Inspektorin

Inspektorin Tegums letzter Fall

 

Das erste zamonische Criminalstückchen

 

 

Der tote Bibliophile

 

 

„Tja. Earl Grams ist hin. Schädel eingeschlagen mit einem stumpfen Gegenstand. War wahrscheinlich sofort tot und konnte uns leider keinen Hinweis mehr auf den Mörder geben. Schade, schade, schade. Das hätte uns die Arbeit einfacher gemacht. Wenn wir nur wüssten, womit der Mörder ihn so zugerichtet hat!“

So sprach seufzend Zwischendeck-Inspektorin Tegum, nachdem sie sich den Schauplatz des Verbrechens besehen hatte.

„Hrm.“ Der greise, doch erstaunlich agile Butler Germison räuspert sich vernehmlich. Tegum blickt auf einen blutverschmierten Folianten, den ihr das Faktotum entgegenreckt.

„Ich denke, Frau Inspektor, die weitere Suche nach dem Werkzeug des Meuchlers erübrigt sich damit.“

 

Tegum nimmt das Buch entgegen. Zehn kreuzweis auf den Nackten und fünfzehn doppelt gestrichen – sexuelle Erfüllung mit der Reitgerte, murmelt die Ermittlerin. „Dünndruck, 7.983 Seiten, Leder mit eisenverstärkten Ecken und Messingschließen. Schwere Kost – anscheinend zu schwer für den Earl.“

 

Die anderen Anwesenden im Raum lachen leise in sich hinein. Neben den Butler befinden sich im Rauchsalon: Die stets klamme Erbnichte des Ermordeten, Schwipp de Schwapp; Der dubiose Anwalt Zeze Maliziö; die mondäne Mätresse des Toten, Amanda la Hutz; die heiratswillige Privatsekretärin Appeli D.; die Gärtnerin Lia und der heruntergekommene, erst kürzlich aus den Kolonien heimgekehrte Neffe des Toten, Mr. P.

 

 

Ein Anwalt tritt ab

 

 

23 Minuten vor acht Uhr am nächsten Abend. Leise knarrend öffnet sich die Tür zum Arbeitszimmer und die in argen Geldnöten befindliche Erbnichte huscht hinein. Kurz blickt sie sich um und versteckt sich sodann hinter den rechten, schweren Brokatvorhang.

 

5 Minuten später öffnet sich erneut die Tür und mit blitzendem Monokel pirscht sich der Familienanwalt hinter den linken Vorhang (ebenfalls schwerer Brokat) – darauf bedacht, im dämmrigen Zimmer kein Geräusch zu machen.

 

Um zehn vor Acht kommt es zu einer kurzen, peinlichen Szene, als sich sowohl die Mätresse wie auch die lüsterne Sekretärin im Schrank verstecken wollen. Zum Glück erweist sich der Schrank als groß genug, den plötzlich ertönt das Klappern einer Heckenschere vom offenen Fenster her und die Gärtnerin reckt ihr Haupt vorsichtig in das Zimmert.

 

Die Minuten schleichen – endlich ist es acht Uhr. Die Tür schwingt auf und der junge, schurkische Mr. P. und das alte Familienfaktotum betreten die Szene. Goldmünzen wechseln den Besitzer, Ergebenheitsadressen werden gemurmelt, belastende Papiere entflammen im Kamin. Mr. P. greift mit maliziösen Grinsen nach der Flasche mit altem Port und schüttet zwei Gläser ein.

„Auf Ihr Wohl, mein Bester! Mögen Sie unserer Familie und vor allen mir noch lange zu Diensten sein!“

„Ich werde mein bestes geben“, gackert der Butler. „Solange Sie genug von denen da haben“, feixt er dann und zeigt auf die Goldmünzen.

Aus den schattigen Tiefen des Lehnsessels ertönt die sonore Stimme vom Zwischendeck-Inspektorin Tegum: „Wenn ich vielleicht auch um ein Glas bitten dürfte, meine Herren?“ Die Szenerie erstarrt im Schrecken.

 

Der – höchstwahrscheinlich schurkische - Mr. P. fasst sich als Erster. „Aber natürlich, meine Dame. Sie sollen schließlich nicht darben! Möchte noch jemand von den lieben Anwesenden einen Schluck?“

 

Die Brokatvorhänge bewegen sich zur Seite. De Schwapp tritt hervor und murmelt etwas von Ohrringen, die sie hier irgendwo verloren habe und just suchte, während der obskure Anwalt jede Verstellung ablehnt und sein Monokel poliert. Aus der Schranktür ist ein leichtes Ausatmen zu hören, die Türe schwingt auf und zwei reichlich desolate Damen betreten das Zimmer. Die Anwesenden übersehen galant den derangierten Zustand der beiden. Tegum fragt unschuldig:

„Und? Konnten Sie die Motten vertreiben?“ Lachen vom Fenster her. „Ach ja, die Gärtnerin. Gesellen Sie sich doch zu uns auf ein Glas.“

 

Schließlich sind alle im Arbeitszimmer versammelt, halten ein Glas Port in Händen (bis auf das versoffene Familienfaktotum Germison, der schon an der zweiten Flasche nuckelt) und versuchen, sich gegenseitig zu ignorieren.

 

„Schön, daß ich Sie alle hier vorfinde. Es gibt Fortschritte im Fall des ermordeten Earls. Wie Sie alle wissen, war der Verstorbene ein leidenschaftlicher Bibliophiler. Meine Nachforschungen ergaben nun, daß seit geraumer Zeit Bücher aus der Sammlung Grams auf dem schwarzen Markt auftauchen – verkauft über das Anwaltsbüro Zeze M. und Inkunabel. Haben Sie dazu vielleicht eine Erklärung, Herr Anwalt?“

 

Alle Augen richten sich auf Zeze. Dieser nimmt lässig sein Monokel in die Hand, wirbelt es umher und – packt sich an die Kehle. Ein Krächzen – ein Zucken – ein Augenverdrehen. Der Anwalt kracht zu Boden.

 

Tegum kniet neben ihm. „Tot! Blausäure. Wahrscheinlich im Port. Der Mörder ist unter uns, meine Damen und Herren!“

 

 

Diese Hutze putzt nie mehr

 

 

Am nächsten Tag nach der erbaulichen Szene mit dem unerquicklichen Tod des maliziösen Anwaltes im Arbeitszimmer: Es ist 12 Uhr und die verbliebenen Angehörigen des Haushaltes haben sich um den Esstisch versammelt. Der saumselige und mal wieder hoffnungslos betrunkene Butler trägt eine Suppenterrine in Händen und eine Rumfahne vor sich her. Während er die Suppe verkleckert, nuschelt er vor sich hin: „Verzeihung, jungäär Herr – aber warten wir noch auf die kapriziöse Konkubine ihres verstorbenen Onkels oder darf ich bereits auftragen?“

 

Mr. P. und die Ermittlerin blicken auf, während die anderen begierig die Suppe auslöffeln.

 

„Amanda wird bestimmt noch den Keller putzen“, sinniert Mr. P. „Sie kennen ja diese Hutzen. Wenn sie nicht vorm Spiegel stehen, schnappen sie sich einen Putzeimer und legen los.“

 

Tegum zieht die Augenbrauen hoch.

 

„Wissen Sie“, fährt Mr. P. fort, „ Die gute Amanda ist von einer seltsamen Obsession besessen! Sie glaubt, wenn sie nicht einmal am Tag den Keller putzte, dann kämen kleine Tierchen in ihr Bett und fräßen sie auf. Har, har, har.“

„In Anbetracht der jüngsten Ereignisse sollten wir sie nicht zu lange im Keller alleine lassen. Finden Sie nicht, Mr. P.?“ Zwischendeck-Inspektorin Tegum erhebt sich. „Kommen Sie mit – wir holen sie.“

 

Es folgt nun das 13 minütige Herabsteigen in den Keller und das Auffinden der toten Amanda la Hutz...

 

„Also, die putzt nicht mehr in dieser Welt“, entfährt es Mr. P, als er die Tote im Putzkittel, Kopftuch und mit Wischmopp in der Hand sieht. „Was hat sie umgebracht?“

„Die Tatsache, dass sie zum Putzen keine Handschuhe trug“, antwortet Tegum kryptisch.

„Handschuhe?“ echot Mr. P.

„Handschuhe!“ bekräftigt Tegum. „Ich verwette meine Pension, daß jemand das Putzwasser mit einen starken Kontaktgift versetzt hat, das über die Haut aufgenommen wird. Ihr Schicksal war in dem Moment besiegelt, als sie ins Wasser griff.“

 

Tegum richtet sich auf:

 

„Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Irgendwer von ihnen will die anderen umbringen – jeder von ihnen kann der oder die Nächste sein!“

 

 

Eine Welle wollte in die Sauna gehen…

 

 

Nach der Nachricht von blitzsauberen Ableben der mondänen Mätresse des reichen Earls hat blanke Panik die Überlebenden gepackt. Der – ausnahmsweise Mal nüchterne – Butler hat sich in der Küche eingeschlossen und gibt vor, das Silber schrubben zu müssen; die bettelarme Erbnichte la Schwapp hat sich in der Bibliothek verschanzt und schätzt die Bücher auf ihren Verkaufswert; die lüsterne Sekretärin Appeli lauert mit einer Schreibmaschine bewaffnet in ihren verriegelten Schlafzimmer; Gärtnerin Lia hat in Gartenschuppen Zuflucht gesucht und der dubiose Neffe Mr. P hockt einsam auf der Latrine. Nur Zwischendeck-Inspektorin Tegum ist unterwegs im Haus…

 

Es wird dämmrig, dann dunkel, dann stockdunkelfinster. Ruhe kehrt ein im Haus. Da – ein Klopfen an der Bibliothekstür, dann ein Rascheln und das verklingen eiliger Schritte. Schwapp hebt den Zettel vom Boden auf, der soeben unter der Tür durchgeschoben wurde und liest:

„Habe sehr wertvolle Informationen für Sie! Treffen Sie mich um Mitternacht in der Sauna. Ihr XXX.“

Bei den Worten „sehr wertvoll“ zieht sich der kritische Verstand von Schwapp in eine kleine Kammer zurück, schließt die Tür ab und wirft den Schlüssel zum Fenster raus. Die mentalen Zwillinge Gier und Habsucht übernehmen das Ruder.

 

Es schlägt Mitternacht. Schwapp erreicht die Sauna. Da liegt ein Päckchen auf der Bank. Sie gleitet hinein, greift das Bündel und – die Tür wird zugeschlagen! Wird verriegelt! Und dann stellt eine schwarz behandschuhte Hand den Thermostat auf Kochen.

 

Schwapps Hilfeschreie gellen durch den Raum – doch nur für kurze Zeit. Am nächsten Morgen wird der skurrile Butler die traurigen Reste aufwischen und wieder ein Gedeck weniger auflegen.

 

Die Ankunft der alten Dame

 

 

Verlassen wir für einen kurzen Moment das Haus des Meuchelns und des plötzlichen Todes. Interessante Dinge spielen sich am Tor ab: Eine ältere Matrone, im gusseisernen Rollstuhl sitzend und dem Witwenschleier tief im Gesicht, fährt mit schriller Stimme einen Mann an, dem die Bezeichnung „Altgedienter Soldat“ in das faltige Gesicht geschrieben steht.

 

„Wenn Du nicht so ein jämmerlicher Schlappschwanz wärst, Vermont, dann wären wir schon längst im Haus!“ Groß-und Nebentante Darthula von Schreckenschrei schwenkt ihren Regenschirm. „Unvorstellbar! Mein geliebter Halbbruder ermordet und ich werde nicht benachrichtigt! Aus dem Zamonischen Dorfspion muß ich es erfahren!“

 

Kolonialoberst a. D. Vermont St. Vertigo kaut an seinen Schnäuzer und murmelt:

„Gewiß, Liebste. Eine Schande. Werde Sache aufklären. Untragbar. Muß schon sagen – Dicker Hund!“

 

Von ferne kommt die Gärtnerin, bereit, die Gäste einzulassen. „Das Sie mir mit ihren schweren Rollstuhl bloß den Kiesweg nicht beschädigen“, raunzt sie Darthula an. „Ich habe hier in den letzten Tagen mehr als genug Arbeit, alte Schachtel.“

„Donnerwetter! Ich muß schon sagen…“ hebt Vertigo an, doch die Groß-und Nebentante kommt ihm zuvor und bohrt der unbotmäßigen Gärtnerin den Schirm in das linke Ohr.

„Zu meiner Zeit pflegte man aufsässige Domestiken auf die Bastonade zu spannen! Diese gute Sitte scheint hier leider ausgestorben zu sein. Es werden sich hier einige Dinge ändern müssen“.

„Teufel auch, meine Liebe! Wie recht Du hast!“

„Halt keine Maulaffen feil, Vermot. Fahr mich zum Haus. Wird Zeit, daß ich die liebe Verwandtschaft mal wieder in die Arme schließe. Har, har, har, har…“

 

Die Gärtnerin im Baum

 

 

Um den Esstisch aus seltenen Tropenholz herum haben sich die beiden Überlebenden des Hauses Grams versammelt: die erbschleicherische Sekretärin und der halbseidene Mr. P. Der Butler schwankt voll wie eine Strandhaubitze dem Flur entlang, die Gärtnerin verwüstet irgendwo den Garten. Zwischendeck-Inspektor Tegum prüft ihre Notizen, runzelt die faltige Stirn und wirkt äußerst unwissend.

 

Da zuckt ein Blitz vom Himmel, Donner kracht und – mit Getöse fliegt die Tür zum Salon auf. Alle drei blicken auf. In der Tür steht Germison und verkündet mit Gusto: „Darf ich melden: die Halbschwester des verstorbenen Herren, Baronin Darthula von Schreckenstein und ihr Gemahl, Kolonialoberst Vermont St. Vertigo.“

 

„Aus den Weg“, keift die so angekündigte. „Vermont! Gib diesem Esel die Koffer und komm endlich! Soll ich den ganzen Tag hier im Flur sitzen?“

„In der Tat! Natürlich nicht, Liebes. Sehr peinlich von mir.“ Vermont St. Vertigo kaut an seinen Schnäuzer, reicht Germison die beiden Schrankkoffer und rollt den gusseisernen Rollstuhl in den Salon.

 

Mr. P. spring auf. „Groß- und Nebentante Darth. Wie schön! Ich habe Dich ja seit 56 Jahren nicht mehr gesehen! Ist das dein neuer Mann? Der wievielte ist es denn?“

„Der 19te. Die halten alle nicht mehr! Aber was rede ich überhaupt mit Dir? Du warst schon immer ein scheinheiliger Lump“. Sich zu Germi wendend: „ Was ist das hier für ein Zustand? Keine Ordnung, keine Zucht! Überall Unrat und Müll – und wenn ich richtig sehe, baumelt da hinten an der alten Eiche ein toter Wolpertinger! Früher gab es das nicht!“

Die Anwesenden springen auf und schauen aus dem Fenster. Hinten an der alten Schand-Eiche hängt die Gärtnerin Lia - aufgeknüpft an einen Hundehalsband!

 

Tegum marschiert an der Spitze der Kolonne von Hinterbliebenen auf die erhängte Gärtnerin zu. In der linken Pfote hält diese einen versiegelten Brief. Tegum nimmt diesen an sich.

 

„In Anbetracht der Tatsache, daß Ihr Familienanwalt tot ist und dieser Brief Hinweise zur Tat enthalten kann, werde ich als Amtsperson dieses Siegel jetzt erbrechen und die Epistel verlesen! Erhebt jemand Einwände?“

Alle – sogar Groß-und Nebentante Darth – schweigen. Tegum öffnet den Brief und liest laut vor:

 

Ein Brief und eine Suppe

 

 

"Gruß Euch, Natterngezücht und Blutegel an meinen Busen. Wenn Ihr diese Worte lest, habe ich endlich aufgehört, die Welt mit Euch zu teilen und habe meinen Frieden. Natürlich habe ich immer gehofft, Euch alle zu überleben und auf Euren Gräbern tanzen zu können – doch das scheint ja schief gegangen zu sein.

 

Ihr fragt Euch bestimmt, was jetzt mit meinem ganzen, guten Geld werden soll? Und dem Besitzt, dem Grund und Boden? Wer erbt was und wie viel?

 

Dann sperrt mal Eure von Geldgier zerfressenen Ohren auf: Ich verfüge in diesen Schreiben, daß der oder die zu meinen Universalerben wird, der als Erster das Geheimnis des dritten Bandes der Historia Bibliophilia, Bibliomania et Bibliophagia von Frakturus Antiqua löst. Das Buch befindet sich irgendwo in meinen Bibliotheken, und wenn ihr das Rätsel gelöst habt, möge der ganze Zaster Euch in das tiefste Unglück stürzen! Euer Euch zutiefst verachtender Erbonkel Grams, Earl of Fharr."

 

Alle blicken den Vorleser an. Tegum murmelt: „Jetzt sind wir bezüglich des Mörders auch nicht klüger!“

„Vergessen Sie den Mörder – auf zur Bibliothek“, entfährt es der geldgierigen Sekretärin Appeli D.

„Auf zur Bibliothek“, wiederholt die Menge.

 

Der gusseiserne Rollstuhl saust vorneweg, Kolonialoberst a. D. Vermot St. Vertigo hetzt hinterher und über allen lässt Appeli die Flügel rauschen. Nur die etwas behäbige Gestalt von Mr. P bleibt bei Tegum zurück. Diese besieht sich den Brief genauer und runzelt die hohe Stirn.

„Sie sind doch der Erbschleicherneffe des Toten, Mr. P. Können Sie mir sagen, ob dies seine Handschrift ist?“

 

Mr. P. beugt sich über die Epistel und beäugt sie kritisch.

 

„Sehen Sie“, fährt Tegum fort, „die ganze Sache kommt mir Finsterbergisch vor. Ad 1: Wieso taucht der Brief erst jetzt auf; Ad 2: Wieso fanden wir ihn bei der Gärtnerin; Ad 3: Zufällig kenne ich die gesamten 17 Bände der Historia Bibliophilia, Bibliomania et Bibliophagia und weiß, daß sie keine Geheimnisse enthalten. Es handelt sich nur um wüstes Gefasel. Was also hat dieser Brief zu bedeuten?“

 

Zwischendeck-Inspektor und halbseidener Erbschleicher blicken sich an, dann entfährt es ihnen unisono:

„Eine Falle!“

 

Sie laufen zum düsteren Herrenhaus, durchqueren die Halle und steuern auf die Bibliothek zu. Die Türflügel fliegen auf, Tegum und Mr. P. stürzen in den Raum und sehen gerade noch, wie die Sekretärin den dritten Band der Historia… aus dem Regal zieht.

„Nicht! Es ist eine …“

 

Zu spät! A. schlägt das Buch auf, ein hauchdünner Draht zerreißt, ein dumpfes Grollen erklingt und unter der konsternierten Appeli tut sich der Boden auf. Sie fällt. Glücklicherweise endet der Sturz schon nach knapp zwei Metern. Unglücklicherweise endet er in einen riesigen Kessel mit kochender Buchstabensuppe. Binnen Sekunden siedet A., versinkt in der kochenden Brühe. Die entsetzten Betrachter zwei Meter weiter oben können nur hilflos zusehen. Das Ende kommt schnell. Mit ersterbenden Klauen formt sie noch die Worte „So ein Mist“ im Sud. Dann versinkt sie und wird Teil der universalen Buchstabensuppe des nächsten Lebens.

 

„Teufel auch!“ entfährt es den Oberst. „Dieses da. Muß schon sagen! Schlimme Sache das!“

 

Das große Finale

 

 

Während die Baronin, ihr Ehemann Vermont St. Vertigo, Zwischendeck-Inspektor Tegum und Mr. P. noch auf die kochende A. hinabblicken, hüstelt der ausnahmsweise Mal nüchterne Butler Germison an der Tür: „Verzeihung, aber der „Schrecksenmeister“ ist da!“ Erstaunt blicken ihn alle an. „Verzeihung“, korrigiert sich Germi, „ich meinte natürlich, dieser schreckliche Dorfpfarrer ist da.“

 

Sich die grindigen Hände reibend, wieselt der bucklige Dorfpfarrer Chmuhl in den Salon. Die Hände ringend hebt er an:

„Wie schrecklich! Habe es eben erst gehört. So viele Todesfälle. Und kein Seelentrost für die Hinterbliebenen. Möchte mich natürlich nicht aufdrängen, hielt es aber für meine Pflicht, zu erscheinen und zu helfen, wenn ich kann.“

„Und den guten Sherry zu saufen, wenn er kann“, murmelt Germi.

„Sherry“? ruft Chumhl erfreut. „Gerne nähme ich ein Glas oder dero zwo, wenn es keine Umstände macht. Aber wen sehe ich? Baronin Darthula? Sie hier?“ Er zwinkert ihr zu. "Sie schulden mir noch immer eine Partie Schach“. Er lacht jovial.

 

Mr. P., der dringend etwas mit der Ermittlerin besprechen muß und dazu ungestört sein will, deutet auf den schweren Schachtisch aus Eisen mit Figuren aus Kupfer und Silber.

„Dann spielen Sie doch eine Partie. Seien sie unser Gast. Bitte, Tante, erweise unseren Gast die Ehre.“

 

Die Groß- und Nebentante nickt würdevoll, lässt sich von St. Vertigo an den Tisch rollen und fläzt sich im gusseisernen Rollstuhl bequem. Tegum und Mr. P. verlassen leise das Zimmer.

 

„Sie eröffnen“. Die Baronin ist generös.

 

Chmuhl zieht einen Bauern von D2 auf D4. Die Baronin greift den schwarzen Königsspringer. Ein Krampf durchzuckt sie. Ozongeruch liegt in der Luft. Ihre Hand, ihr Arm, ihr ganzer Körper verkrampft sich, sie fängt an zu schwellen. Der grindige Pfarrer springt auf. Vermont St. Vertigo fasst unwillkürlich an den eisernen Griff des Rollstuhls und wird ebenfalls gebraten.

„Inspektorin! Mr. P“! Chmuhl ruft voller Panik. Von Baronin Darthula und Kolonialoberst a. D. Vermont St. Vertigo sind nur noch Aschehäuflein zu sehen. Irgendwer hat die Kupferfiguren des Schachspiels unter Starkstrom gesetzt.

 

 

Drei Stunden nach dem verhängnisvollen Schachspiel. Zwischendeck-Inspektorin Tegum Z. hat die letzten Überlebenden in die Bibliothek geladen, wo er den Fall aufzuklären gedenkt.

 

 

Mr. P. – seines Zeichens dubioser Neffe und erst kürzlich aus den Kolonien zurückgekehrt – sitzt breit grinsend am Tisch. Ihm gegenüber im Lehnsessel hockt der grindige Pfarrer Chmuhl und hält sich an einer Flasche Sherry fest. Hochaufgerichtet und seltsamerweise nüchtern flankiert Butler Germi den Kamin, während Tegum sich die Hände am Feuer wärmt.

 

„Bei der Lösung dieses Falles“, hebt sie an, „ waren drei Fragen zu beantworten. 1: Wer hatte ein Motiv? 2: Cui bono? Und drittens: Wer hatte die Zeit und die Fähigkeiten, diese doch sehr komplexen Fallen zu bauen?“

 

Chmuhl beäugt kritisch Mr. P.

„Da der Täterkreis durch fortlaufendes Ableben stark eingekreist ist, fange ich mit Ihnen an, Mr. P.“ Dieser lächelt weiter still vor sich hin. „Ihre enormen Spielschulden stellen ein ausreichendes Motiv da. Sie wussten, daß jeder Tod eines Familienmitgliedes oder Angestellten ihren Erbanteil erhöhen würde. Und sie hatten die Zeit und die Bildung, diese Todesmaschinen zu bauen und zu aktivieren.“ Immer noch das starre Grinsen auf den Lippen der Haifischmade. „Wohingegen der Butler zwar die Zeit, aber weder Motiv noch Nutzen hatte, da ihm der Verstorbene ein festes Legat vermacht hat, das mit jedem Dienstjahr um 10 % stieg. Er hatte also allen Grund gehabt, den Earl of Fharr ein langes Leben zu wünschen.“ Der Butler nickt.

 

Chmuhl hält es nicht länger. Er springt auf und mit den Worten „Um Gottes willen, gestehen Sie und erleichtern Sie Ihre Seele“ packt er Mr. P. an den Schultern. Dieser fällt langsam nach vorne und die drei anwesenden sehen die lange, dünne Hutnadel aus Zamomin, die in seinen Rücken steckt.

 

Der Butler fährt zusammen, während Chmuhl die Arme hebt und ausruft: „Selbst gerichtet! Um den Strang zu entgehen, hat er sich selbst gerichtet.“

 

„Sie irren sich, Teuerster“, unterbricht ihm Tegum gelassen. „Mr. P. stand nie unter Verdacht. Der Mörder ist …“

 

Und der Mörder ist …

 

Tegum Z. richtet seinen amtlicherseits anklagenden Finger auf – den Butler! „Sie sind der Mörder!“

 

Chmuhl richtet sich auf.

„Aber Teuerste! Sie erklärten doch eben explizit, das Germison nicht das geringste Motiv habe und auch keinen Vorteil aus dieser Tat ziehe!“

 

Die Ermittlerin lächelt. „Der Butler hat in der Tat weder Motiv noch Vorteil – aber dies ist gar nicht der treue, alte Germison!“ Mit diesen Worten schlendert Tegum zum Kamin und verneigt sich vor dem vermeintlichen Faktotum. „Darf ich vorstellen – seine Lordschaft, der Earl of Fharr!“

 

Der grindige Pfarrer erblasst. „Aber seine Lordschaft ist doch tot. Den Kopf zerschmettert mit einer gewichtigen Erstausgabe – so lag er doch in seinen Lehnsessel.“ Chmuhl blickt sich verwirrt um.

 

Der Butler strafft das Kreuz und lächelt leise.

„Ich gratuliere Ihnen, Inspektor. Wie haben sie es herausgefunden?“

„Die Art und Weise, wie die Morde begannen wurden, hat sie verraten, Eure Lordschaft. Diese extrem sadistischen Fallen konnten sich nur mit pathologischem Hass erklären – einen Hass, von dem bekannt ist, daß sie ihn schon lange für ihre Familie hegen. Dazu kommt, daß nur der Butler genügend Zeit hatte, diese Morde zu begehen. Da aber der Butler keinerlei Motiv hatte, lag es auf der Hand, das der Butler eben nicht der Butler war!“

„Bravo, Teuerste“, applaudiert der Earl of Fharr. „Wollen wir uns nicht setzen und bei einer schönen Tasse Tee erzähle ich Ihnen dann die ganze Geschichte.“

 

Er deutet auf einen runden Tisch in der Nähe des lodernden Kamins. Die Drei setzen sich. Earl Grams schenkt Tee ein, dann wendet er sich an den Dorfpfarrer Chmuhl. „Bevor ich es vergesse, Herr Pfarrer: Sind sie feuerfest?“

 

Mit diesen seltsamen Worten drückt er einen verborgenen Knopf und der Stuhl des Pfaffen kippt schlagartig nach hinten und schleudert den schreienden Chmuhl in die Flammen des Kamins, wo er jämmerlich verbrennt.

 

„Hhmm, anscheinend nicht feuerfest“, brummt er. „Aber der Versuch war es wert. Und nun zu uns, Teuerste. Sie sollen alles erfahren! Aber trinken Sie doch ihren Tee. Er wird ja ganz kalt.“

Tegum nimmt einen kräftigen Schluck. Der demaskierte Butler/Earl fährt fort:

 

„Sehen Sie, Teuerste, schon seit langen Jahren pflege ich mit meinen treuen Germison regelmäßig die Rollen zu tauschen. Dies war sehr einfach, da sich Schweinsbarbaren kaum unterscheiden und meine – dankenswerterweise endlich verschiedene – Familie von Domestiken nie Notiz nahm. Durch diesen Tausch konnte ich der erschleichenden Sippschaft für kurze, viel zu kurze, Zeit entfliehen. Eines Tages reifte dann der Plan zur endgültigen Lösung in mir: Was war einfacher, als die Rollen ein letztes Mal zu tauschen, den tüchtigen Germi zu erschlagen und alle Welt glauben zu lassen, ich sei der Tote. So konnte ich in aller Ruhe morden und kein Verdacht fiele auf mich – den der Butler hatte weder Motiv noch Vorteil.“ Er streicht sich zufrieden über den Bauch und trinkt einen großen Schluck Tee.

 

Tegum beäugt ihn aufmerksam, dann beugt sie sich vor und erwidert:

 

„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit, Earl. Lassen Sie mich genauso offen antworten: Ich nehme Sie wegen mehrfachen Mordes fest. Bitte leisten Sie keinen Widerstand.“

„Sie mich verhaften? Wohl kaum, meine Beste, wohl kaum. Erschien Ihnen der Tee denn nicht etwas bitter?“ Grams of Fharr lächelt ein diabolisches Lächeln.

 

Tegum lächelt nicht minder diabolisch zurück.

 

„Werter Earl, sie glauben, ich falle auf diesen uralten Trick rein? Natürlich wusste ich, daß Sie meinen Tee vergiftet haben. Während sie den bedauernswerten Chmuhl in die Flammen kippten, habe ich unsere Tassen ausgetauscht! Teilen Sie mir mit, wo sich das Gegengift befindet und dann …“

Grams Lächeln wird breiter. „Liebste Tegum. Wie wenig kennen Sie mich doch. Nicht Ihre Tasse war vergiftet – meine war es!“

 

Tegum erbleicht.

 

„Sehen Sie“, fährt der Earl fort, „ich wusste, wie sie reagieren würden und inszenierte daher diese kleine Ablenkung, damit Sie die Tassen austauschen konnten. Ah, das Gift wirkt bereits. Gestatten Sie mir, ihnen eine schöne letzte Reise zu wünschen und grüßen sie meine Familie – wenn sie sie in der Hölle treffen.