Schrecksenantiquariat

Der Tote im Schrecksenantiquariat

 

Das dritte zamonische Criminalstückchen

 

 

I

Mitternacht in Buchhaim. Stille hat sich über die verwinkelten Gassen gelegt und nur noch von den belebten Plätzen und aus den Gasthäusern klingt Lärm und Geräusch durch die Dunkelheit. Aus dem schmutzigen Fenstern des Schrecksenantiquariates Inkontinenzia Kokolores – Schrecksenliteratur und Fluchwerke aller Art - dringt Kerzenlicht. Und das, obwohl offenes Feuer in diesen Laden verboten ist. Und obwohl der Laden seit zwei Stunden geschlossen hat. Was mag da vorgehen?

Eine gedrungene Gestalt steht vor den Regalen und sucht mit flinkem Blick die Reihen der Folianten ab. Ab und zu zieht der Eindringling einen Band heraus, wirft einen kurzen Blick drauf und stellt ihn wieder weg.

In der Tiefe des Raums erglüht mit einem Mal ein grellroter Punkt, erstrahlt für kurze Zeit und verglimmt dann wieder. Das behagliche Aroma einer guten Zigarre erfüllt den Raum, dann knurrt eine raue Stimme:

„Und? Wirst Du es finden oder hast Du zuviel versprochen? Das täte mir sehr leid – für dich!“

Der Midgardzwerg vor den Regalen dreht sich gelassen um.

„Nicht notwendig zu drohen, Herr. Die alte Schreckse hat das Buch hier irgendwo. Mein Informant war sich absolut sicher.“

„Und sie hat keine Ahnung, welchen Schatz sie da besitzt?“

„Nein, Herr. Wie ich Euch schon mehrmals erklärte, hat die alte Gewitterhexe das Buch letzte Woche bei einer Bausch- und Bogenauktion erworben und es ungeprüft in das Regal gestellt. Sie hat nicht die geringste Ahnung“ – er unterbricht sich. „Ah, hier ist es!“

Er dreht sich mit einem gewichtigen Folianten, gebunden in blind geprägtes Waldspinnenhexenleder und mit schweren Schließen aus Dämonenerz gesichert, um.

„Vielen Dank, mein Bester. Dein Ruf als bester Bücherdieb Zamoniens hat sich wieder einmal bestätigt. Und nun möchtest Du bezahlt werden, wie ich vermute?“

„Wenn es Euch genehm ist, Herr“. Der Zwerg lacht meckernd und hält eine Hand auf. „Ein Beutel Gold – wie abgemacht.“

„Ein Beutel Gold – wie abgemacht“. Die Gestalt zieht nochmals an der Zigarre, rotes Licht glüht auf. „Allerdings – jetzt, da ich das Buch habe, ziehe ich eine Bezahlung mit einem weniger edlen Metall vor“.

Mit diesen Worten beugt er sich blitzschnell nach vorne und schlitzt den verdutzten Zwerg die Kehle auf. Dann schnappt er sich das Buch und verschwindet.

II

Während der Midgardzwerg noch mit aufgeschlitzter Kehle im Antiquariat liegt und einige unersetzliche Bücher sich mit seinen Blute voll saugen, hockt der Zigarren rauchende Mörder an seinen Schreibtisch und blättert in dem so grausam erworbenen Buch. Der Foliant trägt keinen Titel. Nur das verschlungene Monogram R.G. ist zu erkennen.

„R.G. – Rufus Grausenburg. All die Jahre, all die Mühen, all die Fehlschläge und all das Gold – und wie bist du schließlich zu mir gekommen? Durch eine Bausch- und Bogenauktion!“ Er lacht dröhnend.

Dann nimmt er das Buch und schlägt es vorsichtig auf. Auf dem Vorsatzblatt steht in schwungvoller, wenn auch verblasster Handschrift:

Tagebuch von Rufus Grausenburg – enthaltend seine Formeln, Verwünschungen und Abscheulichkeiten, so er sich diese in schlaflosen Nächten im Kerker zu Gralsund ersann

 

Ich bitte, den geneigten Leser an dieser Stelle eine kleine Unterbrechung im Handlungsablauf zu gestatten. Es folgt ein Auszug aus der Bibliographica Zamonica Vol. XII:

Grausenschreck, Rufus. Buchimist. Angehöriger der Geheimloge »Nachtschwarze Verfehler jeglicher Moral«. Verfasste die Bücher Eingeweideschau – eine Anleitung, Von Leber und Milz – Innereienschau und Zukunft, Augapfelsud und Sehnenbrot – tausend Rezepte für Opferfeiern. Sämtliche Werke wurden wegen ihres offensichtlichen blasphemischen Inhaltes verbrannt, Grausenschreck selbst eingekerkert, nachdem man ihn 1.359 Morde in Namen der „Wissenschaft“ nachwies. Laut eigenen Angaben kochte er aus den Leichen einen Buchleim, der nach Grausenschreck „mehr kann, als nur Seiten zusammenhalten“. Allerdings wurde dieser Leim nie aufgefunden und hat wahrscheinlich nie existiert. Legenden berichten von einen Tagebuch des Buchimisten, in dem er seine schrecklichsten Geheimnisse überliefert haben soll. Die Existenz dieses Buches wird in Fachkreisen als Humbug abgetan.

Grausenschreck gilt heute als Beispiel für die schlimmsten Verirrungen des Buchimismus.

III

Während sich andernorts eine dunkle Gestalt über ein altes Tagebuch beugt, beugt sich im Schrecksenantiquariat Inkontinenzia Kokolores – Schrecksenliteratur und Fluchwerke aller Art Sonderermittler Argo Auht über eine Leiche. Er blickt zu der Besitzerin des Ladens auf.

„Und sie sind sicher, daß nichts Wertvolles fehlt?“

„Ja!“, kreischt die Schreckse. Ich bin sicher. Und wissen Sie warum? Weil es in meinen Laden nichts Wertvolles gibt.“

Sie fuhrwerkt mit ihren Armen herum.

„Alles was sie hier sehen ist billiger Tand und wertloser Humbug. Nur gedacht, die Leichtgläubigen zu schröpfen und die Dummen zu beeindrucken.“ Sie unterbricht sich. „Aber das bleibt doch unter uns, ja?“

Auht nickt abwesend.

„Ich frage mich nur, was ein in ganz Zamonien bekannter Bücherdieb dann ausgerechnet in ihrem Geschäft wollte. Irgendwas muß er hier gesucht haben – und ich möchte zu gerne wissen, was.“

Die Schreckse legt die faltige Stirn in noch mehr Falten, rollt die blutunterlaufenen Aug en und schnieft. Dann – ganz langsam – murmelt sie vor sich hin.

„Da war doch diese Auktion. Habe die Bücher eingeräumt, aber noch nicht katalogisiert. Wahrscheinlich alles Altpapier. Sollte angeblich aus den Nachlas eines bekannten Sammlers von Obscura und Kuriosa stammen. Könnte es sein …“

Der Detektiv wartet geduldig. Nach seiner Erfahrung heuert man einen hochkarätigen Verbrecher wie Ortfrad von Buchenzwang nicht an, um Altpapier zu stehlen. Vor allen schnitt man ihn dann nicht hinterher die Kehle durch. Nein, hier geht es um ein selbst für Buchhaimer Verhältnisse wertvolles Buch. Und er wird es finden.

„Jetzt fällt es mir wieder ein.“ Die Schreckse trumpft auf. „Letzte Woche habe ich einen großen Posten Bücher en gros ersteigert. Kaum hatte ich bezahlt, kam Plumbunium Madenfett auf mich zu und fragte, ob ich ihm ein bestimmtes Buch aus der Sammlung verkaufen könne. Angeblich ein altes Tagebuch eines seiner Familieangehörigen, das er schon lange suche. Da ich die Bücher aber erst in Ruhe sichten wollte, habe ich abgelehnt und ihn auf später vertröstet. Ob er etwas damit zu tun haben kann?“ Sie blickt den Detektiv treuherzig an.

IV

„Plumbunium Madenfett“, stöhnt dieser. „Von allen Teufeln ausgerechnet.“

„Sie kennen ihn also? Aber doch wohl kaum beruflich, oder?“ kreischt die Schreckse.

„Nur vom Hörensagen. Nur vom Hörensagen. Aber das reicht mir auch schon“, wiegelt der Gesetzeshüter ab. „Ach, ich versichere ihnen, Madenfett ist eine Seele von einer Haifischmade. So gutherzig, so mildtätig, so herzlich“ – während die Schreckse diesen Lobgesang plätschern lässt, rennt sie durch ihren Laden, verschließt die Tür und legt Schlagläden vor ihre Fenster – „so absolut liebenswert“ – sie schiebt eine schwere Eisen-platte in den Kaminabzug, blickt sich kurz um und fährt dann in veränderten Ton fort – „kurz: das schlimmste Scheusal, das Buchhaim jemals heimsuchte. Eine Pest mit vierzehn Armen!“

„Erzählen sie.“

„Erinnern Sie sich noch an diese Sache mit Smeik den Sammler vor ein paar Jahren? Der Sache in der Schwarzmann-gasse? Der große Brand?“

Auht nickt. Wie konnte man diesen Tag je vergessen?

„Nun, allen nach war dieser Smeik ein schlimmer Finger – na ja, Haifischmade eben. Aber Plumbunium Madenfett ist selbst für Haifischmadenverhältnisse verkommen und bösartig.“

Sie stöhnt gequält.

„Ach, hätte ich ihm doch dieses verdammte Buch überlassen. Aber wer konnte denn ahnen, das er so versessen darauf ist?“

„Können Schrecksen nicht in die Zukunft sehen?“ fragt der Detektiv. Die dies gefragte sieht ihn wie einen peinlichen Verwandten an, der vor der Hochzeitsgesellschaft etwas sehr Dummes gesagt hat.

„Schrecksen können natürlich in die Zukunft sehen – aber wir tun es nicht unentwegt. Und schon gar nicht, um das Schicksal eines alten Tagebuches zu erkunden. Sie wirft die Arme hoch und richtet die Knollennase in die Höhe. „Wie auch immer: Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger will ich mit dieser Sache zu tun haben. Ein Bücherdieb ist tot – gut so. Madenfett hat, was er will – gut so. Damit haben alle, was sie verdient haben und das Leben kann weitergehen. Sie blickt auf Ortfrad von Buchenzwang herab. „Außer für diesen da.“

„Ja“, denkt sich der Detektiv. „Madenfett hat, was er haben wollte. Bleibt nur die Frage, was er hat und warum er es haben wollte?“

V

Ein Tag später:

Wieder ist es Nacht in Zamonien und in den schmalen Gassen Buchhaims drängen sich finstere Schatten. Vom Marktplatz dröhnen drei Glockenschläge durch das Dunkel. Drei Uhr morgens – die Zeit der Diebe, Mörder und Liebhaber. Und Zeit der heimkehrenden Säufer. So nimmt es uns nicht wunder, daß plötzlich Gesang in der Nacht ertönt und eine schwankende Gestalt näher kommt.

Es handelt sich um den jungen Lindwurm Wulfdietrich von Elogenhieb, der justament heute sein erstes Buch verkauft und diesen Erfolg ausgiebig gefeiert hat. In einer besonders dunklen Ecke kommt Elogenhieb zu schwankendem Stehen, blickt sich übertrieben vorsichtig um und lüftet dann den Umhang, um sich zu erleichtern. Das laute Plätschern in der Stille der Nacht übertönt das leise Geräusch der Schritte, die sich von hinten nähern. Die geschlossenen Augen des wohlig pissenden Lindwurms verhindern, daß er das Messer bemerkt, das sich seiner Kehle nähert. Ein schneller Schnitt und nicht nur die Blase des jungen Dichters entleert sich. Vierzehn Hände halten den schweren Körper kurz aufrecht, das rote Glühen einer Zigarrenspitze bewegt sich von links nach rechts, als der Mörder sich sichernd umblickt. Dann lässt er die Leiche vorsichtig zu Boden gleiten und greift in eine seiner Taschen. Ein Blatt Pergament kommt zum Vorschein. Im Licht der Zigarre liest er folgende Zeilen:

„Ad erstens du brauchest das noch frische Herz eines Dichters, der habet verkauft erst kurz zuvörderst sein erstes und einziges Buch. Dies Herz du müssest haben, da Freude, Hoffnung und Zuversicht in ihn zu finden sind und du diese flüchtigen Stoffe als Bindemittel für den Leim brauchst. Das Blut aber und das Fleisch des Muskulus du magst zerstampfen, verkochen und abseihen, so es dem Leim gäbe Widerstandskraft.“

Die dunkle Gestalt nickt beim Lesen, zückt dann ein sehr schlicht aussehendes Messer aus Windhagener Sensenstahl und schneidet den Lindwurm das Herz hinaus. Dabei murmelt er vor sich hin:

„Ach, haben sie heute Nachmittag nicht noch zu mir gesagt, in dieses Buch haben sie ihr ganzes Können gesteckt und ihr Herzblut stecke in jedem Wort? Wie überaus großzügig von ihnen, mir jetzt ihr Herzblut für ein weit größeres Werk zur Verfügung zu stellen!“

Und mit dämonischem Gelächter verstaut er seine schreckliche Beute in einen Lederbeutel und eilt von dannen. Der junge, einst so hoffnungsvolle Schriftsteller aber bleibt in einer Lache aus Blut und Urin zurück – ein paar Stunden, nachdem er dem Falschen sein erstes und letztes Buch verkauft hat.

VI

Sir Syl von Logis, seines Zeichens Feldwebel der Buchhaimer Stadtwache und damit oberster Gesetzeshüter der Metropole, lehnt sich zurück und betrachtet den vor ihm stehenden Argo Auht.

„Fassen wir zusammen“, knurrt von Logis. „Ein toter Bücherdieb in einen Schrecksenantiquariat, ein gestohlenes Tagebuch, das wahrscheinlich nur von ideellem Wert ist, ein ermordeter Jungdichter. Klingt mir nicht gerade ungewöhnlich für unsere Stadt. Und nur, weil Plumbunium Madenfett da irgendwie drinsteckt, wittern sie eine allumfassende Bedrohung.“

Er beugt sich nach vorne, die schweren Pranken umfassen die polierte Nurmenholzplatte des Schreibtisches. „Ich sage ihnen was: Lassen sie die Finger oder wie man das bei ihnen nennt von dieser Sache. In dieser Stadt sind schon Leute verschwunden, die Madenfett für weit Geringeres auf den schwammigen Leib rücken wollten.“

Auht nickt müde. „Darf ich darauf hinweisen, daß der Lindwurm Elogenhieb mit einem Messer aus Windhagener Sensenstahl umgebracht und ausgeweidet wurde?“

„Und?“, bellt von Logis.

„Nun, Windhagener Sensenstahlmesser sind extrem kostspielig und werden nur in einer streng beschränkten Auflage geschmiedet. Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, daß ein gewöhnlicher Meuchler so ein Werkzeug benutzt oder gar besitzt. Wohingegen ein reicher … Geschäftsmann wie Madenfett …“

Er lässt den Satz einsam im Raum stehen.

„Warum sollte sich Plumbunium Madenfett – der immerhin die halbe Unterwelt Zamoniens kontrolliert – dazu hergeben, einen kleinen Schriftsteller zu ermorden? Der müsste nur die Braue furchen und sofort ständen Dutzende von Mördern und Schlägern bereit.“

„Wissen sie“, entgegnet der Detektiv langsam, „genau darüber habe ich auch nachgedacht. Und ich denke, es hängt irgendwie mit diesem Tagebuch zusammen. Darum wird mein nächster Schritt sein, mehr über diese Aufzeichnungen herauszufinden.“

„Tun sie, was sie nicht lassen können. Aber denken sie daran: Madenfett ist gefährlich. Sie ahnen gar nicht, wie gefährlich.“

VII

In seiner Bibliothek – ganz in Gralsunder Mezzogotik eingerichtet – fläzt sich Plumbunium Madenfett auf seinen Diwan und gibt sich scheinbar leichter Lektüre hin. Ein unbedarfter Beobachter sähe wohl nur eine alternde Haifischmade, eine Schale Konfekt und ein Buch in Händen des Lesenden mit dem Titel Großauers kleines Kompendium aller Nebensächlichkeiten in der Hauptfrage über das Wesen des Dinges an sich. Wahrhaft dröge Kost, die nur eine Haifischmade goutieren kann. Doch ein etwas aufmerksamer Beobachter – quatsch: Ein extrem aufmerksamer Beobachter mit Augen, deren Schärfe selbst die des Schattenkönigs überträfen – nähme die feinen Veränderungen an oben erwähntem Buch wahr und sähe, daß hier offensichtlich ein sehr altes Buch neu eingebunden worden ist. Was Madenfett in Wahrheit liest ist nichts anderes als das Tagebuch des Rufus Grausenburg.

Gerade stopft er sich dekadent eine weitere Praline in den Mund, als es kurz an der Tür klopft. Eine Braue bewegt sich leicht nach oben – ein Finger verharrt bei einem Absatz – ein Blick auf die Uhr – ein geschnarrtes „Herein“.

Argo Auht betritt den düsteren Raum.

„Ah, der berühmte Verbrecherjäger Auht. Der Schrecken der ganzen Unterwelt. Soll ich gestehen? Bin ich verhaftet?“ Plumbunium lacht heiser. „Wie aufregend“.

Er blickt den Detektiv an. Dieser verneigt sich leicht und spöttisch in Richtung Madenfetts und hebt in leichten Plauderton an:

„Verhaftet? Sie? Eine Stütze – nein, die Stütze der Buchhaimer Gesellschaft? Aber sie machten wohl einen Scherz. Wie dumm von mir. Wie ich sehe, störe ich sie bei der Lektüre?“

„Nur eine kleine Entspannungspause, alter Knabe. Leichte Kost für flache Geister.“

Abermals dieses heisere Gelächter.

„Sie sind offenbar ein Freund des geschriebenen und gedruckten Wortes. Eine imposante Bibliothek haben sie. Ist ihre Sammlung vollständig?“

Bedächtig nimmt sich Madenfett eine Praline, begutachtet sie kurz und befindet sie für tauglich. Während des Verzehrs blickt er zur Decke, seufzt dann: „Sie wissen doch – keine Bibliothek ist jemals vollständig. Wäre sie es, wäre sie tot. In der Tat fehlen mir noch einige Bücher, die ich heiß und innig begehre. Ja, ja …“

„Hatten sie nicht neulich noch das Missgeschick, bei einer Auktion um einen bibliophilen Schatz zu unterliegen? Ein Tagebuch, glaube ich?“

Was auch immer sich Auth sich von diesem Hieb erhofft haben mochte – es trat nicht ein.

„Har, har, har. Mein lieber Freund. Die Manuskripte von Perla la Gadion, signiert mit seinen Blut und vermengt mit seinen Tränen über diesen unsäglichen Kritiker Growlids – das sind bibliophile Schätze. Dieses Tagebuch hat höchstens den Rang eines Kuriosums.“

VIII

„Und dennoch haben sie viel Geld dafür geboten?“

„Und dennoch habe ich viel Geld dafür geboten.“

„Verzeihen sie die aufdringliche Frage – aber warum?“

Plumbunium Madenfett lehnt sich lässig zurück.

„Es ist wohl eine Frage der Familienpietät. Immerhin war der Verfasser des Tagebuches ein angeheiratetes Mitglied meiner Sippschaft. Sie sind überrascht? Meine Urururururgroßtante Archiversia Perdufttia war die Gattin des berüchtigten Rufus Grausenburg. Ich gebe es zu – sehr entfernte Verwandtschaft. Aber eben doch Verwandtschaft. In meiner Familie zählen die Bande des Blutes noch viel.“

„Ich verstehe. Und sind sie über den weiteren Verbleib des Tagebuches informiert?“

„Ich hörte, es sei dieser unsäglichen Schreckse gestohlen worden. Irgendein Bücherdieb soll es entwendet haben. Man hört so viel Gerede.“

„Ja, da haben sie recht. Man hört so viel. Vor allem in letzter Zeit.“

Der Detektiv fasst Madenfett scharf in das Auge. „Hätten sie etwas dagegen, wenn ich sie in den nächsten Tagen nochmals aufsuchte. Es könnten sich noch einige Fragen ergeben?“

„Kommen sie vorbei, wann sie wollen. Meine Tür steht ihnen immer offen.“ Madenfett wuchtet seinen Körper empor. Auf den Weg zur Tür zückt Auht plötzlich ein Messer und hält es Madenfett vor die Nase.

„Ist das ihres?“ fragt er schnell.

Gelassen nimmt die Haifischmade das Messer in eine Hand, befühlt das Messer, dreht und wendet es. „Windhagener Sensenstahl. Sehr teuer. Sehr gut geschmiedet. Ein exklusives Werkzeug. In der Tat benutzte ich ausschließlich Messer dieser Schmiede. Aber wenn sie einen Blick auf dieses hier werfen wollen“ – er zieht ein Papiermesser aus einer nahen Schublade, „so werden sie sehen, daß alle Messer mit meinem Monogram versehen sind. Und dieses hier …“ er zuckt vielsagend die Achseln – bei einer Haifischmade immer ein imposanter Anblick.

Der Detektiv verabschiedet sich stumm. Es war einen Versuch wert gewesen, auch wenn er nicht damit gerechnet hatte, das Madenfett in eine solch plumpe Falle gelaufen wäre.

IX

Neun Stunden später:

Plumbunium Madenfett schlägt das neu eingebundene Tagebuch sachte zu.

„Hhmmm, die Leber eines Säufers und die Milz eines Spielers – beides kurz vor der achten Schwellung. Sollte nicht schwer zu bekommen sein“. Er grinst vor sich hin. „Nicht in dieser Stadt, wenn man weiß, wo man suchen muß.“

Wieder ist es Nacht in Buchhaim. Dunkel in den Gassen, Schatten auf den Straßen, Düsternis über den Plätzen. Am Stadtrand öffnet sich die Türe eines hell erleuchteten Hauses, Gelächter und Musik dringt kurz hervor, ein volltrunkener Schweinsbarbar tritt heraus. Schwankend dreht er sich zum Gebäude um und brüllt:

„Verdammte HICKS Falschspielerbrut. Ihr sollt HICKS alle in Untenwelt HICKS schmoren. Wie kann es denn sieben HICKS Asse in einem verfluchten Kartenspiel geben? HICKS Wenn ich morgen komme, dann werde ich HICKS mir mein Geld zurückholen! Hört HICKS ihr? Ich komme wieder und hole mir mein Geld zurück. Verdammich! HICKS“

Grummelnd, aufstoßend und stockbesoffen macht sich der Barbar auf den Weg. Er ist gerade lang genug gewankt, um sich rettungslos zu verlaufen, als er eine vereinzelte Gaslaterne entdeckt. Sein benebeltes Gehirn beschließt, diese Lichtinsel anzusteuern und dann das Weitere abzuwarten. Steht da nicht jemand unter der Laterne? Eine schwarze Gestalt? Die kann ihn bestimmt auf den rechten Weg nach Hause zurückführen. Er stolpert die letzten Schritte, tritt in den Lichtschein und kneift die Augen zusammen. Eine vermummte Gestalt. Na, die Nächte sind kalt. Aber was ist das? Ein Kartenspiel? Hält der Typ ein Kartenspiel in Händen. Ziemlich viel Hände, die der Kerl da hat. 28 Stück. Donnerwetter.

„Lust auf ein Spielchen?“ ertönt es dumpf durch den schweren Schal des Vermummten. „Ein Spielchen unter Freunden. Ganz harmlos und unverbindlich.“

„Ein Spielchen? Aber immer. Aber nur HICKS“ – der Schweinsbarbar grinst verschlagen – „wenn sich der Einsatz HICKS lohnt.“

„Oh, der Einsatz lohnt sich. Das kann ich versprechen. Jeder zieht einmal eine Karte. Die Höchste gewinnt. Wie gesagt – nur ein kleines Spielchen.“

„Und was HICKS bekomme ich, wenn ich gewinne?“ „100 Goldpyras. Solltest du aber verlieren – dann nehme ich mir zwei deiner inneren Organe. Einverstanden?“

„Klingt nach einem verdammt HICKS schlechtem Geschäft für dich, alter Knabe. HICKS. Dann lass mal die Karten rüberwachsen.“

Der Schweinsbarbar zieht übertrieben langsam eine Karte. Die dunkele Gestalt ebenfalls. Der Schweins-barbar richtet die roten Augen auf die seine, runzelt die Stirn, zieht die Augenbrauen in Wellen und strahlt dann: „Kreuz HICKS As! Die höchste Karte! Her mit den HICKS Gold.“

Er lacht dröhnend.

„Da gratuliere ich aber“, freut sich der Vermummte in heuchlerischer Aufrichtigkeit. „Gewonnen. So einen Haufen Gold. Was man damit alles anfangen … Schade nur“ – mit diesen Worten langt der Sprecher unter den Umhang und zückt ein blitzendes Messer – „das ich ein ganz schlechter Verlierer bin.“

X

Nach den blutigen Ereignissen in den nächtlichen Gassen Buchhaims finden wir Plumbunium Madenfett emsig beschäftigt. Mit einem großen Löffel rührt er in einen Kessel aus Gusseisen, ein Auge schielt in ein Buch und allerlei eklige Zutaten liegen in Reichweite. Gerade arbeitet sich die Haifischmade durch folgenden Abschnitt:

„So du habest dir besorget Leber, Milze und Herzum, allwie es gefordert, so du es verkochest bei 97°. Nit einem Grade du darfest abweichen. Dann du lässt sieden den Sud du extaktum 54 Minuten und 13 Sekunden. Weichest du auch nur eine Sekunde ab, isset der Sud verdorben und du müsset von vorne beginnen – was isset eine große Schande und ein Tort. Auch du dürfest nit vergessen zu rühren eifrig den Sud, auf das nichts klumpet oder sich nicht löset.

„11 Sekunden, 12 Sekunden, 13 Sekunden. Fertig.“ Schwungvoll nimmt Madenfett den Kessel vom Feuer und schaut in eine dunkelrote, sämige Flüssigkeit. „Und wie geht es weiter?“

„So du itzo blickest in den Kessel und du siehest eine dunkelrote Flüssigkeit, du habest vermutlich alles recht gemacht. Füge jetzt einen halben Zentner gemahlenen Hutzenknochen dazu und laß den Sud sieden 7 Tage lang.“

„Hinein mit den Knochen“, grinst Madenfett. In einer gut sortierten Küche hat man so was ja immer vorrätig. Sieben Tage sieden. Da kann ich mich ja in aller Ruhe um die letzte Zutat kümmern – das Gehirn eines Vampirs. Das könnte etwas kompliziert werden.“

Der geneigte Leser möge mir hier einen kleinen Einwurf gestatten. Etwas kompliziert? Das ist wohl leicht untertrieben. Immerhin zerfallen Vampire nach ihrem Tod zu Staub – und das gilt natürlich auch für ihre inneren Organe. Von wegen also etwas kompliziert.

Und jetzt weiter im Geschehen.

Madenfett grinst diabolisch. „Nur noch ein Gehirn trennt mich vom Ziel. Dann werde ich die ultimate Waffe in Händen halten und ganz Zamonien wird mir gehören. Und alle Zamonier werden mir dienen. Na ja, fast alle. Die nicht lesen können, werden sich wohl widersetzen. Aber darum können sich ja meine Sklaven kümmern. Har, har, har.“

XI

Argo Auht sitzt in seinem Büro. Um ihn herum stapeln sich Bücher, Folianten und Oktavbände in wackligen Stapeln. Zerknülltes Papier liegt überall herum. Gerade schließt er ein weiteres Buch mit einem lauten Knall. Es trägt den vielversprechenden Titel Buchimismus und Anatomie – ein Lehrbuch für junge Buchimisten. „Geschwafel! Nichts als Geschwafel. Nicht ein konkreter Hinweis. Dabei bin ich mir sicher, daß die Morde und das gestohlene Tagebuch zusammenhängen.“

Auht lehnt sich in seinen Stuhl zurück und starrt an die Decke.

„Irgendwas übersehe ich“, murmelt er vor sich hin. „Drei Morde. Bei zwei Opfern wurden Organe entfernt Das tut doch kein gesunder Zamonier. Dann das gestohlene Tagebuch eines berüchtigten Buchimisten. Und ein lupenreiner Verdächtiger, dem ich nichts nachweisen kann. Man sollte doch meinen …“ Sein Blick fällt auf die Bücher um ihn herum. „Und ihr helft mir auch nicht weiter. Staubtrockenes Wissen einer vergangenen Epoche, mit dem heute keiner mehr …“ Sein Geschimpfe gerät ins stocken. „Vergangene Epoche“, flüstert er. „Das ist es. Natürlich! Ich brauche einen Fachmann. Jemanden, der sich mit den alten Buchimisten auskennt. Und ich glaube, ich kenne da genau die Richtige.

Kurze Zeit später...

Vor dem Schaufenster des Schrecksenantiquariates Inkontinenzia Kokolores – Schrecksenliteratur und Fluchwerke aller Art geht der übliche Schlendrian des Buchhaimer Lebens und Webens weiter. Doch drinnen ist ein heftiger Streit entbrannt.

„Nein, nein und nochmals nein“, kreischt die Schreckse. „Von mir erfahren sie gar nichts. Kommt hierher und stellt dumme Fragen. Was glauben sie denn, wer ich bin?“

„Ich verlange ja keine gefährlichen oder belastenden Auskünfte von ihnen“, erwidert der Detektiv. „Ich möchte lediglich wissen, was ein klassischer Buchimist mit einer Leber, einer Milz und einem Herzen anfinge.“

„Und sie werden diese Auskunft garantiert nicht gegen Madenfett verwenden oder mich da irgendwie mit reinziehen?“ Zögerlich, abwehrend, ängstlich.

„Ich behandle meine Quellen stets vertraulich.“ Er blickt sie auffordernd an. „Bitte.“

„Also“, kräht die Schreckse nach kurzem Zögern, im klassischen Buchimismus finden Milz, Herz und Leber nur in einen Rezept Verwendung: In der Leimkocherei. Allerdings müssten dazu noch Knochen und ein Gehirn beigefügt werden“.

„Leimkocherei“?, echot Argo Auht.

„Leim“, erwidert die Schreckse. „Buchbinderleim, um ganz genau zu sein“.

„Leim“, echot der Detektiv abermals. „Da mordet einer auf bestialische Weise, um ordinären Leim herzustellen?“

„Ich sagte doch, dies ist ein Rezept des klassischen Buchimismus“, fährt ihn die Schreckse an. „Und der klassische Buchimismus ist graue Theorie. Natürlich käme niemand auf die Idee, aus Leber, Milz, Herz und Gehirn Leim zu kochen. Es ist lediglich ein Rezept, verstehen sie. Eine Möglichkeit. Ein abstraktes Konstrukt.“

„Aber es gibt ein entsprechendes Rezept?“

„Angeblich soll es eines geben. Die Überlieferung ist da sehr ungenau. Es heißt, ein berüchtigter Buchimist habe es schriftlich fixiert. Doch das ist alles vage.“

„Wissen sie, wie dieser Buchimist hieß?“

„Äh, warten sie … ich glaube …mmmhhh…das war … das war … ach, mein Gedächtnis ist auch nicht mehr, was es mal war … ganz bekannter Name … große Nummer … mmmhhhh ….puhhh….also…“

„Könnte es Rufus Grausenburg gewesen sein?“

„Grausenburg – natürlich. Der war es. Der alte Grausenburg soll angeblich das Rezept für diesen ganz besonderen Leim überliefert haben. Aber bis heute hat man nichts Entsprechendes gefunden.“

„Und wenn das Rezept in seinen Tagebuch überliefert ist? Dann hätten wir doch eine Erklärung für die Morde: Jemand kocht Grausenburgschen Buchbindeleim. Und dieser jemand mordet Buchhaimer Bürger. Und dieser jemand ist uns wohlbekannt. Aber warum? Warum sollte sich Plumbunium Madenfett dazu hergeben, Leim zu kochen? Den kann er sich doch an jeder Ecke besorgen.“

XII

„Nicht diesen Leim, Verehrtester, nicht diesen Leim. Wenn die alten Quellen stimmen, hat dieser Kleber eine einzigartige Fähigkeit, eine Eigenschaft, die ihn zum gefährlichsten Stoff dieser Welt macht. Noch gefährlicher als Zamomin!“

Der Detektiv lacht auf. „Leim, der gefährlicher als Zamomin ist? Sie scherzen.“

Wortlos greift die Schreckse in ein Regal hinter sich und zieht nach kurzen Zögern einen abgegriffenen Duodezband hervor: Brabbelbarts Kompendium der Sagen, Mythen und Gerüchte über die Buchimisten, Alchimisten und Pyhsimistem.

„Mal sehen,“ murmelt sie vor sich hin, „wo war es noch, ich hatte es doch erst, muß doch hier irgendwo, aha.“ Sie fängt zu lesen an:

„So ich habet gesprochen über dat Truggolde, dat Hadererz und dat Zamomien, dat da halten einige für dat gefährlichste unter den Dingen, die es da gebet bei unse. Doch darf ich nit verhehlen, das es gibet Gerede und Geraune über einen Stoffe, der stellet selbest dat Zamomien in Schatten. Dies Stoff heißet ganz harmlos Der Leim des Grausenburgs und erwecket den Anscheine, er sei nichts als ordinärer Buchleim. Doch so wie die Nebelqualle weit mehr isset als eine Qualle oder Nebel, so isset dieser Stoff weit mehr als Leim. Gehöret habe ich, daße der, der diesen Stoff anrühret und also herstellt, seine Gedanken, sein Wollen, sein Trachten und Sinnen in diesen einfließen kann lassen mit Ergebnis, das alle, die ein Buch lesen, das mit diesem Leim geklebet, den Willen und den Wollen des Leimkochers unterliegen und zu Diensten sein müssen immerdar und allgestalt. Doch möcht ich nit verhehlen, das ich dies halte für eitel Geschwätz und dumm Gered.“

Argo Auht blickt wie vom Donner gerührt. Seine Gedanken rasen. Wenn das wahr wäre. Eine solche Substanz in den Händen Madenfetts! Unvorstellbar. Entsetzlich! Binnen kürzester Zeit hätte sich die Haifischmade den gesamten Kontinent unterworfen – Bücher liebend, wie die Zamonier nun mal waren.

„Ich muß diesen Wahnsinnigen aufhalten.“ Er strafft sich. „Ich werde sofort einen Verhaftungsbescheid erwirken und Madenfett inhaftieren.“

Er eilt davon und verlässt die Schreckse und ihr Antiquariat, die wir beide in dieser Geschichte nicht mehr treffen werden. Sein eiliger Schritt trägt ihn zur Buchhaimer Stadtwache, wo er vom Feldwebel Syl von Logis die Unterstützung erhofft, derer er jetzt bedarf.

XIII

„Was wollen sie? Haben sie jetzt komplett den Verstand verloren, Mann. Einen Verhaftungsbescheid gegen Madenfett, weil er nach einen alten Rezept Leim kocht? Ich habe hier vier Morde aufzuklären und sie hechten hinter Klebstoff her? Machen Sie, daß sie rauskommen, bevor ich den Kopfdoktor holen lasse. Oder besser – warten sie hier, während ich den Kopfdoktor hole.“

Selbstverständlich wartet unser Spürhund nicht auf den Kopfdoktor und befindet sich auf den Weg in die Höhle der Haifischmade. Mögen seine Vorgesetzten auch die Köpfe schütteln und ihn kein Wort glauben – er weiß, das Madenfett etwas Entsetzliches plant. Und er wird ihn daran hindern. In dieser Situation werden Männer der Tat gebraucht! Und unzweifelhaft ist er ein solcher. Ah, da ist ja die Schwarzmanngasse 57. Hier wohnt der Verbrecher, der Wahnsinnige. Langsam tritt Auht näher, sieht sich suchend und sichernd um. Keiner zu sehen. Nun ist er an der Tür. Er kramt in seinen Taschen verharrt dann. Die Tür ist ja offen. Was für ein Glücksfall. Und wie leichtsinnig von Madenfett. Passt gar nicht zu diesem Charakter. Sollte er ihn gar erwarten? Ist das eine Falle? Eine Falle? So ein Quatsch. Der alte Madenfett wird ganz einfach senil. Oder einer seiner Dienstboten ist mal kurz zum Markt und hat die Tür aus Bequemlichkeit aufgelassen. Wie auch immer: Die Gelegenheit ist günstig. Er huscht in das Haus. Schatten umfangen ihn. Eine Stille wie in einen Grab. Kein Laut zu hören. Doch halt – halt. Ein leises, regelmäßiges Pochen erklingt vom Ende des Flures her. Und schimmert unter der Türe da hinten nicht ein ganz dünner, feiner Streifen Licht? Leise, leise, leise schleicht der Detektiv dorthin. Endlich langt er an der Tür an. Er horcht. Nichts! Er horcht aufmerksamer. Nichts! Er strengt seine Ohren auf das Äußerste an. Nichts!Langsam öffnet er die Tür. Ein leerer Raum, eine einsame Kerze blakt vor sich hin. Kein Madenfett, kein Leimkessel. Der Detektiv atmet enttäuscht aus.

Doch was ist das? Da hinten in der Ecke scheinen die Schatten dichter als sonst wo im Raum zu sein. Er geht näher und – richtig. Eine Wandnische und darin eine Leiter, die nach unten führt. Und nun kann er auch das Pochen wieder hören. Lauter und deutlicher als zuvor. Kein Zweifel: Er muß hinab. Langsam nimmt er die Sprossen und fragt sich nebenher, wie eine Haifischmade diese wohl bewältigt. Ein Gang aus unbehauenen Steinen, feucht und moderig. Am Ende wieder eine Tür – aus schweren Nurnenholz, mit Eisen beschlagen. Die Tür ist nur angelehnt. Das Pochen ist jetzt deutlich vernehmbar. Er schleicht vorsichtig näher, ist fast an der Tür und will sie gerade schwungvoll aufreißen, um den verderbten Verbrecher in Schrecken und Panik zu versetzen, da erklingt eine sonore Stimme aus dem Raum hinter der Tür:

„Ah, der Herr Detektiv. Endlich. Ich warte schon voller Ungeduld. Kommen sie doch bitte herein. Ich muß ihnen unbedingt etwas zeigen.“

XIV

Argo Auht betritt vorsichtig den kargen und feuchten Raum, der allem Anschein nach das geheime Labor von Plumbunium Madenfett darstellt. Auf den Tischen und Bänken stehen Instrumente und Gerätschaften, deren Namen der Detektiv noch nie gehört hat und über deren Sinn und Verwendungszweck er gar nicht erst nachdenken will. In der Mitte des Raumes kocht und siedet ein gusseiserner Kessel vor sich hin.

„Ja, das ist er“. Madenfett deutet stolz auf den Kessel. „Der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Ereignisse der letzten Tage. Sinn und Zweck meines und ihres Webens und Wirkens. Der Leimkessel.“

„Sie sind komplett wahnsinnig, Madenfett. Sie ermorden Zamonier, nur um Zutaten für irgendwelchen ominösen Buchleim zu gewinnen. Man wird sie hängen!“

„Aber, aber, mein Lieber. Sie echauffieren sich. Sie sollten“ – Madenfett zündet sich umständlich eine Zigarre an – „an die werte Gesundheit denken.“

„Schluß mit den Gerede. Kraft meines Amtes verhafte ich sie, Plumbunium Madenfett. Ihnen wird mehrfacher Mord aus niederen Beweggründen vorgeworfen – von anderen Verbrechen gar nicht zu reden. Werden sie freiwillig mitkommen oder…“

Madenfett ringelt sich geradezu vor Unterwürfigkeit. „Aber liebster Herr. Natürlich werde ich freiwillig mitkommen, um diese schrecklichen Missverständnisse aus der Welt zu schaffen. Ich und ein Mörder. Wie absurd.“

„Hören sie mit dem Possenspiel auf, Madenfett. Das heben sie sich besser für den Richter auf.“ Auht tritt auf ihn zu. „Kommen sie jetzt?“

„Lassen sie mich nur noch Mantel und Hut überwerfen“, entgegnet Madenfett. „Es ist doch schon recht kalt draußen“. Er macht Anstalten, in eine große Holztruhe hinter sich zu langen. Der Detektiv tritt blitzschnell näher. „Finger weg und zurück von der Truhe. Was ist das drin?

„Nur mein Mantel und mein Hut, Herr Detektiv. Sie werden einer alten Haifischmade doch gestatten…“ „Ich gestatte gar nichts. Ich werde ihnen die Sachen rausholen – und dann gehen wir ohne weitere Fisimatenten zur Wache“.

Madenfett scharf im Auge behaltend, öffnet der Vertreter des Gesetztes die Truhe und wirft einen schnellen Blick hinein. Kleidungsstücke. Gut. Er greift sich den Mantel und wirft ihn Madenfett zu. Dann der Hut. Verdammt, der scheint festzuhängen. Er zieht fester. Der Hut löst sich und gleichzeitig fühlt Auht einen leichten Stich in den Daumen. Er richtet sich auf, doch schon wird ihn schwindlig und der Raum dreht sich um ihn herum. Madenfett tritt auf ihn zu und nimmt den Hut entgegen. „Also wirklich, Wertester. Fallen auf den alten Feder-Hut-Trick herein. Ich muss schon sagen…“

Der aufrechte, jetzt leider vergiftete Vertreter des Gesetzes stößt ein röchelndes „Siieee“ aus, bevor er ohnmächtig zu Boden fällt.

XV

Stunden später:

Der so unglücklich Hereingefallene wacht langsam auf und sieht direkt in das grinsende Gesicht einer Haifischmade – kein schöner Anblick, wie ich den werten Lesern versichern kann.

„Ah, der geschätzte Hüter des Rechts ist erwacht. Wie schön, wie schön“. Madenfett reibt sich die vierzehn Hände.

„Was haben sie vor, Sie Wahnsinniger“? Auht stößt die Frage wütend aus, während er an den Lederriemen zerrt, die ihn an die Pritsche fesseln.

„Was habe ich noch mal gleich mit ihnen vor? Was war das noch? Ach ja“ – Madenfett schlägt sich spielerisch vor die Stirn – „ich werde ihren Schädel aufsägen, das noch lebende Gehirn entnehmen und es als letzte Zutat meinen besonderen Leim zugeben. Ist das nicht köstlich?“

Der Detektiv spielt auf Zeit. „Und warum brauchen sie ausgerechnet mein Gehirn?“

„Ganz einfach“, lacht der Schurke, der als solcher ja bekanntlich nie widerstehen kann, seine Pläne und Absichten dem wehrlosen Opfer zu enthüllen. „Erstens ist ihr Hirn gerade zur Hand, zweitens stören sie meine Kreise und drittens verlangt das Rezept das Gehirn eines Vampirs.“

„Aber ich bin ein Fhernhache – kein Vampir. Was zur Untenwelt…“

„Ach, die alten Buchimisten waren – bei aller Genialität und Begabung – doch manchmal wie Kinder. Man darf die alten Rezepte nie zu wörtlich nehmen.“

Madenfett wandert durch den Raum, während er schwadroniert.

„Der Vampir ist nichts anderes als ein Symbol für einen Lebenskraftsauger, einen Parasiten, einen Schmarotzer – kurz: Ein Schädling. Und wie günstig trifft es sich da, daß sie seit geraumer Zeit meine Geschäfte schädigen, mir meine Ruhe stören und meine Gelassenheit rauben. Sie sind ein Schädling, Wertester und folglich ist ihr Gehirn so tauglich wie nur ganz wenige. Und nun“ – er greift nach einen Instrument, das ich hier weder näher beschreiben noch benennen will – „wollen wir zur Sache selbst schreiten.“

Die zartfühlende Seele des Autors breitet über die nächsten fünf Minuten den Mantel des Schweigens.

„Vielen Dank, mein Lieber.“ Madenfett hält das Gehirn des nunmehr von uns gegangenen Detektivs in Händen. „Es war eine Freude, mit und an ihnen zu arbeiten.“ Er schreitet zum Kessel, blickt kurz auf ein Thermometer, das aus dem Sud ragt, rührt einmal um und wirft das Gehirn dann hinein. „Und fertig ist der Leim.“

XVI

Drei Monate nach den betrüblichen Ereignissen in einen uns wohlbekannten Kellerlabor:

In Buchhaim geht das Leben weiter. Die Anfangs noch engagiert ausgeführte, später aber immer lascher gehandhabte Suche nach einen verschollen Hüter des Gesetzes, ist mittlerweile fast vergessen. „Schulden gehabt und abgehauen“, sagen die einen. „Die Frau des Bürgermeisters geschwängert und mit dieser durchgebrannt“, sagen die anderen. Zumindest die zweite Theorie aber darf getrost bezweifelt werden, denn die 93 Jahre alte Frau des Bürgermeisters wurde erst letzte Woche noch bei einer Leihbücherei-Eröffnung gesehen.

Das Leben geht weiter. Doch wir wissen, was im Kellerlabor geschah! Wir wissen, daß der teuflische Plumbunium Madenfett seinen buchimistischen Leim kochte! Wir wissen, wozu ein so meisterlich böses Gehirn in der Lage sein muß! Wir wissen, das in den Paketen, die justament heute an sämtliche Amts- und Würdenträger, Herrscher und Potentaten, Clanführer und Sippenhäupter, dominante Männchen und Stammmütter Zamoniens geliefert wurden, Unheil schlummert.

Und weil wir gerade in Buchhaim weilen – schauen wir doch den Bürgermeister mal über die Schulter, als er das gerade gelieferte Paket öffnet:

In dunkelroten Leder gebunden, mit Schließen aus Messing versehen und auf handgeschöpftem Büttenpapier gedruckt, liegt ein Buch im Paket. Es trägt den Titel: Von der Kunst, nach oben zu kommen und dorten zu bleiben und der Untertitel führt weiter aus: Wie sie Wahlen gewinnen, Mitbürger manipulieren, Konkurrenten ausstechen Giftmorde arrangieren.

Als Verfasser firmiert ein Inkognito Anonymus. Im ganzen Land schlagen gierige Hände, Klauen oder Pranken das Buch auf, saugen sich an den Seiten fest und verschlingen Wort um Wort, Silbe um Silbe, Buchstabe um Buchstabe. Und mit jedem Wort, mit jeder Silbe, mit jeden Buchstaben, den sie lesen, dringen die hypnotischen Dämpfe des Bindeleims in ihre Gehirne ein. Schon nach kurzer Lesezeit sind alle Amts- und Würdenträger, Herrscher und Potentaten, Clanführer und Sippenhäupter, dominante Männchen und Stammmütter Zamoniens willenlose Sklaven Madenfetts, der in seiner Bibliothek sitzt, uralten Wein schlürft und einen willfährigen Bürgermeister befiehlt, ein gewisses Schrecksenantiquariat schließen zu lassen und die Besitzerin zu ersäufen.