Klassenfahrt5

Die Nachtschul-Klassenfahrt 2014

 

Zur Tatzeninsel mit Halt in Nebelheim und criminalistischem Zwischenspiel und gleichzeitig ein dramatisches Drama mit tragischen Elementen voller Komik in 17 Akten und einen vorgeschaltetem Prolog

 

 

Prolog

 

Ort: ein abgelegenes Büro irgendwo in der Nachtschule. Ein wuchtiger Schreibtisch dominiert den Raum. Eine Tür, keine Fenster. Zwei Wände werden von zum Bersten vollen Bücherregalen beherrscht. Die Wand gegenüber der Tür ist gar keine, hier findet sich ein riesiger Kamin, darin ein loderndes Feuer. Vor dem Feuer eine Hai­fischmade, aus trüben Augen in die Glut starrend, die 14 Hände wie unter Zwang ringend. Halblaut:

 

PECKS: „Verflucht und zugenäht. Klassenfahrt mal wie­der und der elendige Reiseleiter ist nirgends zu finden. (Die Hände reiben emsiger) Ich bin mir sicher, diese vermaledeiten Schüler wissen irgendwas … (Wütend) Die verschweigen mir was! Die verschweigen mir was! Mir! (Böses Lachen) Na, die werden schon sehen, was sie davon haben. (Mit den an kalte Kieselsteine erinnernden Augen in die Glut starrend) Die Klassenfahrt findet na­türlich statt. Als Reiseleiter tauge ich so viel wie der Alte auch. Aber ich möchte doch zu gerne wissen, wo …

 

Es klopft an der Tür. Die Haifischmade dreht sich wie ein gut geöltes Zahnrad um die eigene Achse und bellt ein bellendes "HEREIN!“

Die Tür öffnet sich, ein junger Buchling betritt das Büro. Nervöses Hüsteln.

 

HILDE: „Äh, Sie wollten mich sehen?“

 

PECKS: „Wollte ich das? (Tut, als müsse er überlegen) Ah, jetzt fällt es mir wieder ein. Ja, genau … es geht da um eine recht delikate Angelegenheit und man sagte mir, die (die folgenden Worte werden mit ominösem Unterton betont) Detektei Hilde & Co. sei genau die richtige Adresse für Probleme dieser Art.“

 

HILDE: „Oha.“

 

PECKS: „Oha?“

 

HILDE: „Nun, tja, also, es ist nur so, ich hätte nie ge­dacht, daß Sie uns (verlegenes Augenrollen) jemals einen Auftrag geben würden. Sehr schmeichelhaft. Darf ich fragen, ob es um (dramatisches Senken der Stimme) die Klassenfahrt geht?“

 

PECKS: „Im weitesten Sinne, meine liebe Hilde. In allerweitestem Sinne. (Macht eine allumfassende Geste) Die Klassenfahrt wird wie geplant starten. Gerade jetzt in diesen Moment werden die Pferde vor die Schlitten ge­spannt, in wenigen Stunden geht die Fahrt nach Nebel­heim los.“

 

HILDE: „Wie schön! Wie schön!“ (Innerlich) Seit wann haben wir Pferde?“

 

PECKS: „Gell?“

 

HILDE: „Wie kann Ihnen denn nun unser Büro …?“

 

PECKS: „Der Reiseleiter vom letzten Jahr.“

 

HILDE: „Ja …? (Die Partie um die Nase wird merklich blasser)

 

PECKS: Ich will wissen, wo der Kerl geblieben ist. Fin­det ihn! (Sehr vage werdend) Es gibt da … sagen wir, es gibt da noch eine offene Rechnung und ich … (vielsa­gendes Schweigen)

 

HILDE: „Ich verstehe.“

 

PECKS: „Wirklich?“

 

HILDE: „Nein.“

 

PECKS: „Dann will ich deutlicher werden“.

 

Die Haifischmade bittet den Buchling zu sich ans Feuer. Köpfe werden zusammengesteckt, Worte und Andeutun­gen wechseln hin und her, es wird ganz allgemein viel genickt und zugestimmt. Dann:

 

PECKS: „Wunderbar. Wunderbar. Ich verlasse mich dann darauf.“

 

HILDE: „Können Sie, können Sie.“

 

Die Haifischmade und der Buchling verlassen das Büro. Sie durchwandern zusammen die leeren Stollen, jeder seinen Gedanken nachhängend. Schließlich erreichen Sie den großen Hof, auf den sich schon die gesamte Schüler­schaft drängt

 

PECKS: „Willkommen zur Klassenfahrt 2014, liebe Ras­selbande. Dann wollen wir mal, was?“

 

Akt 1

 

Ort: Der große Pausenhof der Nachtschule. Ein mit gra­nitenen Kopfsteinpflaster ausgelegter Platz von einiger Größe. Umringt von einer hohen, abweisenden Mauer. Dahinter die Finsterberge – allgemein alles sehr finster. Die Mauer – ebenfalls aus Finsterberg-Granit bestehend – wird an zwei Stellen von Toren durchbrochen. Eines führt in die Stollen und Hallen der Schule, das andere zu einem Hochplateau inmitten des Gebirges.

 

Kreuz und quer über den Schulhof wuseln und krauchen die verschiedensten Daseinsformen. Im Hintergrund ragt ein gigantischer Pferdeschlitten auf, der genügend Raum für alle Schüler bietet. Es fällt auf, daß es keinen Platz vorne gibt. Das mit Messingnieten und Kupferglocken verzierte Geschirr des Schlittens ist leer.

 

Die Haifischmade betritt vor sich hinschimpfend den Hof.

 

PECKS: (Vor sich hinschimpfend) „Lindwurm … Buch­ling… Lindwurm … Buchling… wie kann man das nur … grundverschiedene Daseinsformen das … (Bemerkt, daß er auf den Hof angekommen ist, hört auf zu brabbeln und richtet sich gravitätisch auf) Morgen, liebe Mit­schüler. Guten Morgen, überaus geschätzte Mitschüler. (Fügt eine letzte Steigerung hinzu) Einen wunderschönen guten Morgen, überaus und ganz besonders geschätzte Mitstudiosi. Heute …“

 

CHOR DER SCHÜLER: „Sag es nicht! Sag es nicht!“

 

PECKS: „… ist …“

 

CHOR DER SCHÜLER: „Er sagt es doch. Er sagt es doch!“

 

PECKS: … Klassenfahrt!“

 

CHOR DER SCHÜLER: „Bringt ihn um! Bringt ihn um!“

 

PECKS: (Eine Augenbraue wölbend) Bitte?

 

CHOR DER SCHÜLER: (Einen besonders winzigen Zwergpiraten mit besonders rostigen Haken und beson­ders verschmierten Dreispitz nach vorne schiebend) „Er wars! Er wars!“

 

PECKS: „Et tu, Minus? (Beugt sich nach vorne, hebt den Zwerg mit spitzen Fingern auf und läßt ihn vor seinen kieselsteinkalten Augen baumeln)

 

MINUS: „&//(((%%$§$%%ӧҵʸʤʔɱ@ﻼﺹﻜ!“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Begeistert) „Minus hat &//(((%%$§$%%ӧҵʸʤʔɱ@ﻼﺹﻜ! Gesagt!“

 

PECKS: (Nicht so begeistert) “In der Tat, das hat er. (Schnippt den fluchenden Zwergpiraten in den Schlitten) Alle einsteigen, bitte. Sucht euch einen schönen Sitz­platz.“

 

Allgemeines Geschiebe und Gedränge, Geschrei und Ge­zwänge, Gekrauche und Gekletter. Die Haifischmade sieht sich alles wohlwollend an. Als alle endlich einge­stiegen sind und einen Platz gefunden haben, klatscht sie in ihre 14 Hände und ruft:

 

PECKS: „Und jetzt steigen bitte alle Tratschwellen wie­der aus.“

 

CHOR DER SCHÜLER: „Haha!“

 

KLEINER CHOR DER TW: „Mist. Oberdoppelriesen­mist!“

 

PECKS: (Das reich verzierte Ledergeschirr des Pferde­schlittens hochhaltend) „Meine lieben Wellen – irgend­jemand muß ja schließlich den Schlitten ziehen, oder? (Maliziös eine Augenbraue wölbend) Und bekanntlich bahnt sich nicht so gut seinen Weg wie Wasser. Also, wenn ich bitten darf?“

 

Eine halbe Stunde später. Die Tratschwellen sind einge­zäunt, die restlichen Schüler haben zu streiten aufgehört, Minus flucht immer noch. Rumpel ruft nach Fritten, Nano behauptet, irgendjemand würde sterben. Alles ist also wie immer. Die Wellen legen sich ins Zeug, der schwere Schlitten ruckt, dann gleiten die Kufen über den Granit. Die Wellen beginnen, zu schwitzen. Niemand achtet darauf. Erste Photos werden geschossen. Dann ist der Schlitten durch das Tor und langt auf dem windum­tosten Hochplateau an.

 

 

Erstes Intermezzo

 

Vertraulicher Bericht. Nur für den internen Verkehr frei­gegeben. Betrifft: Auftrag verschwundener Reiseleiter.

 

Haben neuen Auftrag. Was an sich schon seltsam ist. Aber noch viel seltsamer ist, das wir rausfinden sollen, was mit dem Reiseleiter der letzten 4 Klassenfahrten ge­schehen ist. Leidet die alte Haifischmade an galoppie­render Demenz oder verblödet sie nur einfach? Jeder, der bei der Klassenfahrt 2013 dabei war, weiß doch, daß der Reiseleiter am Ende in die Maschine fiel, die aus uns Schülern Lesezeichen machen sollte. Und wenn das jeder weiß – wieso dann nicht die Made? Und wenn sie es weiß – was soll dann dieser Auftrag? Oder – weiß sie es gar nicht? Was dann allerdings noch absurder ist, denn Hai­fischmaden wissen doch immer alles. Oder?

 

Oder … steckt mehr dahinter? Ich meine, wir haben ge­sehen, wie der Reiseleiter in die Maschine … haben wir es wirklich gesehen? Natürlich haben wir es gesehen! Er fiel rein und Ende. Aber wieso dann …Oh, diese dreimal Doppelvier verfluchte Haifischmade. Ich werd noch ganz wirr im Kopf. Am besten wird es sein, ich sichte noch einmal meine Notizen von der letztjährigen Klassenfahrt und schreibe einen unsere Agenten in Buchhaim an.

 

Bericht wird fortgesetzt.

 

 

Akt 2

 

Ort: ein sturmdurchtostes Hochplateau. Im Hintergrund die schroffen Mauern der Nachtschule. Ein geschlossenes Tor erhöht den allgemeinen Eindruck der abweisenden Abschreckung. Frostige Luft, Eis in den Felsspalten. Im Vordergrund ein riesiger Schlitten. Darin unzählige Daseinsformen aller Art – alle unter einer oft geflickten und irgendwie lausig wirkenden Decke kauernd. Lediglich die Haifischmade auf den Kutschbock ist in Samt und gefütterte Seide gehüllt. Vor den Schlitten eingeschirrt sehen wir Tratschwellen, die sich ins Zeug legen und den Schlitten in Richtung Hang ziehen. Es scheint, als gefrören die Wellen langsam in der bitteren Kälte.

 

ABA: „Sch… ist mir kalt!“

 

SILENZIO: „Kalt? Kalt? Ich huste Eiswürfel und du meinst, es sei kalt?“

 

ABA: „Ja!“

 

SILENZIO: (Hustet ein paar Eiswürfel zum Beweis) „Siehste?“

 

SCHWAPP: „Hört auf zu labern und zieht. Je schneller wir hier weg sind, desto eher kommen wir unter die Decke.“

 

LABER: (Beäugt die flohgeplagte Decke kritisch) „Ich will da gar nicht drunter!“

 

SILENZIO: „Himmel, Arsch und Wolkenbruch – ich gefriere!“

 

ABA: „Sch.., Alter, ich auch!“

 

Die Wellen legen sich stärker ins Zeug und zerren den schweren Schlitten über den Rand des Hangs. Aber es ist bereits zu spät. Binnen Sekunden gefrieren sie nun zu Eiskugeln. Kugeln, die sich auf gut gefetteten Messingnieten munter drehen. Der Schlitten – vom Schwung getrieben und von den gefrorenen Kugeln gezogen – saust ins Tal.

 

NANO: (Panisch) “Wir werden alle sterben!“

 

RUMPEL: (Ausgelassen) „Huuuuiiiiiiiiiii!“

 

BÄRNUM: (Einen See machend) „Ich mach gleich einen See!“

 

VISUS: (Leise) „Und ich mach gleich in …“

 

PÜH: (Wegrückend) „Ihhhhhh.“

 

PECKS: „Hüah. Schneller, ihr Kugeln. Schneller!“

 

NANO: (Noch panischer) “Wir werden alle sterben!“

 

RUMPEL: (Noch ausgelassener) „Huuuuiiiiiiiiiii!“

 

Schließlich ist die wilde Jagd vorbei und der Schlitten erreicht die sanften Wiesen zu Füßen der Finsterberge. Von den zu Eiskugeln gefrorenen Tratschwellen ist nichts mehr zu sehen. Sie haben sich für die Klassenfahrt vollständig aufgerieben. Der Inter-Rex entfaltet sich vom Kutschbock und springt elegant zu Boden. Mit einem Ruck reist er die viel zu oft geflickte Decke weg und die Schüler steigen murrend aus.

 

PECKS: (Sich 14 Hände reibend) „So, die erste Etappe haben wir ja bestens hinter uns gebracht, was? War das das nicht ein Hauptspaß?“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Vehement) „NEIN!“

 

PECKS: „Gell? (Sich umsehend) So. Wir sind hier (hält einen Finger in die Luft) und wollen nach da. (zeigt zur fernen Küste des Golfes von Florinth) Am Golf machen wir einen Tag Urlaub, dann geht es weiter nach Nebelheim. Dort haben wir dann drei Tage Aufenthalt, bevor es weiter zur Tatzeninsel geht. Hat noch jemand Fragen, bevor die Wanderung losgeht?“

 

CHOR DER SCHÜLER: „Ich! Ich! Ich! Ich! Ich! Ich!“

 

PECKS: „Keine Fragen? Wie erfreulich. Dann bitte in einer 2er-Reihe aufgestellt und im Gleichschritt marsch.“

 

Die Kolonne der Nachtschüler verschwindet langsam in Richtung Osten. Die Finsterberge bleiben zurück. Die Klassenfahrt ist im vollen Gange.

 

 

Akt 3

 

Szene: Wie ein gigantischer, buckliger und an diversen Altersgebrechen leidender Lindwurm zieht sich die 2er-Reihe der Nachtschule über das schmale Stückchen Land zwischen Gebirge und Golf. Das Land ist feinsteinig bis sandig, absolut eben und ohne Hindernisse. Trotzdem hat die Haifischmade zwei Rettungssaurier gebeten, über den Zug der Daseinsformen zu kreisen, um nach Gefahren Ausschau zu halten. Um ihre Effektivität zu erhöhen, hat er auf jeden Retti einen Stollentroll platziert.

 

APPELI: (Mißmutig) „Du kratzt mehr als diese verseuchte Decke von eben, Jupp! Wasch dich mal endlich!“

 

JUPP: „Was? WAS? Waschen? Ich? (Fängt an, zu greinen) Ich bin ein Stollentroll. Wir waschen uns nicht. Das ist doch nicht dein Ernst.“

 

APPELI: (Lakonisch) „Doch!“

 

GÜNI: (Von Ferne rüberrufend) „Stinkt deiner auch so furchtbar?“

 

APPELI: „Nein, aber er juckt wie Hel.“

 

GÜNI: (Nasal) „Meiner stinkt!“

 

DAKY: (Den Rest an Würde zusammenkratzend) „Du stinkst mir schon lange.“

 

 

Die Haifischmade erklärt die Gegend. Niemand hört zu. Die Haifischmade erklärt weiter. Nano lamentiert immer wieder, alle würden sterben. Niemand hört zu. Nano lamentiert weiter. Püh schwadroniert, wie sie es zur Lügenkönigin 2014 brachte. Niemand hört zu. Püh schwadroniert weiter. Rumpel verlangt Fritten. Niemand gibt ihn welche. Rumpel verlangt weiter. Minus stolpert mit seinen Beinchen daher und schmachtet diverse Weibchen an. Niemand trägt ihn oder lässt sich anschmachten. Minus stolpert und schmachtet weiter.

 

Über den Zug bahnt sich mittlerweile das erste Unglück dieser Klassenfahrt zusammen.

 

Heiße Luft, entstanden über der Heißen Wand, ist entgegen dem Uhrzeigersinn über Zamonien gewirbelt. Kalte Luft, entstanden über der Kalten Wand, ist mit dem Uhrzeigersinn über Zamonien gefegt. Nun treffen heiße und kalte Luft genau über den Zug aus Daseinsformen und kreisenden Rettungssauriern zusammen. Ein Tanz aus Wetterkunde und Physik hebt an. Niemand bemerkt ihn.

 

DAKY: „Und außerdem – du kannst gar nicht wissen, ob ich stinke, weil … weil…“

 

GÜNI & APPELI: (Unisono) „Weil?“

 

DAKY: „Weil… Weil… Täusch ich mich oder wird es windig?”

 

APPELI: „Ganz billiges Ablenkmanöver.“

 

GÜNI: (Wissend) „Typisch für Stollentrolle, die nicht mehr weiterwissen.“

 

JUPP: (Appeli in den Rücken kneifend) „Red nicht schlecht über Stollentrolle. (Überlegt kurz) Ach, was solls. Wir reden ja selbst ständig schlecht über uns.“

 

APPELI: „Aua!“

 

GÜNI: (Lauernd) „Sollen wir das Kroppzeug abwerfen? Wir können ja versuchen, Nigel und seinen Bruder Migel zu treffen.“

 

DAKY & JUPP: (Unisono) “Kroppzeug?”

 

Während dieses Wortgefechtes ist die Verschmelzung der beiden Winde fortgeschritten. Gleich einen riesigem Auge aus Wolken und Dunkel liegt ein lokal sehr begrenzter Sturm genau über Appeli, Güni, Jupp und Daky. Ein Rüssel bildet sich aus, ein Trichter, ein Arm, ein Tentakel – nennen wir es, wie wir wollen. Jedenfalls ist die Sogwirkung eine einzigartige und erstaunliche. Der Rüssel zuckt nach links, nach rechts, wieder nach links.

 

JUPP: „Es ist wirklich windig geworden.“

 

APPELI: (Ungnädig) „Das liegt an deinen Darmwinden, Troll.“

 

GÜNI: „Der war gut.“

 

JUPP: „Gar nicht waaaaaaaaaaaa…“ (Verschwindet im Wolkenrüssel)

 

APPELI, GÜNI & DAKY: (Unisono) „Waaaaaaaaa?“

 

Dann erfasst der Tornado auch sie. Die Kraft des Sturms ist so groß, daß alle vier bis in eine geo-stationäre Umlaufbahn geblasen werden. Ob sie dort oben in der Kälte und Luftleere des Weltraums zuerst ersticken, erfrieren, sich zu Tode langweilen oder sonst wie ein letales Unglück erleiden, entzieht sich unserer Kenntnis, weil wir sie nicht mehr sehen können. Unterdessen, am Kopf der Schlange ...

 

PECKS: „Oh, es wird windig. Wir sollten uns besser beeilen. (Sich besinnend) Anderseits – ich hab ja zwei Rettis und zwei Trolle in der Luft. Wenn das Wetter schlechter werden würde, hätten die mir ja schon längst bescheid gesagt.“

 

 

Zweites Intermezzo

 

Vertraulicher Bericht – Fortsetzung. Was für ein – selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – seltsamer Auftrag. Nigel & Hildy – wir bringen Licht ins Dunkel. Aber auch in das Dunkel eines Haifischmadengehirns?

Eben mit H. geplaudert. Der freut sich immer noch diebisch darüber, daß der blöde Pecks ihn in seinem Buchling-Kostüm nicht erkannt hat. Ja, verkleiden kann er sich. Jedenfalls meinte H, er habe das Problem bereits mit N. und F. diskutiert und dabei einen besonders kitzligen Punkt herausgekitztelt. Im Folgenden zitiere ich wörtlich:

„… war doch Pecks immer der Reiseleiter, oder etwa nicht? Aber der Reiseleiter ist letztes Jahr in die Lesezeichen-Maschine des verrückten Buchimisten gefallen und ist seitdem über den ganzen Kontinent verteilt. Also frage ich dich: Wie kann Pecks dann zu einem die verdammte Klassenfahrt leiten, wenn er doch von Rechts wegen zwischen Buchseiten liegen müsste und wieso bei allen ungewaschenen Gimpel-Binden will er wissen, was aus den Reiseleiter geworden ist, wenn er doch selber … oh, mein Gehirn beginnt zu käsen!“

 

Das Problem ist also offenkundig: Entweder wird die Klassenfahrt von einem Hochstapler geleitet, der sich als Pecks ausgibt – diese Haifischmaden sehen ja alle gleich aus – oder der Reiseleiter des letzten Jahres war nicht Pecks. Nun, unser Büro wird dem Problem schon auf den Grund gehen. Wie immer. Hoffen wir nur, das wir das Rätsel lösen, bevor Nano wieder ins Gras beißt.

 

 

Akt 4

 

Szene: Das Meer ist schon zu riechen. Salz liegt in der Luft. Der seltsame Tornado hat sich bereits wieder aufgelöst. Eine Brise ist aufgekommen und treibt die feinen Sandkörner vor sich her. 539 Manipulationen (*siehe: Neues zamonisches Wörterbuch – Maßeinheiten) vor den dahinziehenden Schülern bilden sich feine, konzentrische Kreise im Sand. Niemand sieht sie. Man ist nämlich viel zu weit weg und sie sind wirklich sehr fein.

 

VISUS: (Genervt) „Ehrlich, Nano, kannst du nicht mal aufhören. Ständig dieses »Wir werden alle sterben, wir werden alle sterben.« (Ermüdet) Das macht mich ganz müde.“

 

NANO: (Unermüdlich) „Wir werden alle sterben! Wir werden alle sterben!“

 

SKELCH: „Vergiss es, Visus. Der hört nicht auf. (Mit tiefsinniger Stimme) Muß eine Art Trauma sein. Irgendwann hat er wohl auf einer Klassenfahrt was Schlimmes erlebt und seitdem …“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Sarkastisch und hohntriefend) „Etwas Schlimmes erlebt während einer Klassenfahrt? Nein, was für eine Überraschung!“

 

PECKS: (Mürrisch) „Ihr seid eine Bande von Defätisten.“

 

Die bereits erwähnten, konzentrischen Kreise im Sand werden größer und breiten sich aus. Da man nun bereits auf 318 Manipulationen oder 19 Dictor (*siehe: Neues zamonisches Wörterbuch – Maßeinheiten) an diese Stelle herangekommen ist, fallen ersten Schülern diese Kreise auf.

 

AMANDA: (Warnend) „Ihhh… Sandkreise!“

 

KUBAH: (Ignoriend) „Na und?“

 

SKELCH: (Belehrend) „Kreise im Sand sind am Strand eine ganz normale Angelegenheit. Da steckt bestimmt etwas total Harmloses …“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Sarkastisch und hohntriefend) „Etwas Harmloses während einer Klassenfahrt? Nein, was für ein Blödsinn!“

 

SKELCH: (Beleidigt) “Ihr könnt ganz schön nerven, wisst ihr das eigentlich?”

 

CHOR DER SCHÜLER: „Wissen wir. Wissen wir.“

 

NANO: (Sich wiederholend) „Wir werden alle …

 

In diesen Moment bricht die Hölle los. Oder zumindest ein Höllchen. Jedenfalls der Boden auf. Vielmehr der Sand dort, wo sich die bereits mehrfach erwähnten Kreise gebildet hatte. Ein gestieltes Auge schnellt hervor, ein Zweites folgt. Beide sind sehr, sehr, sehr, sehr, sehr groß. Eine Scherenhand hebt sich aus dem Sand – sehr weit von den Augen entfernt, was ungute Vermutungen über die Körpergröße des Wesens zuläßt. Eine zweite, wesentlich größere Scherenhand, erscheint. Ebenfalls sehr weit von den Augen entfernt.

 

PECKS: (Begeistert) “Eine Bolloggkrabbe! Donnerwetter. Wußte gar nicht, daß es noch welche gibt. Dachte, die wären schon längst ausgestorben.“

 

Die monströse, gigantische, riesige und absolut viel zu große Krabbe erhebt sich. Ihre unfassbar großen Scherenhände klappern aufgeregt. Ihre Stielaugen drehen und winden sich, dann bemerkt sie den Strom der Nachtschüler. Ihre Scheren klappern noch aufgeregter. Speichel läuft ihr aus dem Mund. Sie beginnt loszurennen.

 

 

Akt 5

 

Szene: Weit, weit, weit in der Ferne und nur noch schemenhaft zu erkennen die Finsterberge. Nah, nah, viel zu nah und überdeutlich vor Augen – die Bolloggkrabbe.

 

Auszug aus der »Enzyklopädie der schleimigen, ekligen, krauchenden und kriechenden Geschöpfe sowie Kompendium der Dinge, die der alte Uhu Nachtigaller in seinen lückenhaften Lexikon vergessen hat«:

 

Bolloggkrabbe, die. Kriechendes Geschöpf der Klasse A. Extrem selten, wahrscheinlich ausgestorben. Höchstwahrscheinlich gut so. Lebte an Stränden, wo sie im losen Sand auf unvorsichtige oder auch vorsichtige Opfer lauerte – wenn man von einer Bolloggkrabbe angegriffen wird, ist es schnurzegal, ob man vorsichtig oder unvorsichtig war. Ihre bevorzugte Beute sind: Hempel und Gimpel.

 

Die Bolloggkrabbe kann ziemlich groß werden, ist ziemlich schnell und ziemlich hungrig.

 

CHOR DER GIMPEL: (Panisch) “Eine Bolloggkrabbe! Unser einziger Feind!“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Prustend) “Wie bitte?”

 

CHOR DER HEMPEL: (Entsetzt) „Eine Bolloggkrabbe! Das uralte Verhängnis aller Hempel!“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Die heraneilende Bolloggkrabbe abschätzend beobachtend) „Hmm… hmm… Gimpel und Hempel also …“

 

CHOR DER GIMPEL & HEMPEL: (Weinerlich) „Uns gefällt euer Ton nicht!“

 

Die Krabbe ist heran. Sensen gleich brechen ihre Scheren in die wogende Schülerschar. Gimpel und Hempel finden sich plötzlich verlassen und separat. Der Reiseleiter registriert die schnelle Auffassungsgabe der Schüler wohlwollend. Gimpel und Hempel sind verständlicherweise nicht so angetan davon.

 

VISUS: (Nach links laufend) “Du kriegst mich nie! Ich werde Florinth und Nebelheim und die Tatzeninsel sehen und glücklich leben bis an mein Lebensende!“

 

HANS: (Nach rechts laufend) „Ich bin noch so jung, ich will nicht sterben. Nicht während einer Klassenfahrt. Das wäre doch wider die Natur.“

 

Die Krabbe macht Stielaugen. Eines blickt nach rechts, das andere nach links. Eine Schere zuckt nach links, die andere nach rechts.

 

VISUS & HANS: (Unisono) “Aaaaaarrrrgggghhhhh!”

 

Die Bolloggkrabbe verspeist gemütlich und in aller Beschaulichkeit ihr furchtbares Mahl. Ihr seliges Schmatzen hallt laut über den mit einem Mal sehr stillen Strand.

 

PECKS: „Kommt schon, kommt schon. Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Laßt uns hier verschwinden, bevor die Krabbe auf die Idee kommt, sich einen Nachtisch holen zu wollen.“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Folgt den Reiseleiter eilig und singt dabei leise) „Ich hatt‘ einen Kameraden, einen besseren find‘ st du nie…“

 

Nach zwei Stunden eiligen Wanderns und wiederholten Zeterns – hier seien vor allen Nano und seine Theorie, alle müssen sterben und Minus, der oft hinfallende, erwähnt – erreicht die Klassenfahrt 2014 ihr erstes Etappenziel: Der Golf von Florinth liegt vor ihnen. Der Reiseleiter stemmt die Hände in die Hüften – bei einer Haifischmade immer ein imponierender Anblick und verkündet:

 

PECKS: (Verkündend) “Schüler. Mitstudiosi. Freunde, Zamonier, Landsleute. Der Golf. Ihr habt jetzt einen ganzen Tag frei und könnt tun und lassen, was ihr wollt. (Einschränkend) Außer ausbüxen, nach Hause zu Muttern laufen oder sonst was. Baut Sandburgen, grabt Minus ein, bewerft Käpchen mit Sand oder bastelt Molotas eine Muschelkette. Mir soll es gleich sein. (Zieht ein Buch hervor) Ich selbst werde ein wenig lesen. Morgen Abend dann geht es per Sandbahn weiter nach Nebelheim.“

 

 

Auszug aus der »Enzyklopädie der schleimigen, ekligen, krauchenden und kriechenden Geschöpfe sowie Kompendium der Dinge, die der alte Uhu Nachtigaller in seinen lückenhaften Lexikon vergessen hat« :

 

Sandbahn, die: Zu den ungeklärten Phänomenen, die wohl niemals geklärt werden, gehören neben den →stinkenden Rosen von Gralsund und der → kriegerischen Pazifistenglocke von Klein-Troll auch die Sandbahn. Die Sandbahn ist – simpel gesagt – ein sich stetig bewegendes Band aus Sand, daß vom Florinther Golf aus sich in Richtung Nebelheim bewegt. Niemand weiß, warum der Sand dorthin fließt, niemand weiß, wo er bleibt. Fest steht nur eines: Weder nimmt die Menge des Sandes am Golf ab noch die in Nebelheim zu. Die durchschnittliche Fließgeschwindigkeit der Sandbahn beträgt 3 zamonische Meilen per Stunde. Eine hohe Dichte und mitschwimmende Kieselsteine verhindern zuverlässig ein Versinken im fließenden Sand.

 

 

Drittes Intermezzo

 

Vertraulicher Bericht – Fortsetzung. Habe mir die alten Akten noch einmal vorgenommen. Da steht das Ende des Reiseleiters ganz deutlich beschrieben:

…kämpften, wie nur die Giganten der Urzeit zu kämpfen vermochten. … rangen wie Götter. … stolperten. Fielen. Und zwar genau in den verdammten Einfüllstutzen. „Verfluuuuuuuuuchhhhhhhhhtttttttttt…………………“

 

Aber was noch viel interessanter ist – es gibt noch einen Zusatz, einen bisher von allem unbeachteten Zusatz, der Licht in das Dunkel der Frage bringen kann, wieso der Reiseleiter zu Lesezeichen gestampft wurde und dennoch Pecks hier gesund und munter rumwabbelt. Dies ist der Zusatz:

 

… Mit dem Tod der beiden niederträchtigen Haifischmaden erlosch der hypnotische Bann…

 

Ein hypnotischer Bann hatte also auf den Schülern gelegen. Ein Bann, der ihnen möglicherweise vorgegaukelt hatte, der Reiseleiter 2013 sei der gleiche gewesen, der auch die bisherigen Fahrten geführt hatte. Aber bekanntlich ist unter Hypnose alles möglich. Dieser Punkt scheint also geklärt. Sobald wir in Nebelheim angekommen sind, werde ich an unsere Außenstelle in Gralsund eine Depesche absenden, mit der Bitte, mehr über das ominöse Reisebüro „Hin und nicht wieder zurück“ in Erfahrung zu bringen.

 

 

Akt 6

 

Szene: Es hat etwas Magisches, zu sehen, wie die Schülerschaft der Nachtschule dahingleitet. Die Sandbahn trägt sie alle – Schweinsbarbaren, Hutzen, Hachen und Zwiezwerge. Da die Füße nicht gebraucht werden, haben Augen und Mund genügend Freizeit. Allgemeines Geschnatter und Geglotze.

 

KÄPCHEN: (Schwärmerisch) „… werde ich drei Tage nur Schokolade essen und heiße Schokolade trinken.“

 

NANO: (Apokalyptisch) „Wenn wir vorher nicht alle sterben, wenn wir vorher nicht alle sterben.“

 

NIGEL: (Harsch) „Wenn Du nur endlich den Anfang machen würdest!“

 

OBSTIP: (Erläuternd) „… wie das alles so dahinfließt … wie ein gut organisiertes Lügenduell, nicht?“

 

O: (Tief einatmend) „Diese Luft. Diese wunderbare, salzige und warme Luft.

 

RUMPEL: (Sich grinsend umdrehend) „Ich hatte gestern Abend Salzstangen und Bohnen zum Abendessen, weißte?“

 

O: (Weiss wie eine Wand werdend) „Ihhhaaargghhööhhhröchel!“

 

HILDE: (Übellaunig) „Echt, mir fehlt ein bissel die Action hier. Nur gleiten und glotzen, das ist doch öde.“

 

MINUS: (Verzweifelt versuchend, Pühs Händchen zu halten) „Ich gleite gerne. Ich mag gleiten. Ich gleite ständig. Magst du auch gleiten, Püh-Herzchen?“

 

PÜH: (Giftig) „Laß mich, du … du … du Pirat. (Fadenscheinig) Außerdem bin ich bereits versprochen.“

 

MINUS: (Stur) „Ist doch egal. Versprechen werden gebrochen, das is immer schon so gewesen. (Neugierig) Wem biste denn versprochen, Püh-Liebelein?“

 

PÜH: (Sich windend) „Ähh… Skelch.“

 

SKELCH: (Eine rosarote Zukunft erblickend) „Ach ja?“

 

MINUS: „Ach ja?“

 

SKELCH: (Die rosarote Zukunft plötzlich in dunklen Farben sehend) „Ach nein!“

 

QUAS: (Nervös) „Äh… Leute… bin ich der Einzige… (Noch nervöser) Äh, Herr Reiseleiter… ich glaube, ich …

 

PECKS: (Elegant über Kieselsteine und groben Sand gleitend) „Ja, Quas?“

 

QUAS: (Schrill vor Panik) „Ich versinke. Wieso bin ich der Einzige, der hier versinkt. Wieso versinkt der dicke Rumpel nicht? Oder der dicke Grams?“

 

RUMPEL & GRAMS: (Unisono) “Wir sind nicht dick!”

 

PECKS: (Sich fragend an die in obskuren Fragen bewanderten Schrecksen wendend) „Wißt ihr, warum Quas der Einzige ist, der gerade in der Sandbahn versinkt?“

 

QUAS: (Quiekend) „Und wißt ihr auch, warum mir keiner hilft?

 

CHOR DER SCHRECKSEN: (Brabbelnd die Köpfe zusammensteckend) „Brabbelbrabbelbrabbel… ja, daß könnte… eine Art Gedächtnis… Teile zusammenhalten… außerordentlich selten… bemerkenswertes Pech … Nottaufe … anderseits sehr aufschlußreich.“ (Das Gebrabbel wird beendet, die Köpfe rucken hoch)

 

PECKS: „Und?“

 

QUAS: „Und? Und?“

 

CHOR DER SCHRECKSEN: (Krächzend) „Wir vermuten, daß der Sand in Quas ein Stück seiner selbst sieht und ihn wieder in sich aufnehmen möchte.“

 

QUAS: (Fast schon ganz versunken und jetzt richtig kreischend) „Aber wieso … ich meine, ich bin doch nicht…“

 

CHOR DER SCHRECKSEN: (Belehrend) „Es ist wahrscheinlich sehr dummer Sand. Nicht so klug wie der denkende Treibsand. Und es ist – Quarzsand. Wir vermuten, der Sand hat deinen Namen gehört und gedacht, du … Verstehst du? Quas – Quarz. Das kann man schon mal verwechseln.“

 

PECKS: „Ja, daß stimmt.“

 

QUAS: (Sand gurgelnd) “Nein, das kann man niiiiii…”

 

CHOR DER SCHRECKSEN: „Nu ist er weg.“

 

Szene: In der Ferne tauchen die nebelverhangenen Mauern von Nebelheim auf. Nebel senkt sich über den Strand. Es wird kühler.

 

 

Akt 7

 

Szene: Nebelheim taucht aus dem Nebel auf. Es ist allgemein sehr nebelig. Überall dichter Nebel – über den Boden, in der Luft, in Kopfhöhe, bis zum nebligen Himmel. Durch den grauen Dunst ist die gewaltige Qualle über Nebelheim nur schemenhaft zu erkennen. Was wahrscheinlich auch gut so ist. Es gibt Dinge, die dann man gar nicht sehen will. Die Sandbahn wird langsamer und versandet Zusehens. Der Zug der Schüler versammelt sich staunend vor den gewaltigen Tor Nebelheims. Diejenigen, die geschlafen haben, reiben sich verwundert die Augen, diejenigen, die wach geblieben waren, fragen sich, ob sie doch eingeschlafen sind und noch träumen.

 

Einige Schüler strecken vorsichtig ihre Hand aus. Das Tor – so diesig und wolkig es auch wirkt – erweist sich als so massiv wie der Dickschädel eines Blutschinks.

 

PECKS: (Dozierend) “Nebelheimer Dunststein. Findet man nur hier in den Steinbrüchen von Nebelheim. Daher auch der Name.“

 

Auszug aus der »Enzyklopädie der schleimigen, ekligen, krauchenden und kriechenden Geschöpfe sowie Kompendium der Dinge, die der alte Uhu Nachtigaller in seinen lückenhaften Lexikon vergessen hat«:

 

Nebelheimer Dunststein, der. Auch Nebelfels, Schwaden-Granit und Graue-Suppe-Kiesel genannt. Der Nebelheimer Dunststein ist ein Basaltgestein. Seine Farbe ist in der Regel grau, doch sind auch Spielarten in Dunkelgrau und Hellgrau bekannt. Nebelheimer Dunststein ist eines der massivsten Gesteinsarten überhaupt und wirkt gleichzeitig so luftig-locker wie der Nebel. Gebäude aus Nebelheimer Dunststein wirken wie wolkige Gebilde, die der kleinste Windhauch wegwehen kann. Das berühmte → Nebelheimer Tor ist aus einen einzigen Stück dieses Gesteins gehauen und stellt eines der →19 Wunder von Zamonien dar.

 

SAMUS: (Anerkennend) „Das nenne ich mal einen verdammt großen Stein.“

 

Auszug aus der »Enzyklopädie der schleimigen, ekligen, krauchenden und kriechenden Geschöpfe sowie Kompendium der Dinge, die der alte Uhu Nachtigaller in seinen lückenhaften Lexikon vergessen hat«:

 

Nebelheimer Tor, das. Dieses Wunder Zamoniens (siehe dort) ist aus einen einzigen Stück → Nebelheimer Dunststein geschlagen worden. Der Transport des Felsen kostete über 5.000 Nebelheimer Steinbruch-Sklaven das Leben, beim Behauen, Schleifen und Polieren verloren weitere 7.000 Hauknechte, Schleifleute und Polierdiener das ihre. Als das fertige Tor an seinen Platz in der Stadtmauer geschafft wurde, wurden 12.000 Träger zerquetscht. Das Einpassen in den zentralen Zapfen, um den sich das Tor dreht, ging relativ verlustfrei aus: nur 8.000 Zapfendreher taten hier ihren letzten Dreher.

 

Das Nebelheimer Tor ist so perfekt ausbalanciert, das der leiseste Druck genügt, um es um seine Achse rotieren zu lassen.

 

Szene: Die Schüler haben sich gefangen. Die Freude darüber, eines der 19 Wunder von Zamonien zu sehen, überwältigt sie schier. Lediglich Minus ist mit seinen Gedanken immer noch bei seiner Angebeteten Püh. Daher hört er nicht, als der Inter-Rex sie ermahnt.

 

PECKS: (Mahnend) „… ganz vorsichtig, klar? Nur ganz leicht drücken, verstanden? Es sind schon mehr Dämonenkrieger durch dieses Tor gestorben als durch alle blutigen Schlachten zusammen, kapiert?“

 

Die Schüler gehen Richtung Tor. Nebelheim und seine Wunder warten.

 

MINUS: (Nichts kapiert habend) „Warte, Süß-Püh, ich halte dir die Tür auf.“

 

Minus wirft sich heldenhaft-zwergenhaft gegen den gigantischen Stein, glaubend, er müsse alle seine winzigen Muskeln bis zum Zerreißen anspannen, um den Stein auch nur um einen Einfluß (siehe: Neues zamonisches Wörterbuch – Maßeinheiten) zu bewegen. Aber Pustekuchen. Kaum haben seine rostigen Haken den Dunststein berührt, rotiert er auch schon um seine Achse. Die Gewalt der minusesken Attacke ist so groß, daß der Stein mit einer Geschwindigkeit rotiert, die eindeutig zu hoch ist. Minus wird von der Fliehkraft ergriffen, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal mitgerissen und dabei dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal zwischen den quasi nicht vorhandenen Spalt zwischen Mauer und Stein zu nichts zerrieben.

 

CHOR DER SCHÜLERINNEN: (Heulend) „Minus!!!!!!!“

 

PÜH: (Erstaunt) „Na ja…“

 

SKELCH: (Von diversen Ängsten befreit) „Puh.“

 

PECKS: (Herzlos) „Da haben wir wohl gerade Minus gemacht.“

 

CHOR DER SCHÜLERINNEN: (Heulend) „Minus!!!!!!!“

 

PECKS: (Herzlos) „Ist jetzt ein Teil von Nebelheim. Ein schöner Tod, das. Hätte er sich bestimmt gewünscht. So, der Stein ist zur Ruhe gekommen, wie ich sehe. Sehr schön. Wir gehen da jetzt alle ganz langsam durch, ja? Wir haben in einer halben Stunde einen Termin beim Bürgermeister von Nebelheim und es wäre schön, wenn ich wenigstens noch ein paar Schüler dabei hätte. (Überlegend) Was ist denn das für eine Klassenfahrt, bei der alle sterben würden?“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Dumpf) „Eine obligatorische!“

 

NANO: (Solistisch) „Wir werden alle sterben! Wir werden alle sterben!“

 

PECKS: (Abwinkend) „Ach ihr…“

 

 

Viertes Intermezzo

 

Vertraulicher Bericht – Fortsetzung:

 

Konnte mich in Nebelheim kurz separieren und in einem Telegraphenbüro eine Depesche abholen. Der starke Dunst und dichte Nebel in dieser Stadt machen es einen leicht, sich mal kurz zu verdrücken. Viel gebracht hat es allerdings nicht. Die Auskünfte über das ominöse Reisebüro sind allenfalls lückenhaft und löchrig. Es wird von einer Haifischmade geleitet, es wird nicht von einer Haifischmade geleitet; es ist ein angesehenes Unternehmen, es ist eine abscheuliche Mördergrube; es gibt viele Angestellte, es gibt keine Angestellten. Das alles bringt mich nicht weiter. Ich werde daher umgehend nach Buchhaim telegraphieren. Ich brauche eines dieser Lesezeichen, zu dem der Reiseleiter des letzten Jahres verarbeitet wurde. Eine Analyse des Materials müßte mir Rückschlüsse auf die Daseinsform geben, die damals in die Maschine gefallen ist. Wenn uns die Hypnose wirklich etwas vorgegaukelt hat, dann wäre es interessant zu wissen, was sie uns vorgegaukelt hat.

 

 

Akt 8

 

Szene: Der große Platz von Nebelheim. Alles liegt unter dichten Nebel. Man sieht kaum die Hand vor Augen. Die Schüler der Nachtschule haben sich in einen Halbkreis vor einen großen, nur schemenhaft zu erkennenden, Podest versammelt. Darauf – zwielichtig von zwei großen Kerzen beleuchtet und in vollen Ornat – der stattliche Bürgermeister der Stadt.

 

BÜRGERMEISTER (BM): (Salbungsvoll) „Willkommen, Nachtschüler. Willkommen in der schönen Stadt unter den Nebel. Willkommen in Nebelheim. Ihr werdet hier (die Stimme hebend) alle sterben!“

 

CHOR DER SCHÜLER: (Entsetzt) „WAS?“

 

NANO: (Triumphierend) „Habe ich es nicht gesagt? Habe ich es nicht gesagt?““

 

BM: (Hinzufügend) „Sterben vor Freude.“

 

CHOR DER SCHÜLER: „Ach soooooooooooooo.“

 

NANO: (Nicht mehr so triumphierend) „Wir werden trotzdem alle sterben. Werden wir trotzdem.“

 

BM: (Die Hände ausbreitend wie bei einer Segnung) „Nebelheim heißt euch willkommen. Mein guter, alter Freund Mr. Pecksniff (auf die selbstgefällig grinsende Haifischmade deutend) erwähnte vor einiger Zeit, daß er mal wieder meine schöne Stadt besuchen wolle und ob er nicht ein paar Schüler mitbringen könne. Um ihnen das geheime Nebelheim zu zeigen – die Stadt hinter den Dunst sozusagen. (Lacht affektiert)

 

BÄRNUM: (Nachdenklich) „Also, ich weiß ja nicht…“

 

ILIAK: (Nachdenklicher) „Ein paar Schüler mitbringen …“

 

AMANDA: (Sehr nachdenklich) „Das klingt doch sehr …“

 

LUKULLIAN: (Unbedarft) „Nett?“

 

BÄRNUM, AMANDA & ILIAK: (Unisono) “Nein, nett ist das nicht das Wort, an das wir denken.”

 

PECKS: (Sich an den Bürgermeister wendend und dabei flüsternd) „Das sind alles so Defätisten. (Sich an die Schüler wendend, dabei die Stimme hebend) Wir werden Gruppen bilden. (Zählt rasch) Siebzehn Gruppen …Jede wird von einen ausgesuchten Nebelheimer in den nächsten zwei Tagen durch die Stadt geführt. Nachts treffen wir uns dann im Hotel »Zum vernebelten Tag«. Am Samstag geht es dann weiter Richtung Tatzeninsel. Na, wie klingt das?“

 

BÄRNUM: (Nachdenklich) „Also, ich weiß ja nicht…“

 

ILIAK: (Nachdenklicher) „Ein paar Gruppen bilden…“

 

AMANDA: (Sehr nachdenklich) „Das klingt doch sehr …“

 

LUKULLIAN: (Unbedarft) „Nett?“

 

BÄRNUM, AMANDA & ILIAK: (Unisono) “Nein, nett ist das nicht das Wort, an das wir denken.”

 

BM: (Auf 16 Nebelheimer deutend, die sich urplötzlich aus dem Nebel schälen) „Hier wären dann die Führer. Wenn Sie nun die Gruppen einteilen würden, mein lieber Pecksniff…“

 

MOLOTAS: (Nachzählend) „… 14,15,16 – das sind doch nur 16. Wir sollen doch 17 Gruppen bilden, denke ich?“

 

BM: (Kichernd) „Oh, die letzte Gruppe werde ich persönlich leiten. Wenn ich nun also bitten dürfte …“

 

NANO: (Störrisch) „Wir werden alle sterben. Aber so was von.“

 

 

Akt 9

 

Szene: Der große Schlafsaal des Hotels »Zum vernebelten Tag«. Überall wuseln und huschen aufgeregte Nachtschüler umher und tauschen sich aus, als ginge es darum, einen Schokoladering zu gründen. Die leitende Haifischmade glänzt durch Abwesenheit, sie sitzt mit dem Bürgermeister der Stadt beim Abendessen in dessen Stadtpalast. Nigel und Hildy tuscheln mit zusammengesteckten Köpfen und vergleichen ihre Notizen. Beide halten ein ledernes Lesezeichen in Händen. Sie wirken beunruhigt und verängstigt. Sie nehmen in ihrer Versunkenheit gar nicht war, was um sie herum geschieht. Alles redet kreuz und quer durcheinander.

 

GRUPPE 1: (Kulturell) „… die Bibliothek hier ist echt der Hammer. Grams war ganz aus den Häuschen, als er sah, daß die hier alle Bände der »Abseitigen Bücherei« haben.“

 

OBSTIP: (Abwinkend) „Ach Schnickschnack. Grams ist immer wegen etwas »ganz aus den Häuschen«. Da gehört doch nichts zu.“

 

GRAMS: (Innerlichst beleidigt) „Gar nicht wahr gar nicht!“

 

GRUPPE 1: (Mit einem Hauch von Neid) „Jedenfalls darf er morgen dann zu einer besonderen Spezial-Besichtigung des geheimen Büchermagazins der Bibliothek wiederkommen. Nur er ganz alleine. Der Glückspilz!“

 

BÄRNUM, AMANDA & ILIAK: (Unisono) “Glückspilz ist jetzt nicht das Wort, an das wir denken.”

 

GRUPPE 2: (in einer anderen Ecke des Schlafsaals) „… todlangweilig. Tod-lang-weilig! Ein Denkmal nach den anderen. Und alle zeigten die große Qualle von Nebelheim. Nur Kim hat es gefallen. Aber den gefällt ja alles.“

 

OBSTIP: (Herüberrufend) „Leicht zu beeindruckende Gemüter eben, diese Wolpertinger.“

 

KIM M. : (Empört) “Hö! Ihr seid doch nur neidisch, daß ich morgen zu einer besonderen Spezial-Denkmalführung eingeladen wurde und ihr nicht. (Glücklich) Was bin ich doch für ein Glückspilz!“

 

BÄRNUM, AMANDA & ILIAK: (Unisono) “Glückspilz ist jetzt nicht das Wort, an das wir denken.”

 

GRUPPE 3: (Schaudernd in einer entlegenen Ecke des großen Saals und ängstlich in die Ecken blickend) „… denken können, das Nebelheimer Geisterhäuser so gruselig sind? Die sollten verboten werden. Den armen Tor‘ Gal sind die letzten Haare ausgefallen.“

 

OBSTIP: (Sich über sein volles Haupthaar streichend) „Hatte er denn überhaupt noch welche?“

 

TOR’GAL: (Weinerlich) „Immer auf uns Stollentrolle. Immer auf uns Stollentrolle! (Höhnisch) Aber wartet nur ab. Wenn ich morgen meinen Spezial-Termin beim Friseur habe, dann bin ich mal der Glückspilz und ihr dürft mir die Füße küßen.“

 

BÄRNUM, AMANDA & ILIAK: (Unisono) “Ihhhh!”

 

GRUPPE 4: (Motzig) „… so ungerecht. Wir alle mögen Schokolade. Jeder von uns. Aber uns speist man mit einem blöden Besuch im »Halbbitter-Museum« ab, während Käpchen (wütendes Funkeln) morgen eine besondere Spezialbesichtigung in den »Vollmich-Nuss-Hallen« bekommt. Das ist so … Fies!“

 

BÄRNUM, AMANDA & ILIAK: (Unisono) “Ja, das kann man wirklich nicht anders sagen. ”

 

KÄPCHEN: (Unglücklich) „Ich kann doch nichts dafür. Ich kann doch nichts dafür.“

 

OBSTIP: (Sich genüßlich einen Nougatriegel einverleibend) „Blödsinn, Käpchen, wir alle wissen: Für Schokolade gehst du über Leichen?“

 

KÄPCHEN: (Dunkelbitter mit 85 % Kakaoanteil in der Stimme) „Verklagt mich doch!“

 

Und so geht es weiter. Jede Gruppe lamentiert, das einer von ihnen morgen etwas was ganz besonders erleben dürfte und wie gemein das sei. Oder wie langweilig. Oder überflüssig. Oder blöd. Oder egal. Ganz zum Schluß dann kommt die Gruppe, die vom Bürgermeister persönlich geführt wurde, zu Wort.

 

GRUPPE 18: (Eigenartig abwesend) „Wir waren bei der großen Qualle. Heil der großen Qualle. Die große Qualle ist sehr groß. Heil der sehr große Qualle. Molotas ist nicht so groß wie die große Qualle, die sehr groß ist.“

 

BÄRNUM, AMANDA & ILIAK: (Unisono) “Zehn zu eins, das Molotas morgen einen besonderen Spezial-Besuch bei der sehr großen Qualle absolviert!“

 

MOLOTAS: (Eigenartig abwesend) „Die große Qualle ist sehr groß. Ich bin es nicht. Morgen gehe ich zur großen Qualle. Ich freue mich.“

 

OBSTIP: (Sich verstohlen messend) „Ich wette, ich bin größer als die blöde …“

 

PECKS: (Den Schlafsaal betretend und dabei schwer schwankend) „Licht aus – Schlafenszeit!“

 

NANO: (Sich zum wiederholten Male wiederholend) "Wir werden alle sterben! Alle! Sterben!"

 

 

Fünftes Intermezzo

 

Vertraulicher Bericht – Fortsetzung:

 

Unsere Vermutung war richtig – hinter dem Rätsel um den Reiseleiter des letzten Jahres steckt mehr als das Hirngespinst einer in die Jahre gekommenen Haifischmade. Zwar warten wir noch immer auf eine Depesche aus Buchhaim, aber unserer Vorzimmerdame Faline gelang es, während der Bibliotheksbesichtigung hier in Nebelheim eine Handvoll Lesezeichen zu ergattern, die: nachgewiesenermaßen a.) aus Buchhaim, b.) erwiesenermaßen aus der verfluchten Buchimisten-Lesezeichenmaschine der letzten Klassenfahrt und endlich mit absoluter Sicherheit vom Reiseleiter stammen sollen. Vor allem auf den letzten Punkt legte die hiesige Bibliothekarin großen Wert und wenn man in dieser Welt keiner Bibliothekarin mehr trauen kann – wem dann noch?

 

Wir unterzogen die Lesezeichen aufwendigste Untersuchungen (soweit diese in einen Schlafsaal irgendwo am Anus mundi möglich sind) und prüften sie auf Herz und Nieren (eine Metapher, auf die man lieber verzichten sollte, angesichts der Herkunft dieser Dinger).

 

Folgendes ergab sich dabei zweifelsfrei:

 

Eines der Lesezeichen stammt von einer Haifischmade in gesetztem Alter mit Hang zur Gicht und einer Vorliebe für süßen Honig im Tee. Sie war siebenfache Linkshänderin und brauchte wahrscheinlich seit kurzen eine Brille.

Das andere Lesezeichen stammte von einen Buchling, der noch kein Buch gewählt hatte und erste Anzeichen einer Leseschwäche aufwies, die sich im Alter rasant verschlimmert hätte.

Pecks ist rechtshändig und Brillenlos. Nach seinen Gewohnheiten bezüglich Tee und ob er möglicherweise Gicht hat, müssen wir glücklicherweise nicht fragen.

 

Ergo: An diesen schicksalshaften Tag vor etwa einem Jahr fielen also nicht zwei Haifischmaden in die Lesezeichenmaschine, sondern nur eine und ein Buchling, der mittels Hypnose vorgab, eine zu sein.

 

Ein Rätsel gelöst, ein neues ist da.

 

Wird Fortgesetzt…

 

 

Akt 10

 

Szene: Morgengrauen vor dem Hotel »Zum vernebelten Tag«. Verschlafene Schüler, ein verkaterter Reiseleiter, ein diesiger Tag. Bis auf Rumpel, der fröhlich umherhüpft, hängen alle ihren Gedanken nach. Allgemein scheint die Sehnsucht nach einem warmen Bett und einem weichen Kissen größer zu sein als die Aussicht, einen weiteren Tag in dieser verhangenen Stadt zuzubringen. Die einzige Ausnahme von dieser Einstellung findet sich in einem kleinen Grüppchen von Nachtschülern, die etwas abseitsstehen.

 

GRAMS, KIM, TOR, KÄPCHEN & MOLOTAS (SONDERGRUPPE): (Freudig erregt) „Wir sind freudig erregt.“

 

CHOR DER NACHTSCHÜLER: (Sich nach warmen Kissen und weichen Betten sehnend)„Schön für euch.“

 

SONDERGRUPPE: (Freudig erregt) „Wir sind etwas Besonderes.“

 

CHOR DER NACHTSCHÜLER: (Abwesend) „Ja, besonders nervig.“

 

PECKS: (Mit einer Tasse Kaffee und Salzheringen jonglierend) „Kinder, Kinder, ihr alle seid etwas besonderes. (Bei sich) Keine Ahnung, was der alte Uhu mit diesen Knilchen vorhat. Na, mich soll es nicht jucken. Mit Schwund muß man rechnen und Pyras sind Pyras.“

 

BÜRGERMEISTER (BM): (Aus den Nebel auftauchend wie es nur ein Nebelheimer Bürgermeister kann) „Ahhh… Ohhh… Jaaaaa… Wie schön, wie schön, wie schön. Da sind sie ja alle. Mein lieber Pecksniff, wie geht’s den Magen und der Leber?“ (Lacht jovial)

 

PECKS: (Knurrig) „Liegen tot und begraben unter der Erde.“

 

BM: (Noch jovialer lachend) „Har, har, har. Ja, ich sag es immer: »Nebelheimer Nebelputzer«, den sollte man nicht unterschätzen.“

 

SONDERGRUPPE: (Ungeduldig) „Geht’s jetzt los? Geht’s jetzt los?“

 

NANO: (Variierend) "Ihr werdet alle sterben! Alle! Sterben!"

 

Szene: Es geht los. Die Haifischmade sammelt die Nachtschüler um sich und erklärt dabei, man würde heute die berühmten Sümpfe rund um Nebelheim erwandern und zur Mittagszeit in der Morast-Taverne einkehren – ein einmaliges Erlebnis, das man erlebt haben müsse, wenn man sich mit Fug und Recht Zamonier nennen wolle.

 

Der Bürgermeister scharrt die Sondergruppe um sich und erklärt dabei, man würde heute vor den versprochenen Sonderführungen zuerst die nebeldurchzogenen Höhlen unter Nebelheim besichtigen – ein einmaliges Erlebnis, das man erlebt haben müsse, wenn man sich mit Fug und Recht Zamonier nennen wolle.

 

Akt 11

 

Erste Szene: Die Sümpfe rund um Nebelheim. Die allgemeine Atmosphäre erinnert an die aus bestimmten »bewegten Bildern«. Abgestorbene, knorrige Bäume ragen wie abgenagte, knochige Finger in den dunstigen Himmel. In der Ferne heult ein Laubwolf. Das brackige Wasser gluckert unheilverkündend. Es ist kalt, nass, fies, klamm, kühl, feucht und unfreundlich.

 

PECKS: (Tief einatmend) „Ahh… was für eine gesunde Luft!“

 

LUKUKIAN: (Mit Kennermiene) „Die reinste Fieberhölle!“

 

PECKS: (Das Offensichtliche komplett ignorierend) „Und dann diese herrliche Landschaft. (Die Ignoranz zur Meisterschaft treibend) Man kann sich ja gar nicht sattsehen an dieser herrlichen Landschaft.“

 

PÜH: (In ein Sumpfloch tretend, den linken Stiefel mit einem üblen Schmatzen verlierend) „Der Sumpf in den Behörden von Atlantis ist ein Nichts dagegen!“

 

NANO: (Variabel) Wir werden alle im Sumpf versinken! Wir werden alle im Sumpf versinken!“

 

LUKUKIAN & PÜH: (Unisono) “Schon mal über eine Karriere als Schreckse nachgedacht? (Professionell) Ernsthaft, dieses ständige »Wir werden alle sterben! Wir werden alle sterben!« – das ist ganz großes Prophezeien.“

 

REHMUS: (Abfällig) „Den Tod für alle während einer Klassenfahrt zu prophezeien ist doch keine Kunst.“

 

NANO: (Einen besonders knorrig-knochigen Ast abbrechend und damit verlegen im Sumpfwasser Muster malend) „Findet ihr? Also, ich fand ja auch schon immer, in mir steckt mehr als nur eine schlechte Idee.“

 

REHMUS: (Abfällig) „Ich nicht.“

 

LUKUKIAN & PÜH: (Unisono) “Was wir schon immer mal fragen wollten – was für eine schlechte Idee hattest du eigentlich?”

 

REHMUS: (Abfällig) „Sich für einen Propheten zu halten.“

 

NANO: (Auf das äußerste Verlegen) „Ich sprech da eigentlich nicht so gerne drüber…“

 

Die beiden Schrecksen und der Wolpertinger weisen darauf hin, daß zur Zeit alle anderen Mitschüler damit beschäftigt sind, der ollen Haifischmade zu lauschen, die unbewiesene Geschichten aus ihrer Zeit auf den Giftgasfeldern eines unbekannten Landes namens Flandern zum Besten gibt und dabei wild gestikuliert.

 

NANO: (Das krumme Kreuz durchdrückend) „Also gut. Irgendwann muß es ja doch mal sein. (Bußfertig) Man kann die Schuld ja nicht immer alleine tragen. Ich …“

 

An dieser Stelle wechselt die Szene. Wir verlassen die Sümpfe rund um Nebelheim und begeben uns unter die Stadt, wo eine 16-köpfige Sondergruppe eine besondere Spezialführung bekommt. Alle die, die an Nanos Geschichte interessiert sind, werden gebeten, sich bis Montag zu gedulden, wo sie im Rahmen einer Mythenmetzschen Abschweifung dargeboten werden wird. Und nun – der Szenenwechsel: Eine riesige Höhle unterhalb der Stadt. Grams, Kim, Tor, Käpchen und Molotas sowie 11 andere Nachtschüler (die sich aber so sehr im Schatten der Geschichte halten, daß man ihre Gesichter nicht erkennen kann), langweilen sich zu Tode. Steine und Felsen bilden krude Formationen. In der Ferne rostet eine Eisenmade. Es ist kalt, nass, fies, klamm, kühl, feucht und unfreundlich

 

GRAMS, KIM, TOR, KÄPCHEN & MOLOTAS (SONDERGRUPPE): (Gelangweilt) „Ist das Langweilig.“

 

GRAMS: (Bibliophil) “Ich will in die Bücherei!”

 

KIM: (Graniten) „Ich will zu den Denkmälern!“

 

TOR: (Hoffnungsvoll) „Ich will zum Friseur.“

 

KÄPCHEN: (Süßmäulig) „Schoki. Ich will Schoki!“

 

MOLOTAS: (Leiernd) „Die große Qualle ist sehr groß!“

 

GRAMS, KIM, TOR & KÄPCHEN: „Ach du und deine verdammte Qualle.“

 

BÜRGERMEISTER (BM): (Zischend die Luft einsaugend) „Führet der großen Qualle Namen nicht abwertend im Munde!“

 

CHOR DER NEBELHEIMER: „Heil der großen Qualle, die sehr groß ist.“

 

BM: „Heil der großen Qualle, die sehr groß ist.“

 

GRAMS, KIM, TOR & KÄPCHEN: (Außerordentlich despektierlich) „Einen großen Haufen auf die große Qualle!“

 

CHOR DER NEBELHEIMER: (Entsetzt) „Sie haben die große Qualle geschmäht!“

 

BM: (Entsetzt) “Ihr habt die große Qualle geschmäht!”

 

MOLOTAS: (Entsetzt und weinend) „Ihr habt die große Qualle geschmäht. (Rennt tränenblind in eine unbestimmte Richtung) Waaaaaahhhhaaaaahhhhaaaa… (Das Weinen bricht schlagartig ab und weicht schlagartig einem hohen Kreischen) Oh verdammt, verdammt, verdammt, ich bin in ein Loch im Boden gefallen, das jemand verdammt gut getarnt hat und jetzt habe ich mich auf einen … einen … einen … Mist, wie heißen die Steindinger, die aus dem Boden wachsen?“

 

Es erscheint erstaunlich, wie detailliert Molotas seine Erlebnisse schildern kann trotz scheinbar schwerster Verletzungen.

 

GRAMS, KIM, TOR & KÄPCHEN: (Recht ordinär) “Merk dir: Titten hängen und Er steht nit, also hängen die Stalaktiten und die Stalagmiten stehen.“

 

MOLOTAS: (Kreischend) Danke. Bisschen holprig, die Eselsbrücke, am Schluß, aber ich will mal nicht Hachiger als ein Hache sein. Okay, dann noch mal vorn. Ähmm… Öhmm … Oh verdammt, verdammt, verdammt, ich bin in ein Loch im Boden gefallen, das jemand verdammt gut getarnt hat und jetzt habe ich mich auf einen Stalagmiten aufgespießt. Ich … oh verdammt, das tut weh… ist das normal, das ich meine inneren Organe … Ihhh… Das ist ja widerlich!“ (Ein letztes Röcheln, dann Stille)

 

GRAMS, KIM, TOR & KÄPCHEN: (Fragend) “Ein gut getarntes Loch während einer besonderen Sonderführung? Mit spitzen Steinen? Das klingt aber verdammt nach einer üblem Falle!“

 

BM: (Achselzuckend) „Was erwartet ihr? Nebelheim ist schließlich eine Fallenstadt. Und ihr seid gerade mitten in einen hineingetappt“

 

 

Erste Mythenmetzsche Abschweifung während der Klassenfahrt – vulgo: Nanos Ideen

 

Nano aus den Hause Partikel entstammte einer uralten Familie von schlechten Ideen. Sein Vater war eine schlechte Idee, sein Großvater war eine schlechte Idee, sein Urgroßvater war eine und – na, worauf ich hinauswill, liegt wohl auf der Hand. Sein bereits erwähnter Urgroßvater zum Beispiel war die berühmte schlechte Idee, die die schlechte Idee gehabt hatte, einen Bollogg in einen Porzellanladen Rumba tanzen zu lassen. Der nanoliche Großvater war auf den Gedanken verfallen, es müsse doch schick sein, wenn sich sein Bollogg mit heißen Blei die Ohren reinigen würde und sein Vater war es gewesen, der fand, eine Waldspinnenhexe innerhalb eines Buntbärendorfes auszusetzen sei doch ein Heidenspaß.

 

Nano trat also in große Fußstapfen – und das war ihn nur zu bewußt. Aber so sehr er sich auch den Kopf zermarterte – es wollte ihn keine schlechte Idee kommen. Alles war schon einmal da gewesen, alles war schon einmal erdacht und ausgeführt.

 

Eines Tages nun hatte Nano P. seinen heimischen Kopf verlassen und stromte lustlos durch die Gegend. Wenn er nicht bald auf eine richtig schlechte Idee verfiel, würden ihn seine zahlreichen Verwandten aus den Haus werfen. Eine schlechte Idee, die keine hatte? Das ging nicht. Im Gehen erwog er dies und das. Sich als wiederkehrendes Mordopfer in mörderischen Erzählungen verdingen? Bestimmt keine besonders gute Idee, aber auch keine wirklich erstklassig schlechte. Eine Karriere als Lügengladiator? Eher eine gute als eine schlechte Idee, daher ausgeschlossen. Ein selbstmörderischer Duellant, der die größten Geister der Welt zu einen Zweikampf in einen Strategiespiel herausfordern wollte? Ach, nein, Blödsinn… Aber … Aber … Aber… Da stieg etwas hoch in ihm. Eine vage, schlechte Ahnung. Eine wirklich schlechte Idee. Eine Klassenfahrt, bei der alle sterben oder verletzt werden. Jedes Jahr aufs neue. Blutig, bizarr und blumig. Wenn das keine schlechte Idee war, dann wußte er es auch nicht.

 

REHMUS, LUKUKIAN & PÜH: (Unisono) “Aber die Klassenfahrt war doch die Idee der ollen Haifischmade!”

 

NANO: (Sich windend) “Ja, das habe ich dann ja auch erfahren. Da hatte ich mal eine schlechte Idee, und dann kommt mir so eine miese Made zuvor!“

 

PECKS: (Von Ferne aufblickend, als habe er etwas gehört, was er lieber nicht hören wollte, ist sich aber nicht ganz sicher und schwadroniert weiter)

 

NANO: (Sich noch viel mehr windend) “Und das war es dann. Pulver verbrannt. Eine Idee ohne Idee. Da, es ist heraus. Ich hatte noch nie eine schlechte Idee, die etwas taugt“. (Beginnt, zu weinen)

 

REHMUS, LUKUKIAN & PÜH: (Tröstend) “Ach, das kann man doch so nicht sagen. Du hast echt Potenzial, das sagen alle. Dir fällt da bestimmt noch was schlechtes ein“.

 

NANO: (Getröstet) „Glaubt ihr echt?“

 

REHMUS, LUKUKIAN & PÜH: (Herzlos) “Nein!”

 

NANO: “Buuuuhhhuuhuuuhuuu.”

 

 

Zweite Mythenmetzsche Abschweifung während der Klassenfahrt – vulgo: Der Sondergruppe Not

Während die aufgebrachten Nebelheimer die um Molotas reduzierte Sondergruppe umringen, beginnt der Bürgermeister der nebligen Stadt, zu erklären, wie schwer es sei, eine Fallenstadt am laufen zu halten, wenn jeder wisse, daß es eben eine Fallenstadt sei. In der guten, alten Zeit, ja, da sei das noch einfach gewesen, aber seit diesen verlausten Rumo wisse man ja über diese Dinge Bescheid. Aber was, fragte der Bürgermeister, was ist eine Fallenstadt, die keinen in die Falle locken kann? Nutzlos ist sie! Jawohl, nutzlos. So nutzlos wie … wie … wie … eine nutzlose Fallenstadt eben.

 

Die Sondergruppe nickt. Das klingt logisch.

 

Der Bürgermeister führt nun aus, wie man dann vor einigen Jahren auf die Idee gekommen sei, aus einer großen Fallenstadt einfach eine Stadt voll vieler kleiner Fallen zu machen. Und weil nun mal ein Bürgermeister nicht nur eine Stadt, sondern auch Bewohner brauche und eine Stadt ohne Bewohner nichts sei, sei man übereingekommen, in gewissen Abständen ahnungslose Reisende in diverse Fallen zu locken.

BÜRGERMEISTER (BM): (Nachdenklich) „Als dann mein alter Freund Pecksniff mit einer Unzahl von leichtgläubigen Gemütern in die Stadt kam, da … (Achselzuckend) Nun, ein paar Pyras, ein paar Versprechen, eine Sonderführung …”

 

GRAMS, KIM, TOR & KÄPCHEN: (Logisch) “Aber jetzt wissen wir ja Bescheid und sind daher nicht mehr Ahnungslos.“

 

BM: (Verwirrt) “Verflixt!”

 

GRAMS, KIM, TOR & KÄPCHEN: (Tröstend) “Es war aber eine sehr schöne Falle. Sehr nett ausgedacht. Sehr ausgeklügelt. Sehr Fallenstädtisch.“

 

BM: (Getröstet) „Glaubt ihr echt?“

 

GRAMS, KIM, TOR & KÄPCHEN: (Herzlich) “Doch, ja.”

 

BM: „Hurra.“

 

 

Sechstes Intermezzo

 

Vertraulicher Bericht – Fortsetzung:

 

Irgendwas steht da zwischen den Birken (Alte zamonische Redewendung. Entspricht den yhöllischen »Da ist was im Busch«. Anmerkung des Reiseleiters). Heute bemerkt, daß jemand unsere Papiere durchstöbert hat. Das Molotas nicht mehr an Bord ist und Nano seltsam traumatisiert durch die Gegend schleicht, das will ich gar nicht erwähnen. Aber in welcher Welt werden denn persönliche Papiere durchforstet? Wohin sind Treu und Glauben, Anstand, Sitte und Moral? War es die olle Haifischmade? Aber als unser Auftragsgeber kann er sich doch jederzeit über den Stand … Langsam beschleicht mich das dumpfe Gefühl, das wir diesen Auftrag nie hätten annehmen dürfen. Aus Geschäften mit Haifischmaden ist noch nie Gutes geworden! Aber – irgendwie fühlen wir uns auch bei der Ehre gegriffen. Wenn die olle Made denkt, er könne uns für seine Zwecke mißbrauchen, dann wird er aber sehen. Immer noch keine Nachricht aus Buchhaim. Langsam mache ich mir Sorgen. Buchlinge & Buchhaim, Haifischmaden und Hypnose – da waltet irgendein Verhängnis, das größer ist, als ich es jetzt zu erkennen vermag. Ob es nicht sinnvoll wäre, mehr über XXXXXXX (unleserlich gemacht) in Erfahrung zu bringen? Muß mit H. und F. darüber sprechen. Am besten heute Abend.

 

Wird fortgesetzt …

 

 

Akt 12

 

Szene: Vor der Schülerschar liegt der unendliche Ozean in seiner ganzen unendlichen Weite. Hinter ihnen liegt Nebelheim in seiner ganzen dunstigen Nebeligkeit. Gleich einer Fliege im Spinnennetz hängt an der seewärtigen Mauer Lukukian und löst sich langsam im Nebel, in der Ferne und in seine Bestandteile auf.

 

PECKS: (Fassungslos schimpfend) „Ich versteh das nicht. Ich versteh das nicht. Eine Fallenstadt! Da muß man doch mit Fallen rechnen. Ich versteh das einfach nicht.

 

AMANDA: (Knurrig) „Wo wir gerade von Falle reden …“

 

BÄRNUM: (Ebenfalls knurrig) „… so eine Klassenfahrt …“

 

KUBAH: (Zögerlich die Haifischmade betrachtend) „… könnte man ja auch als …“

 

PECKS: (Lauernd) „Ja?“

 

SKELCH: (Allen in den Rücken fallend) „… einen Heidenspaß bezeichnen!“

 

NANO: (Traumatisiert) „Wir werden alle sterben! Du wirst sterben. Ich werde sterben. Wir alle werden sterben.“

 

PÜH: (Erbost) „Fallenstadt hin, Fallenstadt her. Das ist gemein. Eine Schnur, ein Schild mit dem Bild einer Schreckse, daneben die Worte: »Wenn Sie eine Schrecke sind, dann NICHT an der Schnur ziehen«.

 

PECKS: (Achselzuckend) „Also, ich fand es deutlich.“

 

PÜH: (Sehr erbost) „Ach was! Deutlich! Das war eine ganz gemeine, eine kopfdoktorliche Falle. So was gehört verboten. Überhaupt – Waldspinnenhexengarn? Hallo? Das ist verboten!“

 

PECKS: (Wirklichkeitserfahren) „Nun, wo kein Kläger, da kein Richter.“

 

PÜH: (Auf das alleräußerste erbost) „Nix gegen eine gute, anständige Falle. Das verstehe ich. Aber eine Schreckse erst ködern und sie dann mittels Waldspinnenhexengarn fixieren und dann kochendes Pech und heißen Schwefel und flüssigen Teer über sie schütten – das ist unzamonisch.“

 

Das ermüdende Zetern der aufgebrachten Schreckse geht weiter und weiter. Niemand hört so richtig zu. Die Aufmerksamkeit ist vielmehr komplett in Anspruch genommen von einer seltsamen Formation aus Felsen, die seltsam zielgerichtet auf die Schülerschar zutreibt. Es sind insgesamt sieben unterschiedlich große Steine in der Form spitzer Nadeln – nur um ein unglaublich Vielfaches größer.

 

KIM: „Sind das…?“

 

COGI: „Das sind doch …“

 

DARK TWEETY: „Kann das sein, daß das …“

 

ILIAK: „Donnerwetter, das sind doch …“

 

RUMPEL: „Das sind aber keine Fritten, oder?“

 

WOLFF: „Das sind ja wirklich…“

 

LUKUKIAN: (Sich unter den Einfluß von kochendem Pech, heißen Schwefels und flüssigen Teers langsam auflösend und von fernen Nebelheim mit letzter Kraft herüberrufend) „Das sind wandernde Teufelsfelsen, verdammt noch mal!“

 

Der Inter-Rex unterdrückt die aufkommende Panik rasch und gekonnt. Er erklärt, daß es sich zwar tatsächlich um wandernde Teufelsfelsen handle und ja, daß auf ihnen auch die berühmten Zyklopen hausten, aber diese seien handverlesene Vegetarier und da sich seines Wissens kein Laubwolf unter ihnen befinde … Weiter führt die Haifischmade aus, die nächsten zwei Tage werde man auf diesen sieben Steinen das Wasser überqueren und dann – hoffentlich – wohlbehalten auf der Tatzeninsel landen.

 

CHOR DER SCHÜLER: (Kleinkrämerisch) „Hoffentlich?“

 

PECKS: (Wirklichkeitserfahren) „Nun, es sind Teufelsfelsen. Keine Daunenbetten. Und es sind Zyklopen. Keine Hachen. (Madenhaft) Aber damit ihr seht … immerhin bin ich ja der Reiseleiter … werde also mit guten Beispiel …

 

CHOR DER SCHÜLER: (Nicht besonders nett) „Bitte, bitte, bitte, rutsch aus, brich dir die Arme, brich dir den Hals, brich dir das …“

 

PECKS: (Fassungslos) “Bitte?”

 

CHOR DER SCHÜLER: (Einknickend) „Wir sagten: Bitte, bitte, bitte, rutsch nicht aus, brich dir nicht die Arme, brich dir nicht …“

 

PECKS: (Erstaunlich leichtgläubig) „Ach ihr guten Seelen.“

 

Nach einer guten und sehr glitschigen Stunde sind alle Schüler auf einen der sieben Felsen verstaut. Von den Zyklopen ist nichts zu sehen. Einige Schüler klammern sich an nassen Stein, andere klimmen tollkühn herum, wieder andere unterhalten sich oder klauben Moos aus Spalten. Unendlich langsam entfernen sich die Felsen vom Strand. Die vorletzte Etappe der diesjährigen Klassenfahrt beginnt. Und alles ist ruhig.

 

 

Akt 13

 

Szene: Das weite Weit des Golfes von Florinth. In der Ferne die ferne Küste. Nur ein Strich die Meerenge, die den Kontinent von der Tatzeninsel trennt. Sieben unterschiedlich große Felsen treiben zielgerichtet über die See. Es fällt allerdings auf, das nur sechs die Tatzeninsel ansteuern, während der siebte und größte auf das offene Meer hinaustreibt. Soeben scheint dieser Umstand auch den Passagieren der sieben Felsen aufgefallen zu sein. Während sich die Panik und das allgemeine Entsetzen auf den sechs Felsen, die „auf Kurs“ sind, verständlicherweise in arg überschaubaren Grenzen hält, ist beides auf den siebten, abtrünnigen Stein dafür um so größer.

 

CHOR DER 6 FELSEN: (Seemännisch) “Ahoi. Wohin?”

 

CHOR DER ABTREIBENDEN: (Unseemännisch) „Fragt doch nicht so ein dummes Zeug und helft uns lieber. Unser wandernder Teufelsfelsen spinnt!“

 

CHOR DER 6 FELSEN: (Pikiert) “Das kann man aber auch freundlich sagen.”

 

CHOR DER ABTREIBENDEN: (Unfreundlich) „Ihr könnt uns doch mal kreuzweise. Ein Seil! Werft ein Seil rüber. (Händeringend) Wo sind denn die Boote? Die Rettungsinseln? Die Seenot-Rettis? (Sich auf das allerletzte Mittel besinnend, zu dem nie ein Zamonier Zuflucht nehmen sollte) Wo ist der Reiseleiter?“

 

PECKS: (Sich mit Dehnungsübungen locker machend und immer wieder auf und nieder wippend) „Ich bin hier bei euch, meine Kinder. Kein Grund zur Panik, kein Grund zur Sorge. (Schaut zu den sechs sich jetzt rasch entfernenden Felsen hinüber) Hmmm … die entfernen sich aber rasch.“

 

CHOR DER 6 FELSEN: (Fatalistisch)“Pecks ist bei ihnen! Hel steh ihnen bei. Sie sind verloren!“

 

CHOR DER ABTREIBENDEN: (Fatalistisch und der Panik nahe)“Pecks ist bei uns! Hel steh uns bei. Wir sind verloren!“

 

KÄPCHEN: (Überlegend) Zu mir war er ja immer gut.“

 

PÜH: (Weiter überlegend) „Die Reise geht ja noch ein paar Tage. Es ist daher unwahrscheinlich, daß der alte Knabe stirbt. Wir stellen uns besser gut mit ihm.

 

KÄPCHEN & PÜH: (Opportunistisch) „Komm rüber zu uns Pecks. Du schaffst das. Das Wasser ist auch gar nicht tief.“

 

Pecks ist ganz offensichtlich gerührt. Aber der Aussage, das Wasser sei gar nicht so tief, traut er auch nicht so einfach. Er greift sich den nächstbesten Schweinsbarbaren und wirft ihn vom Felsen. Während des Fluges gibt er den dicklichen Schüler einige letzte Instruktionen.

 

PECKS: „Pro Faden eine Luftblase, Rumpel, klar. Wenn Du auf den Meeresboden angekommen bist, bleib einfach da, ich laß später nach dir schicken.“

 

RUMPEL: (Mit Galgenhumor) „Darf ich auch Pupsen?“

 

PECKS: (Generös) „Luftblase ist Luftblase. Mir kommt es nur auf die Tiefe an.“

 

RUMPEL: (Rasch versinkend) „Tiefe, ich komme …

 

Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Blubb – Bluuuuuubbbbbb…

 

PECKS: „Und das nennen die nicht Tief. 33 und mehr Faden. (Sich an seine Abstammung erinnernd) Aber ist eine Haifischmade nicht ein Haifisch? Seit wann fürchtet ein Haifisch das Wasser?

 

Mitten im schönsten Monologisieren bemerkt die Haifischmade zweierlei: Zum einen sind die sechs Felsen schon ein recht beträchtliches Stück entfernt und zum anderen hört ihn überhaupt niemand zu. Rumpel hört ihn nicht, weil er auf den Grund des Meeres auf seine Abholung wartet; die Schüler auf seinen Felsen hören ihn nicht zu, weil sie kreischend vor den plötzlich überall herumwuselnden Zyklopen wegrennen; die Zyklopen hören ihn nicht, weil sie die Schüler jagen.

 

CHOR DER GEJAGTEN: (Rennend, gejagt, flüchtend) „Zu Hülfe! Zu Hülfe!“

 

CHOR DER ZYKLOPEN: (Dröhnend) “Ihr mit uns kommen. Ihr Sklaven seid auf Salatfeldern bei uns auf Heimatfelsen. Wir immer neue Sklaven brauchen, weil Sklaven unsere Nahrung nicht vertragen.“

 

CHOR DER GEJAGTEN: „Was für ein Wunder. Was gebt ihr ihnen denn zu essen? Wurzeln und Baumrinde?“

 

CHOR DER ZYKLOPEN: (Dröhnend) „Nix Wurzeln, nix Baumrinde. Das sein fein Zeug nur für echte Zyklopen. (Ein paar weitere Schüler grapschend) Nein, für Sklaven ist ekelhaftes Zeug namens Schokolade gut genug.“

 

CHOR DER GEJAGTEN: (Ungläubig) „Schokolade?“

 

KÄPCHEN: (Ungläubig) „Schokolade? Ihr füttert eure Sklaven mit Schokolade?“

 

CHOR DER ZYKLOPEN: „Was erwartet ihr von uns? Wir zwar Vegetarier sind, aber immer noch böse Zyklopen.“

 

KÄPCHEN: (Nach wie vor Ungläubig) „Schokolade? Ihr füttert eure Sklaven mit Schokolade?“

 

Käpchen kann es gar nicht glauben. Es scheint, als seien all ihre Gebete erhört worden. Auf Salatfeldern an der frischen Luft arbeiten und mit Schokolade gefüttert werden. War sie gestorben und im Himmel gelandet? Während sie sich noch mit metaphysischen Fragen abgibt, ist die Haifischmade eher praktisch veranlagt. Die Schüler sind zum größtenteils gefangen und Käpchen kriegen keine zehn Pferde von hier weg. Pecks schnappt sich Grams, ehe ihn die Zyklopen schnappen und wirft ihn ins Wasser. Dann greift er sich Pusteblume, hält sie sich über den Kopf und springt auf Grams. Wie erwartet, schwimmt der Barbar oben. Sein breiter Rücken gibt der Haifischmade exzellenten Stand. Das Horchlöffelchen hält er noch immer in die Luft. Wind verfängt sich in den großen Ohren des kleinen Tieres und schon beginnt das kleine Gefährt über das Wasser zu sausen – in Richtung Tatzeninsel.

 

GRAMS: (Motzig) „Das find ich nicht gut. Ich werde ganz naß, man trampelt auf mir rum und ständig muß ich Wasser schlucken.“

 

PUSTE: (Putzig-motzig) “Ach ja? Und mir reißt der Wind die Ohren ab. Aber beschwere ich mich etwa?“

 

RUMPEL: (Blubbernd) „Äh… Herr Reiseleiter … wann holt mich denn einer ab. Ich will mich ja nicht beschweren, aber langsam geht mir die Luft …“

 

GRAMS: (Sehr motzig) „Ich bin kein Fußabtreter oder ein Kanu für einen durchgeknallten Reiseleiter.“

 

PUSTE: (Gehässig) „Doch, genau das bist du gerade.

 

RUMPEL: “Ähhhh… Blubb…”

 

NANO: (Kategorisch) “Wir werden alle sterben! Auf den Salatfelder der Zyklopen! Auf den Grund des Meeres! Auf der Tatzeninsel! Alle! Sterben!“

 

KÄPCHEN: (Von ganz weit weg und mit schieren Entsetzen in der Stimme) „Nougat? Ihr habt nur Nougat? Neeeeeeeeiiiiiiinnnnnnnnnn!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Reiseleiter überquert das Meer

 

Akt 14

 

Szene: Die Tatzeninsel. Hauptteil der Insel. Nördliche Küste. Was vor wenigen Wochen hoffnungsvoll und vollständig in der Nachtschule startete und eine Klassenfahrt für Herz und Hirn werden sollte, ist bedenklich zusammengeschrumpft. Aber man ist angekommen. Und weil man für alles dankbar sein sollte und besonders für das Überleben einer Klassenfahrt und weil man nie weiß, was im nächsten Jahr kommt – kurz, die sonst so herzlose Haifischmade bittet die Überlebenden, Sandaltäre für die Gefallenen, Vergessenen, Ungeschickten und Sonstigen zu bauen. Schlimmstenfalls ist es nur vertane Zeit und gut für das Karma.

 

Stunden später…

 

Wunderschön anzusehen stehn sie da. Muschelgeschmückt und mit Algen verzierte Gedenksteine für die lieben Klassenkameraden und gemochten Mitschüler. aba, Silenzio, Laber und Schwapp – Beweint mit salzigen Tränen; Appeli & Güni, Daky und Jupp –dahinfliegend wie trockenes Schilf im Sturm; Minus – ein Denkmal aus feuchten Kieselsteinen ist alles, was von ihm geblieben ist; Hans und Visus – kleine Abbilder von ihnen auf die Scheren einer harmlosen Krabbe geheftet; Quas – ein in den Sand geschriebener Name; Molotas – sieben Säulen aus Sand erinnern an ihn; Lukukian – ein Kalk-Gerippe, in Händen ein Sand-Seil haltend; Rumpel – eine Senke, gefüllt mit Meereswasser; Käpchen – eine Schokoladentafel aus getrockneten Algen; Grams und Pusteblume – zwei aufgeblasene Gummischläuche.

 

Ja, auch Grams und Puste sind dahin. Ihr heldenhafter Einsatz, ihr liebevolles Bestreben, den Reiseleiter trockenen Fußes auf die Tatzeninsel zu bringen, hat ihnen den höchsten Preis abgenötigt. Als sie schließlich auf den Festland ankamen, hatte der Barbar so viel Wasser geschluckt, hatte das Horchlöffelchen so viel Wind durch die Ohren eingesaugt, das beide bis zum Bersten und darüber hinaus voll waren. Das Horchlöffelchen - der Peckschen Hand ledig – schaffte es noch einmal, kurz „Oh, oh“ zu keuchen, dann sauste es auch schon davon – wie ein Luftballon, den man aufgeblasen und dann losgelassen hatte. Bei ihren wilden Flug prallte sie so unglücklich gegen den wässrigen Grams, daß dieser so pralle und übervolle Barbar platzte wie eine Melone, die man vom höchsten Turm der alten Stadt warf.

 

PECKS: (Anerkennend) „Wunderschön. Wunderschön. Ein würdiges Mahnmal für die Toten, ein Friedhof, passend zur Nachtschule. (Sich eine Träne aus den Augenwinkel wischend) Nein, wie sie mir doch alle ans Herz gewachsen waren, die lieben kleinen.“

 

WOLFF: (Zutiefst verwundert) „Wie jetzt? Echt?“

 

PECKS: (Flüsternd) „Quatsch. Konnte das Kroppzeug nie leiden. Aber de morituri de nihil nisi bene, wie der Klein-Troller zu sagen pflegt.“

 

BÄRNUM: (Anklagend) „Sie sind ein kaltherziges Ungeheuer!“

 

PECKS: (Geschmeichelt) „Ach was … ach je …“

 

PÜH: (Widerwillig belehrend) „Das war kein Kompliment, denke ich.“

 

SUSHI: (Im Sand tobend) „Einmal eine Klassenfahrt, bei der nicht alles Naselang einer ins Gras beißt, das wäre was!“

 

NANO: (Wie vom Blitz gerührt) „Eine KF ohne Tote? Was für eine ausgemacht schlechte Idee! (Beginnt, bitterlich zu weinen) Warum bin ich nicht darauf gekommen? Warum, warum, warum?“

 

PECKS: (Abwehrend) „Also … wir wollen doch mal sachlich bleiben … so viele sterben bei den Klassenfahrten doch gar nicht, wie ihr hier gerade tut.“

 

KUBAH: (Auf die Grabmäler deutend) „Nicht?“

 

TINTE: (Sich grausend erinnernd) „Nicht?“

 

SKELCH: (Zusammenhanglos) „Oh, ein rosa Einhorn.“

 

OBSTIP: „Mord und Totschlag, den ganzen lieben Tag. Schlimm, schlimm, schlimm.“

 

SKELCH: (Immer noch Zusammenhanglos) „Oh, ganz viele rosa Einhörner.“

 

REHMUS: (Sich anwanzend) „Ach, hört doch auf. Pecks passt immer so gut auf uns auf.“

 

SKELCH: (Auf jeden zusammenhängenden Zusammenhang verzichtend) „Oh, eine ganze Herde vieler rosa Einhörner.“

 

CHOR DER SCHÜLER: „Skelch!“

 

SKELCH: (Blass werdend) “Eine verdammt große Herde. Und die galoppiert direkt auf uns zu. Direkt – auf – uns – zu.“

 

CHOR DER SCHÜLER & PECKS: (Unisono) “Ach du Kacke!”

 

 

Letztes Intermezzo

 

Vertraulicher Bericht – Fortsetzung: Ausgerechnet jetzt kam die Depesche aus Buchhaim. Perfekt abgepasst. Das gesamte Personal des Detektivbüros N. & H. nebst Sekretariat droht von rosafarbenden Einhörnern zertrampelt zu werden und eine erschöpfte Brieftaube sucht sich just diesen Moment aus, um auf meiner Schulter zu landen.

 

Muß mich kurzhalten … nur notieren, um meine Gedanken zu ordnen … später ausführlich … kurzen Blick auf die Depesche geworfen … unfassbare Unglaublichkeiten spielen sich in Buchhaim ab. Lesezeichen, Geheimsekten, Haifischmaden. Ein Fall, nach dem sich jeder echte Detektiv die Finger leckt.

 

Werde später mit den anderen sprechen. Muß Pecks in Auge behalten. Er darf nicht wissen, daß ich mehr weiß, als ich wissen darf … Oh, er ruft mich zu sich … ob er etwas ahnt? Muß vorsichtig sein.

 

 

Akt 15

 

Szene: Der nördliche Strand der Tatzeninsel. Hier die zusammengeballte Schar der Nachtschüler, dort die heranbrechende Masse der rosa Einhörner. Vorne die Hufe, hinten das Meer. Links und rechts steile Dünen, deren feiner Sand es unmöglich macht, sie zu erklimmen. Einige Schüler versuchen es trotzdem.

 

SKELCH: (Auf warzigen Füßen rutschend) „Ich will nicht zertrampelt werden. Nicht von rosa Einhörnern. (Innehaltend und überlegend) Obwohl es irgendwie was hätte …

 

DARK TWEETY: (Skelch am Bein packend und ihn zu Fall bringend) „Lass mich vorbei. Lass mich vorbei.“

 

SKELCH: (Vorbeilassend und dabei in den Sand fallend) „Rosa Einhörner … gut, es sind keine lesbischen Füchse – das wäre natürlich richtig cool – aber immerhin sind sie rosa …“

 

DARK TWEETY: (Über Skelch hinwegkletternd) „Ich bin vorbei! Ich werde leben! Leben!“

 

SKELCH: (Verträumt) “Liest sich bestimmt gut auf meinen Seifen-Grabstein: »Hier lieget Skelch – er lebte gut und schaffend recht, er ward zertrampelt von rosa Einhörnern«. (Selig grinsend) Ach ja …“

 

DARK TWEETY: (Im feinen Sand den Halt verlierend und zusammen mit Skelch zurück zu Boden kullernd) „NEEEIIINNNN!“

 

Ein Hache – sonst keine Gattung, die bekannt dafür ist, die hellsten Kerzen auf der Torte zu stellen – kneift die Augen zusammen und ruft über den tosenden Lärm, die allgemeine Panik, das umfassende Geschiebe und Gedränge sowie über Angst, Furcht und Entsetzten, hinweg:

 

ILIAK: (Die Augen zusammenkneifend und der ganze, bereits erwähnte Rest) „Ich glaube …“

 

DIE PANISCHE MASSE: (Panisch) „Sterben … Sterben … Sterben … Sterben …“

 

ILIAK: “Ja, sterben. Müßten wir nicht schon längst tot sein? Zertrampelt und zerquetscht und zermalmt und so?“

 

DIE PANISCHE MASSE: (Panisch) „Sterben … Sterben … Sterben … Hä?“

 

ILIAK: „Die blöden Viecher kommen doch gar nicht näher. Seht doch mal genau hin.

 

DIE PANISCHE MASSE: (Nicht mehr ganz so Panisch) „Sterben … Sterben … Öh… stimmt … sieht aus wie eine Welle … wogt heran und fällt zurück … wir leben noch! Wir leben noch!“

 

PECKS: (Verschämt die Mauer aus Leibern niederreißend, die er aus unschuldigen Schülern um sich herum errichtet hat) „Leben? Keine Gefahr mehr? Ehrlich? (Auf die Leiber blickend) Ähh… ich wollte euch nur beschützten. Jawohl. Mit meinen Leben beschützten.

 

CHOR DER AUFGETÜRMTEN LEIBER: (Dankbar) „Danke.“

 

PECKS: (Klassisch) „Nicht danket mir, es ist ja meine Pflicht.“

 

ILIAK: (Fragend) “Und diese seltsamen Einhörner? Was hat es damit auf sich? Weiß das einer? Skelch?“

 

SKELCH: (Verträumt) „Nö. Keine Ahnung.“

 

Auszug aus der »Enzyklopädie der schleimigen, ekligen, krauchenden und kriechenden Geschöpfe sowie Kompendium der Dinge, die der alte Uhu Nachtigaller in seinen lückenhaften Lexikon vergessen hat«:

 

Die rosa Einhörner der Tatzeninsel. Siehe auch die → malvenfarbigen Spinnen von Urien und die → kupferroten Schwarzdrosseln aus der Wotanskerbe. Bei all diesen Phänomenen handelt es sich um im Sand und Land gespeicherte Erinnerungen an Dinge, die einst waren, nun aber nicht mehr sind. In uralten Zeiten, als die Bolloggs noch in Unzahl über die Lande streiften, als die Waldspinnenhexe noch hübsch und jung war und die MOLOCH nur ein kleiner Kahn, da flogen Schwärme von kupferroten Schwarzdrosseln durch die Wotanskerbe, da spannen gigantische Spinnen ihre malvenfarbigen Netze über Urien, da galoppierten Herden von rosafarbenden Einhörnern über die Tatzeninsel. Vorbei, vorbei, vorbei.

 

Heute leben diese Tiere nur noch als Phantome, als Schatten ohne Kraft oder Macht in den Landstrichen, die sie einst beherrschten. Warum und wieso und zu welchen Zweck – wir wissen es nicht. Ist es der Sand, die Kerbe, das Land, das nicht loslassen kann? Ist es, weil die Natur nicht vergessen will, wie bunt sie einst war?Ist es Willkür? Zufall? Wir wissen es nicht. Aber es ist schön und das mag genügen.

 

PECKS: „Damit wäre das wohl geklärt. Gut, gut. Wir…“

 

AMANDA: „Äh… Herr Reiseleiter?

 

PECKS: „Ja?“

 

AMANDA: (Auf drei Leichen deutend) „Ähhh… Ihhhhhh… „

 

Die Menge weicht zurück und gibt den Blick frei auf drei scheußlich, scheußlich, dreimal scheußlich entstellte Leichen. Es handelt sich um das Ensemble des Detektivbüros N. & H. nebst Schreibkraft. Allen drein wurde der Hals rumgedreht, die Haare ausgerissen, die Finger verknotet, die Hosen zerrissen, die Zehnägel lackiert, die Beine rasiert und die Ohren abgeschnitten. All das, während Hunderte Schüler um sie herumstanden und gebannt auf die rosa Einhörner starrten. All das, während Hunderte Zeugen hätten etwas sehen können.

PECKS: (Fundiert) „Sieht mir nach natürlichen Tod aus. Wohl vor Schreck.“

 

PÜH: (Indigniert) „Wohl kaum.“

 

PECKS: (Pikiert) „Ein Unfall?“

 

PÜH: (Frustriert) „Und wie soll der ausgesehen haben?“

 

PECKS: „Na, ich werde mich morgen in aller Ruhe um diese kleine Problem kümmern, was. (Läßt bei diesen Worten heimlich eine Depesche aus Buchhaim sowie zahlreiche Aufzeichnungen verschwinden)

 

NANO: (Hysterisch) “Wir werden alle sterben. Wir werden alle sterben.“

 

 

Akt 16

 

Szene: Immer noch die nördliche Küste der Tatzeninsel. Der Schock über den brutalen Mord an drei Schülern während der Klassenfahrt sitzt tief. Natürlich ist es allgemeiner Usus, während einer Klassenfahrt der Nachtschule zu sterben, aber doch nicht Mord. Unfälle, Mißgeschicke, verantwortungsloses Handeln – gut, das ja. Desaster, Fehlentscheidungen, diverse Absonderlichkeiten – kann passieren. Aber Mord?

 

Überall haben sich kleine Gruppen gebildet. Es wird eifrig diskutiert. Fragen kommen auf. Antworten werden in den Raum geworfen. Nano verkündet, alle müßten sterben. Da klatscht der Inter-Rex in alle 14 Hände – immer ein erhabener Vorgang bei einer Haifischmade.

 

PECKS: (In seine 14 Hände klatschend) „Ad rem, meine lieben Schutzbefohlenen, ad rem. Der seltsame Todesfall der drei Detektive mag bedauerlich sein, aber das Leben geht weiter.“

 

FLEOBARTH: (Naseweis) „Für die drei nicht.“

 

PECKS: (Unaufhaltsam) „Und nicht nur das Leben geht weiter, nein, auch die Klassenfahrt.“

 

Allgemeines Stöhnen und Seufzen. Vereinzelte erklingen „Echt jetzt?“, „Muß das sein?“ und „Ach, so ein Mist!“ –Rufe. Weibliche Daseinsformen werden ohnmächtig, männliche verfallen in dumpfes Brüten. Allgemein ist die Stimmung sehr niedergeschlagen.

 

PECKS: „Hört mal. Es sollte eigentlich eine Überraschung sein, die ich erst morgen enthüllen wollte, aber ich werde sie euch jetzt schon verraten.“

 

OJAHNN: (Abwertend) „Na, das wird was sein!“

 

JABOR: (Düster) „Eine Überraschung während der Klassenfahrt – anders Wort für Schrecken, Entsetzen und allgemeine Vernichtung.“

 

OJAHNN: (Beifällig) „Du hast Sklaverei und Ausbeutung vergessen.“

 

FLEOBARTH: (Sich kratzend) „Ihr seht das alles aber sehr, sehr negativ.“

 

PECKS: (Autoritär) „Is jetzt gut? Also, worum es geht…“

 

Die in Unwürde gealterte Haifischmade berichtet, wie sie jüngst beim Studium uralter Akten und noch viel älterer Notizen auf einen Eintrag stieß, der besagte, das es vor Äonen Sitte und Brauch war, auf der Tatzeninsel an Hainachten einen Hainachtsbaum aufzustellen und zu schmücken. Irgendwann geriet dieser schöne Brauch leider in Vergessenheit und nun plant die dekadente Made, diesen Usus neu zu beleben.

 

CHOR DER SCHÜLER: (Von hainachtlichen Gefühlen überwältigt) „Hach, was für eine schöne Idee.“

 

JABOR: „Aber wir haben doch gar keinen Baum dabei.“

 

OJAHNN: „Oder Schmuck. Oder Lametta. Oder Kerzen.“

 

PECKS: „Ist alles schon vor Ort, ist alles schon vor Ort.“

 

FLEOBARTH: „Vor Ort heißt …?“

 

PECKS: (Geographisch) „Vor Ort heißt: Im Zentrum der Tatzeninsel. Und genau dahin werden wir uns jetzt bewegen. Wenn ER sich nicht verspätet – und ER verspätet sich eigentlich nie – dann müßte unser Transportmittel in wenigen Minuten … ah, ich glaube, ich sehe IHN.“

 

Es gelingt der Haifischmade, die großgeschriebenen Wörter tatsächlich auch groß auszusprechen. Vages Unbehagen senkt sich über die Schülerschaft wie eine flohverseuchte Decke. Wer ist ER? Angestrengt blicken sie in die Richtung, in die die Made linst. Ein zuckendes Licht ist am Horizont zu sehen. Wetterleuchten? Gewitter? Ein Unwetter?

 

ZUCKENDES LICHT: (Aus weiter Entfernung und donnernd) „HÜHA! SCHNELLER, IHR LAHMEN KLEPPER! SCHNELLER!“

 

BÄRNUM & AMANDA: (Unisono) “Äh… ist das etwa…?”

 

DARK TWEETY: (Angestrengt ins Licht sehend) „Ich glaub, da kommt was aus den Licht. Oder halt – etwas kommt mit den Licht.“

 

BÄRNUM & AMANDA: (Unisono) “Kannst du einen Schlitten erkennen?”

 

DARK TWEETY: „Moment … Moment … Mom.. Jep. Schlitten. 8 Natittoffen davor eingespannt. Großer, dicker Mann auf den Bock. Schwingt ne Peitsche. Hat nen Bart.“

 

BÄRNUM & AMANDA: (Unisono) “So eine verdammte Sch…”

 

Gedankenschnell, Pfeilschnell, Blitzschnell – ich sage noch mehr – Haifischmadenmeuchlend-Schnell ist der von Blitzen umzuckte Schlitten des Übelknechts heran. Die geschliffenen Kufen sausen über den Sand, der Schlitten beschreibt eine elegante Kurve und kommt zum Stehen. Blut spritz in einer ebenfalls eleganten Kurve und fällt in spitzen Tropfen in den Sand.

 

Ojahnn, Jabor und Fleobarth, die nebeneinanderstanden, blicken verwundert auf ihre Beine, die ungefähr sieben Manipulationen (siehe Neues zamonisches Wörterbuch – Maßeinheiten) von ihnen entfernt liegen. Die linke Kufe des Schlittens hat ihnen glatt die Hüften durchgesäbelt. Nun entfaltet die Schwerkraft ihr schändliches Wirken und ihre Torsi krachen zu Boden.

 

OJAHNN, JABOR & FLEOBARTH: (Entbeint) “AAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHRRRRRRRRRRRRRRRRRGGGGGGGGGGGGGGGGGGHHHHHHHHHHHHHHHHHH!”

 

ÜBELKNECHT (ÜK): „UPS.“

 

OJAHNN, JABOR & FLEOBARTH: (Entbeint) “Ups? Das ist alles, was dir einfällt? Ups?“

 

ÜK: „KLAPPE! BIN JA SCHLIESSLICH NICHT DER WEIHNACHTSMANN, SONDERN DER ÜBELKNECHT. ÜBEL, KAPIERT? TUT ES WEH?

 

OJAHNN, JABOR & FLEOBARTH: (Entbeint) “Du Heckenpenner hast unsere Beine mitsamt der Hüften abgefahren. Was glaubst du denn? Natürlich tut das weh!“

 

ÜK: (Achselzuckend) „FÜR JAMMERLAPPEN IST KEIN PLATZ AUF MEINEN SCHLITTEN. WENN IHR GESAGT HÄTTET, DAS EUCH NICHTS WEHTUT, DANN …

 

OJAHNN, JABOR & FLEOBARTH: (Entbeint) “Hättest du uns die Beine wieder angenäht und mitgenommen?”

 

ÜK: „HUMBUG! ICH BIN DER ÜBELKNECHT. ICH WOLLTE SAGEN, DANN WÄRE MIR DAS AUCH EGAL GEWESEN.“

 

Die drei hauchen unter viel Gestöhne und Geklage ihr Leben aus. Die restlichen Schüler und die olle Haifischmade besteigen den Schlitten des Übelknechtes, der die Peitsche locker in Händen? Pranken? Klauen? hält. Als der letzte Schüler Platz genommen hat, saust die Peitsche nieder.

 

NANO: „Aua!“

 

ÜK: (Ungerührt) „MEIN FEHLER! HÜA! ZIEHT AN, IHR TOFFTTEN, ZIEHT AN.“

 

NANO: (Altbekannt) „Wir werden alle sterben! Wir werden alle sterben.“

 

 

Letzter Akt

 

Szene: Die zentrale Mitte der Tatzeninsel. Die ersten Strahlen der Sonne kriechen über den weit entfernten Rand des Strands und tasten vorsichtig über die rasiermesserscharf geschliffenen Kufen des Schlittens des Übelknechts. Dieser steht vor seinen Schlitten, die linke Hand in die Hüfte gestemmt, in der rechten eine dampfende Tasse mit ebenso dampfendem Inhalt. Neben den Übelknecht steht die reiseleitende Haifischmade. Auch sie hält dampfende Tassen mit dampfendem Inhalt in Händen. Beide – Übelknecht und Übeleiter – wirken äußerst zufrieden mit sich.

 

ÜBELKNECHT (ÜK): (Sehr zufrieden mit sich) „WIRKLICH, MEIN LIEBER PECKSNIFF, ICH MUSS SAGEN, GANZE ARBEIT!“

 

PECKS: (Ebenfalls sehr zufrieden mit sich) „Ja, doch, ich denke, da können weder die beiden Trolls noch Urien mithalten.“

 

ÜK: „AUF GAR KEINEN FALL!“

 

Beide blicken wohlgefällig in ihre Tassen, nehmen einen tiefen Schluck und blicken dann ebenso wohlgefällig auf – den Hainachtsbaum vor sich. Den Hainachtsbaum, der sich Einflußweit (siehe Neues zamonisches Wörterbuch – Maßeinheiten) in den blauen Himmel erhebt. Den Hainachtsbaum – gebildet aus Schülern der Nachtschule. Der Stamm wird aus zusammengeketteten Schweinsbarbaren, Blutschinken und Natittofften gebildet. Es ist ein sehr hainachtlicher Stamm. In konzentrischen, sich nach oben verjüngenden Kreisen „wachsen“ die kleineren Angehörigen der Nachtschule aus dem stämmigen Stamm hervor: Horchlöffelchen, Hachen, Zwiezwerge und Stollentrolle. Damit die „Äste“ des Baums halten, wurden sie vom Übelknecht mittels einer speziellen Paste zusammengeklebt. Es sind sehr hainachtliche Äste. An ihnen hängen – Hainachtsbaumschmuck gleich – rot gefärbte Rettis, in Blau getunkte Eisenmaden, silbern angehauchte Wolpertinger und goldene Schrecksen. Die Farbe hat diese schmucken Schüler zur Gänze überzogen und ihre Klebewirkung hält sie zuversichtlich an den Schülern, die die Äste bilden. Es ist ein sehr hainachtlicher Baum-schmuck. Überall im Baum finden sich eingesprenkelte Zwergpiraten, deren Haken an Händen und Füßen rot glühen (man hatte sie vorher lange ins Feuer gehalten) und die so recht brauchbare Kerzen abgeben. Hier und da blitzen und blinken schlechte Ideen auf. Es sind sehr hainachtliche Kerzen und ein sehr hainachtliches Blitzen und Blinken.

 

Gekrönt wird der Schülerbaum von einer Schreckse in goldenen Flitter. In ihre Haare wurde Kupferdraht und Messingpapier geflochten, was einen sehr schönen Effekt im heller werdenden Licht gibt. Die Schreckse balanciert in einen schrecklichen Balanceakt auf der Spitze des Baums – unfähig, zu fallen, unfähig, sicher zu stehen.

 

DER BAUM: (Laut und schief singend) „Stille Nacht, haiige Nacht …“

 

NANO: (Laut und schief singend) „Stiller Tod, dünnes Brot …“

 

ÜK & PECKS: „So schön.“

 

DER BAUM: (Laut und schief singend) „… alles wacht, einsam schläft …“

 

ÜK & PECKS: „Nicht ganz textsicher, aber trotzdem schön.

 

NANO: (Laut und schief singend)“… alles stirbt, Salz verdirbt…“

 

PÜH: (Mühsam balancierend) “Salz verdirbt? Was für ein Blödsinn! Apropos Blödsinn: Ich versteh das einfach nicht. Wieso? Warum? Eine Hainachtsbaumspitze?“

 

PECKS: (Erklärend) “Weil wir es satthatten, das immer Groß-und Kleintroll oder Urien den schönsten Hainachts-baum hatten. Weil wir in diesem Jahr einen Baum aufstellen wollten, der alle anderen übertraf. Und ich glaube, das ist uns gelungen.“

 

ÜK: (Dröhnend) „IHR BLEIBT DA JETZT EINE WOCHE. ESSEN UND TRINKEN BRAUCHT IHR NICHT, DAS BRAUCHT EIN BAUM JA SCHLIESSLICH AUCH NICHT.“

 

PÜH: „Äh…“

 

PECKS: „Komm mir jetzt nicht mit Spitzfindigkeiten.“

 

DER BAUM: (Laut und schief singend) „Fröhliche Hainachten, Zamonien.“