aufrecht – zitternd und bibbernd ob des dünnen Nachthemdes, das er trug – an der Nordwand des großen Salons, während eine vermummte Daseinsform vor ihn einen Blutschinkgroßen Spiegel aufstellte. Vielleicht, weil er angekettet war? Weil er von einer unbekannten Daseinsform aus dem warmen Bett gerissen worden war und mittels einer in den Rücken gepressten Radschloss-Pistole in den Salon gezwungen worden war? Weil ihn kalt war? Weil er geknebbelt war? Genug der unnützen Fragen – die Handlung schreitet voran und wir müssen mitschreiten.

Der Eindringling stellte sich neben ihn und sah in den Spiegel.

„Perfekt“, murmelte er. „Sehen sie nur – sie spiegeln sich genau im Zentrum des Spiegels.“ Er sah den zitternden Fhernhachen an. „Aber sie zittern ja. Haben sie etwa Angst? Oder ist ihnen kalt?“ Er sah gespielt besorgt aus.

„Was … was wollen sie von mir? Geht es um Geld? Schmuck? Wertpapiere? Können sie alles haben. Sie müssen es nur …“

„Aber nein, aber nein“, entgegnete der Fremde. Es geht nur um sie und ihr – Spiegelbild. Sehen sie – ich bin in einer schwierigen Mission unterwegs und dieser spezielle Abschnitt heute Abend ist besonders delikat. Aber ich bin sicher, sie, mein lieber Herr Aarth Aarthson, sind die ideale Besetzung dafür. Die Anspielung müßte mehr als deutlich zu erkennen sein und …

Aber wie unhöflich von mir – ich plaudere hier und sie frieren so gotterbärmlich. Lassen sie mich ihnen helfen.“ Erleichtert wollte der Fhernhache aufatmen, als er spürte, wie eine scharfe Klinge sein Herz durchbohrte. Das Letzte, was er auf dieser besten aller Welten sah, war sein Spiegelbild, dessen Brust von einem kurzen Degen durchbohrt war. Verwirrend – fast so, als habe er einen Doppelgänger. Dann starben der Fhernhache und sein Spiegelbild

Entgegen dem weitverbreiteten Klischee fiel das Dienstmädchen am nächsten Morgen, als sie die Leiche ihres Brotherren fand, nicht in Ohnmacht. Auch kreischte sie nicht oder starrte mit hervorquellenden Augen in der Gegend umher. Vielmehr geschah folgendes: Sie betrat den Salon und entdeckte das bizarre Arrangement. Sie runzelte kurz die Stirn. Sie blickte sich um. Sie verließ den Raum, stieg die Treppe hinauf und ging geradewegs in das Schlafzimmer ihres ehemaligen Arbeitgebers. Unter den Kissen – das wußte sie – verwahrte der Fhernhache des Nachts die Schlüssel zum Tresor und zur Speisekammer. Und die Chancen standen gut, daß sie da noch lagen. Und so war es auch. Sie griff sich den klirrenden Metallring und ging zurück in den Salon. In der Ecke gegenüber der Leiche stand ein wuchtiger Safe aus Gusseisen mit Beschlägen aus Dämonenmessing. Diesen zu öffnen und das darin enthaltende Bargeld in einen Beutel zu füllen war das Werk weniger Augenblicke. Die Plünderung der Speisekammer dagegen dauerte schon etwas länger. Sie versteckte die insgesamt 7 Taschen im Garten hinter den Haus, betrat dieses dann wieder, öffnete die Haustür und begann Zeter und Mordio zu schreien.

Etzi St. Negermen saß erschöpft in seinen Arbeitszimmer. Er fühlte sich zerschlagen und vollkommen erschöpft. Gut, er hatte bis in die späten Abendstunden über den Korrekturfahnen gesessen, aber das ihn dies so mitnahm …

„Als hätte ich die ganze Nacht Klaviere gestemmt“, grummelte er vor sich hin. „Aber jetzt, wo Hercker in Urlaub ist, kann ich die Stadt nicht verlassen. Na, eine Woche werde ich wohl noch warten können.“ Was war das nur wieder für ein Lärm, der von draußen hereindrang? Dieser Tage ging es in Buchhaim wirklich wie im Taubenschlag zu, fand er. Unruhe und Krach allerorten.

Das Getrappel von vielen Füßen in schweren Stiefeln, das Klappern von hastig überstülpten Helmen. Er öffnete sein Fenster und sah Sir Syl Logis, Feldwebel der Stadtwache Buchhaims und 10 seiner Mannen an seinen Haus vorbeirennen. Wenn das Oberhaupt der Stadtwache sich selbst hinter seinen Schreibtisch hervormühte, dann mußte etwas Wichtiges geschehen sein. Am besten blieb er am Fenster stehen und wartete auf die Sonderausgabe des Buchhaimer Gassenschauers, der unweigerlich in jeden Moment erscheinen mußte.

Auf den Marktplatz:

Drei Fischweiber schnatterten aufgeregt. „Im Nachthemd aufgefunden. Daß er so sterben mußte …“ „Wo er doch immer so auf Sitte und Anstand gehalten hat“, fuhr die Zweite dazwischen, wurde aber ebenfalls sofort unterbrochen.

„Im eigenen Haus ermordet“, empörte sich die Dritte. „Hat man so was jemals gehört! Das hat es früher nicht gegeben.“ Die Erste stimmte zu, während sie einen Fisch entschuppte. „Mein Mann sagt ja, daß das alles von den Blutschinken kommt. Sie nehmen ehrlichen Wild-schweinlingen die Arbeit weg und sowieso …“ Sie brabbelte vor sich hin und ging weiter ihrer Tätigkeit nach. Die beiden anderen nickten zustimmend. Die Blutschinken – natürlich.

In einer nahen Buchhandlung:

„Aber wenn ich es ihnen doch sage. Dieser Mord erinnert mich kolossal an la Gadions «William Wilson». Sie müssen diese Geschichte doch kennen! Ein Klassiker!“ „Tut mir leid. Nie gelesen.“ Der Sprecher scharrte verlegen mit den Fuß, während der Buchhändler konsterniert über seine Brille starrte.

„Nie gelesen? Sie scherzen. Oder?“

Der Mann scharrte heftiger und wurde rot.

„Ich befürchte, ich habe noch nie etwas von la Gadion gelesen.“

Der Buchhändler griff sich an Herz.

„Sie haben noch nie …“

Panik erfasste den Kunden. Es galt zu handeln.

„Aber ich bin überzeugt, daß sie bestimmt eine Gesamtausgabe seiner Werke vorrätig haben.“

Der Buchhändler riß sich zusammen, Farbe kehrte in sein Gesicht zurück.

„Aber gewiß. Wenn sie mir bitte folgen wollen …“

VIII

In den nächsten drei Nächten erlebte Buchhaim eine nie dagewesende Welle der Gewalt. Die Stadt versank im Chaos, die braven Bürger verkrochen sich in ihren Kellern und sogar die Haifischmaden – von Natur aus kriminelle Elemente und der Unterwelt vorstehend – sahen sich gezwungen, Eingaben an den Magistrat zu machen. Doch es schien, als könne niemand den unheimlichen Mörder aufhalten, der sich des Nachts in wohlverwahrte Häuser schlich und seinen grausigen Handwerk nachging.

In der Nacht nach den „Doppelgänger-Mord“ erwischte es den angesehenen Direktor der Gralsunder Nerven- und Seelenheilanstalt, einer schlechten Idee namens Irregut Wahnviel. Er befand sich auf einen Kurzurlaub in der Stadt und gedachte, die Antiquariate auf der Suche nach wissenschaftlicher Fachliteratur zu durchforsten. Der Hotelbursche, der ihm am nächsten Morgen wecken sollte und es merkwürdig fand, das Wahnviel nicht auf das heftige Klopfen reagierte, verständigte den Besitzer des Hotels. Als auch dessen Versuche, den Gast zu wecken, ergebnislos blieben, öffnete er die Tür. Scheinbar schlief der gelehrte Gast friedlich in seinen Bett, die Vorhänge waren zugezogen, es herrschte ein milder Dämmer im Zimmer. Der Hotelier ging näher an das Bett heran und erlitt dann einen derartigen Geistesschock, daß er seither in der Anstalt einsitzt, der Irregut Wahnviel bis zu seinen Tode vorstand. Denn was dort im Bett lag, war nicht mehr der angesehene Geistesriese, der so vielen Kranken geholfen hatte. Vielmehr lag dort eine schwarz verklebte, weiß gesprenkelte Gestalt, die entfernt an ein verbranntes Huhn gemahnte, das man nur oberflächlich gerupft hatte: Wahnviel war geteert und gefedert worden und qualvoll erstickt.

In der nächsten Nacht war das Opfer eine junge Dame, die den Gewerbe nachging, das neben Ackerbau und Viehzucht zum ältesten der Welt gehört. Die Umstände, die zu ihren Tod führten, sind zu grausam und abartig, um hier näher beleuchtet zu werden und es genügt zu sagen, das der Tod eine Erlösung für sie gewesen sein muß und das sie um den Hals eine nagelneue Kette aus 32 „Perlen“ trug. Da besagte Dame ein Vampir war, waren manche der „Perlen“ besonders eindrucksvoll.

Schließlich erlag sogar ein hochlöblicher Ratsherr den Schreckenstaten des „la Gadion Mörders“, wie man den Unhold mittlerweile nannte. Man fand ihm unter der Decke des großen Sitzungssaales hängend, in das Fell eines roten Gorillas genäht, vollkommen verbrannt. Lediglich die Amtskette und sein Siegelring erlaubten die Identifizierung.

Die Hysterie in Buchhaim hatte mittlerweile epische Ausmaße angenommen. Zamonier aller möglichen Daseinsformen getrauten sich nur noch in großen Gruppen auf die Straßen, Türen wurden vor Freunden wie Fremden gleichermaßen verschlossen und die Stadtwache zeigte allerorten stählerne Präsenz. Gleichzeitig kam das öffentliche Leben fast vollkommen zum erliegen. Die Wirtschaft brach beinah vollständig zusammen, Nachtcafés und Dunkelbars gingen reihenweise Bankrott. Die einzigen, die der allgemeinen Lage etwas Gutes abgewinnen konnten, waren die Buchhändler und Antiquare: Ihre Bestände an Ausgaben und Werken La Gadions fanden reißenden Absatz und auch die Epigonen des großen Schriftstellers wurden nicht verschmäht. Gerade eben hatte ein Bote St. Negermen die freudige Nachricht überbracht, das sein neues Buch bereits vor Drucklegung in der ersten, zweiten und dritten Auflage komplett verkauft sei. Und auch die vierte Auflage, schloß der Boten atemlos, sei bereits zur Hälfte an den Mann gebracht. Zeitgleich traf ein Bote seines Verlegers ein, der ihn mitteile, daß er sich sehr gut erhole, der Urlaub einfach prächtig sei und er seinen guten Freund nur habe informieren wollen, das Morgen der große Höhepunkt der von ihn, Hercker, geplanten Werbekampagne zur Einführung Negermens Buches sei. Er, Hercker, hoffe, daß sein alter Freund ihn verzeihe, daß er eine solche für nötig befunden habe, aber …

Verwirrt legte der Schriftsteller den Brief zur Seite. Von was für einer Werbekampagne sprach Sir Udo da? Er hatte eine solche mit keinem Wort erwähnt. Markteinführung seines Buches? War doch vollkommen überflüssig. Durch diese schrecklichen Morde war sein Buch doch bereits …Ein entsetzlicher Gedanke durchfuhr ihm: Waren diese bestialischen Morde am Ende gar nicht das Werk eines Wahnsinnigen sondern vielmehr eine gräßliche, teuflisch ausgeklügelte Werbemaßnahme für sein Buch? Nein, das konnte – das durfte nicht sein.

Aber der Gedanke – einmal entstanden – ließ ihn nicht mehr los. Lag den Morden nicht die gleiche Idee zugrunde wie in seinem Buch? Ja, kopierte der „la Gadion-Mörder“ nicht sogar sein Buch. Ja, so war es! Und wer außer ihm kannte das bisher unveröffentlichte Buch? Nur Sir Udo! Dies alles konnte doch kein Zufall sein. St. Negermen griff nach Schuhen und Jacke. Er mußte sofort den Magistrat warnen. Wenn seine Theorie stimmte, wußte er, wo der Mörder als nächstes zuschlagen würde – zuschlagen mußte. Hoffentlich war es noch …In seiner Eile stolperte der Schriftsteller, prallte mit den Kopf gegen den Türrahmen, stürzte zu Boden und verlor auf der Stelle für viele Stunden das Bewußtsein. Und so brach – von allen gefürchtet und gehaßt – die siebte Nacht herein.

IX

Was war das für ein seltsames Geräusch, das da durch die Stille der Nacht drang? Könnte es sein – ja, es klang ganz so wie der Hufschlag eines riesigen Pferdes, das in Windeseile durch die Gassen und Straßen, über die Märkte und Gassen galoppierte. Aber wie erklärte man sich das Flackern, das von ferne über die Mauern zu tanzen schien? Brannte es dort etwa? Hatte am Ende einer der vielen Mietställe Feuer gefangen und die Pferde waren durchgegangen? Nein, nein – es war natürlich viel schlimmer.

Der Hufschlag wurde lauter und auf einmal kam ein riesiger Rappe in unser Blickfeld. Ein Rappe? Und wo war der Kopf des Pferdes, wo der Schweif, wo die Hufe? Anstelle dieser Körperteile saßen bei dieser Kreatur nur lodernde Flammengebilde. Ein entsetzlicher Anblick. Umso entsetzlicher, daß dieses Dämonentier einen Reiter trug, der ebenfalls in Flammen stand. Ein Gespenst?

Überall in der Stadt flogen die Fenster auf, um dieses entsetzliche Schauspiel zu beobachten, die Wachen wichen den heranstürmenden Pferd und seinen schreienden Reiter aus.

Moment – ein schreiendes Gespenst? Wir sehen genauer hin und müssen feststellen, daß das vermeintliche Gespenst nichts anderes ist als der hochwohllöbliche Feldwebel der Stadtwache Sir Syl von Logis ist, der auf das Dämonenpferd gebunden war und mittlerweile vollkommen in Flammen stand.

Immer mehr Buchhaimer stürzten in Nachthemden und Zipfelmützen auf die Straßen, um das Höllentier auf seinen Ritt zu beobachten. In Stillen beglückwünschen sich manche dazu, daß nicht sie der unglückliche Reiter sind. Syl von Logis schreit mittlerweile nicht mehr, sondern baumelt als leblose Fackel im Sattel.

Wer wollte diese Kreatur noch aufhalten. Der Hengst galoppierte auf die Stadtmauer und – unglaublich – sprang über sie hinweg. Dann ging es im wahnsinnigen Tempo über die Felder und Wiesen Buchhaims und er verschwand mit seiner brennenden Last irgendwo in den Tiefen des Kontinents.

X

Wenden wir uns für kurze Zeit vom geplagten Buchhaim ab und betrachten wir einen anderen Teil des zamonischen Kontinents. Genauer gesagt: einen Teil des Meeres, der Zamonien umgibt. Ein sehr großes, sehr stabil wirkendes und allen Anschein nach voll beladenes Schiff näherte sich langsam und vorsichtig den Mahlstrom, dem berühmten Loch im Meer. Eine Mannschaft war nicht auszumachen, aber sie konnte sich durchaus unter einen der vielen Zelte verbergen, die das gesamte Deck überzogen. Unmittelbar vor der unsichtbaren Grenze, hinter der der Sog des vernichtenden Mahlstromes unüberwindbar wurde, warf das Schiff 23 tonnenschwere Anker. Es wird uns später noch beschäftigen, dieses nautische Geschehen – aber zuerst: zurück nach Buchhaim, der Stadt des „la Gadion-Mörders“.

Etzi St. Negermen, der Autor des Buches Die schwarze Katze pendelt über den Mahlstrom und stürzt in die Grube des roten Todes sah bleich und angegriffen aus. Mittlerweile war er sich sicher, daß sein alter Freund und Verleger Sir Udo Hercker wahnsinnig geworden war und die Stadt mit Morden überzog, um Negermens Buch zu bewerben. War es auch Wahnsinn, so hatte es doch Methode und vom kaufmännischen Standpunkt betrachtet, war dieser Aktion ein voller Erfolg beschieden.

Allerdings war Negermen der kaufmännische Aspekt des Ganzen vollkommen egal. Ihn beschäftigten andere Fragen, die sowohl ethischer wie auch persönlicher Natur waren. Sollte er den Magistrat der Stadt informieren? Noch hatte keiner eine Verbindung zwischen den Morden und den Verfasser des Buches hergestellt, und was konnte er schon dafür, wenn sein Verleger verrückt war, aber …

Blieb er also still – hoffend, der Kelch zöge an ihn vorbei? Morgen früh um zehn Uhr öffneten die Buchläden und sein Buch käme auf den Markt. Damit müßten die Morde ja aufhören, oder? Wußte Sir Udo überhaupt, wie machtvoll diese perverse Werbekampagne eingeschlagen hatte? Weilte er wirklich in Bad Mildenteich? Wer beginn die Morde? Sir Udo oder ein gedungener Mörder? Was sollte er nur tun? Was sollte er nur tun?

In seinen Buch – der Gedanke durchfuhr ihm wie ein Blitz – kam noch ein Verbrechen vor. Schlimmer und größer als alle vorigen zusammen. Das große Finale sozusagen. Das Meisterwerk seines Schurken, Höhepunkt des Romans, Meilenstein der Literatur. Niemals konnten Hercker oder sein gemieteter Meuchler in der Wirklichkeit nachahmen, was er sich ersonnen hatte.

St. Negermen richtete sich auf. Er faßte einen Entschluß: Er wollte gegenüber der Öffentlichkeit schweigen, würde seinen Verleger aber nahe legen, sich zu stellen. Die Morde waren verübt, die Tat war vollbracht – sein Schweigen oder Sprechen änderte daran nichts mehr. Im stillen schwor sich der Autor, einen Teil der enormen Einnahmen aus den Verkauf seines Buches den Hinterbliebenen der mörderischen Werbekampagne zukommen zu lassen. Anonym natürlich.

Er gähnte. Er brauchte dringend etwas Schlaf. Schon komisch, dachte er noch, bevor ihm die Augen zufielen: Ich schlafe so viel in den letzten Tagen, bin aber immer müde und erschöpft. Ich sollte wirklich mal zum Arzt …

Auf den Schiff vor dem Mahlstrom wird im Schutz der hereinbrechenden Nacht von flinken Händen ein Katapult zusammengebaut. Riesige Fässer mit der Aufschrift XXX stehen in seiner unmittelbaren Nähe. Das Hämmern von Eisen auf Eisen ist zu hören. Was bedeutet das alles? Und wieso miaut eine Katze?

XI

Es ist ein besonderer Tag in Zamonien. Nicht nur erscheint heute das neue und schon vor Veröffentlichung ausverkaufte Buch Negermens – nein, das ist nur eine Marginalität im Vergleich zum Ereignis, das im gesamten Kontinent für eine schlaflose Nacht und fieberhafte Hektik kurz nach dem Aufstehen gesorgt hat. Es ist „Landnahmetag“ – jener Tag also, an dem die Zamonier des ersten Schiffes gedenken, das jemals die Gestade des noch jungen Kontinents erreichte und damit die nachhaltige Besiedlung einleitete. Wer auch immer an den Küsten des Meeres oder in der Nähe eines schiffbaren Gewässers lebt, der läßt ein Schiff, ein Boot, einen Kahn, einen Nachen zu Wasser und verbringt den Tag auf – manchmal auch im und selten sogar unter dem – nassen Element. An keinen anderen Tag des Jahres herrscht so viel Treiben auf den Wellen. Eines der beliebtesten Ausflugsziele ist natürlich – wie könnte es anders sein – der Mahlstrom. Und so nimmt es uns nicht wunder, das zahllose Dschunken aus Gralsund, Barken aus Dullsgard, Kreuzer aus Eisenstadt und Papierboote aus Buchhaim dieses Naturschauspiel ansteuern.

Mehr und mehr Schiffe werfen am Ereignishorizont des Strudels ihre Anker, mehr und mehr Ferngläser werden gezückt und ausgerichtet, mehr und mehr schwillt das erstaunte und verwunderte Gemurmel der Beobachter an. Man reibt über die Linsen, man reibt sich die Augen, man sieht sich verdutzt um. Das ist doch noch nie …Eine Laune der Natur? Diese Farbe kann doch nicht natürlichen Ursprungs sein? Und was sind das für weiße Flecken, die sich über die rätselhafte Farbe ziehen? Aber was ist das dort? Ein Balken, der sich quer über den gewaltigen Schlund des Strudels hinzieht, gehalten von zwei Korkschwimmern, die sich langsam im ewigen Reihen drehen? Und seit wann hat der Strudel diese Farbe? Das war doch sonst nie. Miaut da etwa eine Katze? Und warum zur Hölle gleiten da Dutzende von Rettungssauriern über dem Loch im Meer?

10 Uhr in Buchhaim...

Endlose Daseinsformenschlangen standen sich vor den soeben öffnenden Buchläden die Beine in den Bauch, glückliche Besitzer des neuen Negermen liefen im Eiltempo nach Hause, um in der Gemütlichkeit des Ohrensessels in die grausige Welt des Mordens einzutauchen. Vor den weitläufigen Hallen des vor kurzen eröffneten Büchersupermarktes der Haifischmadengeschwister Tha und Lia Smeik wurde in kürzester Zeit eine provisorische Bühne gezimmert, auf der St. Negermen nun erschien. Unter den Arm trug er ein druckfrisches Exemplar seines Buches, eine Lesung ist angesetzt. Er nahm Platz, legte sein Werk vor sich auf den Tisch und schlug es auf. Die Menge unten hielt die Luft an. Es war so still, daß man eine Haifischmade schleichen hätte hören können. St. Negermen räusperte sich – es wurde noch stiller. St. Negermen öffnete den Mund – die Stille wurde unerträglich. Die Stille? War da nicht ein ganz, ganz, ganz leises Geräusch in der Ferne? Wenn man angestrengt lauschte …Es wurde ein weniges lauter. Und lauter. Und lauter. Mittlerweile mußte man nicht mehr besonders aufmerksam sein, um das Geräusch zu hören. Und zu identifizieren: Da näherte sich eine Kutsche. Schnell. Sehr schnell. Und sie hielt scheinbar genau auf die Menge zu. Aber das war noch nicht alles. Ein Midgardzwerg, der verträumt in die Sonne geblinzelt hatte, sah es zuerst. Er stieß seinen Nachbarn an und deutete nach oben. In kürzester Zeit schauten alle Versammelten in den morgendlichen Himmel. Die Lesung war vergessen.

Hunderte und Aberhunderte Rettungssaurier zogen in konzentrischen Kreisen über der Stadt ihre Bahnen. Um ihre Hälse hingen links und rechts zwei schwere, prall gefüllte Bastkörbe, in die sie unaufhörlich mit ihren Schnäbeln fuhren und die darin befindliche Fracht über der Stadt verteilten. Es regnete Papier.

Die stets nach Novitäten gierenden Einwohner Buchhaims schnappten gierig nach den Blättern, die vom Himmel fielen – der Autor und seine Lesung waren für den Moment vergessen. Die Flugblätter zeigten eine Photographie, eine maritime Landschaftsaufnahme aus der Perspektive eines hochfliegenden Vogels. Deutlich sah man die zahlreichen Schiffe und Boote – aber man achtete nicht auf sie. Was alle in ihren Bann zog was das unermessliche Loch des Mahlstroms, das in der Mitte des Bildes schwarz gähnte. Nur das der Schlund des Mahlstroms nicht mehr schwarz war, sondern rot. Irgendjemand hatte die Trichterwände mit wasserfester Farbe gefärbt. Über den Mahlstrom war eine komplizierte Konstruktion zu sehen – bestehend aus langen Holzbalken, viel Seil und Nägeln und zwei massiven Schwimmern – an der eine Katze geradewegs in das Loch hinabhing und – von Wind geschüttelt – hin und her pendelte. Wenn man genau hinsah, konnte man an einer Wasserwand die mit weißer Farbe gepinselten Worte erkennen: Die schwarze Katze pendelt über den Mahlstrom und stürzt in die Grube des roten Todes – der neue St. Negermen. Ab heute in ganz Zamonien im Handel.

Mit offenen Mündern starrten sich die Einwohner Buchhaims (auf den übrigen Kontinent fielen die Blätter zeitgleich vom Himmel und was hier über die Einwohner Buchhaims gesagt wird gilt für ganz Zamonien) an. Wenn dies Photographien waren …Hatte am Ende wirklich jemand …Das war doch undenkbar, oder …Den Mahlstrom zum Werbeträger umfunktioniert …Das ganze Land erschauderte vor der Größe dieser Tat und holte in seiner Gesamtheit tief Luft. Hielt für einen Augenblick den Atem an. In diesen Moment der absoluten, kontinentalen Luftanhaltung öffnete sich der Verschlag der Kutsche und der Verleger – und geistige Vater dieser einzigartigen Marketingstrategie – Sir Udo Hercker stieg aus. Die angestaute Luft eines ganzen Kontinents entlud sich in einen Aufschrei der Begeisterung, der Euphorie, der absoluten Bewunderung – ein Schrei, der noch bis Grünland und Groß-Troll zu hören war.

Während Frauen verzückt im Ohnmacht fielen und Männer ihr Knie beugten, hörte man Sir Udo nach links und rechts rufen, während er sich einen Weg zu St. Negermen bahnt: „Ah, ich danke ihnen …Ja, ein kühner Plan …Bin ich ja meinen Autoren schuldig, ihre Bücher zu … einzigartige Werbung …Drängte sich bei diesen Sujet ja förmlich auf … ungeheurer Kosten, gewiß …“

Und der Autor des Buches, dem diese einzigartige Werbekampagne gewidmet wurde? Was war mit Etzi St. Negermen? Stocksteif, starr und unbeweglich stand er da, starrte die Photographie in seiner Hand an, während die Gedanken in seinen Kopf sich überschlugen.

Wenn Sir Udo diese Werbekampagne geplant hatte, dann konnte er ja schlechterdings nicht auch noch für die Morde verantwortlich sein. Das ergäbe ja dann keinen Sinn mehr. Wenn Sir Udo aber nicht der Mörder war – war es dann Zufall, daß der „la Gadion Mörder“ sich sklavisch an sein, St. Negermens, Buch gehalten hatte. Blödsinn! Einen solchen Zufall konnte es im ganzen Multiversum nicht geben. Der Mörder mußte das Buch kennen. Aber es gab nur zwei Menschen, die das Buch kannten (Dünkelhaft wie alle Schriftsteller ver-schwendete St. Negermen keinen Gedanken an die Setzer, die Drucker, die Binder, die Lektoren). Nur Sir Udo und er selbst kannten das Buch. Aber Sir Udo war unschuldig. Das bedeutete ja …

Noch bevor er den ungeheuerlichen Verdacht ausformulieren konnte, überschlugen sich die Ereignisse.

XII

Die Besitzer des Büchersupermarktes Tha und Lia Smeik waren die Ersten, die das Knarren und Knirschen vernahmen. Sie sahen sich um. Nichts zu sehen. Das Geräusch wurde lauter. Und jetzt begann die Tribüne leicht zu schwanken – nein. Nicht zu schwanken: Sie sackte ein!

Alarmiert schauten die Umstehenden auf den Boden, auf dem die Bühne für den gefeierten Schriftsteller Etzi St. Negermen in aller Eile gebaut worden war. Von ihr liefen plötzlich Risse im Erdboden in alle Richtungen davon, wurden rasch breiter und wuchsen sich dann zu veritablen Spalten aus. Und sie wurden immer breiter …

Panik erfasste die Menge. Schreiend und brüllend stoben sie auseinander, stießen sich gegenseitig in die immer breiter klaffenden Risse hinein und trampelten über Gebrechliche, Greise und Kinder einfach hinweg. Sir Udo Hercker wurde von der Woge erfasst und nur mit größter Mühe gelang es ihm, an einen Torbogen Halt zu finden und an Ort und Stelle zu verweilen. In kreatürlicher Angst presste er die Augen zusammen. Ein ohrenbetäubendes Bersten erklang und dann herrschte plötzlich Stille. Eine Stille, die in den Ohren schmerzte.

Der Verleger öffnete vorsichtig die Augen und …

Was er sah, erfüllte ihn mit tiefstem Entsetzen. Der ganze Platz vor den neu errichteten Tempel der Literatur war eingebrochen und ölig aussehendes Wasser füllte das gigantische Loch und schlug große Wellen. Doch das war noch nicht das schlimmste: Denn nun begann das mehrstöckige Gebäude der Geschwister Smeik selbst zu wanken. Jener Palast aus Marmor, Nurnenholz und Kristall drohte einzustürzen.

Die komplette Vorderfront sackte ein. Ein kollektives Aufstöhnen durchlief die Menge. Langsam neigte sich das Haus dem Wasser entgegen. Doch mit einmal galt die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht mehr den Gebäude und seinen Schicksal – etwas viel dramatischeres spielte sich ab.

Da – stand da nicht jemand auf den Dach und lachte? Man sah genauer hin. Tatsächlich. Da oben auf den dem Untergang geweihten Gebäude stand ein Mann und lachte. Lachte in schieren Wahnsinn und blanken Irrsinn.

„Negermen“, brüllte der entsetzte Verleger. „Negermen – kommen sie sofort da runter.“ Er blickte sich Hilfe suchend um, doch alle Anwesenden starrten an ihn vorbei auf das bizarre Schauspiel, das sich ihnen bot. Auch wäre keiner so verrückt gewesen, sich den Haus zu nähern. Weder für Geld noch gute Worte.

„Usher“, heulte der Wahnsinnige nun, während sich das Gebäude immer mehr den See entgegenneigte. „Nicht länger Metzengerstein – endlich der, der ich immer schon war und nie sein durfte. Endlich Roderick Usher. Endlich befreit.“

„Negermen“, schrie der Freund und Verleger in allerhöchsten Schrecken. „Kommen sie runter. Das Haus kann jeden Moment einstürzen und Sie in den Tod reißen. So kommen Sie doch herunter“.

Statt einer Antwort griff der Autor in eine Tasche seines Umhanges und reckte einen blutigen Dolch in die Höhe. Dabei brüllte er: „Negermen ist tot, Sie Narr. Ich bin Roderick Usher – nicht länger Sklave dieser armseligen Kreatur. Und ich werde ewig …“

In diesen Moment gab das in seinen Grundfesten erschütterte und gequälte Gebäude endgültig seinen Kampf gegen sein Schicksal auf und stürzte krachend, polternd, bebend und kreischend in den See hinein, der aufkochte und alles – Stein, Buch, Holz, Autor – in sich aufnahm und nie wieder hergeben sollte.

Als sich die Wogen beruhigt hatten, trat der erschütterte Sir Udo an das Ufer – hoffend, seinen alten Freund und Weggefährten irgendwo zu finden. Doch das einzige, was auf den Wasser trieb, war ein Buch. Mit einiger Mühe gelang es Sir Udo, das Werk zu bergen und er las mit tränenumflorten Blick den Titel: Die schwarze Katze pendelt über den Mahlstrom und stürzt in die Grube des roten Todes. Das letzte Buch des großen Schriftstellers Etzi St. Negermen – das letzte Buch des gefürchteten „la Gadion-Mörders“.