Schattenhall

Schrecken auf Schloss Schattenhall

 

 

 

 

Verbotene Bücher, geheime Orden

Kurz vor den schrecklichen Ereignissen, die sich am Ende der Aufzeichnungen eines Ausgestoßen-friedhofsgärtners zutrugen, geschah – wie wir uns bestimmt erinnern – etwas zutiefst Befremdliches: Zwei Bücher erhoben sich in die Lüfte und flatterten gleich blasphemischen Fledermäusen aus Leder und Pergament davon. Doch wehe, wehe, dreimal wehe: Bücher dieser üblen Natur verschwinden – einmal aufgetaucht – niemals ganz und so wird auch der schöne Kontinent Zamonien weiter vom verderbten Necronomicon und vom unsagbaren De Vermis Mysteriis heimgesucht.

...

Ein düsteres und faulig riechendes Kellergewölbe. Fackeln an den Wänden spendeten unruhiges Licht, die Versammelten erahnten sich mehr als sie zu sich zu sehen vermochten. Uralte Folianten schimmeln in Regalen vor sich hin und träumen lang vergess´ne Lehr. Wir befinden uns im geheimen Archiv von Druss-Algora und die hier zusammengekommenen Kuttenträger gehören dem geheimen und verborgenen Orden der Apokryphen Bibliothekare an. Gerade erhobt der Ordensoberer und damit erste Apokryph Ylokp Madenhirn seine krächzende Stimme:

„Es kann kein Zweifel bestehen! Die Prophezeiung ist eingetreten und unsere schlimmsten Befürchtungen sind wahr geworden. Die Abscheulichkeiten haben ihren Weg in unsere Welt gefunden, ja, schlimmer noch: Sie haben eine Wiege gefunden, von der aus sie ihr zerstörerisches Werk bereits beginnen. Wir müssen unverzüglich eine Inquisitionsgruppe ausrüsten und entsenden, um die Bücher sicherstellen – wenn möglich – oder zu vernichten – wenn unumgänglich!“

Ein Stöhnen lief durch die Reihen der Anwesenden. Ein Buch vernichten! Schrecklicher Gedanke! Anderseits: Durfte man zögern, diese Folianten zu zerstören? Bücher, die nie hätten gedruckt oder auch nur geschrieben werden dürften? Bücher, deren bloßer Anblick den unvorbereiteten schon in den Wahnsinn trieb? Denn hier handelte es nicht um irgendeine harmlose Prinz Kaltblut-Schwarte oder um ein simples okkultes Pamphlet! Hier ging es um Bücher, deren verderblicher Einfluß schon durch ihre bloße Existenz begann.

„Folgende sind berufen zu gehen nach Schattenhall“, hub der erste Apokryph an. „Jolante Wackelfinger, Igor Ohneherz, Szzzzyys Qyyy und – ich selbst!“

Ungläubiges Raunen und Flüstern – hatte der Ordensführer doch seit Jahrzehnten den Keller von Druss-Algora nicht mehr verlassen.

„Ich selbst werde die Gruppe anführen. Wir werden eine Einheit aus 10 Werwölfen mitnehmen, die unter den Kommando Gaspard du Nords stehen werden! Beginnt jetzt mit den Vorbereitungen – wir brechen in zwei Stunden auf!“

Stimmen unter der Erde

Irgendwo in Zamonien standen sich die beiden verfeindeten Blutschinken Bargur und Ramsur auf einer öden Heide gegenüber und steigerten sich durch saftige Beschimpfungen in einen netten, kleinen Blutrausch hinein. Gerade wollten sie die schweren Äxte heben und aufeinander eindreschen, da hörten sie ein seltsames Geräusch. Ein Rasseln und Scheppern, unterlegt mit einen rasch lauter werdenden

„AAAAAAAAAARRRRRGGGGGHHHHHHH“

und einen

„UUUUUUUUUUUHHHHHHHHHHIIIIIII“.

Die beiden blickten sich um – nichts zu sehen. Sie zuckten die Schultern, wuchten die Äxte empor – da hörten sie ganz deutlich das Kreischen von Metall und der unverwechselbare Geruch von heißen Eisen drang in ihre Nasen.

„Was zur Hölle …“ fing Bargur an, doch Ramsur unterbrach ihn und deutete auf den Boden. Undeutliches Gemurmel drang empor. Die beiden Blutschinken pressten die Ohren auf den Boden.

„Und ich sage, wir hätten vor drei Stunden die Abzweigung nehmen müssen. Diese Strecke ist ein Nebengleis und führt garantiert in die Süße Wüste oder sonst wo hin!“

„Nebengleis – Zwiebelscheiß!“ kam es harsch zurück. „Die Bahn der rostigen Gnome ist ein Transportmittel für Bücher – nicht für empfindliche Wildschweinlinge wie ich es einer bin! Ich werde die Schwielen auf meinen Allerwertesten nie wieder los!“

„Ruhe“, donnerte es herauf. „Die Bahn ist die schnellste Möglichkeit, nach Schloß Schattenhall zu gelangen und Schnelligkeit ist alles, auf das es ankommt. Die Frage ist jetzt nur: links oder rechts? Ich kann mich an diese Gablung einfach nicht entsinnen.“

Ein grollendes Knurren erklang:

„Meister, erlaubt mir den Hinweis, daß ich aus dem linken Tunnel eindeutig den unverkennbaren Geruch von Papier, Leder und Pergament wahrnehme. Aus dem rechten weht mich hingegen der Duft von Karamell an.“.

„Werwolfnasen sind untrüglich. Ergo ist der rechte Tunnel der unrechte, da er in die Süße Wüste führt und wir müssen den sinistren Tunnel wählen! Bremsen los – nächster Halt: Schloß Schattenhall.“

Wieder ertönt das lang gezogene

„AAAAAAARRRRRGGGGGGHHHHHHH“

und das

„UUUUUUUUUHHHHHHHIIIIII“,

dann verklangen die Geräusche in der Ferne. Die öde Heide lag wieder still. Bargur sah Ramsur an.

„Was zur Untenwelt … Also, mir ist die Stimmung verdorben. Machen wir morgen weiter?“

„Soll mir recht sein“, meinte Ramsur. „Aber bring die Axt mit.“

Kopfschüttelnd machten sich die beiden davon, ab und zu innehaltend und misstrauisch den Boden beäugend.

Schloß Schattenhall

Erbaut von Trans-Kosmischen Wesen, die die Erde in Besitz nahmen, kurz nachdem ihre Kruste erkaltet war. Lange Zeit bewohnt von einem Riesen, der sowohl Wissenschaftler wie auch Wahnsinniger war. Zuflucht und Heim des Schattenkönigs. Hort unzähliger Bücher – Lebender wie Toter. Heimstätte der Bibliothek des Orms – Schloß Schattenhall!

Schloß Schattenhall – nunmehr in seinen tiefsten Katakomben das personifizierte Grauen bewahrend, das schon anhebt, die Welt um sich herum zu verzerren und zu zersetzen. Immer schon schlichen hier Schatten über die Wände und fraßen das Licht. Doch jetzt sind die Schatten dunkler, größer und tiefer. Gäbe es hier Beobachter, sie sähen wogende Bewegung und gieriges Wollen hinter den Schatten. Aber natürlich gibt es hier keine Beobachter und die Gefahr für Zamonien breitet sich ungehindert aus.

Tief, tief, tief im Schloß Schattenhall gibt es einen Raum, der älter ist als alles, was es auf Zamonien oder der restlichen Erde gibt. Der kreisförmige Raum existierte bereits, als die ewig fremden Entitäten Schattenhall erbauten und war lange vergessen, als die ersten Daseinsformen den Kontinent erreichten. Es ist die Kammer – vergessenes, unheiliges und prä-existenses Zentrum allen Verderbens. Hier liegen die beiden verderbten Bücher, pulsierend in unsäglich-unsagbaren Leben und warten und weben und weben und warten – weben Verhängnis und warten auf den, der ihre Macht endgültig entfesseln wird. Warten und wissen, das derjenige schon nah ist. Er naht mit der Gruppe derer, die sich aufgemacht haben, das Böse zu bannen und nicht wissen, daß einer der ihren ein Verräter ist.

Wenn wir von einer heiteren Episode – in der ein Teufelsfelszyklop, drei Spinnxxxe, eine Fliegenklatsche und ein Plumpsklo eine tragende Rolle spielten – absehen, erreichte die Inquisitionsgruppe und ihre Bedeckung Schloß Schattenhall ohne Zwischenfälle.

Jolante Wackelfinger, Igor Ohneherz, Szzzzyys Qyyy und Ylokp Madenhirn standen vor dem wuchtigen Tor, und der Anführer der Werwolf-Kohorte, Gaspard du Nord, trat vor. Auf einen Wink seiner Tatze nahmen vier Werwölfe Anlauf, liefen los und ihre mächtigen Schultern prallten auf Jahrtausende altes Holz. Knochen knirschten, Holz ächzte, Werwölfe jaulten, Holz hielt stand. Du Nord besah sich das unvordenklich alte Tor gründlich und wandte sich dann den ersten Apokryphen zu:

„Keine Möglichkeit, Herr, gewaltsam einzudringen. Wenn wir keinen Schlüssel haben, werden wir die Mauer erklettern und uns so Zugang verschaffen müssen.“

Die vier Bibliothekare blickten beklommen die Mauern empor, die sich im unterirdischen Nebel verlor. Da hoch? Klettern? Sie – Leute des Buches? Mit ihren Händen diese feucht-glitschigen Steine erklimmen? Mit Händen, die es gewohnt sind, Bücher zu hegen und Seiten zu wenden? Sie blickten sich an und Madenhirn räusperte sich schließlich.

„Hauptmann du Nord – können Sie und drei Ihrer Leute dieses … kleine Hindernis ersteigen und uns das Tor von innen öffnen? Für jemanden von Ihrer Statur und Ihren besonderen Fertigkeiten dürfte dies doch …“ Er verstummte, als er das spöttische Glitzern in den gelben Augen des Werwolfs sah.

„Aber gewiß doch, Meister Madenhirn“, schnarrte du Nord. Er wandte sich an seine Untergebenen und hob die Tatze, um drei Freiwillige zu bestimmen, als mit einmal ein lautes Knarren erklang und – O Wunder, o Entsetzen, o Schreck– das schier unbezwingliche Tor aufschwang.

Ohneherz hob eine Leuchtquallenfackel und wollte Schloß Schattenhall betreten, doch du Nord hielt ihn zurück.

„Bei aller Ergebenheit, Herr“, knurrte er, „aber Sie sollten mich die Situation sondieren lassen!“

Sprachs und trat über die Schwelle.

Die Zurückgebliebenen hörten ihn schnüffeln und lauschen (Apokryphe Bibliothekare können so was). Dann kam das Placet des Werwolfs.

Die Expedition betrat das Schloß und fand sich in einer dunklen und weit daliegenden Halle wieder. Unzählige Gänge und Treppen zweigten ab und verloren sich im Dunkel.

„Egal, was passiert“, hub Madenhirn an, „wir dürfen uns auf keinen Fall trennen. Wir bleiben unter allen Umständen zusammen, die Werwölfe flankieren uns, du Nord übernimmt die Führung. Es wird nichts angerührt! Verstanden, Wackelfinger? Es-wird-nichts-angerührt!“

Jolante Wackelfinger nickte zerknirscht. Diese alte Geschichte. Wann hörte man endlich auf, ihr vorzu-halten, daß sie durch eine unachtsame Bewegung seinerzeit den großen Steinkreis von Stonned Hädsch zerstört hatte?

Die Gruppe formierte sich und trat in die Halle hinein. Das spärliche Licht der Leuchtquallen reichte kaum aus, die Schatten zu vertreiben. Gaspard du Nord ging auf eine schwere Tür an der Nordseite der Halle zu – die Gruppe folgte vorsichtig und ängstlich.

Da – ein Luftzug, ein höhnisches Keckern von nirgendwo und überall. Das massive Tor am Eingang fiel zu und schwere Riegel senkten sich wie von selbst herab. Schlösser aus Schatten arretierten die Riegel – Schattenschlösser, so luftig wie Nebel und so hart wie Diamant. Und vor allen ohne Schlüsselloch …

Die Inquisitionsgruppe wurde, wie es scheint, schon erwartet.

Gefangen in den Schatten

In der Kammer tief unter Schloß Schattenhall beginnt Dunkelheit zu pulsieren. Winkel werden verzerrt und Dunkelheit gewinnt Substanz. Kälte jenseits des absoluten Nullpunktes strömt aus sich konkav-konvex wölbenden Nichts in den Raum und umkocht die beiden Druckwerke, die in blendend weißer Schwärze zu glühen beginnen. Tentakel aus Lettern winden sich aus den Seiten heraus, verschlingen sich in sich selbst zu geometrisch unmöglichen Gebilden und wuchern in den Raum hinein.

Zur gleichen Zeit in der Eingangshalle …

Der Anführer der Werwolfkohorte fasste sich als erster. „Eine Falle“, knurrte er. „Keiner bewegt sich, bis ich die Halle untersucht habe!“

Gaspard du Nord blickte sich um, seine scharfen Werwolfsaugen durchdrangen mühelos das Dunkel. Nichts Bedrohliches zu sehen. Er schleicht vorsichtig zum Tor. Riegel und Schlösser aus … Schatten? Gab es denn so was? Gewiß, im Dienste der Apokryphen Bibliothekare hatte er schon manches absonderliche und bizarre zu Gesicht bekommen – aber massive Sperren aus Dunkel? Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Er schlich die Wände entlang, während die restlichen Angehörigen seiner Einheit die vier Ordensmitglieder umringten und bewachten. Keine Fenster, nur eine Tür am gegenüberliegenden Ende der Halle. Eine Tür, die leicht offen stand – einladend und daher wahrscheinlich eine Falle. In der Mitte des riesigen Raums eine Treppe, die sich ausladend nach oben schwingt und in eine Galerie mündet, die die Halle in gut 12 Metern Höhe umgibt und von der – wenn er es richtig erkennen kann – 4 Türen abzweigen. Die Treppe scheint harmlos. Er setzte eine Pfote auf die Stufen, dann noch eine. Schritt für Schritt, bis er endlich die Galerie erreichte. du Nord winkte den Untenstehenden zu, ihn zu folgen. Nach kurzen Geschnaufe und Gezeter waren alle oben am Ende der Treppe versammelt.

Madenhirn beschloß, das Heft des Handelns wieder in die eigenen Hände zu nehmen.

„Also gut. Wir sind wohlbehalten angekommen, wir haben das Schloß betreten, jetzt müßen wir auch den letzten Schritt wagen. Laut der Prophezeiung sollen sich die Schändlichkeiten in der Kammer befinden um dort die Ankunft des Schlüssels zu erwarten. Die Kammer dürfte sich dabei in den Tiefen Schattenhalls befinden. Wir müssen also einen Weg nach unten finden.“

Du Nord runzelte die Augenbrauen, die Ordensmitgliede nickten weise und verständnisvoll.

„Wir öffnen Tür um Tür“, fuhr der erste Apokryph fort. „Irgendwo muß es eine Treppe geben, die nach unten führt.“ Er hob mahnend die Hand. „Und wir sind sehr, sehr vorsichtig. Die Tatsache, daß das Tor sich selbst verriegelt hat, zeigt uns, daß unsere Anwesenheit nicht unbemerkt geblieben ist. Und auf gar keinen Fall wird irgendetwas angefasst!“ Er fixierte Yolante Wackelfinger streng. Zwei der Werwölfe kicherten heiser. Ihr Hauptmann bellte sie kurz an, sie verstummten abrupt.

Gaspard du Nord knurrte einen Befehl, einer der beiden Kicherer näherte sich der ersten Tür. Der Werwolf packte den Türknauf, rüttelte an ihn – verschlossen.

„Scheint von der anderen Seite her verriegelt zu sein“, verkündete er über die Schulter hinweg. „Soll ich …“ Silberne Nägel erschienen plötzlich auf den Türblatt, die Tür schwang mit Wucht auf und der Werwolf prallte gegen die Mauer – Hunderte von Edelmetallbolzen im Pelz, Haut und Fleisch. Ein kurzes Jaulen – Schloß Schattenhall hatte sein erstes Opfer gefunden.

„Beim räudigen Pelz meiner Großmutter“, entfuhr es du Nord. „Eine Werwolf-Fallentür. Die habe ich seit den Werwolf-Kakertratten-Krieg nicht mehr gesehen!“

Ylokp Madenhirn hob einen Finger. „Ich denke, die anderen Pforten werden versuchen, uns ähnliche Überraschungen zu bereiten. Wir können es uns nicht leisten, Tür um Tür zu probieren und Werwolf um Werwolf zu verlieren.“

Die Truppe grunzt unwillig. Szzzzyys Qyyy räusperte sich:

„Habt ihr denn eine Idee, verehrter erster Apokryph, wie wir die rechte Tür finden und gefahrlos öffnen können?“ Der Gefragte nickte.

„Ich wollte es eigentlich vermeiden, dieses Mittel zu verwenden, damit unsere Gegner nicht zu früh gewarnt werden – aber das ist jetzt sowieso unerheblich. Die Mächte, die wir bekämpfen, wissen längst, daß wir hier sind und was wir vermögen.“ Er griff in eine Tasche seiner Kutte und holte eine Lederbeutel hervor.

Igor Ohneherz fasste sich als erster.

„Ist dies das …?“

„Ja, ist es. Das Pulver des Ibn Ghazi.“ Er griff mit zwei spitzen Fingern in den Beutel, nahm ein wenig körnig wirkendes Pulver auf und näherte sich der zweiten Tür. Langsam ließ er das dunkel-violette Substrat auf die Klinke rieseln. Zuerst geschah gar nichts und Madenhirn wollte sich schon erleichtert aufrichten und die Türe öffnen, als es passierte: Die bis dahin massiven Bohlen des Türblattes wurden mit einen Mal flüssig und begannen zu qualmen. Die Klinke schmolz zu einem Klumpen Messing zusammen und fiel zu Boden.

„Eine Säure-Pforte“ entfuhr es dem entsetzten Szzzzyys Qyyy. „Das ist allerschwärzeste Magie!“ Ein bleicher Madenhirn richtete sich auf und näherte sich zusammen mit seinen nun sehr vorsichtigen Gefolge der dritten Tür. Es folgte die gleiche Prozedur, hier mit dem Ergebnis, das die wuchtige Tür sich aus dem Angeln hob und einen Werwolf-Soldaten unter sich begrub, der sich zu weit nach vorne gebeugt hatte.

Die Bibliothekare und die Mannen du Nords keuchten entsetzt auf. Nur der Hauptmann der Meute blieb gelassen.

„Dann wird es wohl die vierte Türe sein“, schnarrte er. „Wenn Sie so gütig sein wollen, Meister?“ Das Pulver des Ibn Ghazi trat ein weiteres Mal in Aktion, die damit bestäubte Tür löste sich Rauch auf und die Anwesenden blickten in einen fensterlosen, ovalen Raum, der vollkommen leer war. Zwei Treppen führten nach unten – die eine nach Links, die andere nach Rechts.

„Wir nehmen die Rechte“, verkündete Madenhirn nach kurzem Überlegen. „Denn wir wollen das Rechte tun und sind aufrechten Herzens. Wir sind rechtschaffen und Gerecht. Darum wählen wir die rechte Treppe.“

Abwärts

Igor Ohneherz – flankiert von zwei Werwölfen – trat als erster auf die Stufen. Dürftige Argumentation, dachte er bei sich. Die rechte Treppe, weil wir das Rechte tun. Ach, ich hätte zuhause bleiben sollen. Das geht bestimmt nicht … Er stutzte und beugte sich vor. Was war das? Mit seiner Fackel leuchtete er in den Treppenaufgang.

„Da unten scheint sich was zu bewegen, Meister! Irgend-welche Schatten. Kann es nur schlecht erkennen …“

Drei monströse Tentakel schossen aus dem Dunkel empor, packten Ohneherz und die Werwölfe und zerrten sie in das ewige Dunkel.

„Tja“, hob Madenhirn nach langen, entsetzten Schweigen die Stimme, „dann ist die linke Treppe wohl doch die richtige. Na, wer hätte das gedacht? Nun, wer geht vor?“

Zwei Stunden und 27 Minuten später …

Mittlerweile waren von der stolzen Inquisitionsgruppe nur noch der Schrecksenmeister Ylokp Madenhirn, die Schreckse Jolante Wackelfinger und der Hauptmann der Werwolfgarde übrig und am Leben. Auf den Weg hinab hatten plötzlich fünf Stufen nachgegeben und die Nachhut der Truppe – bestehend aus fünf Werwölfen - in die unauslotbare Tiefe fallen gelassen. Szzzzyys Qyyy musste erkennen, daß eine wütende Spinnxxxe sich herzlich wenig um Abwehrzauber kümmerte und hatte sein Ende zwischen mahlenden und krachenden Kiefern gefunden. Seine Schreie hatten lange von den Wänden widergehallt. Die letzten Werwölfe schließlich hatte ein Mauerwinkel weggerafft. Eben lehnten sie noch erschöpft an einer Mauer und im nächsten Moment steckten sie fest verwachsen in selbiger. Ein zutiefst verstörendes Bild, das deutlich zeigte, wie sehr die verderbten Bücher die Struktur des normalen Raums bereits pervertiert hatten.

Die vormals stolze und jetzt so zusammengeschmolzene Truppe hatte mittlerweile die unterste Ebene von Schloß Schattenhall erreicht. Unzweifelhaft näherten sie sich den Zentrum des Bösen, der unvordenklich alten Kammer. Deformierte Schatten griffen nach ihnen ohne sie aber packen zu können, Gesang und Geheul in nicht-zamonischen Sprachen klang in ihren Ohren und – immer hart am Rand des Gesichtsfeldes – sahen sie monströse Wesen tanzen.

Gaspard du Nord war der einzige, der die Ruhe behielt. „Keine Frage“, knurrte er, „wir sind nah dran. Ganz nah dran! Ich kann das verfaulte Leder und das spongiöse Pergament bereits riechen!“

„Gut. Sobald wir das Necronomicon und das De Vermis mysteriis erreicht haben, werden wir die Bücher ohne zu zögern den Flammen überantworten. Wir haben gesehen, was diese Bücher anrichten können – ohne, daß sie jemand liest! Wir dürfen nichts riskieren!“

Madenhirn fuhr sich über die schweißnasse Stirn. „Wir müssen ab sofort auf alles gefaßt sein. Wir haben es so weit geschafft – wir dürfen jetzt nicht versagen.“

Seine beiden Begleiter nickten stumm. Der Gang, den sie durchschritten, machte einen scharfen Knick nach rechts und endete dann abrupt vor einer Tür. Vor einer offen stehenden Tür, durch die ein merkwürdig abgehackter Singsang drang, der ihnen die Haare bzw. das Fell zu Berge stehen ließ.

Von Büchern und Schlüsseln

Der erste Apokryph war mehr als verwirrt. Seines Wissens konnte außerhalb ihres Zirkels niemand von der Anwesenheit der beiden Blasphemien in der Kammer wissen. Erlag er einer Sinnestäuschung? Gaukelten ihn die Abscheulichkeiten etwas vor, um ihn in Entsetzen und Verwirrung zu stürzen, ihn zur Aufgabe zu verleiten? Aber etwas an der Stimme kam ihm schrecklich vertraut vor. Er kannte diese Stimme ...

Dunkelheit tropfte von den Wänden. Schatten verschlangen die normale Struktur des Raums und der Zeit. Der Klang von kreischenden Flöten aus dem Zentrum des Kosmos füllte den Raum. Eine gebeugte Gestalt, die sich über die leprösen Bücher beugt und in einer Sprache liest, die schon alt war, als die Erde noch ein formloser Ball siedenden Gases war. Die Worte – so man diese Silben Worte nennen kann – durchdringen die Wände und finden aufmerksame Hörer jenseits aller Räume. Die Bücher pulsierten in unheiligen Leben.

Jolante Wackelfinger blickte Madenhirn fragend an. „Ähhhh, Meister? Sollten wir nicht eingreifen? Ich meine, da drin sind die Bücher, die wir vernichten wollen und jemand ist dabei, sie zu erwecken. Ich glaube wirklich, wir sollten etwas tun!“

„Ganz meiner Meinung“, knurrte du Nord. „Noch ist es Zeit und wir können eingreifen. Wir sind zu dritt und ich bin sicher, daß sich bei den Büchern nur eine Person befindet. Wenn wir alle zugleich angreifen, können wir ihn ausschalten und die Bücher vernichten, ehe noch schlimmeres geschieht. Der Tod meiner Männer darf nicht umsonst gewesen sein!“

Madenhirn blickte zerstreut von einen zum anderen. Wenn er nur wüßte, woher er die Stimme kannte. Ein Bild erschien vor seinen Augen, ein Gesicht nahm Form an. Unmöglich, dachte Madenhirn. Er ist tot. Ich selbst habe ihn Sterben gesehen. Es muß eine Täuschung der Verderblichkeiten sein. Er raffte sich zusammen.

„Gehen wir es an. Mögen die Götter uns gewogen sein!“

Er stieß die Tür auf, trat über die Schwelle, verengte die Augen, um im Dunkel besser sehen zu können, erblickte die lesende Gestalt und erbleichte.

„Du?“, stieß er aus. „Aber wie … aber wie … du bist doch tot! Wie … was …Was machst du hier?“

Hinter ihn erklang das Schließen einer Tür und das garstige Geräusch rostiger, einschnappender Riegel. Und Sie – geschätzter Leser - können mir eines glauben: Nur wenige Geräusche im Multiversum lassen sich an Garstigkeit mit dem eines rostigen, einrastenden Riegels in einer modrigen Steinkammer vergleichen.

Madenhirn und seine Elevin Wackelfinger fuhren herum und standen einen grinsenden Werwolf namens Gaspard du Nord, Hauptmann der Wache und bisher loyaler Bediensteter, gegenüber.

Das war zu viel! Verrat in dem Reihen der Bruderschaft mochte ja noch angehen – man kannte das ja, war in seiner Jugend selber gerne mal intrigant gewesen – aber Verrat von Seiten der Söldnerschaft? Nie und nimmer!

„Seid ihr Wahnsinnig, du Nord? Habt ihr vergessen, wenn ihr Gehorsam schuldet? Wer euren Sold zahlt? Wenn ihr Treue geschworen habt?“

„Spart euch den Atem, Meister.“ du Nord grinst wölfisch und schlendert betont lässig näher. „Natürlich habe ich nicht vergessen, wenn ich Treue und Gefolgschaft schulde. Tatsächlich habe ich es nie vergessen. Meine Herren waren – und sind – seit jeher die kosmischen Entitäten von Jenseits des Raums und der Zeit. Und nun“ – er bleckte die bedrohlichen Reißzähne – „kann ich ihnen endlich wieder in angemessener Art und Weise dienen.“

Jolante Wackelfinger zupfte am Ärmel des ersten Apokryphen.

„Meister“, drängte sie, „wir sollten etwas unternehmen. Die Bücher …Ihr wisst schon.“

Madenhirn erinnerte sich. Richtig. Der Verrat des Hauptmanns war schlimm – gewiß. Aber was war dieser Verrat gegen den, dem Igor Ohneherz, erster Sebastokrator der Bruderschaft der Apokryphen Bibliothekare, gerade an der Welt beging. Igor Ohneherz, dem er vor kurzen hatte sterben sehen. Igor Ohneherz, dem er seit seiner Kindheit kannte.

Die beiden blickten sich an. Ohneherz verzog die dünnen Lippen zu einen freudlosen Lächeln.

„Madenhirn. Immer noch der gleiche, alte Idealist. Immer noch der gleiche, alte Bewahrer der Tugenden.“ Hohn tropfte aus jeder Silbe. „Du warst schon immer ein Narr. Ich hingegen wußte immer, daß sich eines Tages die alten Prophezeiungen erfüllen würden und auf welcher Seite ich dann stehen wollte.“

„Du hast dich an Wesen verkauft, deren wahre Natur du nicht einmal in Entferntesten erahnen kannst“, schleuderte ihn Madenhirn entgegen.

Doch Ohneherz blieb kalt und ruhig. „Verzeih, mein Freund. Auch um der alten Zeiten willen. Aber selbige drängt.“ Er gab du Nord einen knappen Wink.

Der Werwolf trat vor und mit einer blitzschnellen Bewegung packte er Wackelfinger und Madenhirn am dürren Hals und schleppte sie zu den Büchern.

„Was … hast … du … vor, … stinkender … Auswurf … einer … tollwütigen … Hündin …?“ krächzt Madenhirn mühsam.

„Oh, es ist leider unabdingbar, den neuen Herren der Welt einen … Wegweiser zu geben. Die Wege aus den Zentrum des Kosmos nach Zamonien ist weit. Und was könnte solche Entitäten besser leiten als – Blut!“

Das Ende der Welt

„Weißt du, mein alter Freund“, erklärte Ohneherz beiläufig, während er die beiden Bücher wahllos aufschlug, „ich plane dies alles seit langen Jahren. Ich sorgte dafür, daß du von der Erfüllung der Prophezeiung erfuhrst, ich sorgte dafür, daß der gute du Nord das Kommando über die Soldaten erhielt, ich sorgte dafür, daß ich mich rechtzeitig aus dem Staub machen und in aller Ruhe alles vorbereiten konnte. Es hat unbestreitbare Vorteile, als tot zu gelten.“

Er nickt du Nord freundlich zu. „Wenn du so freundlich wärst, mein Lieber.“

„Aber gewiß doch, Sebastokrator Ohneherz. Gaspard schleift die ohnmächtige Jolante Wackelfinger und den sich heftig sträubenden Madenhirn so weit, daß ihre Hälse unmittelbar über den aufgeschlagenen Büchern zum liegen kommen. Eine Klaue presste Madenhirn auf das Necronomicon, die andere presste Wackelfinger auf das De Vermis mysteriis. Sein rechter Fuß packte einen Dolch aus schwarzen Zamomin und – auf einen Bein stehend – begann er sein blutiges Werk.

Ein nasses und sehr unerquickliches Geräusch ertönte, nur um gleich ein zweites Mal zu erklingen. Zwei Ströme roten Blutes flossen auf die Bücher herab, sickerten in diese ein und verschwanden aus dieser Welt und dieser Geschichte.

Einige Minuten später … „Ich glaube wirklich, mein lieber du Nord, das Auswringen können wir uns sparen. Das Blut müsste reichen. Wirf die beiden weg!“

Du Nord gehorchte und trat dann langsam vor.

„Was wird jetzt geschehen?“, fragte er. „Wann werden unsere neuen Herrn erscheinen und uns mit unaussprechlicher Macht bedenken?“

„Geduld, mein guter Gaspard, Geduld. Der Weg vom Zentrum des Kosmos bis hierher ist weit. Wir werden noch etwas warten müssen.“

Anmerkung des Verfassers: Bis dato sind die Großen Alten noch nicht angekommen, um Zamonien in Schutt und Asche zu legen. Zweifelsohne aber sind sie unterwegs. Wenn sie irgendwann ankommen, wird sich der Verfasser wieder melden und die Chronik der zu erwartenden Verwüstung liefern. Bis dahin lassen wir die beiden alleine warten.