Klassenfahrt2

Die Nachtschul-Klassenfahrt 2011

Von den Finsterbergen nach Groß-Troll.

Nebst apokryphen Berichten diverser Ausreißer

 

 

1.

War es wirklich schon ein Jahr her, das sie vor mir standen? Hibbelig, wibbelig und in einer Reihe, die nur in dieser absonderlichen Schule als eine solche gelten kann. Mein Blick schweifte über die schier unübersehbare Schar der lieben Kleinen, der braven Racker, der artigen Schüler (Ich bediente mich hier des offiziellen Sprachgebrauchs des Reisebüros Hin und nicht wieder zurück! Privat und für mich dachte ich vielmehr: Wo sind die aufrechten Daseinsformen alter Tage hin? Ganz Zamonien scheint heute aus häßlichen Hachen, hurtigen Hutzen, schwitzenden Schweinsbarbaren, greinenden Gimpeln, störenden Stollentrollen, renitenten Rettis, scheußlichen Schrecksen, hemmungslosen Hempeln, winselnden Wolpis und elenden Eisenmaden zu bestehen. Wo sind sie hin, die stolzen Haifischmaden, die früher über die Lande herrschten? Müßen sie sich – wie auch ich – in diesen schweren Tagen als Reiseleiter verdingen? Ach, ach, ach …

Genug gejammert. Ich baute mich vor der Rasselbande auf, stemmte meine 14 Arme in die Hüften – immer ein imposanter Anblick (sowohl die Geste wie auch die Hüften!) – und begrüßte sie im besten Dämonenkriegerfeldwebelkasernenhofton:

„Morgen, Kinder! Schön, euch alle wieder zu sehen! Die einen oder anderen werden sich ja bestimmt noch mit großer Freude und voller Seligkeit an die letzte Klassenfahrt nach Eisenstadt erinnern!“

Verhaltenes Gemurmel, Füßescharren, Gebrumme wie „Sieben Woche im Krankenhaus“, „Immer noch nicht die Alte“ oder „Wacht heute noch schreiend auf!“ antwortete mir. Schön, schön. Man erinnerte sich. Ich sah streng in die Runde.

„Gut, gut, gut. Bevor wir losfahren: Habt ihr genug dicke Socken dabei? Warme Unterhosen?“ Ein Hache in der ersten Reihe fiel mir auf und ich schob die Frage ein: „Und Mützen? Der Wind in Groß-Troll kann ganz schön eisig sein!“

Eine Hand schoß nach oben, begleitet von einen unkontrollierten „Uhuhuhuhuh“. Ein Schweinsbarbar – was sonst? Seufzend und wider besseres Wissen fragte ich:

„Rumpel, richtig? Was ist denn?“

„Verzeihung, Herr Oberreiseleiter“ – Respekt hatte der Bursche ja – „aber was sind Unterhosen?“

Was sind… Himmel, hatte der Kerl mich gerade wirklich gefragt, was …

„Unterhosen halten warm und sind hygienisch“, schnappte ich. Dann öffnete ich die Türen des Busses und der Ansturm begann.

2.

Während ich noch breit grinsend das Geschiebe und Gezwänge betrachtete, spürte ich, wie eine schwielige Hand an mir zupfte. Ich sah stirnrunzelnd hinab. Ein mir vage bekannt vorkommender Schweinsbarbar – war das nicht der mit der Unterhosenfrage? und eine Wolpertingerin. Schönes Paar, dachte ich belustigt. Wollt wohl fragen, ob ihr zusammensitzen dürft, was? Na, man war ja selber mal jung und kannte das. Ich beschloß daher, die amouröse Bitte abzulehnen, wurde dann aber doch überrascht.

„Äh, Herr Unterbodenreiseleiter“, begann der Barbar, „um das noch mal auf diese Sache mit den Unterhosen zurückzukommen …“

Ich starrte ihn an. Das Wesen begann, mit den Hufen zu scharren.

„Ich möchte … also, ich meine … na, ich denke, das …“

„Du hast keine und kennst keine!“ schloß ich mit der Schärfe eines im Wind geschliffenen Windschliffmessers. Donnerwetter. Das war ja noch schlimmer als wie vor ein paar Jahren, als man mir und meiner göttlichen Tanzpartnerin zumuten wollte, Papiersterne herzustellen! Den armen Burschen mußte geholfen werden! Ich griff in den Seesack eines der Kinder, der noch nicht verladen war und mit flinken Fingern zog ich einen violetten Satin-Schlüpfer hervor, auf den in rosa Fäden Klogatte seiner! gestickt war. Ich würde meine Hände nie wieder benutzen können!

Mit der Bemerkung „Hier! Anziehen. Der Rest erklärt sich ja wohl von selber!“ scheuchte ich den Barbaren fort. Blieb noch der Wolpi. Sie sah mich aus ihren riesigen Kulleraugen aus an – Beim großen Smeik, wie ich das hasse! – und fragte:

„Bitte, bitte, bitte. Meine Wallas! Die sind noch ganz jung! Bitte, bitte. Darf ich meine Wallas mitnehmen?“

Wale? Das törichte Kind wollte allen Ernstes … Was war das hier? Bizarro-Zamonien? Ich wollte schon entrüstet ablehnen, als mir einfiel, daß Walfischtran ein hervorragendes Mittel gegen Kälte war und kalt würde es in Groß-Troll ja werden. Ich lächelte also mein falschestes Lächeln.

„Klar. Laß die Biester einfach auf das Dach schnallen und sieh zu, das du einmal am Tag einen Eimer darüber kippst.“

Sie sah mich verwirrt an. Wahrscheinlich ihre Art, Dankbarkeit auszudrücken.

Zehn Minuten später fuhren wir los.

3.

Am späten Nachmittag erreichten wir die ersten Ausläufer des Großen Waldes. Hier wollten wir in Harzhaim, einer kleinen Siedlung unweit eines angeblichen Hexenhauses, übernachten. Hexenhaus! Ha! Daß ich nicht lache! Hahaha! Typischer Touristennepp! Eine alte Buntbär-Vettel würde sich uns übertrieben langsam nähern, unverständliche Silben ausstoßen und uns warnen, in der Nähe des „Hexxxxenhäuses“ zu übernachten. Nun, das Reisebüro Hin und nicht wieder zurück! ist nicht dafür bekannt, Risiken einzugehen, aber was bitte schön sollte daran gefährlich sein, in der Nähe eines alten Hexenhauses zu übernachten?

Ein sauertöpfisch wirkender Retti kam nach vorne zu mir und sah mich mißbilligend an. Das geflügelte Biest kam mir vage bekannt vor und Gedanken wie „Grillrippchen“ schoßen mir durch den Kopf.

„Appeli?“ fragte ich.

„Jau. Hören Sie, Chef, ich will wirklich nicht meckern, aber das da hinten, das geht wirklich nicht.“

„Und was genau geht da hinten wirklich nicht?“ fragte ich geduldig.

„Hören Sie, Chef, ich habe ja nichts dagegen, daß Sie versuchen, den Schweinsbarbaren etwas Kultur zu vermitteln“, gab der Retti gestelzt zurück. „Aber die Sache mit der Unterhose … Nein, das geht zu weit. Einige Leute fühlen sich echt total gestört.“

Einige Leute übersetzte ich mit »Ich fühle mich gestört.«

„Gut, ich sehe mir das Mal an.“

Ich ging nach hinten in den Bus, wo sich eine Traube aus johlenden Daseinsformen gebildet hatte. Rufe wie „Super-Rumpel“, „Die Fritten der Macht“ oder „Ist es ein Yeti? Ist es ein Blutschink? Nein, es ist Mega-Rumpel!“ erschollen.

Wie jeder weiß, der sich mit zamonischer Geschichte beschäftigt, haben die Hfm einst nicht nur dieses Land beherrscht, sondern auch bei mancher Gelegenheit die zamonische Riviera geteilt. Eine Schar Schüler auseinanderzutreiben war daher eine meiner leichtesten Übungen. Ich teilte also und sah – sah! Oh, beim großen Smeik – ich sah! Sah, daß dieser Barbar die pinkfarbende Unterhose über den Beinkleidern aus Schweinsleder trug. Wie ein unsäglicher Superheld in einer dieser modernen Bildergeschichten.

Ich zischte: „Die trägt man drunter! Auf den nackten Arsch! Kann das denn wahr sein?“

„Auf den Nackten …“ gab Rumpel fragend zurück. „Aber dann wird die doch ganz schmutzig!“

Bevor ich eine passende Antwort geben konnte, erklang der Ruf unseres Fahrers:

„Harzhaim voraus!“

Wir hatten die erste Etappe unseres Ausfluges erreicht.

4.

Der Minderheitensprecher der NaSchu, ein Stollentroll namens Daky, wischte sich das Stollentrollgegenstück einer letzten Träne aus den Augenwinkeln.

„Ehrlich, yippo, das tut mir jetzt sehr leid, aber wir mußten einen wählen und irgendwie hast du 658 von 500 Stimmen gekriegt.“

Die gefesselte und geknebelte Gestalt gab seltsame Geräusche von sich.

„Hm? Ja, das scheint bei der Auszählung tatsächlich einiges … Was meinst du, sollen wir noch mal …

„Daky!“ rief ich scharf. „Hierher! In ein paar Minuten wird es dunkel und ich will von diesen smeikverdammten Hexenhaus weg sein, bevor noch mehr passiert.

Der Stollentroll zuckte mit den haarigen Schultern, gab den bedauernswerten yippo einen letzten Tritt und lief zu mir her. Keine Minute zu früh, wie sich zeigen sollte.

17 Stunden vorher …

Alles war so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Bevölkerung von Harzhaim bestand aus Buntbären, bei denen Vater und Mutter gleichzeitig auch Bruder und Schwester, Onkel und Tante, Fhern und Hache waren. Und auch das obligatorische wirre Weib mit seinen Warnungen vor dem verlassenen Hexenhaus war anwesend. Einige der leichtgläubigeren Kinderlein in meiner Obhut fingen natürlich prompt an, sich zu ängstigen. Da war ein Wolpertinger, der sich hochtrabend RuWo nannte und jetzt an seinen Fingernägeln knabberte; ein Gimpel namens Tinte fuhrwerkte an seinen Bandagen und ließ sein Periskop kreisen, eine Schreckse mit den schönen Namen Puh oder Püh stieß die ganze Zeit Bedenken aus, die die des Wirrweibes doch glatt übertrafen. Es galt einzuschreiten. Noch nie hatte das Reisebüro Hin und nicht wieder zurück! seine Schutzbefohlenen in Gefahr gebracht und das würde auch so bleiben. Die Kinder hatten Angst vor einem verlassenen Hexenhaus? Nun, dann würde ich eben feinsinnig, einfühlsam und emphatisch vorgehen.

„So. Wir schnappen uns jetzt alle unser Waschzeug und die Schlafanzüge und dann geht es ab zum Hexenhaus der häßlichen Hexe. Wir werden da übernachten und ich lese euch ein paar Geschichten aus dem blutigen Buch vor, das ich immer bei mir habe.“

Bei diesen Worten zog ich die besagte Schwarte aus meiner Umhängetasche hervor und hielt sie hoch in das Zwielicht. Ein schriller Schrei erscholl und eine Hutze fiel in Ohnmacht.

„Typisch Klogatte“, schnarrte der mir mittlerweile als Appeli bekannte Retti unfreundlich. „Kaum sieht er ein Buch, fällt er um.“

Ich klatschte in die Hände.

„Auf, auf. Der Weg ist lang und führt durch gefährliche Abschnitte. Esst auf keinen Fall von den Pilzen am Wegesrand. Und achtet immer auf die Birken. Wenn da jemand dazwischensteht, dann stehen die Chancen gut, daß es sich dabei um eine Hexe handelt. Das wäre doch eine hübsche Gelegenheit für ein paar nette Bilder als Andenken.“

Bärnum: Tagebuch eines Nachtschülers auf Reisen, Teil eins.

Drei Tage waren wir nun schon wieder unterwegs. Weit sind wir nicht gekommen, kein Wunder bei dem Reiseleiter. Die dicke Made war die meiste Zeit damit beschäftigt, die Quengelgeister zu beruhigen.

Ich überlegte schon, ob ich ihm anbiete, für die Dauer unseres Ausfluges meine bewährte Rumpeldengelmaschine zur Verfügung zu stellen, aber das habe ich verworfen. Solch filigrane Technik ist nichts für vierzehn unkoordinierte Madenpfoten.

Kulla hat sich natürlich wieder auf ihre charmante Art und mit ihren zarten Ellenbogen den vorderen Sitz erkämpft.

Die Immer-Vorn-Sitz-Mechanik vom vorigen Jahr hatte man wegen des zu großen Wartungsaufwandes aus dem Bus wieder ausgebaut. Mich hat das nicht gestört, ich habe mir einen ruhigen Platz in den hinteren Sitzreihen gesucht. Die Gegend kannte ich schon von meinen Reisen mit dem alten Num und außerdem mußte sich ja auch jemand um die Mädels von Minus kümmern, der inzwischen auch ganz vorne auf dem Hutzenschoß saß und mit großen Worten von seinen angeblichen Kaperfahrten prahlte und darüber seine anderen Pflichten vergaß.

Wenigstens hatte man an ausreichend Proviant gedacht, dachte ich, als ich die beiden zwar etwas zappelnden, aber gut verschnürten Bündel auf dem Dach sah. Ich bin ja gespannt, wo Grams in der Eis- und Geröllwüste von Groß-Troll sein Karnickelfutter herkriegt. Mir solls ja egal sein, mein Terzerol reicht notfalls für einen Schmiegehäschenbraten. Heute ist erstmal fürs Essen gesorgt. Kit hat sich auf dem Weg durch den Wald etwas umgeschaut und ein paar interessante Zutaten für einen großen Eintopf mitgenommen. Einer Schreckse kann man doch trauen. Oder?

5.

Ein altes zamonisches Sprichwort sagt: „Wer morgens einer Schreckse traut, der gewißlich nicht den Abend schaut!“ Dumme Kinder! Hätte ich es verhindern können? Wenn ich nichts gesagt hätte, hätte es nur diesen komischen Hachen erwischt, der unentwegt in sein Büchlein kritzelt. Mich beschleicht das Gefühl, daß er über mich schreiben könnte. Eine Biographie? Eine Lobhudelei? Ein Entwurf für ein groß angelegtes Poem? Eine epische Heldensage? Verdient hätte ich es gewiß, habe ich ihn nicht das Leben gerettet? Aber der Reihe nach:

Wir waren also auf den Weg zum Hexenhaus gewesen. Überall Birken – wie sinnig. Die Atmosphäre war angespannt und bis auf eine Schreckse blieben alle zusammen. Die warzige Schrecksenschreckschraube aber machte mir Arbeit für fünf. Ständig rannte sie zu irgendwelchen Kräutern hinüber, pflückte Pilze, grub Wurzeln aus und kratzte Moos von Steinen, die ich nicht einmal mit der Hufeisenzange angefasst hätte.

Der Weg erwies sich als länger als gedacht und irgendwann kam dann ein Hungergefühl über uns. Ich hatte natürlich ein wohlgeschnürtes Paket dabei – man ist ja ein erfahrender Wanderer – und konnte mich an gebratenen Wollhühnchen-Keulen, gut abgehangenen Schweinsbarbaren-Schinken und Hutzenfuß in Aspik gütlich tun, aber die armen Kinderchen … Die standen mit großen Augen und offenen Mündern um mich herum und die eine oder andere schlechte Idee fing an, noch schlechtere Ideen zu kriegen. Ich drohte milde lächelnd mit 8 Zeigefingern, sagte „Nano, Nano, wo sind denn deine Manieren?“ und brach ihn die Hand, die sich in meinen Picknick-Korb gezwängt hatte. Dann tat ich das, was jeder verantwortungsvoller Reiseleiter tun sollte, wenn er satt zu essen hat und um ihn herum Schutzbefohlene hungern: Ich rülpste, stopfte in mich rein und brummte zwischen zwei Bissen:

„Da hinten kocht die Schreckse Kit. Der schlaue Hache hat das schon lange mitgekriegt und steht schon mit dem Teller in den Startlöchern. Wer sich beeilt, der kriegt …“

Die Meute stob davon, als gäbe es auf dieser Welt nichts besseres als Schrecksen-Sud. So eilig hatten sie es, das sie den sich so schlau vorkommenden Hachen umrannten, in Grund und Waldboden traten und ihn Käfer zu essen gaben. Ich winkte ihn mit einer Wollhühnchen-Keule zu, als er sich ächzend aufrappelte. Der Suppenkessel war natürlich längst leer. Der Hache – ich glaube, er hieß Dachsjetzt oder so – warf mir einen finsteren Blick zu, auf den ich aber nicht achtete. Mich fesselten nämlich die 13 Schüler, die als Erster und am meisten von der Suppe gegessen hatten und die sich jetzt auf den Boden wandten, schrien und sich die blähenden Bäuche hielten. Die Schreckse stand mit einem schrecklich verlegenen Gesichtsausdruck daneben. Fünf Minuten später waren sie allesamt unter schrecklichem Gewinsel gestorben.

Bärnum: Tagebuch eines Nachtschülers auf Reisen, Teil zwei.

Das ist ja noch mal gut gegangen. Zumindest für mich. Pech für die Mitschüler, die mal wieder nicht genug kriegen konnten und sich gleich mit großen Löffeln die Schrecksensuppe in ihre gierigen Hälse schütteten. Weiß doch jeder, daß man einer Schreckse nie trauen kann.

Meine Freude über etwas mehr Platz dauerte jedoch nicht lange. Nachdem wir knapp zwei Stunden am Rande des Großen Waldes entlanggefahren waren, hielt unser Bus plötzlich mit einem kräftigen Ruck.

Eine junge Nattifftoffendame stand am Wegesrand und winkte. Wir stiegen aus und ich erkannte Toffi. Toffi von Tuffig. Dank ihrer zahlreichen Verwandtschaften und sonstiger guter Beziehungen in alle Abteilungen der Verwaltung war es ihr gelungen, den Reiseleiter zu überzeugen, daß sie nicht an der Klassenfahrt teilnehmen muß und sie die unterrichtsfreien Wochen für ihren Umzug in die ornische Tiefebene nutzen kann. Im Straßengraben lag ein alter Bauwagen in bedenklicher Schräglage. Ein paar Kochtöpfe und ein Sessel waren ins Unterholz gerollt.

Ich besah mir den Achsbruch genauer. Über die aus einem aufgerissenen Koffer gefallenen Unterwäschestücke der Nattifftoffin, die mir bei einem Blick unter den Wagen auffielen, breitete ich eilig den Mantel der Diskretion in Form meiner Regenjacke. Wenn das die Kinder gesehen hätten! Ich nahm mir vor, bei der Dame gelegentlich wegen eines Formulars vorzusprechen ...

Der Reiseleiter, der sich inzwischen von seinem Sessel neben dem Fahrer bequemt hatte und der wohl bei seinem ersten Mittagsschlaf gestört wurde, besah sich das Chaos und brüllte, wir sollten alle versuchen, den Inhalt des Bauwagens auf die freigewordenen Plätze zu räumen.

Ich vermute, er tat das weniger aus Mitleid mit Toffi, sondern eher, weil er dafür einen guten Erlös beim nächsten Trödler erhoffte.

Am späten Nachmittag später ging es endlich weiter. Der Bauwagen, von einem großen Teil seiner Last befreit, die jetzt zwischen den Sitzreihen klapperte, holperte an der Anhängekupplung des Busses. Den Achsbruch hatte Nano in einer Aktion, in der ein paar von Nokintes Binden, die Antenne von Skelchs Fernseher, ohne den dieser nie seinen Stollen verließ, und eine klebrige Flüssigkeit, die eigenartig nach Kirschen roch, eine entscheidende Rolle spielten, repariert.

So zog sich die heutige Etappe länger als erwartet hin. Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das nächste Hexenhaus, das genauso aussah, wie das, in dem wir die letzte Nacht verbracht hatten. Naja, wieder mal typisch Tourismusindustrie. Ein Haus wie das andere, gleiche Einrichtung, gleiches Essen, gleiches Personal und so weiter. Man kennt das. Und die Schauergeschichten über Dimensionslöcher in den Duschräumen mancher Hexenherbergen, die der Reiseleiter uns noch gestern auftischen wollte, hatten sich wieder mal als Gutenacht-Märchen für Wolpertingerwelpen erwiesen. Apropos Duschen: Jetzt fällt mir ein, daß ich das ja auch noch wollte. Ach, dafür ist morgen früh vor dem Frühstück auch noch genug Zeit.

6.

Verdammt! Verdammt, verdammt, verdammt! Verdammt! Der gute Nurnenkirschlikör weg und dazu auch noch verlaufen. Oder verfahren. Oder beides. Was eine aufrechte Made alles ertragen muß in dieser Welt. Aber der Reihe nach:

Ich war gerade dabei, die aufgeblähten Leichen zu untersuchen – es waren ausschließlich Vertreter der gierigen Daseinsformen darunter wie Schweinsbarbaren, Blutschinken und Tratschwellen – fiel mir auf, daß drei der Leichen gar keine waren. Einer von ihnen kam mir sogar vage bekannt vor. Hatte ich den Typen nicht unlängst in einen Entenweiher ersäuft, weil er eine meiner seltenen Ausgaben von der Goldenen Liste im Wald ausgesetzt hatte? Ich runzelte die Stirn. Anderseits sahen diese Schweinsbarbaren doch einer so aus wie der andere. Bellend fragte ich in die Runde, ob einer die Namen der Toten kenne. Ein Stollentroll, der einen kleinen Kasten in Händen trug, aus dem das infantile Gerede bewegter Bilder erklang, trat näher und nuschelte, die Namen kenne keiner, das seien alles Ersties. Ersties? Diesen Begriff hörte ich zum ersten Mal, war wahrscheinlich so eine elitäre Gruppe in der NaSchu. Jedenfalls – wir mußten hier weg, bevor die Leichen anfingen zu stinken und ich rief den Bus. Weit kamen wir natürlich nicht. Wäre ja auch ein Wunder gewesen. Eine dümmliche Toffte hatte ihren Planwagen gegen einen Baum gesetzt und saß jetzt heulend in auf einer Wurzel. Überflüssige Daseinsform. Ohne Formulare sind die vollkommen verloren! Überhaupt: Hätte sich die feine Dame nicht mittels miesester bürokratischer Tricks vor der Klassenfahrt gedrückt … Bei den Unfall mußte ihr Koffer geplatzt sein, denn überall lagen Kleidungsstücke – auch die Unaussprechlichen! – herum. Ich ließ sie einsammeln, da ich einen alten Zwiezwerg kenne, der für getragene Unaussprechliche eine Menge Pyras zahlt und wollte mir gerade einen schönen Nurnenkirsch aus meinen privaten Vorräten gönnen, aber – die Flasche war leer! Das ging zu weit! Wer hatte mir … Ich ließ die Schüler antreten.

„WER?“ donnerte ich und hielt die leere Flasche hoch.

Keine Antwort.

„WER?“ ließ ich den Erdboden erzittern. Angst und Entsetzen packte die Brut. Sie rotteten sich zusammen, begannen zu tuscheln, Geschrei ertönte und dann warfen sie mir einen Stollentroll vor die Füße.

„yippo wars!“ „Jau, yippo!“ „Niemand anderes!“ „Echt voll krass wahr!“ „Ehrlich, yippo, wie konntest du nur?“

Ich besah mir das Würstchen. Der würde leiden! Meinen Nurnenkirschlikör zu trinken! Oh, der würde leiden! Ich pfiff mir einen besonders servil scheinenden Stollentroll herbei, befahl ihn, den Lumpen zu packen und mir dann zu folgen. Nach einem kurzen Marsch erreichten wir doch tatsächlich das smeikversmeikte Hexenhaus. Wozu die Wut doch alles gut ist. Ich fesselte den Mundräuber wie einen Rollbraten, klebte ihn einen Zettel mit der Aufschrift „Friß mich!“ auf die Stirn und ließ ihn vor dem Hexenhaus zurück.

7.

Dummerweise ließ das Hexenhaus uns nicht zurück! Nach einer mehrstündigen Fahrt langten wir wieder dort an. Die Kinder schrien „Och“ und „Ah“ und „Noch ein Hexenhaus!“, aber ich erkannte an den ausgelutschten Stollentroll-Resten, wo vor kurzen noch ein gewissen Nurnenkirschlikör-Räuber gelegen hatte, daß wir wieder am Ausgangspunkt unserer Fahrt waren. Beim großen Smeik! Ich funkelte den Fahrer an. „Wieso sind wir … Ja, was ist denn?“ Ein Hache – beim Allverderber, wie viele von diesen Schmusehündchen der Natur gab es denn in dieser komischen Schule? – zupfte grinsend an meinen Ärmel.

„Boah, ey, voll krass, Alter. Ey, ich bin der Iliak, voll cool krass, ey. Hör ma, Alter, das mußt du dir echt ansehen. Der Rumpel …“ Er begann, zu lachen. „Der Rumpel … Ne, echt, Alter, der Rumpel …“

Ich wies den Fahrer mit einem kurzen Nicken an, zu warten und ging nach hinten in die ungewaschenen Tiefen des Busses hinein. Sieben Schüler standen um die Toilette herum und hielten sich die Bäuche vor Lachen. Einer von Ihnen kam mir vage bekannt vor.

„Du! Tintenfaß oder so! Dich kenne ich doch! Was ist hier los?

Der von mir höflich Gefragte zuckte zusammen.

„Na, wird das heute noch was mit der Antwort, oder muß ich hier dumm sterben?“

„Also, der Rumpel, der war eben auf Toilette. Großes Geschäft. Und als er herauskam, da meinte er, sie haben wirklich recht gehabt, so eine Unterhose sei nicht nur „higenisch“, sie halte auch hübsch warm, wenn man sie richtig trage.“

„Ja und? Was soll daran so komisch …“ Ich kapierte. „Das kann nicht sein! Willst du damit sagen, er …

„Ganz genau“, brach es lachend aus Tintenfraß hinaus. „Er hat sich volle Kanne …“

„Ihr kommt alle mit!“ fauchte ich. Ich packte Rumpel bei den Ohren und zog ihn hinter mir her aus dem Bus und hin zum Hexenhaus. Dort gab es bestimmt eine Dusche. Die sieben Kinder sollten mir helfen, den Schweinsbarbaren darunter zu bugsieren, denn wie jeder weiß, scheut dieses Spezies Wasser wie die Pest.

Ich wies den Fahrer an, die Türen verschlossen zu halten. Dann gingen wir neun in das Hexenhaus, das nur einer – glücklicherweise ich! – wieder verlassen sollten. Was mit den anderen geschah – ich weiß es nicht. Interessiert mich aber auch gar nicht. Rumpel wurde zeternd und kreischend wie ein Hempel von seinen Mitschülern aba, Tinte, Rumo, Güni, Iliak, Sora und Farfisel unter die Dusche gezerrt, während ich mich vornehm zurückhielt. Die Namen habe ich mir übrigens später notiert, um die Schulleitung korrekt informieren zu können. Jedenfalls – nach ein paar Sekunden hörte das Kreischen und Zetern auf, ein kollektives „Ach du Sch …“ erklang und das war es dann. Ich sah keinen Grund, der Sache auf den Grund zu gehen. Immerhin war das hier ein Hexenhaus. Vielleicht hatte der Abfluß der Dusche ja oder das Wasser war gar keines oder die Kacheln waren aus oder die Hexe lauerte im Seifenspender oder oder oder. Nicht mein Job, jedes „oder“ zu ergründen. Oder?

Rumpel: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen, Teil 1.

Frei! Endlich wieder in Freiheit!

Glücklicherweise gab es im Badezimmer ein Fenster aus dem wir hinaus hüpfen konnten, um nicht weiter mit diesem „Reiseführer“ an der Klassenfahrt teilzunehmen. Hinter dem Hexenhaus fanden wir eine Kutsche. Leider gab es wieder etwas Gerangel, weil erneut jeder vorne sitzen wollte. Als sich alle sortiert und einen Platz gefunden haben, mussten wir aber feststellen, dass wir gar keine Vährde dabei hatten. Also wurden Sora und Rumo vor die Kutsche gespannt, Güni flog voraus und so flohen wir aus dem Wald. Erschöpft von den Strapazen wickelte ich mich in Fafis Rockzipfel und schlief ein ...

Ich träumte gerade von leckeren, knusprigen Pommes, als ich von lautem Gemecker geweckt wurde. Sora und Rumo weigerten sich die Kutsche weiter durch die Gegend zu ziehen. Nun waren gute Ideen gefragt. Fafi meldetet sich sogleich und meinte, dass wir doch Pecks anrufen könnten und die Kutsche an den Reisebus hängen sollten. Nunja, von schlechten Ideen war wohl in einer solchen Situation keine Hilfe zu erwarten. Ich schaute mich um und … BINGO!

Ich instruierte Iliak und kurz darauf entblöß … bzw. entwickelten wir Nokinte. Entsetzt rannte dieser danach zum nächsten Busch und jammerte. Alle anderen kicherten und so war wenigstens das Gemecker vorbei. Aus den Wickeln wurde ein Segel gebastelt und Fafi spendierte Nokinte ihren Rockzipfel. So konnten wir alle in Windeseile mit der Segelkutsche weiterziehen und kamen nach rasanter Fahrt in Buntbärlingen an. Dort parkten wir die Segelkutsche vor der erstbesten Spelunke und stürmten hungrig hinein …

9.

Ein ganzer Tag verloren. Beim Smeik! Und alles nur wegen diesem Pilzen! Und – im geringeren Maße (schönes Wortspiel) wegen dieses Zwergpiraten! Heißt es nicht: Gegen Pilze, Gullis und Zwergpiraten kämpfen selbst Götter vergeblich! Anderseits scheint diese alte Weisheit nicht für Eulen zu gelten … Aber der Reihe nach.

Nach dem nicht weiter wichtigen Verlust einiger Kinderlein im Hexenhaus entschloß ich mich, die Zügel etwas anzuziehen. Ich wies den Fahrer an, die restliche Strecke durch den großen Wald in Eiltempo hinter sich zu bringen. Wir rumpelten also über Wurzeln, brachen durch Büsche, eierten über umgestürzte Bäume und bescherten so manchem seltenen Tier ein vorzeitiges Ableben. Mit Schwund muß man eben rechnen. Jedenfalls passierten wir gerade mit einem wahren Höllentempo eine Waldwegkreuzung, als uns eine von links kommende Kutsche schnitt. Die Kinderlein im Bus pressten sich die dicken Nasen an der Scheibe platt und erstaunte Rufe wie „Waren, das nicht …“, „Klar, die Unterhose erkenne ich unter Tausenden …“, „Wieso sitzt Kulla vorne …“

Ich beschloß, dieses bizarre Phänomen zu ignorieren und lieber etwas frische Luft zu schnappen. Ich öffnete mein Fenster in den Moment, als die Kutsche an uns vorbeizog. Öffnete es in den Moment, als die vorbeiziehende Kutsche über einen dicken Ast fuhr. Über einen dicken Ast fuhr und den Kutschbock erschütterte. Den Kutschbock erschütterte und eine Hutze mittleren Alters herabwarf. Herabwarf und durch ein krudes Walten der Physik durch das offene Fenster des Busses katapultierte, wo sie auf den Boden landete, sich mit großen Augen umsah und begann, loszuweinen.

„Buuuuhuuuu! Buuuuuhhhhuuuuu! Ich war schon weg! Ich war schon weg! Buuuuuhuuuu!“ Sie schnäuzte sich in ein Büschel ihrer Haare. Eine andere Hutze strich ihr beruhigend über die Haare – worüber auch sonst? – und nuschelte:

„Ach Kulla, Kulla, hier kommt keiner weg. Hier, iß ein paar Pilze, die habe ich gestern gepflückt, als wir …

„Pilze?“ fragte ich. „Was ham wir denn da, Amanda? Willst du etwa diese köstlichen Pilze nicht mit deinen Klassenkameraden teilen?“ Den entsetzten Gesichtern der Klassenkameraden entnahm ich, daß sie überhaupt keinen Wert auf Amandas Pilze legten. Na, wer nicht wollte, der hatte eben schon, dachte ich gerade. In diesen Moment schoß eine schwarzgefiederte Hexenhut-Eule durch das noch immer offene Fenster, zog eine blitzschnelle Runde über unserer Köpfe, stieß herab, schnappte sich einen Zwergpiraten und verschwand wieder.

„Da haben wir aber gerade Minus gemacht“, kommentierte der Fahrer trocken.

Die Kinder waren sprachlos vor Entsetzen. Eine Panik war nahe. Ich aber blieb der Fels in der Brandung, der verlässliche Hafen der Ruhe.

„Jeder ißt jetzt einen Pilz! Das ist lecker, gesund und überhaupt. Aber zuerst mache ich das Fenster zu. Dann aß ich und der Rest ist Rausch …

Rumpel: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen, Teil 2.

3 Tage und Nächte später …

Ich wachte mit schwerem Kopf hinter der Theke auf, Iliak lag im Weinkeller, aba lallte in der Spüle, Noki, Fafi und Rumo kugelten in der mittlerweile leeren Vorratskammer, Güni hangoverte im Leuchter und Sora schnarchte im Vogelkäfig.

Was genau die letzten Tage und Nächte passiert war, weiß ich nicht mehr so genau. Zwischenzeitlich hatte ich wohl Hollaziehnationen oder eine Kullaphobie. Manchmal z. B. schienen der Staubwedel oder der Hainnachtsbaum sich in die Hutze zu verwandeln und danach wieder zurück.

Ich weckte alle vorsichtig. Die sonst anwesenden Buntbären vermieden wohl den Besuch der Spelunke. Vermutlich lag es an dem Saustall hier. Also wie es hier ausschaute … also wirklich! Scheinbar hat in den letzten drei Tagen hier niemand aufgeräumt.

Iliak wollte nicht mehr bleiben, weil der gute Wein schon leer war und er den anderen bereits zum putzen seiner Schuhe verwendet hatte. Güni, Sora, Noki, Fafi und Rumo stimmten zu. Aba lallte weiter in der Spüle und so beschlossen wir sie dort zu lassen, um die Zeche abzuspülen. Das war nur fair den Buntbären gegenüber. Fafi und Noki kleideten sich komischerweise vor der Weiterfahrt neu ein – warum, kann ich gar nicht verstehen, aber egal, in den Dienstbärenzimmer lagen ja genug Uniformen herum.

Also sprangen wir wieder in die Kutsche und fuhren mit dem Wind um die Wette in die Nacht …

10.

Peinliche Sache, so ein Drogenrausch. Ich weiß, wovon ich rede. Und steht nicht schon im Ich hab´s dir ja gesagt … Tartofel Toffels Ratgeber mit ungebetenen Ratschlägen: „Auf Pils und Pilz kein Segen liegt, bei beiden Galle über Hirn obsiegt!“

Wenn ich mich richtig erinnere, lagen wir alle auf den Waldboden herum und sangen alte zamonische Volksweisen wie „Die Haifischmaden sind müde“, „Hoch mit den Schweinsbarbaren“, „Karamba! Karacho! Eine Schreckse!“, „Dein ist mein ganzes Gimp“ oder „Ich hab noch Spliss in den Haaren“. Natürlich sangen wir alle gleichzeitig. Und schief. Und falsch. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Tiere im Großen Wald wir damit zu Tode erschreckt haben.

Leider hatte der Drogenrausch, den uns eine gewisse Hutze bescherte, nicht nur den unkontrollierten Ausbruch alten Liedgutes zur Folgen, nein, wir verloren auch drei weitere Teilnehmer der Fahrt. Da war zum Ersten der mir irgendwie ans kalte Herz gewachsene Picknickkorb-Mundräuber Nano, bei dem ich immer an eine alte Serie aus den bewegten Bilderkasten denken mußte. Nano bildete sich plötzlich ein, er sei ein Sternenstauner, der zu Höheren berufen sei. Unter unseren beifälligen Gesang – wir grölten „Staun doch! Wir sagen dir: Staun doch!“ – kletterte er auf einen Baum und begann, zu staunen. Leider vergaß er über lauter Staunen, sich festzuhalten und so mag es keinen erstaunen, das er tief und lange fiel. Und zwar in einen Bach, wo er jämmerlich, aber immer noch staunend ertrank. Wir sangen ihn noch ein letztes „Take me down to my grave on the river“, dann war er verschwunden. Der mir vage bekannt vorkommende Schweinsbarbar, den ich irgendwie mit Ententeichen und ausgesetzten Dingen in Verbindung brachte, war das nächste unglückliche Opfer des kollektiven Drogenrausches. Ihm hatte nämlich der Wahn gepackt, ein Gimpel zu sein, und unter schauerlichen „Einmal möchte ich ein Gimpel sein!“ wickelte er sich grüne-braune Ranken ein. Jetzt sah er zwar aus wie ein Öko-Gimpel, aber die Freude währte nicht lange. Oder vielmehr seine. Denn die Freude der Windenwürge, in deren Würgefänge er sich gewickelt hatte, währte sehr lange. Sehr, sehr lange. Ja, meine Kinder, im Großen Wald gibt es noch immer Windenwürgen. Alle Welt spricht von der Waldspinnenhexe, aber die bringt im Jahr vielleicht ein bis zwei Daseinsformen um. Durch Windewürgen aber sterben jährlich … aber ich will nicht statistisch werden. Wir gaben ihn ein beschwingtes „Du hast mich tausendmal gewürgt“ mit auf den Weg, den Letzten, dann war es aus. Schließlich erwischte es noch mein hoch geschätztes Grillrippchen, den aufrechten Retti Appeli. Einen Drogenpilz induzierten Freßrausch erliegend, fing sie an, wahllos Obst in sich hineinzuwerfen. Buntbeeren, Erdwurzeln, Falsche Birnen und Quellpflaumen. Und leider auch Gallig-Äpfel. Nun ist ein Gallig-Apfel an sich ja ungefährlich, weil man ihn nach den ersten Bissen sofort ausspuckt, aber Appeli warf sich gleich sieben in den Schnabel, schluckte und – verdrehte die Augen. Lief gelb an, holte noch einmal Luft, hob den linken Flügel und rutschte vom metaphorischen Schlitten. Tiefbetrübt gaben wir ihr ein „Wer hat mir den Apfel in den Schnabel gesteckt?“ mit. Dann schliefen wir ein. Am nächsten Morgen wachte ich gefesselt auf.

Bärnum: Tagebuch eines Nachtschülers auf Reisen, Teil drei.

Was für eine Nacht!

Man ist ja an die ständige nächtliche Unruhe gewöhnt, wenn Rumpel an den Stollentüren und Körbchenrändern kratzt und um Einlaß bettelt. Das ist ja nun sowieso seit gestern vorbei. Wir hatten eine ruhige Nacht erwartet, weil uns dies nun erspart bleiben sollte. Aber nein, es war schlimmer. Unser Reiseleiter hat sich aus Kummer um

seinen abhanden gekommenen Nurnenkirschlikör eine Flasche Puplinger Rachenschreck, die leichtsinnigerweise aus der Reisetasche von Grams lugte, einverleibt.

Nachtschüler wissen dank des guten Nachtigallerschen Biologieunterrichts, daß Haifischmaden zwar über Atemorgane verfügen, die Phogarren aller Art und in jeder Menge vertragen, aber ihr Verdauungssystem ist aufgrund der dekadenten Lebensweise und der damit verbundenen vornehmen Küche, durch ständigen Kaviar- und Weißbrotgenuß dermaßen degeneriert, daß eine Alkoholmenge, die über ein Glas Eierlikör hinausgeht, zu einem Rauschzustand führt, als ob man ein Pfund Hexenhutpilze gefuttert hat.

Nurnenkirschlikör besteht in erster Linie aus Zuckerwasser, daher auch die gute Eignung als Kleister für Achsbrüche, aber der Alkoholgehalt tendiert eher gegen Null. Nachdem nun der dicke Maderich das erste Glas Puplinger Rachenschreck in seien Rachen geschüttet hatte, verdrehte er seine Augen und saß dann nur noch mit einem debilen Grinsen in seinem Reiseleitersitz. Irgendwann schlurfte er mit seltsam schwebenden Schritten in sein Bett. Die Tatsache, daß es genau das richtige Bett war, grenzt an ein Wunder.

Nach einer unruhigen Nacht, in der sich das Krächzen und andere unbeschreibliche Geräusche, welche aus dem kleinen, hölzernen Häuschen hinter der Hexenherberge drangen, mit einem Schnarchen abwechselte, das den altersschwachen Dielenboden vibrieren ließ, schlurften wir müde und mißgelaunt in die Küche. Eigentlich hatten wir ein angemessenes Frühstück erwartet.

Stattdessen gab es trocken Brot und Kaffee, den ich aus großzügiger Weise aus meinen Beständen spendiert hatte. Selbstverständlich erst, nachdem ich für Kulla ein ordentliches Hutzengesöff gebrüht hatte.

Der Tag verging angenehm ruhig. Man döste vor sich hin. Die Mädels waren froh, daß sie mal ein paar Stunden Ruhe hatten, ohne ständig behüpft zu werden und so lagen sie entspannt auf der Wiese und träumten. Gegen Abend erwachte unser Reiseleiter aus seinem Delirium. Wir schnallten ihn an seinem Bett fest, ehe er Gelegenheit hatte, dem Fahrer irgendwelche Anweisungen zur Weiterfahrt zu erteilen. Wenigstens eine ruhige Nacht wollten wir noch haben.

11.

Gefesselt! Ich! Das undankbare Lumpenpack rannte munter pfeifend durch den Großen Wald – oh, das sie alle von Würgewinden … - und ich lag hier gefesselt! Ich pfiff einen leicht debil grinsenden Hachen heran, kramt in den Tiefen meines Gedächtnisses nach seinen Namen und ließ mit gnadenloser Härte meine Frage herabsausen:

„Also, Rehdann, wer hat mich gefesselt. Sag es mir und ich werde mich erkenntlich zeigen.“ Der Hache zuckte nur mit den Schultern.

„Sag es mir und ich laß dich vielleicht leben“, zog ich das Tempo an.

Er kratzte sich dort, wo früher mal Haare gewesen sein mochten.

„Sag es mir und ich…“ Er lief davon und begann, Ball zu spielen.

„%&$§€±ₓ±€Ҧ∞©®™¥µαҖ£!“ stieß ich aus.

„Wow!“ hauchte es atemlos-ergriffen neben mir.

Ich linste nach rechts. Ein Stollentroll.

„Was?“ bellte ich.

„Können Sie mir beibringen, auch so toll zu fluchen?“ fragte mich der Troll.

„Ob ich dir … Oh, aber sicher. Ja, das kann ich. Ganz bestimmt. Daky, richtig? Also hör mal zu, Daky. Binde mich los und ich verspreche dir, noch bevor der Tag vorbei ist, kannst du genauso gut fluchen wie ich. Na, wie klingt das?“

„Klingt super. Kähähähähä.“ Und unter diesen Lachen band er mich los.

Der gefällte Riese war wieder auferstanden! Ich richtete mich zu meiner wahren, majestätischen Gestalt auf, riß mit brachialer Gewalt 14 junge Bäume aus den Boden und stürmte wie eine Horde Dämonenkrieger auf die noch arglos spielenden Kinderlein zu. Dann fuhr ich unter sie wie der Nordwind in ein Kornheimer Kornfeld und jagte sie unter Schlägen zum Bus. Unterwegs „sammelte“ ich noch Daky ein.

„Aber Meister! Meister!“ servilte er. „Sie haben mir doch versprochen …“

„… dir das Fluchen beizubringen. Und das mache ich! Oh, du wirst fluchen!“ Ich lachte wahnsinnig.

Ich trieb sie am Bus vorbei, quer durch den restlichen großen Wald. Trieb sie vor mir her, bis wir an der Küste anlangten. Der Bus tuckerte langsam hinter uns her, überfuhr auf meinen Wink hin die, die zurückblieben oder fielen. Mich zu fesseln! Ha!

Viel zu früh für meinen Geschmack erreichten wir schließlich das Meer. Hier lag schon die Tretboot-Dschunke vertäut, die uns nach Groß-Troll bringen würde.

Bärnum: Tagebuch eines Nachtschülers auf Reisen, Teil vier.

Eine ruhige Nacht, ein sonniger Morgen.

Da es einigen von uns zu kalt war und ich auch aus dem Alter raus bin, wo man unbedingt auf dem Waldboden übernachten will, hatte ich es mir mit einigen anderen Mitschülern auf den Sitzen im Bus bequem gemacht. In dem Bereich, wo immer noch Toffis Hab und Gut zwischen die Sitze gestapelt war, konnte man sich sogar eine kleine Wohnung einrichten. Es war ja alles da.

Wir wachten auf, als der Bus recht langsam durch die Gegend schaukelte. Ich kroch aus meinen warmen Decken und riskierte einen Blick aus dem Fenster. Vor uns war lautes Geschrei zu hören, aus dem ich die Stimme des Reiseleiters zu erkennen glaubte. Zwischen dem Schreien und Fluchen von draußen hörte ich nur noch ein ausdauerndes Schnarchen aus der nächsten Sitzreihe. Amanda hatte sich unter dem Sitz in einen großen Katzenkorb aus Toffis Hausstand gerollt und ließ sich in ihrem tiefen Hutzenschlaf durch nichts stören.

Aber warum rannten die alle, statt sich ordentlich in den Bus zu setzen, damit wir auch mal wieder etwas schneller vorankamen?

Ich empfand Frühsport schon immer als eine etwas zu anstrengende Art, den Tag zu beginnen. Eine große Tasse Kaffee ist mir da viel lieber. Ein weiterer Blick aus dem Fenster auf ein paar herumliegende Mitschüler, die sich nicht mehr bewegten, bestätigte mich in meiner Meinung: Sport ist Mord.

Ich reichte Kulla noch eine große Tasse Hutzengesöff, füllte meinen Kaffeepott auf und dann schauten wir Pralinés mampfend weiter dem seltsamen Treiben im Wald zu.

12.

Kaum am Wasser angekommen, fiel mein unbändiger Zorn von mir ab wie eine alte Decke. Was hatte ich nur getan? Meine Schutzbefohlenen hatte ich vor mir hergejagt, die armen Kinderlein vollkommen verängstigt. Als der Bus hielt, sah ich, daß einige von ihnen in ihrer grenzenlosen Panik sogar in das Gefährt geflohen waren und dort eine Schutzburg errichtet hatten. Was hatte ich nur getan? Aber ich würde es wieder gut machen. Zwar hatte das Geld nicht für mehr als eine Tretboot-Dschunke gereicht, aber keines der lieben Kinderlein sollte auch nur einen Fuß …

Wir gingen an Bord. Die Kinder sahen mich noch immer vollkommen verängstigt an. Ich legte mich zwischen die Pedale, packte sieben auf der rechten und sieben auf der linken Seite und legte los.

„Nächster Halt: Groß-Troll!“ rief ich noch, dann schossen wir auch schon durch die Fluten.

Eine Stunde Fahrt.

Ein Krampf in einer Hand.

Drei Stunden Fahrt.

Beginnender Muskelkater.

13 Stunden Fahrt.

Arme gehorchten mir nicht mehr.

19 Stunden Fahrt.

Befehlsgewalt über Arme zurückerhalten, aber einsetzende Halluzinationen.

23 Stunden Fahrt.

Arme fallen ab.

48 Stunden Fahrt.

Ankunft in Groß-Troll.

Rumpel: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen, Teil 3.

Wieder 3 Tage und Nächte später nachdem die Ausreisergruppe mit Iliak, Noki, Fafi, Rumo, Sora, Güni unter meiner Führung Buntbärlingen verlassen hatte:

Vorbei an den Finterbergen trug uns der Wind diesmal mit unserer Segelkutsche bis zur Irrlichterbucht. Als wir auf dem Weg dorthin an den Friedhofssümpfen vorbeirumpelten, mussten wir an unsere armen Klassenfahrtler denken, die sich vermutlich noch immer in den Klauen von Pecks befanden und dessen Wahlküren ausgesetzt waren.

An der Irrlichterbucht angekommen bastelten Rumo, Güni und Sora aus dem Segel nun ein Zelt, Iliak errichtete eine Feuerstelle, Noki setzte einen großen Kessel mit Buchstabensuppe an und ich trug die Verantwortung.

Plötzlich meinte Fafi, dass sie einen Bollogg foppen wolle und bevor wir reagieren konnten, war sie auch schon nicht mehr zu sehen. Bis dahin wusste ich gar nicht, wie schnell sich schlechte Ideen fortbewegen konnten. Sicherheitshalber bat ich Güni sich in erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzten.

Nachdem die Arbeiten erledigt waren, versammelten sich alle am Feuer, aßen Buchstaben, tranken Suppe und warteten auf die Rückkehr von Fafi, bis plötzlich Sora aufquietschte.

Aus weiter Ferne kamen zwei kleine Wesen auf uns zugehoppelt. Es waren die beiden Wallabybabies, die Sora kurze Zeit später umknuddelten. Sie erzählten uns von ihren schrecklichen Erlebnissen der letzten Tage, aber zu ihrem Glück sind die beiden auf dem Weg nach Groß-Troll über Bord gehüpft und dank meines unverwechselbaren Duftes hatten sie zu uns gefunden. Vielleicht sollte ich mir doch mal die Füße in der Irrlichterbucht waschen … Nach einer geruhsamen Nacht wachte ich pünktlich am Mittag auf. Iliak war schon fleißig und hatte einen Wal gefangen, den wir später auf der Feuerstelle grillten. Sora baute mit den Wallabybabies Sandburgen, Güni schnäbelte mit Möwen, von Fafi war noch immer keine Spur und Rumo war auch verschwunden. Auf meine Frage hin, wo denn Rumo ist, meinte Noki nur „Is Fafi suchen“. Nun gut dachte ich, dann bleibt mehr Wal für mich und solange Güni nicht SOS funkt, kann es ja nicht schlimm sein. Außerdem war die Irrlichterbucht ein nettes Fleckchen. Ich legte mich in den Sand, ließ mir die Sonne auf den Bauch scheinen und beobachtete Wanderdünen beim Wandern. Iliak machte irgendwas mit Hopfen und Malz, Sora spielte weiter mit den Wallabybabies, Güni steckte den Kopf in den Sand, lediglich Noki wurde immer nervöser und er begann nasses Gras ins Feuer zu werfen und den Rauch zu inhalieren. Komische Freizeitbeschäftigung dachte ich mir und schaute weiterhin interessiert den Wanderdünen beim Wandern zu, bis es Dunkel wurde.

Langsam brach die Nacht herein und wir bestaunten zusammen die wunderschönen Irrlichter.

13.

Nachdem ich einen Tag lang geschlafen hatte und mir die Arme habe mit Smeikbrandwein einreiben lassen, wachte ich auf. Groß-Troll. Wir waren also da. Schön. Aber kalt. Hutzenkalt! Ich denke, es ist vertretbar, kurz ein paar allgemeine Worte über das Land zu verlieren und den Zweck unserer diesjährigen Klassenfahrt darzulegen. Also:

Groß-Troll ist uns Zamoniern natürlich seit Jahrhunderten bekannt, aber eine Gründliche und vor allen: wissenschaftliche! Erforschung des Kontinents hatte bisher noch nicht stattgefunden. Im Absprache mit den Zamonischen Zentralamt für Geologie, Schluchtenkunde und Eisfratten und der Atlantischen Bodenschätzeverwertungsanstalt war der NaSchu gestattet worden, eine Expedition zu starten, die folgende Fragen ein für alle Mal klären sollte:

Wie und warum hatte sich Groß-Troll von Klein-Troll getrennt?

Warum ist Groß-Troll größer als Klein-Troll?

Gibt es hier nennenswerte Bodenschätze oder Kulturen?

Hilft Hutzenwollunterwäsche wirklich gegen Kälte? Gegen richtige! Kälte?

Was liegt jenseits der berühmten Bekloppten Berge?

Hier nun einige Fakten über Groß-Troll. Kalt! Saukalt. Viel Eis. Sogar der Sand am Strand besteht aus Eis. Bäume und aufrechte Vegetation – kaum vorhanden und mit Eis überzogen. In der Ferne eine Gebirgskette, die sich quer über den Kontinent zu ziehen scheint. Natürlich mit Eis überzogen. Bislang bildet dieses Gebirgsmassiv, die legendären Bekloppten Berge, die Grenze, bis zu der zamonische Forscher vorgestoßen sind. Wir werden sie überwinden.

Ich teilte die lieben Kinderlein in vier Gruppen ein und stellte den ersten vieren je einen besonders verantwortungsvollen Mitschüler als Gruppenleiter hinzu. Appeli sollte Gruppe eins leiten, Klogatte die zweite, Skelch die dritte, Äh Püh schließlich die letzte. In meiner Abwesenheit sollten sie sich um die drängenden Fragen, die ich oben skizzierte, kümmern. Ich selbst würde mich mit einer ausgewählten Schar Schülern auf eine Expedition in die Bekloppten Berge begeben. Morgen wollte ich aufbrechen. Aber zuerst sollte ich noch eine Überraschung erleben, denn bei einen kurzen Spaziergang am Strand stieß ich auf einen Teilnehmer der Klassenfahrt, den ich eigentlich für tot gehalten hatte.

Rumpel: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen, Teil 4.

Leider wurde nicht aus einem gemütlichen Tagesausklang. Wie vom Blitz getroffen, schoss Güni in die Luft und aufs Meer hinaus. Kurze Zeit später war ein Donnern zu hören. Güni muss die Schallmauer durchbrochen haben. Sora, Iliak, Noki und ich hielten den Atem an. Hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert!? Die Wallabybabies hüpften nervös umher und wir starrten hinaus auf das Meer, aber konnten nur Irrlichter sehen.

Nach einer geraumen Zeit kam Güni erschöpft zurück. Rumo war auf der Suche nach Fafi wohl falsch abgebogen oder brauchte eine Erfrischung und ist im Meer gelandet, wo es von einer wohl gemeinen Welle, wohl aus Rache, dass wir sie in Buntbärlingen zurückgelassen und die Zeche abspülen lassen haben, weit weg vom Ufer getragen und von Güni in allerletzter Sekunde gerettet werden konnte. Rumo war so geschwächt, dass Güni ihn auf das nächstsichtbare Schiff brachte, wo zu allem Unglück Pecks mit den anderen armen Klassenfahrtlern war. Rumo fluchte Güni an, Güni fauchte Appeli an, die wohl die Situation unterschätzt hatte, Pecks wirrte und verwechselte Rumo mit Sora … naja, Wolpis sehen ja auch aus wie geklonte Schafe, also alle zum Verwechseln ähnlich … vielleicht war die Made auch langsam altersschwach oder die Tomaten auf den Augen, mit denen er wohl kurz vorher von den anderen in ihrer Verzweiflung beworfen wurde … grausame Szenen muss Güni erlebt haben, bevor sie weinend die anderen wieder verlassen hat.

In der Irrlichterbucht konnten wir nicht länger bleiben. Auch wenn von Fafi noch immer keine Spur zu sehen war, wir mussten verschwinden. Armer Rumo – zumindest konnte er kurz den Duft der Freiheit genießen, was den anderen armen Seelen bislang vergönnt geblieben ist. „Die Zeit wird kommen – wir werden alle vor Pecks retten“ schrie Iliak aufs Meer hinaus und Noki stimmte mit ein „Made in Taiwan!“ Verwirrt schauten wir Noki an, der sich plötzlich schämte und grün wurde.

Egal, wir mussten weg. Wir schoben die Kutsche auf eine der Wanderdünen. Erschöpft von den Ereignissen schliefen wir schnell ein und hofften, dass wir am nächsten Morgen an einem sicheren Ort aufwachten.

14.

Wie sich herausstellte, hatte seine gebrochene Hand – gebrochen, weil er in meinen Picknickkorb stöbern wollte – Nano das Leben gerettet. Oder vielmehr der Gipsverband. Dieser war im kalten Wasser aufgequollen und hatte die schlechte Idee so über Wasser gehalten. Die Strömung hatte dann ihr übriges getan und ihn erst ins Meer und dann ans Ufer von Groß-Troll getragen. Nun stand er also vor uns, triefnass und heftig niesend und immer wieder erklärend, es sei eine ausgemacht schlechte Idee, die Bekloppten Berge erforschen zu wollen, das wüßte doch jeder und außerdem sei es hier saukalt und so weiter und so weiter. Einen solchen Nörgelheini konnte ich unmöglich im Basislager zurücklassen. Ich warf ihn also kurzerhand auf einen der Schlitten – erwähnte ich schon die sieben Schlitten, die von Hutzen gezogen wurden? – und ließ die Peitsche knallen. Hutzen lieben es bekanntlich, in Geschirr vor Schlitten gespannt zu werden und dann die Peitsche zu spüren. Und wer bin ich, Ihnen das zu verweigern, was sie brauchen? Die Peitsche tanzte also bereits über ihre haarigen Rücken, als mich der aufgeregte Schrei eines Rettis – war das nicht der profilierte Güni? – auf einen Fleck im Meer aufmerksam machte. Da startete der Retti auch schon durch und nur fünf Minuten später legte er uns einen Wolpertinger vor die Füße. Sora! Verloren in der Dusche des Hexenhauses, wiederaufgetaucht an den Ufern von Groß-Troll. Donnerwetter. Instinktiv sah ich mich um, ob noch andere verlorene Kinder wieder … Gott sei Dank, nein.

Fragend wandten wir uns an Sora, die tropfnass vor uns stand und Güni böse anfunkelte. Ihren wütenden Geschrei entnahm ich, das sie eben noch munter planschend in der Irrlichter-Bucht geschwommen sei, als sie eine bösartige Tratschwelle – „aba ich kann echt nicht sagen, wer mich da geschwappt hat!“ – quer über den Ozean schwippte.

„Und dann hast du Riesenrindvieh nichts anderes zu tun, als mich ausgerechnet hierhin zu bringen! Hierhin! Zurück zu dieser Reisegesellschaft! Ja, geht es denn noch?“

Ich konnte diesen Ausbruch nur als Ausdruck ihrer großen Freude interpretieren und wenn sie sich so sehr freute, wieder bei mir zu sein, dann wollte ich ihr auch was Gutes tun. Kurzerhand warf ich sie neben Nano auf den Schlitten und diesmal tanzte die Peitsche ohne Unterbrechung.

Nach drei Stunden hatten wir die ersten Ausläufer der Bekloppten Berge erreicht. Grundgütiger Smeik, waren die hoch! Höher als hoch! Und – sah ich richtig? – war das eine Stadt da auf ihren Gipfel? Unmöglich! Ich kniff die Augen zusammen …

„Tolle Luftspiegelung, was“, kommentierte der Hache namens Wolfwann.

„Luftspiegelung?“

„Klar. Was denn sonst. Da oben baut doch niemand eine Stadt. Außerdem kann man an den unscharfen Rändern wunderbar erkennen …“

Ich winkte gelangweilt ab. Was wußte ein Hache schon von handwerklichen Dingen?

Eine Eisenmade hoppelte neben mich und knirschte:

„Wenn das eine Spiegelung ist – was wird denn da gespiegelt?“

Das war nun einmal eine wirklich gute Frage. Leider konnte ich mich nicht weiter um eine mögliche Antwort kümmern, denn in diesen Moment wurden wir angegriffen.

Farfi: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen, Teil 1.

Mir war das ja einfach nur peinlich, wie Noki da rum lief, eingewickelt in meinen flamongfarbenen Tüllrockzipfel. Und ich so halb angezogen. Aber sagen wollte ich auch nichts, weil die anderen mich immer so komisch ansahen seit meinem Vorschlag, dass wir doch zur Nachtschulreisegruppe zurückkehren sollten. Jedenfalls brauchte ich etwas Neues zum Anziehen, denn das modergrün dieser komischen Uniform da aus dem Dienstbärenzimmer sah einfach scheußlich aus. Außerdem stanken die Klamotten nach Schweiß und abgestandenem Bier. Und wir schlechten Ideen müssen nun mal immer gut und verführerisch aussehen und riechen. Also beschloss ich, mich anderweitig umzusehen. Vielleicht gab es ja in der Nähe einen schicken Laden. Ich rief also Rumpel zu, dass ich mal los wäre nach nem neuen Rock schoppen und machte schnellstens mich auf den Weg. Schließlich wollte ich ja rechtzeitig zurück sein, wenn unser Häufchen sich wieder auf den Weg machte.

Leider hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn ehe ich "lila Flanellläppchen" sagen konnte, war ich gegen einen mit Gestrüpp bewachsenen Felsen gefiselt. Das tat vielleicht weh! In meinem Schädel tanzten lauter funkelnde Sternchen. Und dann fing der Felsen an zu knurren! Ich konnte gar nicht so schnell zittern, wie ich Angst hatte. Ein langer Saugrüssel rollte auf mich zu, während sich dahinter plötzlich eine Pfütze bildete, schleimig und eklig. Wie von einer Teufelselfe gestochen sprang ich zurück. Das hätte ich wohl besser nicht tun sollen, denn nun konnte ich sehen, zu wem der Saugrüssel gehörte. Leute, ich sag euch, mein Herz wummerte wie seinerzeit die Schiffsmotoren der Moloch. Vor mir hockte ein Bolloggfloh. Und die Pfütze war Sabber, der ihm aus dem Maul lief. Ich war geliefert!

"Liebe Große Putzfrau", betete ich. "Ich habe noch eine große Zukunft vor mir. Du weißt, ich wollte irgendwann einmal Lügenkönigin werden und den Pecksniff-Preis für Nachwuchsschriftsteller will ich auch kriegen. Ich habe Talent und der Welt noch so viel zu bieten. Bitte lass mich nicht so elend sterben im Magen eines widerlichen Bolloggflohs!" Und dann schloss ich die Augen. Ich konnte diesen Anblick nicht mehr ertragen.

15.

Natürlich erkannten wir erst im Nachhinein, daß es ein Angriff war. Es fing nämlich ganz langsam an und als das Verhängnis über uns hereinbrach, war es beinah zu spät. Für mich. Für einige Schüler war es definitiv zu spät, aber wie sagt man in Haifischmadenkreisen: Mit Schwund muß man rechnen! Aber immer hübsch der Reihe nach, wie die Schreckse auf der Schrecksenmeister-Gruppensexparty mit Herrenüberschuß sagte.

Wir standen also um die Schlitten rum, ich ließ die Peitsche knallen und richtete ein paar letzte, aufbauende Worte an die zurückgebliebenen Schüler. (Die doppelte Bedeutung dieses Wortes ging mir erst später auf, aber irgendwie gefällt sie mir).

Mitten in den Worten „… Ruhm und Ehre Zentnerweise …“ sah ich eine Bewegung aus meinen Augenwinkeln. Eine Bewegung, wo keine sein durfte, denn dort gab es nichts – nur weiteste Eiswüste. Ich sah in die Richtung. Hmm, eine Eiswand? Wieso hatte ich die eben nicht … Eine weitere Bewegung, im anderen Augenwinkel diesmal. Und – wie erstaunlich! – eine weitere Eiswand, wo es vorher keine gab. Hier stimmte doch etwas nicht. Ich …

Ein gurgelnder Schrei zu meiner Linken ließ mich herumfahren. Eine Schreckse – Äh Püh, wenn ich mich richtig erinnerte – sah entgeistert auf einen Dorn aus Eis, der aus ihrer Brust ragte. Sie stieß einen lästerlichen Fluch aus, dann fiel sie zu Boden. Bizarrerweise schoß mir „Schreckse am Stiel“ durch den Kopf, dann brach die Hölle los. Eisfratten schoßen aus dem Boden und fielen über uns her wie Smeik über Atlantis. Eisige Scherenblätter schnitten drei Zwiezwergen auf einen Schlag die Köpfe ab, ein riesiger Schnellball begrub 17 Schüler – darunter so verdienstvolle Studiosis wie Rumo W., O van G., Iliak und Skelch – unter sich, eine Fratte warf sich einfach auf die Masse der panisch umherrennenden und zerquetschte, was sich zerquetschen ließ.

Nur ich blieb so kalt wie – man verzeihe mir den Vergleich – eine Eisfratte. Einer Fratte, die ihre kalten Hände nach mir ausstreckte, warf ich einen Wolpertinger mit den Kampfschrei „Lia!“ entgegen und nutzte die kurze Ablenkung, um die Schlitten in Marsch zu setzen.

Fünf Minuten später waren wir – drei Schlitten, 36 Schüler einschließlich der Hutzen im Geschirr und meine Wenigkeit – dem eiskalten Gemetzel entronnen. Aber die Fratten waren noch immer eine Gefahr. Wir mußten die Berge erreichen. Koste es, was es wolle.

Käpchens Postkarte

Liebe Güni

Jetzt sind wir schon 16 Tage in der Gewalt dieses wahnsinnigen Reiseleiters an dessen Fähigkeiten eine Reisegruppe verantwortungsvoll zu Leiten ich schon lange meine Zweifel hatte. Sei froh, dass du mit den anderen Entkommen konntest. Wir sind inzwischen in Großtroll angekommen und wurden auf verschiedene Expeditionsgruppen verteilt. Ich bin ausgerechnet in der Gruppe gelandet, die weiterhin von Pecks geleitet wird. Es geht in die bekloppten Gebirge. Also ehrlich mal! Was hat ein Horchlöffelchen bitte im Gebirge verloren? Unsereins ist doch völlig ungeeignet zum Klettern. Seit zwei Tagen sind wir mit dem Schlitten unterwegs. Es ist wahnsinnig kalt. Aber die Landschaft ist atemberaubend. Da lohnt es sich, dass ich meine Fotoausrüstung mitgeschleppt habe. Aber viel zum Fotografieren komme ich nicht. Erst vor wenigen Stunden wurden wir von Frostfratten angegriffen und haben etliche Mitschüler verloren. Der Reiseleiter scheint langsam seinen letzten Rest Verstand zu verlieren. Ständig verwechselt er Schüler. Das muss an den Strapazen liegen.

Ich hoffe du und die anderen seid Wohl auf und wir sehen uns bald.

Liebe Grüße aus der Wildnis,

Dein Käpchen

Farfi: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen, Teil 2.

In mir rasten die Gedanken immer im Kreis herum. Ich wollte noch nicht sterben. Und schon gar nicht so! Ein Plan musste her. Und natürlich konnte ich die Augen nicht ewig geschlossen halten. Gleich würde mich der Saugrüssel erreichen. Vielleicht konnte ich ihr eine Weile ausweichen. Ein Sprung zur Seite brachte mich für ein paar Sekunden in Sicherheit. Bis der Bolloggfloh mich erneut entdeckt hatte und seinen Saugrüssel wieder in meine Richtung rollte. Nun sprang ich mit einem großen Satz zur anderen Seite. Wieder brauchte der Rüssel einen Moment, um mir zu folgen. Sprang ich zurück, schlängelte sie mit hinterher. Lange konnte ich diese Springerei nicht mehr durchhalten. Außerdem musste ich höllisch aufpassen, dass ich nicht mit dem riesigen Baum kollidierte, der seitlich von uns stand. Und dann wusste ich plötzlich, was ich tun musste.

Ich sprang zur Verblüffung des Flohs seitlich am Rüssel vorbei nach vorne. Diesmal dauerte es etwas länger, bis mir die Rüsselspitze gefolgt war. Ein weiterer Sprung in Richtung Floh zwang ihn zu einer Haarnadelkurve. Offensichtlich war das Vieh zu dumm, um den Saugrüssel einfach zurückzuziehen. Nun musste ich einfach nur schnell sein! So schnell ich konnte, rannte ich seitlich am Baum vorbei, während der Floh mich mit seinem Rüssel verfolgte. Ich sprang noch mal nach vorne und der Rüssel wand sich um den Baum. Jetzt raste ich unter dem Rüssel durch und wartete, bis mir die Spitze nach kam. Dann sprang ich mit einem großen Satz über den Rüssel in die Haarnadelkurve hinein und rannte wieder unter dem Rüssel durch. Die Rüsselspitze folgte mir. Ich musste lachen. Wie dumm doch dieser Bolloggfloh war! Jetzt hatte er selbst seinen Rüssel um den Baum geknotet!

16.

Die Berge zu erreichen erwies sich als weniger schwer als sie zu überqueren. Die Dinger waren wirklich verdammt hoch. Mit dampfenden Hutzen und qualmenden Peitschenschnürren standen wir am Fuß des Gebirges. Es war dann eine Eisenmade, die mich auf einen engen, gewundenen und überaus steilen Pfad aufmerksam machte, der sich an der Flanke eines der Berge emporschlängelte.

„Bist du dir sicher, daß das sicher ist, Steinschnaber?“, schnarrte ich.

„Mit Pfaden in Bergen kenn ich mich aus!“ gab er kurz zurück.

„In Bergen. Aber nicht um Berge herum“, blaffte ich.

„In oder um ist doch einerlei.“

„Ich zuckte mit den Schultern – bei Hfm immer ein imposanter Anblick – und befahl, die Hutzen auszuspannen. Dann luden wir ihnen das Gepäck auf – sie murrten ein wenig, aber die Leithutze konnte sie wieder beruhigen – und der Aufstieg begann.

Unterwegs suchte ich das Gespräch mit der Leithutze. Ich begann vorsichtig:

„Und, A Mann da? Wie gefällt dir die Klassenfahrt bis jetzt?“

„Brummknurrblaffschimpf“

„Ah ja … Nun, das kann man natürlich sagen. Aber hör mal …“

Eine Lawine donnerte in knapp fünf Dictor an uns vorbei.

„Das war ganz schön knapp, was?“ fragte ich.

„Schnappranzmotzbeschwer!“

Ganz schön einsilbig, diese Hutze. Ich ließ mich etwas zurückfallen und schielte dann den Pfad hoch. Noch immer lagen unendliche Meter vor uns. Und ich war nicht gerade für längere Fußmärsche geboren. Aber Not macht erfinderisch und wann war die Not je größer?

„Steinschnabler!“ befahl ich.

Die Eisenmade dienerte heran. Ich schwang mich mit einer Eleganz, die ihresgleichen gar nicht erst sucht, auf ihren Rücken und ab ging es. Hopp, hopp, hopp. Das nannte ich Reisen. Während ich also über den wirklich verdammt schmalen Pass getragen wurde und die Hutzen keuchten, die Schüler stöhnten und die allgemeine Laune eher gegen Null tendierte, überschlug ich, was ich alles über die Bekloppten Berge wußte. Ihren Namen hatten sie vom Groß-Troll Forscher Aubustus B. Klopp bekommen, der sie als erster gesichtet hatte. Überquert hatte sie noch keiner. Sie zogen sich quer durch Groß-Troll, keiner wußte, was hinter ihnen lag. Einige Forscher vertraten die Ansicht, daß sich hinter den Bergen eine Stadt befände, die Quelle der Luftspiegelung, die uns vor kurzen so verwirrt hatte. Aber eine Stadt hier am Anus mundi? In dieser Saukälte? Wer sollte dort leben? Lebte dort überhaupt etwas? Oder herrschte dort nur eisiger Tod? Das Geschaukel machte mich müde und das ewige Geschimpfe der Hutzen war extrem einschläfernd. Als ich aufwachte, waren wir auf den Gipfel angekommen. Und unsere Probleme fingen gerade erst an.

Farfi: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen, Teil 3.

Aufmerksam beobachtete ich die Wüterei des Flohs. Lange würde der Baum sicherlich nicht stand halten. Und ich war ziemlich erledigt - rennen und springen sind nicht meine Lieblingsbeschäftigungen. Zudem sah ich aus den Augenwinkeln, wie eine Wanderdüne nach der anderen an mir vorbei zog. Au weia! Wahrscheinlich hatte sich auch die Düne mit meinen Mitreisenden schon weit von ihrem ursprünglichen "Standort" entfernt. Da war mal wieder guter Rat teuer. Aber ich bin ja eine schlechte Idee, eine ziemlich Gute sogar, wenn ich das Mal so sagen darf. Deshalb formte sich ganz allmählich ein Plan in meinem Kopf.

Nachdem ich den Bolloggfloh noch ein, zwei Sekunden beobachtet hatte, nutzte ich einen geeigneten Moment, um das mir am nächsten stehende Flohbein anzuspringen und mich dort an einem monströsen borstigen Haar festzuklammern. Wie ich es geschafft habe, mich von einer Haarborste zur nächsten zu hangeln, ohne von dem Vieh abgeworfen zu werden, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls gelangte ich nach einer gefühlten Ewigkeit auf den Kopf des Riesenflohs. Die Aussicht von dort war schwindelerregend, auch, weil der Floh immer noch hin und her tobte, um seinen Rüssel von dem Baum los zu bekommen. Die Zeit wurde also langsam knapp.

Mich überall festklammernd bewegte ich mich langsam zum rechten Ohr des Bolloggflohs. Aus der Ohrmuschel würde ich hoffentlich nicht so schnell hinausgeschleudert werden, wenn der Floh freikam. Womit ich nicht gerechnet hatte, war der bestialische Gestank, der mir entgegen schlug. Widerlich, dieses Bolloggohrenschmalz, das überall rings um mich herum klebte! Aber ich hatte mich nun mal selbst in diese Lage gebracht und durfte jetzt nicht zimperlich sein. Drin war ich jetzt schon mal. Aber ich hatte noch weiter gehende Pläne.

17.

Schon im Blutigen Buch heißt es bekanntlich: Hoch auf die Berge kommste leicht, runter meistens nur als Leich! Sehr prägnant, das Buch. Ich verstehe keinen verantwort-ungsvollen Reiseleiter, der eine Klassenfahrt ohne das Blutige Buch unternimmt. Das nur am Rande.

Wir waren also auf einer kleinen Hochebene angekommen und blickten auf ein eisiges Tal hinunter, das von Bergen eingefasst wurde, wie Täler es eben so werden. Im Wind war ein Pfeifen zu hören, das irgendwie wie „Takelage! Takelage!“ klang. Waren wir auf ein geheimes Lager der Zwergpiraten gestoßen? Diese kleinen Wichte konnten durchaus einen Spalt im Fels gefunden haben, der für eine normal gewachsene Daseinsform unpassierbar war. Anderseits – Zwergp-iraten bei dieser Lausekälte? Unwahrscheinlich. Das Pfeifen wurde lauter. Unsere Leithutze Is a Mann da? beugte sich über die Kante, es knirschte leise und sie verschwand in einer wirklich beachtlichen Steinlawine unter einen hallenden VERFLlllluuuuuchhhhttttt! Tja, so sind sie, die Hutzen. Immer vorneweg.

Ich hatte gerade entschieden, daß das, was da unten im Tal auf uns warten mochte, nie und nimmer interessant genug wäre, Is a Mann da? zu folgen, als mich eine schlechte Idee am Ärmel zupfte.

„Ja, Nano-Nano?“

„Äh, da lag dieser hübsche Stein und ich dachte, das wäre doch ein hübsches Andenken und ich …“

„Ein Stein?‘“

„Ein wirklich hübscher Stein. Na, eigentlich lag der ja nicht rum, sondern steckte in einen Felsspalt drin. Aber der funkelte so hübsch und ich dachte wirklich …“

Ein hübsch funkelnder Stein in einer Felsspalte? Eine schlechte Idee, die dachte? Ich ahnte Fürchterliches!

„…. und jetzt knarrt und knarzt das so komisch und überall rieselt Staub und da dachte ich …“

RUMMMS!

Dieses Wort reicht bei weiten nicht aus, um den Höllenlärm zu beschreiben, der um uns herum tobte. Ein gigantischer Felsen hatte sich gelöst und den Weg zurück zur Küste versperrt. Und – als ob das alles noch nicht schlimm genug wäre – jagten mit einmal haarfeine Risse durch den Stein, auf den wir standen. Haarfeine Risse, die sich verästelten, breiter wurden und schnell zu ausgewachsenen Spalten wurden. Wir saßen so was von in der Tinte! Wir mußten so schnell wie möglich hier weg, aber ein Abstieg war – wie uns die Leithutze bewiesen hatte – unmöglich. Dann fiel mein krisenerprobtes Auge auf die drei Tratschwellen, die uns noch begleiteten. Ja, das konnte funktionieren.

18.

Tratschwellen – eine bizarre Laune der Natur. Aber hier – auf diesen verfluchten Plateau in den Bekloppten Bergen– mochten sie nützlich sein. Ich packte die Wanne der ersten Welle und schüttete sie im hohen, eleganten Bogen über den Rand. Mein Plan ging auf: In der eiskalten Luft gefror die Tratschwelle beinah augenblicklich und bildete eine sanft abfallende Rampe von ca. 25 Dictor Länge. Der nächste Schwung – 50 Dictor, dann die letzte Welle und beinah 75 Dictor. Blöd nur, daß uns immer noch gut 400 Dictor bis zum festen Boden fehlten. Rutschen und sich den Rest fallen lassen war viel zu gefährlich. Es sei denn, wir hätten ein Polster! Kurz überlegte ich, die wohlgemästeten Schweinsbarbaren über die Klippe zu jagen, aber keiner von ihnen schien mir von ausreichender Feistigkeit. Oh, wie ich diesen Rumpel vermisste! Die Wampe von diesem Kerl hätte ausgereicht, uns alle … Nun, es ist bekanntlich zwecklos, über verschwundene Schweinsbarbaren zu weinen.

Die Spalten im Fels wurden immer zahlreicher und breiter. Und dann dieses Geräusch! Denk schneller, befahl ich mir selbst. Denk schneller, du Produkt einer überaus erfolgreichen Evolution und Höhepunkt einer Kette von Daseinsformen. Wenn der bekannte Kornheimer Pionier Meck Geier aus einen Stück Baumrinde und den Zahn eines Laubwolfes ein hochseetüchtiges Boot bauen konnte, dann mußte ich doch … Oh, dieser verdammte Nano und sein noch verdammterer, bernsteinfarbener Stein. Wenn der Kerl doch nie gedacht worden … Moment einmal!

„Nano! Fuß! Aber stante pede!“ rief ich und prahlte gleichzeitig mit meinen Kenntnissen in Groß-Trollisch. Die schlechte Idee hüpfte auf mich zu und ich riß ihr den Stein aus der Hand. Ja! JA! JA! Wie ich mir gedacht hatte: Bernstein. Wir waren gerettet. Na ja, zumindest die meisten von uns.

Ich befahl den übrig gebliebenen Hutzen, einen Kreis um uns zu bilden. Dann – so schnell konnten die alten Haarballen gar nicht schauen – schlang ich ein Seil um sie und band sie zusammen. Voilà – ein Hutzenball mit uns als Inhalt. Schön warm. Dann kam Teil zwei meines Plans. Ich rieb den Bernstein blitzschnell an den Haaren der Hutzen und wieder einmal war auf die statische Aufladung verlaß. Tröstlich, wenn einen die Physik nicht in Stich läßt. Noch während die Hutzen glotzten, bewegte ich mich auf den Rand der Eisrampe zu. Als die Hutzen begriffen, was geschah, war es auch schon zu spät: Der Hutzenball mit seinen aufgeladenen Haaren und seinen „blinden Passagieren“ sauste über den Rand der Klippe, raste die Rampe hinunter und schoß dann in die eisige Luft hinaus. Blieb nur zu hoffen, daß die aufgerichteten Haare unseren Sturz bremsen mochten.

19.

Erstaunlicherweise war mein tollkühner Plan aufgegangen. Die gepolsterte Kugel aus Hutzen und Hutzenhaar hatte uns beschützt und wohlbehalten landen lassen. Gut, wohlbehalten – das galt nicht für die außen mitgereisten Hutzen. Die sahen alle ziemlich derangiert aus. Aber wenn es um das Wohl der Gruppe geht, da kenne ich nichts. Da müssen auch schon mal Opfer gebracht werden! Opfer! Traurig dachte ich für einen kurzen Moment an all die lieben Kinderlein, die während dieser doch sehr schönen Klassenfahrt ein kleines Mißgeschick hatten erdulden müssen.

Dann sah ich mich neugierig um. Erstens gab es hier Eis. Dann Schnee. Und Frost. Im Wind wehte noch immer dieses seltsame „Takelage! Takelage!“ Aber nun konnten wir ausmachen, wo das Geräusch herkam. 100 Dictor von uns entfernt lag – ein Dorf. Ein Schneedorf. Da sollte doch der große Smeik dreinschlagen! Bis lang galt Groß-Troll als bestenfalls unbewohnt. Ich stellte meine Augen scharf, konnte aber nichts erkennen. Welche Daseinsform hatte scharfe Augen …? Klar, ein Horchlöffelchen. Sagte ja schon der Name. Ich charmierte auf Grünkäpchen zu. Diese sah mich ängstlich an und versuchte, sich zu verstecken. Warum das denn? wunderte ich mich.

„Liebes Käpchen, könntest du mal sehen, ob du erkennen kannst, wer in dem Dorf da hinten …?“

„Äh – nein?“

„Super. Vielen Dank. Ich werde Deinen Einsatz für die Gruppe positiv vermerken.“

„Kann ich Nein sagen?“

„Ha, ha, ha. Der war gut.“

Das Horchlöffelchen zuckte resigniert mit den Schultern. Ich hob es auf meine Schultern – habe ich erwähnt, wie überaus muskulös diese sind? und sprang in die Luft.

„Und?“ keuchte ich. „Kannst – du – was – erkennen?“

Ungläubige Erleichterung schwang in der Stimme Grünkäpchens mit, als sie fragte:

„Wie? Was? Das ist alles? Das hier ist alles?“

„Was – soll – das – bedeuten, daß – hier – wäre – alles?“

Ich sprang noch höher. Ein dumpfer Schlag ertönte, die Last wurde von meinen Schultern gerissen und der hohe Schrei Grünkäpchens beschrieb genau so wie sie eine wunderschöne Kurve in der Luft, bevor sie in der Ferne verschwand. Was beim Smeik…?

Ich drehte mich um und sah in das dümmliche Grinsen eines Rettungssauriers. Den kannte ich doch.

„Güni, richtig? Warst Du nicht …?“

„Ey, Chef, das tut mir echt leid. Aber die Thermik hier ist echt mies und da bin ich wohl ins Trudeln geraten und gegen das Horchlöffelchen geprallt. Tut mir wirklich leid. Wenn Sie wollen, suche ich nach der Kleinen. Aber erst muß ich Ihnen das hier geben.“

Mit diesen Worten händigte er mir ein Telegram vom atlantischen Amt für Lügenduelle aus. Ungläubig las ich:

„Posthume Ehrung für Schreckse Püh und Sie – hoffentlich noch Hume – Stop. Erlangung der Krone im Lügenduell auf den Tandem – Stop – Tief bewegt – Stop – Komitee.“

Überwältigt vor Freude ging ich in die Knie. Vollkommen überwältigt beugte ich mich nach hinten, schnellte nach vorne und ließ meine 14 Hände auf den Erdboden krachen.

Rumpel: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen, Teil 5.

Da wanderten wir nun seit Tagen auf der Wanderdüne durch das Land. Noki bohrte die ganze Zeit in der Nase, Iliak presste verzweifelt eine Bierwurst nach der anderen aus, Güni stand regungslos auf der Kutschendeichsel, starrte wie eine Gallionsfigur in die Leere aber immerhin war Sora zum Glück mit den Wallabybabies beschäftigt. Nicht auszudenken, wenn eine Wolpi Langeweile oder Ähnliches hat und einen ständig aus großen Wolperaugen anschaut oder die ganze Zeit quengelt „Wann sind wir da? Krieg ich ein Pommes? Wo Protokoll? …“.

Zumindest hatten wir vorgestern eine kurze erfreuliche Aufmunterung als wir Fafi beim Spielen mit einem Bolloggfloh gesehen hatten. Das war vielleicht ein lustiger Anblick wie sie den Floh foppte. Nur scheinbar wollte sie nicht mit uns weiterreisen. Hoffentlich nimmt sie mir das mit dem Rockzipfel nicht noch länger übel. Aber wenigstens ging es ihr gut, was den anderem Mitschülern vermutlich nicht vergönnt blieb.

Aber auch mir wurde langsam Angst und Bange, denn außer Wanderdünen war weit und breit nichts zu sehen. Und diese Stille … unheimlich … Ich versuchte ein wenig zu schlafen, vielleicht war ja doch alles nur ein Traum und ich wache gleich in meinem Schloss auf …

Plötzlich hörte ich aus der Ferne einen Schrei „Rumpel! Hände hoch!“

Ich tat wie befohlen und schwupps, plötzlich hielt ich ein Horchlöffelchen in den Händen.

"Käpchen!? Wir kommst Du denn hierher?" Güni flatterte ächzend wieder auf die Deichsel und erzählte uns, wie sie Käpchen aus den Fängen von Pecks gerettet hat. Ich nahm das noch leicht verstörte und erschöpfte Horchlöffelchen auf den Arm. Auch Sora und die Wallabybabies kümmerten sich nun um Käpchen und zu allem Glück erreichten wir mit der Wanderdüne Anagrom Ataf, wo wir uns und die Rettung Käpchens und ausgiebig feierten ...

Güni: Eine waghalsige Ausreißer-Entführungsaktion.

An einem Abend in der Irrlichterbucht

So, ich muss jetzt was unternehmen. Käpchen hat mir eine Postkarte geschrieben, die ziemlich besorgniserregend klingt, ich denke, ich sollte sie da raus holen. Dieser verrückte Reiseleiter scheint sie wirklich Nacht Groß-Troll ins Eis gelockt zu haben. Ich werde da auf jeden Fall hinfliegen, ich hab so eine böse Ahnung, dass in nächster Zukunft Gefährliches auf Käpchen zukommen wird ...

Einen Tag später

Operation geglückt. Ich habe die Reisegruppe eingeholt und bin unauffällig dem Schlitten gefolgt. Nun musste ich nur noch Gelegenheit finden, Käpchen unauffällig da raus zu holen. Ich hatte mir schon etwas überlegt und ein kleines, gefälschtes Telegramm angefertigt, das den furchtbaren Reiseleiter ablenken sollte, aber ich war mir nicht sicher, ob er wirklich so eingebildet war, dass er sich davon lange genug ablenken ließ, damit ich Käpchen befreien konnte. Doch dann kam mir auch noch das Schicksal zur Hilfe. Genau dann, als ich überlegte, irgendwo kurz zu rasten und mir eine neue Strategie auszudenken, stellte sich doch tatsächlich die fette Made aufrecht hin und hüpfte mit Käpchen auf dem Kopf auf und ab. Ich glaube, nicht richtig zu sehen. Ich musste Käpi nur noch sanft aus seinen Ärmchen pflücken und so tun, als wäre es ein Unfall gewesen. Der dämliche Teilzeitkiemenatmer glaubte das auch noch und bemerkte gar nicht, dass das Schokoladenlöffelchen wohlbehalten auf meinem Rücken saß. Es hatte vor Überraschung aber auch ziemlich herzzerreißend geschrien. Um sicher zu gehen, dass uns der Wahnsinnige nicht noch irgendwelche Speere hinterherwerfen würde, warf ich ihm noch das Telegramm zu. Er war so ergriffen, dass wir uns ganz unbemerkt aus dem Staub machen konnten. Ich summte zufrieden, als wir in die entgegengesetzte Richtung des Schlittens davonflogen. „Na, wo soll’s hingehen, Käpi?“

21.

Nun, ihn nachhinein denke ich, ich muß wohl eine tektonische Schwachstelle erwischt haben. Wie auch immer: In der Folge meines Schlages löste sich eine 45 Dictor große Platte aus Eis vom Boden, riß sieben Schüler von den Beinen, prallte von Güni ab, kriegte irgendwie Aufwind – keine Ahnung wie, aber ich bin Reiseleiter und kein Physiker – und flog über die Berge davon.

Wir starrten gebannt hinterher. Irgendwann ertönte ein Aufschlag. Dann – beinah sofort nach dem Aufschlag – erklang ein vielstimmiger Schrei, wurde lauter und lauter und endete erst, als mehrere Gestalten vor uns in den Schnee plumpsten und reichlich belämmert aus der Wäsche schauten. Es waren die verlorenen Schüler aus der Dusche des Hexenhauses!

Aber wieso …? Und woher …? Und warum beim Smeik waren sie so gelb? Und die Haut sah aus, als litten sie allesamt unter einer schweren Hautkrankheit. Da man nie wissen konnte, ob so was ansteckend sein kann, schickte ich den mir wohlbekannten Hachen Hirschwann vor. Das kleine Wesen trat zitternd vor die regungslos dastehenden Schüler und beäugte sie vorsichtig. Dann streckte er behutsam einen Finger aus und berührte die Neuankömmlinge, lachte und wandte sich an uns:

„Das sind Figuren aus Sand! Hart wie Stein, aber definitiv Sand.“

„Das kann ich erklären“, mischte sich Güni großmäulig ein. „Als wir in der Süßen Wüste rumliefen, war uns so langweilig, daß wir begonnen hatten, Standbilder von uns zu bauen. Das müssen die sein.“

„Aber wieso sind die hier?“ fragte ich. „Und wieso konnten sie von Himmel fallen, ohne zu zerbröseln? Und wieso trägt Rumpel eine Unterhose auf dem Kopf?“

Güni zuckte nur mit den Schultern. Na, eine wirklich große Hilfe war er ja nicht gewesen.

Ein Stollentroll schaltete sich ein. Er heiße O van Soundso und habe mal zamonische Phänophysik studiert. Klar, dachte ich mir, und ich bin hübsch und verantwortungsvoll. Aber da legte der Troll auch schon los:

„Es liegt ja vollkommen auf der Hand, was hier passiert ist. Die von Ihnen losgerissene Eisplatte bekam Aufwind, weil sich dieser vor den Bergen staut und nur darauf wartet, etwas glattes, flaches über die selbigen zu jagen. Dann sauste die Eisplatte durch die Lüfte, bis sie über der süßen Wüste durch die Wärme induzierten Abwind empfing und niederging. Der Aufprall wird eine Erschütterung ausgelöst haben, diese löste die Sandfiguren aus ihren Dünen und katapultierte sie nach dem Prinzip „Wo das herkam geht was anderes hin“ hierher.“

„Aha“, sinnierte ich zweifelnd. „Und warum …?“

„… sind sie nicht wie Sand zerbröselt? Ganz einfach: Die Kälte während des Fluges hat den Sand in Sandeis verwandelt. Das Zeug ist bekanntlich härter als Granit und ich glaube, es ist nicht zu viel gesagt …“

Käpchens Flug - Bericht eines fliegenden Horchlöffelchens.

Da hatte Pecks ja mal wieder eine tolle Idee gehabt. Wie kam der Kerl darauf, das Horchlöffelchen besonders gute Augen haben. Sehen wir etwa mit den Ohren? Aber diese Made ist ja sowieso nicht mehr ganz richtig im Kopf, was wundere ich da eigentlich noch. Wenn der wüsste, wie kurzsichtig ich bin. Da stand ich nun wackelig auf den mickrigen Madenschultern und sollte erkennen, um was für ein mysteriöses Dorf es sich dort handelte. Ich war ja schon froh, dass ich überhaupt die Umrisse der Häuser erkennen konnte ... da sah ich plötzlich einem himmelblauen Schemen auf mich zurasen. Als ich Güni erkannte, wurde ich auch schon mit voller Wucht von Pecks' Schultern geschleudert. Im ersten Moment war ich so erschrocken, dass ich laut aufschrie. Ich schrie auch noch als ich im wilden Flug Richtung Tal trudelte. Aber dann beruhigte ich mich wieder. Ich war nicht nur überzeugt, dass Güni mich schon rechtzeitig wieder auffangen würde, es gelang mir auch, den Sturz erheblich abzufangen, in dem ich einfach meine Löffelchen ausbreitete und so in einen sanften Sinkflug überging. So segelte ich halbwegs kontrolliert über das Dorf hinweg, während der Erdboden immer näher kam. Jetzt konnte ich zwischen den kleinen Häusern ein lebhaftes Gewusel ausmachen. Immer wieder sah ich kleine Gruppen seltsamer Daseinsformen, die entfernt an Natifftoffen erinnerten, allerdings auf vier Beinen liefen und erheblich kleiner waren. Dazwischen liefen irgendwelche kleinen Kreaturen herum, die seltsamerweise alle rote Mützen zu tragen schienen. Leider konnte ich nichts genaueres erkennen. Und was war dass für ein seltsamer, großer schatten? Das konnte doch nicht ... Andererseits, wenn man den Legenden glauben durfte ... Sollte etwa tatsächlich Er hier wohnen ...

Während ich noch grübelte, spürte ich, wie mich ein paar Krallen, leidlich sanft im Nackenfell ergriffen. Ich wurde in die Luft gerissen, und wieder fallen gelassen. Dabei sah ich, wie Güni einen eleganten Rückwärtslooping um mich drehte bevor ich zwischen ihre Flügel plumpste, die seltsam gerötet aussahen. „Das war aber wirklich in allerletzter Sekunde", ächzte ich.

Über der Süßen Wüste warf sie mich dann ab und ich landete wohlbehalten in den Armen eines recht verdutzt schauenden Rumpel. Ich kuschelte mich an den großen Bruder und schlief erschöpft von dem anstrengenden Flug und dem Schrecken ein. Als ich erwachte, war die Party schon in vollem Gange. Ich ließ mich von der Ausgelassenheit anstecken und entspannte erst einmal für ein paar Tage. Doch die Eisscholle, die einige Tage später wie ein Gruß aus den bekloppten Bergen über uns abstürzte erinnerte mich wieder an all die armen Daseinsformen, die noch immer in Pecks' Gewalt steckten. Ich wandte mich an meine Mitreisenden: „Hört mal her Leute, wie können wir es mit unserem gewissen vereinbaren, hier Urlaub zu machen, während unsere Mitschüler immer noch in höchster Gefahr schweben? ..." Ich erzählte ihnen von meinen Beobachtungen und meinem Verdacht und gemeinsam schmiedeten wir einen Plan ...

21.

„Äh, Herr Reiseleiter?“ zupfte die ausgemacht schlechte Idee N. an mir.

„Nicht jetzt, Nano. Ich rede mit dem Troll.“

„Aber es ist wirklich wichtig!“

„Das hier auch.“

„Aber Herr Reiseleiter, da sind überall …“

„Nano!“

„Aber da sind wirklich überall …“

Ich drehe mich im Kreis, ließ den Blick meiner Falkenaugen ins Rund schweifen. Da war nichts. Nur das Dorf in der Ferne, Eis und Schnee, Schnee und Eis.

„Äh … tiefer.“

„Tiefer?“

„Sie müssen weiter nach unten sehen, Herr Reiseleiter.“

Was für eine dümmliche Zumutung. Aber gut. Ich sah zu Boden. Schockschwerenot! Himmelzamonienundsmeik! Zwergpiraten! Bis an die Zähne bewaffnete Zwergpiraten! Hordenweise! Völkerscharenweise! Und sie hatten uns verdammt noch mal eingekreist! Ob wir durchbrechen konnten? Die Brut niedergewalzt und geflohen? Ich wollte schon den Befehl zur Flucht geben, als sich eine Gasse in der unübersehbaren Schar der Zwergpiraten öffnete und ER auf uns zukam! Jetzt saßen wir aber wirklich tief in der Patsche.

Denn wer da auf uns zukam, war nicht etwa Minus, der mittelgroße Segelschiffstürmer – wie manche meiner leichtgläubigen Schutzbefohlenen glauben mochten – sondern es war: Der Übelknecht! Himmel, Smeik und Wolkenbruch! Wir hatten doch tatsächlich die geheime Siedlung des Übelknechts gefunden. Sein Heim, seine Werkstatt, sein was auch immer. So eine Sch … Es wußte doch jeder Zamonier, was der Übelknecht für ein Patron war: Bösen Kindern brachte er die Rute und faule Äpfel, guten das gleiche. Nur waren die Äpfel nicht ganz so faul. Aber sonst … Wie gesagt, ein übler Kerl, der Übelknecht.

Meine Gedanken überschlugen sich. Was konnte ich den Übelknecht bieten, damit ich meinen Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. Die restlichen Schüler als billige Arbeitskräfte? Die Haare der Hutzen, um sich daraus einen Schal zu stricken? Nano und Bärnum als Ohrenstopfen, falls es hier des Nachts zu laut wäre? Oder …

„NUN SIEH MAL EINER AN, WER DA IST“, donnerte der Übelknecht. „WENN DAS NICHT DIESE NICHTSNUTZIGE, GEWISSENLOSE UND NIEDERTRÄCHTIGE HAIFISCHMADE PECKSNIFF IST!“

Ich war zutiefst geschmeichelt. Der Übelknecht kannte mich also und ganz offensichtlich schätzte er mich und meine Arbeit.

„JUNGE, JUNGE, ICH HABE DEINE KLASSENFAHRT IM LETZTEN JAHR JA SCHON FÜR EINE SCHLIMME SACHE GEHALTEN! ABER WAS DU DIR IN DIESEM JAHR GELEISTET HAST … NEIN, DAS GEHT JA AUF KEINE HORCHLÖFFELCHENHAUT MEHR! PECKS, PECKS, PECKS, DU WARST EIN WIRKLICH BÖSER JUNGE! UND DU WEISST JA, WAS MIT BÖSEN JUNGS PASSIERT? ODER?

Sora: Tagebuch eines weiteren Nachtschülers auf Reisen.

So groß unsere Feierlaune auch war – und so gut Anagrom Ataf sich auch zu ausgiebigen Saufgelagen eignet, mit Alkohol, der in regelmäßigen Abständen aus dem Kreislauf verschwindet – irgendwann hatten auch die hartgesottensten Partygänger unter uns genug. Wir gingen schließlich dazu über, in Hängematten in der Sonne rumzuliegen, um unsere nicht vorhandenen Kater auszuschlafen. Gemütlicher geht’s gar nicht, nur leider holte sich Güni einen katastrophalen Sonnenbrand auf beiden Flügeln. Dermaßen außer Gefecht gesetzt ließen wir sie in der fürsorglichen Obhut der Fatome zurück, um uns – dieses Versprechen hatte sie uns abgerungen – mit völlig ungefährlichen Tätigkeiten die Zeit zu vertreiben.

Wozu eignet sich eine Wüste besser, als dazu, Sandburgen zu bauen? In dem Fall, Zuckerburgen. Nokintes Fachkenntnisse über die Eigenschaften des Zuckersands kamen uns wirklich sehr gelegen, und bald versuchten wir, uns gegenseitig mit immer ausgefalleneren Skulpturen zu übertrumpfen. Irgendjemand kam auf die Idee, uns selbst nachzubauen. Mit viel Gekicher formten wir Figuren von den anderen Daseinsformen, natürlich mit möglichst übertriebenen Grimassen, in albernen Haltungen oder riesigen Füßen. Wir hatten eigentlich vorgehabt, den Sieger unter den Sandskulpturenbauern zu küren – Iliaks Imitation von Super-Rumpl wäre sicher auf dem ersten Platz gelandet – aber bevor wir zur Siegerehrung schreiten konnten, geschah etwas Unerwartetes. Mit einem kalten Luftzug schwebte eine riesige Eisplatte heran und krachte nur knapp neben uns in den Wüstensand. Das entstehende kleine Beben ließ uns über- und untereinanderpurzeln. Noch bevor wir uns entwirren konnten, flatterte Güni aufgeregt und unter Schmerzenslauten um uns herum und stellte sicher, dass keinem von uns etwas passiert war.

Die Sandskulpturen waren hinüber, spurlos verschwunden, wahrscheinlich hatte die Eisplatte sie unter uns begraben. Wir rätselten eine Weile herum, woher die Eisplatte wohl hergekommen war. Güni hatte da so einen Verdacht, aber bevor sie losfliegen und nachsehen konnte, ob ihre Vermutung stimmte, mussten wir uns erst um den scheußlichen Sonnenbrand kümmern …

Ein Glück, daß es in der Wüste so warm ist. Innerhalb kürzester Zeit war die Eisplatte zu einem angenehm kühlen See geschmolzen, in dem Güni wohlig seufzend auf dem Bauch lag und ihre Flügel kühlte. Wir anderen tollten ausgelassen herum, bespritzten uns gegenseitig mit Wasser und amüsierten uns königlich.

22.

Die Sache lief ja vollkommen aus dem Ruder! Der wollte mir ans Leder. Und überhaupt – was für hanebüchene Vorwürfe waren das überhaupt? Hatte ich nicht immer mein bestes gegeben? War achtsam, geduldig und mitleidig gewesen? Das konnten die Kinderlein doch bestätigen. Und das sagte ich auch laut.

Eisiges Schweigen zog über Groß-Troll. Der Übelknecht sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich rang mir ein Lächeln ab.

„Kommt schon, Kinder. War der Onkel Reiseleiter nicht immer wie ein Vater zu euch?“

Ein kalter Wind böte auf und ein seltsames Gespinst aus Stroh und Blattwerk zog an uns vorbei. Der Übelknecht legte seine schwere Hand auf meine Schulter.

„PECKSNIFF, PECKSNIFF, DAS WAR ES DANN WOHL! IN MEINER UNENDLICHE GÜTE HABE ICH ALL DIE TOTEN UND KRANKEN DEINER DIESJÄHRIGEN KLASSENFAHRT GEHEILT, DIE VERSPRENGTEN EINGESAMMELT UND ALLE ZURÜCK IN DIE SCHULE GEBRACHT!“

Ich war entgeistert!

„Aber du bist der Übelknecht!“ schrie ich. „Du bist böse! Gemein! Schlecht! Wie kannst du …?“

„SCHALTJAHR, PECKSNIFF, SCHALTJAHR! UND IM SCHALTJAHR BIN ICH IMMER GÜTIG GESTIMMT!“ Er nickte den Kindern zu. „IHR KOMMT JETZT NACH HAUSE! HIER SIND EIN PAAR RUTEN UND FAULE ÄPFEL! UND DU“ - er wandte sich an mich – „DU KOMMST MIT MIR! MEINE ZWERGPIRATENHELFERLEIN WERDEN SICH ÜBER 14 ZUSÄTZLICHE HÄNDE SEHR FREUEN! AB MIT DIR!“

Und jetzt sitze ich also hier, schraube mit kleinwüchsigen Zwergpiraten faule Äpfel auf Stöcke und kann abschließend nur eines sagen:

Frohe Weihnachten euch allen und ein gutes, neues Jahr! woh