Dichter

Der Dichter

 

 

Von Perla la Gadion

 

 

Einst - es wahr wohl Weihnacht, glaub´ ich - da ich heiter saß

 

und traulich,

 

über frisches Dämonenbienenbrot mich machte gierig her -

 

und Grams sich dreimal schon erbrochen, scholl auf einmal leis

 

ein Pochen,

 

gleichwie wenn ein Federkiel pochte, von dem Lesepulte her.

 

„´s ist ein Dichter wohl”, lallt ich, “wer da pocht so lästig zu

 

uns her -

 

das allein - nichts weiter mehr.“

 

 

Ah, ich kann´s genau bestimmen: Holzzeit war´s und ich von

 

Sinnen,

 

Und der Pyras schnell verschwinden machte meine Börse leer.

 

Hastig versuchte ich mir Geld zu borgen; keiner gab was, hat

 

auch sorgen,

 

ob Appeli, die besoffen, wohl ums Geld zu bringen wär` -

 

ob Appeli, die besoffen, wohl am Ende gar auch vollkommen

 

pleite wär` -

 

in der Börse kein Geld mehr.

 

 

Und des Wirtes gierig-greifend Drang von pekuniären

 

Belang,

 

füllt, durchwühlt mich mit Bangen, wie ich´s nie gefühlt vorher;

 

also das ich meine Stimme hob und rief aus: “Ich hab` Kredit - bei

 

Gottes Lob.

 

Es ist kein Geld heut` da, doch morgen ich mit Pyras Euch beehr` -

 

Morgen werd` ich zahlen, ich schwör` es Euch auf und bei meiner

 

Ehr`; -

 

Glaubt es mir und stört nicht mehr.”

 

 

Er verschwand, es floh mein Bangen, und so rief ich

 

Unbefangen:

 

“Holla Klogatte - Hussa Germi - eine Runde bitte sehr!

 

Sei es Met, sei es Wein - was ihr wollt trinken, soll es

 

sein.

 

Leert die Humpen und bringt neu gefüllte zu mir her -

 

Trinkt auf die Weihnacht” - damit zog einen Kelch ich

 

zu mir her -

 

Rumpunsch war´s - was will man mehr?

 

 

Tief ins Glas späht ich lange, zweifelnd, wieder seltsam

 

bange -

 

Lieder singend wie keine Haifischmade sie sang vorher;

 

Doch die Kumpane gaben Zeichen und ich ließ den Sang

 

verstreichen,

 

denn die Milch in Bärnums Glas ward sauer - quelle Malheur!

 

Selber schmeckt` ich´s und nimm´s allein auf meine

 

Ehr`:

 

Die Milch war sauer - nichts weiter mehr!

 

 

Erneut ich mich den Punsch zuwandte, der mir auf der Zunge

 

brannte,

 

Hört` ich abermals ein Pochen, etwas lauter denn vorher.

 

“Ah, gewiss”, so stieß ich auf, “zieht gleich eine Lesung

 

rauf.

 

Ist mal wieder Holzzeit - ja, so ich´s mir erklär`; -

 

halt Dir die Ohren zu, mein Pecks, es gilt jetzt

 

lassiz faire -; `s ist Holzzeit - nichts weiter mehr!”

 

Zurück warf ich mich in den Sessel, gebannt nur von der ödnis

 

Fessel,

 

da schritt ein abgehärmter, abgehalfterter Dichter her;

 

Grüßen lag ihm nicht im Sinne, keinen Blick lang hielt

 

er inne;

 

Mit hochherrschaftlicher Miene stieg empor zur Tribüne er -

 

setzt sich auf des Lesers Stuhle hintern Lesepulte dort -

 

er

 

stieg und saß - nichts weiter mehr.

 

 

Doch der lump´ge Dichterling war nun wirklich nicht

 

mein Ding,

 

lies mich rülpsen ob der Miene, der er macht` so ernst und hehr.

 

“Ward Dir auch kein Talent zur Gabe”, sprach ich, “so doch stolz

 

Gehabe,

 

grauslich grimmer alter Barde, Schreiberling ohne` jegliche ‘Ehr`-

 

sag, welch hohlen Wortmüll liest Du, kommst uns damit in die

 

quer?”

 

Sprach der Dichter: “Ich les` jetzt - bitte sehr!”

 

 

Schaudernd hört dies` drohend` Klingen ich den Poeten sich

 

entringen,

 

denn die Aussage war nicht sehr erfreulich und Abscheu lastet schwer;

 

und wir müssen wohl gestehen, das es leider viel zu oft schon ist

 

geschehen,

 

solch ein Wesen zu sehen, das vom Lesepulte her -

 

das vom hölzernen Lesestuhle her hintern hohem Lesepulte

 

her -

 

sprach: “Ich les` jetzt - bitte sehr!”

 

 

Doch der droben einsam ragte und diese wen`gen Worte

 

nur sagte,

 

gleich als schütte seine Seele aus in diesen Worten er,

 

keine Silbe sonst entriss sich seines schlichten Wortschatzes

 

Verlies.

 

Ich murmelte: “Und wieder hab` ich kein geladenes Gewehr!

 

Gleich wird er lesen und ich hab keine Dolche, kein geladenes

 

Gewehr!”

 

Sprach der Dichter: “Ich les` jetzt - bitte sehr!”

 

 

Einen tiefen Schluck vom Punsche nehmend und mich nach den

 

nächsten sehnend,

 

Sagt`ich: “Fraglos hat noch nie veröffentlicht der Kerl bisher!

 

Er ist bei einen Verleger in Pflege, der ihn gibt so viele, harte

 

Schläge,

 

das all sein Schreiben ist tödlich öde, trostlos, leer -

 

das all sein Schaffen ist giftig, schädlich, schwarz und

 

leer,

 

wie dies »Ich les` jetzt - bitte sehr!«.”

 

 

 

Doch was immer ich auch trank, die drohend` Lesung macht`

 

mich krank

 

immer noch, und so packt ich rasch Amanda am Revers

 

und ließ den Rumpunsch fließen, fing an, Weihnacht

 

zu begießen,

 

Trank auf Amandas Wohl, bedrängte sie gar sehr -

 

Trank ihr zu, trank auf sie, bedrängte sie arg und auch

 

sehr.

 

Oben hallt es: “Ich les`jetzt - bitte sehr!”

 

 

Um dies Dräuen zu ignorieren, fing ich an, mehr Punsch zu spendieren.

 

Doch die Drohung einer Lesung schwebte über meiner Laune hin und her.

 

Brütend über Ungewissen, stand ich auf und wollt`geh`n

 

pissen.

 

Wollte wanken zum befreiend` Wasserlassen - so mein Begehr -

 

Wenn doch nur der Weg zur Latrine nicht gar so lang und kalt und

 

Dunkel wär.

 

Und weiter klingt: “Ich les` jetzt - bitte sehr!”

 

 

Da auf einmal nahet Hoffnung, ich seh die näher kommend`

 

Rettung -

 

Der Wirt eilt von der Theke schleunigst zu mir her.

 

“Ärmster”, rief er, “sieh, ich reiche Dir diesen Nachttopf, das der Druck

 

entweiche Dir!

 

Hier kannst Du laufen lassen Deine Blase leer –

 

Nimm das gehaltvolle Becken und las laufen, bis die

 

Blase leer.”

 

Oben schallt es: “Ich les` jetzt - bitte sehr!”

 

 

“Ah, Du drohst uns ohne`Zweifel, Dichterling! Ob Buntbär, ob

 

Feuerteufel -

 

Ob Dich Darthula sandte, ob Minus Dich lies hierher,

 

Talentlos, doch ganz ohne Bangen, in dies überteuerte Lokal

 

gelangen,

 

In dieser Nacht, vom Punsch umfangen, - sag mir, bitt` Dich sehr -

 

Gibt es - gibt es bei Tegum zu Haus` noch Rum? - sag`s mir

 

Bitte sehr!”

 

Sprach der Dichter: “Ich les` jetzt - bitte sehr!”

 

 

“Ah! dann nimm den letzten Zweifel, Dichterling - ob Buntbär, ob

 

Feuerteufel!

 

Bei meinen Bauch, der schwer sich vor mir wölbt - bei meiner Ehr`-

 

künd`mir: wird es denn geschehen, kann ich, können wir, Dich

 

überstehen?

 

Dürfen wir Dir einen geben, kreuzweise auf die Nase, hin und her -

 

Dürfen wir Dich verprügeln und vertrimmen, kreuzweise, immer

 

hin und her?”

 

Sprach der Dichter: “Ich les` jetzt – bitte sehr!”

 

 

“Sei denn dies Dein Abschiedszeichen”, schrie ich, “Stümper

 

ohnegleichen!

 

Heb Dich hinweg und kriech in das Loch, wo Du kamst her!

 

Kein einzig` Blatt Papier, keine einz`ge Zeile von Dir bleibe

 

hier.

 

Laß mit meinen Punsche mich allein - hinfort, hinweg Dich scher!”

 

Lies nicht länger Deine Werke! Pack Dich! Fort! Hinweg Dich

 

scher!”

 

Sprach der Dichter: “Ich les` jetzt - bitte sehr!”

 

 

Und der Dichter rührt sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt

 

noch immer

 

auf den hölzernen Lesestuhle hintern Lesepult wie vorher;

 

Und in seiner kalten, bleichen Hand dräut sein Lyrik-Dünndruck-

 

Band.

 

Und das Fass mit Rumpunsch wird stetig, langsam, schleichend leer

 

und es hebt sich endlich zu meinen Mund, den trocknen, kalt und

 

schwer

 

Mein Humpen - leider leer!