Klassenfahrt4

Die Nachtschul-Klassenfahrt 2013

Nach Buchhaim via Süßer Wüste und Loch Loch mit kurzen Halt in Anagrom Ataf.

 

 

 

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Ah … der erste Dezember in Zamonien. Traditionsgemäß der erste Tag von insgesamt 24 bis zum Heiligen Abend der Zimmerleute, Schäfer, rumlaufender Könige und Kinderschlächter. Und traditionsgemäß der erste Tag der Klassenfahrt. Einer der Höhepunkte des Jahres für mich. Es war – und ist – immer wieder ein zweiter Smeik-Sonntag für mich, wenn sich die lieben kleinen Racker verschlafen aus ihren Betten quälen und ohne Frühstück in den Bus getrieben werden.

Nachdem der bisherige Reiseleiter während der letzten Klassenfahrten in unerträglichem Maße die Quote an hin-nehmbaren Verlusten an Biomasse (vulgo: Schüler) überschritten hatte, sah sich das Direktorium der Nachtschule – via Amtsanmaßung also ich – und das Reisebüro „Hin und nicht wieder zurück“ gezwungen, nicht nur einen Bandwurmsatz zu einem logischen Ende zu bringen, sondern auch den alten Reiseleiter zu pensionieren. In meiner durch nichts legitimierten Position als Inter-Rex der Nachtschule werde ich daher die diesjährige Klassenfahrt persönlich leiten. Was einige Neuerungen mit sich bringt, über die die Schüler aber erst während der Exkursion informiert werden.

6 Uhr in der Frühe. Das Bett ist jetzt bekanntlich am wärmsten. Aber nicht meines. Den erstens schlafe ich grundsätzlich auf einer Steinplatte aus den Hutzenbergen und decke mich mit Teufelsfels-Schotter zu, während mein Haupt auf Laubwolf-Knochen ruht und zweitens bin ich die ganze Nacht durch die Gänge und Stollen geschlichen und habe an allen Bettdecken Fäden geknotet. Diese Fäden halte ich nun in Fäden und nach einem letzten Blick auf die Uhr – ein Ruck. Kurzes Warten. Ahhhh… die Schreie von frierenden Schülern hallen durch die Hallen. Herrlich.

6 Uhr 15. Wie sie vor mir stehen. Ha! Erzeugnisse einer elitären Kaderschmiede. Triefnasig, ungekämmt, einer hält sogar einen mit Einhörnern verzierten Nachttopf in Händen. Bande! Aber die Zeit drängt – der Robur 3000 ist startbereit und die Winde stehen günstig. Ich treibe die Schülerschar vor mir her. Niemand entgeht meiner Aufmerksamkeit. Auch nicht das sonderbare Pärchen, das sich im stillen Kämmerlein versteckt hält. Eine Wolpertinger und ein Schweinsbarbar? O tempora, o moers, äh mores. Früher hat es das nicht gegeben. Techtelmechtel! Lose Moral! Unter diesen und ähnlichen Gedanken haben wir schließlich den höchsten Turm auf den höchsten Felsen im höchsten Teil des Gebirges erreicht. Was sich umständlicher anhört, als es ist, denn die Wohnstollen … na, das ist ein Bericht über die Klassenfahrt und keine Topographie der Nachtschule. Das Tor schwang auf, wir strömten hinaus und vor uns schwebte – prächtig, prächtig, dreifach prächtig: der Robur 3000.

Ich hielt die Massen mit einem einzigen Heben meiner linken Augenbraue in Schach, während ich mit gesenkter rechter Braue zu sprechen anfing:

„Guten Morgen, Schüler. Heute beginnt die vierte Klassenfahrt. In der Vergangenheit gab es manchmal Grund für kleinliche Klagen. Das wird sich dieses Jahr nicht wiederholen. Wir gehen herrlichen 24 Tagen entgegen. Das garantiere ich euch. Schüler! In den vergangenen Jahren gab es wiederholte Versuche, der Klassenfahrt zu entgehen. Das kann ich weder verstehen noch gutheißen. Aber es ist so gewesen. Betonung auf gewesen. In der letzten Nacht wurde euch allen nicht nur ein Bettzeug-Entfernungsinstrument in den Stollen geschmuggelt, nein, ihr alle wurdet von mir hypnotisiert.“

Ich hob das Buch „Hypnose und ihre dunklen Anwendungsgebiete“ in die Höhe.

„Es ist euch in den nächsten 24 Tagen ab-so-lut unmöglich, auch nur an Flucht oder unerlaubtes Entfernen zu denken. Ein mentaler Block verhindert das. Bei allen!“

Gemurre, Beschwerden, Gezicke – wie nicht anders zu erwarten. Ich ignorierte es – wie nicht anders zu erwarten.

„Das dient nur zu eurem Schutz, damit wir uns verstehen. Und nun – genug der Worte. Rein in den Robur mit euch. Wir fliegen in wenigen Stunden los. Bis dahin muß sich jeder angeschnallt haben.“

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Das Anschnallen dauerte erheblich länger, als ich gedacht hätte. Ist das hier wirklich eine Schule oder ein Tollhaus? Und dann diese Extra-Sonder-Spezial-Wünsche: Der möchte neben dem sitzen, die dort mag jene nicht, Wolpertinger zieht Finsterbergmade vor, Stollentroll mag nicht neben Hachen hocken. Ein – ich muß es leider sagen – Machtwort war nötig, um die Sache zu beschleunigen. Nun mögen die Kleinen ja schwierig, kompliziert, aufsässig oder dumpfbackig sein – einer Haifischmaden-Phillipika sind sie nicht gewachsen. Ruck zuck war Ruhe im Robur, saßen alle mehr oder weniger sicher vertäut und konnte der Flug nach Anagrom Ataf losgehen.

Hier sollte ich vielleicht ein paar Worte über den Robur 3000 einwerfen. In meiner lange verflossenen Jugend bin ich viel gewandert und kam irgendwann auch nach Froschfresser-Yhöll. Dort traf ich einen Mann, der für einen Menschen erstaunliche Ideen hatte. Unter anderen die eines steuerbaren Luftschiffs. Ein kluger Mann, dieser Robur Verne, aber leider nicht besonders trinkfest. Ich soff ihn unter den Tisch, stahl die Pläne, verkaufte sie in Groß-Troll an zwei miteinander verfeindete Kriegsherren, verdiente mir damit eine goldene Nase und zog weiter meiner Wege.

Für die diesjährige Klassenfahrt nun habe ich die alten Pläne aus meinem Gedächtnis gekramt, sie von Ersties gegen vage Versprechen bezüglich Hausaufgaben und Nachtitur in die Wirklichkeit umsetzen lassen und dann eigenhändig verbessert. Dann habe ich eine Mannschaft angeheuert und – da steht er, der Stolz der Nachtschule: Der Robur 3000!

Die Schüler saßen also, die Mannschaft stand stramm und ich, ich ging zum Steuer. Vorrecht des Inter-Rex. 7 Hände am Ruder, mit dreien die Augen beschattet, 4 in die Hüften gestemmt, flog ich das stolze Schiff durch die Gipfel der Finsterberge. Ganz schön knifflig. Kein Platz für Fehler. Die gasgefüllte Hülle des Robur war zwar extrem widerstandsfähig, aber Finsterbergstein ist mit das härteste und schärfste, das man sich vorstellen kann. Also – besser keinen … Ups! Mist! Verdammt!

Schnell wandte ich mich um. Hatte einer etwas mitbekommen? Nichts untergrub die Autorität so sehr wie Mißgeschicke zu Reisebeginn. Ah, alles war ruhig. Gut. Der gut sieben Einfluß (siehe neues zamonisches Wörterbuch: Maßeinheiten der Haifischmaden) lange Riß war Backbord. Ich rief also:

„Schüler! Seht doch, da an Steuerbord. Welch ein … Steuerbord! Nein! Steuer … Rechts! Dann eben rechts! Also, jedenfalls, was für ein Anblick. Derjenige von euch, der mir die schönste Beschreibung gibt, der erhält sein Nachtitur.“

„Ähhh… Stein?“ „Viel Stein?“ „Berge?“ „Ein springendes, rosafarbendes Einhorn!“ „Eine rasierte Berghutze!“ Und so weiter und so fort.

Ich ließ die Kinder spielen, schlich mich an einen hinten sitzenden Gimpel und packte ihn an der Gurgel. Mit Gimpel-Wickel ließ sich jeder Riß flicken. Aber leider hatte ich keinen Klebstoff und auch nicht wirklich Zeit. Wer weiß, wie lange die Schüler noch abgelenkt durch das Fenster starrten?

Aber waren mir die Naturwissenschaften nicht geläufig? Ich wußte genau, was zu tun war. Ich lief mit dem sich windenden Gimpel zum Riß und wickelte ihn unterwegs aus. Ihhhh… Der Geruch … Aber weiter: Der Gimpel war starr vor Entsetzen über seine Blöße und verfiel in Schockstarre. Genau wie ich es erwartet hatte. Ich verknotete die Binden mit seinen Füßen, preßte ihn durch den Riß – der dadurch leicht größer wurde – und ließ das Gimpel-Jojo dann kreisen. Dann – mit herkulischer Kraft – warf ich ihn über die Hülle der Robur. Der Gimpel und mit ihm die Wickel umflogen das Schiff, die Wickel legten sich über das Loch, der immer noch rotierende Gimpel zog sie stramm. Wunderbar. Das würde halten. Ein kurzer, kaum wahrnehmbarer Ruck zeigte mir, daß sich die Knoten wie geplant gelöst hatten und ein kurzer Blick aus den Fenster zeigte mir, wie er gerade wunderschön an einen der Felsen zerschellte. Leider an einen der Fenster steuerbords.

„Äh … ist das da nicht gerade Hans gewesen?“ fragte einer der Schüler nervös.

Ach, so ein Käse!

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„Hans? Ich kenne keinen Hans. Unter den Schüler gab es nie einen Hans. Was ist das überhaupt für ein Name? Hans! Jedenfalls kein zamonischer. Na, und wenn es kein zamonischer Name ist, dann gibt es auch keinen Schüler mit einem solchen Namen. Überhaupt nehme ich nur Schüler mit zamonischen Namen mit auf die Klassenfahrt!“

„Aber…“ begann einer der Schüler, ein dicker Schweinsbarbar, der seine besten Tage schon hinter sich hatte.

„Nix aber“, blaffte ich. „Hier aba´t nur eine und die ist ausnahmsweise mal still.“

„Aber…“ versuchte es der dicke Barbar von neuen.

Ich funkelte ihn an.

„Ich kenne dich doch. Du bist doch einer der Senior-Schüler, die die Nachtschule schon vor Jahren verlassen haben, nicht wahr? Germi der Nator oder so. Was machst Du eigentlich hier auf der Klassenfahrt?“

„Das will ich doch die ganze Zeit sagen“, greinte der Senior. „Ich gehöre hier gar nicht hin! Ich wollte nur meinen alten Kumpel Grams besuchen, es ist spät geworden, ich schlief auf den Bettvorleger und eh ich mich versah, war ich hier.“

„Oh!“ war alles, was mir einfiel.

Die Menge sah mich an. Es galt, Führungsstärke zu zeigen.

„Nun, Germi, das tut mir jetzt leid. An Bord kannst du nicht bleiben. Versicherungsgründe und so. Das verstehst du sicher. Am leichtesten wäre es wohl, dich über die Planke zu jagen, was?“ Ich lachte, der Barbar erbleichte. „War doch nur ein Scherz. Das würde ich doch niemals… Also ehrlich.“

Auch die anderen Schüler waren bleich geworden. Humorlose Bande. Am Horizont, der sich rasch näherte, tauchten die letzten Gipfel der Finsterberge auf. Bald würden wir ihren Schatten verlassen und in die Glut der Süßen Wüste eintauchen. Eine Idee formte sich in meinen Kopf. Der Barbar konnte nicht an Bord bleiben, aber auf Bord… ja, das würde gehen. Ich legte ihn also freundlich-väterlich 6 Hände auf die Schultern, fixierte das Ruder und führte den verdutzten Germi zu einer Notluke im Heck des Robur.

Unterwegs erklärte ich ihn meinen Plan:

„Hör zu, alter Junge, du kletterst hier raus und die Hülle rauf. Dort oben nimmst du Platz, bis wir morgen die festgeklebte Stadt erreichen, ja. Das Reisebüro hat dort eine Niederlassung, die kümmert sich um deine Heimreise. Nein, du mußt mir nicht danken, das ist doch selbstverständlich.“

Unter schweren Gemotzte und noch schwereren Gestöhne robbte der Barbar die Außenhülle hinauf. Ich aber ging zurück zu meinen Schutzbefohlenen. Dort erklärte gerade ein pickliger Nattifftoffe namens Nigel Ank Nigel:

„… ganz einfache Chemie. Zucker und Fett erhitzen sich und es entsteht süßer Karamell. Das ähnliche Prinzip – Zuckerschmelze genannt – wandte Blaubär damals bei…“

Ich hörte gar nicht mehr zu. Ein Gedanke stieg in mir hoch. Ich wandte mich an den pickligen Geweihträger:

„Zucker und Fett? Ach was… Und bei welcher Hitze?“

„Och, das ist ganz unterschiedlich. Kommt auf die Beschaffenheit des Zuckers und des Fettes, auf die Höhe des Meeresspiegels…“

Eine typische Nattiffoffen-Antwort.

Ich schielte zum Außenthermometer. Wir hatten soeben den Schatten der Berge verlassen und waren in die Luft über der süßen Wüste eingetreten. In die 97 Grad heiße Luft über der süßen Wüste. In die 97 Grad heiße, mit Zucker gesättigte Luft über der Süßen Wüste. Und ich hatte einen fetten Schweinsbarbaren auf der Hülle! Und gemäß der alten Regel, daß alles schiefging, was schiefgehen…

Unauffällig schlenderte ich zur Notausstiegsluke, während Nigel Ank Nigel weiter die Massen unterhielt.

Eine Viertelstunde später betrat ich den Robur 3000 wieder. In meinen 14 Händen hielt ich verschieden große Brocken bestes Karamell.

„Kinder! Es gibt Süßkram! Kommt und holt euch den besten Süßkram auf der ganzen Welt.“

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Meine Meinung über Klassenfahrten und Verluste an Biomasse begann sich zu wandeln. Das alles war ja unvorhersehbar, unbeherrschbar, unausweichbar. Gut, daß mit Hans und seinen Gimpel-Wickel war ein klassischer Fall von „Zur falschen Zeit am falschen Ort“, aber dieser ehemalige Schüler auf der Hülle? Wie viel Pech mußte eine Daseinsform haben, damit sie genau den richtigen Fettanteil hatte und genau zur richtigen-falschen Zeit in glühend heiße, zuckergetränkte Luft eintrat? Diese und ähnliche Gedanken krochen mir trübe durch den Kopf, während ich versonnen an einem Stück Karamell – einem Bein nicht unähnlich – lutschte. Die Fahrt verlief seit unseren Eintritt in die Süße Wüste recht ereignislos. Die Schüler starrten lustlos aus den Fenstern, einige spielten seltsame Spiele, dort machte jemand Hausaufgaben, da versuchte jemand, einen besonders kleinen Zwergpiraten die Haken von den Händchen zu schrauben, dort schnarchte ein feister Schweinsbarbar mit offenen Augen und sabbernd vor sich hin. Kurz – der aus der Schule gewohnte Anblick bot sich mir.

Wenn meine Berechnungen stimmten, würden wir in einen Tag Anagrom Ataf erreicht haben, die gespiegelte Stadt. Dort würden wir eines der berühmtesten Museen des Kontinents besuchen, aber das war eine ganz besondere Überraschung für die lieben Kleinen. Bis dahin gab es eben nur Sand, Sand und nochmals Sand zu sehen. Hmmm … Sand … Körnig … Durchlässig … durch die Hand rinnend … quasi nicht vorhanden … wie das Wissen der Schüler … ich beschloß spontan, mir die Wartezeit ein bisschen zu verkürzen. Ich blickte mich um. Ah, eine Schreckse war immer gut. Von denen bekam man die besten Antworten auf Fragen, die man so nie gestellt hatte.

„He, du da. Luke aus Kalkutta. Komm doch einmal her.“

Die Schreckse wieselte auf mich zu.

„Es heißt Lukukian Kalulukia, Herr Inter-Rex“, kreischte sie.

„Ja, ja. Was auch immer. Du wirst es wohl am besten wissen. Erzähl mir mal was über die Süße Wüste. Etwas – interessantes.“

„Äh … öh… ühhhhh…“

„Sind das alle Umlaute, die du kennst?“

„Ihhhh…“

„Das ist ein langgezogener Vokal.“

„Ach?“

„Die süße Wüste …“

Und die Schreckse begann. Blablabla. Alles schon tausend Mal gehört. Dann wurde es interessant...

" … ein Sturm wie der Scharach il Allah kann per se jede Form annehmen, die er möchte! Alles andere beschränkte ihn in unzulässiger Weise. Er könnte also als Kugel, Kegel oder Kreis erscheinen. Aber er tut nicht. Warum? Nun, der Schmirgel Gottes hat eine Aufgabe. Er muß, er soll, er WILL schmirgeln. In ungezählten Jahrtausenden hat sich dazu die Form des Quaders bewährt - ergo erscheint und dieses Phänomen als Quader. Diese Anpassung der Form an die Aufgabe ist übrigens eine großartige und beeindruckende Leistung. Die einzelnen Sandkörner formen um sich die "Idee des zu schmirgelnden" und richten sich anhand der Ideen-Wellen aus.“

„Ähhh…Öhhh…“ begann ich mit den Umlauten.

„Jaha, Herr Inter-Rex?“

„Dieser Sturm, dieser Schmirgel, dieser Quader… nur mal rein theoretisch… wäre es sehr gefährlich… wie gesagt, nur rein theoretisch… also, wäre es für – sagen wir einmal, für ein Luftschiff – nun, wäre es für ein Luftschiff …“

„Ja, Herr Inter-Rex.“

Ah, auch die Schreckse hatte die grau-rote Wand gesehen, die da auf uns zuschmirgelte.

„Ja?“

„Ja!“

„Was wir brauchen“, entschied ich mit der zielgerichteten Sicherheit, die mich in Krisensituationen stets auszeichnet, „ist eine Idee. Und zwar eine richtig schlechte. Sonst werden wir geschmirgelt, das uns Hören und Sehen… Nein, wir brauchen zwei schlechte Ideen. Denn“ – ich strahlte die verwirrte Schreckse an – „schlecht und schlecht gibt gut.“

„Ja?“

„Ja! He… ihr zwei… Los Risi von Beluci und Medardus… kommt doch mal bitte hier zum Steuerrad, ja.“

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Als ich aufwachte, dachte ich tatsächlich, ich hätte es hinter mir. Das war es also, Pecks, altes Gemäuer, dachte ich bei mir. Du bist vom Schlitten gerutscht. Na, es war ein gutes Leben. Und jetzt begrüßt dich auch noch die große Haifischmaden-Mumie und führt dich zu deinem Gebeinthron, auf daß du über tote Hempel und Blutschinken herrschen sollst (Die Jenseitsvorstellungen von uns Hfm sind kompliziert und nur sehr marginal der Öffentlichkeit bekannt!).

Dann nahm ich den Geruch wahr. Ihhhh… alte Bandagen… ungewaschene Haut… zuckerhaltiger Sand oder vielmehr sandhaltiger Zucker… verfilzte Haare… ahhhhhh: Das war gar nicht die große Haifischmaden-Mumie! Das war ein Gimpel!Und der flößte mir anscheinend gerade Gimpelschnaps ein!

Im gleichen Maße, wie das üble Gebräu (ich trank es natürlich, denn erstens war es umsonst und zweitens gratis und drittens für lau) durch meine Kehle strömte, strömten die Erinnerungen zurück.

Der Schmirgel Gottes war auf uns zugerast. Ich hatte den Plan gehabt, mit Hilfe zweier schlechter Ideen und ein bisschen hastiger Alchimie ein positives Ideenfeld zu erzeugen, an dem sich der Sturm – der ja letztlich auch nur eine Idee war – brechen sollte. In meinen Visionen glitt der Robur 3000 durch die Wand aus Stein, Zucker und Mahlwerk wie ein heißes Messer durch Butter. Aber – Pustekuchen!

Die beiden Ideen verpufften einfach ins Nichts. Sie waren wohl zu schwach gewesen oder nicht schlecht genug. Keine Zeit, für einen Plan B. Der Sturm kam über uns und ich stolperte, fiel in das Steuerrad, das wie wild kreiste. Nach den 987 Treffer durch die Speichen des Rades gab ich schließlich das Bewußtsein ab und trat in das große Nichts des Haifischmaden-Schlafes ein.

Nun war ich aber wieder da. Und war voller Energie. Wir hatten einen Zeitplan, hinter dem wir grandios hinterher waren. Eigentlich mußten wir längst im Buchhaim sein. Oberdoppelriesenmist! Aber auf den Besuch des Museums in A. A. konnte und wollte ich nicht verzichten.

Ich winkte den Obergimpel zu mir, der jetzt verstohlen an der Flasche nuckelte und fragte ihn, wie weit es noch bis zur festgebackenen Stadt sei.

„Ein halbes Gimpelleben in Eile verbracht“, brabbelte er. Gimpel!

„Geht es noch etwas ungenauer?“

„Sieben Stunden im Flug der Schwalbe.“

„Einer zamonischen oder einer Kleintroller?“

„Ähhhh… öhhh… dreizehn zamonische Meilen, denke ich.“

Gimpel!

Dreizehn Meilen. Das ist nicht viel – auf einer bequemen Straße, in einen bequemen Bus. Aber in der Wüste… Ohne Ausrüstung, den die war bei der Landung zerstört worden. Der Gimpelboß bot mir zehn Kamedare an in Tausch gegen einen abtrünnigen Gimpel aus der Schar meiner Schutzbefohlenen.

„Gib mir Visus und ich gebe dir zehn Kamedare“, raunte er verführerisch.

Natürlich lehnte ich ab. Ein gesunder Gimpel war auf den freien Markt gut und gerne seine 20 Kamedare wert, ein Kurs, den ich jederzeit erzielen konnte und würde. Das sagte ich auch.

„Ich habe aber nur zehn“, sagte der olle Gimpel simpel.

„Laß mal. Wir kommen schon weg. Ich hab da schon eine Idee.“

Eine Stunde später…

Alles hing an Minus, dem winzigen Beiboottäufer oder wie immer sich dieser Gnom nannte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mit dem übrig gebliebenen Germinator-Karamell hatte ich den zeternden Zwerg die Handhäkchen eingeschmiert. An seine gekrümmten Füße hatte ich aus der Hülle des Robur geschnittene Stoffstreifen gebunden. Diese waren mit der Fluggondel verbunden. Dann kam der Clou: Auf den gekrümmten Rücken des Zwergpiraten band ich einen Schweinsbarbaren fest, der unter chronischen Flatulenzen litt, fest. Und fertig war unser Schlitten mit Rückstoß-Gas-Antrieb.

Grams pupste, erst zögerlich, dann immer engagierter. Die Minus´schen Vorderhaken pflügten durch den Sand. Die Gurte strafften sich. Die Gondel ruckte an. Es begann, zu stinken. Daran hatte ich nicht gedacht. Gut, würden wir halt alle dreizehn Meilen lang die Luft anhalten. Das wäre ja wohl nicht zu viel verlangt.

Und los ging es. Nächster Halt: das Zuckerwerk-Museum in der gespiegelten Stadt.

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Notieren: Die Reichweite eines pupsenden Schweinsbarbaren entspricht exakt 13 zamonische Meilen und erstaunlicherweise sind nach genau der gleichen Spanne die Handhaken eines durchschnittlichen Zwergpiraten, der durch Sand pflügte, weggeschliffen. Ein Umstand, der bei beiden Daseinsformen übrigens zum Tod zu führen scheint. Aber es mag auch andere Gründe dafür geben…

Als wir ankamen, holten wir erst einmal tief Luft. Der letzte Gasstoß des Barbaren lag schon 732 Meter hinter uns, der Duft hatte sich daher verflüchtigt. Wir standen vor der geklebten Stadt. So weit so gut. Ich stieg aus der Gondel aus und ließ meine Schutzbefohlenen wahlweise nach Luft schnappen oder Wiederbelebungsversuche bei Mitschülern durchführen. Mich interessierte – immer Wissenschaftler, immer Wissenssucher – der Zustand unseres „Motors“. Hatte das System Zukunft? Oh… Scheinbar nicht. Grams glich einen leeren Hautsack. Nur noch borstige Schwarte und poröse Knochen. Scheinbar hatte das ununterbrochene Flatulenzieren seine gesamte Substanz aufgebraucht. Interessant. Interessant. Auch Minus hatte dieses irdische Jammertal verlassen und baute jetzt Papierschiffe beim großen Papierschiffbauwettbewerb im großen Papierschiffbauhafen – oder wie immer sich Zwergpiraten das Jenseits vorstellen.

In Gegensatz zu Grams, der nur noch ein Schatten seiner selbst war, hatte Minus beträchtlich zugelegt. Gut, die Haken an den Händen waren förmlich aufgelöst, aber der Rest… Donnerwetter. So einen fetten, aufgedunsenen Zwergpiraten hatte ich ja noch nie… Was mochte wohl… Ich steckte den Toten einen Finger in den Bauch. Nachgiebig. Aha… Ich drückte fester. Sand quoll aus seinem Mund. Damit war alles klar. Zwergpiraten können ja einfach nicht einmal die Klappe halten, wenn sie durch Sand pflügen und so… nun, die Natur würde sich ihr Material schon zurückholen.

Stunden später, nach dem Besuch im Museum...

Langsam bekomme ich das Gefühl, die Klassenfahrten der Nachtschule stehen unter keinen guten Stern. Gut, wir hängen unseren Zeitplan hinterher. Aber ist das ein Grund, elementare Sicherheitsregeln zu vernachlässigen? Zu Hetzen und zu Drängen? Zu Sterben? Ach, manchmal möchte man nur noch alles hinschmeißen. Da plagt man sich ab, organisiert die perfekte Reise und wie danken es einen die Kleinen?

Wir hatten das Museum glücklich erreicht. Den Eintritt spendierte ich – man muß ja schließlich „jönne könne“, wie der Yhöller sagt – und los ging der Spaß.

Das Zuckerwerk-Museum ist gigantisch. Saal reiht sich an Saal, Halle türmt sich auf Halle. Alles ist hier aus Zucker. Die Wände, der Boden, das Mobiliar und natürlich die Exponate. Aus reinen Zucker. Zuckergehalt 100 % über normal Zucker. Daher verstehe ich nicht, wieso – wenn überall deutliche Warnschilder stehen! – ein Schüler meint, er könne mal eben an der „Grübelnden Hutze“ von Rudi schlecken. Erstens war das schlechtes Benehmen. Zweitens war das schlecht für das Image unserer Schule. Drittens war es ganz schlecht für seinen empfindlichen Hachen-Metabolismus. Viertens erlitt Iliak im selben Moment, indem seine Zunge die Statue berührte, einen solchen Zuckerschock, daß er zerbröselte. Nun, das sah man nicht alle Tage und wenigstens hinterließ Iliak damit auch keine größere Sauerei, die man wegwischen mußte. Sehr rücksichtsvoll, irgendwie.

Darthula und Käpchen erwischte es im Bildersaal. Die beiden Damen standen vor dem Portait einer unbekannten Frau, gemalt von einem unbekannten Künstler aus einer unbekannten Epoche. Sie waren in Streit geraten, da jede von beiden glaubte, das Geheimnis um das Bild lösen zu können. Der Zank artete aus – kennt man ja bei akademisch gebildeten Frauen, wenn die Tünche der Bildung erst einmal Risse bekommt – und wurde immer hitziger. Die Fetzen flogen, die Hitzigkeit der Argumentation nahm zu und es kam, wie es kommen mußte: Die Köpfe der beiden waren so heiß geworden, daß über ihnen die Decke zu schmelzen begann. Alles ging rasend schnell. Ein Tropfen, ein „Aua!“, ein erschrecktes „Oh Mist…!“, ein WUUUUUSCH und das Museum hatte ein neues Exponat für den Figurenraum.

Zum Schluß wurde es dann richtig haarig. Nein, es ging ausnahmsweise nicht um eine Hutze. Sondern um einen eitlen Lindwurm. Hildegunst von Versdrechsler. Der Knabe wollte unbedingt testen, ob Rettis wirklich so gut waren wie ihr Ruf. Wie mir später erzählt wurde, hatte sich der Wurm unter die große Würfelzuckerpresse gelegt, diese eingeschaltet und begonnen, ein selbstverfasstes Epos zu zitieren. Während die Platte der Presse sich langsam senkte, hallten seine schauerlichen, todlangweiligen Verse durch das Museum. So deklamierend wollte er sich retten lassen. Keine Ahnung, warum. Fand er wohl schick. Etwas, womit man prahlen konnte. Nach dem Motto: „Ich lag in der großen Würfelzucker-presse und habe es ungezuckert überlebt!“ Nun, Appeli und Fauli hörten den „Ruf der Rettung“ und flogen los. Auf Rettis ist Verlaß. Aber auch auf die „Kunst“ von Lindwürmern. Das Epos war so unsagbar langweilig, das die beiden Retter gerade noch ihre Krallen in seine Schuppen schlagen konnten, dann schliefen sie aber auch schon ein. Nun war guter Rat teuer: Die Presse ruckelte weiter nach unten und Hildegunst konnte sich nicht befreien, weil zwei schwere Rettis auf ihn lasteten. Jetzt begann auch noch, der Zucker einzuströmen. Langsam wurde es eng… Aber es war ja auch eine Presse, daher…

Machen wir es kurz: Es war kein schöner Tod. Und auch kein schöner Zuckerwürfel. Mehrere Geschmacksproben unabhängiger Zungen bezeugten einen herben Geschmack nach Retti-Flügel und Lindwurm-Schuppen. Nun, ich hatte für solche Kinderein keine Zeit. Ich mußte mir etwas ausdenken, um morgen bereits in Buchhaim zu sein.

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Aufgabe: Wir wollen so schnell, bequem und verlustfrei wie möglich von Punkt A nach Punkt B. Nutzen sie alle legitimen Mittel und wenn sie nicht legitim sind, dann ist das auch egal. Und jetzt bin ich auf ihre Lösung gespannt. Sie können mir gerne eine Flasche schreiben, das Büro leitet die dann unter der Chiffre Pecksniff ät web.de an mich weiter. Natürlich ist das nur eine akademische Spielerei, denn ich habe das Problem längst gelöst. Aber es mag auch andere, für Anagrom Ataf und ihre Einwohner vorteilhaftere Wege gegeben haben.

Nach Buchhaim. Nach Buchhaim. Nach Buchhaim. Wie kamen wir nach Buchhaim? Wir waren hier mitten in der süßen Wüste, Buchhaim lag weit im Osten. Transportmittel? Fehlanzeige bzw. zu langsam. Eine Wanderung zu Fuß? Ausgeschlossen! Eine Neuauflage des „Flatulenz-Schlittens?“ Funktionierte nur auf Sand, Buchhaim lag aber fest und unverrückbar außerhalb der Wüste. Moment! Fest und unverrückbar? Buchhaim ja… Aber galt das auch für Anagrom Ataf? Doch wohl eher nicht. Wie war das noch mal gewesen? Senke, Zuckerschmelze, angebacken… Na, ein solides Fundament sieht anders aus, dachte ich bei mir. Wollen wir doch mal sehen.

Eine Stunde später…

Pfuschwerk. Billigbau. Keine Qualität. Das war mein Fazit. Das würde ein Kinderspiel werden. Im Grunde klebte die Stadt nur noch an einer einzigen Stelle am Boden fest. Einer Art Säule aus Zucker. Das Problem war nur – wenn ich die gespiegelte Stadt losgerissen hätte – wie würde ich sie dazu bringen, in die richtige Richtung zu gleiten, zu wandern, zu spiegeln? Nun, auch hier lag die Lösung auf der Hand: Im gleichen Moment, in dem sich Anagrom Ataf vom Wüstenboden löste, mußte eine Kraft von außen auf sie einwirken. Eine gewaltige Kraft. Etwas wie… ja, wie der verdammte Sturm, der uns in diese Misere erst gebracht hatte. Toll. Mein ganzer Plan brach zusammen. Eine Stadt von ihren Fundamenten reißen, das brachte ich leicht fertig. Aber einen Sturm unter meine Kontrolle zwingen – das überstieg meine Fähigkeiten dann doch ein wenig.

Halt, halt, das war doch nur ein Scherz! Wo ein Haifischmadenwille, da auch ein Weg. Im Robur hatte ich gehört, daß der Schmirgel Gottes sich um eine Art Kraftfeld aus Ideen krümmte… ließ sich daraus etwas basteln? Ach was – nicht lange überlegt, frisch drauflos und es versucht.

Eine weitere Stunde später…

Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen. Vor dem Westtoren der Stadt hatte ich zwei schlechte Ideen platziert und ihnen aufgetragen, Sturmwitze zu erzählen, höhnische Lieder über laue Lüfte zu singen und biologisch unhaltbare Thesen über Mutter und Vater des Schmirgel Gottes zu fabulieren. Wenn der Sturm eine Affinität zu Ideen hatte, dann war er bestimmt nicht glücklich, wenn er von zwei schlechten verspottet wurde. Gleichzeitig hatte ich an der bereits erwähnten Zuckersäule, der dünnen Stelle unter der Stadt, die Anagrom Ataf mit dem Boden verband, lagen drei Tratschwellen auf der Lauer gelegt.

Und dann warteten wir auf den Sturm…

Ich muß Nano und Tegum wirklich loben. Ihre Sturm-Verhöhnung-Schau war wirklich erste Klasse. Der Schmirgel war buchstäblich auf 180! Er raste auf die Stadt zu wie ein Blutschink auf einen Humpen Blutbier.

Ich gab aba, Schwapp und Silenzio das Zeichen. Die drei Tratschwellen warfen sich auf die Zuckersäule und hast du nicht gesehen dann hast du es verpasst … die Stadt zitterte. Die Stadt stöhnte. Die Stadt war frei. Im selben Moment hatte sie der Sturm erreicht. Er prallte gegen die Mauern, schmetterte Nano und Tegum gegen, in, durch das Tor und das gewaltige Anagrom Ataf glitt wie eine Eisfratte über den heißen Sand – nur unvorstellbar viel schneller. Die Tratschwellen in der Senke blickten verdattert hinterher, während wir uns gen Osten aufmachten. Was wohl aus ihnen geworden ist? Wir werden es nie erfahren. Nano und Tegum jedenfalls stecken noch heute fest und unverrückbar in der östlichen Stadtmauer von Anagrom Ataf.

249 zamonische Meter vor Buchhaim hatte sich die ehemals festgebackene Stadt von ihrem Schock so weit erholt, daß sie sich auflöste und woanders erschien. Uns – Schüler und einige hochgradig verwirrte Einwohner – ließ sie zurück. Ich beschloss, meine Schäfchen um mich zu sammeln und zu verschwinden, solange die Verwirrung noch anhielt. Und so betraten wir nur wenige Minuten später Buchhaim. Jetzt würde es interessant werden.

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Ah, die Stadt der Bücher. Die Metropole des gedruckten Wortes. Hort der Erstausgaben, Thronsaal der Halblederbände, Schatzkammer der langsam aussterbenden Franzbände. Buchhaim, Ziel der diesjährigen Klassenfahrt.

Natürlich wollten sich einige der Schüler sofort von der Truppe entfernen, kaum das wir die Tore der Stadt durchschritten hatten. Aber das verhinderte der mentale Bann, der noch immer wie eine Kopfklammer auf ihnen lag. Als erstes suchte ich unser Quartier auf. Es war eine Schenke in der Rückenbund-Gasse. Dort bezogen wir zwei Zimmer: Eines für mich und eines für die Schüler. Beschwerden bügelte ich kühl ab. Wenn mal als Inter-Rex und Reiseleiter nicht einmal eine winzige Bequemlichkeit für sich in Anspruch nehmen kann – wer denn dann?

Ich gab die Parole „Zeit fürs Frischmachen! In zehn Minuten auf der Gasse!“ aus und tatsächlich waren alle pünktlich. Wenn auch nicht unbedingt frisch.

„Liebe Schüler. Das ist Buchhaim. Eine schöne Stadt. Eine gefährliche Stadt. Wir werden jetzt geschlossen zum Laden meines alten Bekannten Plumbunium Smeik gehen. Der wird uns einiges über Bücher erzählen, was ihr bestimmt noch nicht wisst. Bis dahin haltet die Augen auf und die Münder zu.“

„Herr Reiseleiter, ich möchte aber gerne die Stadt auf eigenes Fäustchen erkunden.“

„Nur in der Gruppe, Visus.“

„Ach menno.“

„Wie war das?“

„Nix.“

„Schön. Will sich noch jemand beschweren.“

Schwerer Fehler. 19 Arme schoßen nach oben.

„Wo sind meine Fritten?“ Rumpel. „Wo sind Bärnum und Amanda?“ Daky. „Warum sind Sie immer so gemein?“ Yippo. „Wo sind meine verdammten Fritten?“ Erneut Rumpel.

Was waren denn das für Fragen? Seit wann war ich gemein? Ich schnappte mir yippo und säuberte nachdenklich meine Schuhe in seinen Fell.

Zehn Minuten später standen wir vor dem „Glanz der goldenen Liste“, dem Laden meines alten Freundes Smeik. Prachtvolle Bände in den Auslagen, prachtvollere Ausgaben in den Regalen innen. Leder, Holz und Leim umschmeichelten die Nase, Goldschnitt und sattfarbgige Kapitalbändchen umflorten das Auge. Einige der Schüler begannen zu sabbern.

Ich sah sie ein letztes Mal streng an, dann betraten wir den Laden.

Die fette Haifischmade hinter dem wuchtigen Verkaufstisch aus Teufelsfelsstein sah auf, ließ ein falsches Grinsen erscheinen und wuchtete auf mich zu.

„Pecks. Alter Freund.“

„Smeik. Alter Freund.“

Wir versicherten uns gegenseitig, daß die Zeit es gut mit uns gemeint habe, ließen ein paar gemeinsame Momente Revue passieren und näherten uns gerade der Gegenwart, als ein Schrei…

In der Gruppe der Schüler war eine Lücke oder vielmehr ein Loch. Genauer: Die Schüler bemühten sich, eine Lücke um einen bestimmten Bereich zu bilden. Einen Bereich, an dem, wenn ich mich richtig erinnerte, eben noch Mo vom Finsterberg und ein Namenloser, den wir nur immer Nachtschüler 1 riefen, gestanden hatten.

„Ein Fallenbuch?“ riet ich.

„Aber was für eines“, gab Smeik stolz zurück.

„Hmmm… laß mal überlegen, alter Junge. Das waren Finsterbergmaden… Keine Hände zum Blättern… also selbstauslösend.“

„Gut, gut.“

„Finsterbergmaden… Metall… wahrscheinlich auf Metall reagierend… Grubenlampen… Dunkel…“

„Vergiss nicht Messer und Gürtel, mein Lieber“.

„Bestimmt nicht, bestimmt nicht. Also Fallenbücher, die Metall zerstören… und zwar rückstandslos… Rostige Gnome?“

„Bravo. Ja, das sind die letzten Exemplare der sogenannten „Metallski perdu libri“. Wenn eine Daseinsform in ihre Nähe kommt, die etwas Metallenes an sich hat, setzt eine komplizierte chemische Reaktion ein und … na, man sieht es ja.“

„Oder auch nicht“, grinste ich.

„Sterben! Wir werden alle sterben!“ kreischte eine Schreckse mit Namen Äh Püh. Wenig informativ, wie ich fand.

„Oh, sterben werden wir alle – irgendwann“, kicherte Smeik. „Aber jetzt will ich euch etwas über Bücher erzählen, was ihr bestimmt noch nicht wißt. Wartet nur kurz, ich schließ schnell ab und dann gehen wir nach hinten in meine – private Bibliothek.“

9

„Nicht vielen ist ein Blick in meine private Bibliothek gestattet“, erklärte Smeik, während wir nach hinten strömten. „Bei Büchern bin ich empfindlich“. Er betrachtete Visus nachdenklich und fügte ein kryptisches „… und beim Essen auch!“ hinterher.

„Eine gesunde Einstellung, alter Knabe“ lobte ich ihn.

Wir betraten das Bücherzimmer. Alles war genau so, wie Smeik es mir in seinen letzten Brief beschrieben hatte. Die sieben Wände des Raums gesäumt von schweren Regalen. Die schweren Regale gefüllt mit Büchern. Säulen von Büchern auf den hölzernen Boden. Stapel von Büchern auf den Tischen, einzelne Bücher auf den Sesseln. Zwischendrin ein buntes Sammelsurium alter Maschinen und seltsamer Gerätschaften.

„Meine bescheidene Sammlung“, spielte Smeik die großartige Sache herunter. „Nichts großes.“

„Was sind denn das alles für komische Apparate?“ fragte Rumpel und bohrte dabei in der Nase. Nicht gerade das Aushängeschild für die Nachtschule.

„Das, mein lieber Freund, das sind alte buchimistische Gerätschaften, voller Geheimnisse und Rätsel. Unbezahlbar und rätselha…“ Zwangsumbing! Kennen Sie dieses Geräusch? Nein? Es ist das Geräusch, das erklingt, wenn man einen empfindlichen Federmechanismus überzieht.

„Ups!“ Kennen Sie dieses Geräusch? Richtig: Es ist ein Verlegenheitslaut, der entsteht, wenn ein Nachtschüler, in diesen Fall Bärnum, seine Hände nicht bei sich behalten kann.

Ich seufzte schwer.

„War das teuer?“, fragte der Hache doch tatsächlich.

„Teuer?“, sinnierte Smeik. „Nein.“

Bärnum atmete erleichtert auf.

„Unbezahlbar trifft es wohl eher.“

„Oh.“

Smeik und ich grinsten uns an. Schüler!

„Keine Sorgen, Bärnum. Mein alter Freund ist ein begnadeter Bastler und Restaurateur buchimistischer Gerätschaften. Und genau das ist einer der Gründe … aber willst du nicht, Plumbunium? Immerhin war es deine Idee.“

„Danke, Pecks, alter Knabe.“

Plumbunium führte uns in die Mitte des gewaltigen Raumes, wo ein großes, kastenförmiges Objekt von einem Tuch verdeckt wurde. Er deutete darauf.

„Das ist mein neuestes Projekt. Ganz früher Buchimismus. Wunderbar. Aber leider fehlen mir noch einige Teile. Und aus Gründen, die ich euch klugen Schüler nicht nennen muß, kann ich nur Originalteile verwenden. Mein Vorschlag, den ich bereits euren Inter-Rex gemacht habe, ist der: Ihr kriegt von mir per mentaler Presse ein Bild der fehlenden Teile in den Kopf „gestanzt“ und dann zieht ihr durch Buchhaim und sucht. Ihr habt freie Hand. Tötet, raubt, brandschatzt, betrügt und peckst (letzteres ist eine Mischung aus allen und noch einigen mehr). Als Belohnung kann sich jeder von euch so viele Bücher aus meinen Laden aussuchen und behalten, wie er tragen kann. Und jeder von euch bekommt ein Buch von der Goldenen Liste geschenkt. Na, ist das was?“

Die Schüler – bis auf die Schreckse Äh Püh – waren begeistert. Äh Püh wackelte mit dem Kopf und belinste die verborgene Maschine. Sie würde ich im Auge behalten müssen.

Dann verpassten wir den Schülern die mentale Pressung und los ging die wilde Jagd quer durch Buchhaim.

Visus, die als letzter den Raum verlassen wollte, hielt Smeik zurück.

„Ach, mein lieber Hempel … ich frage mich, willst du nicht zum Essen bleiben. Und mit 14 Händen das zarte Hempelfleisch abtastend verschwand Smeik mit Visus in der Küche. Für mich war das ja nichts. Hempel! Nicht bei meiner Diät. Ich schlenderte in die Stadt hinein, ein Auge auf die Schüler zu haben und zwei auf Püh. Und wenn dann noch ein Bienen-brot…

10

Man sollte doch glauben, daß eine Truppe von halbwegs gebildeten Nachtschülern in der Lage wäre, sich gesittet zu benehmen. Pustekuchen. Wie die kupfernen Kerle zogen sie durch Buchhaim fielen in jedes Antiquariat ein und bald lag über der ganzen Stadt der Ruf „Ein Buch!“ wie eine Dunstglocke aus Schall.

Mal ehrlich: Ein Buch? Wie überraschend! Hier in Buchhaim? Bücher? Nein, was es nicht alles …

Wahrscheinlich hatte mein alter Freund und Meuchelmörder Smeik ganz recht, mit dem, was er … was wir … die Zeit war reif dafür.

Tief in Gedanken versunken schlenderte ich durch die Gassen und Winkel. Immer wieder stieß ich auf Schüler, immer wieder hörte ich Gesprächsfetzen.

„… diese Erstausgabe von la Gadion ist natürlich gar keine. Das ist ein Nachdruck.“

„Bist du sicher, Rumpel?“

„Hör mal, Amanda, wenn einer hier sich mit Erstausgaben auskennt, dann ich.“

„Aber warum hast du sie dann gekauft?“

„Einmal in Buchhaim einem la Gadion frittieren … davon träumt doch jeder.“

„Aber wenn es nun doch eine Erstausgabe ist …“

„Ist es nicht.“

„Aber der Kumpel vom Inter-Rex hat ausdrücklich eine Perla la Gadion-Erstausgabe verlangt. Wenn wir jetzt eine haben und du die einfach in heißes Öl tauchst …“

Die beiden verschwanden disputierend aus meinem Blickfeld. Ein Blick auf das Buch hatte mir gezeigt, das Rumpel recht hatte. Das Leder war falsch. Zu hell. Ganz klar ein Nachdruck.

„… habe ich zu Daky gesagt, so funktioniert das nicht.“

„Gar nicht wahr. Du hast gesagt, das klappt?“

„Nennst du mich einen Lügner?“

„Klar tue ich das. Du bist ein Stollentroll, O.“

„Genau wie du“, warf Skelch ein.

„Wie wir alle“, prahlte Skugga. „Wir alle sind getrollte Stollen, äh stollige Trolle.“

„Gar nicht wahr“, behauptete Daky kühn. „Ich bin in Wahrheit ein Wolpertinger. Ich habe nur Räude, daher sehe ich so aus.

„Räudig ist er, da hat er recht“, kicherte Skelch.

„Und ich bin die Königin von Untenwelt“, brummte Skugga. „Aber erzähl ich das jeden?“

„Ja!“ riefen Daky, Skelch und O. unisono.

„Jedenfalls braucht die olle Made einen Grabstein vom Friedhof der vergessenen Dichter und ich halte meine Idee immer noch für die Beste.“

„Schnickschnack. Das merkt der doch sofort, wenn wir ihn einfach einen Kieselstein bringen und behaupten, der sei von einen, der nur Kurzgeschichten geschrieben haben.“

„Räudig. Räudig“, skandierte Skelch.

„Ihr solltet mich wirklich öfter mit „Eure Hoheit“ anreden“…

„… ist Leinen das Beste, was einen Buch passieren kann“, stellte Kubah Libri klar. „Ich als Buchling weiß, wovon ich rede.“

„Aber Leder sieht besser aus“, kontere Bärnum.

„Quas sieht auch besser als du aus“, knurrte der Buchling. „Und binden wir unsere Schulbücher in ihn ein?“

„Das will ich doch nicht hoffen“, entfuhr es den Wolpertinger.

„Ein Buch muß in Leder gehüllt sein!“

„Leinen!“

„Leder!“

„Äh … wir sollen doch einen ganz bestimmten Prägestempel … so einen ganz bestimmten … also, wenn das Ding etwas so besonderes ist … warum fragen wir nicht einfach den Besitzer, was besser ist: Leder oder Leinen?“ versuchte es Quas diplomatisch.

Und so ging das den ganzen Tag. Überall Schüler, die auf der Suche nach Einzelteilen waren, die Smeik für seine geheimnisvolle Maschine brauchte. Und am Abend dann … Am Abend hatten sie sich alle wieder in der Bibliothek eingefunden.

11

Überall saßen Schüler und lasen. Sie saßen auf Sesseln und Stühlen, auf den Boden und in einigen Fällen auf dicken Büchern. Smeik war sehr großzügig gewesen und hatte Gebackenes und Gekochtes (vulgo Kekse und Tee) verteilt. Wie ich den alten Knaben kannte, hatte er diese Köstlichkeiten bestimmt bei einer ansässigen Armenküche gestohlen. Ein Vorbild für uns alle!

Während die lieben Kleinen lasen, basteten und schraubten Smeik und ich an der geheimnisvollen Maschine der Buchimisten. Bei einigen Teilen, die uns die Schüler besorgt hatten, waren wir zwar nicht ganz sicher, ob es wirklich die gesuchten Originalteile waren – das verwunschene Zahnrad des Schattenpriesters von Dull sah verdächtig nach einen Imitat aus Fritten aus – aber Smeik meinte, der Geist würde schon reichen.

„Meinst du, wir werden rechtzeitig werden werden?“ fragte ich zum 17 mal.

„Nur die Ruhe, Pecks, nur die Ruhe. Punkt Mitternacht, zu Beginn der Hainacht, werden wir die Maschine in Betrieb nehmen können.“

„Und dann werden wir unanständig reich sein!“ freute ich mich.

„Genau.“

Wir rieben uns jeweils unsere 14 Hände – ein beeindruckender Anblick.

„Die beiden ollen Stinkemaden sehen richtig zufrieden aus“, brummte Visus.

„Ich traue den beiden nicht“, merkte Sora an. „Die führen doch irgendwas im Schilde.“

„Ach was, ihr seht Gespenster!“ nahm uns Rumpel im Schild, der ein eher schlichtes Gespür für die Wirklichkeit und ihre Gefahren hatte.

„Hast du aus den letzten drei Klassenfahrten eigentlich gar nichts gelernt?“ ätzte Bärnum. „Verkauft in die Schmieden von Eisenstadt, beinah draufgegangen in Groß-Troll, verkauft als Erntehelfer in Kornheim. Nenn mich paranoid, aber ich meine, da zeichnet sich schon eine Tendenz ab.“

„Hmmmm… Wenn man es so sieht…“

„Aber morgen ist die Klassenfahrt doch schon vorbei. Und – mal ehrlich: Wir sitzen hier und essen Tee und trinken Kekse, während die beiden alten Knacker an einer Maschine rumschrauben. Nee, ich sehe da wirklich keinen Grund zur Sorge.“

„Vielleicht ist der Tee ja vergiftet“, raunte Püh und nahm einen großen Schluck. „Oder die Kekse.“ Krachend biß sie ein Stück ab.

„Ich würde mir ja eher… doch, ja, wenn ich so hinschaue… also, ich würde mir ja eher Gedanken…“begann Amanda.

„Ja?“

„Also, ich kann mich natürlich täuschen, aber sieht dieses komische Teil dahinten… daß, das die beiden da gerade anschrauben, nicht wie ein großer Einfüllstutzen aus?“

Die Schüler nickten beklommen.

„Ein sehr großer Einfüllstutzen. Was ist das überhaupt für eine Maschine?“

„Irgendwas Buchimistisches, glaube ich.“

„Geht es noch etwas ungenauer?“

Es sollte nicht mehr lange dauern, bis die Schülerschar zu ihren Leidwesen erfahren sollte, wofür die Maschine war. In wenigen Minuten war Hainachten… Dann… Dann!

12

Die große Uhr in der Bibliothek schlug seufzend 12 mal. Hainachten. Die Schüler sahen erwartungsvoll auf. Wahrscheinlich – so dachten sie – würde es jetzt Geschenke geben. Und damit sollten sie gar nicht mal unrecht haben.

Smeik klatschte in die Hände.

„Mein lieber Pecks, wenn du möchtest …“

„Zuviel der Ehre“, wehrte ich ab.

„Aber nein, ich bestehe darauf!“

„Also gut.“

Ich wandte mich an die Schar meiner Schutzbefohlenen und sah sie eindringlich an. Meine 14 Arme vollführten merkwürdige Gesten. Gesten, die nur eine Haifischmade vollführen kann, weil nur wir 14 … Klar? Was ich gerade abzog, war große Haifischmadenhypnose-Kunst. Ganz übles Zeug. Die Schüler waren ja bereits präpariert und standen unter den Einfluß gleich zweier mentaler Zwingen. Kurz und gut: Es war ein Kinderspiel!

In der Zwischenzeit hatte Smeik die Maschine angeworfen. Ruckelnd und zuckelnd erwachte sie zum Leben.

„Probelauf?“ fragte er mich grinsend.

„Immer!“ gab ich nicht minder grinsend zurück und befahl dann: „Bärnum! In den Einfüllstutzen!“

Mit gequältem Gesicht, aber gehorsam wie ein Hache, stampfte Bärnum los, kletterte in den Stutzen und verschwand.

Es knarrte, es knirschte, es rumpelte, es zuckelte. Es war eine Freude. Dann war die Transformation beendet und am anderen Ende der Maschine verließen 429 hochwertige Lesezeichen aus Hachenleder dieselbe. Wunderbar dünne, geschmeidige und das Auge schmeichelnde Lesezeichen …

„Der Renner im diesjährigen Hainachtsgeschäft“, gackerte Smeik. „Lesezeichen aus Nachtschülern – jedes Stück ein Unikat.“

„Und wir sind die einzigen, die sie anbieten“, fügte ich hinzu. „Wir verdienen uns dermaßen dumm und dämlich, daß wir uns im nächsten Jahr wieder in der Nachtschule anmelden müssen.“

„Dumm und dämlich!“

„Das sagte ich doch gerade.“

„Und?“ giftete Smeik. „Hast du das Monopol darauf?“

„Es sind immer noch meine Schüler, ja?“

„Und meine Idee! Und – meine Maschine!“

„Deine … Deine … Du mieser kleiner … wer hat dir denn die Pläne …“

„Heul doch! Heul doch!“

„Ich soll heulen? Ich? Wer hat denn damals in der Schule immer geflemmt, wenn er eine Sechs …“

Der Deich brach mit Urgewalt. Smeik ging auf mich los, ich ging auf ihn los, wir gingen aufeinander los. Wir kämpften, wie nur die Giganten der Urzeit zu kämpfen vermochten. Wir rangen wie Götter. Wir stolperten. Fielen. Und zwar genau in den verdammten Einfüllstutzen.

„Verfluuuuuuuuuchhhhhhhhhtttttttttt…………………“ riefen wir noch, dann wurde es dunkel.

Anmerkung des olympischen Verfassers: Mit dem Tod der beiden niederträchtigen Haifischmaden erlosch der hypnotische Bann. Ein paar Schüler waren so traumatisiert, daß sie ihren verehrten Inter-Rex in die Todesmaschine folgten. Der größte Teil aber schüttelte die Verwirrung ab, schnappte sich die Lesezeichen und zog im frühen Licht des neuen Tages durch Buchhaim, um das Geschäft des Lebens zu machen.

Und so bleibt mir nur noch, allen ein gesundes und fröhliches Hainachten zu wünschen. Und wenn ihr ein Lesezeichen geschenkt bekommen solltet, nun… seid vorsichtig, in welches Buch ihr es legt, ja?