Robin2

Warum es fünf Pyras kostet, einen Ochsenkarren zu reinigen

Der zweite zamonische Runde Robin oder:

Eine Fortsetzungsgeschichte, niedergelegt von verschiedenen Autoren

 

 

 

Pecks:

Irgendwo in Midgard steht ein uraltes Haus. Jahrhundertelang anwehender Wind hat die grauen Steine seiner Wände abgeschliffen, salziger Regen zermürbte die Holzschindeln seines Daches und die wenigen kleinen Fenster sind fast vollständig von Moosen, Flechten und toten Insekten bedeckt.

Rund um das geduckte, kauernde und irgendwie lauernd wirkende Haus – das schon alt war, als Zamonien noch jung war und die Waldspinnenhexe von den Sternen kam – erstreckt sich ein verwilderter Garten. Seltene Pflanzen wachsen hier, die man sonst im Land nirgends findet: Rote Hutzenbeeren, Yeti-Kraut und gemeiner Hachen-Wurz wuchert hier üppig und feist, Schrecksen-Knöterich und Horchlöffelchen-Hut durchzieht das Gras, in dem sich Grasmuränen winden.

Ein Zaun – bestehend aus den gebleichten Knochen toter Schweinsbarbaren – umschließt das alte Haus zur Gänze. Es gibt weder Tor noch Tür, weder Pforte noch - Plumpsklo. Die Bewohner des alten Hauses legten offensichtlich wenig Wert auf Besuch oder eine geregelte Verdauung …

Das alte Haus in Midgard ist ein gemiedener Ort, ein Hort des Schreckens und der geflüsterten Warnungen. Es hätte bestimmt eine Menge spannender Geschichten zu erzählen! Schade, daß es in unserer überhaupt keine Rolle spielt …

Denn unsere Erzählung spielte nicht in Midgard, sondern in den finsteren und ewig dunklen Finsterbergen. Genauer gesagt in einem kleinen Seitental, irgendwo im Nordosten des gewaltigen Gebirges. Ein Tal – vergessen von der Welt und der Zeit, nur dem Buchlingen noch bekannt. Hier, eingekesselt von hohen Bergen, lag die Große Bibliothek der Buchlinge, die umfänglichste Büchersammlung der Welt! Weder die Antiquariate Buchhaims noch die Lederne Grotte konnten hiergegen anstinken. Die Bibliothek der Buchlinge enthielt nicht nur jedes jemals geschriebene Buch – sie enthielt auch alle Bücher, die mal geschrieben werden sollten, jedes Buch, das nie über das Stadium der Schreibblockade hinaus-gekommen war, jedes Buch, das nie mehr als Idee war. Wie das genau funktionierte, wußte außer dem Buchlingen keiner so genau und die verrieten es keinem.

Oberster Bibliothekar und damit das Oberhaupt aller Buchlinge war der uralte und schon leicht demente Gamb Cebier Rose, ein Gelehrter von hohem Rang, bekannt für seinen harschen Witz und seine zynischen Bemerkungen. Täglich dankten und gedachten unzählige Buchlinge seiner in ihren Gebeten. Wofür? Das wußte niemand – außer dem betenden Buchlingen natürlich.

An den Tag, an dem unsere kleine Geschichte begann, saß Gamb Cebier Rose an seinem Schreibtisch, ihm gegenüber ein kleiner, noch namenloser Buchling, der sich mit großem Auge umsah und sich sichtbar unwohl fühlte.

Gerade schloß Rose:

„… nun, das ist die Lage. Das Buch ist weg, den zuständigen Bibliothekar hat der Schlag getroffen und niemand mag eine Lücke im Regal.“ Er zwinkerte. „Es gelang uns, die Spur des Buches bis zu dieser Nacht-schule weiter hinten im Gebirge zu verfolgen, aber …“ Er ließ den Satz im unbestimmten auslaufen.

Der junge, noch namenlose Buchling rutschte unruhig hin und her. Was hatte das alles hier mit ihm zu tun? Er hatte gedacht, er bekäme mal wieder eine Nebelheimer Kesselpauke, weil er noch immer keinen Schriftsteller „erwählt“ hatte, aber stattdessen schwadronierte der OB nun schon ewig wegen eines gestohlenen Buches herum. Klar, das war schlimm … aber gab es für solche Fälle nicht die Bücherpolizei der Buchlinge? Knallharte Kerle in knüppelharten Krokodildrachen-ledermänteln waren das. Arme Hunde, die ein Buch stahlen und diesen Jungs in die Hände fielen. Die kniffen nie ein Auge zu und ließen fünfe gerade sein. Die nicht … „Warum …“, begann er daher fragend, aber der OB unterbrach ihn strahlend.

„Warum wir nicht unsere tüchtige Bücherpolizei einschalten? Nun, Junge, du weißt ja, daß die guten Leute von der Truppe mitunter ein wenig … ruppig sein können. Und unser Verhältnis zur Nachtschule war noch nie besonders gut. Auch weiß nur der olle Uhu Nachtigaller von unserer Existenz und das soll tunlichst so bleiben. Alles in allen denke ich, wir sollten diskret vorgehen. Diplomatisch. Und da traf es sich doch so wunderbar passend, daß der Leiter der obskuren Bibliothek mir erst heute Morgen von deinen wunderbaren … Fähigkeiten berichtete.“

Rose legte die Finger zusammen und kniff das Auge zusammen.

„Wirklich – ganz au-sser-ge-wöhn-liche Fähigkeiten, nicht wahr? Die du bestimmt gerne in den Dienst unserer Gemeinschaft stellen möchtest?“

Bella Luna:

Der junge Buchling nickte stumm.

„Was soll ich tun?“

„Du wirst dich in der Nachtschule anmelden und dich unauffällig umhören. Gib dich als reicher Sammler aus, der für seltene Bücher jeden Preis zahlt, dem wird der Dieb nicht widerstehen können, falls er noch dort ist. Falls nicht, versuch, dich mit dem Professor anzufreunden. Er weiß alles über seine Schüler und auch über Nicht-Schüler, möglicherweise kannst du durch ihn etwas erfahren.“

„Ich dachte, der Professor wurde von den Finsterbergen gestoßen? Weil er eine junge Liebe nicht zugelassen hat?“, hakte der junge Buchling nach.

„Das sind nur Gerüchte. Professor Nachtigaller kann so schnell nichts umbringen ...“, antwortete Rose, „... leider”, fügte er leise hinzu.

„Aber wieso sollte er mich in die Nachtschule aufnehmen, wenn ich meine Fähigkeit anwende? Dann wäre ich ja nichts Besonderes mehr, und er nimmt doch nur besonders seltene Daseinsformen auf, oder?“

„Den Professor kann so leicht auch nichts täuschen. Er wird immer noch den Buchling in dir sehen und dich mit Freuden aufnehmen, da er genau weiß, wie schnell wir Buchlinge lernen.“

„Ist das Buch wertvoll?“

„Merke dir, mein Junge: In den Augen der Buchlinge sind alle Bücher gleich wertvoll. Allerdings ist dieses Buch durchaus sehr selten, um seine Seltenheit auch nur anzudeuten, bräuchte man eine ganz eigene Liste dafür. Es ist das allerletzte Exemplar, das es auf dieser Welt gibt!“

Anscheinend hatte Rose an alles gedacht, aber der namenlose Buchling mit den besonderen Fähigkeiten hatte noch immer seine Zweifel.

„Angenommen, ich kriege nicht raus, wer und wo der Dieb ist, was mache ich dann?“

„Dann ...“ Der OB zögerte. „... improvisierst du eben. Und jetzt erklär mir mal, wieso du immer noch keinen Schriftsteller ausgewählt hast!“ Nach einer gewaltigen Standpauke kam der OB wieder zu wichtigeren Themen. „Geh jetzt zu Violetta de Cabrio, sie wird dir ein Getränk geben, dank dem du auch an der frischesten Frischluft atmen kannst ... Kaffee heißt es, oder so."

Nachdem nun also alles geklärt war und der junge Buchling so viel Kaffee intus hatte, dass er wahrscheinlich nie wieder würde schlafen können, außerdem noch einige Thermosflaschen als Vorrat in einem handlichen Rucksack auf den Rücken geschnallt hatte, machte er sich auf den Weg in die Nachtschule. Es war ein langer und gefährlicher Weg, darum begleiteten ihn zwei Buchlinge der Bücherpolizei bis zum Eingang.

Der namenlose Buchling wandte, bevor er eintrat, schnell noch seine einzigartige Fähigkeit an. Er konnte nämlich als einziger Buchling, ja, als einziges Lebewesen der Welt nicht nur andere hypnotisieren und so dazu bringen, das zu tun oder sich für das zu halten, was er wollte, nein, er konnte auch anderen weismachen, dass er sei, Wer oder Was er wollte.

Also glaubte nun plötzlich alle Welt, er sei ein junger Schweinsbarbar.

Er trat ein, meldete sich unter dem Namen Frams Gharr an, bezog einen kleinen Stollen und genoss es, frische Luft zu atmen, ohne zu ersticken. Nachdem er dann für Gamb Cebier Rose gebetet hatte, legte er sich schlafen.

Am nächsten Tag sah er sich erst einmal in der Nachtschule um. Es gab eine Dunkelkammer, einen Unterrichtsraum, eine Ruhmeshalle, in der die Schüler, die bestanden hatten, geehrt und verabschiedet wurden, und dann war da noch die Raucherecke.

„Frams Gharr“ trat ein und stellte sich den anderen dort anwesenden Schülern vor. „Hallo, ich bin Frams Gharr, ich bin neu hier.“

Ein Rettungssaurier mit einem gewaltigen Sprachfehler riss dramatisch die Augen auf, „Oh neim Kott! Eim Schweimsbarbar! Wie dief wirt tiese Schule moch singem!“ woraufhin eine Tratschwelle in einer Wanne mit Rädern gelangweilt bemerkte: „Das ist Kaliläus. Beachte ihn einfach nicht, er macht bei allem so einen Wirbel. Ich bin Markusius van Schotterstein. Nenn mich einfach Markus.“

Nacheinander stellten sich alle anderen Schüler vor:

„Ich heiße Augustus Krok“, murmelte ein unglaublich eingeschüchtert wirkender Fernhache.

„Mein Name ist Napulion!“, sagte ein schwarzer Buntbär, während er sich das Bauchfell bürstete.

„Ich heiße Angolius Murks, aber alle sagen Ango zu mir“, stotterte ein junges Horchlöffelchen, das versuchte, furchtlos dreinzuschauen.

„Bisd tu überhaupd schom erwachsem? Arbeidesd tu schom?“ fragte Kaliläus argwöhnisch.

„Ich habe reich geerbt und bin jetzt ein leidenschaftlicher Büchersammler. Ich zahle jeden Preis für ein seltenes Buch!“

„Eim Schweimsbarbar, ter Bücher sanneld? Was es michd alles kibd...“, damit gab sich der alte Rettungssaurier zufrieden und verfiel in einen leichten Schlaf, während er ununterbrochen summte.

„Ähm ... ihr wisst nicht zufällig, wo ich seltene Bücher herbekomme?“, fragte Frams Gharr, wobei er versuchte, möglichst unauffällig zu wirken, was ihm aber nicht ganz gelang, da jeder ihn anstarrte.

„Hm, da musst du dich an Gerold von Graf wenden, schätze ich.“ Markus sah Frams eindringlich an. „Aber sei vorsichtig! Mit Gerold ist nicht zu spaßen, er ist nämlich eine Haifischmade. Und noch dazu eine ziemlich Aggressive!“

Frams Gharr bedankte sich und zog sich dann in seinen Stollen zurück. Eine Haifischmade ... er hatte schon viel von Haifischmaden gelesen, aber noch nie eine gesehen, alles, was er über sie wusste, wusste er aus Büchern.

Nachdem er noch etwas Kaffee getrunken hatte, erkundigte er sich also, wo Gerold von Graf seinen Wohnstollen hatte und ging dann kurzerhand hin. Er klopfte.

„Wer ist da?“, fragte eine tiefe Stimme in unfreundlichem Ton.

„Ähm ...Ich heiße Frams Gharr...“, setzte Frams an.

„Was willst du von mir?“, unterbrach die Stimme ihn.

„Ich ... ich sammle Bücher.“

„Bücher? Soso ... komm rein, Tür ist offen“, sagte die Stimme in nicht weniger unfreundlichem Ton als vorher.

Frams öffnete die Tür, kam herein und schloss sie wieder. Im Stollen war es erstaunlich gepflegt und aufgeräumt. Eigentlich wäre es ein sehr gemütlicher Stollen gewesen, wenn die Wände nicht von Bildern von dicken Haifischmaden übersät gewesen wären, deren Blicke hätten töten können. Überall lagen stapelweise Bücher, die alle so selten waren, dass Frams gestaunt hätte, wenn er nicht zufällig zuhause in der Bibliothek der Buchlinge mit diesen Büchern aufgewachsen wäre.

„Ah! ´Ein Traum, ganz für mich allein´ von Tom Kerrimja! Davon gibt es nur noch zwei Exemplare auf der Welt!“ Er versuchte, ein lockeres Gespräch entstehen zu lassen.

„Eines. Ich habe das letzte.“ Die Haifischmade konnte ja nicht wissen, dass es in der Bibliothek der Buchlinge ein weiteres Exemplar gab.

Frams blinzelte mit den Augen (was sehr ungewohnt war, weil er ja als junger Buchling gewöhnlich nur eins hatte) und kam, nachdem er bemerkt hatte, dass Gerold Gespräche scheinbar nicht mochte, zur Sache.

„Ich suche ein Buch, von dem bis vor Kurzem keiner wusste, dass es existiert. Ich habe erfahren, dass es wahrscheinlich hier in der Nachtschule aufzufinden ist, und als ich nachgefragt habe, wer es haben könnte, nannte man mir deinen Namen. Ich zahle jeden Preis, den du von mir verlangst."

„Das ist mir egal. Ich habe ein solches Buch, aber ich verkaufe nur an meine Freunde ...“

„Kein Wunder, dass er auf so vielen Büchern sitzen bleibst.“

„... und du bist nicht mein Freund.“

„Ich will es auch nicht sein.“

„Wie war das?“

„Öhm ... nichts! Ich muss jetzt gehen, weil...äh ... ich komm noch mal wieder!“

Blitzschnell war er aus dem Stollen.

Er beschloss, noch einmal in die Raucherecke zu gehen, um Markus zu fragen, wie man die Freundschaft einer Haifischmade gewinnt.

Kakiläus war gegangen, aber das machte Frams nichts. Sein Sprachfehler hatte ihn fertig gemacht. Sonst waren noch alle da.

Außerdem war eine für eine Schreckse recht ´hübsche´ Schreckse namens Natelie dazugekommen. Wie Frams angeekelt feststellte, war der schwarze Buntbär Napulion hochgradig in sie verknallt. Ständig durchlöcherte er sie mit ihren Blicken und bot ihr Käsestückchen an, die sie alle mit einem Bissen weghatte.

„Du, Markus, ich wüsste gern, wie ...“

Frams wurde vom Kichern der Schreckse unterbrochen, als Napulion ihr wieder ein Stück Käse anbot. Offenbar brachte er in ihrer Gegenwart kein Wort heraus!

Um endlich in Ruhe reden zu können, zog er Napulion beiseite.

„Wenn Du nicht sofort die Fresse hältst und die Alte endlich küsst, dann schlag ich Dich tot, schnapp mir die Schreckse und verkauf sie in die Salzminen von Eisenstadt. Das hält ja keiner aus!“, sagte Frams und hatte das Gefühl, als würde er mit diesen Worten jemandem das Leben retten.

Der schwarze Buntbär sah ihn verunsichert an.

Gießbert Zeilenschinder:

„Mein Herr, Ihre Umgangsformen lassen stark zu wünschen übrig, bitte unterlassen Sie solche Äußerungen in Zukunft“, sagte Napulion und drehte sich pikiert weg. Normalerweise sind Buchlinge ein friedliches Völkchen, aber Frams hatte mit seiner Hypnose wohl auch den Charakter eines Schweinsbarbars nach außen angenommen. Denn obwohl er sagen wollte: „Oh ja entschuldigen Sie, ich wollte nur meine Ruhe.“ hörten alle anderen: „Bei Wotans Unterhose! Ich schlage dich windelweich!“

„Ich nehme deine Herausforderung an, du dreckiger Schieft! Sobald die Uhr 12 Uhr 01 hupt, [Es gibt besondere Uhren in der Nachtschule.] werden wir uns auf dem Gang treffen, du darfst die Waffe wählen. Also?”

Der junge Buchling war verunsichert, er wusste nicht einmal, was ein Duell war oder worum es ging. Wahrscheinlich war es nur ein Wettbewerb und Buchlinge waren bei Wettbewerben nur in einem gut: Bücher.

„Ich wähle Bücher!“ sagte er kurz entschlossen und hoffte nun Antworten auf seine ganzen Fragen zu bekommen, doch der schwarze Buntbär erwiderte nur: „So sei es, ich erwarte dich!“ und verschwand bis auf sein breites Lächeln … [Falscher Film ich weiß].

Nun war Frams noch unsicherer als zuvor, er wusste überhaupt nicht, was los war, er fühlte sich wie ein einsamer Buchling weit weg von zu Haus und er spürte das drängende Verlangen singend in den Sonnenuntergang zu wandern.

„Mann, du Blödmann, wie kommst du darauf, ein Duell austragen zu wollen, aber was soll man anderes von einem Schweinsbarbar erwarten?“ Zuerst fühlte Frams sich beleidigt, Schweinsbarbar genannt zu werden, aber er besann sich noch rechtzeitig: „Ich wollte doch nur fragen, wie man eine Haifischmade zum Freund gewinnt. Wenn ich das weiß, kann ich mich vielleicht verdrücken, bevor dieses Duell anfängt.“

„Vor einem Duell darfst du dich nicht drücken, auch wenn du draufgehst; ein Duell ist ein Zweikampf auf Leben und Tod“, erklärte ihm Markus, der erstaunt war, dass ein Schweinsbarbar nicht wusste, was ein Duell ist. Frams war geschockt; warum lernte man so was Sinnvolles nicht in seiner Heimat, das ist doch essenziell.

„Wenn du abhaust, würdest du deine Ehre verlieren, dein ganzes Eigentum wandert in den Besitz deines Duellpartners über …“ Bisher hatte Frams damit kein Problem, seine Ehre war ihm nicht so wichtig wie sein Leben und Wertvolles besaß er sowieso nicht, doch „ebenso seine Plüschpantoffeln!“, beendete Markus seinen Satz. Das ging zu weit! Niemals würde Frams seine geliebten Plüschpantoffeln hergeben, er musste dieses Duell also austragen.

Plötzlich füllte stinkender Phogarrenqualm den Raum und Gerold von Graf glitt in schleimigen Wellenbewegungen durch die Tür. „Lieber Herr Frams, auf ein Wort“, sagte er mit rauchiger Stimme und bedeutete ihm zu folgen. Nachdem er sie beide in eine enge Besenkammer hineinkomplimentiert hatte, wo ein Buchling und eine etwas beleibte Haifischmade nur wenig Platz hatten, eröffnete er: „Ein Duell ist selten in der Nachtschule, aber etwas Schönes, für mich. Du bist ein Schweinsbarbar, das heißt, du hast gute Chancen beim Duell zu gewinnen, auch wenn Bücher als Waffen etwas seltsam sind. Ich bin eine Haifischmade und wette gerne und habe das einzige Wettbüro in der Nachtschule. Viele Leute werden auf dich wetten. Wenn also ich nicht auf dich wette, springt ein super Gewinn dabei heraus, aber nur wenn du verlierst. Mein Deal ist also, du verlierst das Duell und dafür denke ich noch mal über den Verkauf des Buches nach, das du wolltest.“

Frams steckte in einer Zwickmühle, sollte er auf den Deal eingehen und damit vielleicht im glorreichen Triumphzug [Triumphzug, der; Luxusverkehrsmittel in Zamonien] mit dem Buch zu der großen Bibliothek der Buchlinge zurückkehren oder aber seinen Buchling stehen, denn ein Buchling verliert nie einen Wettkampf, in dem es um Bücher geht. [Mal ganz davon abgesehen, dass Wettbetrug nicht mit seinem Gerechtigkeitssinn übereintraf.]

Rumpel:

Tausende Gedanken und Fragen schwirrten durch Frams Kopf – Sollte er wirklich auf den Deal eingehen und verlieren? Wieso grinst die Haifischmade so? Was, wenn Gerold von Graf sich nicht an die Abmachung hält? Wie wird so ein Bücherduell ablaufen? Was wäre, wenn er einfach heimlich alle Bücher aussetzen würde? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Oder wird ihn Kaliläus in letzter Sekunde retten?

Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich auf diesen Deal einzulassen, überzeugte aber Gerold davon, dass das Duell erst in einer Woche stattfinden sollte. Denn damit habe Gerold mehr Möglichkeiten und Zeit, mehr Wetteinsätze zu akquirieren. So konnte Frams genügend Zeit schinden, um vielleicht doch vorher anderweitig an das Buch zu gelangen.

Gerold von Graf rief alle Nachtschüler in die Raucherecke und verkündete, das nun ganz offiziell stattfindende Bücherduell und ernannte einen Ohralf zum Moderator.

Aus der hinteren Ecke bewegte sich langsam etwas durch die Nachtschüler, die schnell eine freie Gasse bildeten. Als Buchling hatte er ja schon einiges gesehen bzw. auch schon viel erlesen, aber als er Ohralf sah, verschlug es ihm dem Atem. Wer oder was war diese Kreatur?

Markus tratschte Frams ins Ohr, dass Ohralf ein Stollentroll ist und zwar einer der übelsten Sorte. Wie Gerold eine Schleimspur, zog auch Ohralf eine Spur hinter sich her, die wohl eine Mischung aus tropfender Nase, Fußsekret und was auch immer zu sein schien.

Ohralf musterte Frams, nickte Gerold zu, drehte den Kopf zu Napulion, krächzte „Ga!“ und schlich zurück in die Ecke.

Kaliläus tippte Frams auf den Kopf „Kannscht Du denn überhauptscht leschen? Püscherduell isch nisch Büscherweichwurf!“

Die Nachtschüler kicherten und Frams fragte sich, warum er keine andere Identität angenommen hatte. Wenigstens schien Markus ihm helfen zu wollen. Markus zog Frams beiseite und erklärte ihm, dass alle Nachtschüler zu Beginn so zu „Ersties“ sind und sich das bestimmt in den nächsten Tagen legen wird. Zumindest wenn Frams nicht fragen würde, wie alt die Nachtschüler wären, wo sie sonst wohnen würden oder was Hutzen so drunter tragen …

Markus bat Frams kurz zu warten, verschwand im „Waschsaloon“ (eine Erlebniswhirlpool-anlage für Tratschwellen) und kam mit einem Schlüssel zurück. „Du brauchst einen Wohnstollen. Bis vor Kurzem stollte Nani, eine Schlechte Idee, hier, aber Nani ist seit Tagen verschwunden. Vermutlich wurde sie verworfen und kommt nicht mehr zurück.“

Frams merkte nun langsam, wie sehr ihn der heutige Tag geschafft hat und war froh, dass er sich nun etwas ausruhen konnte. Bevor Frams wieder etwas Schweinsbarbarisches aus dem Mund kommen konnte, nickte er Markus einfach nur dankend zu und begab sich in den bisherigen Nani-Stollen. Als er den Stollen betrat, war er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er sich wirklich hier ausruhen und seine Gedanken ordnen konnte, denn schon auf den ersten Blick erkannte er, dass hier früher eine Schlechte Idee stollte.

Darthula:

Am Kühlschrank klebten zerknitterte und ausgeblichene gelbe Zettelchen, die Nani wohl an gewisse Dinge hatten erinnern sollen, und auch solche, auf die sie ihre Geistesblitze, die sie für besonders bewahrenswert gehalten hatte, hingekritzelt hatte.

Milch schmeckt ganz hervorragend, wenn sie mehr als 3 Wochen alt ist! las Frams. Oder auch:Nichts überstürzen! Müll raustragen erst in 2 Wochen erforderlich!

Dann dies:

Markus liebt mich! Ich sehe es an den lüsternen Blicken, die er mir zuwirft.

Es waren aber nicht nur die Zettelchen, die dem Stollen etwas Chaotisches verliehen.

Der ganze Fußboden war bedeckt mit alten Zeitungen, zerfledderten Ausgaben der "Fhernemma" und kleinen, großen, dicken, dünnen, bunten, schwarzen und weißen Büchern.

Büchern! BÜCHERN!!

Frams ließ sich auf die Knie sinken und fühlte sich von einem Moment auf den anderen so berauscht, als hätte er 3 Kannen Butterbier gesoffen. Wie von Sinnen wühlte er sich durch die Bücher, als sei dies die einzig richtige Herangehensweise, um DAS Buch zu finden, dessentwegen er hier war. Das war natürlich dummes Zeug – er griff nach einer Ausgabe von Schillers "Locke", ihm fiel der vierte Band von Koethes "Klumpfuß" in die Hand und das pinkfarbene, das hinter dem Sesselbein hervorlugte, war eine neuere Ausgabe von "Vom Sturme zerzaust".

Desillusioniert sackte Frams zurück. Wie dumm von ihm anzunehmen, er könne ausgerechnet hier das verschwundene Buch wiederfinden! Wie naiv von ihm zu glauben, er käme irgendwie um dieses vermaledeite Duell herum! Das Duell, von dessen Regeln er nach wie vor keinen blassen Schimmer hatte.

Er musste der Wahrheit ins Auge blicken: er selbst hatte als Waffe völlig unüberlegt das Buch gewählt. Was hatte er sich dabei nur gedacht? Würden der Graf und er sich die Schinken um die Ohren hauen? Würden sie von hinten nach vorn vorlesen müssen? Sich gegenseitig mit Zitaten in die Knie zwingen? Er musste unbedingt mit Markus sprechen, vielleicht hatte der ja bei anderen Duellen schon eine ähnlich schwachsinnige Wahl der Waffen erlebt.

Verzweifelt ließ er das in grünes Leder gebundene Buch, das er unter seinem Hintern hervorgezogen hatte, auf seinen Schädel krachen. Und wieder. Und wieder. Und noch einmal.

"Au! Hör' auf damit!"

Waswaswas? Wer hatte da zu ihm gesprochen?

"Glotz nicht so dumm! Ich bin es, das rechteckige Ding, das du in deiner Pranke fast zerquetschst! Lass mal ein bisschen locker, ich krieg ja kaum noch Luft!"

Frams schrie auf und ließ den Lederband fallen wie eine Kartoffel, die gerade aus der Glut geholt worden war.

"Verdammt! Wer bist du?", fragte er, als sein Herzschlag sich wieder ein wenig beruhigt hatte.

"Ich", sagte das Buch und schwoll dabei leicht an, "ich bin das erste Hörbuch Zamoniens! Der Prototyp sozusagen und un-ge-heu-er wertvoll! Aber das war dieser miserablen Idee ja völlig schnuppe! Sie wollte einfach nicht auf mich hören, als ich ihr sagte, dass es Ärger geben würde, wenn sie mich aus dieser verschissenen Bibliothek einfach so mitnimmt!"

Frams stockte der Atem. Adé Duell! Adé Nachtschule! Willkommen Ruhm und Ehre und Macht! Er hatte das Buch gefunden! Es würde ein Leichtes sein, es in seine Jackentasche zu stecken, aus dem Haupteingang der Schule einfach hinauszuspazieren und zu Gamb Cebier Rose zurückzukehren. Und dann … ja dann wäre er nicht mehr der kleine Frams, den niemand kannte. Dann stand seiner Karriere nichts mehr im Wege. Selbst wenn Nani, die Diebin, nie gefasst werden würde.

Er stand auf, richtete seine Kleider, verbarg das Hörbuch in den Falten seiner Jacke, nahm den Stollenschlüssel und öffnete die Tür.

Miripiri:

„Oh, Sie hatten recht!“, sagte da eine untertänige Stimme.

„Natürlich hatte ich recht, alberne Welle.“ Die Haifischmade Gerold und die Tratschwelle Markus standen vor der Tür. „Sooo, mein Freundchen ...“, die Made wandte sich Frams zu. „Jetzt können wir ja über deinen neuen Fund reden.“ Eines seiner Ärmchen bewegte sich Richtung Jacke. Frams überlegte blitzschnell. Welche Möglichkeiten hatte er nun? Just in diesem Augenblick ertönte eine überfidele Stimme: „Huhuuu, ich bin wieder daahaaa!“

„Oh nein, nicht die ...“, murmelte Gerold missmutig. Um die Ecke kam eine ungewöhnlich fröhliche schlechte Idee angelaufen. „Na, was ist denn das hier für eine nette Versammlung!“, sagte die Idee und überblickte erfreut die Situation. Es musste Nani sein, dachte sich Frams, und sie hatte mich sozusagen gerettet. Immerhin schienen Gerold und Markus momentan nicht zu sehr erpicht darauf, Frams' Fund zu übernehmen.

“Ja, und was bist du für ein hübscher Neuling?“ Nani blinzelte Frams charmant zu. Verschüchtert guckte Frams zurück, doch er antwortete: „Ich bin Frams Gharr.“

„Ah, sind wir irgendwie zusammen für den Stollen eingeteilt?“

„Also, es ist so, dass ...“

„Mir reicht's jetzt!“, brüllte plötzlich Gerold voller Ungeduld in der Stimme. „Hört auf mit diesem Small Talk! Und du, Frams, gib mir sofort das Hörbuch!“

Markus hatte sich mittlerweile verzogen.

„Mein Hörbuch! Aber Geroldielein... wie hast du es bloß entdeckt?“ Nani spielte die erstaunte Idee.

„Nun“, begann die Haifischmade und grinste hämisch und überlegen, als wäre es ein großes Vergnügen für Gerold, uns seinen Plan genau zu zeigen, „ich suchte dieses geheimnisvolle Buch schon lange und da entdeckte ich beim Spaziergehen durch die Stollen eines Tages, dass du mit jemandem gesprochen hast, deshalb wollte ich dann ...“

Seine Rede wurde von einem durch die Gänge fliegenden Rettungssaurier unterbrochen:

„Springt auf!“, rief er uns zu und Frams zögerte nur ganz kurz, bis er schließlich aufsprang. Nani folgte der Anweisung des Rettungssauriers ebenfalls so gleich und die drei Daseinsformen flogen durch die unhellen Gänge.

„Kommt sofort zurück!“, rief ihnen Gerold erbittert zu, doch sie dachten natürlich nicht daran, in die gierigen Hände dieser Haifischmade zurückzukehren.

Frams fand es sehr seltsam, auf so einem Drachen zu fliegen und er klammerte sich an Nani fest. Sie flogen anscheinend Richtung Ausgang, denn die Dunkelheit lichtete sich allmählich.

„Wohin fliegen wir eigentlich?“, rief Frams entgegen dem Fahrtwind dem Rettungssaurier etwas unsicher zu. Der Kopf des Rettungssauriers drehte sich ihm zu, um die Frage aufzunehmen und antworten zu können, da schrie Nani: „Aaaaaah!!! Pass doch auf, wo du hinflatterst!“

Ein Loch in der Wand stellte einen Ausgang dar, in dessen Richtung der Saurier allerdings nicht flog, nein, er steuerte direkt auf die nahe, steinharte, poröse, ungemütliche Wand zu. Entrüstet wandte sich der Retti wieder der Flugrichtung zu, seine Nase striff in einer Nanosekunde noch eine Unebenheit der Wand, doch schließlich dirigierte er seinen Körper mit einem holprigen Flügelschlag durch das Loch. Frei! Und Frams hatte sogar das Hörbuch dabei. Das hatte er doch noch, oder? Wieso sagte es denn so lange nichts mehr? Er kramt in seiner Jacke und zog schließlich mit einem Aufatmen das Buch heraus.

„Alles in Ordnung?“, fragte Frams das Hörbuch, welches sehr, sehr erschrocken aussah. Als wahrer Buchling wusste Frams, wie man ein erschrockenes Buch erkennt. Seine Ecken waren etwas zusammengezogen, so als würde es seinen Deckel verstecken wollen. Die Farben wirkten etwas blass, weniger strahlend, und die Seiten fühlten sich dünn und zittrig an.

Das Buch raschelte zur Antwort. Frams steckte es wieder in die Jacke. Es würde sich schon noch beruhigen.

„Na, gefällt dir mein Buch?“, fragte da Nani hinter ihm.

Etwas ertappt drehte sich Frams um. Doch dann erinnerte er sich, dass er ja eigentlich gar nicht der Dieb war. Nein! Er war der tapfere Buchling, der sich getraut hat, solch ein Wagnis einzugehen, sich in die Nachtschule einzuschleichen, fast einen Kampf geliefert zu haben, sich mit einer miesen Haifischmade zerstritten zu haben et cetera.

„Wieso hast du das Buch von der Großen Bibliothek gestohlen, hä?“

„Ach du, woher kennst du denn die Große Bibliothek, Schweinsbarbar Frams?“, fragte Nani zurück. Da enthüllte ihr Frams seine eigentliche Identität und zeigte sich als Buchling. Erst da fiel ihm ein, dass es ziemlich dämlich war, den Namen der Großen Bibliothek genannt zu haben. Allerdings schien Nani das sowieso schon zu kennen.

Die Idee staunte nicht schlecht. „Wow, wie hast du das denn ...“ Doch sie kam nicht dazu, ihre Frage zu Ende zu stellen, denn der Rettungssaurier unterbrach sie:

„Leute, mein Chef hat mich gerade angefunkt und mir verklickert, dass ich weiter muss. Naja, ihr seid ja jetzt in Sicherheit. War mir 'ne Freude, zu Diensten gewesen zu sein. Sollten Sie sich das nächste Mal in Schwierigkeiten befinden, aber noch Zeit für einen kurzen Anruf haben, so wählen Sie doch unsere kostenlose Hilferufnummer 002713128403, und wir sind schneller da als sonst. Dieser Hilfedienst wird Ihnen von dem Unternehmen Rettiruf ermöglicht.“

„Öhm. Danke“, meinte Nani. Frams fragte verwirrt: „Wie meinst du das: zu Diensten gewesen zu sein?“

„Also“, meinte der Saurier und klang dabei etwas beschämt, „ich muss euch jetzt runterlassen. Da unten, in Kornheim. Achtung, festhalten! Wir landen!“

Sofort krallten sich die schlechte Idee und der Buchling fest, und der Rettungssaurier flatterte mit großen Flügelschlägen zu Boden.

„So, hier sind wir. Ich muss leider auch schon wieder los, war aber nett eure Bekanntschaft gemacht zu haben.“

„Was ist dein Name?“, fragte Frams noch, während sich der Retti schon zum Wegfliegen abwandte.

„Ich heiße Lipinsonius van Krutz“, sprach er und flog von dannen.

Unsicher blickte sich unser Buchlingheld um. Wo war er denn hier gelandet? Nichts als Ähren, welche sacht im Wind wogten. Diese goldenen Wellen, die durch die Pflanzen gingen, fand er wirklich erstaunlich. Noch erstaunlicher allerdings war das Kontrabass, das da in den Feldern lag. Womöglich musizierten die Kornheimer gerne. Er war zwar noch nicht weit herumgekommen, aber etwas kam ihm in diesem Augenblick bekannt vor. Der Wind? Nein, in seinem Tal war es eher nicht so windig. Er schnupperte. Dieser Geruch.. Nicht der, der vom Getreidefeld kam, nein, ein anderer ...

„He, Frams!“ Nani kam angerannt. Sie schoss mitten auf ihn zu. Was immer sie sagen wollte, musste unheimlich wichtig sein.

„He, langsam ...“, sagte Frams noch, als die schwere schlechte Idee ihn umwarf. Sie fielen aber nicht in das Kornfeld. Sie stürzten mitten in ein Dimensionsloch.

„Uuh, Genff.“

Sie landeten beide auf einer Giraffe. Nur wussten sie zu dem Zeitpunkt nicht, dass es eine Giraffe war.

Kim M:

Und wenn sie es gewusst hätten, hätte es ihnen auch nicht viel gebracht.

Die Giraffe war sehr entsetzt, als plötzlich zwei seltsame Gestalten auf ihrem Rücken landeten und ihr Fluchtreflex setzte sein. Frams und Nani klammerten sich fest, was das Tempo der Giraffe jedoch nur noch erhöhte.

"Hiiiiillfeee!", brüllte Frams. "Wie bringt man dieses ... Ding zum stehen?"

"Warte, ich glaub, ich weiß was ...", rief Nani zurück und begann, am Hals der Giraffe hinaufzuklettern. Sie hangelte sich an der stoppeligen Mähne hinauf und schaffte es schließlich, ins Giraffenohr zu klettern. Glücklicherweise waren Ideen ja nicht an eine bestimmte Körpergröße gebunden. Frams sah Nani verschwinden und kurze Zeit später hielt die Giraffe an. Frams lockerte seinen Griff.

"Nani? Wo bist du?", fragte er zaghaft. Es gefiel ihm gar nicht, mit diesem seltsamen gefleckten Wesen allein zu sein.

Nani führte unterdessen ein angeregtes Gespräch mit dem Bewusstsein der Giraffe. Dabei erfuhr sie ganz erstaunliche Dinge.

"Und du kennst tatsächlich Zamonien?"

Das Bewusstsein nickte. Es war sehr merkwürdig geformt, es sah aus wie eine Giraffe aus kleinen Bleistiftstrichen und es nannte sich Ola.

"Ich und meinesgleichen, wir haben eine Zeit lang in Zamonien gewohnt. Es war eine schöne Zeit, es ist ja ein sehr spannender Kontinent. Aber als unsere Herde auf genau eine Million Mitglieder gewachsen war, haben wir uns entschlossen, Zamonien wieder zu verlassen."

"Wieso denn?", fragte Nani nach.

"Ach, zwischen den ganzen außergewöhnlichen Daseinsformen fühlten wir uns nicht mehr besonders genug. Hier in Afrika ist das anders, hier bewundert man uns für unser besonderes Aussehen, du weißt schon, den langen Hals und die hübschen Flecken, aber in Zamonien hatte man sich zu sehr an unseren Anblick gewöhnt. Wie oft hörten wir, man sei unseres Anblickes überdrüssig! Na, da beschlossen wir eben, dass wir genauso gut gehen könnten. Ich glaube, dein Freund vermisst dich. Ich höre ihn rufen."

"Oh, ja, ich sollte wohl besser zu ihm zurückgehen. Danke, dass du für uns angehalten hast. Ähm, du weißt nicht zufällig, wie wir wieder nach Zamonien zurückkehren können?"

"Grmblmumpfauf!", ertönte es aus Frams' Jackentasche. Es war das Hörbuch und es wollte offensichtlich gehört werden. Frams nahm es heraus.

"Na eeendlich, ich dachte schon, ich würde für alle Ewigkeit in deiner Tasche verbringen müssen. Ich bin nicht gern im Dunkeln, weißt du? Wo sind wir hier überhaupt? Das sieht mir aber gar nicht nach Zamonien aus. Und ich hab ja schon so viel gesehen in meinem Leben, na ja, eigentlich eher gehört, aber das ist eben so, wenn man ein Hörbuch ist, man hört viel und man wird auch gehört, sofern man nicht gerade in einer Jackentasche durch die Gegend geschleudert wird, wie kam es übrigens dazu? Das fühlte sich ja noch schlimmer an als der Ritt auf dem Rettungssaurier, das machen wir bitte nie wieder, in Ordnung? Und was für ein Wesen ist das hier eigentlich und waren wir nicht eigentlich zu dritt? Und ..."

"Ruhe jetzt!", rief Frams verzweifelt, um das plappernde Buch zum Schweigen zu bringen.

"Mir scheint, du bist weniger ein Hör-, als ein Nervensägenbuch! Aber wenn du doch ein Hörbuch bist, dann hör jetzt mal auf mich und hör auf zu quasseln."

Das Buch verfiel schlagartig in beleidigtes Schweigen.

Frams atmete tief durch. Ein Buch, das man hören konnte, wer dachte sich bloß so etwas aus?

Nani verließ den Giraffenkopf wieder durch das Ohr und rutschte den Hals hinab.

"Huiiii!", rief sie fröhlich und wurde von Frams noch gerade so festgehalten, bevor sie auf den Boden fiel.

"Wo warst du denn?", fragte er.

"Ich war im Kopf und hab die Giraffe angehalten."

"Ach, das ist eine Giraffe? Davon hab ich schon gelesen ...", murmelte Frams. "Hast du auch rausgefunden, wo wir sind und wie wir von hier weg kommen?"

"Ja, stell dir vor, das habe ich tatsächlich." Die Schlechte Idee fasste kurz zusammen, was sie erfahren hatte.

"Und wenn wir von hier aus nach Süden gehen, dann müssten wir bald ein Einbahn-Dimensionsloch erreichen, das uns nach Zamonien bringt."

Frams hakte nach: "Und wo genau in Zamonien? Ich muss zurück zu den Finsterbergen ..."

"Ich fürchte, von den Finsterbergen sind wir dann ziemlich weit entfernt, aber immerhin sind wir dann wieder auf dem richtigen Kontinent. Die Giraffe meinte, wir würden durch das Dimensionsloch irgendwo in Midgard landen."

Frams sprang vom Rücken der Giraffe und Nani folgte.

"Na dann los", sagte er und stiefelte los in die Richtung, in der er Süden vermutete.

Nani holte schnell auf.

"Wir müssen da übrigens noch was klären", meinte die Schlechte Idee beiläufig.

"Achso?", fragte Frams, "Was denn?"

"Nun, fangen wir doch damit an, dass ich gern wüsste, was du wirklich bist. Den Schweinsbarbaren kauf ich dir nämlich nicht mehr ab. Seit wir zusammen unterwegs sind, hast du nicht einmal gerülpst, gefurzt oder geflucht. Wenn du ein Schweinsbarbar bist, bin ich eine Midgardschlange. Du siehst zwar wie einer aus, aber das ist doch bestimmt irgendein Trick, oder? Gibs zu, du bist eine Doppelidentität!"

Frams ärgerte sich, dass Nani seine Tarnung so schnell durchschaut hatte. Was sollte er nun tun? Seine wahre Identität der Daseinsform offenbaren, die das seltene Buch aus der Großen Bibliothek gestohlen hatte? Weiter den Schweinsbarbaren spielen? Nun, dafür war es wohl zu spät, dafür hatte er jetzt schon zu lange gezögert, der Idee etwas auf ihre Anschuldigungen zu entgegnen. Doch es gab ja noch eine dritte Möglichkeit ...

Die Idee zuckte zusammen, als sich der große Schweinsbarbar neben ihr mit einem Mal in ein blaues Horchlöffelchen verwandelte.

"Nanu? Ich hatte recht! Du bist also kein Barbar! Du bist also ein Horchlöffelchen, soso. Wie hast du das gemacht?"

Frams versuchte es mit improvisieren, wie es ihm Gamb Cebier Rose geraten hatte.

"Ich bin ein Horchlöffelchen, stimmt. Mein Name ist ... Blaustiefelchen. Ich habe mir von einer Schreckse einen Trank geben lassen, der mir die Gestalt eines Schweinsbarbars gibt. Er verliert allerdings seine Wirkung, wenn jemand dahinter kommt, dass ich doch keiner bin. Ja, das hast du jetzt geschafft", schwindelte er zusammen.

Nani legte den Kopf schief. "Und wieso will ein Horchlöffelchen ein Schweinsbarbar sein?"

"Najaa... ich dachte, in dieser Gestalt wäre es leichter, an das Hörbuch zu kommen. Von wegen Durchsetzungskraft und so ..."

"Und da wären wir ja schon beim nächsten Thema ... das Hörbuch. Es gehört mir, das weißt du aber schon, ja? Du hast es aus meinem Stollen. Was willst du überhaupt damit?"

Der namenlose Buchling, der von nun an als Blaustiefelchen bekannt sein würde, war froh, dass er sich spontan für das Aussehen eines Horchlöffelchens entschieden hatte, denn das lieferte ihm die perfekte Erklärung: "Na, als Horchlöffelchen höre ich Bücher eben lieber als dass ich sie lese und als ich erfahren hab, dass es ein Buch gibt, dass man hören kann, da wollte ich es eben haben. Übrigens, wie bist du eigentlich daran gekommen? Es ist schließlich sehr selten ..."

Blaustiefelchen war froh, dass er so schnell und geschickt eine überzeugende Geschichte zusammen gestrickt hatte. Vielleicht sollte er doch eine Karriere als Lügengladiator ins Auge fassen, wenn das hier vorbei war ... über diesen Gedankengang verpasste er leider, was die Schlechte Idee auf seine letzte Frage geantwortet hatte.

"Ähm, entschuldige, was sagtest du?", fragte er hastig nach, in der Hoffnung, sie würde es wiederholen.

Äh Püh:

“Ich sagte, das geht Dich gar nichts an.”, wiederholte Nani. “Schließlich hast Du es einfach aus meinem Stollen mitgenommen. Aber ich habe etwas Großes damit vor ...” Damit verstummte sie und ging etwas schneller.

Stunden später hatten die Beiden sich verlaufen. Nani, die Blaustiefelchen von der Seite her böse anfunkelte fragte schließlich: “Sag mal, ich dachte Du wüsstest, wo Süden ist! Wieso haben wir uns dann verlaufen?” Blaustiefelchen erklärte: “Zamonien liegt auf der Nordhalbkugel, der Teil von Afrika wo wir hier sind hingegen auf der Südhalbkugel. Da steht die Sonne irgendwie anders. Das habe ich mal gele..Äh, gehört meine ich natürlich. Und weil ich mich an der Sonne orientieren wollte haben wir uns verlaufen.” “Hmpf”, machte die Schlechte Idee und wandte sich von Blaustiefelchen ab. Da sahen er einen dunklen Punkt in der Ferne. “Guck mal, was ist da denn!”, rief er, und sie liefen schnell auf den immer größeren Punkt, der sich schließlich als Stadt herausstellte, zu. Kurz bevor sie den Stadtrand erreicht hatten, merkte Blaustiefelchen noch, dass etwas komisch war, doch da war es schon zu spät. Sie waren schon wieder in ein Dimensionsloch gefallen. Und diesmal kamen sie in einer Bibliothek aus. Blaustiefelchen wurde augenblicklich sehr ruhig und zufrieden, denn wo Bücher waren, war ein guter Ort. Doch als sie sich genauer umblickten, sahen sie, dass diese Bibliothek anders war, als die, die sie von Zamonien her kannten. Als dann auch noch ein langes Paar Beine, das stark wie Menschenbeine aussah, um die Ecke kam, wussten sie: Dies war nicht Zamonien! So sahen zamonische Bibliotheken nicht aus und so sahen auch zamonische Menschen nicht aus. Schnell versteckten sie sich hinter einem Regal, doch leider nicht schnell genug. Der Mensch (oder besser gesagt: die Menschin) hatte sie gesehn und starrte sie nun erschrocken an. Die Schlechte Idee und das Horchlöffelchen starrten noch erschrockener zurück und rückten zitternd näher aneinander. Dann brach die Menschin das Schweigen. “Ein, ein Horchlöffelchen?!”, sagte sie mit übertriebener Betonung, “Und eine schlechte Idee? Was macht ihr hier? Was ist mit Zamonien passiert?”“Ähm“, sagte Blaustiefelchen, “Ähm, woher weißt Du, was wir sind, und woher kennst Du Zamonien?” “Einer meiner Vorfahren stammte aus Zamonien. Er hat Tagebuch geführt, das habe ich gelesen, deshalb weiß ich alles über Zamonien. Aber weshalb seid ihr beiden hier?” “Dimensionslochunfall”, nuschelte Nani.”Oh.”, sagte die Menschin, “Kann ich euch helfen zurückzukommen?” “Aber bitte doch!”, rief Blaustiefelchen erfreut und ging einige Schritte auf die Menschin zu. “Ich heiße übrigens Sara”, sagte diese und Blaustiefelchen und Nani stellten sich ebenfalls vor. “Also muss ich euch zu einem Dimensionsloch bringen?”, fragte Sara. “Ja, das wäre das Beste”, antwortete Nani, “Einen anderen Weg nach Zamonien kenne ich nicht, schon gar nicht, wenn wir auch durch in eine andere Zeit gekommen sind.” “Dann muss ich wohl mal überlegen”, sagte Sara, “Spontan weiß ich nicht, wo ein Dimensionsloch sein könnte. Ihr werdet wohl hier übernachten müssen.” dann verabschiedete sie sich und ließ die beiden alleine in der großen, unzamonischen Bibliothek. Diese Nacht wurde die schlimmste in Blaustiefelchens Leben, die noch ein jahrelanges Trauma hinterließ. Am nächsten Morgen kam Sara zurück, mit dabei hatte sie eine Karte, auf der die Positionen von Dimensionslöchern eingezeichnet waren. Direkt in der Nähe war glücklicherweise eins. Eiligst begaben die drei sich dorthin wo Nani und Blaustiefelchen sich schnell von der Menschin verabschiedeten und sich dann wagemutig in das Dimensionsloch stürzten.

Molotas von Nebenan:

Nach einer angemessenen Zeitspanne des Durchgenudeltwerdens im interdimensionalen Raum spuckte sie das Dimensionsloch in einem uralten Haus irgendwo in Midgard aus. Blaustiefelchen rapüpelte sich auf und inspizierte die Umgebung. Jahrhundertelang anwehender Wind hatte die grauen Steine abgeschliffen, salziger Regen hatte die Holzschindeln des Daches zermürbt und die wenigen Fester waren fast vollständig von Moosen, Flechten und ...

„Moment mal!“, rief Blaustiefelchen. „Das kenne ich doch, das habe ich schon mal gele ... äh gehört. Das kam in so einer supertollen Geschichte von epochalem Ausmaß vor, die „Runde Robinie“ oder so. Und da stand, dass dieses Haus überhaupt keine Rolle spielt! Was soll denn das?“

„Wie ihr wollt“, sagte das Haus beleidigt und stopfte die Beiden zurück ins Dimensionsloch.

Und schon bereute Blaustiefelchen seine Worte („wie eigentlich so ziemlich alles, was ich in letzter Zeit gemacht habe!“, stellte er fest.), denn mit so einem Dimensionslochsturz ist nicht gut Ölsardinen essen und das Ganze gleich zweimal hintereinander zehrt schon an den Nerven. Vor allem kriegt man dabei einen ungeheuren Appetit auf Käsepfannkuchen mit Erdnussbutter. So war es nicht weiter verwunderlich, dass Blaustiefelchen und Nani, noch bevor sie überhaupt richtig aus dem Loch raus waren, stillschweigend darin übereinkamen, dass das sofortige Aufspüren und Vertilgen von Käsepfannkuchen mit Erdnussbutter oberste Priorität hatte. Das sagenhaft einzigartige und sagenhaft nervige Hörbuch war doch egal. Blaustiefelchen steckte es beiläufig ein und sah sich hungrig um.

Das Dimensionsloch hatte sie in einem leeren Gang eines recht unspektakulär wirkenden Gebäudes abgeladen. Und vom Ende des Ganges her kamen Schritte. Noch bevor einer der Beiden reagieren konnte, stand vor ihnen schon ein Mensch. Und er sah nicht besonders freundlich aus.

Blaustiefelchen erbleichte unter seinem Horchlöffelchenfell und Nani schluckte schwer und hob schon mal versuchsweise die Hände. Aber der Mensch beachtete sie gar nicht sondern ging schwer schnaufend an ihnen vorbei, denn er trug ein riesiges Glas voll feinster Erdnussbutter mit Stückchen drin. Der Anblick der Butter ließ die Beiden schnell wieder zur Besinnung kommen und sie schlichen ihm hinterher. Er steuerte schnurstracks eine große Tür an, aus der verlockende Gerüche kamen. Mutig linsten Nani und Blaustiefelchen durch die Gucklöcher und ihnen stockte der Atem: Sie sahen eine riesige Küche, in der an die 50 Köche und Küchenhilfen damit beschäftigt waren, Unmengen von Käsepfannkuchen mit Erdnussbutter zu backen. Sie schleppten säckeweise Mehl herbei, zerrieben ganze Käselaibe und heizten ununterbrochen die gewaltigen Backöfen. Im Minutentakt wurden Wägen voll mit Erdnussbutterkäsepfannkuchen abgefertigt und von Menschen in lächerlich rosanen Uniformen weggebracht. Blaustiefelchen sah Nani an. „Sollen wir es versuchen?“, meinte er zögernd. „Fannkuch'n!“, sabberte Nani nur. Und sie stürmten in die Küche und stürzten sich auf die Berge von Erdnussbutterkäsepfannkuchen. Was waren schon Folter und Schlagermusik, wenn man dafür einen herrlich saftigen Pfannkuchen mit feinster Erdnussbutter mit Stückchen haben konnte?

Seltsamerweise kam aber keinem der Umstehenden in den Sinn, die beiden ein bisschen mit glühenden Eisen zu pieksen, ja nicht einmal zurechtzuweisen. Nur der Chefkoch blickte die beiden amüsiert an und meinte: „Es ist doch schön, zu sehen, wenn jemand gutes Essen zu schätzen weiß. Das gibt es hier viel zu selten.“ „Wasch?“, fragte Blaustiefelchen zwischen zwei Bissen. „Werdn die denn nich gegeschen?“ „Ihr seid wohl nicht von hier, was?“, seufzte der Koch. „Nein, die Pfannkuchen sind für unseren durchgeknallten Diktator Giselbart Ulfzaar von Yhôll. Er will den Kontinent Ü erobern und deshalb lässt er den Kontinent schon seit Monaten mit Erdnussbutterkäsepfannkuchen bombardieren, damit die Leute dort dick und fett werden und sich nicht mehr verteidigen können.“

„Das soll wohl ein Witz sein, wollt ihr mich verarschen?“, meldete sich das Hörbuch aus Blaustiefelchens Tasche: „Klappe!“, rief Nani, denn auch ihr ging das Buch inzwischen gehörig auf den Keks, doch der Koch zuckte nur mit den Schultern. „Wie gesagt, er ist in letzter Zeit ziemlich abgeschmiert. Esst ruhig, soviel ihr wollt. Ich bin froh, wenn nicht Alles in der Riesenkanone landet.“ Inzwischen waren die Beiden aber so vollgefressen, dass sie sich kaum mehr rühren konnten und so ließ ihr Verstand wieder andere Gedanken zu wie: „Wie kommen wir von Yhôll nach Zamonien?“

Nani hatte die zündende Idee: „Eine Kanone, die bis auf andere Kontinente schießen kann? Wie wärs, wenn wir sie heimlich auf Zamonien ausrichten und uns rüberschießen lassen?“ Blaustiefelchen staunte. „Kannst du das denn?“ „Was glaubst du denn?“, schnaubte die Idee. „Ich war an der Nachtschule!“ So war es beschlossene Sache und die Beiden folgten den Soldaten in rosafarbenen Uniformen, die die Pfannkuchen wegbrachten. Kurz darauf standen sie vor der gigantischen Kanone, die von den Festungsmauern auf die See hinaus gerichtet war und im Minutentakt feuerte. Sie war nicht bewacht. Keiner der Soldaten schien seinen Job ernstzunehmen. Mal ehrlich, würdet ihr euch drum reißen, eine Kanone zu bedienen, die Erdnussbutterkäsepfannkuchen feuert? Na also.

Nani peilte mit dem Daumen nach der Sonne. „Mal sehen ... träger Winkel ... abzüglich der Strudelthermik ... nicht zu vergessen der interdimensionale Flux ...“ Nach zwei Sekunden war sie fertig und gab der Kanone einen präzisen Drall nach Rechts. „Das wars schon?“, staunte Blaustiefelchen. Er erntete nur einen vernichtenden Blick. „Steig ein“, meinte die Idee.

Es saß sich recht gemütlich auf den Pfannkuchen. Blaustiefelchen lehnte sich zurück und fragte beiläufig: „Sag mal, wie werden wir eigentlich landen?“ „Äh ...“, machte Nani. Gerade in dem Moment, als den Beiden aufging, dass es vielleicht doch gar keine so gute Idee gewesen war, sich von einer Kanone auf einen Kontinent voller Treibsand, Dämonenklippen und Stollentrolle schießen zu lassen, wurde selbige abgefeuert.

Grünkäpchen:

… „MAL ABGESEHEN VON ALLEM ANDEREN ...“, brüllte Blaustiefelchen gegen den enormen Fahr- oder besser gesagt Flugwind an. Glücklicherweise hatten sich die beiden instinktiv aneinander geklammert als die Kanone abgefeuert wurde, so dass sie während des Fluges nicht auch noch voneinander getrennt würden. „HAST DU BEI DEINEM GRANDIOSEN PLAN EIGENTLICH DIE GESCHWINDIGKEIT BEDACHT, MIT DER WIR AUFKOMMEN WERDEN?!“

„Äh..“, stammelte Nani erneut. Daran hatte sie tatsächlich nicht gedacht. Bei der Beschleunigung, die nötig war, um Dinge von einem Kontinent zum anderen zu katapultieren könnten sie selbst im weichsten Sand der Süßen, ja sogar in einem riesigen Becken voller Zuckerwatte aufkommen und würden zerschmettern wie rohe Eier an den Felsen der Finsterberge. Um ihren Sturz aufzufangen bräuchte man eine enorm elastische Fläche, die aber gleichzeitig nicht bewirken dürfe, dass sie zurückgeschleudert würden wie von einem Trampolin. Aber so etwas gab es nicht. Höchstens ... Nein! Sie waren verloren. „WAS SOLLEN WIR TUN?“, schrie Nani in Blaulöffelchens Ohr und krallte sich verzweifelt an Selbiges. „WEISS ICH DOCH NICHT. ES WAR DEINE VERDAMMTE IDEE!“, antwortete Blaulöffelchen genauso verzweifelt. Halt! Das war die Rettung!

„HAST DU ZUFÄLLIG EINEN FLACHMANN DABEI?“ „MEINEN..?“, fragte Nani verwundert, DU WILLST AUSGERECHNET JETZT TELEFONIEREN? OH! ABER KLAR ...“ Ihr dämmerte, was Blaulöffelchen vorhatte. „IN MEINER LINKEN TASCHE. ICH KOMM NICHT DRAN OHNE DICH LOSZULASSEN.“ Blaulöffelchen griff in Nanis Hosentasche und zerte das Telefon hervor und wählte: 002713128403. - - - Guten Tag. Sie sind verbunden mit dem kostenlosen Hilfsunternehmen Rettiruf. Leider sind wir zur Zeit nicht zu erreichen, da alle unsere Kräfte zu einem Graßeinsatz auf der Moloch ausgeflogen sind. Wenn sie glauben, noch eine Weile ohne Rettung zu überleben, dann hinterlassen sie doch bitte eine Nachricht nach dem Pfeifton. Wir kümmern uns um Sie, sobald unsere Einsatzkräfte zurückgekehrt sind. °PFÜÜÜÜT° Vor Ärger schleuderte Blaustiefelchen den Flachmann von sich. Er flog allerdings nicht weit, sind blieb in der Erdnussbutter auf den Pfannkuchen kleben.

Ob die Rettungssaurier überhaupt noch die Zeit gehabt hätten einen Rettungssaurier ihre Situation zu schildern bleibt fraglich, denn nun sahen sie mit einem erschreckendem Tempo Landmassen auf sie zu fliegen. Was erst nur ein winziger Punkt im weiten blauschwarz des Ozeans gewesen war entpuppte sich sehr schnell zu einer immer größer werdenden Fläche, entwickelte Formen und Umrisse. Jetzt erkannten sie verschwobben die Ausläufer der Hutzenberge, verfehlten um Haares breite den Maulwurfswulkan in Unbiskannt, der aus nächster Nähe alles andere als klein und harmlos wirkte, segelten über das gelbe Sandmeer der süßen Wüste und nahmen nur noch einen schemenartig das Grün und Braun war als sie den großen Wald erreichten. Sie hatten schon beinahe den Boden erreicht, rauschten an zweigen und Ästen vorbei als ihre Fahrt jäh gebremst wurde. Zwar flogen sie immer noch weiter, doch spürten sie nun einen deutlichen Widerstand. Dieser wurde größer und größer, bis sie sich nur noch in Zeitlupe vorwärtszubewegen schienen. Schließlich hielten sie ganz an, blieben einige Sekunden mit stockendem Atem in der Luft hängen. Dann spüren sie, wie sie die Richtung änderten. Sie bereiteten sich darauf vor nun in die entgegengesetzte Richtung geschleudert zu werden. Doch mit jäher Gewalt riss sie etwas zurück. Die Vibration war so stark, dass sie beinahe das Bewusstsein verloren. Als sie nach etwa einer Stunde erwachten zitterte der Seltsame Untergrund immer noch leicht. Blaustiefelchen und die Schlechte Idee blicken sich um. Als sie erkannten was ihnen das Leben gerettet hatte schluckten sie schwer.

Sie klebten in einem Netz fest. In einem gewaltigen Spinnennetz. Klar, was hätte auch sonst die Elastizität und Reißfestigkeit gehabt, ihren Sturz aufzufangen ohne sie den ganzen Weg wieder zurückzupfeffern?

Blaustiefelchen fing leise an zu kichern. Dann brach er lautes Lachen aus. Es war kein schönes Lachen. Es war ein schrilles unkontrolliertes hysterisches Lachen. Ein Lachen aus purer Verzweiflung. Nani fürchtete er hätte den Verstand verloren. Aber sie konnte es ihm nicht verdenken. Nach alldem, was sie durchgemacht hatten, sollten sie nun als das Abendessen einer Waldspinnenhexe enden? Sie wunderte sich etwas, dass sie gar nichts von dem halozigenen Gift spürte. Aber vermutlich, waren sie einfach zu schnell gewesen, um das Sekret einzuatmen und nun, da sie ohnehin fest hingen spielte es keine Rolle mehr. Bekanntlicherweise verflog die Wirkung ja, sobald sich die Opfer der Sinne im Netz verfangen hatten.

Als Nani merkte, das Blaustiefelchen sich offensichtlich wieder beruhigt hatte sah sie ihn an. Und erstarrte. Neben ihr hing kein blaues Horchlöffelchen mehr. Sondern ein lila-grün gestreifter Buchling.

Unser Held hatte während seines Lachanfalls scheinbar die Kontrolle über seine Gestalt verloren. Es ist jedoch genauso gut möglich, dass es die Dämpfe des Spinnensekrets waren, die die Selbsthypnose aufgehoben hatten. Blaustiefelchen, der nicht mehr Blaustiefelchen war, senkte verlegen sein Zyklopenauge auf seine Zehenspitzen.

„Also gut“, sagte Nani bemüht ruhig, „ich frage dich jetzt zum letzten Mal: – und keine Lügen diesmal! - WER bist du?“

Der Buchling schwieg.

Farline N:

Was sollte er auch antworten? Er war ja nicht jemand bestimmtes, nur ein namenloser Buchling. Genau das war die Situation, von der er gehofft hatte, dass sie nie kommen würde: Die Situation in der er eine wichtige Entscheidung spontan fällen musste. Er konnte ja schlecht sagen, dass er noch keinen Namen hatte, das würde Nani wahrscheinlich völlig auf die Palme bringen und er musste es immerhin noch mit ihr aushalten bis die Spinne kam. Er durchforstete sein Gedächtnis nach guten Texten, die er gelesen hatte, nach Autoren, deren Schreibstil ihm gefallen hatte und fällte schließlich seine Entscheidung. „Ich heiße Keitma Rilpek und bin ein Buchling.“ sagte er. „Aufgrund meiner, nun ja, besonderen Fähigkeiten wurde ich ausgewählt, dieses bis dato vermisste Buch aufzuspüren.“ ‚Das du gestohlen hast!‘ fügte Keitma gedanklich hinzu. Nani sah ihn lange an, bevor sie sprach: „Und du machst einfach irgendwas saugefährliches, nur weil du dazu ausgewählt wurdest? Wow. Mich könnten keine zehn Midgard-Schlangen zu so was bringen.“ – „Naja, es ist mehr oder weniger meine Pflicht als Mitglied der Buchlinggemeinde. Außerdem: Wenn ich es schaffe, dann werde ich für die andern ein He ...“ Keitma hielt inne und lauschte, was Nani dazu bewog, sich beunruhigt umzusehen. Sie konnte nichts erkennen und wollte Keitma gerade fragen, was er gehört hatte, da hörte sie es selbst: Direkt hinter ihnen, außerhalb ihres Blickfelds, raschelte etwas im Gebüsch. Nani sah Keitma ängstlich an. „Was ist das?“ hauchte sie und ihre Lippen bebten vor Furcht. „Ich ... ich weiß es nicht.“ flüsterte er zurück, wobei er erfolglos versuchte, seine eigene Furcht zu verbergen, was Nani noch panischer werden ließ. „Ist es die Spinne? Oh mein Gott, es ist die Spinne, bestimmt ist es die Spinne! Jetzt müssen wir sterben! Aber ich bin doch viel zu jung zum Sterben! Ich will nicht sterben! Ich habe in meinem Leben noch keine einzige Giraffe gemalt! Nein, ich bin wirklich viel zu jung zum Sterben! Und zu hübsch erst recht! Ich rufe jetzt um Hilfe, jawohl, das mache ich! Hilfe! HIL ...“

Eine Hand legte sich von hinten auf Nanis Mund und eine kalte Stimme zischte ihr ins Ohr: „Keinen Mucks mehr! Dieses Biest kann hier überall rumlaufen.“ Nani erstarrte vor Schreck während Keitma sich mit aller Kraft zum Besitzer der Stimme umzudrehen versuchte. Der Unbekannte lachte nur. Es war ein kratziges, unschönes Lachen, das den beiden die - in der Tat bei beiden schwach gesäten - Haare zu Berge stehen ließen. Dann sprach die Stimme wieder, doch nicht zu Keitma und Nani, sondern zu einer weiteren Person, die wohl irgendwo hinter ihr stand. „Reich mir die Augenbinden, Lars. Sie dürfen nicht erfahren, wer wir sind.“ „Jaja, schon gut. Hetz mich nicht so.“ gab eine mürrische Stimme zurück, die Keitma vage bekannt vorkam. Nani konnte sie sofort einordnen: „Kaliläus? Aber ... Warum redest du richtig? Ohne Sprachfehler, meine ich.“ „Ich ... ich bin nicht Kaliläus! Ich kenne gar keinen Kaliläus! Ich habe keine Ahnung, wer das ist!“ antwortete die Stimme, von der Nani mittlerweile ganz sicher war, dass sie Kaliläus gehörte. „Halt die Klappe.“ sagte die andere Stimme und Kaliläus verstummte sofort. „Nun, du hast ihn erkannt, normalerweise müsste ich dich jetzt erschießen. In diesem speziellen Fall geht das bedauerlicherweise nicht, da der Buchling bei dir ist und ich ihn dann auch erschießen müsste. Er muss allerdings das Hörbuch zurück in die Bibliothek bringen, außerdem würde es äußerst verdächtig wirken, wenn er plötzlich verschwindet. Du hast also schlicht verdammtes Schwein gehabt, kapiert?“ Er wartete die Antwort nicht ab, sondern fuhr gleich fort. „Nur damit ihr wisst, auf was für einem dünnen Grat ihr wandelt: Wir sind Geheimagenten der geheimen zamonischen Bücherschutzbehörde. Wir kümmern uns um VIBs und das Hörbuch ist das wichtigste von allen. Einauge, du wirst es sicher zurück bringen. Ist das klar?“ „Ähm ... ja. Ja, ist ... ist klar.“ „Gut. Dann verbinden wir euch jetzt die Augen und machen euch los. Ach, und da wäre noch eine Sache ... ihr werdet alles, das ich euch erzählt habe, für euch behalten.“ „Ich hätte da auch noch eine Frage.“ meldete sich Nani wieder zu Wort, „Wie genau wird man als Fhernhache Geheimagent, Augustus?“

„Klar musste ich viel üben.“ sagte Kaliläus, in der atlantischen Geheimagentenszene besser als Lars Jasch bekannt, eine halbe Stunde später während sie sich durch das Dickicht schlichen. „So eimem Sprachfehler begonnd nam ebem michd vom heud auf norkem.“ Er grinste Keitma und Nani an, Augustus Krok aka Bjärnum, Geheimagent obersten Ranges, verdrehte die Augen. „Du bist hier nicht beim Kaffeekränzchen, Lars. Deine berufliche Laufbahn tut hier so wenig zur Sache wie unbekleidete Engelsfiguren bei der Einnahme einer Mahlzeit in einer konfessionslosen Lehranstalt. Oder willst du etwa, dass wir sie doch erschießen müssen? Dann darfst du dich als Buchling verkleiden und das Hörbuch zurück in die Große Bibliothek bringen, wo es sicher ist. Möchtest du das?“ „Jaja, geheim hier, top secret da, wichtigtuerisch wie immer. Du bist einfach nicht gesprächig, Bjärnum, das ist dein Problem. Sei mal ein bisschen lockerer! Die werden schon nichts verraten und du hast doch noch gestern selbst gesagt, wir können ihnen vertrauen“ meckerte Lars zurück. „Ich sagte wir müssen dem Buchling zu einem gewissen Grad vertrauen. Indem wir ihm in gemäßigtem Rahmen freie Hand lassen, nicht indem wir ihm alles erzählen, was wir wissen. Das ist ein Unterschied. Und es geht hier nicht um Konversation oder nicht Konversation, es geht um die Sicherheit des Hörbuchs, meine Sicherheit, deine Sicherheit, eigentlich um die der ganzen Behörde und, falls es dich interessiert, auch immer noch um die körperliche Unversehrtheit deiner neuen Freunde.“

„Jaja“ murrte Lars. „Aber es wäre sehr freundlich von dir, mich nicht nonstop zurecht zu weisen, ja? Das ist nicht sehr nett und …“ „Still!“ zischte Bjärnum und blieb stehen. „Na hör mal! Du könntest mich wenigstens ausreden lassen! Das ist mehr als unhöf…“ „Ich habe etwas gehört.“ Bjärnums Stimme war nur ein Flüstern, doch es reichte, um Lars‘ Lippen von einer Sekunde auf die andere zu versiegeln und ihn eine ZONK!anone, die offizielle Dienstwaffe der gzBSB, ziehen zu lassen. Auch der Fhernhache hatte seine Waffe gezogen und sie schlichen im Kreis um Nani und Keitma, nach dem Verursacher des Geräuschs spähend, jedoch nicht ohne den beiden – und natürlich vor allem dem Hörbuch - genügend Deckung zu sichern. Die beiden so geschützten Nichtagenten klammerten sich ängstlich aneinander, Nani machte den Eindruck als würde sie gleich anfangen zu weinen. Da rollte hinter einer Tanne mit tief hängenden Ästen Markusius van Schotterstein in seiner Wanne hervor. Er lächelte Bjärnum und Lars an und sagte: „Aber, aber. Ist das denn eine Art, einen guten alten Feind zu begrüßen, wenn man ihn endlich als solchen begrüßen darf? Mit der ZONK!anone auf ihn zielen? Ich denke weniger.“ „Spar dir deine blöden Sprüche, Fenstar. Die sind genauso jämmerlich wie du, selbst für einen Bösewicht. Und jetzt verschwinde, oder wir pumpen dich mit Uran voll.“ Bjärnums Stimme war so kalt, dass sich Keitma wunderte, warum Markus, der nun wohl scheinbar doch nicht Markus hieß, nicht auf der Stelle zum Bozener Eishockeystadion wurde. Die Welle lachte ein klischeehaftes Ich-bin-der-Bösewicht-und-ich-bin-so-furchtbar-böse-und-du-kannst-mich-mal-Lachen wie man es in jedem zweiten Kinofilm zu hören bekommt und rollte weiter auf die vier zu. „Es ist doch immer dasselbe mit dir, Bjärnum. Du bekommst die Anweisung ‚finde das Hörbuch, bringe es in die geheime Bibliothek der Buchlinge und beschütze es notfalls mit deinem Leben‘, ziehst los, findest das Hörbuch, willst es beschützen und zurückbringen und vergisst darüber das Denken. Ich bin eine Welle, mein Lieber, mich kann man nicht einfach erschießen. Du kannst dein hübsches, kleines Spielzeug gleich wieder einpacken und mir danach am Besten schön brav das Hörbuch geben.“

„Ähäm!“ meldete sich da eine Stimme aus Keitmas Tasche. „Darf ich da vielleicht auch mal ein Wörtchen mitreden? Immerhin geht es ja um mich, nicht wahr? Ich persönlich würde, ehrlich gesagt, lieber in diese Bibliothek zurückkehren, da stand ich zwar nur die ganze Zeit doof rum und so, aber mit ein paar von diesen Zyklopen konnte man sich echt gut unterhalten, mal ganz abgesehen davon, dass die mit Büchern sehr viel besser umgehen als diese Idee da zum Beispiel. Hey, wie wäre es damit: Wir stimmen jetzt ganz demokratisch ab, wohin ich geschafft werden soll, und dann …“ „Nein, ich denke, das ist keine sonderlich gute Idee. Es sei denn natürlich, meine Freunde hier dürfen auch abstimmen.“ unterbrach die Welle das Buch und hinter ihm trat eine Gruppe grinsender Jedi-Yetis aus dem Schatten. „Soso, keine demokratische Abstimmung?“ plapperte das Buch unbeirrt weiter. „Naja, ich hätte da noch einen anderen Vorschlag; wenn du wirklich nicht abstimmen willst, dann fordere ich dich hiermit zum Plapperduell. Du als Tratschwelle dürftest die Regeln kennen, nehme ich an. Wer zuerst Luft holt hat verloren. Ohne Denkpausen. Der Gewinner entscheidet, wo ich hinkomme. Einverstanden?“ „Hm … klingt verlockend, wirklich. Ich hatte schon lange kein Plapperduell mehr. Hm … ja. Warum nicht? Ich werde ja ohnehin gewinnen. Nach den üblichen Satzungen?“ „Nach den üblichen Satzungen.“ „Gut.“ „Nein!“ stöhnte Bjärnum. „Bitte, alles, nur nicht das!“ „Wieso denn?“ fragte Nani, „Was ist denn so schlimm daran? Reden bis zum ersten Luftholen, das ist doch noch im Rahmen. Für solche Vielquatscher.“ Bjärnum sah sie entgeistert an. „Das meinst du! Du hast noch nie ein Plapperduell erlebt, oder? Ich schon! Zwischen zwei Tratschwellen, einer gewissen Schwaber und einer noch gewisseren äbä. Es war furchtbar! Sie haben geredet und geredet, es nahm kein Ende! Ich dachte schon, ich werde wahnsinnig!“ „Naja … so ein großer Unterschied wäre das ja nicht …“ brummt Lars, jedoch so leise, dass es nur Nani, die direkt neben ihm stand, hörte mühsam versuchte, ein hysterisches Kichern zu unterdrücken. Die Welle wandte sich Bjärnum zu. „Wenn du ein Plapperduell nicht ertragen kannst … meine kleinen Freunde können dem sicher abhelfen. Und jetzt schweig, oder ich lasse dich ins nächste Spinnennetz kleben und deinen dämlichen Gehilfen gleich dazu, von denen da ganz zu schweigen. Ich hätte euch längst um die Ecke gebracht, wenn ich nicht gewusst hätte, dass es im Untergrund der Nachtschule jemanden gibt, der jeden Mordfall aufklärt. Von diesem Idioten Gerold ganz zu schweigen, der ist ja noch dämlicher als Jasch-Lars, da hätte ich einen Unfall oder Selbstmord vortäuschen können, wenn ich ihn nicht noch als Köder für den Buchling gebraucht hätte. Und jetzt schweigt. Ein Plapperduell verdient eine entsprechende Atmosphäre.“

Einen Moment lang war es ganz ruhig, kein einziges Geräusch war weit und breit zu hören. Die Ruhe vor dem Sturm. Dann begannen das Buch und die Welle gleichzeitig zu reden: „AlsowisstihrwasichschonlangemalerzählenwolltedasistwieichdamalsdasgroßeMeeresorakelbefragthabealsodaswarnämlichsoalsoeigentlichwollteichjaalsoganzursprünglichwollteichnurmalkurzzudiesemFloßdarüberschwappenunddiesedreiSchiffbrüchigenachneinwarteichglaubeeigentlichwarenesvierichbinmirnichtmehrganzsicherweilichmeinedasistjaschoneineWeileherichwarjadamalserstnajawiealtwarichdaeigentlichvielleichtnaauchegaljedenfallswarenjadiesedreivielleichtauchvierodereherdreineinichglaubeeswarenvierjaichbinmirziemlichsichereswarenvieralsodaschwappteichsozudiesemFloßmitdiesenvierSchiffbrüchigenhinundichwillgradesosagenjahallowashabenwirdenndaSchiffbrüchigeundihrbildeteuchauchnocheinesprechendeWelleeinnasowasaberauchwerdetihrvielleichtwahnsinnigoderwasalsodaswillichgradesagendahöreichwiesodereinevondiesenSchiffbrüchigenzudenanderenzweioderdreioderachjanatürlichjetztweißicheswiederdaswarenvierjawohleswarenvieraberdereinevondenenderwarbewusstlosunddeshalbdachteichjetztdaswärendreigewesenobwohlesdochvierwaren…“ kam es von der Welle während das Buch aus Keitmas Tasche ebenfalls ohne die geringste Pause plapperte: „SomanchmaldagehtmirsoeinigesaufdieNervenzumBeispielalsichentwickeltwurdejadahabeneinpaarvondiesenForschernoderErfindernoderwasdaswarziemlichgepfuschtdasregtmichimmernochaufdiesolltenausmireigentlicheinschönesundwohlklingendesHörbuchmachenaberjetzthörteuchmalanwieichklingeichbinmitmeinerStimmemehralsunzufriedensieklingtvielzummickeymaushaftundüberhauptschautmichmalanwieichausseheichbinjaganzgrünimGesichtdasgehtsonichtichmöchteaufderStelleneugebundenwerdendiehabensowasvongepfuschtunddaswarjanurderAnfangeinerganzenReihevonnegativenEreignisseninmeinemLebendannkamichindieseBibliothekdaswarganzinOrdnungaberebenauchnichtrichtiggutalsodieseBuchlingewarenteilweiseganznettdawarzumBeispieleinediewarzwareinBisschenmickrigaberansonstenganznetteigentlichaberdawarenauchsolcheTypenwiedieserGambCebierRosedemlagwohlnurwasanmeinemmateriellenWertderhatsichfastniemitmirunterhaltenundwenndannnurkurzweilerjaangeblichsovielzutunhatteundtjadaswaraberinsgesamtganzinOrdnungdazumindestfüreineWeilezumindestfürkurz…“ „…alsojedenfallssagtdanndereineSchiffbrüchigezudenanderenwasvoneinemSchatzderjetztjagesunkenistundwielangederwohldauntenliegenwirdundichdenkesooheinSchatzdasistjamalinteressantdakönnteichmirjedeMengePokémonkartenvonkaufenoderauchdieWeltherrschaftdasmussichmirdannebennochüberlegenweilichmeinewerkannsichdennsoeinfachsospontanentscheidenoberlieberPokémonkartenoderdieWeltherrschafthabenwilldasistkeineEntscheidungdiemansoeinfachübersKniebrechenkannundunterdieAchselnkotzenschongarnichtweilhahahaweilJesusbrachdasBrotundverteilteesunterdenArmenheißtjahahaauchJesuskotztedasBrotausundschmierteessichunterdieAchselnhahahaundjedenfallsdererzähltedavondemSchatzundichdenkmeineFresseeinSchatzdenmussichhabenundichverhaltemichsoganzunauffälligichredenichtmalbesonderslautundschleichemichsoanweilderjavondemSchatzerzählthatundichlauschenwillundichschleichemichebenganzunauffälligranundhöreweiterzuwasderdasosagt…“ „…aberdannkamdieseblödeIdeedaunddiemusstemichunbedingtmitnehmenkeinenblassenSchimmerwozuundsienimmtmichganzgrobausdemRegalundfragtnichtmalobsiedasdarfobwohlsiezuderBibliothekeigentlichjanichteinmalZutrittgehabthättedieistjanurfürBuchlingeunddannverschlepptsiemichindieFinsterbergereineinfachsokönntihreuchdasvorstellenundichdenkedasgibtsjawohlnichtabersieschlepptmichechtallenErnstesinihrenunaufgeräumtenWohnstollenundschmeißtmicheinfachirgendwohindasistjawohlauchdieHöheichbinimmerhineinPrototypundnichtirgendeinbilligesLeseheftchenausdemBahnhofskioskichmeinenichtsgegenLeseheftchenausdemBahnhofskioskichkennedaeinpaarpersönlichsehrnetteLeutedasnureinwenigstillaberdasistnunmaleineganzandereLigaichbinjawohlmiteinBisschenmehrSorgfaltzubehandelnalsjedesxbeliebigeandereBuchoderichbinimmerhindassensationelleneueHörbuchdaskannmandochnichtindieEckeschmeißendasisteinSakrilegobwohlneinwarteumehrlichzusein…“ „…undderanderedersagtnajaerstmalkönnenwirihnjagarnichthebenweilwirjaeinneuesSchiffbrauchenundsowennwirüberhauptwiederlebendansLandkommenwirbrauchenjadannmindesteinJahrodersobiswirdenSchatzendlichhebenkönnenaberesweißjakeineraußerunsdavonalsoistersicherundichdachtehmsiewerdenmirnichtsagenwoderSchatzliegtwasmachichnurwasmachichnurunddanndenkeichsonachundplötzlichkommtmirdieIdeeichgeheeinfachzumgroßenMeeresorakeldaskriegtdochallesmitwasimMeerpassiertdakannichfragenundalsomacheichmichaufdenWegweildasMeeresorakelschonimmergernTratschwellengeholfenhatweilwirjaverschwistertsindwennesdasWortüberhauptgibtjedenfallssindwirsowasähnlicheswieverwandtalsodenkichmirkannjanichschadenwennichhingeheundfrageundichgehesohinzumMeeresorakelundfragesoheyichwüsstedagernewaskannstdumirhelfenunddasMeeresorakelsitztda…“ „…dieSakrilegssindmireherunsympatischalsoichkenneaucheinbiszweinetteExemplareaberichverstehemichmitThrillernallgemeinnichtsogutabermitLiebesromanenversteheichmichundmitFantasynatürlichganzbesondersaberjedenfallshatsiemichinihrenWohnstollengeschmissenunddalagichdannunddanngingsieauchnochwegundichhattenichtmalmehrjemandenzumredenundhabgeweintaberdannkamjadieserBuchlingaberersahauswieeinSchweinsbarbarerhatsichehrlichgesagtauchsobenommenzumindestmirgegenüberundderhatmicheinfachmitgenommenunddannwardieseIdeewiederdabeiweißderGeierwodieherkamunddannsinddiedauernddurchDimensionslöchergesprungendaswarechtdoofichwünschtesiehättenesgelassenweilichvertragedasnichtsogutunddabeisindwirdieserkomischenGiraffebegegnetundirgendwiehatsichderBuchlingdannwährendichinseinerTaschewarineinHorchlöffelchenverwandelt…“ „…undsagterstmallangenichtsundichschauessoanunddenkevielleichthatesmichjanichtgehörtweilesistjaschonetwasälterihrmüsstwisseneigentlichisteseineSchreckseabersiekannunterWasseratmenundsieistunsterblichundichwolltegeradenochmalfragenunddasagtsiemitfeierlicherStimmesagtsiesoHierkönnteihreWerbungstehenundichdenkesowowdasistwahreWeisheitichwerdemirdasmerkenweildasistwirklicheinRatfürsLebenundichhabeseltenmehrWahrheitineinemSatzgehörtundichhabmichdanngefragtistjemanddersoweisesprichtnichtvölligüberqualifiziertfürmeinekindischeSchatzfrageaberdann….hchllllll….hchlllll….“ „…unddannsindwirmitdiesenDimensionslöcherirgendwannindieserkomischenKücheangekommendasstankvielleichtdadrinunddannhabendiebeidensichvollgefressenunddannhabensiesichmitdieserKanonenachZamonienschießenlassenwareinBisscheneinedoofeIdeeaberwaskannmanschonerwartenvoneinerschlechtenIdeenichtwahrunddannsindwirindiesemkomischenSpinnennetzgelandetundsiehättenfastgeflenntaberdannkamendiebeidenschrägenTypendaundhabensierausgeholtunddasverdankendienurmirweilichsowichtigundbesondersbinundsiesinddurchdiesenWaldgelatschtundhabenmiteinandergeredetnurmitmirhabensienichtgeredetdasistsehrunfairichbinimmerhineinHörbuchundmiteinemHörbuchmussmanredenüberhaupthatmaninletzterZeitvielzuwenigmitmirgeredetichbinfrohdassichjetztendlichmalwiederungezwungenredenkannundsiehabenüberhahahahaduhasteingeatmetjetzthastduverlorenundichhabegewonnenhahaundichdarfhinwoichwill! Du hast verloren!“

Die Welle schaute das Buch finster an.

Skelch:

Eine Weile schien sie nicht so recht zu wissen, was sie sagen sollte und alle umstehenden nutzten die Pause um den Bann des Wörterschwalls abzuschütteln.

„Das ist mir egal!“, entschied Fenstar schließlich. „Ich brauche dich für meinen genialen unübertrefflichen Masterplan!“

„He!“, rief Nani plötzlich. „Ich habe auch einen genialen unübertrefflichen Masterplan!“

„Du?“, fragte Keitma ungläubig.

„Nein!“, widersprach sich Nani sofort selbst. „Und falls doch geht dich das nichts an!“

„Äh … Boss?“, bemerkte einer der Jedi-Yetis.

„Was?“, erwiderte Fenstar genervt.

„Naja, äh, du hast doch den üblichen Satzungen zugestimmt. Ich glaub nich, dass man sich da einfach hinterher anders entscheiden darf!“

„Das ist mir egal. Ich bin hier der Böse!“

„Jaja, wir ja auch, also ich und die Jungs, aber … Naja wir sind nicht chaotisch böse, ja? Wir sind mehr gesetzestreu böse!“

„Was?“

„Wir suchen uns unsere Regeln selber aus, sonst wären wir ja auch schön blöd, aber dann halten wir uns auch dran. Und du hast den Satzungen zugestimmt, also …“

„Was gehen mich eure blöden Regeln an? Ich bin auf jede Art böse, auf die ich gerade böse sein will und jetzt will ich auf die Art böse sein, die es mir erlaubt dieses Hörbuch zu nehmen!“

„Also da machen wir nicht mit. Entweder lässt du das Buch hinbringen wo es hinwill, oder wir gehen!“

„Dann schert euch doch zum Teufelszyklopen, was soll ich mit euch, wenn ihr mir das Buch nicht bringt!“

Der Jedi-Yeti drehte sich zu seinen Kumpanen um und die nickten. Im Nu waren alle Yetis wieder mit den Schatten des Waldes verschmolzen.

Grinsend richtete Bjärnum seine ZONK!anone auf die Tratschwelle.

„Wer hat jetzt das Denken vergessen?“, fragte er.

„Immer noch du. Ich sage es gerne noch mal: Ich bin eine Welle! Ich bin aus Wasser! Deine Urankugeln gehen einfach durch mich …“

Peng.

Ein lauter Knall unterbrach Fenstar, der plötzlich ein wenig schief schwappte. Der Grund dafür war, dass eines der Räder seiner Wanne gerade beschlossen hatte, sich selbstständig zu machen. Und der Grund dafür war wahrscheinlich die rauchende ZONK!anone in Lars Jaschs Krallen.

„Das ist gemein!“, klagte Fenstar und klang wieder mehr nach Markus als nach einem verrückten Superbösewicht.

„Dann ist die Gefahr jetzt vorbei?“, erkundigte sich Keitma. „Ich kann jetzt mit dem Buch zurück in die Große Bibliothek gehen und meinen Auftrag beenden?“

„Nein!“, widersprach Nani. „Ich brauche es doch noch. Für was Großes!“

„Doch!“, widersprach Bjärnum. „Du bringst das Buch zurück und sagst deinen Vorgesetzten, dass sie gefälligst besser auf ihre teuren Prototypen aufpassen sollen. Und vor allem verlierst du kein Wort über uns!“

„Kein einziges Wort!“, ergänzte Lars.

„Sonst müssen wir euch nämlich doch noch erschießen!“

„Kein Wort!“, versprach Keitma.

„He!“, rief Fenstar. „Wollt ihr denn gar nicht meinen genialen Plan hören?“

„Eigentlich nicht!“, gab Lars zu. „Wir haben auch gar keine Zeit dafür. Wir müssen das Buch in Sicherheit bringen!“

„Und warum seid ihr dann immer noch hier und redet?“, fragte das Buch.

„Aber der Plan ist echt gut. Als ich gehört habe, dass es so was gibt, ein Hörbuch, da wollte ich den Prototyp haben um ihn zu verändern. Und dann wäre auf allen folgenden Hörbüchern nur das drauf gewesen, was ich will. Das ist doch genial, oder!“

„Das ist super!“, gab Nani unumwunden zu.

„Das ist Mist!“, behauptete das Buch.

„Und natürlich wäre da so was drauf gewesen wie ein Gehirnwäschemantra oder eine akustische Hypnose, keine Ahnung, soweit war ich noch nicht. Vielleicht Buchlingsummen, wenn ich einen Buchling dazu gekriegt hätte mitzumachen. Fällt mir gerade erst ein. Ich wollte das Buch erstmal haben. Und zum Glück wollte Gerold es zufällig auch, um es zu verkaufen und reich zu werden, der Idiot, und hatte gehört, wie sie mit jemandem darüber geredet hat!“

„Wer?“, fragte Lars.

„Ich zeige mit meinem Ausläufer auf die Idee!“

„Entschuldige, aus meiner Perspektive wird dein Ausläufer vom Wannenrand verdeckt. Fahr fort!“

„Nein, er fährt nicht fort!“, ereiferte sich Bjärnum. „Das hier ist eine ernst zu nehmende Geheimoperation, kein Lügenduell. Das Buch muss so schnell wie möglich zurück dahin, wo es hingehört!“

Einerseits konnte Keitma dem nur zustimmen, aber andererseits war er auch neugierig. Er wollte mehr hören.

„Ich hätte jetzt natürlich einfach zu ihr reinschwappen und es stehlen können. Aber dann hätte ich ja nicht gewusst ob es wirklich der Prototyp ist. Wäre ja blöd gewesen, wenn den Jemand anders gehabt hätte, völlig unverändert meine ich. Also dachte ich mir, wenn das der Prototyp ist, dann merkt es ein Buchling bestimmt. Ich brauchte mich also bloß mit Gerold abzusprechen und zu warten, bis ein Buchlingagent auf der Suche nach dem Buch vorbeikommt. Und das hätte auch prima funktioniert, wenn nicht aus dem Nichts dieser Rettungssaurier aufgetaucht wäre!“

„Den habe ich gerufen!“

Ohralf trat aus dem Unterholz.

„Mir ist aufgefallen, dass Gerold uns belauscht hat und ich wollte ja nicht, dass er das Buch in die schwabbeligen Finger kriegt. Konnte ja keiner ahnen, dass die beiden Blödies damit in ein Dimensionsloch fallen!“

„Uns belauscht?“, fragte Keitma verständnislos.

Er sah die beiden Agenten an, die genauso ratlos aus der Wäsche schauten.

„Gut dass du da bist!“, freute sich Nani. „Die wollen das Buch wegnehmen, das ich doch für meinen genialen Plan brauche!“

„Warte … du hast mit ihm über das Buch gesprochen?“

„Na klar. Einem Stollentroll kann man alles anvertrauen. Habe ich mir selbst überlegt!“

Bjärnum richtete seine ZONK!anone auf Ohralf.

„Ich vertraue ihm jedenfalls kein Stück!“, begründete er das.

„Das verletzt mich. Wirklich. Wo ich mich doch ein Leben lang bemüht habe, offen und ehrlich zu sein. Seht mich nur einmal an. Jeder andere Stollentroll an der Nachtschule würde doch seine Nase putzen und seine Füße waschen um weniger aufzufallen. Er würde versuchen charmant zu sein, oder hochnäsig, oder anders ganz und gar nicht stollentrollisch um die Gesellschaft zu unterwandern und von innen zu korrumpieren. Aber ich nicht. Ich zeige allen, was ich bin, denn ich habe nichts zu verbergen. Und deshalb sage ich euch, ihr könnt mir vertrauen!“

Keitma war beeindruckt. Der Troll war wahrscheinlich der schlechteste Lügner, dem er je begegnet war.

„Ihr glaubt mir nicht, oder? Nun, was soll ich auch erwarten. Ich hätte versuchen sollen, mich anzupassen. Meinen Körper zu pflegen. Meinen Umgang besser zu wählen. Aber ich kann mich nunmal nicht verstellen!“

„Schluss!“, rief das Buch aus Keitmas Tasche. „Das Geseiere hält ja kein Wörterbuch aus. Erschießt endlich jemand diese Witzfigur?“

Der Blick des Stollentrolls fiel auf Keitmas Jacke. Der Buchling begriff. Ohralf hatte nicht alles mitbekommen. Er hatte nicht gewusst, wer das Buch bei sich trug. Aber jetzt wusste er es.

„Na gut!“, fuhr der Nachtschüler und Duellmoderator fort und näherte sich in kleinen Schritten seitwärts Nani und Keitma. „So es denn nicht anders sein soll, erschießt mich. Lasst mich sterben als Mahnung an alle Stollentrolle, dass ihnen Ehrlichkeit in dieser Welt nur Unglück bringt, dass Güte mit Misstrauen vergolten wird und Verschwiegenheit mit dem Tod!“

Bjärnum war offensichtlich gewillt, der Aufforderung zu folgen und richtete seine Waffe auf den Troll. Nani löste sich von Keitma und stellte sich in die Schusslinie.

„So geht das doch nicht!“, behauptete sie. „Wenn wir uns nicht vertrauen, brauchen wir diese Sache gar nicht fortzuführen!“

„Es gibt kein ‚uns‘!“, erklärte Bjärnum ungehalten. „Und wenn es ein ‚uns‘ gäbe, dann würde der nicht dazugehören. Und wenn wir nicht bald losgehen und das Buch zurückbringen, dann erschieße ich eben alle!“

„He!“, bemerkte Lars.

„Ja, außer dem Buchling!“

„Ähäm!“

„Und dir!“

„Und mir!“, erinnerte Fenstar. „Weil du mich nicht erschießen kannst!“

„Dich schiebe ich in die Süße Wüste, da kannst du dir dann aussuchen ob du lieber verdunsten oder im Boden versickern willst!“

„Wenn du Nani erschießt, verrate ich aber alles!“, mischte sich Keitma ein.

Er spürte geradezu, wie der Troll nach dem Buch in seiner Tasche griff. Die Schlechte Idee hatte das Buch gestohlen und jetzt riskierte sie gerade, dass es schon wieder gestohlen wurde, aber sie hatte den Buchling auch durch Raum und Zeit begleitet, und außerdem mochte er sie einfach.

Schnell drehte er sein Auge zu Ohralf um, der seine Hand noch schneller zurückzog und unschuldig lächelte.

„Seht mal da!“, rief er plötzlich und zeigte nach oben.

Erst fiel niemand darauf herein. Dann sahen alle, wie sich die Sonne verdunkelte und hörten das Pfeifen einer großen Masse, die die Luft durchschnitt und richteten ihre Blicke nach oben.

Mit dem Ergebnis, dass ihre Gesichter Bekanntschaft mit vor Erdnussbutter triefenden Käsepfannkuchen machten. Offenbar war die Kanone noch nicht wieder richtig eingestellt.

Keitma, Nani und Ohralf bekamen nur wenig ab, während die Agenten und Fenstar regelrecht unter fettigen Teigfladen begraben wurden.

Keitma konnte nur auf den Haufen starren, bis er das Hörbuch rufen… hörte.

„Lass deine schmierigen Griffel von mir, du Halbaffe!“, befahl es jemandem und sofort wurde dem Buchling klar, dass es sich nicht mehr in seiner Tasche befinden konnte. Er drehte sich um und sah Ohralf damit im Wald verschwinden.

Keitma warf einen Blick auf seine kurzen Beine. Nein, er würde nicht mit dem Troll schritthalten können.

„Komm mit!“, sagte Nani, auf einem Pfannkuchen kauend. „Wir treffen ihn in der Nachtschule!“

„Das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“

„He, habe ich mich schon mal geirrt?“

Keitma setzte schon zu einer sarkastischen Antwort an, als ihm aufging, dass diese Idee vielleicht gar nicht so schlecht war. Was sollte Ohralf mit dem Buch schon machen wollen, außer es zu verkaufen? Und wen kannte er, der es haben wollte? Gerold.

Der Agent der Bibliothek warf noch einen Blick auf den Pfannkuchenhaufen unter dem irgendwo die beiden gzBSB-Agenten liegen mussten. Na, die würden da schon alleine rauskommen. Tatsächlich bewegte sich der Haufen bereits.

Eine Weile später kamen Nani und Keitma am Eingang der Nachtschule an. Keitma wurde wieder zu Frams Gharr damit er drinnen nicht auffiel und betete in Gedanken noch einmal für Gamb Cebier Rose. Ihm kam der Gedanke, dass es in dieser Situation sinnvoller war, für sich selbst zu beten, aber so vermessen wollte Keitma, nein Frams, dann doch nicht sein.

„Das hat man eben davon, wenn man ein Hörbuch klaut und keine Kopfhörer hat!“, schallte es durch den Hauptgang. „Jeder kann es hören. Daran hättest du aber früher denken müssen!“

Frams wusste nicht, was Kopfhörer waren (und Ohralf offenbar genauso wenig), doch er war froh, dass der Stollentroll keine hatte, denn so hatte er ihn schnell gefunden.

„Oh. Hallo Frams!“, grüßte der Troll. „Das hier ist nur ein Spielzeug für analphabetische Hempelchen, das bringe ich meinem kleinen Neffen mit, also er ist kein richtiger Neffe, mehr so entfernt, zamonische Verwandtschaft und so was, kennst du ja sicher …“

Er schien gar nicht zu wissen, dass Frams und Keitma dieselbe Person waren. Frams konnte sich ihm ungehindert nähern.

„Huhu, Ohralf. Hast du das Buch?“, rief Nani vom Eingang.

„Oh. Du bist schon … also ich muss dann auch wieder …“

Frams ließ ihm keine Zeit zu entkommen, sondern schlug ihn mit seiner riesigen Schweinsbarbarenfaust (die zwar nicht echt war, sich aber für alle Beteiligten echt genug anfühlte) nieder. Dann nahm er das Buch an sich.

„Das war aber nicht nett!“, fand Nani.

„Das stimmt. Man sollte wirklich nicht den Moderator niederschlagen. Ah, wie ich sehe hast du dein Buch dabei. Ich habe meins. Dann können wir ja wenn es so weit ist, gleich loslegen!“

Napulion stand vor der Tür zur Raucherecke, er musste gerade herausgekommen sein. Hinter ihm stand Natelie und schluckte etwas herunter, das wahrscheinlich ein Stück Käse war.

Ein Hupen ertönte.

„Ja!“, bestätigte Ohralf und stand auf, wobei er sich die tropfende Nase rieb. „Offenbar sind alle bereit!“

Ein zweites Hupen.

Dieses blöde Duell hatte Frams schon ganz vergessen. Offenbar hatte die Reise durch Raum und Zeit ihn zum schlechtesten denkbaren Zeitpunkt zurück in die Nachtschule geführt. Was hatte er auch erwartet? Die Idee zurückzukehren war schließlich von Nani gekommen.

Ein drittes Hupen.

„Bücher und ein Moderator? He, was geht hier vor?“, wollte das Hörbuch wissen.

Gerold und Ango kamen aus der Raucherecke und Gerolds Blick fiel auf das Buch in Frams‘ Händen.

Ein viertes Hupen.

„Ein Duell!“, erklärte Ohralf. „Und als Waffe wurden Bücher gewählt!“

„Ich bin eine Waffe? Na das hat mir ja gerade noch gefehlt. Wer ist mein Gegner?“

Ein fünftes Hupen.

Frams betrachtete das Buch, das Napulion trug.

„Das ist ein Bildband!“, staunte er. „Eine Million Giraffen!“

Ein sechstes Hupen.

„Ein Bildband?“, spottete das Hörbuch. „Den schaffe ich doch mit dem Deckel auf dem Rücken!“

„Abwarten!“, sagte Napulion ruhig. „Aber ich bin beeindruckt, dass du den Titel lesen konntest, Barbar!“

Ein siebtes Hupen.

„Die Waffen sind traditionell im Anschluss an den Kampf beim Moderator zu erwerben!“, verkündete Ohralf. „Die Waffe des Siegers ist natürlich die teurere, den Preis legt der Moderator fest!“

Offenbar glaubte Ohralf entweder, dass ein Schweinsbarbar in diesem Kampf überlegen war, oder, dass das Hörbuch die bessere Waffe war und wollte auf diese Art noch an sein Geld kommen. Aber Frams durfte das Buch nicht verlieren.

„Bei Wotans Unterhose! Ich will mein Buch nicht …“

„Uh, ist das spannend!“, unterbrach Nani.

Ein achtes Hupen.

„Gonnem wir moch rechdzeidik?“

Lars und Bjärnum, jetzt wieder ganz Kaliläus und Augustus, traten durch den Haupteingang ein.

„Gerade so!“, antwortete Ohralf.

Vor so vielen Zeugen schien er keine Angst vor den Agenten zu haben.

Ein neuntes Hupen.

Gerold kroch zu Frams herüber und brachte sein Haifischmaul unangenehm nahe an die suggerierten Schweinsbarbarenohren.

„Mein Angebot gilt noch!“, flüsterte er. „Verliere und ich kaufe dein Buch billig und gebe es dir zurück. Mir geht es nur um die Kohle, und davon kriege ich durch die Wetten genug. Gewinne, und du kannst sehen, wie du es von Ohralf zurückbekommst!“

Offenbar glaubte auch Gerold, dass Frams den Kampf leicht gewinnen konnte.

Ein zehntes Hupen.

Gerold kroch wieder an seinen Platz zurück.

„Vertrau dem nicht!“, flüsterte das Hörbuch. „Der gibt dir doch nicht das Buch, wenn er damit noch mehr Pyras machen kann. Wir gewinnen und dann hauen wir ganz schnell ab!“

Gewinnen klang auch tatsächlich angenehmer. Aber Gerolds Angebot war auch nicht so schlecht, Vorausgesetzt, er hielt Wort. Und vorausgesetzt, das Duell war nicht wirklich ein Kampf auf Leben und Tod.

Ein elftes Hupen.

Frams konnte sich nicht wirklich entscheiden. Er wusste ja nicht einmal, was er in einem Bücherduell tun musste. Hilfesuchend sah er zu Nani, fand in ihrem Gesicht aber nur puren Enthusiasmus.

Ein zwölftes Hupen.

„Was genau sind eigentlich die Regeln?“, erkundigte sich Frams.

„Die Frage kommt ein bisschen zu spät!“, fand Ohralf.

Ein kleineres Hupen. Zwölf Uhr eins.

„He, ich bin das erste Hörbuch Zamoniens!“, sagte das erste Hörbuch Zamoniens. „Was soll schon passieren?“

Ja. Was sollte schon passieren?

„Und dann“, sagte der alte Buchling und hob einen zitternden Finger, „kostete die Ochsenkarrenwäsche fünf Pyras!“

Seine Zuhörer starrten ihn aus einzelnen Augen an.

„Das ist das Ende der Geschichte?“, fragte einer der noch namenlosen jungen Buchlinge.

„Ja. Ja, das ist es!“

„Aber das ergibt keinen Sinn. Wer hat denn nun das Duell gewonnen?“

„Hm … Das weiß ich nicht mehr genau. Aber das ist auch nicht so wichtig, oder?“

„Und außerdem ist da ein Anschlussfehler!“

„Unmöglich. Das ist eine wahre Geschichte. Das wahre Leben hat keine Anschlussfehler!“

„Aber als sie mit dem Rettungssaurier fliegen gibt Frams seine Tarnung auf und etwas später durchschaut Nani sie alleine!“

„Oh das. Ja, das … das ist eine Nebenwirkung der besonderen Fähigkeit, die dieser Buchling hat. Er wusste es zu dem Zeitpunkt nur noch nicht. Wenn er seine Tarnung aufgibt, hypnotisiert er alle um sich herum und auch sich selbst und keiner kann sich dran erinnern. Er merkt das selber gar nicht!“

Der Skeptiker schien nicht ganz zufriedengestellt, hakte aber nicht weiter nach.

„Aber hat es Keitma geschafft, das erste Hörbuch zurückzubringen?“, fragte ein anderer Zuhörer.

„Was für eine dumme Frage. Hätten wir heute Hörbücher, wenn er es nicht geschafft hätte? Na also!“

„Und hat er dann den Namen Keitma behalten? Oder hat er sich doch für einen anderen entschieden?“, fragte der erste wieder. „Und was ist aus Nani geworden? Wurde sie bestraft, weil sie das Buch gestohlen hat? Und Ohralf und Gerold und Fenstar? Was ist aus denen geworden?“

„Details. Wenn sie wichtig wären, würde ich mich erinnern!“

Jetzt stand ein dritter junger Zuhörer auf.

„Was war denn eigentlich der tolle Plan, den Nani hatte?“, fragte er.

Der alte Buchling knolfte.

„Das ist zur Abwechslung mal eine gute Frage. Und deshalb werde sich sie euch beantworten. Der Plan war nämlich …“

Epilog:

Irgendwo in Midgard steht ein uraltes Haus. Jahrhundertelang anwehender Wind hat die grauen Steine seiner Wände abgeschliffen, salziger Regen zermürbte die Holzschindeln seines Daches und die wenigen kleinen Fenster sind fast vollständig von Moosen, Flechten und toten Insekten.

Sie kennen das schon? Aber wußten Sie auch, daß das alte Haus lebt? Nein? Also!

Seit drei Ewigkeiten hat das Haus geschlafen und während sich Staub und Verlassenheit in seinem Innern angesammelt haben, hat es Träume geträumt, die das Maß jedes Verstehens übersteigen. Und dann geschah es: Das Haus steckte mitten in einen besonders rätselhaft-verwirrenden Traum über Trockenfäule und sinkende Fundamente, als die plötzliche Ankunft zweier Dimensionslochreisender es aus seinen äonenlangen Schlaf riß. Noch nicht ganz wach, packte es die Störenfriede und schickte sie wieder zurück. Dann gähnte es, besah sich blinzelnd die Welt, den Staub, die Verlassenheit – und das Buch, das inmitten des Staubes lag!

Seltsam, dachte das Haus, wobei es für jeden Buchstaben Tage brauchte, das lag aber eben noch nicht hier! (Anmerkung des Chronisten: Eben entspricht der Zeitspanne von 163 Millionen Jahren, das Haus war also wirklich schon sehr alt!)

Eine Spinnwebe löste sich aus einer Zimmerdecke, schwang hinab, umfing das Buch und hob es an ein Astloch heran.

Knicken und Knacken, als das Haus seinen Blick fokussierte.

»Heute die Moloch und morgen die Welt – Leitfaden für zamonische Superschurken von Z. A. Monin« las das Haus knarzend. Für einen Moment herrschte Schweigen, dann polterte es los:

„Monin! Mein alter Erzfeind! Lebst du also doch noch! Verdammt, der Geruch eben kam mir doch gleich … Oh, wenn ich doch nur genauer hingeschaut …Wohlan, es hilft nichts!“

Krachend erhob sich das alte Haus aus seinen Fundament und begab sich auf die Jagd nach seinem uralten Gegenspieler. Aber dies ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte.