Aufzeichnungen

Aufzeichnungen eines Friedhofsgärtners

 

 

Im Folgenden werden dem geneigten Publikum die ungekürzten und unbearbeiteten Einträge des Gram Kerberus dargeboten, so sie dieser in seinem Tagebuch niederschrieb. So weit wir wissen, entstanden diese Aufzeichnungen während seiner Tätigkeit als Verwalter, Gärtner und Totengräber auf einen übel beleumundeten Ausgestoßenenfriedhof. Wie so viele seiner Vorgänger in diesem besonderen Amte verschwand auch Gram Kerberus eines Tages, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Ob diese Aufzeichnungen Licht in das Dunkel bringen oder sie vielmehr die Fieberphantasien eines kranken Geistes sind – dies mag der geneigte Leser für sich selber entscheiden.

 

 

13. Oktober: Mein erster Tag in meiner neuen Stellung. Wie alle Friedhöfe dieser Art ein ruhiger Ort. Viel Zeit für Reflexionen blieb mir aber nicht, da bereits der erste Auftrag auf mich wartete. Ein Grabstein aus Seife war zu schnitzen, der die letzte Ruhestätte einer unlängst verstorbenen Stollentrollin „schmücken“ sollte. Die alte Jungfer war Zeit ihres Lebens von Geiz, Neid und Bosheit beherrscht und hat keinen je etwas Gutes getan. Trotzdem werde ich mir Mühe mit dem Grabstein geben. Es gibt ja so was wie Ethos im Beruf ...

 

Später ...

 

Der Grabstein ist fertig. Sehr schön geworden. Muß mich selber loben. Zwei geflügelte Stollentrolle halten Disteln in den Händen und krönen den oberen Steinrand. Die Seiten habe ich mit Arabesken verziert. Auf mein Epitaph bin ich besonders stolz.

 

"Hier ruhst du nun, du altes Biest – Nun bist du tot und moderst bald. Hier ruhst du nun, du alte Sau – dein Leib ist nun der Würmer Fraß."

 

 

Nach dieser gelungenen Arbeit widmete ich mich der Inspektion meines neuen Domizils. Eine kleine Hütte, die ein erstaunlich bequemes Bett, einen gusseisernen Ofen und ein erstaunlich gut bestücktes Bücherregal enthält. Dazu Waschgelegenheit und eine kleine Vorratskammer. Frugal, aber ist dies nicht ein Ausgestoßenenfriedhof? Luxus wäre hier gewiß Fehl am Platze. Als ich mir die Bücher näher betrachtete, stieß ich auf ein in fahles Leinen gebundenes Journal, das zwischen zwei gewichtige Folianten gepresst war. Neugierig geworden zog ich es nicht unter geringen Mühen hervor und schlug es – kein Titel prangte auf seinen Rücken oder Deckel – auf. Staunend fand ich, daß ich die Aufzeichnungen meiner Vorgänger in Händen hielt. Die krakeligen Handschriften und die altertümlichen Wendungen sind nur schwer zu entziffern, doch wenn es eines gibt, was ich hier habe, dann ist es Zeit! Zeit zum Lesen und Zeit zum Schreiben.

 

Später …

 

Eben waren die Erben der warzigen Stollentrollin da. Sie waren sehr angetan von dem schönen Grabstein und erwiesen sich erwartungsgemäß als äußerst knickerig. Gut, das ich der Witwe die Diamanthauer ausbrach – mal sehen, wie sie jetzt den Fährmann über den Styx die Zähne zeigen will. Gehe jetzt zu Bett. Morgen mehr

 

 

14. Oktober: Nachdem ich ein wenig in den Aufzeichnungen meiner Vorgänger geblättert hatte, erkannte ich, daß auch sie unter der lächerlich geringen Besoldung dieses Postens zu Leiden gehabt hatte. Und das einer von ihnen eine – wenn auch eigenwillige und äußerst fragwürdige Lösung gefunden hatte:

 

Im Gebeinhaus befindet sich eine abgedeckte Grube im Boden. Entfernt man die Bohlen über ihr, so blickt man in eine mit schärfster Säure gefüllte Grube. Mittels eines primitiven Flaschenzuges kann man hier die zur Bestattung angelieferten Yetis in die Säure senken, die alsbald ihr fleischfressendes, zersetzendes Werk beginnt. Die so erhaltenen blanken Yeti-Knochen verbringt man in eine unweit stehende Knochenmühle. Aus den gemahlenen Knochen aber läßt sich feinstes Brot backen, das ich im Friedhofsgärtnerbüdchen teuer verkaufen kann. Eine feine Sache, das ...

 

Der Reichtum des massiven Bücherregals erstaunt mich mehr und mehr. Sogar die seltene und in Buchhaimer Antiquariaten nur unter größten Kosten und Mühen erhältliche Enzyklopädie der unheimlichen, schleimigen und bösen Wesen findet sich hier. Immerhin siebzehn in Schweinsbarbarenleder gebundene Bände voll obskuren und unheiligen Wissens. Und dann dieser Folianten, der so trügerisch harmlos aussieht und doch mittels einer massiven Kette aus Eisen mit dem Regal verbunden ist. Befürchteten meine Vorgänger einen Diebstahl? Ein Blick auf den Titel offenbarte mir, daß es sich bei dem solcherart gesicherten Folianten um das De Vermis Mysteriis handelte. Die Geheimnisse des Wurms, aha. Ein Buch über das Kompostieren, dachte ich bei mir. Kann sich noch als nützlich erweisen.

 

Werde jetzt noch eine Runde über den Friedhof machen und ein paar jammernde Kerzen aufstellen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr solch einfache Hilfsmittel die allgemeine Atmosphäre auf einen Ausgestoßenenfriedhof heben. Morgen mehr.

 

 

Tegums Ode

 

 

Nachts, wenn Friedhofskerzen jammern,

 

Geister sich ans Leben klammern.

 

Ausgestoßen, tot, vergessen

 

doch Aufmerksamkeitsversessen,

 

wandeln diese Seelen weiter.

 

Kerberus ist ihr Begleiter.

 

 

Schnitzt aus Seife schöne Steine.

 

Kümmert sich um die Gebeine.

 

Klagt leis' über karge Löhne

 

und lauscht trotzdem dem Gestöhne.

 

Pflegt den Friedhof guten Mutes

 

und tut somit vielen Gutes.

 

 

Werden es die Geister danken?

 

Oder brechen hier bald Schranken?

 

Wird bald gruslig die Geschichte?

 

Machen Monster ihn zunichte?

 

Lauschen wir der Haifischmade,

 

alles andere wär' schade!

 

 

15. Oktober: Wachte noch vor Hahnenschrei auf. Seltsame Geräusche drangen vom Friedhof zu mir in die Hütte. Zuerst war ich verwirrt, doch dann erkannte ich das Geflemme der greinenden Gräser. Diese hatte mein verschollener Vorgänger noch rund um die Gräber gesät und ihr wehklagendes Jammern erzeugt einen sehr angenehmen, gruseligen und der allgemeinen Atmosphäre der Vergänglichkeit und des Verfalls angemessenen Effekt, wie ich finde. Nach einem einfachen Frühstück machte ich mich auf, die Werwolfgruben und die Schweinsbarbarenfallen zu kontrollieren. In den Werwolfgruben fand ich nichts, doch in einer Schweinsbarbarenfalle hatte sich ein Fhernhachenkind verfangen. Es war vollkommen blau vor Kälte und heulte, wie nur ein Fhernhache heulen kann. Ich hielt in die Standardgardinenpredigt No. 7 über nächtliches Rumtreiben und warf ihn über die Mauer …

 

Um 13 Uhr fand eine Beisetzung statt. Ein zahnloser Wolpertinger, der als indolenter Wüstling verschrien war, sollte in allen Unehren unter die Erde gebracht werden. Die Meute seiner Mitwüstlinge hatte sich an der Nordmauer des Friedhofes versammelt. Dort wächst das greinende Gras sehr hoch und in der Mitte des Grasfleckens liegt eine kleine, aber tiefe Senke. Auf ein Zeichen des „Pornokraten“ hin – so nannten sie ihren Zeremonienmeister – schulterten vier Wolpertinger den Verstorbenen und unter lautem Gejohle und anzüglichen Witzen warfen sie die Leiche in die Senke. Sofort schossen drei Grasmuränen herbei und begannen ihr nützliches Tun. Unterdessen öffneten die Trauernden Gralsunder Pri-ckelweinflaschen, kramten Dullsgarder Brathähnchen aus Körben und ergötzten sich an Speis und Trank, wobei sie die schändlichsten Schandtaten des gerade gefressenen Toten Revue passieren ließen. Selten habe ich eine so schöne und angemessene Trauerfeier gesehen.

 

Nach dem Abendessen habe ich mich an den ersten Band der Enzyklopädie der unheimlichen, schleimigen und bösen Wesen gegeben. Viele Unterstreichungen und Anmerkungen an den Rändern deuten auf einen häufigen Gebrauch und intensives Studium hin. Allerdings verwirren mich die vielen Verweise auf andere Bücher mir unbekannter Natur. Weder das Liber ivonis, die Cultes des Ghules oder das Necronomicon sind mir bekannt. Ob es sich um Fachliteratur handelt?

 

 

16. Oktober: Was für eine Nacht! Was für ein entsetzlicher Albtraum! Wenn es denn ein Traum war! Wenn es denn einer war! Muß alles niederschreiben. Von Anfang an …

 

Meine Grabkäferuhr zeigte 3 Uhr und 29 Minuten an, als ich durch einen Höllenlärm aus dem Schlaf gerissen wurde. Zuerst dachte ich, das dämliche Fhernhachenkind sei wieder in eine Falle getappt und wollte mich gerade auf die andere Seite zum Weiterschlafen drehen, als ich dieses kakophone Kähähähähähä hörte. Stollentrolle! durchzuckte es mich. Stollentrolle auf meinen sauberen Friedhof! Ich schlüpfte in meinen Morgenmantel und glitt hinaus. Da waren sie – ungefähr zwei Dutzend dieser Kreaturen am Südende des Friedhofes, direkt auf dem „Ich tanz auf deinen Grab- Abschnitt“ – einen Flecken festgestampfter Erde, unter der die Zeitgenossen verscharrt werden, die es auf der Leiter der Beliebtheit nicht über die erste Sprosse hinaus geschafft haben. Da waren sie also, diese Stollentrolle, und im trüben Licht des Mondes sah ich sie geschäftig hin und her wuseln. Was trieben die da? Ich glitt näher und erstarrte! Sie kegelten! Mit Yeti-Schädeln als Kugeln. Und Blutschinkenoberschenkelknochen als Kegel! Gerade wollte ich mich über die Entweihung dieser schon lange entweihten Stätte furchtbar aufregen, als ich etwas Seltsames bemerkte: Ich konnte durch die Stollentrolle hindurchsehen! Das waren gar keine Wesen aus Fleisch und Blut! Das waren Geister!! Geister, die auf meinen Friedhof kegelten!!! Ich stieß einen spitzen Schrei aus, wollte Schutz suchen. Da fuhren die Stollentrollgeister herum, erblickten mich, ergriffen ihre knöcherne Kegelausstattung, warfen sie hoch in die Luft – und verschwanden unter lauten Kähähähähähä. Vorsichtig schlich ich näher. Die heruntergefallenen Knochen bildeten ein – nein: drei Worte: „O Made, fuge“. O Made – das war klar. Damit war ich gemeint. Aber „fuge“? Sollte ich ein Badezimmer verfugen? Was wollten die Geister von mir? Ich rang meine vierzehn Hände und verkroch mich zagend ins Bett.

 

Am nächsten Morgen schaute ich in mein Wörterbuch aller Sprachen, Dialekte und Mundarten aller Länder und Welten. Dort las ich: Fuge. 1.) Das verfugen von Fliesen und Kacheln. 2.) Ausgestorbenisch für „fliehe, weiche“. Aha. O Made fuge heiß also „O Made, fliehe!“ Reizend. Ganz reizend!

 

Später …

 

Nachdem ich die Schrecken der letzten Nacht verdaut hatte, gönnte ich mir ein opulentes Frühstück. Danach stelle ich einen Kessel auf das Herdfeuer, brachte Wasser zum Kochen und bereitete mir einen erklecklichen Humpen Tees mit Rum. Eine Wohltat! Ich wollte mich gerade über meinen dritten Humpen hermachen, als es klopfte. Ich schlurfte zur Tür, öffnete sie und erstarrte vor Ehrfurcht! Vor mir stand Oberversenkungsrat van der Schippe, seines Amtes und Zeichens oberster Zwingherr aller zamonischen Friedhöfe und Spiritus Rector aller Friedhofsgärtner! Eine derart hochgestellte Persönlichkeit, ein solcher Herr in meiner Hütte. Und ich im Morgenmantel und mit einem Humpen Tee mit Rum in der Hand – nicht, daß mich der Herr Oberversenkungsrat für einen Trinker hielt! Doch ehe ich auch nur den Schatten einer Ausrede weben konnte, lächelte dieser huldvoll, streckte vier seiner vierzehn Hände aus und sprach mit sonorer Stimme:

 

„Ah, Tee mit Rum. Oder sollte ich sagen: Rum mit Tee? Wie schön, wie schön. Wollen Sie so freundlich sein und mir auch ein Tässchen oder dero zwo …?“

 

Ich reichte ihm eine Tasse und wir setzten uns an den Ofen.

 

„Sie fragen sich sicher, was mich zu Ihnen führt, lieber Herr Kerberus. Nun, ich wollte mich von Ihrem Wohl überzeugen. Davon, daß es Ihnen gut geht, das Sie alles haben, was Sie benötigen.“

Ich bedankte mich artig und versicherte, daß es mir an nichts mangelte. Mit schlauen Lächeln zog van der Schippe eine mittelgroße Flasche aus Blei aus seiner Tasche und legte sie mir in die Hände. Dabei stellte er fest:

„Großtroller Apokalypsen-Aquavit. Das Beste, was Sie für Pyras bekommen können. Löst sämtliche organischen und anorganischen Stoffe auf, mit dem es in Berührung kommt. Nur Blei widersteht diesen Zeug.“

„Und Haifischmadenmagenwände!“ ergänzte ich und dachte dabei: Donnerwetter! Großtroller Apokalypsen-Aquavit. Eine ganze Flasche!

„Jetzt bin sich sicher, daß sie alles haben, was sie benötigen, mein lieber Kerberus. Und kann wohl davon ausgehen, daß Sie uns weiterhin erhalten bleiben, ja? Uns nicht so schmählich im Stich lassen wie Ihre …“ er überlegte kurz „… neununddreißig Vorgänger?“

 

Ich prustete in meinen Tee.

 

„Neununddreißig?!“ stieß ich hervor. „Aber ich dachte, nur mein unmittelbarer Vorgänger sei …“

„Oje“, erwiderte der Oberversenkungsrat heiter, „da hat es wohl ein kleines Mißverständnis gegeben, was? Na, wie gut, das ich da bin und es aus der Welt schaffen kann, was?“ Er lächelte herzlich. „Ganz unter uns, mein lieber Gram – ich darf doch Gram sagen, oder?“

 

Ich erklärte, daß er es dürfte.

 

„Nun, mein lieber Gram, ich will frank und frei mit Ihnen sprechen: Seit der Eröffnung dieses Friedhofes vor fünfzehn Jahren sind neununddreißig Friedhofsgärtner verschwunden! Spurlos und über Nacht!“ Er nippte an seinen Tee und fuhr nachdenklich fort: „War natürlich auch manch ein unzuverlässiger Zeitgenosse darunter, wie Sie sich ja sicher vorstellen können, mein Lieber. Ich sage immer: Was dem einen die zamonische Fremdenlegion, das ist dem anderen der Ausgestoßenenfriedhof.“ Er sah auf seine Uhr. „Aber ich komme hier ins Plaudern und dabei habe ich noch so viel zu tun. So viel zu tun …“

Mit diesen Worten stand er auf, verabschiedete sich mit den Worten „Wenn Sie irgendwas brauchen, dann lassen Sie es mich nur wissen, mein Lieber!“ und stieg in seine Sänfte.

 

Als ich wieder alleine war, zog ich das Journal hervor und begann, es aufmerksam zu studieren.

 

 

Abends, beim flackernden Schein der Midgardzwergfett-Kerzen.

 

 

Den ganzen Nachmittag in den Papieren, Pergamenten, Steintafeln und Tonscherben meiner Vorgänger gelesen. Eine Erklärung für ihr Verschwinden konnte ich zwar nicht finden, doch die Einträge ergeben auch so ein schreckliches Bild. Dies sind die Punkte, die ich als besonders wichtig erachte:

 

1.) Seit der Inbetriebnahme dieses Ausgestoßenenfriedhofes vor fünfzehn Jahren ist jeder Friedhofsgärtner verschwunden – unter Zurücklassung sämtlicher Habe.

 

2.) Aus den fast gänzlich verblassten Einträgen des ersten Wächters – einer schlechten Idee namens Da-sollte-ich-mich-wirklich-mal-ein-wenig-weiter-vorbeugen – geht hervor, daß dieser Friedhof nicht angelegt wurde, sondern eines Tages einfach da war. Gestern noch ein schmatzendes Sumpfloch – heute ein perfekter Ausgestoßenenfriedhof.

 

3.) Die seltsamen Bücher auf dem Kamin stammen – entgegen meiner Annahme! – von keinen meiner Vorgänger. Sie tauchten in der Zeit des siebten Wächters einfach auf und gehören seitdem zum Inventar. Dem muß ich besonderes Augenmerk widmen!

4.) Geistererscheinungen wie die meine hatte jeder meiner beklagenswerten Vorgänger. Allerdings glich nicht eine der anderen. So berichtet einer von Yetis, die auf Sensen durch die Lüfte ritten und das Blutlied sangen, ein anderer schreibt, eine Horde Fhernhachen-Zombies habe ihn auf eine klagende Ahorn-Weide gejagt und – während er zitternd auf den Baum hockte – krächzend nach seinen Gehirn verlangt.

 

5.) Alle Aufzeichnungen enden genau fünf Tage nach der ersten Geistererscheinung!

 

 

17. Oktober: Grauenhafte Nacht gehabt. Genauer: Grauenhafte Träume gehabt. Noch genauer: Einen grauenhaften Traum gehabt! Fhernhachen-Zombies jagten mich kreuz und quer über den Friedhof. Sie wollten mein Gehirn fressen, wie ich mit jener absoluten Gewißheit wußte, die man manchmal im Traum hat. Bei meiner Flucht vor ihnen fiel ich in eine neu ausgehobene Teergrube und versank jämmerlich kreischend, während die Zombies um die Grube tanzten und „Gehirn! Gehirn!“ skandierten.

 

Schweißgebadet aufgewacht …

 

Nachdem ich mir eine Handvoll eiskaltes Wasser in das Gesicht geschüttet hatte, riskierte ich einen raschen Blick in den Spiegel. Mein Schädel war unversehrt und mein Gehirn also noch an seinen Platz. Höchstwahrscheinlich. Werde jetzt erstmal in Ruhe frühstücken und dann die Beerdigung vornehmen, die für heute Vormittag geplant ist. Eine schöne, ruhige und normale Ausgestoßenen-Beerdigung.

 

 

… Abend … Ich kann nicht darüber schreiben … Alles strebt einen Höhepunkt zu, den ich weder verstehe noch erkenne … Dieser Ort ist mein Grab … Muß versuchen, alles niederzuschreiben … auch wenn es unmöglich scheint …

 

 

 

Pünktlich um 11 Uhr erschien die Trauergesellschaft samt Sarg – eine abgetakelte Mannschaft Zwergpiraten, die ihren in unehrenhaften Kampf gefallenen Kapitän unter die Erde bringen wollten. Wir versammelten uns also an der Teergrube – die mir bereits des Nachts zuvor im Traum so übel mitgespielt hatte! – und ich legte eine Planke quer über sie hinweg. Die Zwergpiraten schulterten ihren toten Anführer, traten auf die Planke und – unter Absingen schauerlicher Shantys – warfen ihn in den Teer. Schmatzend versank die Leiche und war schon bald verschwunden. Ich wartete noch einen Moment, dann bücke ich mich hinab, um die Planke aufzuheben.

 

In diesen Moment geschah es: Der rechte Arm des soeben entsorgten Kapitäns durchbrach die zähe Flüssigkeit, die Hand ruckte nach hier und dort und verharrte endlich in meiner Richtung, ein Finger löste sich und wies auf mich. Zu allen Überfluß drang dann auch noch eine gurgelnde Stimme, als spräche ein toter Zwergpirat durch flüssigen Teer hindurch an mein Ohr: „Noch vier Tage, Made! Noch vier Tage, dann komme ich!“

 

Als ich mich entsetzt umwandte, war die gesamte Trauergemeinschaft verschwunden. Das war an sich nicht allzu schlimm, denn sie hatten die Beisetzung bereits im voraus bezahlt. Nein – viel schlimmer war das unerklärliche Verschwinden des Friedhofstores! Wo vorhin noch ein großes Tor zur Außenwelt gähnte, ist nun nur noch massiver Stein. Nichts deutet darauf hin, das sich hier je ein Tor befand …

 

Als ich mich mit zögernden Schritten der Mauer näherte, bebte plötzlich die Erde und – grässlich, grässlich, grässlich – der steinerne Wall wuchs scheinbar unendlich hoch in die Luft. Werde ich den Mut haben, die Worte aufzuschreiben, die sich mir unweigerlich aufdrängen? Werde ich … Ja! Ich werde:

 

Ich bin gefangen! Ich kann nicht hinaus! Ich kann nicht hinaus!

 

 

18. Oktober: Nachdem ich gestern stundenlang die Friedhofsmauer entlang gestolpert bin, verzweifelt versucht habe, sie zu erklettern und an ihrer fugenlosen Glätte gescheitert bin, habe ich mich – zerschlagen an Leib und Seele – zu Bett gelegt. Dachte, der Schlaf könnte meinen gemarterten Geist ein wenig Ruhe schenken. Ruhe! In diesen Leben werde ich keine Ruhe mehr finden. Kaum hatte ich meine Augen geschlossen und war eingeschlafen, als ich auch schon wieder erwachte. Jedenfalls kam es mir so vor. Ein furchtbarer Albtraum hatte mich heimgesucht.

 

Ich war über den Friedhof gewankt, auf den gleich drei Vollmonde ihr bleiches Licht ergossen. Als ich aufblickte, sah ich vor den Monden die knöchernen Schatten von Yetis, die auf Sensen ritten und das Blut-Lied sangen. Ehe ich mich verstecken konnte, hatten sie mich auch schon erspäht und stürzten sich auf mich. Sie packten mich, zerrten mich hoch in die Luft (wobei sie ununterbrochen das verdammte Lied sangen) und schleuderten mich von Yeti zu Yeti. Schließlich waren sie des argen Spieles müde und warfen mich zu Boden. Ich krachte genau in das Nest der Grasmuränen! Diese machten sich sofort über mich her und an diesen Punkt wachte ich schreiend auf.

 

 

Später …

 

 

Selbst die Bücher helfen mir nicht weiter. Als ich die Enzyklopädie der schleimigen, ekligen und widerlichen Dinge, Band 7, Kapitel 346 – Die Ausgestoßenenfriedhöfe aufschlug, bot sich mir ein Bild des Jammers: Irgendein Monster hatte die betreffenden Seiten einfach herausgerissen! Wer tut denn so was?

 

Das Necronomicon, das De Vermis Mysteriis und die Cultes de Ghuls ließen sich erst gar nicht lesen. Gedruckt in unleserlichen Zeichen und Symbolen bedürfen sie wohl eines gelehrteren Verstandes als meinen, um verstanden zu werden. Wut packte mich. Ich schrie auf, warf die Bände an die Wand und – erstarrte: Aus dem Necronomicon löste sich ein Blatt, fiel langsam zu Boden und fiel mit der bedruckten Seite nach oben zu Boden. Bedruckt mit deutlich lesbaren, zamonischen Buchstaben der Mezzo-Gotik. Ich hob es auf und spürte, nein: wußte! daß dieses Blatt die Lösung aller Rätsel barg. Ich war mir dessen absolut sicher! Gerade wollte ich mich danach bücken, als ich ein furchtbares, entsetzliches und schlichtweg ohrenbetäubendes Krachen von draußen vernahm. Hatte sich der Himmel aus seiner Verankerung gelöst und war auf die Erde gestürzt? War ein Komet von seiner ewigen Bahn durch das kalte Weltall abgewichen und auf diesen Planeten aufgeschlagen? Hatte meine Großtante Darthmanda etwa wieder ihre schlimmen Blähungen? Blödsinn! Wie sollte die alte Schachtel denn hier hergekommen sein?

 

Ich stürzte hinaus. Ein titanischer Schatten hatte sich vor die Sonne geschoben und verdunkelte den Friedhof und – soweit ich das beurteilen konnte – auch noch weite Teile des Umlandes. Was streng genommen auch kein Wunder war, denn was da viele Meilen hoch in den Himmel ragte, war nichts anderes als - ein Bollogg! Ein verdammter Bollogg mitten in den verdammten Friedhofssümpfen von Dull! War es denn zu glauben? Und wieso trug der morastige Boden diese ungeheure Last? Und wieso verschwendete ich meine Zeit mit den Stellen sinnloser Fragen und suchte nicht schleunigst das Weite?

 

Doch es war zu spät. Der Gigant packte mich und hob mich hoch vor sein abscheuliches Gesicht. Deutlich sah ich jede Falte, jede Runzel und jedes Nasenhaar in diesem gräßlichen Antlitz. Er schnob mir seinen pestilenzartigen Odem entgegen. Sein Auge verengte sich, als versuche er, zu erkennen, was für einen Käfer zur Hölle er da aufgegabelt habe, grollte ein urweltliches und gelangweiltes UUUUURRRGGGHHHH? und – schnippte mich davon! Ich raste dem Erdboden entgegen – nur war es diesmal kein Traum, aus dem ich gnädig vor den Aufprall erwachte!

 

Ich konnte weder schreien noch kreischen noch jammern – ich war wie erstarrt. Nur mein Gehirn lief auf Hochtouren – als ob mir das etwas nützte! Ich hatte gerade mit meinen Leben abgeschlossen und bereitete mich auf den Aufschlag vor, als ein Ruck durch meinen Körper ging und mein Sturz aufhörte. Ich öffnete die Augen und sah – einen Rettungssaurier! Einen herrlichen und anbetungswürdigen Rettungssaurier! Prächtigste aller Daseinsformen! Er grinste mich an und begann in weiten Kreisen, gen Boden zu sinken. Immer noch war ich wie gelähmt und unfähig, auch nur eine Silbe auszustoßen. Aber – wie gesagt – mein Gehirnkasten war noch intakt und so bemerkte ich etwas zutiefst verwirrendes: Wann immer uns die konzentrischen Kreise des Fluges über den Friedhof hinausführten, wirkte dieser wie ein gewöhnlicher Todesacker: Eine gewöhnliche Mauer, ein großes, offenstehendes Tor, Grabsteine aus Seife, ungepflegte Wege und verwildertes Gestrüpp. Sobald wir uns aber über den Friedhof befanden, bot sich ein ganz anderes Bild. Nun ragte die Mauer scheinbar meilenweit in den Himmel hinauf, war das Tor verschwunden, die Grabsteine nur noch Seifenlauge und das Gestrüpp ... oh, das Gestrüpp! Aber dieser Schrecken war nichts im Vergleich zu dem, der mich durchfuhr, als ich sah, wo dieser dämliche Rettungssaurier zur Landung ansetzte! Das schwachsinnige Vieh ging innerhalb der Mauern runter! Ich wollte protestieren, wollte ihn befehlen, bitten, anflehen, woanders zu landen. Woanders, nur nicht in diesen Höllenloch voller Geister und Grauen - doch ich war immer noch wie gelähmt. Der Saurier setzte sanft wie eine Feder auf, betrachtete mich gütig und mit den Worten „Das nächste Mal kann es ruhig ein Danke schön geben“ hob er ab und flog davon. Kaum war er am Himmel verschwunden, fiel die Lähmung von mir ab und ich fluchte gotterbärmlich und hemmungslos auf diese dümmste und überflüssigste aller Daseinsformen! Nicht wert, ein Blatt Papier zu nehmen, zu zerknüllen und sie damit zu be ... Ein Blatt Papier! Ein – Blatt – Papier! Das Pergament aus den Necro-nomicon.

 

Ich eilte in die Hütte, riss die Augen weit auf und – da lag es. Gierig griff ich mit vier Händen danach und hielt es vor meine Augen. Ich las – nichts! Ich sah – nichts! Das Pergament war leer wie meine Schnupftabaksdose an einen Samstagabend. Gerade wollte ich es angewidert und enttäuscht in das Feuer werfen, da sah oder besser fühlte ich winzige Erhebungen auf dem Pergament. Konnte es sein? Ich ging näher an das Feuer ran und in seinen flackernden Schein sah ich meine Vermutung bestätigt. Das Pergament war mit unzähligen Nadelstichen übersät. Buchhaimer Buchimisten Nadelcode. Der sicherste und schwierigste Code Zamoniens! Den ich zufällig fließend beherrsche. Ich gebe mich jetzt sofort an die Übersetzung und werde dann dieses grässliche Geheimnis endgültig lösen – oder den Wahnsinn verfallen!

 

 

19. Oktober: Mitternacht. Noch zwei Tage ... Doch gibt es keine Hoffnung mehr – nicht, nachdem ich das schreckliche Geheimnis dieses Ortes entschlüsselt habe. Alle meine Gebete zerfallen in meinen Mund zu Staub!

 

Und weit und breit kein Rettungssaurier in Sicht!

 

Doch bin ich es der Nachwelt schuldig ... ich muß der Reihenfolge ... Muß mich zusammenreißen ... Das Pergament aus dem Necronomicon ist nichts anderes als das Protokoll eines perversen wissenschaftlichen Genies. Das Protokoll eines kranken Geistes! Das Protokoll des Oberversenkungsrats van der Schippe. Dieser fand im Laufe kruder und verbotener Studien heraus, daß in der zamonischen Urzeit ein furchtbarer Sturm eine junge Gourmet-Insel entwurzelte und in dieses Sumpfloch schleuderte. Hier vegetierte die Pflanze vor sich hin. Als van der Schippe sie schließlich entdeckte, stand sie kurz vor dem endgültigen Verwelken. Der diabolische Oberversenkungsrat – verflucht sei sein krank-geniales Gehirn – erkannte sofort das Potenzial seines Fundes und die Möglichkeit, seinen lebenslangen Traum von einen perfekten Ausgestoßenenfriedhof wahr zu machen. In einer sturmgepeitschten Nacht fing er einen Klabautergeist und verfütterte ihn an die Gourmet-Insel! Was dann im einzelnen geschah, entzieht sich meiner Kenntnis, aber offenbar konnte die Insel sich nun von Ängsten und Gefühlen ernähren und nahm das Erscheinungsbild eines Friedhofes an. Dann versetzt sie den jeweiligen Friedhofsgärtner in immer größere Angst, bis er – von dieser Angst aufs Äußerste gepeinigt – reif zum Pflücken und Verspeisen ist. Und damit ist es raus, ist das unsagbare niedergeschrieben:

 

Ich bin Futter!! Fraß!! Fraß für einen ängstesaugenden Pseudofriedhof.

 

Doch noch gebe ich mich nicht geschlagen. Ich werde nicht im Magen einer verdammten Gourmet-Insel enden! Oh nein! Gerade fiel mir wieder ein, daß sich im Schuppen drei Fässer mit Tyrannowalfisch-Tran befinden. Hochentzündliches Zeug, gedacht für die Öllampen und Windlichter.

 

Gleich morgen früh werde ich die Fässer aufschlagen, dieser Hort des Bösen damit tränken und dann ... Mögen die Flammen diesen Albtraum verzehren, während ich im Keller des Beinhauses Schutz suche.

 

 

20. Oktober: Den ganzen Tag versucht, die Brandblasen an meinen vierzehn Händen zu verbinden. Hocke jetzt hier in meiner Hütte, halte die Feder zwischen meinen bandagierten Händen und versuche, die Chronik meines Scheiterns niederzuschreiben.

 

Unmittelbar nach den Erwachen ging ich zum Schuppen. Mein Gedächtnis hatte mich nicht getäuscht. Dort standen sie: Drei Fässer mit Tyrannowalfisch-Tran! Ich schleppte eines nach den anderen heraus, schlug mit meiner Handaxt ein Loch hinein und begann, das Zentrum des verfluchten Friedhofes mit dem Teufelszeug zu tränken. Nach einer Stunde war ich fertig. Die Arbeit hatte mir doch arg zugesetzt, ich hatte Hunger und ertappte mich dabei, wie ich leise vor mich hin kicherte. Fraglos eine Folge des Trangeruches!

 

Ich schlurfte – immer noch kichernd, wie ich gestehen muß – in meine Hütte zurück,holte eine Fackel und schleuderte sie in das Zentrum der von mir präparierten Stelle. Heißa, wie die Flamme loderte, heißa, wie das Feuer brannte. Ein wahres Höllenspektakel! Dann begann der Boden zu beben und ein Gekreisch – nicht von dieser Welt – erfüllte die Luft. Mein Plan funktionierte: Die Gourmet-Klabautergeist-Insel verbrannte! Ich hatte es geschafft! Ich ... Verdammt sei der kurze Moment meines Triumphes! Denn jetzt brach der Boden rings um den Brandherd auf und unzählige knöcherne Stollentrolle schoben sich aus dem Erdreich, schüttelten die Erde ab. Sie stellten sich um das Feuer auf und – ich traute meine Augen nicht – fingen an, zu pissen! Die verdammten untoten Stollentrolle pissten mein schönes Feuer aus!! Verdammte Stollentrolle! Wie konnten sie mein schönes Feuer ausstrullern – ohne Blase und so? Rasend vor Wut stürzte ich mich auf den mir zunächst stehenden und wollte ihn wegreißen. Sie durften mein Feuer nicht auslöschen – nicht so und auch nicht anders!Ich stürzte mich also nach vorne, als der verfluchte Gespensterpisser auswich und ich mit ausgestreckten Händen in die Flammen fiel. Kakodämonisches Gelächter erklang. Mit vor Tränen blinden Augen erkannte ich, daß sich der Kreis der Stollentrolle immer enger zog. Das Feuer verlosch. Die Stollentrolle winkten mir noch einmal höhnisch zu und verschwanden im Boden.

 

Nach wie vor bin ich gefangen – und meine Frist läuft ab! In zwei Tagen hat sich diese perverse Kreatur, die diesen Friedhof formt, ausreichend an meinen Ängsten geweidet und wird mich – da nunmehr nutzlos – töten. Und ich bin verdammt zu warten – verdammt zu warten auf einen Gespensterfriedhof, der jetzt auch noch wie ein atlantisches Bahnhofsklo stinkt ...

 

 

21. Oktober: Wahrscheinlich ist dies mein letzter Eintrag. Morgen läuft die Frist ab, die mir noch bleibt und da ich nun weiß, das eine Flucht ausgeschlossen ist, werde ich mit meinen Leben abschließen.

 

Wie anders ging es mir doch heute Morgen! Trotz verbrannter Hände und einen stechenden Ammoniakgeruch in der Luft machte ich mich auf, den Friedhof zu nochmals und gründlichste zu erkunden. Zuerst schlich ich die Mauern ab: Fugenlos, nicht zu ersteigen und seit neuesten auch noch mit einem grünen Pilz bewachsen. Das Tor – nach wie vor verschwunden. Den Versuch, eine der weinenden Weiden zu erklettern, verschob ich wegen meiner geschundenen Hände auf später. Plötzlich sah ich in der hintersten und schattigsten Ecke des Friedhofes, fast vollkommen hinter Sträuchern verborgen, etwas glitzern. Neugierig ging ich näher, drückte die Büsche aus-einander und sah einen Haufen Tonscherben, der das frühe Licht der Sonne reflektierte. Und in unmittelbarer Nähe des Scherbenhaufens – ein Lolch im Boden. Ein – konnte es wahr sein? - ja, der Eingang eines Tunnels. Ein gottverdammter Tunnel! Der hinausführen mußte! Wohin denn sonst? Ich streckte also meinen Madenkörper und kroch hinein. Es war eng und dunkel – eigentlich logisch in einen Tunnel – doch ich hatte das gewisse Gefühl, der Freiheit entgegen zu kriechen. Der Tunnel mäanderte vor sich hin und schließlich – ich musste den Friedhof längst hinter mir haben – stieg er an. Bumms! Mein Kopf prallte gegen eine Steinplatte. Der Ausgang! Ich war frei! Mit aller Kraft kippte ich die Platte senkrecht und kroch in einen dunklen Raum! Stockdunkel war es hier. Dunkel wie im Arsch eines Stollentrolls. Ich kroch weiter und – stieß gegen etwas Hartes. Ich kroch zurück und – stieß gegen etwas Hartes! Ich wollte mich aufrichten – ihr ahnt es sicher schon: Ich stieß gegen etwas Hartes! Zu allem Unglück kippte jetzt auch die Bodenplatte zurück und ich war gefangen. Undurchdringliche Dunkelheit um mich her. Doch halt: Knapp über mir sah ich einen schmalen Spalt Tageslicht – kaum wahrnehmbar, aber doch vorhanden. Konnte es sein … Ich stemmte meine Arme gegen die „Decke“ und drückte mit aller Gewalt. Knirschend verschob sich eine schwere Steinplatte, fiel zu Seite. Ich war frei. Nun erkannte ich, wo ich mich befand: Im Beinhaus des Friedhofes, in einen Sarkophag! Auf den gesprungenen Deckel waren noch mein Name und meine Lebensdaten zu lesen. Dieser Tunnel war nichts als ein weiteres grausames Spielzeug der Kreatur, die diesen Friedhof bildet. Wahnsinn und Verzweiflung packten mich!

 

Ich ergebe mich nun in mein Schicksal! Morgen werde ich diese Aufzeichnungen schließen. Begebe mich nun zu meiner letzten Nachtruhe. Möge alles schnell vorbei sein.

 

 

Der nachstehende Text bildet den fragmentarischen Abschluß des hier wie-dergegebenen Manuskriptes, das mir auf dunklen, geheimnisvollen Wegen zugespielt wurde. Der Text befand sich in einer Bleiflasche und war in recht guten Zustand. Lediglich das letzte Blatt wies Spuren von Beschädigungen und großer Hast auf. Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich zerstörte und fragmentarische Passagen weggelassen.

 

22. Oktober: Ein seltsames grünliches Licht fällt durch die Fenster und Ritzen meiner Hütte. Welch neue Teufelei mag das sein? Der Versuch die Tür zu öffnen scheitert. Sie bewegt sich keinen Millimeter. Auch die Fenster sind fest verschlossen. Anscheinend haben sich Ranken um die ganze Hütte gelegt und verwehren mir jede – sowieso sinnlose – Flucht nach draußen.

Ein furchtbares Krachen und Beben. Beginnt jetzt mein Harmagedon? Kreischendes Gelächter aus der Luft … Durch die Ranken schieben sich kleine Skelett-Hände und packen die Bretter – reißen sie raus. Die Ranken weichen zurück … Immer mehr Hände erscheinen … Die Hütte wird nahezu zerfetzt. Ein ledernes Flattern hinter mir: Das Necronomicon, die Cultes de Ghules und das De Vermis Mysteriis erheben sich in die Luft und taumeln gleich tagblinden und doch entsetzlichen Fledermäusen davon. Selbst das Urböse flieht vor diesen Ort!

 

Die Sonne hat sich verdunkelt. Überall schieben sich Pflanzententakel aus der Erde und peitschen umher. Sämtliche Gebäude und Grabsteine, jeder Baum und Strauch ist verschwunden. Ich stehe in einer von einer gigantischen Mauer umgebenen Öde aus sich windenden und tastenden Tentakeln.

 

Im Zentrum des Friedhofs bricht der Boden auf. Ein kreisrundes Maul von unglaublicher Größe … Und diese Zähne! Mein Gott, diese Zähne ...

 

Über mir fliegen Höllenyetis auf schartigem Sensen durch die Luft und singen das Blutlied. Um mich herum tanzen tote Stollentrolle und verhöhnen mich.

 

Da! Hoffnung keimt in mir auf! Ein Rettungssaurier taucht am Horizont auf. Kann es sein? Rettung in letzter Sekunde! Da! Er hat mich gesehen! Er kommt auf mich zu! Er ist schon über den Friedhof!! Ich hüpfe und tanze!!! Er stößt herab!! Ich lache kreischend!! Eine Katze? Eine Katze! Der verdammte Rettungssaurier pflückt eine Katze von der Mauer des Friedhofes. Wie zur Hölle kommt eine Katze dahin. Ich merke, wie mein Verstand zerbröckelt …

 

Verwahre das Manuskript in der Fasche Großtroller Apokalypsen Aquavit, die der Oberversenkungsrat mir zum Dienstantritt schenkte. Mag sein, daß die Bestie Blei nicht verdauen kann. Ein Tentakel hat mich gepackt. Er schleudert mich in das Maul des Albtraums … Ich …