Seidenschlüpfer

Der Seidenschlüpfer der Berghutze

 

Ein galantes Abenteuer aus dem erotischen Memoiren des

Pracht von Schwengel

 

 

Präludium in der Hutzenhöhle

Die ersten Sonnenstrahlen durchdrangen die kalte Luft des Hutzengebirges. Eiszapfen begannen zu tauen und die Bäche plätscherten vom Eise befreit. Die Natur erwachte nach einem langen und harten Winter. In einer nahen Höhle erwachten zwei Zamonier nach langen und zärtlichen Liebesspiel und wußten: Der Frühling brachte ihnen die Blumen des Abschieds und des Verlustes.

Der junge Midgardzwerg Pracht von Schwengel erhob sich vom Lotterbett eines langen Winters und blickte seiner Geliebten, der Berghutze Fredegunda, in die Augen.

„Erhebe dich, Genossin meiner Lust. Der Lenz ist gekommen und ich muß ziehen.“

Er reckte die Arme gen Sonnenaufgang und fuhr pathetisch fort: „Taten harren meiner und Abenteuer wollen bestanden sein. Doch zage und zähre nicht – unsere Liebe will ich ewig im Herzen halten und nimmer vergessen.“

So sprach Pracht von Schwengel, Liebhaber und Abenteurer.

Die Berghutze konnte vor lauter Schluchzen kaum atmen. Ihr ganzes Haar schwamm in heißen Tränen. Sie heulte und kreischte wie eine Verdammte in den Tiefen der Hölle. Sie flehte den Midgardzwerg an, er solle doch bleiben, sie nimmer verlassen. So viele Früchte vom Baum der sexuellen Spielarten seien noch zu pflücken, so viele erotische Abgründe seien noch zu überschreiten – vergeblich. Pracht von Schwengel wollte und mußte aufbrechen.

„So nimm dies Liebespfand von mir“, jammerte Fredegunda, „und halte es ewiglich in Ehren“. Sie reichte ihn einen üppig bestickten Seidenschlüpfer (kaum getragen, die Farben noch nicht ausgebleicht). Der Midgardzwerg war erschüttert, gerührt und eigentümlich berührt.

„Einst war dieser Schlüpfer ein Brautgeschenk, doch der Treulose verließ mich am Tag vor der Hochzeit und ich habe ihn nie wieder gesehen. Verfluchte, treulose, herzlose Haifischmade. Doch jetzt habe ich lange genug in diesen Schlüpfer geweint. Fürderhin sei er ein Zeichen der Liebe und der Erinnerung.“

Sie trat auf Pracht zu, nahm ihn in die Arme und küßte ihn leidenschaftlich. „Und nun geh. Wann immer du den Seidenschlüpfer siehst, denke an die Hutze, die dich liebt und auf dich wartet. Hier in den Bergen.“

Tränenreiche nahmen sie Abschied. Fredegunda warf sich auf das Lager und herzte die Kissen und nässte die Laken mit ihren Tränen – Pracht von Schwengel aber machte sich auf, weil Midgardzwerge eben so sind und nie lange verweilen können. Er ahnte noch nicht, daß der seidene Schlüpfer der Schlüssel zu einem der größten Abenteuer sein sollte, daß er in seinen Leben jemals bestehen sollte.

Die Haifischmade in den Salzminen

Die Hämmer zuckten auf und nieder. Unermüdlich und ohne Pause brachen sie die Brocken aus den Wänden. Flinke Hände klaubten die weißen, kristallinen Steine vom Boden und luden sie in nahebei stehende Schubkarren. Waren diese gefüllt, beförderten ächzende und schnaufende Männer und Frauen sie an das Tageslicht. Die Luft war erfüllt von einem scharfen Geruch, die Hitze war schier unerträglich und der Durst schier nicht zu stillen. Dies hier waren die Salzminen der Dämonenklamm – der Ort, an dem die schlimmsten Verbrecher Zamoniens ihre Strafe verbüßten und den so viele von ihnen nie mehr verlassen sollten. Dies waren die Salzminen – Straflager und Friedhof. Dies waren die Salzminen – und hier schuftete seit 3 Jahren und 19 Monaten Belial Smeik.

„Hey, Belial“, schrie ein grobschlächtiger Aufseher quer durch den Stollen. „Sofort zum Direktor mit dir! Aber zack, zack!“ Zur Bekräftigung ließ er die Peitsche knallen. Belial Smeik war verwirrt und nervös. Zum Direktor zitiert zu werden konnte nur zweierlei bedeuten: Eine Abkommandierung in die Bleigruben (was einen mehr oder weniger sofortigen Todesurteil gleichkam) oder Begnadigung. Allerdings war noch nie jemand in den Salzminen begnadigt. Also die Bleigruben. Das war es dann wohl. Keine Chance mehr …Eine Peitsche knallte, Smeik zuckte schmerzhaft zusammen.

„Ab zum Direktor, du Kröte! Hier wird nicht getrödelt!“ Nochmals zuckte die Peitsche und hinterließ blutige Striemen auf den Rücken der Haifischmade. Striemen, in denen der salzige Staub der Mine brannte. Der Gefangene ballte seine 14 Hände zu Fäusten – eine ebenso beeindruckende wie hilflose Geste - und zuckelte zum Büro des Direktors.

Der Direktor der Salzmine in der Dämonenklamm war – wie sollte es anderes sein? – eine Haifischmade. Positionen in der Verwaltung von Straflagern wurden traditionell von Angehörigen dieser Daseinsform besetzt.

„Also, wenn das nicht der gute alte Belial Smeik ist. Wie geht es ihnen, alter Knabe? Harte Arbeit, wenig Brot. Und dann diese Luft – salzig und trocken. Schlimm, schlimm, schlimm. Na, du hast es jetzt ja hinter dir.“ So tönte es jovial von den wulstigen Lippen des Direktors. „Ich habe gute Nachrichten für dich, Belial. Erstaunlich gute Nachrichten. Es geht ab in die …“

Belial unterbrach ihn. „Ich weiß. Es geht in die Bleigruben. Was soll es? Wenn Sie glauben, daß ich jetzt bettle oder jammere – dann liegen Sie …“

„... Freiheit!“, fuhr der Direktor ungerührt fort.

„… verdammt richtig! Äh… Freiheit?“, echote Smeik ungläubig.

„Ja, mein Guter, jetzt bist du aber Platt, was. Aber es stimmt: Frei! Bei ihrer Verhandlung gab es einen Formfehler, das Urteil ist daher nichtig und dein Verweilen daher hier nicht länger. Du kannst gehen, du sollst gehen. Ach, bevor ich es vergesse: Haftentschädigung gibt es natürlich keine. Har, har, har.“

Belial Smeik konnte es nicht fassen. Er war frei! Unglaublich! Doch freuen konnte er sich später. Jetzt galt es, so schnell wie möglich zum Versteck der Beute aus seinem letzten Coup zu gelangen und diese zu versilbern. Mit diesen Vermögen wollte er sich dann zur Ruhe setzten und ein gesetzestreues, gesetztes Leben beginnen. Nochmals wollte er keinesfalls in die Salzminen einfahren.

Das Versteck, an den dieses Vermögen auf ihn wartete, hatte er seinerzeit nach langen und mühsamen Suchen gefunden. Nach getaner Arbeit erstellte er eine exakte, wenn auch ungewöhnliche Karte, die ihn den Weg weisen sollte, wenn er in einigen Jahren wiederkam, um die Früchte seiner Verbrechen zu genießen.

Er hatte die Schatzkarte seinerzeit wohl verborgen. Er grinste vor sich hin. Diese Karte fand niemand – soviel war sicher!

Das Geheimnis des Seidenschlüpfers

Während Belial Smeik noch seinen Gedanken um Wohl- und Ruhestand nachhing und die Berghutze Fredegunda hemmungslos in die schon klitschnassen Bettlaken weinte, wanderte Pracht von Schwengel fröhlich pfeifend durch das schöne Hutzengebirge. Für einen Midgardzwerg schwang er seine Beine erstaunlich weit und legte ein hübsches Tempo vor. Doch auch die Sonne war nicht faul und während von Schwengel per pedes apostolorum durch die Welt eilte, nahm die Hitze des Tages zu und zu. Immer häufiger nimmt der Wanderer einen Schluck aus der Branntweinflasche, immer heftiger perlte der Schweiß. Als ihn zum wiederholten Male salzige Tropfen in die Augen perlten, blieb er stehen und wühlte in seinen Taschen, um ein Tuch zu finden. Da. Was war das? Ach, der Seidenschlüpfer der guten Fredegunda. Romantische Hutze. Aber schön bestickt. Komisches Muster. Er besah sich die Linien und Formen genauer. Sah das nicht aus wie …War das nicht …Aber ja: Diese Stickerei war eine Karte. Eine Landkarte des Hutzengebirges und seiner Täler. Ganz sicher. Diese roten Dreiecke hier – das mußten die drei Hutzentitten sein, die höchsten Erhebungen in diesem Gebirge. Und diese Naht ist in Wahrheit die alte Heerstraße aus den Dämonenkriegen. Und dieses wirre Muster aus grünen und braunen Fäden – ist das nicht der Dunkel-Dämmer-Düster-Zwielichtwald, der sich am Ende der Heerstraße erstreckt? Und das winzige blaue Kreuz inmitten des „Waldes“ ist gar keine Unachtsamkeit der Stickerin – es markiert vielmehr einen Fundort. „Das ist ja eine Schatzkarte“, rief Pracht von Schwengel in die Lüfte. „Odin sei gepriesen: Eine Schatzkarte!“

Für einen Midgardzwerg hatten Schätze aller Art seit jeher eine große Anziehungskraft. Natürlich würde er mit Fredegunda teilen – später. Die alte Heerstraße lag nahe und wenn er sich ranhielt, konnte er in drei bis vier Tagen im Dunkel-Dämmer-Düster-Zwielichtwald sein.

Er lief los.

Gleichzeitig, viele zamonische Meilen entfernt...

Eine uns wohlbekannte Haifischmade saß im Gasthaus Zum gläsernen Mann und unterhielt sich flüsternd mit zwei finster aussehenden Subjekten. Die Worte „Schatz“, „Berghutze“ und „Zwielichtwald“ erklangen. Man ahnte es: Die Zukunft sollte wenig Gutes für Pracht von Schwengel und Fredegunda beinhalten.

Verschwörung im Gläsernen Mann

Belial Smeik, frisch aus der Fron in den Salzminen entlassen, betrachtete seine beiden Gegenüber. „Dies“, murmelte er vor sich hin, „ dies ist also die Creme de la creme der zamonischen Verbrecherwelt. Wirbelsäulen-Ede und Hackebeil-Rudi. Brutal, skrupelllos und zu blöd, einen Eimer Wasser umzustoßen.“

Wirbelsäulen-Ede, ein untersetzter Blutschink, hob die linke Pranke.

„Versteh ik dat richtich? Zuerst gähn wir zu dieser blöden Hutze un reißen uns die Karte under den Nagel. Und denne“ – ein breites Grinsen legte sich über seine abstoßenden Züge – „holen wir und den Zaster, den du verstäckt hast.“

„Siehst du, Belial, genau das verstehe ich nicht.“ Hackebeil-Rudi sprach jenes akzentfreie Hochzamonisch, das für Mondlichtschatten typisch war. Sein Duktus war so glatt und geschliffen wie seine ganze Persönlichkeit. „Wenn du doch diesen Schatz versteckt hast – dann mußt du doch wissen, wo er liegt. Was brauchst du da noch eine Karte?“

Hackebeil-Rudi bemühte sich, diesen Gedankengang seines Kumpans nachzuvollziehen.

Belial grinste maliziös. „Richtig, ich habe den Schatz selbst vergraben. Und dabei war ich gleichzeitig an- und abwesend.“

Ein doppeltes „Häh?“ erklang.

Smeik erklärte:

„Haifischmaden können sich selbst in Trance versetzen. Während meine Arme die Schaufeln und Haken schwangen, weilte mein Geist woanders und auch die Karte erstellte ich in dieser speziellen Trance. Ich kehrte erst wieder in der Höhle dieser Hutze zu mir selbst zurück. Ich machte ihr vor, wie verliebt ich in sie sei, sprach von Hochzeit und schenkte ihr den Schl...“ Er unterbrach sich „… die Karte. Alles klar?“

Wirbelsäulen-Ede und Hackebeil-Rudi nickten unisono. „Und nun, meine Herren: Wie kommen wir auf schnellsten Weg in die Hutzenberge?“

Der Blutschink hob die Pranke.

„Ick glaub, ick hab da nee Idee.“

Während sich die Wolken des Geschicks zu finsteren Bergen auftürmen, erreichte Pracht von Schwengel den Dunkel-Dämmer-Düster-Zwielichtwald. Er zog die seidene Karte zu Rate.

„Hhmmm, dieser graue Faden hier im Muster könnte durchaus für diese verdorrte Eiche stehen. Ja, hier schlängelt sich auch ein Pfad gen Osten – entsprechend den dünnen, schwarzen Zwirn auf den Schlüpfer. Wahnsinn, wie präzise diese Stickerei ist.“

Den nächsten Orientierungspunkt bildete eine windschiefe Weide, von der es 85 Schritte nach Norden ging. Dort lag der Hexenring – in der Natur aus Steinen gebildet, auf den Schlüpfer durch einen Kranz aus gelbem Garn markiert. „Und jetzt genau 187 Schritte nach Südwesten“, grummelte der Midgardzwerg in seinen Bart. „Ausgehend vom Zentrum des Kreises. Dann mal los …“

187 präzis gezählte Schritte weiter. Pracht von Schwengel starrte auf den Boden vor sich. Die Augen quollen aus dem Kopf. Er starrt auf den Boden – nur das da kein Boden ist. Wo der Schatz liegen sollte gähnte ein kreisrundes, senkrechtes Loch. Als er vorsichtig näher trat und hineinblickte, vermeinte er ein rotes Glühen in der Tiefe wahrzunehmen.

„Was zum Teufel!“ entfuhr es ihn. „Muß ich da runterklettern?“ Er konsultierte die Karte, fand aber keinen Hinweis. Er wendete den Schlüpfer auf links – nichts. „Ein Seil“, rief er. „Ich brauche ein verdammtes Seil!“

Hexenbesen und lange Unterhosen

Während der Midgardzwerg in der Einsamkeit des Dunkel-Dämmer-Düster-Zwielichtwaldes ein langes Seil suchte, geschah vor einer uns nur zu bekannten Hutzenhöhle Erstaunliches. Drei Gestalten stiegen steifbeinig und ungelenk von einem Besen herab. Sie waren allesamt von Raureif bedeckt, Eiszapfen hingen von ihnen herab und keiner von ihnen trug warme Unterhosen.

„Lasst uns der alten Hasel-Hexe den Besen klauen, sagt er“, stieß Belial Smeik unter heftigen Zittern hervor. „Der Besen trägt uns schnell in die Berge, sagt er! Das ist eine gute Idee, sagt er!“

Smeik zitterte heftiger – ob vor Wut oder Kälte vermochte niemand zu sagen.

„Aber er sagt uns nicht, daß die Hexe immer drei Wollmäntel und sieben Wollschlüpfer anzieht, bevor sie losfliegt! Das verschweigt uns der kluge Herr!“ Kraftlos schlug Smeik auf Wirbelsäulen-Ede ein, dem viel zu kalt war, um sich zu wehren.

Hackbeil-Rudi hatte mittlerweile die Höhle inspiziert und kehrte mit schlechter Laune und schlechten Nachrichten zurück.

„Da ist niemand, Belial. Sieht so aus, als wäre die Höhle seit ein paar Tagen verlassen.“

Die kriminelle Haifischmade ließ vom Blutschinken ab und schrie: „Es ist mir vollkommen egal, ob die verdammte Hutze da ist oder auf Kaffeefahrt – ich will die Karte haben. Ihr wisst, wie sie aussieht. Sucht sie!“

Drei Stunden später … Unsere drei Schatzkartensucher lagen erschöpft vor der Höhle. Jeden Stein hatten sie umgedreht, in jede Spalte gelinst, unter jedes Möbelstück gespäht – der bestickte Seidenschlüpfer war nicht da. „Bolloggarsch und Hutzenschuppen“, fluchte Belial Smeik leidenschaftlich. „Wo ist die Karte? Ohne diese verdammte Karte finden wir den Schatz nie!“

Der Mondlichtschatten richtete sich auf und zog die Luft durch die geschlitzten Nasenlöcher. Er drehte den Kopf mit geschlossenen Augen hin und her, schließlich verharrte er in einer bestimmten Richtung.

„Ich kann sie riechen, Belial. Ich habe die Spur der Hutze aufgenommen. Wenn mich nicht alles täuscht, was ich über diese Gegend hier weiß, dann verläuft die Geruchsspur Richtung Dunkel-Dämmer-Düster-Zwielichtwald.“

Er schnüffelte weiter, während Smeik und Wirbelsäulen-Ede staunend dastanden. „Und da ist noch eine weitere Duftspur in der Luft. Sehr markant, sehr maskulin. Ein Midgardzwerg. Ebenfalls unterwegs in Richtung der Wälder.“ Er öffnete die Augen wieder. Smeik fuhr zusammen. Blitzschnell stürmte er in die Höhle, riß die Kleidertruhe Fredegundas auf und begann sich wie wild anzukleiden.

„Zwei Minuten“, schrie er über die Schulter nach draußen. „Zwei Minuten! Dann ab auf den Besen. Wir fliegen zum Dunkel-Dämmer-Düster-Zwielichtwald! Wir müssen diesen Zwerg unbedingt finden. Ich befürchte, er hat unsere Karte.“

Trubel in den Hutzenbergen

Es war was los in den Hutzenbergen! Ein Besen mit drei Bösewichten raste durch die Lüfte, ein Midgardzwerg seilte sich in ein unergründlich tiefes Loch ab und eine Hutze huschte von Baum zu Baum. Es war was los in den Hutzenbergen.

Unter Gejohle und Gelächter preschte der voll besetzte Besen heran. Die bevorstehende Schatzjagd hatte die Bösewichter so erhitzt, daß sie die Kälte in der Luft gar nicht mehr spüren. Hackebeil-Rudi hielt die Nase in den Wind und gab die Richtung vor. Die Duftspur des Zwerges war überdeutlich. Dort – eine Lichtung. Der Besen neigte sich den Boden zu. Was ist das? Mit 10 Händen krallte sich Smeik am Besen fest, 4 rieben ungläubig die Augen. Ein Loch? Ein verdammtes, tiefes Loch! Und ist da nicht ein Seil um einen Baum ge-schlungen und endet in diesem Loch? Was zum käsenden Laubwolfkot ging da vor?

„Achtung, Männer“, tönte Belial. „Wir landen. Festhalten.“

Breiten wir für ein paar Minuten Stille und Dunkelheit über die folgende Szene, den die Flüche, Verwünschungen und kreativen Wortschöpfungen, die unmittelbar auf die Landung folgten, lassen sich keiner Sprache Zamoniens wiedergeben.

Der Blutschink fasste sich als Erster. Er deutete auf das Loch und das Seil. Lauernd wandte er sich an Smeik. „Sach ma, Chef. Ich seh hier ein Loch, wo der Schatz soll vergraben sein. Dat sollte aber nicht sein.“ Er wurde lauter. „ Schätze solln vergrabn sein. Also – wat macht dat Loch hier?“

„Da ist ja einer drin“, informierte Hackebeil-Rudi die Welt in allgemeinen und seine beiden Kumpane im Besonderen. „Ganz weit unten kann ich einen am Seil hängen sehen.“ Er kniff die Augen zusammen. „Und er hat was auf den Rücken geschnallt. Eine Truhe.“

Smeik und Wirbelsäulen-Ede traten an den Rand des Loches. „Ganz schön tief“, murmelte der Blutschink ehrfürchtig.

Ick meen, nix gegen einen jut vergrabenen Schatz. Aber dat hier – dat ist lächerlich.“ Zutiefst verwirrt entgegnete Smeik: „Ich versteh das nicht. So tief habe ich nie und nimmer gegraben. Trance hin oder her – daran könnte ich mich erinnern. Ich versteh das …“

Wer sein Glück auf Schamgneis baut …

„Oh, das mit dem tiefen, tiefen, tiefen Loch kann ich erklären“, ertönte es von hinten. Die drei Schurken wirbelten herum. Aus dem Gestrüpp hinter ihnen trat die Berghutze Fredegunda hervor. „Wisst Ihr, der gute Belial hat seinen Schatz dummerweise in einer Schicht Schamgneis vergraben.“

„Schamgneis?“ echote es aus drei Kehlen. „Schamgneis?“ tönte es von den Lippen des mittlerweile wieder aufgetauchten Pracht von Schwengel. „Schamgneis!“ bestätigt die Hutze. Sie wandte sich an Hackebeil-Rudi und Wirbelsäulen-Ede.

„Sag mal Belial – wissen deine Leute eigentlich, was für einen Schatz du hier vergraben hast?“

Belial Smeik rang die Hände. „Äh, also, ich, tja, nun … Nein. Sie wissen nur, daß er sehr wertvoll ist und ziemlich …“

„Ziemlich heiße Ware ist, wolltest du sagen?“ Fredegunda lachte. „Da stimme ich dir vollkommen zu. Um sich durch 169 Meter Schamgneis zu fressen, muß die Ware schon verdammt heiß sein!“

Der Blutschink ließ seine Fäuste schwingen, der Mondlichtschatten fragte scharf:

„Schamgneis, heiße Ware – wovon redet die Alte, Belial?“

„Was weiß ich denn?“ Die Haifischmade grunzte empört. „Ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn ich jemals von Schamgneis gehört habe.“ Da er lebendig blieb, sagte er wohl ausnahmsweise die Wahrheit.

Pracht von Schwengel, der die schwere Schatztruhe mittlerweile über den Rand gewuchtet hatte, meldete sich zu Wort. „Also, dass mit den Schamgneis kann ich erklären. Ihr alle kennt doch den denkenden Treibsand? Ja? Nun, Schamgneis kann zwar nicht denken, aber er kann sich schämen. Je mehr er sich schämt, desto mehr zieht er sich zurück. Ich kenne da eine höchst amüsante Geschichte von einen Freudenhaus, das sie aus Schamgneis gemauert hatten.

Nach nur zwei Nächten mussten die bereits Zelte aufstellen und nach drei Nächten war vom Haus nichts mehr zu sehen – von den Damen des Gewerbes übrigens umso mehr.“ Er grinste schmierig.

„Aber wieso sich Schamgneis vor Gold und Perlen zurückschämt – keine Ahnung. Da bin ich überfragt.“ Er blickte fragend auf Fredegunda.

„Weil der Schatz nicht aus Gold und Perlen besteht, Dummerle.“ Die Hutze richtete sich auf, Belial lief rot an und blickte zu Boden.

Heiße Hefte, heiße Ware

„Diese Truhe“, fuhr Fredegunda fort, „enthält die mit Abstand wertvollste Sache, die es zur Zeit in Zamonien gibt. Sie ist randvoll mit den heißesten, erotischsten und pornographischsten Schriften, die jemals an der Zoll-Zensur vorbeigeschmuggelt worden. Ihr Wert beträgt auf den freien Markt mehrere Millionen Pyras.“

Die Hutze grinste breit, die Haifischmade – nunmehr als pornographischer Schmuggler enttarnt – blickte betreten in die Luft. Pracht von Schwengel klappte den Truhendeckel auf.

Da lagen sie – so unschuldig in ihren Schutzumschlägen, so bieder in ihren Einband aus Leder. Da lagen sie – so vielsagend in der Titulatur: Germi tut es; Hutzen beim Nacktputzen; Ich war eine schlechte Idee – Bitte bestraf mich; Rettungssaurier, verirrt in Lack-und Lederland; Die oralen Geheimnisse der Tratschwelle und weitere Klassiker des Genres. Wirbelsäulen-Ede und Hackebeil-Rudi stieg die brennende Röte in das Gesicht. Was würden ihre Mütter dazu sagen? Das war doch keine ehrbare Gaunerei mehr! So ein Schmutz. Reingelegt hatte man sie! Sie wollten ihren Anteil – gewiß. Aber in guten Pyras und nicht in Pornographie. Drohend rückten sie Belial Smeik auf die Pelle.

Die Situation drohte außer Kontrolle zu geraten. Da hob die Hutze die Hand.

„Was haltet ihr davon, wenn ich euch beide auszahle?“ Der Blutschink und der Mondlichtschatten hielten inne.

„Ich gebe jeden von euch beiden Halunken 10.000 Pyras“ – die Augen der beiden Halunken begannen zu strahlen – „und ihr überlaßt mir im Gegenzug die Truhe samt Inhalt.“

„Einverstanden“, riefen Hackebeil-Rudi und Wirbelsäulen-Ede unisono.

„Und was wird aus mir?“ jammerte Smeik. „Was bekomme ich? Immerhin ist das ja mein …“

Fredegunda strahlte ihn an.

„Du, mein lieber Belial, du gehst leer aus. Hättest mich seinerzeit nicht sitzen lassen sollen.“ Sie gab den beiden ehemaligen Kumpanen Smeiks das Geld und meinte dann mit einen vielsagenden Blick: „Wenn ihr geht – könnt ihr dann den Müll mitnehmen? Ich wäre euch wirklich sehr verbunden.“

Die beiden salutierten.

„Aber klar doch, gnädige Frau“, schnarrte der Mondlichtschatten. Gemeinsam packten sie Smeik unter, schwangen sich auf den Besen und flogen mit ihrer laut zeternden Last davon.

„Und wir zwei?“ fragte der Midgardzwerg. „Was machen wir zwei jetzt?“

„Wir zwei“, zwinkerte die Hutze ihn an, „wir werden jetzt etwas lesen und uns von der Lektüre inspirieren lassen.“