Vita

Die gar erschröckliche Vita des Erzpiraten Magnus Modderbloom, seine Fahrten, seine Abenteuer und sein unrühmlich Ende – nach alten Berichten und Urkunden getreulich berichtet

 

Magnus Modderbloom war ein Bastard. Das sagten nicht nur seine Feinde – und derer hatte er viele –, das sagten auch seine Freunde und Kameraden. Er war ein Bastard an Gesinnung und Charakter und ein Bastard von Geburt. Sein Vater war ein riesenwüchsiger Zwergpirat und seine Mutter ein zwergwüchsiger Klabautergeist. Von seinem Vater lernte Magnus alles über das Piratenhandwerk und die Seefahrerei und von seiner Mutter erfuhr er alles über Angst und Schrecken.

Mit zwei Jahren schlang er die schwersten Knoten, mit drei Jahren schwang er den Säbel wie nur einer und mit Vier ließ er eine Tratschwelle kielholen, die ihn von der Seite angesprochen habe. Als sein stolzer Vater dies sah, fing er zu heulen an, öffnete ein Fass mit Rum und erteilte dem Jungen die Piratentaufe.

Als der Vater samt Mannschaft - selig, wenn auch stark besoffen - vor sich hin schnarchte, saß der kleine Magnus vor sich hinträumend da und starrte in das Feuer. Da trat seine klabautergeistige Mutter an ihn heran und gab ihm folgende drei Ratschläge, die fortan sein Leben bestimmten.

- Es gibt nur drei Werte im Leben eines Piraten: Gold, Edelsteine und Perlen.

- Halt den Säbel stets scharf, die Pistole geladen und den Rum unter Verschluß.

- Hau deinem besoffenen Vater eines auf die Kappe, raub sein Gold und rüste ein Schiff aus.

Modderbloom war kein Freund langen Abwägens und Taktierens. Er schlug seinem Vater auf das Haupt, stahl das Gold und hub an, eine Mannschaft anzuheuern und ein Schiff auszurüsten.

Nachdem er eine oder auch zwei Stunden gewandert war, hörte er erregte Stimmen und Gebrüll. Nach weiteren zehn Minuten sah er eine Gruppe von 25 Zamoniern vor sich, die alle verschiedenen Daseinsformen angehörten und augenscheinlich Piraten waren. Die Gruppe hatte sich um zwei Personen gescharrt und feuerte sie mit heiserem Geschrei und vom Rum entstellten Liedern an. Modderbloom trat näher und fragte einen Midgardzwerg, was hier vor sich gehe.

„De kömpfe um de Rang des Kapitäns, meen Jung. Dat sinn Flibustier Rosthaken“ - er wies auf eine Haifischmade mit Augenklappe und Krücke – „un Drakenson Drake.“ Er deutete auf einen grobschlächtigen Schweinsbarbaren mit Überbiss und Triefnase.

Magnus fragte:

„Kämpfen? Aber die stehen doch nur da und brüllen sich an!“

„Hör mal meen Jung – um de Rang vom Kapt´n kömpft man nicht mit Waffen oder Föusten - wer die gute alte Knoblauchzeh befehligen will, der mütt allen anderen Angst einjagen! So is dat, meen Jung!“

In diesen Moment sah man den Schweinsbarbaren erbleichen, in Tränen ausbrechen und wie einen Fhernhachen wimmernd zusammenbrechen. Flibustier aber reckte die Krücke (die er gar nicht brauchte, denn wie alle Haifischmaden hatte er ja gar keine Beine) in die Höhe und brüllte:

„ICH BIN DER NEUE KAPITÄN!!!! RUM FÜR ALLE!!! RUM BIS ZUM ABWINKEN ODER BIS ZUM MORGENGRAUEN – WAS EBEN ZUERST KOMMEN MAG!!!!!“

Die Mannschaft applaudierte und ließ den neuen Kapitän der Knoblauchzeh hochleben. Im Moment dieses einzigartigen Triumphes trat Modderbloom vor und forderte keck Rosthaken zu einem Duell heraus.

Während sich die anderen üblen Gesellen vor Lachen bogen, grinste Rosthaken auf den Kleinen herab, spuckte aus und sagte:

„Hör mal, du halber Matjes – du hast jetzt deinen Spaß

gehabt. Mach die Fliege und lass uns unsere Arbeit machen.“

Doch Magnus erwiderte unerschrocken: „Wenn ich Dir Angst mache, werde ich der Kapitän – ist das richtig?“ Rosthaken wieherte vor Lachen. „Mir Angst einjagen! Mir! Junge, diese 14 Hände haben schon mehr Entermesser in fette Wänste gejagt als du Windel vollgeschissen hast!“

Doch Magnus überhörte diese Bemerkung und starrte Flibustier in die Augen. Diesem wurde unter diesem stieren Blick doch leicht unbehaglich – irgendwas stimmte mit diesem Jungen nicht. Was Rosthaken nicht wusste, nicht wissen konnte, wahrscheinlich auch gar nicht wissen wollte – Magnus nutzte das Erbteil seiner klabautergeistigen Mutter und sondierte Rosthaken nach seiner größten Angst. Spinnen ...Nein! Tyrannowalfische mit Blähungen ... Nein! Ein Leck im Rumfaß ... Besorgnis, ja, Aber Angst? Nein! Hatte diese Haifisch-made denn wirklich vor gar nichts Angst? Magnus wollte schon aufgeben, da spürte er es. Im hintersten Winkel des verwinkelten Geistes von Rosthaken fand sich etwas zuckendes, schleimiges und sich in sich krümmendes – die einzige Angst von Flibustier Rosthaken.

Modderbloom grinste, griff in seinen kleinen Seesack und holte die kleine Schiefertafel hervor, auf der er seine Raubzüge notieren wollte. Rosthaken sah ihn misstrauisch an. Modderbloom grinste breiter und zückte sein kleines Entermesser – Rosthaken wurde bleich. Der Bengel würde doch nicht ... Der Bengel nahm das Messer und zog es langsam über die Schiefertafel! Flibustier schrie auf, presste sich je 6 Arme auf die Ohren und warf sich in den Sand.

„Hör auf", heulte er und schlug mit den beiden restlichen Armen auf den sandigen Boden. „Ich ertrag dieses Geräusch nicht!"

Doch Magnus zog das Messer weiter über die Tafel, bis die Haifischmade schließlich ausstieß:

„Hör auf, du hungriger Hering. Du hast gewonnen! Wer so grausam ist, zarte Haifischmadenohren mit diesen infernalischen Geräusch zu quälen – der ist es auch wert, Kapitän der Knoblauchzeh zu werden“.

Die Mannschaft stand erst starr, brach dann aber in Jubel aus und skandierte:

"Hoch der junge Kapitän! Hoch der Kapitän der Knoblauchzeh.

Für sie galt: Wes Rum ich trink, des Lob ich schrei!

Bevor wir uns aber den abscheulichen Taten und Treiben Modderblooms zuwenden, wollen wir uns kurz dem hehren Schiff widmen, seiner Geschichte und Herkunft.

Die Knoblauchzeh war ein uralter Fünfmaster - dunkel an Holz und Jahren. Das viele Blut, das über ihre Planken geströmt war, hatte das einst helle Holz fast schwarz gefärbt. Erbaut hatte es der legendäre Schiffsbauer und Alchemist Rufus Sulfur. In dieses Schiff legte er seine ganze Kunst und sein ganzes geheimes Wissen! Und das war nicht wenig … Erbaut aus abgelagertem Nurnenholz, die Masten aus Tyrannowalfischgräten, die Segel genäht aus Bolloggarschleder, war das Schiff für die Ewigkeit gebaut. Steuerrad und Deckaufbauten aus Tyrannowalfischzahn gaben der Knoblauchzeh eine Eleganz, die ihresgleichen erst gar nicht sucht. 45 Kanonen, die gewaltige Kugeln verschossen, ragten back- und steuerbords hervor. Doch die schrecklichste Waffe des Schiffes war - der Gestank!

Meist nahmen die Kapitäne anderer Schiffe - lange, bevor sie den Kahn sahen, einen bestialischen Gestank war. Ein Geruch, als hätte ein Teufelsfelszyklop mit Schwefel gegurgelt, mit Knoblauch nachgespült und dann aufgestoßen. Jeglicher Kampfgeist, jedweder Widerstand wurde schon allein von diesem infernalischen Geruch erstickt.

Diese olfaktorische Abscheulichkeit – die die Mannschaft aus Gewohnheit gar nicht mehr wahrnahm, war von Rufus Sulfur in die Planken und Masten des Schiffes "eingewoben" worden und untrennbar mit diesen Verbunden.

Wir haben nun erfahren, welcher Art die Knoblauchzeh war und wie Magnus Modderbloom Kapitän derselben wurde. Doch eine Persona muß noch eingeführt werden in diesen finsteren Reigen, bevor wir uns den Taten und Schurkereien Modderblooms widmen können: der bitterböse und gar schurkische Schwarze Hund - ein Hundling von hünenhaftem Wuchs und König der Piraten. Unter seiner Ägide fuhren 37 Schiffe über die zamonischen Meere, plünderten und verheerten, raubten und verübten Notzucht. Die Tatsache, daß es einen unabhängigen Piratenkapitän gab, der noch dazu die legendäre Knoblauchzeh befehligte, machte den Schwarzen Hund schier rasend.

Tag und Nacht sann er darauf, wie er Modderbloom und sein Schiff in den Grund bohren konnte - und darunter litten natürlich die Piratengeschäfte. Die Mannschaft murrte – er grübelte. Die Mannschaft wurde rebellisch - er grübelte. Die Mannschaft meuterte und der Schwarze Hund fand sich grübelnd auf einer kleinen, einsamen Insel wieder. Man hatte ihn ausgesetzt! Drei Fässer mit Rum und eine Pistole mit einer Kugel - das war alles, was ihm blieb. Doch der Hundling verzagte nicht. Er trank ein Fass Rum in einem Zug leer - ein Geistesblitz zuckte auf! Ein zweites Fass Rum ging den Weg allen Irdischen - eine Idee war geboren. Das dritte Fass leerte sich wie von selbst - der großartigste aller großartigen Pläne stand klar und deutlich vor dem alten Kapitän. Er würde von dieser verdammten Insel fliehen, seine verlogene und meuternde Mannschaft züchtigen und die verfluchte Knoblauchzeh versenken!

Da der Schwarze Hund schon bald wieder die Meere unsicher machte und ein gutes Dutzend verkommener Piraten an windschiefen Palmen baumelte, muß man davon ausgehen, daß die ersten beiden Teile seines Plans aufgingen.Doch was war mit Modderbloom? Wir werden es gleich erfahren – wenn wir nur weiterlesen.

Still liegt der zamonische Ozean da. In weiter Ferne kann das geübte Auge die Schieferklippen der Tatzeninsel erblicken. Frieden und Wohlgefallen herrschen all überall. Eine kleine Galeere schippert über die Wasser und wir hören das rhythmische Klatschen der Ruderriemen, das dumpfe Pochen der Trommel und die schmatzenden Geräusche der Peitsche auf schweiß-getränkter Sklavenhaut. Ein ganz normales Handelsschiff.

Doch was ist das? Ein Düftchen liegt in der Luft, das schnell zum Duft, dann zum Gestank und schließlich zum infernalischen Gedünst wird: Die Knoblauchzeh taucht am Horizont auf!

Den Handelsschiffkapitän befällt nackte und kreatürliche Panik. Der Trommler erhöht den Takt. Die Ruder peitschen das Wasser und die Peitschen peitschen die Ruderer. Umsonst! Die Knoblauchzeh holt auf, rückt heran und beginnt, längsseits zu gehen. Allen ist klar: Die abscheuliche Meute des maliziösen Modderbloom macht sich zum Entern bereit. Die Kaufleute beginnen zu wimmern und zu winseln, die Sklaven stellen das Rudern ein und die Trommel verstummt. Enterhaken sausen durch die Luft und verbinden die Soll & Haben mit dem Piratenschiff. Kaufleute, Rudersklaven und Trommelknecht bergen ihre Köpfe in den Händen und harren der Dinge. Ein vielfacher Schrei ertönt von Modderblooms Schiff, der Ruf:„Klarmachen zum Entern!“ ertönt und kurz danach: „Eeeennntttteeerrrnnnnnn!“

Plötzlich – Totenstille! Nur ein Geräusch ist zu hören. Ein dumpfes Pochen, als wenn eine Melone aus großer Höhe zu Boden fällt. Die Kaufleute blicken verdutzt auf und sehen den abgetrennten Kopf eines Yeti über die Planken rollen. Während sie noch verwirrt auf dieses Bild des Schreckens starren, hört man Magnus Modderbloom über die Schiffe und die Meere brüllen: „Verdammte Süßwassermatrosen! Hundertmal habe ich euch gesagt, nehmt beim Entern die Säbel aus dem Mund!“

Wwwwuuusssccchhhhh! Wwwwwuuuusssscccchhhh! Wwwwuuusssccchhhhh! Wwwwwuuuusssscccchhhh!

So klingt das Eintauchen der Ruder der Knoblauchzeh über den Ozean. Die Segel blähen sich im Wind, Magnus Modderbloom ist auf Beutezug. Alles lässt sich wohl an, und doch ist der erste Steuermann, Flibustier Rosthaken unruhig. Der Kahn scheint an Fahrt zuzulegen - obwohl die Ruderer schon maximal arbeiten und die Segel aus Bolloggarschleder zum Bersten mit Wind gefüllt sind.

Rosthaken besieht sich die Wellen, die Gischt, die Wolken und seine Fingernägel – kein Zweifel, das Schiff wird schneller. Er runzelt die Brauen - bei einer Haifischmade kein schöner Anblick. Was ist das dort am Horizont? Ein schwarzer Strich im Meer? Ein Flecken Nichts im Blau? Keine Zeit für Poesie – er ruft den Kapitän auf Deck. Magnus Modderbloom steht am Bug, bedeckt die Augen mit der Hand und späht. Er erbleicht. Dann fährt er herum und gibt in rascher Abfolge eine Reihe Befehle:

„Rosthaken - Kurs unbedingt halten. Kein Jota abweichen! Ruderer - Schlagzahl beibehalten und bereithalten, auf mein Kommando sofort die Ruder einzuziehen! Der Rest der Mannschaft – ab nach Achtern und auf Befehle warten!“

Ein Brausen und Höllenheulen erfüllt jetzt die Luft und die entsetzte Mannschaft sieht, was Magnus schon wusste: Sie rasen auf den Malstrom zu, sind gefangen in seinem ungeheuren Sog. Sie weinen und jammern, raufen sich – soweit vorhanden - die Haare und beten zu ihren üblen Piratengöttern. Umsonst – der Mahlstrom rückt näher!

Nur noch wenige Meter trennen sie vom Loch im Meer – da befiehlt Modderbloom:

„Ruderer! Noch einen Schlag, dann Ruder heben. Mannschaft achtern - in die Knie gehen!"

Die Knoblauchzeh tut einen letzten Satz und erreicht den Rand des Orkus. Modderbloom brüllt:

„Ganze Mannschaft – springt!“

Das Unglaubliche geschieht: Das Achterdeck des Schiffes senkt sich durch die Wucht des Aufpralls der springenden und landenden Piraten in die Tiefe, der Bug hebt sich und das auf das äußerste beschleunigte Schiff springt über den Mahlstrom! Der muschelbewachsene Kiel durchschneidet die Luft, ein vielstimmiges „AAAAAAAAAARRRRRR-GGGGGGGGGHHHHHHHHH“ ertönt, der Malstrom gähnt unter dem Schiff und der Piratenkahn beschreibt eine elegante Parabel.

Auf der anderen Seite gelandet - durchgeschüttelt, aber doch gelandet – saust er wie ein Pfeil durch den Sog und lässt den Malstrom schon bald hinter sich und steuert neuen Taten entgegen!

Hoch zieht ein einsamer Rettungssaurier seine Kreise über dem zamonischen Ozean. Wenn das dumme Wesen nicht so sehr mit eigenen Belangen beschäftigt wäre, könnte es weit unter sich einen interessanten Vorgang beobachten: drei schwer bestückte Schiffe, die sich anmutig umkreisen und mit gewaltigen Kanonen aufeinander feuern.

Eines der Schiffe ist, wie wir schon ahnen, die Knoblauchzeh, die beiden anderen sind die Schädelbruch und die Verflucht, mir ist die Rumflasche hingefallen - Schiffe aus der Flotte des Schwarzen Hundes.

Gewaltige Schwaden Pulverdampfes wabern über die See, das Dröhnen der Kanonen klingt in den Ohren und das Gebrüll der Geschützmeister übertönt alles andere.

Die Verflucht, mir ist die Rumflasche hingefallen hat bereits einige schwere Treffer einstecken müssen und kränkt bedenklich. Doch auch die Knoblauchzeh hat einiges abbekommen und Modderbloom weiß, daß er diese Schlacht besser schnell entscheiden sollte. Zu seinem Gunsten entscheiden sollte.

Da! Die Verflucht, mir ist die Rumflasche hingefallen dreht ab. Der Hundling brüllt ihr und der feigen Mannschaft vom Deck der Schädelbruch ausgefallene Verwünschungen hinterher. Da tritt sein Geschützmeister vor ihn hin.

„Äh, Käpt'n, also, wir haben da ein Problem. Uns gehen die Kugeln aus für die Kanonen! Um ehrlich zu sein, wir haben nur noch eine.“

„Dann muß die eben sitzen!“ brüllt der Schwarze Hund. „Ansonsten verfeure ich deinen hohlen Kopf!“ Er lacht gleichsam bellend und diabolisch.

Drüben, auf der Knoblauchzeh spielt sich – Ironie der Piratengötter - in der gleichen Zeit der gleiche Dialog ab. Ängstliche Geschützmeister justieren die Kanonen, die Lunte brennt, die Kanonen speien Feuer und Eisen, die Kugeln sausen durch die Luft und - das unglaublich Unfassbare geschieht: Die Kugeln knallen gegeneinander, prallen ab und rasen auf das Schiff zurück zu, daß sie eben noch so eilig verlassen wollten! Bedecken wir unsere Augen, während wir Masten brechen hören und Planken splittern. Beide Schiffe treiben schwer angeschlagen durch die Weiten.

Die Lage sieht ziemlich bescheiden aus für die Knoblauchzeh. Die Mannschaft der Schädelbruch ist ihr mengenmäßig weit überlegen, das Schiff verfügt über mehr Stich- und Hiebwaffen als Modderbloom sein Eigen nennen könnte und der Rum auf der Schädelbruch hat 97 % - Modderblooms nur 92 %!

Die Mannschaft der Knoblauchzeh starrt ihrem Kapitän an. Dieser starrt ratlos in den Himmel, während der Schwarze Hund seine hündischen Befehle ausstößt. Langsam kommt die Schädelbruch in Reichweite für die Enterhaken. Modderbloom starrt noch immer zum Himmel. Er stutzt. Er zwinkert. Er reibt sich die Augen. Kann es sein … Er wirbelt zum ersten Steuermann Rosthaken herum und befiehlt eine winzige Kurskorrektur. Noch während das schwere Schiff sich widerwillig bewegt, ordnet er verwirrendes an.

„Seile um die Spitze des Großmastes geschlungen und dann aus Leibeskräften gezogen, ihr Süßwasserpaviane. Zieht den Mast zu euch runter, ihr traurigen Ausgänge diverser Liebschaften und haltet ihn auf genau 32 Grad zum Deck!“

Auf der Schädelbruch verfolgt man dieses Manöver mit Ratlosigkeit. Warum ziehen und zerren die Deppen an dem Großmast und biegen ihn zum Deck hinunter anstatt sich auf das Entern vorzubereiten? Der Schwarze Hund reibt sich die räudige Stirn - da ertönt ein schrilles, sich schnell näherndes Pfeifen. Ein Meteor rast herab und fegt genau in das Arschledersegel! Dieses dehnt sich bis zum Äußersten, dehnt sich noch ein Stück weiter und - hält. „Seile los!“ befiehlt Modderbloom und der Mast federt in die Senkrechte, federt über die Senkrechte hinaus und - einem gigantischen Tennisschläger gleich - schleudert er den Meteor genau in die Schädelbruch! Er durchschlägt das Schiff in der Mitte, entzündet die Pulverkammer - BBBBUUUUMMM! Das Schiff reißt in Fetzen, versinkt gurgelnd und schlingernd und nur die ungläubig aufgerissenen Augen des Schwarzen Hundes dümpeln noch ein wenig auf der Wasseroberfläche. Dann versinken auch sie. Magnus Modderbloom aber atmet auf und befiehlt gelassen seiner erstarrten Mannschaft: „Mast langsam aufrichten lassen und dann ab nach Fort Gantersterz! Ihr Flußratten habt euch einen redlichen Urlaub verdient!“

Der zamonische Ozean in seiner ganzen Weite und Breite. Blicken wir nach Osten, sehen wir zwei Tratschwellen, wie sie gerade einen Schiffbrüchigen in den Wahnsinn treiben; sehen wir nach Westen und wir erblicken einen Bund Treibholz; sehen wir nach Süden und wir werden von der Sonne geblendet; sehen wir nach Norden, können wir gerade noch erkennen, wie ein gigantischer Tyrannowalfisch die Knoblauchzeh verschlingt.

„Donnerlüttchen“, entfuhr es Modderbloom. „Was bei Neptuns Dreizack war das?“

Flibustier Rosthaken, erster Steuermann und weit gereiste Haifischmade erwiderte:

„Das kann nur Moby-Rex gewesen sein, Käpt'n. Der größte, älteste und hundsgemeinste aller Tyrannowalfische!“

Sprachs und spuckte einen Brocken Pfriem auf die Bohlen.

„Willst du damit sagen, ein gottverdammter Fisch hat uns und unser Schiff verschluckt?“

„Erstens ist ein Tyrannowalfisch kein Fisch, sondern ein Säugetier und zweitens hat er uns nicht verschluckt! Wir sind noch im Maul! Käpt'n.“

„Säugetier! Fisch! Das juckt mich eine feuchte Ölsardine! Wie kommen wir hier raus?“

Der Schiffsmedikus – ein Zwiezwerg von zweifelhafter Herkunft meldete sich zu Wort.

„Denke, wir sollten warten, bis der Wal gähnt. Dann an die Ruder und raus aus dem Rachen.

Gesagt – getan. Die Mannschaft der Knoblauchzeh begab sich an die Ruder. Rosthaken beobachtete den Schlund und Modderbloom stand am Steuer. Da – das gigantische Maul begann sich zu öffnen. Der Spalt wurde breit und breiter. Schon passte das Schiff beinahe durch, die Ruder tauchten in das Wasser – da ergoß sich ein ungeheurer Schwall Wasser in den Rachen, die Fluten rissen die Knoblauchzeh mit und ab ging in die Fahrt in die dunkle Höllenhöhle der Speiseröhre des Wals. Von ferne verklang leise das Gebrüll Modderblooms: „VVVVVVVVVVVEEEEEEEEEErrrrrrrrrrrrddddddaaaaaaaammmmttttttttt“!

Dann herrschte Stille.

Gurgelnd und schlingernd versank das Schiff in der Speiseröhre von Moby-Rex. Allein bei dieser Höllenfahrt gingen 19 Mann über Bord und waren weder in Zamonien noch in dieser Geschichte je wieder gesehen.

Doch auch am Ende der längsten Speiseröhre wartet ein Magen und so war auch dieser Höllenritt endlich vorbei. Die Knoblauchzeh strudelte in eine gigantische Grotte aus rosa Fleisch, durchzogen von Säureschwaden und überzogen von Leuchtquallen, die ein diffuses Licht verbreiteten.

Magnus Modderbloom rief seine restliche Mannschaft an Deck und hielt folgende kurze Anschnauzerei:

„Männer! Die Lage ist beschissen! Wir sind im Magen eines beschissenen Riesenwals und dümpeln in einem See aus dreimal beschissener Magensäure! Das ist weder gut für unsere Stimmung noch für das Schiff! Darum, Männer: Wer eine Idee hat, wie wir hier rauskommen – vorgetreten! Aber Achtung, Ihr Brackwasserratten! Wer offensichtlichen Blödsinn verzapft, der wird Kielgeholt!“

Eine schlechte Idee, die gerade den Arm heben wollte, unterließ dies und stahl sich verstohlen in den Hintergrund.

Betretendes Schweigen herrschte.

„Was?!“ blaffte Modderbloom: „Keiner hat eine Idee? Ja, was für ein Haufen von jämmerlichen, verkommenen, unglücklichen …“

Weiter kam er nicht – ein Umstand, der im großen Buch des herzhaften Fluchens ein paar leere Seiten zurücklässt – denn aus dem Schatten des Steuerrades erklang eine heisere Stimme:

„Wenn das hier ein gottverdammter Magen ist und wir oben nicht rauskommen – dann müssen wir eben den Hinterausgang nehmen!“

„Wer …“ fing Modderbloom an und fuhr herum. Und aus dem Schatten trat – ein irres Flackern in den Augen und einen gemeinen Säbel in der Pfote haltend …

„Schwarzer Hund!“, entfuhr es Modderbloom.

„Modderbloom“, ranzte dieser, und beide gingen aufeinander zu.

„Wie kommst Du hierher? Ich sah dich versinken, ertrinken, ersaufen, abkratzen! Wie ...“

Der also Befragte winkte lässig ab.

„Ach das! Nicht mein Verdienst. Während ich unterging, verfing sich mein Dreispitz in der Ankerkette deines lausigen Schiffes und ich wurde mitgeschleift. Und jetzt bin ich hier ...“

„So treffen wir uns endlich auf gemeinsamen Planken und unter meiner Fahne“ schnarrte Magnus reichlich pathetisch. „Was hindert mich daran, dich in Ketten zu legen und im Laderaum verfaulen zu lassen?“

„Bis auf die Tatsache, daß du bald weder Schiff noch Laderaum hast - nicht viel!“ Der Hundling hechelt höhnisch. „Schau dich um, alter Knabe: Die Magensäure frisst sich bereits durch dein Schiff. Noch ein oder zwei Stunden und wir alle nehmen ein kurzes und letztes Bad!“

„Himmel, Arsch und Zwirn!“ entfuhr es Modderbloom.

„Du sagst es: Arsch! Das einzige Material, das der konzentrierten Magensäure eines Tyrannowalfischs standhalten kann, ist Bollogghaut. Und zufällig bestehen die Segel deines Schiffes aus Bolloggarschleder!“

Die Mannschaft und die beiden Erzfeinde schauten die Masten empor. Da hing es – das rettende Material! Doch wie war es zu nutzten? Ein Floß zu bauen war unmöglich, da jedes andere Material außer dem Segelleder sofort zersetzt würde.

Da kam Flibustier Rosthaken eine geniale Idee. Er ging zu Magnus und flüsterte in sein Ohr: „Bsssssss Bsssss. Bssssss. Bssssssssssssssss. Verstanden?“

„Und das funktioniert?“ fragte Magnus.

„Wenn nicht – dann müssen wir uns auch keine weiteren Gedanken mehr machen!“ meint Rosthaken und zuckt mit den Achseln.

Modderbloom rief also den Schiffsschneidermeister und befahl ihm, die Bolloggarschsegel in Quadrate zu zerschneiden. Dann musste die Mannschaft antreten, sich auf die Segelquadrate stellen und der Schiffsschneidermeister nähte sie ein! Hüllte sie vollständig ein. Das Garn gewann er übrigens dadurch, daß er unglaublich dünne Streifen vom Leder abschnitt. Nach einer guten Stunde war das Werk getan und die komplette Mannschaft war eingenäht. Modderbloom, Rosthaken und der Schwarze Hund banden die Päckchen nun mit dem letzten Rest Segeltuch zusammen und hatten so ein formidables Floß.

Den Schiffsschneidermeister aber ereilte ein seltsames Ende: In der Wissenschaft bis dato unbekannte Dämpfe entströmten beim Nähen dem Leder und aktivierten in seinem Gehirn zerebrale Züchtigungszenturionenneutronen. Von Wahnsinn und Schuldgefühlen gleichermaßen erfasst, sprang er über die Reling und versank unter lautem "Mea culpa, mea culpa!" Geschrei in der Säure.

Im gleichen Moment kam das Ende für das Schiff. Knackend und krachend brach die ruhmreiche Knoblauchzeh auseinander und versank im Säuremeer. Das Floß aber und seine drei Aufsaßen trieb mit leichter Strömung auf einen fernen, dunklen Tunnel zu. Die Ruhe und Beschaulichkeit der Fahrt wurde nur von einem gelegentlichen Stöhnen aus den Säcken getrübt, wenn Säure durch winzige Nadellöcher drang.

Endlich fuhr das Floß in den Darm ein …

Auszug aus dem Buch Anatomia monstrosia et skurillum – Vol. XVI des Versalius L. Candisus.

Vor allem aber ein Wunder der Welt ist der Tyrannowalfisch, da er habet weder Herz noch Nieren noch Leber oder andere Organe, die nicht dienen originär der Verdauung. Einzig ein Magen und zwei Därme besitzet er, wobei wir unterscheiden müssen den Spundlochdarm und den endlosen Darm.

1.) Der Spundlochdarm: Kurz hinter dem Magen teilet sich der Darmeingang in zwei Tunnel. Der Spundlochdarm führet unter langen Windungen und auf kurzer Strecke immer aufwärts und mündet schließlich im Spundloch des Tyrannowalfisches. Hier scheidet das Untier alles Verdaute in ekligen und stinkigem Strahle aus. Das Monster kann alles verdauen - außer Zwiebeln und Leder vom Arsche des Bolloggs.

2.) Der endlose Darm: Sollte es der unheilvolle Zufall wollen, daß sich Bollogg-arschleder oder gar Zwiebeln in den Magen des Tyrannowalfischs verirren, so landet dies unverdauliche Zeugs mit grausiger Gewissheit im "endlosen Darm". Dieser Darm windet sich in sich selbst, kreuzt und quert sich durch und durch und verläuft in 79 Dimensionen. Was einmal in den endlosen Darm gelangt ist, kommt nie wieder in dieser Welt zum Vorschein! Dazu sei die Anmerkung gereicht, daß ich einen meiner Schüler einstens in Bolloggarschleder einnähte und mit Zwiebel spickte. Sodann warf ich ihn einem Tyrannowalfisch zum Fraße vor. Seitdem habe ich diesen Schüler nicht mehr gesehen noch von ihm gehört, so daß mir die Theorie vom "endlosen Darm" eine wahre zu sein dünkt.

Schwarze Schwärze herrscht. Kein Photon verirrt sich je hierher. Nicht mal die innersten Innereien der Finster-berge können so finster sein wie das Innere des endlosen Darms. Kein Leben kann in dieser multidimensionalen Schleife aus Muskeln und Säure existieren – und doch lebt und gröhlt hier etwas eindeutig.

„War ja ne dolle Idee! Wir schippern in den Darm, dann ab durch das Rektum und – Tada! Ha! Geschissene Pilze! Seit drei Tagen dümpeln wir hier her und unser Floß löst sich immer mehr auf!“

Modderbloom hielt inne um Atem zu schöpfen. Es sah schlecht aus. Das behelfsmäßige Floß hatte sich bereits zur Hälfte aufgelöst bzw. war von plötzlich aus dem Nichts auftauchenden Tentakeln zerfetzt worden. Es gab kein Trinkwasser und von Nahrung wollten sie gar nicht reden. Und das schlimmste war die stygische Dunkelheit!

Gerade wollte Modderbloom seine Schimpferei fortsetzten, da hob Flibustier Rosthaken drei seiner vierzehn Hände. Da das aber im Dunklen nicht zu sehen war, spielt es keine Rolle. Allerdings sprach er auch. Und das spielte eine Rolle!

„Äh, Käpt'n. Ich sehe da vorne ein komisches Glühen in der Dunkelheit. Denke, wir sollten uns mal Gedanken machen. Ich …“

Weiter kam er nicht, da der Schwarze Hund aufsprang und schrie:

„Ein Licht! Bei den sieben gekreuzten Gebeinen meiner leprösen Mutter – das muß ein Ausgang sein! Wir sind gerettet!“

Das flackernde Leuchten kam rasch näher und die drei erkannten jetzt, daß es eine Art Tunnel oder Tor in der Dunkelheit bildete. Das Floß nahm an Fahrt zu und schoss auf das Gebilde zu.

Rosthaken konnte gerade noch kreischen:

„Das ist ein verfluchtes…“, da waren sie schon samt und sonders verschwunden und wurden in Zamonien nie wieder gesehen.

Modderbloom, der Schwarze Hund und Rosthaken wurden durch die Dimensionen geschleudert, getrocknet, gemangelt, gestreckt und gedehnt und schließlich wieder ausgespuckt. Allerdings konnten sie sich weder bewegen noch etwas spüren. Und sie sahen so seltsam flauschig aus. Oh, welch grässliches Schicksal sie heimsuchte. Als heldenhafte Zamonier in die Dimensionen eingetaucht, entkamen sie dem Chaos, umgestülpt, und verwandelt, als - Plüschfiguren in einem Kaufhaus. Und so liegen die drei noch heute in der Spielwarenabteilung und warten und träumen und träumen und warten.

 

Die Nachtwächter besagten Kaufhauses aber schwören, daß es in der Kinderabteilung spuken müsse, denn des Nachts hörten sie Stimmen, Gefluche und Gesang, aber nie sei jemand zu sehen oder zu entdecken.