Biographica

Biographica obscura et kuriosa

 

 

 

Die folgenden Kurzbiographien entstammen den heute leider vergriffenen und auch im Antiquariaten nicht mehr erhältlichen Werk „Biographica obscura et kuriosa – Vereinte, denkwürdige Leben und Personen, die den Kontinent Zamonica einst bewohnten, ihn durchzogen und ihre Spuren auf ihn hinterließen. Gesammelt von Luzifugus Smeik und zur allgemeinen Belehrung in Druck gelegt.“ Das in schweres Spinxxxen-Leder gebundene Buch in Groß-Folio Format ist 1.238 Seiten dick, auf lepröse Fhernhachenhaut gedruckt und in prä-druidischer Fraktur gesetzt. Zwei Lesebänder. Ecken verstärkt mit Zamomin. Zwei Messingschließen.

 

Charon F. Nackenwulst

Laubwolf. Friedhofsgärtner auf einem Ausgestoßenen-Friedhof.

Schon früh mussten die entäuschten Eltern von Charon F. Nackenwulst erkennen, dass ihr Sohn aus der Art zu schlagen drohte. Vertrieben sich andere junge Laubwölfe ihre Zeit mit Jagen und Fressen, hielt sich Nackenwulst lieber auf seinen Lieblingsbaum auf und träumte vor sich hin. Dieses widernatürliche Verhalten trieb ihn rasch in die soziale Isolation und verstärkte seine angeborene Melancholie beträchtlich.

Mit 23 Jahren verließ der mittlerweile schwerst schwermütige Laubwolf seine Heimat und machte sich auf, sich in den nahen Friedhofssümpfen bei Dullsgard zu ertränken. Auf seinem Marsch kam er an einem der berüchtigten Ausgestoßenen-Friedhöfe vorbei. Dieser deprimierende Anblick veränderte Charons Leben entscheidend. Niemals, so befand er, könne sein Leben so traurig sein, dass es sich mit der Trauer dieses Ortes vergleichen ließe. Hier, so spürte er, könnte er glücklich leben und ein alter Laubwolf werden.

Der Magistrat von Dullsgard übertrug ihm auf Antrag die Stellung eines Friedhofgärtners und setzte eine Besoldung von 90 Pyra pro Monat fest. Da die Bedürfnisse eines schwermütigen Laubwolfes sehr einfach sind, wurde Nackenwulst bald ein wohlhabender Mann. Als er im hohen Alter von 149 Jahren verstarb, wurde ihm vom Magistrat ein Ehrenbegräbnis unter seiner bevorzugten Trauerweide vergönnt. In einer ergreifenden Rede stellte der Bürgermeister von Dull die natürlichen Fähigkeiten von Charon F. Nackenwulst heraus, der es in seinen vielen Dienstjahren geschafft hatte, diesen an sich schon düsteren Ort in einen Hort der absoluten Bedrückung zu verwandeln.

Die von Nackenwulst gezüchtete weinende, klagende und heulende Trauerweide und die jammernden und kreischenden Totenkerzen werden noch heute auf jedem Ausgestoßenen-Friedhof eingesetzt.

Frakturus Antiqua

Unbekannte Daseinsform. Buchimist.

Frakturus gehörte der legendären, wenn auch übel beleumundeten Gilde der Buchimisten an und war von 593 bis 577 vor Blaubär deren Vorsitzender. Welcher Daseinsform er angehörte ist bis heute umstritten. Frakturus war maßgeblich an der Entwicklung von unsichtbarer Tinte für unsichtbare Federkiele in unsichtbaren Tintenfässern beteiligt, deren Marktein-führung leider an einem Engpass unsichtbaren Briefpapiers scheiterte. Kennern gilt Antiquas unsichtbare Tinte heute noch als das Nonplusultra in diesem Bereich.

Später wandte sich Frakturus der Übersetzung aus den Urzamonischen zu und schuf ein Kunstalphabet aus 54 Buchstaben (einschließlich 17 Umlauten und 7 Kehllauten). Dieses Kunstalphabet wird heute noch gerne genutzt, um ansonsten verständliche Texte in ein absolutes Kauderwelsch zu verwandeln.

In der Zeit seines Gildenvorsitzes schuf der geniale Buchimist ein strenges Kontrollsystem für Bücher verbotenen Inhaltes, den so genannten Index der absolut, unter gar keinen Umständen und einfach nie und nimmer nicht zu lesenden Bücher – und da wird keine Ausnahme gemacht.

Der Überlieferung nach starb Frakturus Antiqua bei der Entwicklung einer hochwirksamen Formel gegen Missbrauch buchimistischer Geheimschriften, die auf einem alten Fluch und einem neuen Gift basierte.

Frithjof "die silberne Sehne" Odinsohn

Midgardzwerg. Waffenschmied und Abenteurer

Frithjof entstammte einer begnadeten Sippe von Schmieden, die unvergleichliche Waffen und Rüstungen schufen. Für einen echten Odinssohn Zweihänder mit Ablaufrinne und gewundenem Runenkranz pflegten Kenner ungeheure Summen zu zahlen. Frithjof aber sah seine Herausforderung vor allem in der Entwicklung von Für-Dämonische-Lebensformen-extrem-Unangenehm-Waffen wie Wurfmessern aus Eichenholz, Arkebusen-kugeln aus Silber und Weihwasser-Werfer. Der Frithjof 7, ein schlankes Schwert aus purem Silber mit einer Schneide und einer gezahnten Seite (zum Fellabziehen), gelöscht in Weihwasser und gehärtet in Kometenwein, wurde schon bald zur kostspieligen Standardausrüstung für jeden Werwolfjäger.

Doch seine schöpferische Tätigkeit vermochte den unsteten Geist von Odinssohn nicht auf Dauer auszufüllen und er begann, sich nach Abenteuer und Aufregung fernab der Esse zu sehnen. Er beschloss daher eines Tages, sich DAS SCHWERT schlechthin zu schmieden und Ruhm und Werwolfpelze zu erlangen. Während der nächsten Tage und Wochen plante und studierte er die Waffenkunde der alten Tage und befand, dass nur Kleintroller Diamant-Silber für dieses besondere Schwert geeignet sei. Just in diesen Moment zog ein fahrender Händler vorbei, der Kleintroller Diamant-Silber en gros anbot. Die Tatsache, dass der Händler gelbe Augen hatte, einen dichten Bartwuchs aufwies und dass seine Ohren erstaunlich spitz waren, kümmerte Odinssohn nicht weiter.

Er kam nicht viel unter Leute …

Frithjof erwarb 15 Pfund des edlen Edelmetalls zu einem erstaunlich niedrigen Preis und machte sich sofort an das Schmieden DES SCHWERTES. Den sich schnell entfernenden Händler beachtete er nicht weiter. Nach drei Monaten des Schmiedens und Schleifens war die Tat vollbracht: Odinssohn hielt das perfekte Werwolfjagd-Schwert in Händen.

An dieser Stelle müssen wir die Handlung etwas straffen. Frithjof stellte also eines Nachts ein Rudel Werwölfe, stürzte sich auf sie und hieb wild um sich. Doch - Schrecken aller Schrecken – die Klinge zeigte keinerlei Wirkung! In seinem letzten Moment als lebendiger Midgardzwerg erkannte Frithjof, dass der große Werwolf, der da gerade seine Krallen nach ihm ausstreckte, doch verteufelte Ähnlichkeit mit den Händler hatte, welcher ihm das Silber verkaufte …

Rofocalus Z. E. A. Smeik

Haifischmade. Antiquar, Verleger, Bonvivant und Manipulator

Rofocalus lebte in Buchhaim, der Stadt der Bücher und Schriften, der Autoren und Agenten, der gescheiterten und der erfolgreichen, der gelesenen und der vergessenen Dichter. Als Haifischmade verfügte Rofocalus über angeborenes kaufmännisches Geschick, als Schöngeist von Natur aus war ihm die Literatur ein Steckenpferd und als Antiquar konnte er diese beiden Seiten seiner geistigen Prägung zusammenfügen.

Schon früh erkannte Smeik, daß der zamonische Büchermarkt ein überfluteter war und dass der Pegelstand beständig stieg und stieg und stieg. Um in einer von Novitäten überreizten Lesegesellschaft noch wahrgenommen zu werden, musste man sich daher spezialisieren.

Mit der für Haifischmaden typischen Intelligenz erkannte Z.E.A. eine ungeheure Marklücke. Ein Buch musste Unmengen an Umsatz einbringen, bis der Verleger Gewinn erzielen konnte. Wenn es Smeik nun gelänge, Verleger und Verkäufer in einer Person zu sein, wenn er gleichzeitig die Kosten für die Herstellung radikal senken könnte und den Einkauf der Manuskripte nach seinem Gusto optimierte – dann könnte er Bücher zu Schleuderpreisen auf den Markt werfen, den Massengeschmack mit Niedrigpreisen bedienen und dennoch einen satten Gewinn einfahren.

Rofocalus schloss daher einige sehr vorteilhafte Verträge mit Bücherjägern ab, die ihm Fetzen von der Wandbekleidung der „Ledernen Grotte“ besorgen sollten. Pro Dictor (→ Das Neue zamonische Wörterbuch – Zamonische Maßeinheiten ) bezahlte er ihnen 75 Pyra. Mit einer übel beleumundeten Papiermühle vereinbarte er den regelmäßigen Bezug von Billigpapier der untersten Güte. Schließlich schlich sich Rofocalus Z.E.A. Smeik nachts auf den Friedhof der toten Dichter und stahl diesen – hier sträubt sich meine Feder –niedrigsten von allen Geschöpfen Buchhaims ihre Manuskripte.

In seinem Antiquariat sortierte er die besten davon aus, heizte damit seinen Kamin oder – erneut sträubt sich meine Feder – er wischte sich damit den A…. Nur die schlechtesten Pamphlete fanden Gnade vor seinen kalten Kieselaugen. Er druckte sie auf das schlechte Papier und band sie in Fetzen aus der Ledernen Grotte ein. Dann brachte er diese Bücher unter den Reihennamen Edition Smeik mit viel Wirbel auf den Markt und verdiente sich eine goldene Nase damit.

Die Leserschaft von Buchhaim liebte diese Bücher, da jedes aufgrund des Einbandes ein Unikat war, das schlechte Papier war so schön nostalgisch-wurmstichig und jeder Käufer dachte, solch schlechte Texte seien ein absichtlich eingesetztes Stilmittel und es müsse doch sicher etwas Sinnvolles oder gar Geheimes dahinterstecken.

Rofocalus Z.E.A. Smeik starb als hoch geachteter und reicher Mann in einer Vollmondnacht, als er bei einem Raubzug über den Friedhof der toten Dichter versehent-lich in eine Teergrube stürzte. Sein geteerter Leib ist noch heute – bekränzt und besungen – im Rathaus von Buchhaim ausgestellt.

Schwellfuß Nietnagel

Wildschweinling. Erfolgloser Bücherpirat.

Geboren als dreizehntes Kind moralisch verkommener Eltern, ließ der kleine Schwellfuß schon früh das Schlimmste ahnen. Kaum konnte er laufen, schlug er mit einer Gruppe Frischlinge bis nach Buchhaim durch, wo er sich als Bücherjäger verdingte. Da er weder lesen noch schreiben – ja, nicht einmal ein Buch von einen Bienenbrot unterscheiden konnte, war dieser Tätigkeit keine lange Dauer beschieden.

Als er eines Tages die Abbildung eines Bücherpiraten aus alten Tagen sah, beschloss er, es diesem gleichzutun. Leider war sein Gehirn nicht in der Lage, die zwei Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tätigkeit als Bücherpirat zu unterscheiden, vulgo, er kannte zwar das Berufsbild des gemeinen Piraten, aber nicht das des spezialisierten Bücherpiraten.

So kam es denn, dass Schwellfuß Nietnagel bis in das hohe Alter in einer Schaluppe über die Meere kreuzte, aber nie eine fette Prise machen konnte. Wie er sich über Wasser halten konnte bzw. seiner Mannschaft die Heuer bezahlte, ist unbekannt. Allerdings ist es vorstellbar, dass er sich auf gewöhnliche Freibeuterei verlegte und dieser recht erfolgreich frönte. Jedenfalls ist es erwiesen, dass sich fast alle Mitglieder seiner Mannschaft nach den spurlosen Verschwinden von Schwellfuß ein luxuriösen Leben leisten konnten.

Wulfhart von Neidstein

Lindwurm. Verdrehter Minnesänger.

Wulfhart von Neidstein war ein junger Lindwurm, der sich schon früh auf eine bestimmte Literaturrichtung festlegte: dem Minnesang. Doch die Vorsehung hatte es nicht gut mit Wulfhart gemeint und so kam es, das seine Neigung zu einer Spinnxxxe entflammte, von der er nichts wusste, außer, daß es sie irgendwo gab. Er verließ also die Lindwurmfeste und machte sich auf, seine Spinnxxxe zu finden und sie für sich zu gewinnen.

Nach langen Jahren der Wanderung – während der er unablässig Liebeslieder an seine „hehre Spinnxxxe“ sang, kam er an die Dämonenberge. Das Echo der hohen Berge gefiel ihm gar sehr und er gedachte, in ihren Schatten ein neues Lied auf seine Angebetete zu komponieren und der Natur zum Besten zu geben.

Während er sich mit diesem edlen Ansinnen herumschlug, kippte das Wetter und ein schauerlicher Sturm kam auf. Wulfhart von Neidstein suchte Schutz in einer nahen Grotte und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Leider musste er nicht allzu lange harren – sein Gesang und sein Harfenspiel hatten eine Spinnxxxe (sie lebte just in dieser Grotte und man kann mal wieder sehen, wie gemein die Götter sein können) angelockt, die sich Wulfhart von hinten näherte.

Dieser, von einen Geräusch aufgeschreckt, fuhr herum und schaffte es gerade noch, die Leier zu zupfen und auszustoßen: „O minnigliche Frau, o …“, da verschlang ihn die Spinnxxxe auch schon. So starb der einzige Spinnxxxen-Troubador Zamoniens und keiner kann sagen, welcher Schaden der Literatur damit entstand.

Melichor Meuchelbrot

Zwergpirat. Plünderer, Freibeuter, verlorene Seele.

Das Meer in seiner Unendlichkeit ist die Heimat des Melchior Meuchelbrot. Von Ost nach West, von Süd nach Nord, durch Wellentäler und durch Zyklone pflügt die Nussschale von Meuchelbrot die zamonischen Meere. Schon von ferne hört der aufmerksame Lauscher das Gekeife und Gefluche des Kapitäns und wer das Glück hat, den Zwergpiraten zu sehen, der vergisst ihn nie. Linkes Bein aus Tyrannowalfischbein geschnitzt, rechter Arm aus Tyrannowalfischbein geschnitzt und mit Haken versehen, Dreispitz aus Tyrannowalfischhaut und eine Narbe, die vom Scheitel bis zur Sohle reicht und seinen kleinen Leib quasi in zwei Teile spaltet.

Ein nachdenklich stimmender Anblick ist er. Sein Schiff, die Wilde Hilde ist mit 5 Masten eines der schnellsten auf den sieben Weltmeeren und wenn die Wilde Hilde alle 149 Segel gesetzt hat, fliegt sie nur so dahin. Und die Mannschaft erst – der wüsteste und verkommenste Haufen alter Seebären, der jemals Salzwasser und Walspeck gekostet hat.

Allerdings verdunkelt ein finsteres Geheimnis das Seefahrerleben Meuchelbrots, das ihn zur Legende im an solchen reichen Zamonien werden ließ. In jungen Jahren hatte er als erster Maat unter Benedikt den Entbeiner das Piratenhandwerk erlernt. Eines Tages stachelte Melchior die Mannschaft zur Meuterei auf, ließ seinen Kapitän über die Planke laufen und nahm dessen Schiff in Besitz.

Dummerweise gelang es Benedikt den Entbeiner mit seinen letzten Atem, das Schiff, die Mannschaft und im besonderen Meuchelbrot zu verfluchen. Auf immer und ewig sollte die Wilde Hilde die Meere durchpflügen, nirgends Anker werfen können, nirgends Wasser aufnehmen können und nimmer ein Faß voll Rhumm haben. Ehrbare Seeleute sollen schaudern bei ihren Anblick und die Bärte der Meuterer sollten im salzigen Wind verfilzen.

Doch der Entbeiner war kein grundschlechter Pirat und ließ seinen ehemaligen Maat eine Hintertür zur Erlösung von diesen Fluch: Wenn es der Besatzung der Wilden Hilde gelänge, ihre gesamte Takelage durch Seile und Taue aus Sand zu ersetzten und mit Segeln aus Papier gegen den Sturm zu segeln und wenn Melchior seinen verfilzten Bart mit einen Kamm ohne Zinken reinigen könne, dann sollte der Fluch aufgehoben sein.

Und so segelt die Besatzung der Wilden Hilde denn dahin, nimmt Sand von den Sandbänken auf und versucht, Seile daraus zu drehen. Segelt dahin und verschleißt Unmengen an Papier und bricht Zinken aus Kämmen. Segelt dahin ohne Rhumm und ohne Ziel.

Wenn Du also, geschätzter Leser dieser Zeilen, das nächste Mal die Wilde Hilde und ihren Kapitän begegnen solltest, so bete für sie und schenke ihnen einen Kamm, ein paar Bögen Papier und ein Eimerchen voll Sand. Sie können es brauchen.

Gurgelbert Labberseufz

Tratschwelle. Erfolgloser Alleinunterhalter.

Ach ja, die Tratschwellen. Wie viele unglückliche Seeleute wurden von ihnen schon um den Verstand geredet, wie viele arme Zamonier sanken in das nasse Grab, die Ohren noch erfüllt vom unaufhörlichen Geplapper der Plagegeister aus Wasser. Gurgelbert Labberseufz war eine durchschnittliche Tratschwelle. Ihr Wortschatz war weder besonders groß noch besonders schön. Tratschwellen-Durchschnitt eben. Und doch hat sich Gurgelbert einen exponierten Platz in dieser Biographica verdient – denn sein Schicksal war äußerst absonderlich.

Eines Tages ließ sich Labberseufz so vor hin sich treiben, als er am Horizont einen schwarzen Schatten sah, der rasch näher kam, größer wurde und an Masse gewann. Der Himmel verdunkelte sich vor Qualm und Dunst, der Geruch von feuchten Eisen erfüllte die Luft und Gurgelbert erkannte, was da auf ihn zuhielt: Es war die MOLOCH! Natürlich hielt das Schiff nicht auf ihn zu, sondern er kreuzte nur zufällig die Bahn dieses Schiffes, aber machen sie diesen Unterschied mal einer Tratschwelle klar!

Die MOLOCH rauschte also heran, rauschte vorbei und Gurgelbert wurde an die Backbordseite gepresst und für ein paar Sekunden fehlten ihm die Worte. Gerade wollte er nach Luft schnappen und einige saftige Seemannsflüche vom Stapel lassen, da geschah das Unfassbare: Aus einen Bullauge senkte sich ein großer Eimer, tauchte in das Wasser und nahm die Tratschwelle samt einiger Liter gewöhnlichen Wassers auf. Ein Ruck, ein Zuck und Labberseufz befand sich im Inneren der MOLOCH. Der Koch, der das Wasser benutzen wollte, um Suppe a la Maison zuzubereiten (also Salzwasser, Salz und Wasser mit etwas Salz) war ein alter Seeyeti, den so schnell nichts umwarf. Als er Gurgelbert in seinen Eimer schwimmen sah, kam ihn eine geniale Idee: Er schickte nach den dritten Maat und teilte ihm mit, er habe das Problem der fehlenden Motivation an den Dampf-kesseln gelöst. Man solle diesen Eimer mit der Tratschwelle einfach in den Kesselraum stellen und die Welle werde sich als begnadeter Alleinunterhalter erweisen. Mit Blick auf Labberseufz fügte der Koch hinzu, im Falle einer Arbeitsverweigerung durch die Welle werde man einfach vergessen, ihr regelmäßig Wasser nachzufüllen – was ihrer Lebensdauer im heißen Kesselraum nicht förderlich sein dürfte!

Drei Wochen tat Gurgelbert harten Dienst. Er tratschte, was das Zeug hielt, erzählte Schauergeschichten, spann Seemannsgarn und gab Witz um Witz zum Besten. Doch die Mühlen der MOLOCH mahlen zwar langsam, aber sie mahlen gründlich. Und Labberseufzens Schicksal war von seinem ersten Witz an besiegelt. Denn er kannte nur zottige Yetiwitze. Und die Aufseher an den Kesseln waren ausnahmslos Yetis. Zuerst lachten sie noch, dann grinsten sie, dann greinten sie, dann schwiegen sie und schließlich murrten sie, wann immer Gurgelbert einen Yeti-Witz zum Besten gab. Schließlich brannte die Lunte ab. Mitten in einen besonders schmutzigen Witz über einen Yeti, eine Hutze und einen Zwiezwerg packte ein Yeti den Kübel, in den Labberseufz schwamm und schleuderte ihn in den nächsten offenen Kessel, wo der arme Gurgelbert sofort verdampfte und nie mehr gehört ward.