Klassenfahrt3

Die Klassenfahrt 2012

Nach Kornheim via Finsterbergfälle, Friedhofssümpfe, Dullsgard und auf der MOLOCH

 

 

 

Tag 1.

Was hatte ich nur verbrochen? War ich nicht immer eine nette Haifischmade gewesen? Hatte ich nicht immer alte Schweinsbarbarinen vom Nachttopf gerempelt und jungen Hutzen den falschen Weg gewiesen? Hatte ich nicht immer pünktlich meine Steuererklärung geschönt und Geld aus dem Klingelbeutel der Kirche des großen Smeik gestohlen? Warum also stand ich schon wieder hier vor den Pforten dieser überelitären Erziehungsanstalt für verwöhnte Knaben und verzogene Mädchen, die sich Nachtschule nannte. Zwei Mal bereits hatte ich das bemerkenswerte Mißvergnügen gehabt, die verwöhnte Brut des Professors durch ganz Zamonien und benachbarte Kontinente kutschieren zu müssen und wer hatte am Schluß die beachtlichen Scherben zusammenkehren müssen? Richtig: Ich! Himmel, was haben die Gören die paar – eindeutig nicht von mir verschuldeten Unfälle aufgebauscht! Es hätte Tote gegeben, hieß es, Mißachtung der Aufsichtspflicht und Eigenmächtigkeiten meinerseits, ganze Schülerkontingente wären ausgerissen, es wäre geflucht und geschimpft worden. Beinah hätte man mir die Lizenz entzogen – aber als einziges Reisbüro in Zamonien bin ich eben unersetzlich. Ja, ich bin wer! Das soll die Rasselbande dieses Jahr aber auch mal zu spüren kriegen. Eine wun-der-schö-ne Klassenfahrt habe ich organisiert. Zu Lande und zu Wasser. Blutschinksicher.

Ah, die Glocke schlägt vier. Zeit, die lieben Kleinen zu wecken. Ach, was werden die sich freuen, mich zu sehen. Was wird das für ein Herzen und Drücken sein. Ja, es ist schön, sich allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen.

Eine Stunde später … Seltsam. Fast könnte man meinen, die mißratenden Schüler dieser abgelegenen Entsorgungseinrichtung freuten sich gar nicht auf die Fahrt. Wirklich seltsam. Ich mußte sie förmlich zum Bus treiben. Seltsam. Vor allem einige Schüler, die mir vage bekannt vorkamen, klammerten sich förmlich an die Türrahmen, durch die ich sie ziehen mußte. Ich versuchte es mit angewandter Kopfdoktorlogie:

„Also gut, Grams. Wenn Du nicht willst, dann bleibst du hier und siehst zu, wie die anderen ihren Spaß haben.“

„Prima. Danke. Super“.

Soviel zum Thema angewandte Kopfdoktorlogie.

Ich riß Grams – immerhin ein ausgewachsener und ziemlich ausgedehnter Schweinsbarbar -vom Türrahmen los, klemmte mir zwischendurch noch einen zeternden Fhernhachen – was haben die denn an einer Kaderschmiede wie der Nachtschule zu suchen? – unter den Arm, gab einen weiteren, der sich hinter einen Vorhang verstecken wollte, einen Tritt und ging mit meinen Schutzbefohlenen Richtung Floß.

Der Hache unter meinen Arm winselte:

„Bärnum?“

Sein Sippengenosse, der, der sich hinter den Vorhang hatte verstecken wollen, jammerte zurück:

„Ja, Iliak?“

„Werden wir sterben?“

„Unsinn!“ schnaufte ich erbittert. „Alles nur üble Gerüchte. Bei meinen Klassenfahrten geht es streng nach Vorschrift vor. Niemand stirbt hier“. Hoffentlich, dachte ich. Hoffentlich.

Dann kamen wir zum Floß, das gut vertäut in den Wogen des Finsterbergbaches wogte und schaukelte. Ich warf den Schweinsbarbaren und die beiden Hachen an Bord, sprang mit einer Eleganz, die ihresgleichen gar nicht erst sucht, hinterher und noch ehe eines der Kinderlein „Huch“ sagen konnte, kappte ich die Leinen.

Die Klassenfahrt 2012 ging los.

Tag 2.

Bis auf einen bedauerlichen Zwischenfall mit der Eisenstädter Rüstungsindustrie – auf den ich gleich näher eingehen werde – verlief die Fahrt auf den Finsterbergbach friedlich und alle waren guter Dinge. Gut, für einen Moment sah die Situation kritisch aus, als wir die Finsterbergfälle hinabdonnerten und sich just in diesen Moment einige Stämme unseres Bootes aus der Vertäuung lösten, aber ein guter Reiseleiter hat immer …

Doch der Reihe nach:

Wir waren also losgefahren und ich hatte mich sogleich bemüht, für die richtige Stimmung zu sorgen. Ich verteilte Gesangsbücher mit lustigen Wanderliedern und war gerade dabei, einen gemischten Chor zu organisieren, als ich von ferne ein merkwürdiges Zischen hörte, das langsam lauter und unheimlicher wurde. Aus dem Zischen wurde ein Kreischen und jetzt hörten es auch die Schüler. Sie sahen sich verunsichert um. Zischen und Kreischen war nun wirklich nichts, was man auf einer gut geplanten Klassenfahrt hören wollte. Sie sahen mich an. Ich sah sie an. Wir alle sahen uns alle an. Dann sahen wir es: eine Rakete. Eine verdammte Rakete! Die konnte doch nur aus Eisenstadt stammen, der Rüstungsschmiede des Kontinents. Ich überlegte fieberhaft, während ich mit wohlgesetzen Worten die beginnende Unruhe auf dem Floß zu unterbinden suchte.

„Keine Panik. Das gehört zum Programm. Ein Abschiedsgeschenk der Schulleitung. Feuerwerk und so.“ Dabei dachte ich: Mist. Rakete. Blödes Eisenstadt mit seinen blöden Langstreckenraketentests. Dann dachte ich nur noch: verdammt! Die nimmt ja direkten Kurs auf unser …

„Äh … Herr Reiseleiter.“ Eine etwas betagte Fhernhachen-Dame zupfte zaghaft an meinen dritten Arm links unten. Ich strapazierte mein perfektes Namensgedächtnis.

„Dorthula, richtig?“

„Darthula.“ Sie nickte eifrig. „Darthula. Dienstälteste Hachin der Nachtschule. Bin seinerzeit aus Nord-Norwegen nach Zamonien gekommen. Auf einem Floß. Kenne mich daher ein bisschen aus mit diesen Dingern.

„Und?“ Ein Auge ruhte auf ihr, das andere auf der immer näher kommenden Rakete. Kein Zweifel, sie würde uns rammen.

„Nun, es fällt auseinander. Nicht nur, daß wir auf die Finsterbergfälle zutreiben, nein, das Floß begann sich aufzulösen. Und ich glaube, da hinten kommt eine Eisenstädter-Langstreckenrakete auf uns zu.

„Immer hübsch der Reihe nach. Immer ein Problem nach den anderen.“ Die Hachin hatte da etwas gesagt … Eisenstädter Langstreckenrakete … Eisenstädter … das war es. Aus Eisenstadt kamen nur abstoßende Dinge wie Waffen, Mordinstrumente und eben Raketen. Und weil Eisenstädter Waren so abstoßend häßlich waren, reagierten sie heftig auf niedliche Dinge. Logisch, oder? Was hatte ich niedliches… ah, ein Wolpertinger. Noch ganz klein. Ich griff mir das Fellknaul und warf es, schleuderte es, katapultierte es in Richtung Rakete.

Entsetzte Rufe wurden laut:

„Wofff!“ „Mein Smeik, er hat eben Wolff über Bord …“ „Sie Ungeheuer …“ „Guter Wurf, alles was recht ist!“ „War das da eben Wolff, der zusammen mit der Rakete explodiert ...“

Scheinbar hatten die Eisenstädter das Problem der Abstoßung gelöst, aber der Wolpertinger hatte seinen Zweck auch so erfüllt. Blieb noch die Sache mit den sich auflösendem Floß und den verdammten Finsterbergfällen, über die wir gerade schossen.

Tag 3.

Manche Dinge sollen halt nicht sein. Eine wirklich gute Phoggare zum Beispiel. Oder ein 14er Satz schöner Handschuhe. Oder der dritte und vierte Fall. Oder … Apropos Fall: Der Finsterbergfall ist nun wirklich sehr hoch. Oder tief – kommt auf den Blickwinkel an. Natürlich hatte ich ihn in meine Klassenfahrt einbezogen, allerdings mit einem intakten Floß. Jetzt hieß es schnell sein wie ein Rettungssaurier. Im Kopf ging ich die Liste der Schüler durch, sondierte ihre Marotten und Eigenheiten, sah mir ihre wahrscheinlichsten Mitbringsel an. Yippo… Mandarinenschalen. Rumpel … versalzene Fritten. Nigel Ank Nigel… den Schrumpfkopf seines imaginären Bruders Migel (fragen Sie mich nicht, wie man einen imaginären Bruderschrumpfkopf mit sich rumtragen kann, ich finde das ja auch geschmacklos, aber so war es eben).

Mandarinenschalen, Salz, Schrumpfkopfhaare … daraus ließ sich doch was machen. Ich brüllte den Hutzen zu, sie sollten das Floß zusammenhalten, bis ich fertig wäre. Dann ließ ich die Hände kreisen. Ganze Berge von Mandarinenschalen fanden sich in Yippos Erstklässler-Umhängetasche; tonnenweise Fritten (heftig versalzen) fanden sich in Rumpels Hosentasche (der arme Rumpel litt übrigens an einer seltenen Form der Katatonie. Saß ganz unbeweglich mitten auf dem Floß, brabbelte selig vor sich hin, er läge ja so herrlich bequem in seinem Wasserbett, sein Tagebuch sei sein bester Freund und alles wäre so schön). Nigel wehrte sich zwar und wollte mir den Schrumpfkopf erst nicht rausgeben, aber einmal kurz die Phoggare ins linke Auge gedrückt und der Keim des Aufstandes war erstickt. Die Mandarinenschalen rieb ich nun mit dem Salz der Fritten ein und verknüpfte sie mit den vertrockneten Haaren des Schrumpfkopfes. Perfekt: Ein stabiles, wasserfestes Tau war entstanden.

Das war aber auch höchste Zeit, denn das Floß war inzwischen in zwei Hälften zerbrochen. Es wurde nur noch von drei Hutzen zusammengehalten, während wir über Felsen und scharfkantige Steine sausten. Senkrecht nach unten sausten.

Amanda schrie: „Meine Arme!“

Kulla brüllte: „Meine Beine!“

Klogatte kreischte in Falsett: „Mein Zentralmassiv!“

Ich schleuderte das gesalzene Mandarinen-Schrumpfkopfseil so gekonnt, daß es sich dreimal, viermal, fünfmal um das Floß legte. Dann – mit den vereinten Kräften sechser Hutzen-Arme und vierzehn Haifischmaden-Armen – zogen und zerrten wir, knoteten wir und banden Schleifen. Endlich war es vollbracht. Wir waren zwar noch in freien Fall, aber wieder in Sicherheit und das war alles …

„Hat einer von euch Minus gesehen?“ fragte ein Stollentroll, der eine rosafarbene, mit Einhörnern bedruckte Jacke trug.

Allgemeines Kopfschütteln.

„Hui hat er gemacht.“

Wir blickten auf den in seiner Katatonie selig lächelnden Rumpel hinab.

„Hui hat er gemacht. Mit dem komischen Seil. Viermal ist er an mir vorbeigeflogen. Hui hat er immer gemacht. Dann ist er unten geblieben. Komischer Minus.“

Oje, da hatte der Notzüchtiger der Witwen und Waisen mit seinen rostigen Häkchen wohl irgendwie verfangen und jetzt … ja, das war unangenehm. Und peinlich. Aber auch irgendwie sinnig und poetisch. Ein Zwergpirat – gekielholt im Finsterbergfall. Konnte es für diese DF einen besseren Tod geben?

Und während die Frauen hemmungslos weinten und die Männer – jedenfalls die meisten – erleichtert aufseufzten – ging unser rasender Fall weiter und weiter. Bis wir aufkamen.

Tag 4.

Nach zwei Stunden des freien Falls – zwei Stunden, die ich nutzte, den Schülern die Schönheit der uns umtosenden Landschaft näherzubringen – landeten wir mit einem gewaltigen RUMMMS und einen nicht minder großen PLATSCH. Wir alle wurden heftig durchgeschüttelt und zusammengestaucht und viele der Schüler waren plötzlich zehn bis zwanzig Einfluß (→ Das neue zamonische Wörterbuch, Maßeinheiten) kleiner. Aber das wächst sich wieder aus. Glaube ich.

„Na, das war doch mal ein Spaß, was?“ fragte ich heiter in die Runde.

„NEIN, WAR ES NICHT!“ scholl mir unisono entgegen.

Pöh. Undankbarer Haufen.

„Schön, schön, schön. In drei, vier Stunden haben wir dann die ersten Ausläufer der Friedhofssümpfe erreicht. Habt ihr alle an festes Schuhwerk gedacht?“

Allgemeines Nicken. Zweimaliges Kopfschütteln.

„Ich nicht“, lamentierte yippo.

„Was sind Schuhe? Kann man die Essen?“ fragt der aus seiner Starre erwachte Rumpel.

Nun weiß ein guter Reiseleiter, daß er stets die Wahrheit sagen muß und daher erklärte ich Rumpel, daß Schuhe wahrscheinlich das einzige wären, was er während der Klassenfahrt zu essen bekäme. Tiefe Trauer umzog sein Gesicht.

„Ich hab meine Schuhe vergessen. Oh Gott, ich hab meine Schuhe vergessen“, klagte yippo.

Rumpel versuchte es mit Charme.

„Sach ma Appeli, hast du zufällig…? Nein? Schade. Und du, Rumpel? Ach, den habe ich ja schon gefragt. Blöd. Bärnum…? Amanda? Hallo? Keiner?! Menno!“

„Oh Weltenschmerz, oh Himmelssturz, ich hab meine Schuhe…“ Platsch. Reiß. Knirsch. Erneutes Platsch.

Ein Finsterbergbach-Hecht, ein ganz gemeines Raubtier, war aus den Wasser gesprungen und hatte sich yippo geschnappt. Das zahnbewehrte Maul hatte sich um seinen Kopf geschlossen, diesen abgebissen und war dann wieder im Wasser verschwunden. Der wunderbare Kreislauf der Natur. Immer wieder erhaben und erhebend.

„Gibt das hier noch mehr von diesen Viechern?“ begehrte Lia auf.

„Ein paar wohl sicher“, wiegelte ich ab.

„Die fressen Wolpertinger!“

„Und Hundlinge. Da sind sie nicht wählerisch.“

„Die haben yippo gefressen.“

„Ich sag ja, die sind nicht wählerisch. Und jetzt rücken wir mal alle enger zusammen und halten und schön in der Mitte des Floßes. Und Lia? Wenn du deinen kopflosen Freund bitte über Bord…? Danke.

„Lia hat nen Freund“, begann Güni zu singen. „Lia hat nen Freund.“

Und mit Gesang und Gezank erreichten wir schließlich bald die fahlen Ufer der Friedhofssümpfe. Und hier ging der Spaß erst richtig los.

Tag 5.

Ah, die Friedhofssümpfe von Dull. Moderig, stinkig, düster und gruselig. Genau die richtige Kulisse für eine Schrecksenprophezeiung, die sich gewaschen hatte. Ich hätte es ahnen müssen. Aber der Reihe nach …

Der Finsterbergbach verflachte mehr und immer mehr und irgendwann lag unser Floß auf sumpfigen Grund. Nebel lag um uns her und über uns. Die Sonne war nur eine fahle Scheibe und überhaupt war alles sehr stimmig.

„So, Kinder. Das ist der Plan. Wir durchqueren die Friedhofsümpfe Richtung Osten. In zwei Tagen haben wir Dullsgard erreicht. Dort halten wir uns einen Tag auf, besichtigen die Stadt und kaufen uns ein paar Andenken. Dann geht es noch mal zwei Tage durch die Sümpfe und wir gehen an Bord. Na, wie klingt das für euch?“

„Fritten“, sagte Rumpel.

„Einhornmäßig stark“, schleimte Skelch.

„Formidabel“, prahlte Nano.

„Keinen Bock auf doofen Sumpf“, behauptete Grams.

„Kann ich nach Hause?“ fragte Appeli.

„Gibt es hier Schlangen?“ begehrte Nigel auf.

„Ich hab keinen Freund!“ hinkte Lia der Geschichte hinterher.

„Ich muß mal für kleine Hachen“, log Bärnum.

„Die Sumpfluft macht unsere Haare kraus“, zeterten Amanda und Kulla.

„Tod!“ stieß Püh aus. „Ich sehe mannigfaltigen Tod.“

„Ist ja mal was ganz neues“, brummte Luke. „Sonst sieht sie nur Verderben, Untergang oder Naturkatastrophen.“

Nun sollte man während einer Klassenfahrt stets bemüht sein, den Schutzbefohlenen etwas zu bieten und eine knackige Todesprophezeiung inmitten der Friedhofssümpfe von Dull… das war doch was. Das hatte doch was. Ich beugte mich also zu Püh hinab, tätschelte ihr den grottenhäßlichen Kopf und ermutigte sie.

„Na, was siehst Du denn hübsches?“

„Tod!“ kreischte sie.

Wie originell.

„Geht es vielleicht etwas genauer? Tod – das ist doch sehr schwammig.“

„Ich sehe eine Karte. Uralte Schriftzeichen. Schwer zu entziffern. Viele Tode, die uns ereilen werden, wenn wir nicht umkehren.“

„Klar, alte Unke. Du willst uns doch nur die Fahrt vermiesen“, höhnte Daky. „Wenn ich das schon höre: Schriftzeichen, entziffern. Da mußt Du schon konkreter werden.“

„Raketen aus Eisenstadt werden und beschießen und einen der unseren in den Tod reißen.“

„Äh, Püh? Das ist aber keine besonders tolle Voraussage, immerhin ist das ja schon passiert“, warf Iliak ein und wurde rot dabei. Typisch Hache.

„Echt? Oh. Mist. Moment … Aaaahhhhhhhhh! UUUUHHHHHHH! OOOOOOOOiiiiiiiiÄÄÄÄÄ… Rote Glut … glühende Wogen … Wogen aus kochenden … nein, das kommt später … oh, ja, ich sehe … Erbsen… aber noch nicht jetzt… ein Buch von Fakak … aber wo? Hier nicht, das ist deutlich. Teppiche am Himmel … ein verärgerter Reiseleiter …“ – an diesen Punkt sahen mich alle besorgt an und wichen zurück – „aber das ist ja nichts neues … aber jetzt … fallen wird vom Himmel ein glänzendes Etwas, rund und fremd und wird zerschmettern … Nigel!“

Innerhalb einer nicht mehr messbaren Zeitspanne hatte sich leerer und weiter Raum um Nigel gebildet.

„Hey, Leute“, weinte dieser. „Laßt mich hier doch nicht stehen. Kommt schon, ihr werdet dieser ollen Schreckschraube doch nicht …“

Weiter kam er nicht, denn er war weg. Begraben unter einem runden, metallischen Objekt einiger Größe. Donnerwetter! Nie wieder sage ich was gegen Schrecksenprophezeiungen. Das war ja punktgenau! Nachdem ich den drei Außerirdischen – waffenstrotzenden Außerirdischen – den Weg zur US-amerikanischen Hauptstadt erklärt hatte, flogen diese weiter, den platt gedrückten Nigel an der Unterseite. Wir aber gingen los.

Tag 6.

Kaum ein anderer Landstrich Zamoniens wurde so oft in der Literatur verarbeitet wie die Friedhofssümpfe von Dull. Sei es „Der Hund von Dullsville“ – einen Meilenstein des Criminalstückchen-Genres – oder „Böentiefe“. Hier traf hohe Kunst auf urige Landschaft. Nebel zog in dichten Schwaden über unergründliche Moorlöcher und verkrüppelte Bäume reckten ihre verkrüppelten Äste in die dichten Nebelschwaden.

Wir gingen im Gänsemarsch. An die Spitze unserer Kette hatte ich – verantwortungsvoll, wie ich nun einmal bin – eine schlechte Idee gestellt, während ich selbst am Ende ging. Dies hatte zwei Vorteile: Erstens hatte ich so alle meine Schutzbefohlenen im Blick und zweitens konnte ich nicht versehentlich in ein Moorloch treten.

„Herr Reiseleiter?“ rief ein über und über mit gekräuselten Haar bedeckter Hutzerich namens Klogatte. „Herr Reiseleiter, diese feuchte Luft ist wirklich nicht gut für mein Haar.“

„Zicke!“, knurrte der an der Spitze gehende Nano.

„Herr Reiseleiter! Herr Reiseleiter! Klogatte und Nano streiten sich!“ petzte ein zukünftiger Verwaltungsfachmann namens Luke.

„Gar nicht wahr“, log Klogatte, während er eine Handvoll Schlamm aufklaubte und diese nach Luke warf. Tja … so was machte man in den Dullser Sümpfen besser nicht. Ich meine – Friedhofssümpfe! Hallo? Da kann man sich doch … Nun, anscheinend nicht jeder. Klogatte klaubte also eine Handvoll Schlamm zusammen, warf diesen Luke ins Gesicht und keckerte höhnisch. Luke dagegen lachte nicht. Luke dagegen schrie. Aber nur ganz kurz. Dann fiel er um und war tot. Der Schädel säuberlich abgenagt bis auf die Knochen. Das Geweih glänzend. Die Kinderlein keuchten entsetzt. Lernen die überhaupt was in dieser Schule? Es weiß doch jeder, das die Erde hier von Aaswürmern wimmelt. Die nagen einen Hachen in fünf Sekunden ab. Normalerweise ernähren sie sich nur von Aas, aber wenn man sie reizte - zum Beispiel, weil man sie durch die Luft schleuderte – dann …

„Liegenlassen und weitergehen“, befahl ich barsch. „Klogatte – das gibt einen Eintrag.“

Er fing zu weinen an.

„Blödmann“, zischte ihn Kulla an.

„Affenhutze“, schimpfte Amanda.

„Hutzenaffe“, setzte RuWo drauf.

„Haste noch ein paar von den Würmern?“ wisperte Bärnum.

Langsam veränderte sich die Landschaft. Die Bäume wurden weniger, die morastigen Flächen größer. Immer öfter war das nun das klagende Geheul von Sumpf-Ghulen zu hören. Keine Frage, wir näherten uns Dullsgard. Es wurde Zeit. Wen konnte ich entbehren? Zehn bis fünfzehn Schüler sollten reichen, um uns heil und sicher durch das Ghul-Gebiet zu bringen. Fette Schüler. Gut gemästete Schüler. Gut, das ich kein Schüler war. Ich wäre erste Wahl gewesen.

Ich winkte drei Haifischmaden, sieben Schweinsbarbaren und fünf Rettungssaurier zu mir her. Dann bat ich ein Horchlöffelchen, mir zu sagen, aus welcher Richtung das Ghul-Gejammer am lautesten erklänge.

Käpi horchte kurz und konzentriert, dann erklärte sie: „Nord-Nordost mit leichter Tendenz nach Norden“.

Ich wandte mich an die fünfzehn Schüler, die unbehaglich dastanden, die Hände kneteten und mit den Füßen – soweit vorhanden – scharrten.

„Schüler! Ich habe eine ehrenvolle Aufgabe für euch. Eine große Aufgabe, die euch allen auf der Stelle das Diplom einbringt. Dies ist mit der Nachtschulleitung abgesprochen. Ist das nicht toll?“

„Ich hab mein Diplom aber schon“, mäkelte Grams. „Ich brauch nicht noch eines.

„Man kann nie genug Diplome haben!“, erklärte ich. „Ihr geht einfach in Richtung Nord-Nordost mit leichter Tendenz nach Norden und alles andere wird sich dann finden.“

Brummend, knurrend und immer wieder „Scheiß Diplom“ ausstoßend, machten sich die fünfzehn Appetithäppchen auf den Weg. Ich trieb die restlichen Schüler zur Eile an und wir kamen unbeschadet in Dullsgard an.

Tag 7.

Dullsgard… Stadt der Toten. Friedhofstadt. Verheimlichte Stadt. Niemand redet gerne über Dullsgard. Sogar Eisenstadt ist beliebter und über Kracher wie Buchhaim oder Gralsund muß ich hier gar nicht reden. Dabei hat Dullsgard viel zu bieten. Die besten Sargtischler Zamoniens leben und wirken hier; die größten Sakrophag-Schnitzer haben hier ihre Werkstätten; die erlesensten Knochenschnitzer, die geschicktesten Urnen-Drechsler, die berühmtesten … Ach, sie alle waren hier.

Ich führte die lieben Kleinen durch die Straßen und Gassen, die malerische Namen hatten: Gruftallee, Weinende-Witwe-Gasse, Rosengarten-Platz, Orkus-Straße. Ja, hier konnte man sich wohlfühlen.

„Wir haben 12 Stunden Aufenthalt. In dieser Zeit könnt ihr tun und lassen, was ihr wollt. Aber um 18 Uhr seit ihr wieder hier. Wir können nicht warten. Habt ihr das verstanden?“

Allgemeines „Ja!“-Geschrei, dann stoben die missratenden Schüler in alle Richtungen davon.

„Amanda!“ rief ich. „Appeli, bleibt doch mal bitte hier. Ich möchte euch gerne etwas zeigen.“

Die drei trippelten unglücklich her zu mir. Die drei? Ich rieb mir die Augen. Wieso drei … Ah … Sieh an: Ein Hache. Aha, aha.

„Du kannst gehen, Bärnum.“

„Aber ich … ich meine … ich bin doch … der … Amanda und ich …“

„Du kannst gehen!“

Weinend und schluchzend schlich der Hache davon.

„So, ihr zwei. Für euch habe ich eine ganz besondere Überraschung.“

Ich ignorierte die aufflackernde Panik in ihren Augen und führte sie in einer der kleinen Gassen. Die siebte Tür auf der linken Seite … fünf, sechs … ah, da waren wir. Ich klopfte in einer bestimmten Art und Weise und nach kurzer Zeit wurde die Tür geöffnet.

„Ich habe eine ganz besondere Besichtigung für uns organisiert. Hier arbeitet ein ab-so-lu-ter Meister seines Faches. Ein echter Könner. Und dazu ein alter Freund von mir.“

Ich musste die beiden beinah über die Schwelle zerren. Kein Vertrauen. Das tat weh. Wir betraten eine staubige Werkstatt. Überall lagen Knochensplitter.

„Das ist ein Knochensarg-Schnitzer!“ wisperte Appeli.

„Was wollen wir hier?“ fragte Amanda.

„Keine Ahnung. Ich mache mir nichts aus …“

„Sind sie das?“ krächzte eine rostige Stimme.

„Jau.“

„Sind was?“ fragten Amanda und Appeli unisono.

Eine bepelzte Hand kam aus den Schatten und umfaßte Appelis linken Oberflügel.

„Gutes Material. Ein bisschen vorlaut, aber das wird sich ändern. Der übliche Preis?“

„Leg noch 200 Pyras drauf, dann sind wir im Geschäft“, brummte ich nachdenklich. „War ein langer Weg und die Kosten für das Schiff sind auch nicht von Pappe.“

„Was geht hier eigentlich vor?“ begehrte die Hutze auf, während der Retti versuchte, Richtung Tür zu schleichen. Aber der Inhaber der Werkstatt, ein Yeti von einiger Größe, war erstaunlich flink. Er packte meine beiden Schutzbefohlenen und warf sie mir nichts dir nichts in zwei Käfige. Klick den Schlüssel umgedreht, Klack das Schloß verschlossen.

„Ist nichts persönliches“, rief ich. „Wirklich nicht. Aber mein Freund hier brauchte dringend neue Hutzen- und Rettiknochen für seinen aktuellen Auftrag. Als er hörte, daß ich durch Dullsgard komme, da bat er mich …“ Ich zuckte mit den Achseln.

Amanda und Appeli fingen zu heulen an.

„Wie gesagt, ist nichts persönliches. Geschäft ist Geschäft. Und seht es mal positiv: Ihr habt bestimmt tolle Knochen und endlich werden sie mal gewürdigt.“

Sie hörten gar nicht mehr auf zu heulen. Ob meine Worte ihr Herz berührt hatten? Ich wußte es nicht. Ich strich meine Pyras ein und ging hinaus, um Dullsgard zu besichtigen. Der Yeti aber ging zum Schleifstein hinüber und begann, die Messer zu wetzen.

Tag 8.

Die neuen Pyras brannten in meiner Tasche und in meiner Kehle brannte der Durst. Ich beschloß daher, einer der vielen Gaststätten der Stadt aufzusuchen und ein paar Stunden „Kinderfreie Zeit“ zu genießen.

Ich entschied mich für Das schiefe Grabkreuz, eine gemütliche Eckschenke. Ich trat – ein fröhliches Lied pfeifend und mit den Pyras klimpernd – ein und sofort erstarb meine gute Laune. Ein Schüler. Hier. Im „Schiefen Grabkreuz“. War der überhaupt schon volljährig? Ich kramte in meinen nahezu perfekten Gedächtnis nach seinen Namen. Hirschbrei? Nein, aber ganz so ähnlich. Elchsuppe? Rentierknödel? Halt, jetzt hatte ich es. Rehmus. Ich kicherte in mich hinein. Mit so einem Namen hatte er es als junger Welpe bestimmt nicht leicht gehabt. Noch hatte er mich nicht gesehen und wenn es nach mir ginge, sollte es auch so bleiben. Ich suchte mir einen schattigen Platz in einer schattigen Ecke, bestellte ein helles, obergärig gebrautes Bier, das nur hier in Dullsgard ausgeschenkt wurde und rang kurz mit meinen Gewissen. Das war nicht schön gewesen, das mit Amanda und Appeli, sagte mein Gewissen. Nicht schön, aber nötig, sagte mein Geldbeutel. Aber an einen Knochensargschnitzer, warf mein Gewissen ein. Hätte es nicht auch ein Kindergrabgräber getan? Oder ein Felsgrufthauer? Knochensargschnitzer zahlen am besten und jetzt sei ruhig, knurrte der Geldbeutel. Damit war mein moralisches Problem gelöst und es ging mir wieder besser.

„Niemals nicht nie wahr“, hörte ich eine junge Stimme bellen.

„Wenn ich es dir doch sage. Ist der neueste Trend hier. Großartige Sache. Wird bald in ganz Zamonien zu bewundern sein.“

„Glaub ich nimmer nicht nie.“

Diese verdrehte Grammatik… das konnte nur einer meiner Schutzbefohlenen… ich blickte auf. Ja, es war Rehmus, in ein Gespräch mit einen hagerem Hundling verwickelt, der mir bekannt vorkam? Hatte ich nicht vor kurzen erst noch sein Gesicht gesehen?

„Ich kann es dir gerne zeigen. Dann hast du was zu erzählen.“

Der Hundling grinste unter seinen Schlapphut hervor. Plakate… ich hatte das Gesicht auf Plakaten gesehen… aber in welchen Zusammenhang?

„Innen und außen und alles gleichzeitig?“ fragte Rehmus ungläubig. „Nie und nicht.“

„Ganz in der Nähe ist meine Werkstatt“, grinste der Hundling noch breiter. „Ich bin immer auf der Suche nach neuen… Besuchern. Du bist doch auf Klassenfahrt hier? Keine Verwandten in der Nähe?“

Jetzt fiel der Groschen. Das war doch Thergun von Negah, eine ganz große – wenn auch umstrittene Figur in der Neo-Dullser Bestattungsszene. Ging neue Wege, indem er seine Toten in flüssigen Bernstein eingoß. Vorher präparierte er sie allerdings. Die tollsten Sachen sollten dabei herauskommen. Stellenweise schon grenzwertig. Ich hatte immer schon mal vorgehabt, seine Ausstellung zu besuchen, aber ich war noch nie dazu gekommen.

Nun, wie es aussah, konnte ich ja bald Rehmus fragen, ob es sich lohnte, da dieser jetzt aufstand und mit von Negah die Kneipe verließ. Keine Ahnung, warum von Negah so breit grinste – wahrscheinlich hatte Rehmus einen guten Witz gerissen.

Ich trank noch drei,vier Gläser „Dulls“ und verließ dann das Schiefe Graskreuz. Das Leben war schön. Die Gassen entlang, die Hofeinfahrten gequert, die Straßen geschritten. Alles ohne Schüler. Es war ein…

„Herr Reiseleiter!“

Huch.

„Das war nicht besonders nett, Herr Reiseleiter!“

Ups.

„Da waren überall Ghule. Die haben alle gefressen. Alle bis auf mich!“

Oje.

„Das melde ich. Das laß ich mir nicht gefallen! Das war Absicht!“

Smeik oh Smeik.

Das sah nach Ärger aus. Nicht gut. Eine Meldung. Das käme in die Akten. Das ginge nicht. Ich wühlte in meinen Taschen, während Grams weiter zeterte und keifte. Etwas rundes, hartes. Eine Kugel? Ein Kiesel? Nein, es war eine Erbse. Eine gottverdammte… ach, was sollte es? Ich schleuderte die kleine Erbse genau in den Rachen von Grams. Dieser griff sich an den Hals, krächzte, lief blau an, dann dunkelblau, dann schwarzblau und fiel schließlich tot zu Boden. Um seine Leiche machte ich mir keine großen Sorgen. Immerhin waren wir hier in Dullsgard. Fröhlich pfeifend ging ich weiter.

Tag 9.

Pünktlich zur vereinbarten Zeit fanden sich alle – natürlich bis auf Grams, Amanda und Appeli! – wieder ein. Der ältliche Hache namens Bärnum sah sich aufgeregt um, konnte seine Herzallerliebste aber nicht entdecken und kam auf mich zu.

„Herr Reiseleiter…“ begann er.

„Keine Ahnung.“

„Sie wissen doch gar nicht, was ich…“

„Ich habe trotzdem keine Ahnung!“

„Aber sie waren doch der Letzte, der die …

„Irgendeiner ist immer der Letzte von irgendwas, mein Guter. Das hat nichts zu sagen.“

„Aber ich kann sie nirgends… und es wird bald dunkel… ich glaube, ich muß gleich weinen.“

„Hör mal Junge, die werden schon noch kommen. Oder sie sind schon einmal vorgegangen. Was weiß ich?“

Ich stemmte meine 14 Arme in die Hüften. Dann erklärte ich den lieben Kinderlein, daß wir jetzt eine Nachtwanderung zur Küste der Irrlichterbucht unternähmen, die knapp 6 Stunden Fußmarsch entfernt lag. Wir würden in einer lang gezogenen Kette gehen, Nano an der Spitze, ich wie immer am Ende. Nano war entbehrlich, ich nicht.

Wir verließen Dullsgard durch das östliche Tor und traten in eine neblige Nacht. Es war kalt und diesig, feucht und klamm, ganz allgemein unfreundlich und ungastlich. Die Schlange setzte sich in Bewegung. Nano hielt eine Fackel in Händen und wies uns den Weg. Die Stunden vergingen wie im Flug und schließlich hörten wir die ersten Wellen an das nahe Ufer schlagen. Ob das Schiff schon da war? Ich hoffte es. Eine weitere Stunde später standen wir schließlich an der Küste und versuchten, den lichterloh brennenden Nano zu löschen. Der Depp war mit seiner Fackel doch geradewegs in ein Irrlichter-Nest getreten. Das Sumpfgas hatte sich entzündet und der Rest war simple Physik. Was lernen die eigentlich in dieser sogenannten Schule?

Immerhin – das Schiff war da. Wunderbar. Prachtvoll sah es aus. Die Beiboote schaukelten im Wasser und nach und nach gelangten wir alle an Bord der MOLOCH. Der zweite Abschnitt der Klassenfahrt konnte beginnen.

Tag 10.

Mit sieben Schaluppen näherten wir uns der MOLOCH. Ihr schwarzer Stahl dräute schwer über uns und ihr dunkler Schatten hüllte uns ein wie ein Mantel. Einen Leuchtturm gleich glühte Nano vom nahen Ufer nach und ganz allgemein war alles sehr romantisch. Für Bärnum wäre das alles natürlich noch viel romantischer gewesen, wenn er seine Hutze dabeigehabt hätte, aber man kann nicht alles haben.

„Ist das nicht dieser verfluchte Seelenverkäufer?“ fragte Kulla. „Der fliegende Dämonenklammer?“

„Nein“, erwiderte Güni, „das ist die schwarze Perle.“

„Quatsch! Erkennt ihr denn die MS Franziska nicht, wenn ihr sie seht?“

Allgemeines Augenbrauenhochziehen und „Typisch Skelch!“ Gemurmel.

„Kinder, Kinder“, erklärte ich milde tadelnd. „Das ist die große MOLOCH, Schiff der Schiffe und Herr der Meere.“

Es waren noch gute 50 zamonische Meter bis zum Schiff, als eine der Tratschwellen, die uns begleiteten, wild zu gestikulieren begann. Ihren Geschrei entnahm ich, das sie Obym Kicd, den berühmten Tyrannowalfisch, ausgemacht zu haben glaubte. Totaler Blödsinn. Das wurde ihr auch gesagt.

„Red doch kein…“

„Den gibt es doch gar nicht, aba!“

„Wenn es lesbische Einhörner wären, dann verstände ich das ja…“

„Alter, ich sage dir, ich habe ihn gesehen!"

„Fritten?“

„Herr Reiseleiter? Sind wir in Gefahr?“

Die Situation drohte außer Kontrolle zu geraten. Ruhe war gefordert. Ruhe und Besonnenheit. Eigenschaften, die ich im höchsten Maße aufweise.

„Rudert!“ schrie ich. „Rudert um euer Leben! Rudert, oder wir werden alle sterben!“

Die Ruderblätter flogen, die Holme bogen sich. Die Tratschwelle kam kaum hinterher und ich war versucht, ihr zu helfen. Aber wie? Schon war die MOLOCH in Reichweite, schon wurden die ersten Leinen herabgeworfen, schon legte sich die allgemeine Aufregung, weil sich der vermeintliche Tyrannowal als simples Stück Treibholz entpuppte.

Kleine Zwischenfrage: Können Wellen ertrinken?

Eben noch war aba da, dann war sie weg. Warf ihre Ausläufer nach oben und schwups – weg. Als hätte sie etwas gepackt und nach unten gerissen. Aber was sollte nach einer Welle schnappen? Ich dachte scharf nach. Treibholz… Treibholz mit Algen… Treibholz mit Algen in der Irrlichterbucht… Also vermutlich Irrlicht-Algen… Fieses Zeug. Konnte sich unter Wasser über Kilometer erstrecken. Was sich darin verfing, wurde sofort unter Wasser gezogen und eingesponnen. Fall gelöst, Welle weg. Langsam lichteten sich die Reihen meiner Schutzbefohlenen. Das war schlecht. Immerhin mußten die Kessel der MOLOCH geheizt werden, wenn wir vom Fleck kommen wollten. Ab sofort mußte ich achtsamer sein. Sonst kamen wir nie in Kornheim mit der erforderlichen… halt! Das war so geheim, das ging nicht einmal mich etwas an!

Eine Viertelstunde später…

Wir waren auf der MOLOCH. Beim Aufstieg hatte es nur minimale Verluste gegeben. Lediglich ein Schüler – oder sollte ich sagen: Der Schüler? Denn immerhin nannte er sich selbst „Nachtschüler Nr. 1“ – war vom Seil gerutscht und in die kalten Wellen gestürzt. Dummer-weise aber zuerst auf das Stück Treibholz. Mit den Kopf voran. Das Knacken war sehr laut in der Dunkelheit gewesen. Blödes Holz. Aber so ist die Natur. Und so ist die MOLOCH. Dort wenigstens ging alles geordnet zu. Die dortigen Yetis hatten die kräftigsten Schüler an die Kohlekessel getrieben, der Rest durfte Deckschrubben. Ich lag in einen Liegestuhl und trank einen steifen Grog. Und in der Ferne wartete schon unser nächster Halt auf uns: Der Fhernhachensund. Dann eben: Leinen los und gute Fahrt.

Tag 11.

Mit Schwund muß man rechnen. Das gilt für Steinmetzarbeiten und Klassenfahrten. Aber hier auf der MOLOCH war alles so gut organisiert, so straff gehandhabt, so griffig gestaltet … Eine klare Kommandostruktur ist was Feines. Wir Haifischmaden wissen das zu schätzen. Die MOLOCH ist eine der letzten Bastionen einer klaren Diktatur. Einer oben – viele unten. Dazwischen: Nichts! Ach, wenn das doch nur überall in Zamonien…

Ein neuer Grog erschien wie von Zauberhand in einer meiner Hände. Der Alkohol befeuerte meine Allmachtsphantasien. Man müßte diesen pseudo-elitären Laden in den Finsterbergen genauso führen wie der Kapitän die MOLOCH. Mit liebevoller Härte und hartvoller Liebe. Hartvoll? Ich kicherte. Gab es dieses Wort überhaupt?

„Der ist ja voll bis zum Rand“, wisperte der in meiner Nähe die Planken schrubbende Iliak einen Stollentroll zu.

„Säuft einen Grog nach den anderen und wir dürfen hier bucklen“, erwiderte Daky böse. „Gleich faselt er wieder von Verantwortung, Vereinen und Vertrauen.“

„Wenn der mal einen Verein leitet, dann bin ich sofort dabei!“, schleimte eine Hutze und erntete dafür böse Blicke.

„Typisch Klogatte.“

„Sich mit den Sklaventreiber verbünden!“

„Pass bloß auf …“

„Wieso denn? Ist doch wahr. Der Reiseleiter kann …“

Ich sollte leider nie erfahren, was ich alles kann (Memo an mich: Klogatte bei Überleben der Fahrt fragen, was ich alles kann), denn in diesen Moment brach die Hölle los.

Ich lag also in meinen Liegestuhl, trank meinen Grog und hörte meinen Loblied zu, als das schwere Schott zu den Kesselräumen aufsprang und zwei Yetis herausgestürmt kamen. In ihren mit feuerfesten Ofenhandschuhen bewehrten Pranken hielten sie eine verkohlte Masse. Hinter ihnen drängten sieben, acht meiner Schutzbefohlenen an Deck, weinend, jammernd und klagend.

Nur mühsam gelang es mir, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Wie sich herausstellte – Yetis sind keine guten Erzähler und aufgeregte Schüler auch nicht – war folgendes geschehen:

Bärnum und Jupp hatten eine Kesseldienst-Pause genossen. Jupp, ein Stollentroll, war bemüht gewesen, seine Bildung zu vervollständigen und hatte dazu ein Buch von Fakak mit auf die Fahrt genommen. Er hatte gerade ein besonders fakakeske Stelle laut vorgelesen, woraufhin in Bärnums Kopf ein paar Zahnräder aus der Spur gerieten. Himmel, es weiß doch jeder, was Fakak mit Hachen-Köpfen anrichtet!

Bärnum war also aufgesprungen, hatte laut zu kreischen begonnen und sich dann die letzten drei Haare ausgerissen. Dann hatte er das Buch an sich gerissen und war damit in den nächstbesten Kessel gesprungen. Wusch. Jupp – reflexhaft und bibliophil – war dann hinterhergesprungen. Doppelwusch.

Die Yetis hatten die beiden dann herausgezogen – kohlenstoffbasierte Daseinsformen haben in den Kesseln der MOLOCH nichts zu suchen, dafür gibt es die Meuter-Öfen. Bewundernswerte Ordnung in allen Belangen.

Die Schreckse Püh gackerte wie wahnsinnig: „Tod! Tod! Fakak bringt den Tod! Ich habe es gesehen. Gesehen habe ich es.“

„Ja, olles Wurzelweib“, blaffte ich. „Und wir riechen es!“

Ich ordnete an, die verkohlte Masse über Bord zu werfen, wurde aber unterbrochen.

„Fhernhachen-Sund voraus!“ erscholl eine raue Stimme vom Bug her.

Eine kurze, nachdenkliche Pause.

„Verminter Fhernhachen-Sund voraus.“

Minen? Bei den Hachen? Was denn noch? Ich ging mit den neugierigen Schülern zum Bug. Nur Iliak blieb zurück, merkwürdig betreten aussehend.

Tag 12.

Minen im Fhernhachen-Sund? Was denn noch alles? Manipulierte Karten, die Riffe anzeigten, wo keine waren und keine, wo welche lauerten? Diese Klassenfahrten überraschten mich doch immer wieder. Minen also … Wappneten sich die Hachen gegen eine Invasion der Fhern-Quallen? Oder hatten sie Angst, zu weit raus zu schwimmen? Verrücktes Volk.

Der Yeti am Steuerrad bellte einen Befehl. Die schweren Maschinen röhrten empört auf, die Schiffsschrauben kreischten gequält und einige der Schüler wurden von ihren Füßen gerissen. Skelch wurde gegen ein Bullauge geschleudert und seine warzige Stollentrollhaut rutsche quietschend über das Glas. Das würde ich nicht putzen wollen. Käpchen – ein Horchlöffelchen – schlidderte über die Planken und donnerte gegen einen der Schornsteine und Visus stolperte und verhempelte…äh verhedderte sich in der Ankerkette. Aber das bekam ich schon gar nicht mehr richtig mit, denn das schwere Schiff kam zur Ruhe.

Nur wenige Einfluß (→ Neues zamonische Wörterbuch – Maßeinheiten) vor der ersten Mine blieben wir liegen.

„Wir müssen da durch“, bemerkte der Oberyetimaat weise.

„Ach?“

Geplant war nämlich, das Schiff im Sund zu verlassen, über Land bis nach Wotans Münd zu wandern und dort wieder an Bord zu gehen. Natürlich hätten wir theoretisch auch am Sund vorbeidampfen können und gleich zum W.M. schippern können, aber theoretisch stand mir auch ein ruhiger Lebensabend in einen Gralsunder Antiquariat mit Bienenbrot bis zum Abwinken zu.

„Ja. Wußten Sie das etwa nicht?“

Dämlicher Yeti!

Die Minen lagen nicht besonders dicht. Wer auch immer sie gelegt hatte – Minen im Fhernhachen-Sund! Ha! – war nicht besonders geschickt vorgegangen. Tatsächlich waren es effektiv nur zwei Minen, die uns den Weg versperrten. Da mußte sich doch was machen lassen. Hutzen drauf schleudern? Nein, zu haarig. Natittofften dran tackern? Zu geweiht … äh gewagt. Rettis gegen fliegen lassen? Zu luftig. Aber … Tratschwellen. Das konnte gehen.

„Ach Laber, Schwapp“, flötete ich.

„Ja, lieber Herr oberster Reiseleiter?“ kicherten die beiden Wasserhöcker unisono.

„Ich wollte euch fragen, ob ihr mir einen Gefallen tun könntet. Aber wenn ich darüber nachdenke … ach nein, das wäre wohl zu viel …“

„Worum geht es denn?“ fragten die H2Oer neugierig.

„Ach, laßt gut sein. Ich werde doch lieber einen der Rettis fragen. Güni oder Appeli.“

„Güni! Appeli!“ heulten die Salzwassrigen auf. „Was sollen die denn können, was wir nicht können?! Und außerdem ist Appeli doch gar nicht hier sonder wer weiß wo abgeblieben!“

Sehr gut.

„Ach, mir ist da eben ein Malheur passiert. Ich schreibe gerade an einen neuen Wörterbuch – sozusagen das Neue neue zamonische Wörterbuch – und der Wind hat mir zwei Seiten entrissen und zu diesen Wasserbällen da vor uns getragen.“

Die Wellen waren bereits über Bord gesprungen. Wörterbücher waren für sie unwiderstehlich.

„Welcher Ball ist es denn?“ rief Schwapp. „Dieser hier?“ eiferte Laber.

„Nein, weiter links … jetzt rechts … da vorne … und der direkt daneben … ja, genau die beiden.

Ein ohrenbetäubender Knall, eine Wand aus Wasser. Zwei Schüler weniger, aber dafür freie Fahrt voraus. Und überhaupt: Brachte eine Explosion Tratschwellen um? Die bestanden doch aus Wasser? Diese und ähnliche Überlegungen gingen mir durch den Kopf, während wir durch den jetzt lückenhaften Minengürtel schipperten. Wir waren schon fast an Land, als ich eine Bewegung im Wasser an der Backbord-Seite wahrnahm. Eine Tratschwelle. Eine! Aber mit zwei Mündern. Himmel! Was für eine grauenhafte Laune der Natur!

„Äh, Herr Reiseleiter, Sir, wir konnten leider ihre Seiten nicht finden.“ Schwapp.

„Sind Sie jetzt böse mit uns?“ Laber.

Grundgütiger. Die Explosion hatte die beiden Wellen verschmolzen. Der bedauernswerte Schiffsbrüchige, der ihnen in die Hände bzw. Münder fiel.

„Äh … ihr … du kannst ja weitersuchen. Das wäre toll. Wir treffen uns dann in Wotans Münd, ja?

„Is gut, is gut.“

Und weg war sie. Wir warfen Anker. Leider übersahen wir dabei den sich noch immer in den Kettengliedern windenden Visus. Oder auch nicht – Yetis haben einen eigenartigen Humor. Nun, es ist nicht meine Aufgabe, jeden das Händchen zu halten. Und ein anständiges Seemanngrab ist nicht jeden Hempel vergönnt.

Eine Viertelstunde später gingen wir an Land und nur fünf Minuten später steckten wir wieder in Schwierigkeiten. Was für eine Überraschung.

Tag 13.

Das alles wird langsam viel zu viel für mich. Aus einer gemütlichen Klassenfahrt mit profitablem Ende ist ein waschechter Abenteuerurlaub geworden. Zu allen Überfluß kräht die olle Schreckse nur noch Tod und Verderben. Faselt von Unheil hier und Unglück da. Nicht sehr förderlich für die Moral der Truppe. Wobei ich schon zugeben muß, das ihre Voraussagen eine gewisse, beängstigendePostkartengenauigkeit haben (Schrecks-istischer Terminus technicus). Wer hätte je gedacht, daß ein Stollentroll durch Nasenbohren ums Leben käme? Oder die Sache mit der Liane! Sehr exotisch. Aber der Reihe nach.

Wir waren also in Fhernhachigen an Land gegangen. Die MOLOCH dampfte Richtung Wotans Münd.

„Pommes?“ fragte Rumpel.

„Ah, die Heimat, die Heimat“, seufzte Iliak. „Wenn Bärnum das doch nur noch…“ Er begann, zu weinen.

„Iliak heult, Iliak heult“, sangen Sora, RuWo und Hans K. fröhlich.

Wir wanderten langsam los. Unterwegs beglückten uns die mitlaufenden Hachen-Schüler mit überflüssigen Informationen über ihre Heimat. Hier sei das, dort das und da das. Hier die Schmusewiese, dort das Kuscheltal, da das Hab-dich-lieb-Feld. Stundenlang ging das so, während wir uns Richtung Südosten hielten. Romantik hier, Gefühl da. Schauderhaft.

„Und wie heißt die Lichtung da drüben?“ fragte Fauli.

Die Hachen schwiegen betreten. Das machte uns neugierig. Schließlich wurde das Drängen und Fordern zu viel für die sentimentalen Racker und sie gestanden, das diese Lichtung einen schlechten Ruf habe, man sie allgemein meide und überhaupt…

„Das ist der Friedhof der Nahhuchen“, flüsterte Iliak verhalten.

„Nahhuchen?“

„Böse Fhernhachen!“ stieß Darthula gequält aus.

Langsam kam die ganze Geschichte an das schnulzige Licht des Tages. Bei den Hachen galt dieser Ort allgemein als verflucht, weil hier vor Jahrhunderten eine Kolonie von Ihnen lebte, die mit Romantik, Gefühl und so nichts anfangen konnten. Sie nannten sich die Nahhuchen und waren niedlich-böse. Reizend. Irgendwann dann waren sie verschwunden und seither mied man diesen Flecken Erde. Urige Bäume wuchsen hier in den Himmel… MOMENT! War das nicht eben noch eine LICHTUNG gewesen? Wo kamen die Bäume auf einmal… Nie in meinen Leben habe ich an Fhernhachenflüche geglaubt… sollte ich mich getäuscht haben? Wie es aussah, führte unser Weg genau unter diesen komischen Bäumen hindurch. Verdammt! Ich mußte jemanden vorschicken, der mögliche Gefahren auf sich zog und so unser aller Überleben sicherte. Die Diskussion war kurz und unerfreulich.

„Und, Daky? Alles in Ordnung?“ rief ich aus sicherer Entfernung.

Der Troll pullte einen Popel aus seiner Nase, schnippte ihn lässig gegen einen der Bäume und krähte: „Was soll hier schon nicht…?“

„SCHMIER DEINE VERDAMMTEN POPEL GEFÄLLIGST WOANDERS HIN!“ donnerte es, dann krachte auch schon ein schwerer Ast hinab und trieb Daky ungespitzt in den Boden. Oha. Lebende Bäume. War die Schlechtigkeit der Nahhuchen in die Flora übergegangen? War hier wirklich ein Fluch am Wirken? Hatte Daky dieses Ende verdient? Was war zu tun? Nun – wie immer fiel mir eine Lösung ein.

Tag 14.

Die erste Lösung ist immer die schlechteste, daher verwarf ich sie sofort. Die Zweite ist ganz tauglich, taugte aber auch nicht viel. Schließlich hatte ich es. Es war natürlich ganz einfach. Und das waren die Fakten: Ein Waldgürtel sperrte uns den Weg zur Küste, den wir gehen mußten, um pünktlich bei der MOLOCH zu sein. Ein Waldgürtel, wo eben noch eine Lichtung gewesen war. Eine Lichtung, die einst von Nahhuchen bewohnt worden war. Also ein ehemaliges Dorf. Dann doch auch wahrscheinlich ein Friedhof, oder? Ich meine, ein Dorf ohne Friedhof, das geht doch gar nicht. Also ein Nahhuchen-Friedhof. Die Bäume hatten sich von ihren Leibern genährt und ihre Schlechtigkeit in sich aufgenommen. Was an Schlechtigkeit in einen bösen Hachen eben so drin sein mag. Viel wird es ja nicht gewesen sein. Aber eben genug, um die Bäume böse zu machen. Und – schlecht gelaunt. Hier würden wir nur durchkommen, wenn wir die Bäume aufheiterten. Ich sah mich um. Lustige Daseinsformen … Horchlöffelchen? Nein, zu klein um lustig zu sein! Gimpel? Nicht in dieser Welt! Aber halt: Eine Hutze! Eine Hutze war immer lustig. Wenn man sie entsprechend „aufbereitete“.

„Klogattechen“, rief ich mit gespielter Heiterkeit. „Komm doch einmal her.“

Wieso seufzten die anderen Schüler so erleichtert auf?

Klogatte kam weniger auf mich zu als er zu mir hergeschoben wurde. Seltsam.

„Klogatte, Klogatte, Klogatte. Du scheinst mir ein echter Scherzkeks zu sein, ein Unterhaltungsnaturtalent sondergleichen.“

„Binichnicht, binichnicht!“ wimmerte der Hutzerich.

„Ach, stell dein Licht nicht unter den Scheffel“, rief Skelch.

„Du bist der König der Komik“, krönte ihn Käpchen.

„Immer heiter, immer lustig“, bekräftigte Rumpel und fügte nach kurzen Nachdenken hinzu: „Fritten?“

„Immer einen Jokus im Ärmel“, ritt ihn Kim M. tiefer hinein.

„Da siehst du, Klogatte. Die glauben an dich. Gut, pass auf. Du gehst jetzt da vorne zu den Bäumen und erzählst denen ein paar richtig schmissige Witze. Aber warte … Erst mußt du dich noch umziehen.“

Fünfzehn Minuten und viel Geschimpfe, Gezeter und Geschäme später …

Wir lagen vor Lachen auf den Boden. Klogatte stand – scharlachrot bis in die filzigen Haarspitzen – vor den Bäumen, die sich um ihn scharten. Es war ein Anblick für die Bolloggs. Klogattes dünne Beine staken in rosa Kniestrümpfen, grün-gelbe Schnallenschuhe an den Füßen. Die Hände in lilafarbenden Wollhandschuhen, die Haar orange gefärbt und in drei Zöpfe geflochten.

Die Bäume waren hin und weg. Und auch wenn kein Wort über Klogattes Lippen kam, die Bäume achteten nur auf ihn. Anderseits – wenn ein Wort über Klogattes Lippen gekommen wäre, dann wäre es eh sofort verdampft. Er kochte vor Wut. Und – Tatsache! Die ersten Wölkchen kamen aus seinen Ohren heraus. O je!

Schnell liefen wir an den Bäumen und den jetzt pfeifend wie ein Dampfkessel Klogatte vorbei. Es lief alles wie am Schnürchen. Der letzte meiner Schutzbefohlenen war durch, vor uns das flache Land, in der Ferne die Küste. Schemenhaft war die MOL… KaWumm! Klogatte war vor lauter Wut und Scham geplatzt. Die Bäume bogen sich vor Lachen. Einige Schüler auch. Gemeine Bande. Ich trieb sie zur Eile an.

Tag 15.

Wir wanderten den ganzen Tag am Ufer von Wotans Münd herum, schnippten Steine über das Wasser und gedachten der Schönheit des Lebens.

Tag 16.

Gegen Abend waren wir wieder an Bord. Die MOLOCH dampfe eine Runde durch die Bucht von Lochting und wir standen an der Reling und bestaunten ein Feuerwerk, das die Lochtinger ohne Zweifel uns zu Ehren abbrannten. Die bunten Raketen stiegen in Scharen in den Himmel, die Knallfrösche dröhnten. Wunderschön. Einigen Schülern kamen die Tränen. Später sollte ich allerdings erfahren, das es sich lediglich um ein Scharmützel zweier verfeindeter Midgard-Zwergclans gehandelt hatte und keinesfalls um ein Feuerwerk. Aber das behielt ich für mich.

Den meisten meiner Schutzbefohlenen taten nach unseren gestrigem Wandertag die Füße weh und diejenigen von Ihnen, die keinen Kesseldienst hatten, lagen in ihren Kojen oder stützten sich schwer auf die Reling. Allgemeiner Friede lag über der MOLOCH.

Ich bekam Durst. Ein schöner, steifer Grog, das wäre es jetzt.

„Käpchen, du bist mir doch immer besonders grün gewesen. Kannst du schnell in die Kombüse flitzen und mir einen Grog holen.“ Das sollte sogar ein Horchlöffelchen hinbekommen.

„Aye aye, Sir“, salutierte das possierliche Tierchen und flitzte davon. Verrate ich zu viel, wenn ich sage, daß ich meinen Grog nie bekam? Wahrscheinlich ja – darum der Reihe nach. Aber verdammt – ich habe meinen Grog nicht bekommen!

Ein feister Lindwurm namens Hilde soundso (ich verkneife mir jetzt mal Bemerkungen über aufgeblähte Lindwürmer, die Hilde heißen) verstieg sich gerade zu einer kleinen Ode auf die bisherige Fahrt und die MOLOCH. Er posaunte in die Nacht:

Oh Klassenfahrt, oh Klassenfahrt

Wie bist du mir doch so apart!

Oh Klassenfahrt, oh Klassenfahrt,

was wär ich ohn´dich disparat.

Den Bach entlang, den Fall hinab,

Wir lachten auf, war es auch knapp.

Durch sumpfig´Land und düstre Stadt,

auf Schritt und Tritt gab´s Abenteuer satt.

Dann kam die MOLOCH, prachtvoll anzuschauen!

Ja plotzblitz, unseren Augen wollten wir kaum traun.

Hier stehn wir nun, sehn Feuerwerk und helle Lichter

Was Wunder, das ich hier werd zum großen Dichter.

Grauenvoll. Weder Metrum noch Sinn. Diese Lindwürmer. Dachten von sich, sie seien weiß der Himmel was. Wo blieb mein Grog? Ich löste mich von der Reling, überlegte kurz, den ormlosen Lindwurm über selbige zu stoßen, ließ es aber. Brachte doch nichts.

Ich ging Richtung Kombüse, wo mir ein angenehmer Geruch in die Nase stieg. Ach, der Koch hier war ein Meister seines Faches. Was es wohl heute … Ich spähte hinein. Niemand da. Nur ein großer Eisentopf über einen offenen Feuer, in dem ein dicker, sämiger Eintopf blubberte. Ein Holzlöffel stak einladend drin. Es würde ja niemand … Außerdem mußte ich immerhin … Man war ja … Ich probierte also. Köstlich! Einmalig! Perfekt! Delikat! Was war das nur für ein dezenter Wildgeschmack? Reh? Hirsch? Wildschweinling? Mein Auge fiel auf das aufgeschlagene Kochbuch. Adventseintopf a la Horchlöffelchen. Aha. Oha. Horchlöffelchen! Oho. Daher also der ausbleibende Grog. Ich hatte das arme Käpchen in eine Kombüse geschickt, in der Horchlöffelcheneintopf gekocht wurde. Nun. Schade. Ich probierte erneut. Phantastisch. Auf den Punkt. Nur schade um den Grog.

Tag 17.

Was wirklich in der Kombüse geschah...

(Käpchens Bericht)

Diese dumme Made. Der Reiseleiter war nicht mal erstaunt, daß ich mich ohne zu murren, sofort bereitwillig unter Decke habe schicken lassen um ihm seinen Grog zu besorgen. Hatte schon Angst, es könnte vielleicht verdächtig wirken. Aber die Gelegenheit war so günstig, da habe ich nicht gleich dran gedacht, mich zu verstellen. Und sowieso bin ich nicht gut im Schauspielern. Hat ja aber alles geklappt. Als ich die Tür zur Kombüse aufstieß und da meinen Artgenossen liegen sah – sauber gehäutet und mit etlichen Kräutern gespickt, das war ein ganz schöner Schock. Ich musste mich erst mal am Türrahmen festhalten um auf den Beinen zu bleiben. Als ich wieder klar denken konnte, wurde mir klar, dass sich mir hier die ideale Chance zur Flucht bot. Eigentlich wollte ich Pecks ja nur einen kleinen Denkzettel verpassen, dass wir uns nicht alles von ihm gefallen lassen, auch wenn wir ihm ausgeliefert sind. Ich dachte mir, wenn ich plötzlich verschwinden und es zum Abendessen Horchlöffelchenragout geben würde, dann würde Pecks sicherlich nicht weiter nach mir suchen. Also beschloss ich, mich in der Vorratskammer zu versteckten, bis wir wieder im Hafen ankämen. Solange wir auf dem offenen Meer unterwegs waren, konnte ich mich natürlich nicht von Bord schleichen. Bis wir die Küste erreichen würde mir hoffentlich noch ein Plan einfallen. Bevor ich zwischen die Kakaosäcke kroch, setzte ich aber noch schnell meinen ursprünglichen Plan in die tat um: Ich entkorkte sämtliche Grogvorräte und goss jeweils eine Mischung aus Rizinusöl und anderen Substanzen hinzu die sich sicherlich alles andere als angenehm auf die Verdauung unseres lieben Reiseleiters auswirken würden. Richtiges Gift zu verwenden hatte ich nicht gewagt. Erstens bin ich schließlich keine Mörderin und zweitens bestand eine geringe Gefahr, dass einer meiner Mitschüler etwas von dem Zeug in die Finger bekommen könnte, auch wenn Alkohol für Schüler verboten war und Pecks scharfäugig darauf achtete, dass nichts von seinem geliebten Gesöff an seine Untergeben vergeudet würde. Dass die Schiffsbesatzung etwas abbekommen könnte, nahm ich gleichgültig in Kauf. Wer zuließ, dass Kinder auf seinem Schiff als Sklaven gehalten wurden, hatte es nicht besser verdient.

Ich schaffte es gerade noch mich hinter den Kakaosäcken zu verstecken, als ich auch schon das unüberhörbare schlabbernde Schlurfen des unverwechselbaren „Ganges“ der Haifischmade vernahm, die nachsehen wollte, wo ihr Grog blieb. Puh!, das war ja gerade noch mal gut gegangen. Nun würde ich sehen, ob mein Plan funktionieren würde...

Die großen zamonischen Zeitungen titelten später: »Rätselhaften Fischsterben im Meer vor Hutzengebirge« oder »Unfall oder Vorsatz? Wer hat das Hutzenmeer zerstört?« »Eisenstadt lehnt Verantwortung ab« und »Fischer sehen Katastrophe entgegen«.

Die Wahrheit war wesentlich profaner, aber das wird die Öffentlichkeit nie erfahren. Ich hatte mir am gestrigen Abend manchen Grog gegönnt und war zeitig zu Bett gegangen. Irgendwann in der Nacht hatte es angefangen, in meinen Verdauungstrakt zu rumoren. Ich schaffte es soeben noch aus der Kajüte hinaus und auf die Reling, dann… lief es. Lief den ganzen Morgen. Den Tag. Bis spät in die Nacht. Die MOLOCH stampfte, die Kinderlein liefen ohne Aufsicht und ich – ich hing hier. Den ganzen Tag. Und dann ging das Papier zur Neige.

Tag 18.

Die letzten zwei Tage auf See begannen. Wir fuhren an der Küste des Hutzengebirges vorbei und hörten von ferne die wilden Berghutzen im Wind Schrein. Darthula begann zu weinen. Hutzen! Sentimentales Volk. Komisch, daß es keine Haifischmaden-Berge gibt. Jedes Volk hat seine Berge, scheint mir. Hutzen, Blutschinken, Dämonen. Nur wir nicht. Ungerecht. Aber in dieser Welt geht es einfach nicht gerecht zu.

Die hiesige Küste ist von urtümlicher Schönheit. Wilde Klippen, schroffe Felsen, schartige Schründe. Tückische Riffe unter Wasser, böse Winde über Wasser. Und sogar das Wasser selbst war salziger als woanders. Keine Frage: Das hier war ein Stück des alten Zamoniens, des ungezähmten Zamoniens. Hier wollte ich dermaleinst alt werden. Ein kleines Häuschen über den Klippen, ein kleiner Garten, eine wohlsortierte Bibliothek… ach ja. Aber erst einmal mußte ich dafür sorgen, daß wir heil und gesund in Kleinkornheim ankamen. Und das war leichter gesagt als getan. Heute zum Beispiel verlor ich gleich zwei Schäfchen aus meiner Herde. Und auch wenn sie es selber schuld waren – ein schlechtes Gewissen hatte ich schon. Ich hätte die beiden niemals erlauben dürfen, in die Schiffsschmiede zu gehen. Und dann kam zu allen Übel noch diese olle Schrecksenschreckschraube an und lamentierte, sie habe es ja gesagt, sie habe es ja gesehen und so weiter und so fort.

Iliak und Daky hatten mich also gefragt, ob ich ihnen einen Besuch in der Schiffsschmiede erlauben würde. Die beiden waren während der ganzen Fahrt extrem anstrengend gewesen und der Gedanke, sie für ein paar Stunden… Sehr verlockend.

Das folgende wurde mir dann berichtet: Daky und Iliak gingen also in die Schmiede und fingen sofort an, alle und jeden zu ärgern. Was ist das hier, was tun sie da, wozu ist das, warum ist das so. Ist das heiß, ist das schwer, ist das heiß und schwer? Es muß schlimm gewesen sein. Dann aber suchten die beiden sich das falsche Opfer für ihre Fragen. Ein alter Yeti, der ein Faß mit kochenden, flüssigen Stahl trug, hatte nicht viel Sinn für die Neugier der beiden. Erst knurrte er. Dann bellte er. Dann bellte er knurrend. Daky und Iliak feuerten weiter. Und der Yeti feuerte zurück. Er setzte das Faß ab, packte Daky links und Iliak rechts und stopfte sie eins, zwei, drei in die kochende Masse flüssigen Stahls. Es stank bestialisch, die beiden kreischten kurz auf, dann waren sie hin und weg. Aufgelöst. Der Yeti grunzte, schulterte das Faß erneut und goß es wenige Meter weiter in eine Form. Eine Ankerkettenform. Daky und Iliak würden die einzigen sein, die auf der MOLOCH blieben, wenn wir anderen… irgendwie romantisch.

Ein leichtes Rucken des Schiffsrumpfs zeigte mir, daß wir in den Golf von Zamonien einbogen. Unser letzter Tag am Bord begann.

Tag 19 & 20.

Nicht umsonst heißt es, die MOLOCH läßt jeden an Bord, aber keinen mehr davon. Da kannst du mit gültigen Papieren wedeln und verlangen, den Kapitän zu sprechen – der zuständige Yeti machte einen auf stur. Was in Hachingen und Wotans Münd noch kein Thema war – ein Landurlaub – war hier am Ende unserer Fahrt auf einmal nicht mehr möglich: das Verlassen des Schiffes. Und als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, begann sich die Disziplin der Klasse erschreckend aufzulösen. Der Haufen zeichnete sich ja noch nie durch sonderlich viel davon aus, aber die letzten Tage am Bord der MOLOCH hatten alle Schranken niedergerissen. Anarchie lag in der Luft. Die scharfe Rute des Zuchtmeisters war erforderlich. Um die sprechende Ankerkette mußte ich mich glücklicherweise nicht kümmern, die bliebe am Bord. Sprechende Ankerkette? Ja, richtig gelesen. Irgendwie war der Geist des unseligen Hachenknaben Iliak beim Einschmelzen in besten zamonischen Stahl nicht aufgelöst worden, sondern hatte überlebt. Nur leider nicht besonders intakt. Glaubte nämlich, er lebe generell noch. Was er aber nicht tat. Schwafelte aber davon, daß er überlebt habe und wie wunders raffiniert er dabei vorgegangen sei. Bestechung, Diebstahl, Tarnung und geplante Revolte – ein Hache? Ich bitte sie! Den ganzen Tag ging das so. War die Kette unter Wasser hörten wir ein unentwegtes „Blub blub blub! Blub blub. Blub?“ War sie an Deck war das Gekeife auch nicht verständlicher. Namentlich Rumpel hatte unglaubliche Angst vor dem „Kettengeist“, wie er Iliak nur noch nannte. Darum entschied ich mich auch, ihn … Aber das später. Wir lagen also an der Küste des zamonischen Golfes. Ich erläuterte den Kindern den Ablauf der restlichen vier Tage. Morgen, am Tag des Weltunterganges, würden wir das „Maison de Chocolatier et Süßkram glace`“ besuchen. Sollte die Welt untergehen, hatten wir wenigstens noch was Schönes gesehen. Wenn nicht – auch. Danach ginge es in den „Gläsernen Mann“, einer bekannten Gaststätte. Dort würden wir einer Aufführung eines wandernden Puppenzirkus beiwohnen. Übernachtung und Frühstück inklusive. Tja, und dann ginge es schon auf Kornheim. Wie schnell die Tage doch geflogen waren. Aber zuerst einmal mußten wir von der MOLOCH herunter.

„Papiere egal!“ grollte der Yeti, der uns den Weg verstellte. „Grog getrunken. Du bezahlen!“ Nicht bezahlen, du bleiben.“

„Bezahlen?“ empörte ich mich. Was für eine Frechheit. Ich hatte „mit allen“ gebucht.

„Bezahlen!“

„Nein!“

„Doch!“

Blöder Yeti. Sture Brut. Das konnte noch Stunden …

„Gib mir komisches Schweinsbarbar, das will immer Fritten essen und redet mit unsichtbares Buch, dann du darfst gehen!“ bellte der Yeti.

Hmmm? Wovon sprach der? Ich kannte keinen, den er mir beschrieb. Dann dämmerte mir etwas. Da war doch … wie hieß der noch ... na, egal.

„Geht klar. Nur der Neugier halber: Wofür braucht ihr ihn?

Der Yeti grinste dreckig und machte den Weg frei. Die Kinder stürzten Richtung Land.

„Machen Spiel. Wollen schießen Tontauben. Sind aber alle kaputt.“

Zwei Yetis banden den zeternden Rumpel auf ein Katapult.

„Aha.“ Also Tonrumpelschießen. Originell.

„Und warum bindet ihr ihn fest? Ich meine, man schießt doch auf fliegende Tontauben.“

„Wiederverwendung“, smirkte der Yeti.

Donnerwetter! Den hatte ich aber unterschätzt.

Ich watete an Land und hörte ein lachendes „Und los!“

Dort hatten sich die Kinderlein um die mir nur zu bekannte Übelschreckse Öh oder Eh oder so versammelt. Die reckte ihre warzigen Finger in die Luft und kreischte gerade was von „… eiliger Tod kommt auf luftigen Wegen …“ und … „… trennen wird sich, was zusammengehört …“ Ermüdend! Und natürlich sollte sie recht behalten. Was auch langsam ermüdend war.

Tag 21. Weltuntergangstag.

Wie allgemein bekannt, geht heute die Welt unter. Ob das eine globale Sache wird oder eher ein lokales Ereignis ist, ist mir nicht bekannt. Interessiert mich auch nicht. Ich habe noch drei Tage, um nach Kornheim zu kommen und diese ganze Hysterie um Harmagedon und Apokalypse macht mir das alles nicht leichter. Schrecksengerede! Obwohl … nichts Grundsätzliches gegen Schrecksengerede. Ab und an ist es erstaunlich präzise. Zum Beispiel hier und jetzt. Denn kaum hatte die olle Übelkrähe Püh ihre Warnung vor luftigen Tod und trennender Trennung verkündet, geschah es auch schon.

Von links aus Richtung Wolperting und von rechts aus Richtung Eisenstadt sausten zwei schemenhafte Schemen heran. Zisch. Zasch. Krach. So lassen sich die nächsten drei, vier Sekunden wiedergeben. Was war passiert? Wie sich herausstellte, war Püh unglücklicherweise in die Flugbahn eines illegalen Rennens fliegender Teppiche geraten. Zufälle gibt es. Diese Rennen werden von jugendlichen Rikscha-Dämonen geflogen und erfreuen sich in deren Kreisen höchster Beliebtheit. Die Teppichkanten und Fransen sind – der besseren Flugeigenschaften wegen – mit Wasser übergossen und frieren bei der hohen Geschwindigkeit zu rasiermesserscharfen Ecken und Kanten. Und jetzt stellen sie sich einmal vor, sie stehen da und zwei Teppiche rasen mit vollem Karacho auf sie zu und prallen gegen sie. Was passiert wohl? Genau! Ein glatter Schnitt. Die Beine auf den Boden, der Rumpf auch. Nebeneinander. Nicht schön. Für Püh bestimmt eine Art von persönlichem Weltuntergang. Tja …

Lachend (vor allen ich) und traumatisiert (die meisten Schüler) wanderten wir den berühmten Schokoladenmuseum Maison de Chocolatier et Süßkram glace` entgegen. Der dreistündige Weg bot nichts Besonderes und als wir ankamen … Nun, das war zugegeben sogar für meine Augen ungewöhnlich.

Vor uns lag also das Schokoladenmuseum. Berühmt in ganz Zamonien. Eine Pilgerstätte für alle Süßmäuler. Und geschlossen. Wegen Weltuntergang, wie uns ein Schild belehrte. Na super! Neben den Schild baumelte der Klingelzug sachte im Wind, schwank nach links und rechts, nach rechts und links. Was hing denn daran? Wir gingen neugierig näher, hoffend, das jemand vielleicht den Schlüssel … Es war Käpchen. Toter als tot. Irgendwie mußte sie den Horchlöffelcheneintopf auf der MOLOCH entkommen sein, hatte sich unter Qualen und unvorstellbaren blablabla hier hergeschleppt und – das Museum war geschlossen. Zu. Aus die Maus. Da blieb natürlich nur der Strick. Das verstand ich. Richtige Entscheidung.

Und dann ging die Welt unter!

Zuerst war da nur ein Rumpeln und Pumpeln, dann wurde die Erde rissig und brach auf. Unter lauten „Einhörner für immer!“ Geschrei fiel Skelch in eine Lavagrube und war weg. Eingegangen in eine bessere Welt. Und das war es dann auch schon gewesen. Das Loch schloß sich, das Rumpeln und Pumpelen hörte auf. Keine Stürme, keine Blitze, kein Meteor, keine waffenstarrenden Außerirdischen. Kein Film von Gangwolf Senpeter. Ich wandte mich an die Natur im allgemeinen und die Erde im besonderen.

„Und? Das war alles?“

„Es kann ja nicht alles klasse sein“, gab Mutter Natur beleidigt zurück.

Das war wahr. Konnte man nicht dran rütteln. Nun, genug getrödelt. Nächster Halt: Gläserner Mann.

Tag 22.

Ah, der Gläserne Mann. Das bekannteste Gasthaus Zamoniens. Und ein Mittelpunkt des fahrenden Puppentheaters. Vergiß die überzüchteten Erlebnisüberflutungen in Buchhaim – hier war das ursprüngliche Puppentheater noch lebendig. Heute sollte es den „Fluch des grünen Goldes“ geben. Wir waren alle sehr gespannt. Einige der Kinderlein meinten, sie haben das Stück bereits einmal in der Schule gelesen. Donnerwetter. Sollte in diesen Austernkäfig der weltfremden Gelehrsamkeit tatsächlich einmal etwas Sinnvolles gelesen worden sein? Das warf ja mein ganzes Weltbild über den Haufen.

Die Aufführung ging los. Die Schüler waren wie gebannt. War aber auch ein spannendes Stück. Ich nutzte die Gelegenheit, mich an die Theke zu verziehen und dort ein, zwei Humpen des hier gebrauten Bieres zu goutieren. Die Reise neigte sich dem Ende entgegen, ich hatte die meisten meiner Schutzbefohlenen noch „am Bord“ und alles in allen war es gut gelaufen. Gut, die einen oder anderen hatte es … Aber mit Schwund muß man rechnen. Alte Weisheit. Morgen würden wir Kornheim erreichen. Eine letzte Nacht noch. Ich mußte mir etwas besonders einfallen lassen. Etwas Avantgarde. Ich grübelte in mein Bier hinein.

„Machste mir eine Milch!“ bellte eine helle Stimme neben mir.

Ich wandte den Kopf. Eine meiner Schülerinnen. Eine Wolpi. Lia, glaube ich.

„Vollmilch oder fettarm?“ fragte der Wirt, ein übergewichtiger Blutschink.

„Vollmilch! Aber von der guten!“

Der Wirt öffnete eine Flasche. Lia knurrte. Der Wirt stellte die Flasche weg und wuchtete eine Kuh auf den Tresen. Er molk sie mit flinken Fingern – war wahrscheinlich Junggeselle, der Wirt – und servierte Lia das gewünschte Getränk.

„Die hat heut ziemlich schlechte Laune“, informierte mich eine andere helle Stimme auf der anderen Seite von mir. Ich drehte müde meinen Kopf. Wenn man mal seine Ruhe haben wollte.

Ein weiterer Wolpi, den ich mühelos als Sora erkannte, ritzte mit ihrer Klaue Muster in das Holz der Theke.

„Aha“, langweilte ich.

„Puppentheater ist nichts für sie.“

„Aha.“

„He! Noch ne Milch! Aber zack zack!“

„Irgendwas mit ihrer Welpenzeit. Manchmal spricht sie im Schlaf drüber. Kinder, die ihr brennende Puppen an die Ohren gebunden haben.“

„Nu, das erklärt eine Menge.“

Sora sah mich erstaunt an. Ich zuckte nur mit den Schultern. Sora versank wieder in Trübsinn. Ich in meinem Bier. Das nächste, was ich wieder hörte, war der Ruf des Wirtes:

„Nein, du hast genug. Sieben Milch frisch vom Euter. Wer bezahlt mir die denn?“

„Nimm Lia und ihre Freundin in Zahlung“, knurrte ich. „Der Rest ist Trinkgeld.“ Keine Ahnung, wie hoch Wolpis im Kurs standen, aber der Wirt schien zufrieden zu sein. Er packte die beiden eins, zwei, drei am Nackenfell und warf sie drei, vier, fünf in einen Verschlag hinter der Theke. Die beiden sahen verdutzt aus der Wäsche, drehten sich ein paar Mal um sich selbst und legten sich dann auf die Pfoten.

„Was machste denn mit denen?“ fragte ich.

„Wolpertingerfell gibt erstklassige Scheuerlappen für Gläser ab,“ erklärte der Wirt. „Die mäste ich jetzt mit Innereien und Gekröse und in zwei, drei Wochen …“ Er machte eine vielsagende Geste.

„Freut mich, wenn ich helfen konnte.“

Applaus brandete auf. Das Puppentheater war zu Ende. Zeit, mich wieder um meine Schützlinge zu kümmern.

Letzte Nacht & Tag 24.

Das Puppentheater hatte meine Schützlinge wohl für vieles entschädigt. Zwar war die Reise bis dato weder besonders entbehrungsreich noch anspruchsvoll gewesen, aber wer seinen Hintern das ganze Jahr auf einer gepolsterten Schulbank parkte, der … Was diesen elitären Kadern fehlt, das ist ein eine Prise wahres Leben. Es gibt in Zamonien nicht nur Bücherburgen und Ponyhöfe mit lesbischen Einhörnern (wobei ich letzteres gerade in der letzten Zeit erschreckend häufig …). Wenn ich auf meiner Reise also ab und an einen Blick auf das wirkliche Leben gewährt habe, dann wird man mir das wohl hoffentlich nachsehen. Den eigentlichen pädagogischen Knalleffekt habe ich mir ja sowieso für morgen, den 24. Aufgehoben. Aber jetzt hatte ich erst einmal eine kleine Überraschung für die lieben Kleinen.

Ich erhob mich, klatschte in die 14 Hände – ein beeindruckendes Geräusch – und begann:

„Kinder, Schüler, Mitreisende. Die letzten Tage waren nicht immer nur ein Griff ins Bonbonglas.“

Gemurmel und Gebrumme.

„Nun, heute Nacht wollen wir das alles vergessen. Wir sind gewandert, gefahren und stellenweise auch gerannt. Und morgen kommen wir dann nach Kornheim, nach Roggenburg, um genau zu sein. Daher werden wir jetzt ein Faß aufmachen.“ Ich schnippte in Richtung des Wirtes, der ein 500-Liter-Faß besten Domstadt Bieres heranrollte, das eigens aus Yhöll importiert worden war. Sündteuer und sündgut – aber für meine Schüler ist mir eben nichts …

Ich stellte mich auf das Faß, schwang einen Hammer und nach zwei Schlägen lief es.

Wir feierten die ganze Nacht hindurch!

Als wir am Morgen des 24. aufbrachen, waren wir alle verkatert, aber ansonsten fit. Es ging doch nichts über wirklich gutes Bier. Lediglich den Stollentroll Bösewicht war seine Gier zum Verhängnis geworden. Er hatte das leere Faß angehoben, um auch noch den letzten Tropfen hinauszuschütteln. Das Faß war seinen schwächlich-dünnen Armen entglitten und hatte ihn zerquetscht. Das würde man mir bestimmt vom Pfand abziehen, aber heute war nicht der Tag, um kleinlich zu sein. Verkatert wie wir waren, war unser Marsch auf Kornheim eher ein leiser, stiller.

Nach vier Stunden kamen wir dann in Roggenburg, der Einlaßpforte nach Kornheim an. Ich steuerte mit meinen Schutzbefohlenen den großen Spreu-Platz an. Hier drängten sich Kaufleute neben Müllern, Sackträger neben Juttewebern, Saatguthersteller neben Sensenschärfern. Die Ernte des Winterkorns stand bevor und jede Hand wurde gebraucht. Ich bat meine Schutzbefohlenen, sich hinter mir in einer Reihe aufzustellen, ich würde Ihnen jetzt noch etwas tolles zeigen, dann ginge es nach Hause in die Schule. Sie gehorchten müde. Dann – als alle Aufstellung genommen hatten – legte ich in die Hände an den Mund und rief über den Marktplatz:

„Erntehelfer! Frisch aus dem Bett! Erntehelfer! Das Gros nur 500 Pyras! Fleißige Erntehelfer …“ Weiter kam ich nicht. Ruckzuck war ich ausverkauft. Alle Schüler weg, ehe man nur Kornheimererntehelferverkauf sagen konnte. Die Schüler wurden abgeführt und zur Arbeit auf den Feldern eingeteilt. Ich konnte Ihnen noch ein aufmunterndes: „Ist doch nur für drei Wochen! Dann seid ihr wieder zu Hause!“ nachrufen, dann waren sie alle weg. Schade. Irgendwie hatte ich mich an die Rasselbande gewöhnt. Na, es würde im nächsten Jahr wieder eine Klassenfahrt geben. Und bis dahin – Zeit für ein ordentliches Frühstück. eiche