Robin3

Der Fluch des grünen Goldes

Der dritte zamonische Runde Robin oder:

Eine Fortsetzungsgeschichte, niedergelegt von verschiedenen Autoren

 

 

 

Darthula

„Ah, diese verdammte Gicht!“

Sebastos Smeik schüttelte seine Hände aus und verzog das Gesicht. Was gab es Schlimmeres für einen Schattenspieler als Gicht in den Händen?

Am Vortag hatte er es allerdings mit dem Training auch ein wenig übertrieben. Stundenlang hatte er die „Special effects“ seines neuen Stückes geübt. Er durfte jetzt nicht schlappmachen, denn für die Spezialeffekte kam nur er in Frage – wer sonst verfügte über 14 Hände, mit denen Insektenschwärme, Hagel, Regen, Schneestürme und splitterndes Glas dargestellt werden konnten?

Seufzend rieb er die Finger aneinander.

Am schlimmsten schmerzten seine „Haupthände“, wie er sie nannte. Mit den obersten beiden schrieb er nämlich auch immer seine Drehbücher; fein säuberlich mit der Feder und nie, wirklich niemals mit einem Computer! Er hatte sich dem Traditionalismus verschrieben, und dazu gehörte nicht nur das alte Handwerk des Schattentheaters, sondern eben auch die Verweigerung gegenüber neuer Technik, die in ihrer grauen Schmucklosigkeit seine Kreativität beeinträchtigte.

Auf den bisherigen Plot seines neuesten Stückes war er besonders stolz. Damit würde ihm der Durchbruch gelingen, dessen war er sich sicher. Sein Lehrmeister auf der Schattenschauspielschule hatte ihm Großes prophezeit: Er würde mit seiner speziellen Begabung einer der ganz Berühmten im Business werden, die Fachleute würden sich um ihn reißen! Er dachte nur zu gern an dieses eine Gespräch zurück, beschwor die lobenden Worte und die Schwärmerei seines Lehrers wieder und wieder in seinem Geist herauf und genoss immer wieder dieses wohlige Gefühl des Geliebtseins, der Begeisterung anderer für seine Kunst! Und natürlich freute er sich unbändig auf den ersten großen Scheck! Was war denn die Liebe seiner Fans schon im Vergleich zu der Kohle, die er mit dem Schattentheater machen konnte! „Nur Bares ist Wahres!“ Das war eine unumstößliche Tatsache.

Sebastos seufzte noch einmal, beugte sich erneut über sein Manuskript und nahm die Feder zur Hand. Wo war er stehen geblieben? Ah ja, der Wespenschwarm, der im Hagelschauer über seinen Protagonisten herfiel und ihn zurück in sein Schloss trieb, in dem er die zarte Schöne gefangen hielt.

Er stutzte: Hatte er nicht drei Seiten weiter vorn geschrieben, die „zarte Schöne“ sei blond, blauäugig und langhaarig? Er blätterte zurück. Tatsächlich! Was für ein Blödsinn! Wieso waren in all den Geschichten der Weltliteratur, in denen zarte, schöne Frauen Opfer ziemlich dreister, testosterongesteuerter Männer wurden, diese Frauen blond, blauäugig und langhaarig? Und wieso folgte er diesem Klischee nun auch noch selbst? Wo er Blondinen doch eigentlich gar nicht mochte? Flugs strich er die entsprechenden Passagen durch und versah seine „zarte Schöne“ mit braunem, kräftigem, glattem, kinnlangem Haar und zartgrünen Augen, denen die leicht hängenden Oberlider einen traurigen und verletzlichen, aber auch einladenden Ausdruck verliehen. Und sie war natürlich auch nicht knabenhaft schmal und feingliedrig, sondern hatte ausladende Hüften und einen runden, kräftigen Hintern, bei dem ein Mann nicht anders konnte, als zupacken zu wollen. So! Das war doch endlich mal eine Person, mit der sich die Zuschauer auch befassen wollen würden! Schluss mit diesen blutleeren Weibchen, bei denen er noch nie hatte nachvollziehen können, wieso ein Mann auch nur einen Augendeckel lüpfen wollen sollte, um ihnen zu Hilfe zu eilen.

Jetzt musste er nur noch überlegen, wie er den Wespenschwarm, die rundhüftige Schöne und den Hagel weiter für sich und seine Geschichte verwenden konnte.

Während er überlegte, kritzelte er einen Grobentwurf für die Schattenfigur seiner grünäugigen Traumfrau auf den Rand seines Manuskripts. Die grünen Augen musste er natürlich irgendwie im Dialog der Figuren erwähnen, weil eine Schattenfigur ja keine wirkliche Augenfarbe hatte. Die runden Hüften aber … aah… ja, die würde man gut erkennen können.

…Grüne Augen, grüne Augen … Grün, grün … Hmmmm… Grünes Gold. Grünes Gold? Ginge das? Würde das funktionieren? Ein Schatz aus grünem Gold? Aah, noch besser: ein verfluchter Schatz aus grünem Gold! Sollte der unter der Pritsche der entführten Frau oder unter der des Protagonisten stehen? Bereit, jedem, der in zu stehlen plant, den Garaus zu machen? Verdammt! Bisher war ihm die Story nur so aus der Feder gesprudelt, und jetzt kreuzten sich Gedanken an runde Hüften, einen verfluchten grün-goldenen Schatz, den ersten dicken Scheck, Hagel, Wespen und einen gebeutelten Entführer wild in seinem Kopf und machten ihn ganz verrückt!

Und nächste Woche sollten die Theaterproben beginnen! Er hatte schon seine ganze Truppe beisammen, sie waren ab Montag fest engagiert. Er würde jede Menge Erklärungsnöte haben, wenn er jetzt nicht in die Pötte kam!

Da klopfte es an seiner Tür. Sein Butler streckte vorsichtig den Kopf durch den schmalen Spalt. „Meister“, hauchte er ehrerbietig, „da hat jemand gerade eine Truhe abgegeben, voll mit grünlich schimmerndem Gold. Was soll ich damit machen?“

Erster nachtigallscher Einschub:

Ja, was sollte er damit machen? Es vergraben? Es ausgeben? Es vererben? Es verschenken? Sebastos begann, mit offenen Augen zu träumen … Was sich mit so viel Gold alles machen ließ. Was sich mit so viel Gold alles … Er begann zu träumen.

Pecks

Der greise Midgardzwerg stützte sich schwer auf seine Krücke aus Nurnenholz, beschlagen mit Finsterbergeisen. Er trug nur einen Schuh, denn er hatte nur einen Fuß. Er seufzte aus tiefsten Herzen – aus einem Herzen, aus dem man nur seufzen kann, wenn einem ein Laubwolf einen Fuß abgebissen hat und man seitdem auf eine Krücke aus Nurnenholz mit einer Zwinge aus Finsterbergeisen angewiesen war:

„Ach, es geht doch nichts über eine Krücke aus Nurnenholz und einen soliden Beschlag aus Finsterbergeisen, wenn einen der Fuß schmerzt, den ein Laubwolf vor sieben Jahren abgebissen hat!“

„Der abgebissene Fuß schmerzt wohl wieder?“ kam es mitfühlend aus einem Sessel in der Ecke des überheizten Zimmers. „Nun, mit Ihrer schönen Krücke aus Nurnenholz und den wirklich bemerkenswerten Beschlag aus Finsterbergeisen sind Sie ja bestens gewappnet für diese Art Beschwerden.“

Der Midgardzwerg seufzte erneut und wollte bereits zu einer jammervollen Replik ansetzen – einer Replik, die bestimmt viele Hinweise auf Laubwölfe, abgebissene Füße, teures Nurnenholz und noch kostspieligeres Finsterbergeisen enthalten hätte, wäre sie je zustande gekommen – als die Tür aufging und eine Schreckse eintrat.

„Was für eine garstige Nacht!“, bellte sie zur Begrüßung. „Da schmerzt Ihnen doch bestimmt der abgebissene Fuß ganz scheußlich, oder?“ Sie watschelte zum Kamin hinüber, griff sich unterdessen einen Gralsunder Rachenschreck – eine Flasche, wohlgemerkt, kein Glas! – und leerte diese. Von gelegentlichen Schlucken unterbrochen, brummte sie:

„Garstiges Wetter. Dann der Fuß ab. Da braucht es Wärme. Können ja die Krücke aus Nurnenholz verbrennen, aber ich denke, die Zwinge aus Finsterbergeisen könnte schmelzen und giftige Dämpfe …“ Ihr Brabbeln wurde leiser und ihre Gedanken begannen, um giftige Dämpfe zu kreisen.

Giftigen Dämpfen glichen auch die Worte, die dem Midgardzwerg jetzt entfuhren:

„Verfluchter Laubwolf! Den Fuß abzubeißen! Was so eine Krücke aus Nurnenholz kostet! Und das Finsterbergeisen erst einmal!“

Der sich im Sessel fläzende Wildschweinling dachte behaglich:

Dumme Sache, sich einen Fuß abbeißen zu lassen. Da kann die schönste Krücke aus Nurnenholz und auch die edelste Zwinge aus Finsterbergeisen nichts dran ändern. Laut sagte er:

„Wissen Sie, ich habe Ihre Nurnenholzkrücke und die dazugehörige Finsterbergeisen-Klemme ja noch nie …“

„STOP!“ blaffte eine Stimme aus dem Dunkel der Stuhlreihen vor der Bühne. „Stop! Halt! Aufhören! Das ist ja nicht zum …“

„Aber ich habe noch sieben Seiten Text …“, begann der Midgardzwerg, der auf einmal – wie von Geisterhand herbeigezaubert – wieder zwei Füße hatte.

„Ein Grund mehr, die Sache abzukürzen“, befand der Regisseur des Theaterstücks »Der abgebissene Fuß, die Nurnenholzkrücke und die Finsterbergeisen-Zwinge«.

Die Schreckse auf der Bühne kippte sich verstohlen die zweite Flasche Rachenschreck in den Hals und begann, haltlos zu schwanken. Der Wildschweinling trat zu seinem Mitmimen an den Rand.

„Also hör mal, Sebastos, das haben wir doch schon alles hundertmal besprochen. Das Stück ist innovativ, das Stück ist pure Avantgarde, das Stück ist … ist …“ Er brach hilflos ab und sandte den Midgardzwerg einen flehenden Blick zu.

„Das Stück ist Prima!“ erklärte dieser bündig. „Die Schauspieler sind prima! Die Zuschauer werden es lieben! Die Zuschauer werden uns lieben!“

„Teeren und Federn werden die uns“, gab Sebastos Smeik düster zurück. „Die wollen Schattentheater sehen, keine Avantgarde.

„Schattentheater – Schnattertheater“, grunzte die Schreckse.

„Was würde ich nur ohne Deine wertvollen, fundierten Weisheiten unternehmen, liebste Inanana“, höhnte Sebastos Smeik böse.

„Gell?“, kicherte die Schreckse, an deren abstoßender Häßlichkeit sich die Wellen der Ironie wie an einer Hafenanlage brachen.

Sebastos Smeik, über sieben Ecken und drei Kanten mit der einflußreichen Familie der Pecksniffs verwandt und damit Angehöriger der beiden großen Haifischmaden-Sippen, zuckte mit den Schultern. Wie war er hier nur gelandet. Schattentheater hatte er machen wollen, Geld hatte er verdienen, nein: Scheffeln! wollen und stattdessen saß er hier in diesem halbseidenen Theater, das den Namen nicht verdiente und schlug sich mit viertklassigen Schauspielern und einen miserablem Stück herum. Avantgarde – das er nicht lachte.

Leifgar Leifgarson des Leifgar Leifgarsons Sohn, in Theaterkreisen besser bekannt als „4-Leif“ und sein Wildschweinling-Kollege Herbertus Hubert, sahen den allmächtigen Regisseur ungeduldig an. Beide dachten:

Emporkömmling! Flegel! Keine Ahnung von Theater! Schattentheater! Pöh! Das hier ist wahre Kunst! Schnösel! Laffe! Affe!

Die Schreckse dachte:

Schattentheater – Schnattertheater. Die Flasche ist schon wieder … Schnatter … Schnabeltier … Schnabeltiertheater …

In diesen Moment ging die große Flügeltür auf, die den Saal von der Außenwelt trennte. Licht flutete hinein und ein riesiges Schnabeltier betrat den Raum.

Skelch I.

Das gewaltige Tier bewegte sich langsam in die Halle. Die drei Schauspieler und der Regisseur konnten jede Falte auf dem monströsen ledrigen Schnabel erkennen, jede säbelartige Kralle an den mit Schwimmhäuten versehenen Füßen.

„Ups“, entfuhr es Inanana.

Da Sebastos noch immer völlig im Bann der eingedrungenen Kreatur stand, bemerkte er nicht, wie die Blicke der anderen auf die Schreckse fielen.

„Sie hat es schon wieder getan!“, rief Herbertus anklagend.

Jetzt wurde auch der Regisseur aufmerksam.

„Was hat sie getan?“, fragte er, Schlimmstes ahnend.

„Hallo Schnabeltier“, grüßte die Schreckse.

Sebastos Smeik glaubte, langsam zu verstehen.

„Hat sie dieses Biest hergerufen?“

Inanana sah in die Augen des Schnabeltieres. Die Worte der anderen hörte sie nur am Rande.

Hatte sie das Biest gerufen? Biest. Biene. Schnabeltiere konnten auch stechen, oder? Mit so einem Giftdorn. Gift. Drogen. Alkohol. Ja, sie hatte es wohl gerufen. Irgendwo musste doch noch eine Flasche sein …

„Es passiert manchmal einfach. Wenn sie zu viel intus hat, macht sich ihr Beschwörungstalent selbstständig“, erklärte Herbertus Hubert.

„Es ist doch nichts passiert“, versuchte 4-Leif zu beschwichtigen. „Wir haben doch keine Probleme mit Schnabeltieren. Schnabeltiere sind prima. Alles ist besser mit Schnabeltieren.“

Der Tonfall des Regisseurs machte deutlich, dass er das anders sah.

„Dieses Vieh ist riesig! Und wir wissen nicht einmal, was es will!“

Das Schnabeltier klappte die Beine zusammen und hockte sich somit auf den Boden. Sein Blick war starr auf die Bühne gerichtet.

„Schnabeltiertheater“, erklärte Inanana mehr oder weniger.

„Danke, das hilft mir sehr!“

„Gern geschehen.“

„Ich glaube, das Schnabeltier will ein Stück sehen“, übersetzte Herbertus. „Und ich für meinen Teil würde es lieber nicht reizen.“

„Das ist doch prima!“, fand 4-Leif. „Dann proben wir doch einfach weiter!“

Fast augenblicklich hatte der Midgardzwerg nur noch ein Bein und stützte sich auf eine Krücke, die in Wahrheit nur aus bemaltem Zyklopeneichenholz bestand.

Das Schnabeltier gab ein ungehaltenes Knurren von sich. Wäre es ein normal großes Tier gewesen, dann hätte man seine Äußerung auf der anderen Seite des Saals wahrscheinlich gar nicht gehört, so aber war sie furchteinflößend.

„Es will was mit Schnabeltieren“, nahm Inanana an.

„Ich kenne nichts mit Schnabeltieren“, gab Herbertus zu.

„Dann improvisiert was!“, verlangte Smeik.

Sebastos fühlte den Blick des gewaltigen Tieres auf sich ruhen.

Was fraßen Schnabeltiere eigentlich? Insekten? Maden? Vielleicht sollte er besser mitspielen, ehe es ihn für den Pausensnack hielt. Wie war er hier überhaupt rein geraten? Er hatte Schattentheater machen wollen! Er hatte Geld machen wollen! Jetzt war er drauf und dran, Faxen für ein Schnabeltier zu machen, weil er ja unbedingt mit einer Schreckse mit Alkoholproblem hatte arbeiten müssen!

Immer noch unter den Augen des großen Tieres schwabbelte Sebastos Smeik auf die Bühne. Und zu seinem Entsetzen sah er, dass die verfluchte – nein, Flüche waren ja verboten – verdammte Schreckse ihre dritte Flasche Gralsunder Rachenschreck wiedergefunden hatte.

Die Sonne ging langsam unter, als die beiden Missionare des Großen Schnabeltieres endlich die Höhle erreichten, in der das Feuer brannte, dessen Schein sie hergelockt hatte.

„Nun denn, Bruder Tuserbreh“, begann der Midgardzwerg, „ich muss gestehen, dass ihr recht hattet. Der Schein, dem wir folgten, stammt von einem Feuer.“

„Ja, Bruder Vielreif“, stimmte der Wildschweinling zu. „Und das bedeutet nicht nur, dass wir es heute Nacht warm haben werden, nein, es heißt auch, dass hier jemand leben muss. Hier können wir unserer Berufung folgen und die Lehre des Großen Schnabeltieres verbreiten!“

Beide bemerkten gleichzeitig, wie sich am Feuer etwas bewegte. Was sie bisher für einen Felsen gehalten hatten, entpuppte sich als eine riesenhafte Spinne.

Ihr Leib war groß wie ein alter Sessel, ihre Beine waren lang wie die Nasenhaare eines Bolloggs. Das furchterregendste an ihr aber war ihr Gesicht, denn es glich dem einer herausragend hässlichen Schreckse.

„Die Lehre des Schnabeltieres wollt ihr verbreiten?“, sprach sie. „Mir sollt ihr willkommen sein, doch nehmt euch in Acht. Über dieses Land herrscht der Schattenmeister Sesstoba der nur dem mächtigen Pyra huldigt.“

„Dem mächtigen Pyra?“, entfuhr es Tuserbreh.

Die Neuigkeit erfüllte ihn mit weit größerem Entsetzen als der Anblick der Spinnenschreckse.

„Aber das ist böse und ketzerisch! Nur das Große Schnabeltier ist wahrhaft mächtig!“

„Wir müssen diesen Sesstoba aufsuchen und ihn bekehren!“, stimmte Vielreif zu.

„Meinetwegen, aber wundert euch nicht, wenn seine Schatten mit euch den Boden aufwischen“, bemerkte die Spinne, deren Worte irgendwie unpassend wirkten. „Ich meine: Wollt ihr dies wirklich wagen, dann seid gewarnt vor den Schattenschergen Sesstobas!“

„Wir scheuen keine Gefahr um die Wahrheit zu verkünden!“, erklärte Vielreif.

„Dann nächtigt nur hier, ihr seid eingeladen. Morgen früh werde ich euch den Weg beschreiben.“

„Dankend nehmen wir Euer Angebot an“, verkündete Tuserbreh.

Die beiden Missionare legten sich ans Feuer und bald waren sie eingeschlafen.

Bruder Vielreif stand vor einem großen Sessel, in dem ein Wildschweinling mit einem langen weißen Bart saß. Neben dem Sessel hatte es sich eine Haifischmade bequem gemacht.

„Vater Trubhe, wenn Ihr mich in meinem Traum aufsucht, müsst ihr etwas wichtiges mitzuteilen haben“, sagte er.

„So ist es“, erwiderte der Wildschweinling. „Ich habe gespürt, wohin ihr geht, und habe deshalb Bruder Mesik mitgebracht.“

Die Haifischmade hob ihren Kopf.

„Wisse, Bruder“, begann sie, „dass das Land, das ihr betreten habt, von meinem bösen Bruder Sesstobas beherrscht wird, der den mächtigen Pyra anbetet.“

„Ja, das weiß ich schon“, meinte Vielreif. „Will sagen: Diese Kunde erhielt ich bereits. Ich und Bruder Tuserbreh wollen ihn bekehren.“

„Das ist ein löbliches Unterfangen“, sagte Vater Trubhe. „Doch seid gewarnt: Sesstobas verehrt nicht nur den Pyra, er verachtet auch das Große Schnabeltier. Vor allem aber fürchtet er es. Er wird dafür Sorge tragen, dass ihr gar nicht erst zu ihm sprecht.“

„Mein Bruder ist arglistig“, stimmte Bruder Mesik zu. „Und er ist feige. Er wird andere schicken um euch aufzuhalten.“

„Wir werden uns vorsehen“, versicherte Vielreif.

Die Haifischmade zögerte einen Moment, dann fügte sie noch etwas hinzu: „Wenn ihr es doch schafft, mit meinem Bruder zu sprechen, sagt ihm, ich habe damals den ganzen Pudding verspeist. Vielleicht hört er euch dann zu.“

Vielreif nickte.

Am Morgen standen die Missionare auf. Nachdem die Spinne ihr Frühstück, eine Flasche beißend riechender Flüssigkeit, zu sich genommen hatte, traten alle drei vor die Höhle und das schaurige Wesen beschrieb den Weg.

„Seht ihr das Wäldchen dort hinten? Da geht ihr besser nicht hin. Und seht ihr den kleinen See dort? Da könnt ihr ruhig hingehen, es bringt euch aber nichts. Und seht ihr den verfluchten Grabhügel da, von dem es heißt, er sei voll mit Gold, dessen Farbe mir jetzt nicht einfällt? Der hat überhaupt nichts mit der ganzen Sache zu tun. Ihr müsst da lang.“

Mit einem langen Spinnenbein wies das Wesen in eine Richtung.

„Da kommt ihr dann irgendwann an das Gasthaus des Traumwirtes Omstas Besisek, der fetten Made. Da könnt ihr was essen, aber nehmt nicht das Tagesgericht, das ist immer das, was dringend weg muss. Da gibt es auch einen Weg, dem folgt ihr aufwärts. Dann kommt ihr irgendwann an das Zelt der Wahrsagerschreckse Naianna. Ihr könnt euch da was vorhersagen lassen, vielleicht hilft es euch ja. Naja, die wird euch die Richtung zeigen, in die ihr am besten weiter geht, auf dem Weg solltet ihr da nämlich nicht bleiben, mehr Weg haben wir nämlich nicht und es wäre ziemlich peinlich, das zugeben zu müssen. Irgendwann findet ihr dann die Höhle des zweiköpfigen Telefibehsurr. Aber jeder von euch kann immer nur unter vier Augen mit einem Kopf sprechen. Ja und dann müsstet ihr den Schattenpalast eigentlich schon sehen können.“

„Prima“, freute sich Vielreif. „Habt Dank und auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen!“, wünschte auch Tuserbreh.

„Den Schattenpalast mit all seinen Schatten“, murmelte die Schrecksenspinne abwesend. „Mit den Schatten und dem Schattenmeister, der auch nen Schatten hat. Ganz vielen Schatten. Großen Schatten, kleinen Schatten. Ob da auch Schatten von Flaschen dabei sind? Ich könnte noch nen Rachenschreck gebrauchen …“

Die Brüder sahen sich nur verwirrt an, dann gingen sie los.

Die weite Wiesenlandschaft wirkte seltsam flach, als die Missionare vor ihr einherschritten.

„Das ist ja schon ganz wunderbar“, fand Vielreif. „Wir haben nun einen klaren Weg vor uns und wissen genau, wohin wir uns wenden müssen, um die Lehre des Großen Schnabeltieres zu verbreiten.“

„Ja“, stimmte Tuserbreh zu. „Bestimmt ist das Große Schnabeltier überaus zufrieden mit uns.“

Mit einem Mal verdunkelte sich der Himmel. Wolken ballten sich zusammen, ein Blitz zuckte am Firmament.

Der darauffolgende Donner aber klang eher wie ein lautes Knurren.

„Das Große Schnabeltier ist nicht zufrieden!“, erkannte Tuserbreh.

„Wir müssen etwas verändern!“, erkannte Vielreif.

„Aber was?“

Sichtlich angestrengt dachten die Missionare nach.

„Oh, was können wir nur tun?“, lamentierte Tuserbreh lautstark und breitete die Arme aus, den Blick scheinbar in die Leere gerichtet. „Machen wir es uns zu leicht? Will uns das Große Schnabeltier prüfen? Will es, dass wir uns mehr Herausforderungen stellen? Will es, dass wir vom vorgesehen Weg abweichen und verschlungenen Pfaden folgen um unser Ziel zu erreichen?“

Der Himmel klarte ebenso schnell auf, wie er sich verdunkelt hatte.

„Tja, das war deutlich“, fand Vielreif.

„Gut, dann …“

Tuserbreh sprach besonders laut und deutlich.

„Dann kommen wir als nächstes nicht an das Wirtshaus, sondern irgendwo anders hin! Mal sehen!“

Mit Unsicherheit in den Augen gingen die beiden weiter, einem ungewissen Schicksal entgegen.

Klogatte

Der Wecker rasselte. Robin schlug die Augen auf und den Wecker still. Es grollte und donnerte in der Ferne, Regen pochte tropfend auf das Dachfenster, lief in kleinen Lebensadern daran hinab, suchte sich seinen langen Weg zurück ins Meer. Robin starrte durch das verglaste Loch im Dach und versuchte wach und seiner Sinne wieder Herr zu werden. Da waren ein Schnabeltier und ein Wäldchen, eine Haifischmade in einem Theater. Er war sich auch sicher, dass irgendwo ein Fuß fehlte. Und dann die Spinne und die Missionare … meine Güte. Er rieb sich die Augen und seufzte. Wie jeden verdammten Tag in den letzen Wochen war es auch heute viel zu früh. Er zog sich die Decke über den Kopf. Vielleicht, dachte er, vielleicht kann ich heute Mittag mal ohne diese ständigen Träume ein kleines Nickerchen machen …

Langsames Aufstehen, der Badgang, das Anziehen, ab in die Küche, Fernseher an, Mitteilungen am Computer abrufen, wie die ganze Welt beginnt auch Robins Tag mit den üblichen Ritualen. Die Kaffeemaschine hustete lautstark den letzten Wasserdampf in die Luft und die Nachrichten zeigten die neuesten Bilder der Smeikprozesse vor dem obersten zamonischen Gerichtshof in Atlantis. Seit Tagen war nichts Anders zu lesen und zu hören. Smeik hier, Smeik da. Sollen sie doch die ganze Sippe endlich in den Knast stecken oder ausweisen, dann haben wir Ruhe und das verdammte Gold findet sowieso keiner mehr, dachte Robin und verlieh dabei seinem Butterbrot einen kunstvoll feinen Honigüberzug.

Seine Gedanken kreisten um die wirklich verwirrenden Vorkommnisse der vergangen Tage und die Wetterschreckse von Kanal 8 bestätigte gerade mit düsteren Worten die schlechten Aussichten für heute und den ganzen Rest der Woche sowieso, als das Telefon klingelte. Die Butter, das Brot und ganz vorweg der Honig quittierten Robins bewegungsreiche Überraschung mit einem gekonnten Salto und einer schamlosen Landung auf der Tischdecke. Wer ruft verdammt noch mal um diese Zeit hier an? Ist was passiert? Während der Honig seine neue Freundschaft mit der Tischdecke intensivierte, stand Robin auf, ging eilig in den Flur und nahm den Hörer ab. „Ja bitte?“

„Wo bist Du? Wir haben heute, hier und jetzt in nicht mal ganz einer Stunde einen Termin beim Beschwerderat der Nachtschulverwaltung im Zamor und wir müssen noch durch die ganze Stadt fahren wenn Du endlich hier bist! Du weißt, was der Fehlerfrei mit uns macht, wenn wir nicht pünktlich sind?“, drang es lautstark in sein Ohr. Das Gewitter war zurück, direkt über ihm, hier in seinem Flur. Die abrupte Erinnerung, an die Nachtschule, den Vorfall im Schultheater und das Zusammentreffen mit Bardonius von Fehlerfrei, es lief ihm eiskalt den Rücken runter. „Verdammt Klogatte, ich bin auf dem Weg zu dir. Ich eile! Warte auf einfach unten auf mich.“ Robin legte ohne eine Antwort abzuwarten auf und war schon halb auf dem Weg in den Flur als ein intensiver Waldgeruch seine Sinne forderte und ihn zum plötzlichen Anhalten zwang.

Er blickte sich um. Was war hier los? Es raschelte und kratzte hinter ihm, etwas Schweres schob sich langsam über den Boden. Robin machte einen Schritt nach vorne, drehte sich um und blickte auf eine Kürbisgroße Spinne, die direkt neben dem Sofa saß. Die Spinne starrte ihn an. Ihr Blick sagte: Schön, Du hast mich endlich auch bemerkt und dann, fast in Zeitlupe bewegte sich eines ihrer Vorderbeine, so als wolle sie in eine bestimmte Richtung deuten. Robins Nackenhaare vibrierten, sogen sich voll mit Angstschweiß, ein dringendes Unwohlsein kroch tief aus dem Bauch bis in seinen Kopf. Er wich zurück, sein Puls laut wie Glockenschläge im Ohr, Watte unter den Füssen. Das kann doch alles nicht wahr sein, rief er laut. Robin war nie ein Feigling gewesen, aber Spinnen? Nein, dies war entschieden zu viel am frühen Morgen. Er hechtete mit einem gezielten Sprung über den Flur ins Bad und warf die Tür hinter sich ins Schloss.

Schnappatmen, Schwindel, ein schmerzender Ellenbogen. Auf dem Badezimmerboden lagen jetzt ein Waschlappen, eine offene Schaumbadflasche, freudig auslaufend und eine Haarspraydose. Und unter dem Waschbecken ist ein großzügiges Wattestäbchenmikado zum erliegen gekommen. Ja, so geht das, wenn man angesichts überraschend ungebetener Gäste Wohnungsakrobatik betreiben muss. Robin drehte sich im Kreis und suchte sich einen passenden Gegenstand zur Verteidigung. Aber das Bad gab nichts Vernünftiges her, was man gegen eine überdimensionierte Spinne hätte einsetzen können. Sein Blick blieb auf dem Spiegel hängen und schaute ihn an. Was mache ich hier? Was soll der Quatsch? Eine riesige Spinne im Wohnzimmer? So ein Blödsinn, dachte er. Noch einen Moment lang starrte er sich Mut in den Kopf, drehte sich rum, tastete nach dem Türgriff um dann aber doch erst mal zur Vorsicht mit dem Ohr an der Tür zu horchen.

Stille.

Sonst nahm er nichts wahr. Kein Geräusch drang von der Wohnung durch die Tür. Draußen auf der Straße hupte ein Wagen und am Haus gegenüber schlug jemand den Deckel der Mülltonne intensiv zu. Die Fhernhachenkinder von oben polterten mit ihrem Wohnungsfangballspiel alle zur Verfügung stehende Längen- und Breitengrade ab. Aber aus seiner Wohnung war nichts zu hören. Langsam öffnete er die Tür, bereit in jedem Moment wieder die Flucht zu ergreifen. Er schob sich um die Wandecke neben der Badezimmertür in den Flur und ging zögernd zum Wohnzimmer. Noch immer keine Geräusche. Alles um ihn herum schwieg mit ihm. Ein vorsichtiger Blick ins Zimmer verriet ihm, was er sich schon dachte, da war nichts. Keine Spur von einer Spinne, keine anderen Besucher und, nach intensiver, leise grunzender Riechprobe, auch kein Wald. Er musste diese verdammten Tagträume schnellstens loswerden.

Er ging zurück in die Küche, schüttelte in Gedanken seinen Kopf über sich selbst und machte das Wetter, mangels Alternative, für diesen ganzen Mist verantwortlich. Das Honigbrot hatte inzwischen seine Verbindung mit der Tischdecke sehr ordentlich vertieft und lag neben seinem Teller vor sich hin. Robin nahm das Brot mit allem was noch daran klebte, stopfte es eilig in den Mund, zog die Tischdecke gekonnt und ohne das darauf stehende Geschirr vom Tisch und warf sie in die Ecke neben die Waschmaschine. Er blickte kurz stolz und zufrieden lächelnd auf seine Tischordungstat, schlürfte den Rest Kaffee aus dem Becher und wollte gerade gehen als er sah, dass die Wetterschreckse vom Kanal 8 lächelte.

Jetzt hatte der Fernseher jäh seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Wetterschreckse lächelte glubschäugig in die Kamera. Gibt es etwas Ungewöhnlicheres? Hat dieser Morgen auch mal irgendetwas Normales auf Lager? dachte er. Oder haben die einfach wieder mal eine Störung? Die Schreckse kicherte leise und hielt ein Glas und eine Flasche Rachenschreck hoch. „Möchtest Du auch einen Schluck, Robin?“ lallte sie in die Kamera. Ihr Gesicht verzog sich leicht, ihr Blick wurde glasig. „Schattentheater … Schattentheater – Schnattertheater. Die Flasche ist schon wieder … Schnatter … Schnabeltier … Schnabeltiertheater … “ die Schreckse schnaufte schwer und dann wurde das Bild dunkel.

Das war genug. Fluchtartig, Schuhe und Jacke im Laufschritt anziehend griff er seine Wagenschlüssel und das Telefon und verließ die Wohnung. Kein Abschließen, Treppe runter, zwei Stufen auf einmal. Er hörte die Wohnungstüre von Gegenüber und genoss die Genugtuung schneller gewesen zu sein, als die alte Toffin, die sowieso nur wieder über die mangelnde Treppenhaushygiene mit ihm debattieren wollte. Im Erdgeschoss angekommen stolperte er beinahe an den ausgetretenen Stufen, erreichte aber den Türgriff rechtzeitig um sich festzuhalten und stand dann schnaufend auf der Straße. Es regnete wieder und er musste kurz überlegen, wo er gestern Abend seinen Wagen abgestellt hatte.

Berufsverkehr und schlechtes Wetter. Robin fuhr durch die Eulengasse über den Stadteinwärts verstopften Panoramaring zur Mautstelle an der Wickerstrasse. Kurz vor der Warteschlange bog er rechts ab und nahm den kostenlosen Schleichweg zur Kornheimer Landstrasse. Mit einer Hand sein Telefon nach aktuellen Terminen und Uhrzeiten durchsuchend erreichte er die Baustelle am Versorgungsamt im Bauminger Weg. Und, es war klar, nicht nur das Wetter behinderte ihn und den restlichen Verkehr, nun hatte er auch einen Laster vor sich, der mit ihm in die Baustelle an der Straßenbahnhaltestelle eingefahren war. Und jetzt blieb dieser scheiß Laster auch noch stehen. Robin fluchte vor sich hin, wie oft hatte er schon die gesparte Maut über den Unbiskantring mit verlorener Zeit teuer bezahlt. Stadtplaner sind Idioten, dachte er sich und spielte am Radio, um einen besseren Verkehrsfunksender für die Stadt zu finden.

Der Laster stand und es ging weder vorwärts noch rückwärts. Irgendein Baufahrzeug blockierte die einspurige Strecke weiter vorn. Hinter ihm wurde schon mal ordentlich gehupt und zu allem Überfluss verstärkte sich nun auch wieder der Regen. Die Scheiben im Wagen liefen an. Robin drehte die Lüftung hoch, was aber nicht wirklich viel half. Ich sollte beim nächsten Mal einen Wagen mit Klimaanlage nehmen, dachte er und blickte im Rückspiegel über die Motorhaube und durch die Windschutzscheibe seines Hintermanns direkt in das Gesicht eines … Schnabeltiers.

Robin starrte in den Spiegel, das Schnabeltier starrte zurück. Er seufzte, schloss die Augen, rieb sich den Nasenrücken und schaute wieder in den Spiegel. Das Schnabeltier glotzte ihn noch immer an. Verdammt, verdammt, verdammt! Robin knetete sein Lenkrad und blickte sich nach einer Möglichkeit zum weiterkommen um. Nichts. Rechts und links von ihm waren Baustellenzäune und der Fahrer des Lastwagens redete gerade auf den Bauarbeiter ein, der mittlerweile seine Palette mit den Rohrleitungen vom Gabelstapler direkt auf die Straße vor ihm abgestellt hatte. Robins Telefon klingelte, riss ihn aus dem Geschehen. Das Display zeigte „Klogatte ruft an“. Robin drückte den „Abweisen“ Knopf und warf das Telefon auf den Beifahrersitz. Er schloss die Augen und dachte wehmütig an eine erholsam ausgeschlafene Nacht, ein frisches Frühstück und endlich mal einen Tag in aller Ruhe.

Seufzend hoffnungsvoll blickte Robin wieder in den Rückspiegel. Aber das Schnabeltier war noch immer da. Ein diffuses Flackern huschte jetzt durch seine Augen. Langsam verzog sich sein Gesicht zu einer seltsamen Fratze. Der Mund öffnete sich, legte die eindrucksvoll spitzen Zahnreihen frei und brüllte ihn dann wie aus der Ferne an. „Fahr endlich los, Du verdammter Idiot!“ brüllte das Tier. Robin starrte in den Spiegel. „Wie bitte?“ Die Bewegungen des Schnabeltiers wurden schneller, irgendwie wilder. „Wie lange sollen wir hier denn noch stehen? Fahr endlich!“ kreischte es nun. Robin blickte nach vorn und wieder in den Spiegel. Er rieb sich die Augen. Nun blickte er direkt in das puterrote Gesicht eines Fhernhachen, der wild gestikulierend im Wagen hinter ihm seine Hupe malträtierte.

Die Verblüffung wich, machte Platz für die nunmehr schnelle Erkenntnis, dass der Lastwagen mittlerweile tatsächlich weiter gefahren war und die Straße vor ihm nun wieder freigegeben hatte. Robin setzte sich im Wagen zurecht, schaute noch einmal in den Rückspiegel und fuhr dann mit einem „Jaja, Du mich auch“ los. Die Fahrt durch die Stadt verlief jetzt ohne weitere Begegnungen mit Tagträumen und auch der Verkehr und das Wetter behinderten sein Fortkommen nicht. Beim Einbiegen in die Vielwasserstrase konnte von Weitem schon den wartenden Klogatte auf dem Gehweg sehen, der auf eine Nurnenholzkrücke gestützt auf dem Gehweg hin und her lief.

Anne

Na jetzt reicht es aber! Mit einem Aufseufzen rieb sich Robin mit der einen Hand über die Augen, während er mit der anderen zur Beifahrertür griff, um sie zu öffnen. Verdammte Zentralverriegelung! Er brauchte wirklich ein neues Auto. Das komische war, das die Nurnenholzkrücke mit Klogattes Näherkommen nicht verschwand. Ach was, Robin würde doch noch seinen besten Freund erkennen, mit dem er schon so viele Jahre in der Nachtschule durchgestanden hatte, mit dem er so viel Unsinn veranstaltet hatte ... jäh wurde der Strom von Erinnerungen abgerissen, als Klogatte schnaufend und vom Regen triefend die Tür aufriss: „Da bist du ja endlich, wir haben nur noch 20 Minuten!!“ „Guten Morgen, und ja, ich freu mich auch dich zu sehen.“ Klogatte schwang sich ins Auto und Robin drückte aufs Gas. Warum hatte er nur immer noch diese Krücke dabei? Bei genauerem Hinsehen fiel Robin auf, dass sie eindeutig nicht aus Nurnenholz, sondern nur aus bemaltem Zyklopeneichenholz war. „Klogatte, was soll diese verdammte Krücke?? Denkst du nicht, wir haben schon genug Probleme am Hals als dass wir auch noch selber Theater spielen müssten?“ Klogatte druckste ein wenig herum - schließlich erklärte er, sichtlich ungern: „Du hast doch sicher von dem großen Busunglück am Finsterbergplatz gehört? Wo so ein Fernhache behauptet hat, ein kleiner Wolpertinger wäre ihm vors Auto gelaufen - er hat eine Vollbremsung hingelegt, worauf der Bus hinter ihm auch ins Schlingern gekommen ist und die Straßenlaterne gerammt hat?? Ich hab mir gedacht, naja, vielleicht hat der Fehlerfrei ein bisschen Mitleid wenn ich verletzt bin, also mir den Knöchel ganz schlimm verstaucht habe ...“ „Bist du vollkommen irre? Professor Bardonius von Fehlerfrei und Mitleid? Das kann nicht gut gehen. Wenn der erkennt, dass du ihm etwas vorspielst, dreht er durch! Du weißt doch wie aggressiv manche Nattifftoffen werden können, und besonders unser Fehlerfrei - wenn ich daran denke, wie der nach unserer Sache ausgesehen hat ... aber selbst wenn es eine gute Idee ist, warum unbedingt eine bemalte Zyklopeneichenholzkrücke, die aussieht wie eine Nurnenholzkrücke?“ Klogatte sah Robin ungläubig an. „Robin, das ist kein bemaltes Holz und auch kein unbemaltes, das ist einfach nur eine Plastikrücke! Hast du schon wieder diese Vorstellungen? Weißt du was, ich hab da eine gute Idee für dich, ich habe dir doch mal von dieser Psychiaterin erzählt, du weißt doch noch, die mir so mit meinen Albträumen geholfen hat, wie hieß die gleich nochmal ...Naninna...Niannina...“ „Vielleicht die Schreckse Naianna?“ fragte Robin vorsichtig. „Genau die war es!“ rief Klogatte strahlend, ganz im Gegenteil zum Wetter, da es wieder wie aus Kübeln zu regnen begonnen hatte. Dementsprechend hoch war die Wasserfontäne, die entstand, als Robin mit quietschenden Reifen am Straßenrand stehen blieb.

Ich werde verrückt, ich werde verrückt, das kann doch nicht sein! Liegt es an diesem verdammten Regen, oder kommt jetzt bald jemand vom Einwohnermeldeamt und erzählt mir, dass meine Urururgroßmutter die uneheliche Tochter einer Schreckse und eines Eydeeten war?

Keuchend umklammerte Robin das Lenkrad und tat Klogattes fragenden und etwas besorgten Blick mit einem Kopfschütteln ab. Als sein Atem wieder normal ging, schaute er aus dem Fenster. Die Welt außerhalb des Autos war vom Regen, der über die Scheiben herablief, verschleiert, aber trotzdem glaubte er auf der anderen Straßenseite zwei Wildschweinlinge zu erkennen, die an einer Stellwand neue Plakate anbrachten.

Siehst du Robin, es gibt immer jemanden, dem es noch schlechter geht als dir. Die sind sicher schon total durchnässt, das Plakat muss sich auch schon halb auflösen ...

Doch beim nächsten Blick sah er zwischen zwei ebenfalls durchnässten Rikschadämonen hindurch den Inhalt des Plakates, auf dem in großen, grüngoldenen Lettern prangte:

Wählt Tessoba Smeik, ihr Kandidat für das Schattenministerum.

Das ist das Ende. Ich kann nicht mehr.

„Klogatte, ich brauche Schokolade. Sofort.“ Mit diesen Worten begann Robin wie ein Verrückter das Handschuhfach auszuräumen. Parkscheiben, alte Parkzettel, Eintrittskarten, benutzte und unbenutzte Taschentücher, Kaugummi, sein alter Kamm und noch andere Sachen flogen quer durch das Auto. „Wo hast du sie versteckt? Ich hatte doch noch welche im Geheimfach unter dem Sitz ...“ Der besonnene Klogatte packte Robin am Arm und konnte ihn nur unter Aufgebot all seiner Kräfte davon abhalten, unter den Fahrersitz zu kriechen. „Robin“ redete er auf ihn ein, „wir hatten das doch schon. Du hast schon so lange durchgehalten, jetzt reiß dich zusammen, wir haben jetzt keine Zeit für einen Rückfall! Du weißt doch, dass wir alle deine Geheimverstecke gefunden haben, sogar die im Gehäuse von deinem Fernseher ...“ „Neeein!“ schrie Robin in einer Lautstärke und mit dramatischen Bewegungen, die jedem Teufelszyklopen das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen würden, „ich kann nicht ohne sie leben! Kannst du dir ein Leben ohne Schokolade vorstellen? Ein Leben ohne diesen Genuss, wenn sich die Zartbittercreme langsam auf deiner Zunge auflöst, die Kakaopartikel bis in die hintersten Winkel deines Mundes vordringen und dann auf deine Geschmacksnerven treffen - ich kann das nicht. Oder ein Leben ohne den Moment, wenn dir morgens der Geruch von perfekt temperierter flüssiger Vollmilchschokolade in die Nase steigt, oder das Gefühl vom besten Nebelheimer Nougat, wenn er zwischen deinen Fingern bereits beginnt zu schmelzen, weil du seinen intensiven Geruch so lange eingeatmet hast, bis du dir den Rest nur noch von den Fingern lecken konntest? Oder ...“

Kopfschüttelnd sah Klogatte seinen alten Freund an. Wie sehr hatte er gekämpft. Wie lange hatte er durchgehalten. Und nun das. Genau in dem Moment, als sie so einen Rückfall am wenigsten brauchen konnten - in 10 Minuten sollten sie eigentlich schon vor dem Schulrat stehen. Seufzend unterbrach er Robins Redeschwall: „Robin, es reicht. Du weißt, was uns diese Schokoladengeschichte schon alles eingebrockt hat. Ich weiß, dass du stark genug bist, um zu widerstehen. Schau, du hast es schon so weit geschafft - warum jetzt aufgeben? Wir haben in 10 Minuten einen Termin, und sogar da müssen wir wegen deiner verdammten Schokolade hin!“ „Daran war nicht die Schokolade schuld. Was kann ich denn dafür, wenn ich ein bisschen rundlicher war? Aber wie haben sie mich gequält - weißt du noch, was sie mir für Namen gegeben haben, was sie mir all die Jahre auf den Gängen nachgeschrien haben?“ Wenigstens konnte Robin, durch Klogattes ruhige Stimme ein wenig besänftigt und letztendlich doch überzeugt, dass er im gesamten Auto keine Schokolade finden würde, wieder mehr oder weniger klar denken. Und er hatte recht. „Runder Robin. Round Robin haben sie dich genannt.“ Selbst die Erinnerung, der bloße Klang des Namens weckte in Robin wieder all die Gefühle, die seine Klassenkameraden in den Anfängen seiner Schulzeit in ihm auf vortrefflichste zu wecken gewusst hatten. Er hasste sie. Er verabscheute sie. Und deshalb wollte er sich rächen. Natürlich hatte ihm sein treuer Freund Klogatte geholfen. Alles wäre wunderbar gewesen, seit seiner Entzugskur hatte Robin sogar wieder etwas abgenommen und hätte im Höhepunkt seiner Rache vor allen triumphiert, die ihn so gequält hatten. Wenn nur nicht dieser verdammte Fehlerfrei etwas spitzgekriegt hätte!

Plötzlich hörten die beiden von draußen ein lautes Hupen. „Nicht schon wieder so ein verdammtes Schnabeltier!“ schoss es Robin durch den Kopf. Aber nein, es war nur ein Müllwagen, der sich genau dort hinstellen wollte, wo Robin geparkt hatte. Genervt und mit seinen Nerven am Ende sah er Klogatte an. „Du musst fahren.“ Sie hetzten durch den Regen einmal ums Auto, und nachdem sich Robin vollkommen erschöpft in seinen Sitzt plumpsen lassen hatte, startete Klogatte den Wagen. Mit Vollgas raste er durch die verregneten Straßen, stets in dem Bewusstsein was ihnen blühen würde, wenn sie sich verspäteten. Als sie dann, trotz aller Bemühungen 5 Minuten zu spät, am Parkplatz der Nachtschulverwaltung ankamen, war auch Robin wieder weit genug in seinen Normalzustand zurückgekehrt, um den Ernst der Lage zu begreifen. Sie rannten aus dem Auto, quer über die Straße, durch den Hauptgang im Foyer über die große Treppe in den zweiten Stock, bis sie sich, keuchend, tropfend und mit klopfendem Herzen vor der Tür des Verwaltungsrates wiederfanden.

Noch bevor Robin auf Klogattes fragenden Blick ob sie denn anklopfen sollten antworten konnte, öffnete sich die Tür nach innen und die beiden standen Angesicht in Angesicht vor dem Nachtschulverwaltungsrat. Die Räte saßen an U-förmig aufgestellten Tischen, in der Mitte des Us stand Bardonius von Fehlerfrei und schien sie mit seinen Blicken fast ermorden zu wollen. „Sie sind zu spät.“ stellte er mit schneidender Stimme fest.“Entschuldigen Sie bitte vielmals, aber Sie kennen ja den Stadtverkehr bei diesem Wetter, und direkt vor meiner Wohnung ist noch eine Baustelle, genauso wie ...“ Zu diesem Zeitpunkt wurde der nervöse Robin jedoch bereits vom stellvertretenden Vorsitzenden des Nachtschulrats unterbrochen. Ein imposanter, mit Orden behängter Rettungssaurier, der seinem Äußeren nach wohl die Entstehung der Finsterberge miterlebt hatte, erhob sich von seinem Platz an der Frontseite des Us, rückte seine Brille zurecht und fragte: „Sie beide wissen, warum Sie hier sind?“ Klogatte und Robin nickten, jedoch mussten sie sich beide das Lachen verbeißen, da die Stimme des Rettungssauriers das genaue Gegenteil zu seiner äußeren Erscheinung war - fistelig, spröde wie Papier aus den ältesten Schinken Buchhaims, leicht quietschend wie ein ungeöltes Mikroskop, und er lispelte wie ein Rikschadämon. „Finden Sie irgendetwas an dieser Situation etwa zum Lachen?“ lispelte und quietschte der Rettungssaurier mit einem Unterton, der wahrscheinlich bedrohlich klingen hätte sollen, die zwei Freunde aber noch mehr in die Bredouille brachte, da zumindest Klogatte sich nun fast nicht mehr halten konnte. Erst ein saftiger Schlag mit dem Ellbogen in die Rippen von Robin brachte ihn dazu, seinen Lachanfall als Husten zu tarnen. Robin versuchte in dem Moment, die Situation zu entspannen, indem er erklärte, dass Klogatte durch den vielen Regen an einer mittelschweren Erkältung litt. „Und warum trägt er dann eine Krücke und keinen großen Haufen Taschentücher mit sich herum?“ meldete sich Bardonius von Fehlerfrei mit einem fiesen Grinsen. Betreten schauten sich die beiden an. Doch gerade als Klogatte zu einer Rechtfertigung anheben wollte, klopfte es an der Tür.

Skcep

Klogatte, immer servil und immer agil, rannte zur Tür, um diese zu öffnen. Was er nicht wußte – woher sollte er auch, der Schelm, der ahnungslose – war, daß sich in diesen Moment zu seinen behaarten Füßen ein Dimensionsloch öffnete. Er dachte noch: Das riecht doch glatt nach …, dann war er verschwunden und ließ einen fassungslosen Robin und einen konsternierten Nachtschulverwaltungsrat zurück.

Die weitere Handlung spielt ab jetzt in einer gänzlich anderen Dimension, die der bisherigen vollkommen gleicht. Vollkommen gleicht bis auf ein paar marginale Einzelheiten. Einzelheiten, die – marginal oder nicht – elementar wichtig sind. Oder auch nicht. Was weiß ich schon von anderen Dimensionen?

… diesen Zeug, das man immer an Dimensionslöchern findet. Klogatte drückte die Klinke. Der Sturz war so schnell gegangen und sein Hutzenhirn war so langsam, das beides zusammengenommen bewirkt hatte – nun, der langen Rede kurzer Sinn: Er hatte nichts mitbekommen. Er riß also die Tür auf und vor ihn stand – Bardonius von Fehlerfrei. Hä? Wie ging das denn? Er schlug die Tür zu. Seine Gedanken rasten. Der Alte hatte ihn doch gerade erst zusammengefaltet wie ein Papierflugzeug. Und zwar hier im Zimmer! Zimmer? Apropos Zimmer … war es nicht eben noch wesentlich breiter und größer gewesen? Klogatte kratzte sich am Kopf und am Hintern. Seine Augen glitten von links nach rechts und wieder zurück, nach oben und unten, nach vorn und hinten. Ein Flur! Kein Zimmer. Ganz eindeutig ein Flur. Was beim großen Smeik…? Wo waren die U-förmig angeordneten Tische, wo war der Aufsichtsrat. Was zum dummen Troll …

Er sah nach anowst – eine Richtung, in die nur Hutzen blicken können und das auch nur in dieser speziellen Dimension – und direkt in die Augen von Robin. Gut, hatte sich die Realität doch noch nicht ganz verabschiedet.

„Wasn auf einmal hier los?“ grunzte Klogatte. „Wo sind die U-förmigen Tische, wo ist der Aufsichtsrat der Nachtschule?“

Robin – der natürlich gar nicht Robin war, denn der war hinter-und zurückgeblieben in der anderen Dimension – zuckte stumm mit den Achseln. Robin – der natürlich gar nicht Robin war, sondern eine Art Quantenspiegelung, die sich aus den Erinnerungen, die zufälligerweise in Klogattes Kopf rumgeisterten, speiste – runzelte die Stirn. Robin – der natürlich gar nicht Robin war, sondern eine derart absurde physikalische Absurdität, daß ich den geneigten Leser jetzt nicht mehr damit behelligen will, wie absurd das alles ist – Robin also sagte:

„Keine Ahnung“.

Ein finsteres Räuspern drang durch die Tür.

„Sollen wir nicht mal reingehen?“ fragte Robin.

„Sollen wir?“ fragte Klogatte unsicher. Die Sache gefiel ihn nicht.

„Ja!“ scholl es durch die Tür.

Bärnum

Bardonius von Fehlerfrei stützte sich schwer auf seine mit Finsterbergeisen beschlagene Nurnenholzkrücke und seufzte. Einen Moment schauten sich seine beiden Gäste irritiert um, als sie den Alten vor sich sahen, nachdem sie das riesige Büro des Präsidenten des Beschwerderates bei der Nachtschulverwaltung betreten hatten. Robin blickte auf den Boden und stellte erleichtert fest, daß neben der mit schwerem Finsterbergeisen beschlagenen Krücke aus rötlich schimmernden Nurnenholz nicht nur einer, sondern zwei Schuhe standen, aus denen die dünnen Beine eines zeternden Nattifftoffen ragten.

"Welcher Blödmann hat wieder nicht aufgepaßt und statt des Apfelsaftes ECHTEN Gralsunder Rachenschreck in die Bühnendekoration gestellt? Kein Wunder, daß diese alte Knatterschreckse das sofort riecht!" ereiferte sich Bardonius von Fehlerfrei, seines Zeichens nicht nur Präsident des Beschwerderates bei der Nachtschulverwaltung, sondern auch einer der Mäzene des Nachtschultheaters, einer Einrichtung innerhalb der einzigen Elitebildungseinrichtung in den Finsterbergen, deren Etablierung der Leiter der Nachtschule, der in Ehren ergraute Professor Doktor Abdul Nachtigaller, nur widerwillig zugestimmt hatte. Aus gutem Grunde, wie sich inzwischen herausgestellt hatte. Denn das lockere Theaterleben hatte einen schlechten Einfluß auf die Nachtschüler genommen. Die Proben im Theater fanden stets vor dem Abendunterricht in Eydeetischer Philophysik statt und es fiel den Schülern immer schwerer, aus der bunten Phantasiewelt der Bühnenstücke, in denen die Handlungsstränge zuweilen recht unlogisch miteinander verwoben waren, wo Personen verschwanden und deren Wiederauftauchen einfach damit erklärt wurde, daß man die letzten Kapitel nur geträumt hätte, zurück in die streng systematische Ordnung der eydeetischen Philophysik zu finden, in der es schließlich darum geht, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Klogatte, der bei der eiligen Ankunft im Gebäude der Nachtschulverwaltung in einem unüberlegten Augenblick dem Garderobendiener neben seinem schwarzen Zylinder, den er bei solchen Anlässen zu tragen pflegte, auch seine Nurnenholzkrücke, die allerdings in ihrem Prunk bei Weitem nicht an die mit Finsterbergeisen beschlagene Nurnenholzkrücke des Präsidenten des Beschwerderates heranreichte, in die Hand gedrückt hatte, seufzte unhörbar und versuchte, sich möglichst unauffällig auf den mit Karaffen in allen Größen schwer beladenen Servierwagen zu stützen. Der nahende Winter kündigte sich schon jetzt im Frühherbst an, nämlich in Form eines ziehendes Hüftschmerzes.

"Ein Schnabeltier!" riß ihn die Stimme des Nattifftoffen aus seinen Gedanken, die inzwischen bei der Überlegung angelangt waren, ob in den Flaschen auch ein Likörchen sei, das seinen Hüftschmerz vorübergehend lindern könnte. "Ein Schnabeltier hat sie beschworen! Im Nachtschultheater! Wenn das an die Öffentlichkeit dringt, gibt es einen Skandal. Ich will gar nicht dran denken, was Professor Nachtigaller sagt, wenn er davon erfährt, daß ein Schnabeltier in direkter Nachbarschaft zu seiner Kammer der unvollendeten..." Bardonius stutzte einen kleinen Moment zu lange, ehe er, allerdings wesentlich leiser, weitersprach. "... Patente erschienen ist." Der alte Nattifftoffe schlürfte an seinem inzwischen erkalteten Salbeitee, verzog angewidert das faltige Gesicht und blickte die beiden mit strengem Blick über seine goldgerandeten Brillengläser an. „Nun. Was gedenkt ihr zu tun, um größeres Unheil abzuwenden?"

Klogatte, der immer noch leicht schief an dem Servierwagen stand, fiel eine Antwort ein, von der er erhoffte, auf dem glatten politischen Parkett der zamonischen Verwaltung wieder festen Halt zu finden. "Wir sollten zunächst einen Untersuchungsausschuß bilden! Dann eine Arbeitsgruppe, eine Sonderkommission und eine Beraterabteilung."

Bardonius von Fehlerfrei zog eine Augenbraue hoch und schaute in das fast vollständig hinter langen Haaren versteckte Gesicht des Hutzerichs, um dort zu erkennen, ob das eine ernst gemeinte Antwort war. Doch Klogatte biß alle seine letzten verfügbaren Zähne zusammen und sein Gesicht blieb regungslos. Robin rettete die Situation. "Wir sind schon dabei, etwas zu tun."

"Sooo. Ihr seid schon dabei. Schön." Das Gesicht des Nattifftoffen zeigte skeptisches Interesse. "Was tut ihr denn?"

Robin druckste herum, ehe er weitersprach. "Da ist jemand, der weiß mehr als wir. Der hat erzählt, zwei seiner Freunde sind unterwegs zur Tatzeninsel. Sollen komische Typen sein, die nur kryptisches Zeug reden und eine Vorliebe für verdrehte Namen haben ..."

"Und wer ist das, der da angeblich mehr weiß?"

"Ein Fhernhache."

"Wer genau?"

„... Den ... Namen ... weiß ich nicht. Fällt mir jetzt nicht ein." log Robin schnell. Auch Klogatte wurde es langsam unheimlich, in welche Situation sie geraten waren.

Bardonius, der inzwischen fleißig auf einem Zettel herumgekritzelt hatte, beendete das Gespräch plötzlich sehr eilig und schickte die beiden raus.

Robin versuchte noch, etwas von den Notizen des Präsidenten zu entziffern und er erschrak ein wenig darüber, was er sah:

Fhernhache ... Schatten ... Schnattertheater ... Patente ... Schnatterschatten ... Rachenschreck ... Theatergeschnatter ... dringend ... Schnabelkammer ... Schrecksentheater ...

Am unteren Rand erkannte er einen dick umrandeten Namen " Sebastos Smeik".

Als die beiden das Büro des Präsidenten verließen, fiel Klogattes Blick auf einen kleinen Monitor, der neben dem wuchtigen Tresen, hinter dem die Empfangsdame residierte, montiert war. Einen kleinen Augenblick glaubte er, dort die Wetterschreckse vom Kanal 8 zu sehen, die ihm zuzwinkerte.

Die Sonne verschwand langsam hinter dem Horizont des Golfs von Florinth. Tuserbreh und Vielreif waren ein gutes Stück vorangekommen. Das Gasthaus des Traumwirtes Omstas Besisek lag nicht an ihrem Wege, das war ihnen klar. Doch auch alle anderen Wirtshäuser schienen sich hinter den Büschen der nahen Friedhofssümpfe zu verstecken. Die Proviantbeutel waren bis auf ein paar Kolimastosfeigen und eine halbvolle Wasserflasche leer. Fast den ganzen Tag waren die beiden schweigend nebeneinander gelaufen, aber sie schwiegen nicht nur wegen der Anstrengung, die der öde, steinige Weg, an dem nur ein paar halbverdorrte Wildwackelbüsche ein wenig Schatten spendeten, mit sich brachte, sondern auch deshalb, weil beide in ihren Gedanken das morgendliche Gespräch mit der Schrecksenspinne immer und immer wieder rekapitulierten. Beide wußten: Die Spinne hatte ihnen nicht nur einfach den Weg erklärt, es war viel mehr, was in den Worten steckte. Nur was?

Wenn ihnen ihr Glaube nicht jegliches Fluchen verbieten würde, hätten sie die Schrecksenspinne verflucht, aber so blieben ihre Lippen geschlossen und jeder grübelte vor sich hin: Spinnenschreckse. Schrecksenspinne. Schattenpalast. Schattenmeister. Rachenschreck.

Nokinte

Doch eine tiefere Erkenntnis sollte sich nicht einstellen. Stattdessen schmeckten die Worte fade und trocken wie der Staub dieser Einöde. Vielreif schien es als Erstes aufgefallen zu sein – vielleicht war es auch Tuserbreh, aber zum Schluss ist es egal, weil es beiden auffiel. Sie sprachen es nicht aus, dachten es nur peinlich von ihrer eigenen Erkenntnis berührt nicht aus und schoben es wie die kleine Luftschicht vor sich durch den Raum. Schritt für Schritt durchtrennten sie den Pudding der Zeit und verloren jedes mal ein unbedeutend gewordenes Stück ihres Verständnisses des … "worum ging es eigentlich?", entfuhr es Tuserbreh – wobei es wirklich egal war, wer das zu wem sagte. Vielreif blickte ihn glasig an: "Frag nicht, Bruder, frag einfach nicht!" Sie gingen weiter. Schmerzen in den Füßen, den Knien, den Hüften, verkrampfte Waden, trockene Kehle und brennende Augen von Staub und Sonnenglut waren physische Wirkungen eines langen Marsches. Doch wirklich Leid erfuhren die beiden tief in ihrem ziellosen Herzen.

Die Bereitung des Nachtlagers ist eine angenehm ablenkende Tätigkeit. Man schaue, dass man weich liegt, man schaue, dass man sicher liegt, Überblick behält, nicht zu offensichtlich, ein Feuer errichten kann … doch danach kehrt die Ruhe ein. Und wenn man nicht von der Erschöpfung geplagt in den Schlaf gerissen wird, läuft ein honigzähes Kino am Himmelszelt ab. Tuserbreh war es, der in dieser Nacht nicht den Träumen anheimfiel und mit der völligen Dunkelheit sein Augenlicht auf das der Sterne fiel. Mit Hilfe eines verdorrten Baumes peilte er drei Sternenbilder an.

Er stellte sich vor, er könnte mal versuchen die Erddrehung leibhaftig und in Farbe mitzuerleben, Nachts! Die Sternenbilder kannte er leider nicht. Die Bilder am Himmel aber waren erschreckend markant, als ob sie ihm etwas mitzuteilen hätten. Er meinte sie auch in jeder nächsten Nacht erkennen zu können. Nur vergleichen muss er, was er beobachtet. So lag er auf dem Boden, der Baum weiter vorn: Kimme und Korn – die Sterne wanderten beharrlich einer Bahn entlang. Tuserbreh streckte den Arm aus um den Verlauf bisher zu beschreiben, vorherzusagen wohin die Sterne als nächstes ziehen und sah die Sterne, den Baum doch versuchte er vergeblich seinen Arm zu erkennen.

Die Dunkelheit, ist es zu dunkel, so dass ich meinen Arm nicht sehe? – Doch der Baum, er spiegelt einen Schein wieder – warum mein Arm nicht?

Tuserbreh bewegte seinen Arm so, wie er meinte ihn bewegen zu müssen, dass er in sein Gesichtsfeld kam. Eine gefühlte Ewigkeit reckte er ihn nach vorne ohne dass etwas passierte.

Grünschnabel, Schnabeltasse

Langweilige Abhandlung

Dösende Düsterheit

Im Scheinwerferlicht sieht man seinen Schatten nicht ...

Gießbert von Zeilenschinder

„CUT! CUT! Was soll denn eigentlich der Blödsinn?“ schrie Sebastos Smeik aufgebracht. Wankend schwappte er nach vorne an den Bühnenrand und drehte sich zu den Schauspielern, Schweiß troff ihm von der Stirn und er blickte jeden einzelnen auf der Bühne mit weit aufgerissenen Augen an. Alle erstarrten als die vollkommen verstörte Haifischmade aus ihrer eigentlichen Rolle fiel.

„WAS soll das denn eigentlich gerade werden?!? Das ist ja vollkommen konfus und durcheinander, wer soll denn da durchblicken?!? ICH bin der Regisseur von diesem Stück!!! ICH sollte den Überblick haben!!! ICH bin verantwortlich!!! Und nur, weil da ein riesiges Schnabeltier sitzt, das hungrig aussieht heißt das noch lange nicht, daß aller Sinn flöten gehen muss!!!“

„Fabeltierregatter, Kabeltierteevater, Schnabeltiertheater …?“piepste die verängstigte aber immer noch beduselte Schreckse in die Stille.

„Schnabeltiertheater? SCHNABELTIERTHEATER?!? Wir wissen doch noch nicht mal was das ist!!! Missionare ziehen los? Eine Spinnenschreckse? Traumvisionen? Und das war noch nicht mal das schlimmste!!! Dann wird durch eine besoffene zweitklassige Schreckse eine Vision einer zukünftigen Welt geschaffen, die das Stück ersetzt? In dieser Zukunft gibt es einen Schokaladensüchtigen runden Robin, der vor ein Strafgericht irgendeiner Schule muss? Und um seinen Freund eine Berghutze die durch ein Dimensionsloch in die gleiche Dimension nur früher und noch seltsamer fällt??? Ganz viele Krückstöcke aus Nurnenholz beschlagen mit Finsterbergeisenzwingen DIE NICHT ECHT SIND?!?

WIE UNWAHRSCHEINLICH IST DAS DENN?!?

ICH kann so nicht weitermachen das ist nicht professionell und bringt keine Pyras, das …“

In diesem Moment fiel der Haifischmade auf, dass keiner mehr direkt auf sie achtete, alle blickten auf etwas hinter Sebastos.

Langsam ohne zu schnelle Bewegungen zu machen drehte er sich um. Direkt vor ihm am Bühnenrand stand das Schnabeltier. Obwohl Smeik auf der Bühne war und an sich schon eine imposante Figur machte überragte das Schnabeltier ihn um Längen. Aus großen wässrigen Augen schaute es aus Smeik herab.

Die Haifischmade die schon zuvor völlig aus der Fassung war schwitzte nun aus jeder Pore und das Einzige was Sebastos in den Sinn kam war ein längst vergessener Teil seiner lang vergangenen Schulbildung:

Schnabeltier [Ornithorhynchus anatinus], das; im Wasser lebendes Säugetier. Es ist die einzige lebende Art der Familie der Schnabeltiere (Ornithorhynchidae). Zusammen mit den vier Arten der Ameisenigel bildet es das Taxon der Kloakentiere. Es zählt zu den Fleischfressern und ernährt sich hauptsächlich von Würmern, Schnecken und Maden.

Mit Schrecken stellte Smeik fest das er mit zwei der drei Leibspeisen Ähnlichkeit aufwies, wenn nicht sogar Verwandtschaft.

Langsam wie ein ausschwingender kreisel drehte sich Smeik um die eigene Achse wieder den anderen Schauspielern zu.

„ICH LIEBE SCHNABELTIERTHEATER!!!“ quetschte er nervös und in leicht erhöhter Tonlage zwischen seinen immer noch vor Angst klappernden Zähnen hervor, „Lasst uns sofort weitermachen!!!“

Tuserbreh bewegte noch einmal seinen rechten Arm, hier stimmte etwas nicht. Langsam hob er seine linke Hand und tastete an seiner Schulter entlang bis zum Ellenbogen und … erschrocken tastete er herum. Er hatte ins leere gegriffen, ins leere! Dort wo sein Unterarm und danach seine Hand kommen sollte hatte sich nichts befunden.

Mit einem Schrei fuhr er hoch.

„Vielreif!!! WACH AUF!!! Mein Arm ist WEG!!!“

Vollkommen in Panik zerrte Tusebreh an seinem Oberarm. Er fühlte etwas, er konnte seine Hand noch spüren, doch sehen oder anfassen konnte sie nicht. Da stieß ein Widerstand an seine verlorene Hand, irgendetwas in der Form eines Griffes. Aus purer Verzweiflung griff er zu und zog aus Leibeskräften.

„Vielreif hilf mir ziehen, ich spüre etwas!“

Der mittlerweile ebenfalls völlig panische Vielreif packte seinen Freund um die Hüfte und gemeinsam zogen sie mit voller Kraft.

Mit einem Ruck öffnete sich aus dem Nichts eine große Tür, riesig und massiv wie von einem Verwaltungsgebäude, und hinaus purzelten Klogatte und Robin beide ebenfalls vollkommen verwirrt. Mit einem lauten Knall schloss sich die Tür und ließ auf dem wieder normalen Lagerplatz der Schabeltieranbeter vier Gestalten zurück.

Der arme verschlafene Vielreif der nicht wusste wie ihm geschah, ein glückseliger Tusebreh der seinen zurückgewonnenen rechten Arm umklammert hielt, und Robin zusammen mit Klogatte die ihre Welt nicht mehr verstanden.

Sollte auf diesem nun wieder vollkommen Tür losen Lagerplatz die gläubige Gruppe aus Schnabeltieranbetern Zuwachs bekommen haben? Geht die Reise zum Schattenpalast des Schattenmeister Sesstoba, der nur dem mächtigen Pyra huldigt, ungestört weiter? Warum hat Bruder Mesik den Pudding aufgegessen? Warum gibt es überhaupt Synchronschwimmen? Und warum werden überhaupt diese Fragen gestellt?

Grünkäpchen

Das Schnabeltier kratzte sich irritiert mit dem/r linken Hinterfuß?, -lauf? -pfote? -flosse? (wie heißen die Extremitäten von Schnabeltieren?) am Kopf. Wie war es hierhergeraten? Was sollte es hier? WO war HIER überhaupt? Was sollte dieser seltsame Affenzirkus zu seinen Füßen und Warum zum großen Schuhschnabel waren diese Gestalten so verdammt winzig? Das Schnabeltier war es gewohnt, den ganzen Tag im Wasser herumzuplanschen, auf dem Grund flacher Gewässer nach Nahrung zu stöbern, ein wenig an Land herumzukriechen und sich von den anderen Tieren möglichst in ruhe lassen zu lassen ... was Schnabeltiere eben so den ganzen Tag über tun. Es konnte sich aber daran erinnern, das die meisten seiner Zeitgenossen sehr viel größer waren als es selbst. Von einer Reihe Ausnahmen abgesehen. Und überhaupt, was waren das für seltsame Gestalten? Solche Wesen das Schnabeltier noch nie zuvor gesehen. Eines der Wesen, sah ausgesprochen Haarig aus, sonst war nicht viel zu erkennen, dann war da dieses fette, unförmige Geschöpft mit viel zu vielen Armen und em grässlichen Gebiss, das ständig mit ersten herumwedelte und unentwegt in ein komisches trichterförmiges Ding brüllte. Die anderen Gestalte sahen ähnlich bizarr. Heute Morgen hatte es doch noch seine Eier in einer Höhle abgelegt. Und dann war es plötzlich in dieser verstörenden Umgebung gewesen.

Das Schnabeltier fühlte sich auf einmal sehr, sehr einsam. Es hätte sich gerne einen Daumen in den Mund gesteckt und daran genuckelt, wenn es einen gehabt hätte. ES hatte aber keinen und fragen konnte es auch niemanden, ob ihm vielleicht jemand einen Daumen leihen könnte, denn ersten waren die Damen der anderen Wesen viel zu klein und zweitens konnte das Schnabeltier die Spreche der anderen nicht. Außerdem hatte es nicht einmal einen Mund, mit dem es hätte an einem Daumen lutschen können. Mit einem Schnabel lässt sich so was nur schwer bewerkstelligen. Es wollte wieder zurück in seinen Tümpel irgendwo im australischen Busch (natürlich wusste es nicht, dass es aus Australien stammte. Schnabeltiere verfügen über keinen besonders großen geographischen Horizont). Dort war es auch viel wärmer. Die Sonne brannte heiß vom Himmel, selbst im Winter. Hier schien es überhaupt keinen Himmel zu geben. Es schien ihm, als befände es sich in einer Art Kasten mit eine Menge unnatürlich wirkenden Öffnungen. Hinter diesen Öffnungen sah das Schnabeltier eine große Menge Wasser von einem unfreundlichen grauen Himmel fallen. Um es herum waren jede menge komische Gegenstände aufgestellt, die alle gleich aussahen und aus je zwei Platten und einigen komischen Stielen zu bestehen schienen. Auf einigen dieser Gebilde hockten Daseinsformen, die meisten aber waren leer. Das Schnabeltier beschloss, dass es genug von diesem fremden Ort hatte. Es würde hier verschwinden und nach Hause gehen, jawohl.

Es erhob sich auf alle viere, was zunächst keiner der Theaterleute registrierte (wenn sich ein Schnabeltier von der Bauchlage auf alle viere begibt, ergibt sich kein besonderer Größenunterschied). Erst als es loswatschelte kreischte die betrunkene Schreckse, die inzwischen rittlings in einem leeren Blumenkübel neben der Bühne hing, erschrocken auf und deutete etwa zwei Meter neben das Tier (was, wenn man ihren Zustand bedachte ziemlich gut gezielt war). Nun fingen auch die andern Daseinsformen an zu schreien und wild durcheinanderzulaufen. Klogatte versteckte sich zitternd hinter Robin, nur mit weit aufgerissenen Augen dastand und das Schnabeltier anstarrte.

Das Schnabeltier war durch den plötzlichen Tumult selbst ganz erschrocken, es watschelte Schneller auf eine der Öffnungen zu und stieß hart mit dem Schnabel gegen etwas festes (mit Glasscheiben hatte es bisher noch keine Bekanntschaft geschlossen) Es drehte sich auf dem Hintern um und watschelte so schnell es seine kurzen Beine trugen auf die andere Seite, doch auch dort stieß es auf einen unsichtbaren Widerstand. Es bekam Panik. Hilflos drehte es sich im Kreis, immer schneller und stieß dabei markerschütternde Quak-Laute der schieren Verzweiflung aus, die jeden seiner Artgenossen zu tiefst bestürzt hätten. Selbst der Haifischmade lief es eisig kalt den Rücken hinunter. Was war nur in dieses Tier gefahren? Wenn es sie nicht fressen würde, würde es sie in seiner Raserei sicher alle zertrampeln!

Molotas von Ne ben Aan

Inzwischen war das Riesenschnabeltier so sehr in Rotation geraten, dass es einen ordentlichen Drehwurm bekam und schließlich das Gleichgewicht verlor. Mit einem kolossalen RUMMS! krachte es auf die Bühnenbretter und ließ das gesamte Schattentheaterhaus erbeben. Sämtliche Daseinsformen im Raum, die nicht schon auf dem Boden lagen, wurden von den Füßen gefegt wie Fhernhachen, wenn die Ameisenstraßenbahn vorbeirattert. Man sagt sich, dass der babylonische Schraubenturm direkt neben dem Theater just in diesem Moment Haarrisse bekommen hat, die sich im Laufe der nächsten Jahre immer mehr ausbreiteten, bis er zusammenbrach: Der einzige historisch überlieferte Einsturz eines babylonischen Schraubenturms, der je bekannt wurde. Im Olymp der zamonischen Götter zuckte das Große Schnabeltier mitfühlend zusammen und in der entlegensten Ecke des chinesischen Kaiserreichs fiel ein Sack Reis um.

Glücklicherweise waren oben genannte Bühnenbretter zwar nur aus Zyklopeneichenholz, aber die Beschläge waren tatsächlich aus bestem Finsterbergeisen, und das hielt. Gerade so.

„Schnell!“, rief Leifgar und rapüpelte sich auf. „Wir müssen etwas unternehmen, bevor es wieder hochkommt!“ „Und was bitteschön?“, fragte Herbertus. „Na, es unschädlich machen eben.“ „Es unschädlich machen? Ein Riesenschnabeltier?“, keifte Herbertus zurück. („Schnabbeltier...nabbelschdier, Tabbellschnier...“, lallte es aus der Richtung von Inanana's Blumenkübel.) „Na, es wird doch wohl eine Möglichkeit geben, mit so einem Riesending fertig zu werden. Fesseln, betäuben, Kopf abhacken oder so“, meinte der Midgardzwerg und stakste vorsichtig über den kleinen Zeh des Ungetüms. Er sprang aber schnell zurück, als es ein mitleiderregendes Stöhnen von sich gab.

Unschädlichlich machen ... ein Riesenschnabeltier? Ja, es muss doch eine Möglichkeit geben!, dachte Sebastos. Wie fängt man ein Schnabeltier, das mit Drehwurm am Boden liegt? Schnabeltier ... Schnabeltier ... grübelte er und griff sich ans Ohrläppchen. Plötzlich gab es ein elektrisches Knacken zwischen seinen Ohren und er hörte eine Stimme, die ihm aus seiner Schulzeit noch sehr vertraut, allzu sehr vertraut war:

Schnabeltier [Ornithorhynchus anatinus], das; Dieser Begriff findet sich nicht in diesem Bereich. Um Begriffe aus dem Bereich Daseinsformen abzufragen, greifen sie sich mit der rechten Hand ans linke Ohrläppchen und buchstabieren sie den gewünschten Begriff.

Natürlich! Das Lexikon! Endlich war es mal zu etwas nütze. Fieberhaft grapschte sich Smeik mit einem seiner Ärmchen ans linke Ohrläppchen und sagte laut und deutlich: „RIESENSCHNABELTIER!“, woraufhin sich Alle umdrehten und ihn verständnislos ansahen. „Ja“, meinte der Wildschweinling sarkastisch. „Das Ding, was uns gerade fast zu Tode getrampelt hat, gehört in der Tat zu ebenjener Gattung. Wir alle freuen uns für dich, dass du das so messerscharf erkannt hast, Smeik.“

Aber das hörte Smeik schon nicht mehr, denn die Stimme Nachtigallers scholl bereits in bester Stereoqualität durch seinen Kopf:

Riesenschnabeltier [Ornithorhynchidae anatinus gigantificus], das; Eine Unterart der Schnabeltiere (siehe ebenda), die fast genau die selben Erscheinungsformen und Verhaltensweisen wie normale Schnabeltiere hat, bis auf die Tatsache, dass sie eben ein bisschen größer werden. Unbestätigte Berichte behaupten, dass bereits Exemplare von der Größe eines jungen Bolloggs gesichtet wurden. Riesenschnabeltiere sind im Allgemeinen harmlos, wenn man sie nicht gerade in die Enge treibt oder auf die bescheuerte Idee kommt, eines in die Zivilisation zu verfrachten, denn sie sind scheue, sensible Tiere, die Lärm und Aufregung scheuen.

Ist man doch einmal in die unangenehme Situation geraten, ein Riesenschnabeltier in hektische Umgebung gebracht zu haben, (wozu man wie gesagt den IQ eines Kamedars haben muss), so singt man ihm am besten ein Schlaflied, um es zu beruhigen. Auf die Qualität des Lieds kommt es dabei gar nicht so sehr an. Was zählt, ist, dass es von Herzen kommt. Schnabeltiere sind sensibel. Sie verstehen den Text nicht, aber sie spüren, ob man es ernst meint, oder ob hinter der nächsten Ecke schon der Metzger wartet.

Sebastos teilte seine Entdeckung umgehend den Anderen mit. Wie nicht anders zu erwarten, erntete er dafür nur noch mehr schräge Blicke.

„Wie wärs, wenn wir ihm nicht doch einfach den Kopf abhacken?“, schlug Leifgar vor. Aber das Monstrum war bereits im Begriff, wieder auf die Füße zu kommen und der Kopf war außer Reichweite. „SING EINFACH! IRGENDWAS!“, brüllte die Haifischmade und zermarterte sich selbst gleichzeitig das Hirn nach ein paar besänftigenden Versen. Aber leider sind Haifischmaden recht unmusikalisch. Sie ziehen es vor, ihren Nachwuchs mit Phogarrenqualm zu betäuben, statt ihn in den Schlaf zu singen.

Schließlich war es der Wildschweinling, der sich an das Improvisationstheaterseminar erinnerte, das er mal bei dem ollen Professor Stehg Reifreim absolviert hatte:

Schlafe, kleines Schnabeltier,

lege dich zur Ruh.

Schlaf bis morgen früh um vier,

mach die Augen zu.

Schlafe, Schnabeltierchen klein,

träum' von Wald und Flur.

und jetzt fällt mir nix mehr ein.

Was machen wir jetzt nur?

Lalala...

Das Lied verdiente diese Bezeichnung eigentlich gar nicht, aber die Melodie war eingängig und sanft und schließlich kam es ja nicht so sehr auf den Text an. Tatsächlich wurde das Schnabeltier augenblicklich schläfrig und wenige Augenblicke später lag es wieder flach auf den finsterbergeisenbeschlagenen Bühnenbrettern und schlummerte selig, während Herbertus schwitzend danebenstand und weiter Lalala sang.

„Es funktioniert!“, flüsterte Sebastos. „Mach weiter!“

Aber just in diesem Moment beschloss die Schreckse, dass sie auch mal wieder etwas zu der Darbietung beitragen sollte.

Schlaf, du Riesenschnabbeldier! *hick*

wart nur, jleich kommich ssu dir!

Schlaf nur weiter, Riesensack,

bissich dir'n Kopf abhack!

röhrte es aus dem Blumenkübel, der ihre liebreizende Stimme verstärkte wie ein Nachtigallerophon. Das Tier verstand zwar auch diesen Text nicht, aber die schmeichelhafte Botschaft, die in ihrem Klang mitschwang, war eindeutig. Heulend fuhr es auf und fing wieder an, panisch herumzutrampeln. Herbertus und Leifgar brachten sich mit einem Hechtsprung in den Orchestergraben in Sicherheit.

Smeik aber stand wie festgenagelt auf der Bühne und starrte das rasende Ungetüm an. In seinem Hinterkopf ordnete er nebenbei seine Weltsicht ein wenig neu: „Theaterregisseur“ wurde in die Kategorie „schlechtester Job Zamoniens“ einsortiert und Schrecksen im Allgemeinen packte er gleich neben die Schublade mit der Aufschrift „Stollentrolle“.

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Währenddessen saß ein gewisser Hundling namens Etten Oiram in einer gut versteckten Ehrenloge des Theaters und lächelte zufrieden. Alles lief nach Plan. Die armseligen Kreaturen dort vorne auf der Bühne hatten keine Ahnung, was hier tatsächlich gespielt wurde. Sie wussten nicht mal, dass überhaupt irgendetwas gespielt wurde. Aber er wusste genauestens Bescheid. Heute war der Tag seines Triumphes, der Höhepunkt seiner Karriere. Als kleiner, unbedeutender Puppentheaterspieler hatte er angefangen, hatte sich sein Brot mit Privatvorstellungen für verzogene Nattifftoffengören verdienen müssen, die gelangweilt versuchten, seine Marionetten mit Papierkügelchen abzuschießen. Aber als Hundling hatte er ein angeborenes Talent, sich aus solchen Situationen nach oben zu kämpfen. Er war zuerst zum Theaterregisseur, dann zum Präsidenten des größten Kulturvereins von Atlantis aufgestiegen. Er, Etten Oiram der Puppenspieler, bestimmte, was auf den Bühnen Zamoniens gespielt wurde, er zog die Fäden. Und er hatte sich stets darauf verstanden, im Hintergrund zu bleiben, denn er hatte schon früh gelernt, dass jeder, der in Zamonien Macht besaß, es irgenwann mit den Smeiks und Pecksniffs zu tun bekam, auch, wenn Kunst und Kultur nicht zu ihren angestammten Geschäftsbereichen gehörten.

Und heute saß er nun hier und sah zu, wie ein Mitglied ebenjener großen Familie der Smeiks auf der Bühne stand und nichts ahnend die Hauptrolle in seinem Meisterwerk spielte: Das verrückteste Theaterstück aller Zeiten, gespielt von Schauspielern, die nicht wussten, dass sie gerade spielten. Gespickt mit mehr Metaebenen, Dimensionslöchern und Logiklücken als Teufelselfen auf eine Nadelspitze passen. Avantgarde vom Feinsten. Das Publikum, das gut versteckt hinter der halbtransparenten Rückwand des Theaters saß, vergötterte ihn jetzt schon dafür. Er konnte geradezu spüren, wie ihre Synapsen heiß liefen in ihrer Gier nach immer neuen Absurditäten, und die Selsillen sich an ebenjenen Synapsen schon die Füße verbrannten.

Denn Absurditäten bekamen sie hier in der Tat reichlich geboten. Oiram hatte sich nicht lumpen lassen und alles aufgefahren, was die zamonische Spezialeffektindustrie zu bieten hatte, und gleich noch ein paar neue Sachen dazuerfunden. Er hatte Dimensionslochingenieure angeheuert, die ihm gleich mehrere an verschiedenen Stellen auf der Bühne installiert hatten, er hatte Eydeeten engagiert, die die Gedanken der Schauspieler lasen und sie an die Zuschauer übermittelten. Er hatte ein Riesenschnabeltier von Ü einschiffen lassen und die Bühnenbeschläge mit sündhaft teurem Finsterbergeisen verstärken lassen. Alles war perfekt.

Und das große Finale kam erst noch.

Etten Oiram, der Puppenspieler, rieb sich zufrieden die Hände.

Zweiter nachtigallscher Einschub:

Es klopfte an die prachtvolle Tür von Sebastos Smeik, den bekannten Puppenspieler. Dreimal klopfte es – nicht zweimal und nicht viermal. Dreimal. Dann ging die Tür auf – die wirklich prachtvoll war – und ein Gesicht lugte hervor.

„Ja?“ Fragend und ablehnend.

„Ich hab hier eine Kiste voll mit grünen Gold für Sebastos Smeik. Können Sie mir den Empfang quittieren?“