Robin4

Und ihre Einheit ist ...?

Der vierte zamonische Runde Robin oder:

Eine Fortsetzungsgeschichte mit vielen zamonischen Maßeinheiten, niedergelegt von verschiedenen Autoren

 

 

 

Pecks

Irgendwo in Zamonien … Oder besser gesagt: Irgendwo über Zamonien zog der junge Rettungssaurier Jens Jensen seine weiten, wenn auch etwas wackligen Kreise. Er war erst vor kurzen mit einem eigenen Kontrollgebiet betraut worden und war entsprechend nervös. Nicht auszudenken, wenn er einen Notfall übersähe, ein Unglücksfall seinen scharfen Augen entginge. Bereits sein Vater, sein Großvater und davor insgesamt siebzehn Ur waren Rettungssaurier gewesen und jeder von ihnen ließ Jens Jensen ständig wissen, in welch gewaltige Fußstapfen bzw. Flügelspannweiten er hier getreten war.

Und so ließ Jens Jensen seinen Blick vom Horizont zu Horizont gleiten, strich über Land und Feld, wanderte über Fels und Stein. Bewegte sich dort – im dichten Föhrenwald! nicht eine helle Gestalt? Ach nein, es war nur ein Wanderpilz. Dort! Dort! Planschte dort nicht etwas im grundlosen See? Allerdings – eine Algenente. Aber halt … dort, im alten, verlassenen Steinbruch! Fiel dort nicht gerade ein … Stein? Nun, wohl nicht gerade ein akuter Notfall, durchzuckte es Jens Jensen. Was für ein langweiliges Leben. Ein Wanderpilz, eine Algenente, ein Stein, ein Blutschink, der gerade an mir vorbeisaust und … Äh … was war das gerade? Seit wann können Blutschinken denn …?

Er riss sich zusammen und die Flügel an. Kippte leicht nach vorn-links und tauchte ab. Der trudelnde Körper des Blutschinken hatte schon einen beträchtlichen Vorsprung, aber Jens Jensen wusste genau, was er tat. Die Gesetze der Aerodynamik waren ein offenes Buch für ihn und so dauerte es nicht lange, bis er seine Krallen sanft um den Blutschinken schloss und – fast ebenso sanft – landete. Er legte seinen Passagier ab und beäugte ihn kritisch. Tot! Daran konnte es gar keinen Zweifel geben. Zwar wusste Jens Jensen nur das rudimentär nötigste über Blutschinken, aber keine Daseinsform trug einen fast drei leichten Einfluss* (einer seiner vielen Lehrer an der Akademie war eine Haifischmade gewesen) dicken Eispanzer um sich und lebte noch. Neben vielen anderen unerfreulichen Nebenwirkungen wie Kälte und Unbeweglichkeit hatte ein solcher Eisanzug nämlich noch die Angewohnheit, einem das Atmen zu erschweren.

„Bist ein ganz harter Bursche, was?“ kicherte Jens Jensen. „Zeigst mir doch glatt die kalte Schulter, wie?“

Spielerisch tippte er den Toten mit seinem Schnabel an.

Der Blutschink schlug – nein, riss! die Augen auf. Eis splitterte und der Rettungssaurier sprang ein paar Dictor zurück. Weit über ihm ertönte ein leises, langsam lauter werdendes Grollen. Er bemerkte es nicht. Ein Schatten zog über ihn hinweg. Er achtete nicht darauf. Wie gebannt starrte er den Blutschinken an, der offensichtlich doch nicht so tot war, wie er hätte sein sollen. Das Eis war im Bereich des Gesichtes gesprungen und größtenteils abgesplittert. Die rollenden Augen hatten wirklich ganze Arbeit geleistet. Dass es um ihn herum kälter und dunkler wurde, das merkte Jens Jensen in seiner Aufregung gar nicht.

Gutturales Stöhnen entrang sich der Kehle des tiefgekühlten Blutschinken. Ein Wort bildete sich, kroch langsam durch Hals und Stimmritze bis an die Lippen, wankte hervor und wurde unter einem ziemlich schweren Sandsack begraben, der in diesem Moment den Kopf des vereisten Blutschinken nicht nur unter sich begrub, nein, diesen auch vollkommen zermalmte.

„Was beim …!“rief der Rettungssaurier und sprang erneut ein paar Dictor in die Höhe und nach hinten. Jetzt endlich bemerkte er die kalte Finsternis, die sich über einen Teil der Welt gelegt hatte. Langsam legte er seinen lang gezogenen Kopf in den Nacken.

„Oh!“ hauchte er. Dann – nach einer kurzen Pause. „Oh, oh!“

Der Schatten wurde von einem gigantischen Luftschiff erzeugt, das nun zylindrisch und monströs über Jens Jensen dräute. In seiner Takelage – nur die guten Augen eines ausgebildeten Rettungssauriers konnten in den winzigen Punkten überhaupt Daseinsformen erkennen – turnten Mondlichtschatten, Yetis und Blutschinken. Aha, dachte Jens Jensen automatisch. Daher bist du also gekommen.

An der Seite des gewaltigen Luftschiffes war in blutroten Lettern ein Name geschrieben.

„Oh, oh …“ machte Jens Jensen erneut. Das war nicht gut. MOLOCH II stand dort. Gehört hatte man natürlich schon davon. Gerüchteweise. Hinter vorgehaltender Hand/Klaue/Pfote/was-auch-immer. Der Schwager eines Freundes eines Kumpels eines Bekannten eines Hachen, den man gar nicht näher kannte, schwor Stein und Bein, die MOLOCH II gesehen zu haben, aber selber gesehen, selber gesehen hatte die MOLOCH II noch nie jemand. Bis heute.

Seile klatschten links und rechts von ihm zu Boden. Undeutliche Kommandos wurden gebellt, behände Gestalten ließen sich zu ihm herab.

„Oh, oh“, wiederholte Jens Jensen.

Innerhalb weniger Sekunden fand sich der Rettungssaurier von verwegen aussehenden Gestalten umringt. Finstere Augen starrten ihn finster an. Messer und Enterhaken blitzten, zahnlückiges Grinsen bleckte ihm entgegen, unausgesprochene Seemannsflüche der übelsten Art hingen in der Luft. Dann erklang eine Reibeisenstimme, die jeden anständigen Zamonier die Schuppen/Haare/Borsten/was-auch-immer zu Berge stehen ließ:

„Bringt ihn zum Käpt'n.“

*Haifischmaden messen jegliches Gewicht – wie übrigens auch alles andere – in Macht! Die niederste Einheit für alles ist leichter Einfluss. Dreimal leichter Einfluss bildet eine Manipulation, 7 Manipulationen machen einen Lenker und 76 Lenker schließlich sind ein Dictor.

Dieser kurze Abriss über das zamonische Maßsystem mag vorerst genügen. Interessierte seien auf das hervorragende und fachlich umfassende Buch „Von Maßeinheiten und ihren Verwirrungen – zamonische Kultur im Spiegel des Wiegens und Zählens“ von Geodätus Meridanus hingewiesen.

Nigel

Die Seemänner hatten ihn gepackt, bevor er sich auch nur um den Bruchteil eines Einflusses* bewegen konnte. Sekunden später hatten sie seine Flügel auf nicht grade angenehme Weise mit einem Strick zusammengebunden und ihn an einen Seilzug gehängt, der gemeinsam mit den Tauen über Bord gelassen worden war.

Der Besitzer der erwähnten Reibeisenstimme brüllte einen Befehl nach oben, und dann setzte Jens Jensen sich sehr langsam in Bewegung. Während er einflussweise nach oben gezogen wurde, widmeten die anderen Daseinsformen sich nun dem Blutschink – beziehungsweise, was von ihm übrig war. Jemand zog den Sandsack von ihm runter und verschmierte dabei Blut, Eissplitter und Gehirnmasse auf den Felsen.

„Er ist tot“, stellte er fest. Ein paar sarkastische Kommentare wurden gegrunzt, dann zerrten sie die Leiche zu den Tauen, die von dem Schiff über ihnen auf das Felsplateau baumelten, auf dem Jens Jensen mit seinem Passagier notgelandet war. Der Rettungssaurier beobachtete, wie sie ihn notdürftig an einem zweiten Seilzug befestigten und dann begannen, sich an den Tauen wieder hoch zum Schiff zu ziehen. Er selbst hing in der Gegend herum und genoss das Panorama, während jemand Anderes die Arbeit für ihn erledigte. Eigentlich war es gar nicht mal so schlecht. Es störte nur ein bisschen, dass er sich langsam um die eigene Achse drehte, ohne etwas dagegen unternehmen zu können.

„Das sieht sehr anstrengend aus“, sagte Jens Jensen zu einem Yeti, der sich neben ihm an ein Tau klammerte.

„Halt's Maul“, knurrte der Seeman – oder war Aeronaut oder so etwas vielleicht ein besserer Ausdruck?

„Was macht ihr mit mir?“, wollte der Rettungssaurier wissen, als der Yeti das nächste Mal in sein Sichtfeld kam.

„Wir bringen dich zum Käpt'n.“

„Warum?“

„Halt's Maul“, wiederholte der Yeti. Jens Jensen seufzte, verdrehte seinen Saurierhals nach oben und studierte das Monsterschiff, auf das er grade verschleppt wurde, mit bemüht neutralem Interesse.

Nicht viel später fand Jens Jensen sich an Bord der MOLOCH II wieder. Man hatte ihn über eine Reling gehievt und dann auf den stählernen Planken stehen gelassen, als wäre er ein unpraktisches Möbelstück, das man eigentlich nicht haben wollte. Hier bot sich ihm ein seltsames Bild. Es waren noch andere Daseinsformen an Bord, größtenteils Blutschinken und Ähnliches, wie die, die er schon von unten gesehen hatte. Der Großteil von ihnen arbeitete an den ruß- und ölverschmierten Maschinen, deren Rohre und Leitungen das Deck wie ein Spinnennetz überzogen, doch eine Truppe von gut zehn Daseinsformen hatte sich mit gezogenen Waffe um Einen der Ihren geschart. Er war ein Wolpertinger.

„Sind Sie der Käpt'n?“, fragte Jens Jensen zögerlich.

„Ja“, sagte der Wolpertinger hoheitsvoll. Und dann: „Nein, natürlich nicht. Bist du blind!?“ Er deutete auf die Daseinsformen, die um ihn herumstanden.

„Ich dachte, sie wären vielleicht die Leibwache oder so“, murmelte Jens Jensen und lief unter seiner ledrigen grauen Haut rot an.

„Sie richten ihre Waffen auf mich“, bemerkte der Wolpertinger.

„Äh, ja, jetzt, wo du es sagst...“, stammelte der Rettungssaurier. „Ich bin übrigens Jens Jensen.“ Der Wolpertinger schnaubte verächtlich.

„Nalla Oettep“, stellte er sich dennoch vor.

„Wir haben ihn“, verkündete der Yeti mit der unangenehmen Stimme und unterbrach die beiden Gefangenen in ihrem Gespräch. Er hatte wohl einen hohen Rang an Bord oder war so etwas wie der Redeführer der Gruppe, die von Bord gegangen war.

„Wen?“, wollte ein nicht sehr clever aussehender Rikschadämon wissen.

„Den Mann, der über Bord gegangen ist“, half ihm ein anderer Aeronaut auf die Sprünge. „Idiot.“

„Hat's leider nicht überstanden“, erklärte jemand aus der Gruppe des Yetis.

„Hat schon jemand dem Käpt'n Bescheid gegeben?“, fragte der Yeti.

„Äh“, sagte der Rikschadämon. „Wir, äh, konnten ihnen nicht finden.“ Nalla lachte humorlos.

„Hör auf zu lachen!“, befahl ein Blutschink ihm. „Und nimm gefälligst die Hände hoch.“

„Ich bitte euch“, erwiderte der Wolpertinger und schüttelte den Kopf. „Ich fühle mich so schon lächerlich genug.“

„Darf ich fragen was -“, begann Jens Jensen unsicher.

„Nein!“, unterbrach ihn der Yeti. Jens Jensen verstummte eingeschüchtert. Nalla verschränkte die Arme vor der Brust und sah leicht genervt in die Runde.

„Wie lange wollen wir hier noch rumstehen?“, wollte er wissen.

„Hast du heute etwa noch was vor?“, fragte ein Blutschink verächtlich. „Diesmal kommst du nicht mit heiler Haut davon, Nalla.“

„Und ich habe trotzdem nicht den ganzen Tag Zeit“, entgegnete Nalla.

„Wo ist der Käpt'n?“, brüllte der Yeti plötzlich. Jens Jensen zog den Kopf ein, doch auf Nalla Oetteps Gesicht breitete sich ein Grinsen aus aus.

„Oh, er ist genau hier“, erwiderte er. Alle starrten ihn an. Dann drehte der Yeti sich langsam zu dem toten Blutschinken um, und die Anderen folgten seinem Blick.

„Ihr seid ja wirklich schnell“, sagte Nalla und schüttelte den Kopf. Jens Jensen glaubte zu wissen, warum man den toten Käpt'n nicht erkannt hatte: Das Gesicht des Schweinsbarbaren war ja quasi nicht mehr existent, und in der Kälte hier oben zog man dicke, praktische Kleidung Uniformen vor.

„Nalla hat den Käpt'n umgebracht“, flüsterte jemand. „Es war der Käpt'n, den er geschubst hat.“

„Natürlich“, meinte Nalla. „Ihr Anderen seid die Mühe nicht wert.“ Jens Jensen sah verwirrt zwischen den Daseinsformen hin und her, und versuchte, so weit wie möglich von dem Toten wegzubleiben.

„Nun, da das geklärt wäre: können wir Nalla jetzt endlich umbringen?“, knurrte der Rikschadämon.

„Ich hab dich auch lieb, Jarga“, kommentierte Nalla.

„Du hast den Käpt'n ermordet“, erklärte der Yeti. „Wir sollten dich wirklich umbringen.“ Der Rikschadämon, der offenbar Jarga hieß, grinste breit.

„Aber wir haben in dieser Woche schon acht Leute verloren, und wir brauchen jeden Mann“, fügte er hinzu. Jarga seufzte enttäuscht. Der Yeti trat auf Nalla zu und sah finster auf ihn herunter. Der Wolpertinger wirkte auf einmal sehr klein.

„Wir lassen dich am Leben“, sagte der Yeti und deutete dann auf Jens Jensen. „Und wir lassen auch ihn am Leben. Ihr bleibt hier, auf der MOLOCH II, und wenn wir euch nicht mehr brauchen, dann bringen wir euch um. Wenn ihr etwas Dummes versucht, dann beschleunigt ihr das. Wenn einer von euch etwas Dummes macht und der Andere es nicht meldet, dann kommt das auf Dasselbe raus. Verstanden?“

„Verstanden“, stammelte Jens Jensen.

„Verstanden“, sagte schließlich auch Nalla.

„Und wer soll jetzt die Moloch steuern?“, wollte ein Mondlichtschatten wissen. Wieder sahen sich alle an.

„Ich mache das“, entschied der Yeti unverblümt. Seufzen von allen Seiten.

Sie hatten ihre Handgelenke (beziehungsweise eine Stelle von Jens Jensens Flügel, die sich dafür eignete) zusammen gekettet, damit keiner von ihnen auf die Idee kam, alleine zu fliehen, und jetzt mussten sie eine drei Meter lange Kette neben sich her schleifen, wobei sie aussahen wie ein altes Ehepaar. Zumindest war das Nallas Meinung. Der Wolpertinger hatte schlechte Laune, und er machte sich nicht die Mühe zu verhehlen, dass es zum Teil an seinem neuen Begleiter lag. Jens Jensen bemühte sich trotzdem, optimistisch zu sein.

„Nalla?“, fragte er, als sie grade einen düsteren, rußverschmierten Raum putzten, der vor seinem Ableben wohl so etwas wie eine Kombüse gewesen war. (Der Raum war natürlich nicht wirklich gestorben. Aber sah tot aus und roch tot, darum erschien die Bezeichnung Jens Jensen passend.)

„Was ist?“, knurrte Nalla gereizt.

„Was machen wir hier?“

„Wir putzen die Küche.“

„Ich weiß, aber ich meine: Was macht die Moloch II? Wohin segeln wir?“ Nalla legte den Scheuerlappen zur Seite und drehte sich zu dem jungen Rettungssaurier um.

„Kennst du die Geschichte der Moloch?“, wollte er wissen.

„Ja, ich denke schon. Jeder kennt sie.“

„Dann weißt du, was passiert ist, nachdem Nachtigaller und dieser Bär das Zamomin erledigt haben. Die Sklaven wurden befreit, sie gingen an Land und alles war wunderbar, richtig?“

„Richtig.“

„Falsch“, widersprach Nalla Oettep. „Es war nicht alles wunderbar. Oh, für ein paar von uns natürlich schon. Aber ein paar von uns wurden sie nicht los – die Stimme des Zamomins. Es war natürlich tot, oder zumindest so tot, wie ein denkendes Element sein kann, aber es hatte seinen Stempel in unserem Gehirn hinterlassen. Komm auf die Moloch. Und so sind wir zurückgekehrt. Die ursprüngliche Moloch war natürlich verschwunden, aber es war das Konzept, das zählte. Und jetzt sind wir wieder da. Fast fünfzehn Jahre, nachdem das Zamomin vernichtet wurde, haben wir endlich die zweite Moloch fertiggestellt.“

„Und was wollt ihr tun, jetzt, wo ihr quasi fertig seid?“, wollte der Rettungssaurier wissen.

„Keine Ahnung. Jeder Käpt'n will was Anderes – Manche sagen, wir sollen das Zamomin suchen, Manche wollen nach Untenwelt und wieder Andere wollen Nachtigaller umbringen, um den Geist des Zamomins zufrieden zu stellen oder so ähnlich.“

„Ihr scheint euch ja nicht sonderlich zu vertragen“, bemerkte Jens Jensen.

„Das stimmt“, gab Nalla zu. „Aber du darfst nicht vergessen, dass wir uns das hier nicht ausgesucht haben. Wir sind keine Mannschaft. Wir hassen uns sogar. Als wir mit dem Bau begannen, waren wir noch mehrere Tausend, aber mittlerweile sind wir nur noch... hundert, zweihundert vielleicht? Ich weiß es nicht. Es gibt Banden, die bestimmte Teile des Schiffes erobert haben. Sie halten die wichtigen Maschinen im unteren Teil des Schiffes in Gang, denn niemand hat etwas davon, wenn wir alle abstürzen. Ich war nicht der Erste, der den sogenannten Käpt'n umgebracht hat, in der Hoffnung, dass es niemand sieht. Alle, die sich durchsetzen wollten, haben das getan oder es zumindest versucht. Ich wurde nur dummerweise bemerkt, und darum wollten sie mich bestrafen, denn der Schein einer Ordnung muss aufrecht gehalten werden. Aber in Wirklichkeit herrscht hier ein Krieg. “

„Aber ich meine... könnt ihr euch nicht zusammenreißen und kooperieren?“, überlegte Jens Jensen. „Es ist doch in eurem Interesse, eine Lösung zu finden.“ Nalla Oettep lachte.

„Ich persönlich glaube, es ist kein Zufall, dass ausgerechnet wir diese Halluzinationen haben und der Großteil der Mannschaft verschont geblieben ist. Wir sind alle aus Atlantis, und nicht aus dem guten Teil. Wir sind Räuber und Mörder, Auftragskiller und Kopfgeldjäger.“ Er grinste wieder, als er Jens Jensens Gesichtsausdruck sah. „Genau was du denkst. Du bist auf einem Schiff voller Psychopathen, Kleiner.“

*Auch Natifftoffen rechnen in Einfluss. In was auch sonst? Wir sind Politiker.

 

Skelch

Jens Jensen gefiel die Vorstellung nicht, auf einem Schiff voller Psychopathen zu sein. Mit der Tatsache selbst kam er hingegen ganz gut zurecht. Seine und Nallas Arbeit bestand hauptsächlich aus Reinigungstätigkeiten. Als Rettungssaurier verstand Jens die Gefährlichkeit von Rußansammlungen und dass niemand auf dem Flur in einer Blutpfütze ausrutschen wollte, leuchtete ihm auch ein, also kam ihm seine Tätigkeit an Bord durchaus sinnvoll vor. Außerdem schienen die Räuber, Mörder, Auftragskiller und Kopfgeldjäger, wie Nalla es ausgedrückt hatte, ihm wenig Beachtung zu schenken (was einleuchtend war, denn welche Gefahr sollte schon von einem Rettungssaurier ausgehen?).

Nalla hingegen wurde mit jedem Tag an dem die beiden aneinander gekettet arbeiteten, aßen und auf dem harten Boden schliefen, unleidlicher.

„Das Dumme ist, dass es jetzt gar nichts mehr bringt, wenn ich den neuen Käpten um die Ecke bringe.“, erklärte er einmal. „Der nächste wird mir auch nicht trauen. Auf die Art bekomme ich den Posten nicht mehr.“

Jens verkniff sich die Frage, warum Nalla überhaupt ein Amt wollte, das wesentlich daraus bestand, dass einen alle umbringen wollten, und stellte stattdessen eine andere:

„Was hättest du denn als Kapitän gemacht?“

Der Wolpertinger sah vom Flurboden auf, den sie beide gerade schrubbten, und sah seinem Mitgefangenen in die Augen.

„Das geht dich wirklich überhaupt nichts an.“, stellte er klar.

Dann wandte er sich wieder dem Boden zu und Jens tat es ihm gleich.

Grundsätzlich hatte Jens Jensen nicht vor, auf diesem Luftschiff zu bleiben. Fliehen wollte er aber auch nicht, das fiel sicherlich unter „etwas Dummes“. Also wartete er ab. Vielleicht kam ja jemand und rettete ihn. Ein anderer Rettungssaurier zum Beispiel.

„Na schön, ich verrate es dir.“, sagte Nalla unvermittelt. „Ich würde den verdammten – Moment, hast du das gehört?“

Nein, hatte Jens nicht. In der Höhe, in der Rettungssaurier normalerweise kreisten, hätte ein gutes Gehör auch nicht geholfen. Daher war es verständlich, dass sie nicht annähernd so gut hörten wie die Wolpertinger.

„Diese ungleichen Schritte... das ist der eiserne Krallenfuß von Kralle Eisenfuß.“

Kein sehr origineller Name, fand Jens.

„Wer ist Kralle Eisenfuß?“

„Der Anführer der Zyklopen.“

Zyklopen. Grob humanoide Daseinsformen von variierender Größe und Gefährlichkeit. Ein Bollogg passte wohl nicht in das Schiff, jedenfalls kein erwachsener. Wenn es nur keine Teufelszyklopen waren...

„Was für Zyklopen?“

„Sie sind eigentlich keine richtigen Zyklopen. Also, einige schon, aber die meisten hatten mal zwei Augen. Oder mehr. Das ist eine der Banden an Bord.“

Ah. Das leuchtete ein.

„Kommen sie hierher?“

„Jetzt jedenfalls noch nicht. Sie sind ein Deck unter uns.“

„In welche Richtung gehen sie denn?“

„Zur Brücke. Theoretisch kann man die Steuerruder direkt kontrollieren, aber nur auf der Brücke hat man alle gleichzeitig unter Kontrolle. Wenn man seiner Mannschaft nicht trauen kann, braucht man die.“

„Warum hat er einen eisernen Krallenfuß?“

Die Frage fiel Jens Jensen plötzlich ein, und er wollte sie stellen, ehe er sie über die dringlicheren Angelegenheiten vergaß.

„Er hat ein gutes Stück seines linken Beins an Termiten verloren. Da hat er sich eine Prothese aus Eisen dran geschraubt. Mit Krallen, weil ihm das gefiel.“

Termiten?

„Sollten wir den Käpten warnen?“

„Ne. Die Zyklopen haben eh keine Chance gegen die Mondlichtschatten. Und die sind alle hier oben. Ohne Mondlicht werden sie... suizidal.“

Das Wort kannte Jens Jensen natürlich auch aus seiner Ausbildung. Genau wie Mondlichtschatten. Sie waren nahezu unverwundbar.

„Was machen wir jetzt?“

„Weiter schrubben.“

Das klang zwar vernünftig, kam aber nicht infrage. Jens Jensen war ein Rettungssaurier. Er musste helfen. Aber wie half man in so einer Situation? Kämpfen konnte er nicht – dabei würde er ja selbst jemanden verletzen. Und wenn er den Käpten warnte, wusste er nicht, was der tun würde. Rettungssaurier mussten unparteiisch versuchen, alle zu retten. Also konnte er eigentlich nur eins tun.

„Was soll das?“, fragte Nalla, als Jens an der Kette zerrte.

Der starke Wolpertinger war nicht von der Stelle zu bewegen.

„Bleib gefälligst hier!“

„Kann ich nicht. Ich muss runter und mit Kralle Eisenfuß reden.“

„Kommt nicht infrage. Die Zyklopen bringen uns beide um.“

Das war natürlich möglich. Und er durfte ja Nalla nicht in Gefahr bringen.

Jens Jensen sah sich um und entdeckte ein Lüftungsgitter an einer Wand. Das sollte eigentlich funktionieren.

Er musste den Hals ein bisschen strecken, kam aber mit dem Schnabel ans Gitter.

„He! Ihr Zyklopen da unten! Könnt ihr mich hören?“

„Was zum... was machst du da?“

Nalla kam auch zum Lüftungsschacht, allerdings nur um Jens den Schnabel zuzuhalten.

„Lass den Blödsinn!“

„Scheiße, wir sind entdeckt.“, ertönte eine hohe Stimme von unten.

Weitere Stimmen waren zu hören, aber nicht zu verstehen. Jedenfalls nicht für Jens Jensen.

„Jetzt sprechen sie über uns.“, erkannte hingegen Nalla. „Sag mal, welchen Teil von 'Schiff voller Psychopathen' hast du nicht verstanden?“

Jens Jensen konnte darauf nichts antworten, denn natürlich wusste er über Schiffe ebenso wie über Psychopathen Bescheid. Auch wenn Luftschiffe in seiner Ausbildung nicht vorgekommen waren.

„Jetzt haben sie das Gitter abgerissen. Und einige kriechen in den Lüftungsschacht um eine Leiter zu bilden.“

„Aber... da kann doch dann keine besonders große Daseinsform hochsteigen. Dafür ist der Schacht doch viel zu eng.“

Tatsächlich war es ein eher schlanker Moosdämon, dessen Kopf hinter dem Lüftungsgitter erschien.

„Boss, das sind 'n Wolpi und 'n Retti!“, meldete er.

Nalla ballte beide Hände zu Fäusten. Jens Jensen konnte das verstehen. Er wurde auch nicht gerne „Retti“ genannt. Das klang ja wie scharfes Wurzelgemüse.

„Der Boss kommt hoch!“, rief jemand von unten.

Der Dämon, dem übrigens das linke, größere Auge fehlte, verzog das Gesicht, vermutlich weil es ihm nicht gefiel, dass jemand mit einem eisernen Fuß voller Krallen an ihm emporkletterte.

Aber wie konnte dafür überhaupt noch genug Platz im Schacht sein.

„Da hast du uns ja was eingebrockt.“, zischte Nalla. „Komm mit, ehe er da ist!“

Doch dafür war es bereits zu spät. Kralle Eisenfuß, klar zu erkennen am bekrallten, eisernen Fuß, stieg auf den Kopf des Dämonen.

Wo er jede Menge Platz hatte, denn er war keine zehn Zentimeter* groß.

Plötzlich ergab auch die Sache mit den Termiten einen Sinn, denn das rechte Bein und was vom linken noch übrig war, bestanden augenscheinlich aus Holz. Wie bei allen Zwergpiraten.

„Tatsache. Ein Waschechter Rettungssaurier. Der ist aber nicht von der Moloch!“

„Nein.“, bestätigte Jens Jensen. „Ich bin neu. Ich kann auch eigentlich nicht bleiben, ich muss Leute retten.“

„So so. Und... He, das ist ja Nalla Oettep!“

„Ja.“, sagte Nalla knirschend.

„Und immer noch mit zwei Augen, wie ich sehe.“

„Nur weil Zwergpiraten mit Augenklappe geboren werden, müssen wir nicht alle mit einem Auge rumlaufen.“

„Wäre aber gesünder. Mit zwei Augen sieht man zu viel, das verwirrt nur. Deshalb nehme ich ja nur Einäugige auf.“

Das war keine gewöhnliche Psychose. Das war einfach Unsinn.

Aber das war jetzt egal.

„Du solltest nicht angreifen.“, sagte Jens Jensen. „Das kann nicht funktionieren.“

„Wer ist der Depp?“, wollte Kralle wissen.

„Ignorier ihn einfach und mach was du willst. Ist mir doch egal, wenn ihr euch alle gegenseitig umbringt.“

„Ich bin Rettungssaurier. Ich muss euch alle retten.“

„Zweiäugige Idioten.“

Moment mal.

„Wieso warst du überhaupt in Atlantis?“, wollte Jens Jensen wissen.

Zwergpiraten lebten selten in Städten, wo alle größer waren als sie. Auf dem Meer war jeder vergleichsweise klein, da relativierte sich das wieder.

„Weil die anderen Zwergpiraten Ignoranten sind und meine revolutionären Ideen nicht anerkannt haben!“

„Er war ein bekloppter Sektenführer in Atlantis.“, erklärte Nalla. „Ziemlich unbedeutend. Ich hab nie von ihm oder seinem Haufen gehört, bis wir uns getroffen haben um diese fliegende Hölle zu bauen.“

„Und mit dieser fliegenden Hölle werde ich meine Botschaft auf der ganzen Welt verbreiten! Wenn ich erst mal das Kommando habe, meine ich.“

„Versuch's doch.“

„Nein!“, rief Jens. „Versuch es nicht! Wir können sicher alle einen Kompromiss schließen.“

„Ich will aber keinen Kompromiss. Ein Auge – eine Meinung.“

Mit diesen seltsamen Worten sprang der Zwergpirat wieder in die Tiefe des Schachtes.

„Aua!“, rief jemand von unten.

„Ich geh dann auch wieder.“, erklärte der Moosdämon und verschwand langsam nach unten.

„Was machen wir denn jetzt?“, fragte Jens Jensen.

„Weiterschrubben.“, sagte Nalla Oettep entschieden. „Einfach weiter schrubben. Je mehr von diesen Deppen sich gegenseitig umbringen, desto eher werde ich Käpten.“

„Wozu nochmal?“, wollte Jens Jensen wissen.

„Du willst das wirklich wissen, oder?“

„Glaub schon.“

„Na gut, ich verrate es dir. Wenn du versprichst, dass wir dann hier bleiben und einfach weiterarbeiten.“

Jens Jensen nickte.

Er konnte eh nicht zur Brücke gehen, solange Nalla sich wehrte. Er würde ihn überreden müssen.

„Also gut. Wenn ich erst mal Käpten bin, werde ich...“

*Nein, Stollentrolle messen NICHT in Einfluss. Man muss sich ja nun wirklich nicht unnötig verdächtig machen.

Gießbert

„… Gummibärchen als Währung einführen!“ sagte der Nattifftoffe Kastsim Nätipak. Er war der einzige Nattifftoffe an Bord der gesamten MOLOCH II und er hatte sich durch langwierige Intrigen den Platz erkämpft auf dem er jetzt saß, der Kapitänsstuhl. Entgegen der Erwartung die man hegen dürfte war der Stuhl weder ein bequemer Sessel noch ein hochtechnisiertes Manöverpult. Keiner der Bauleute der MOLOCH II hatte Geld gehabt, deshalb konnte auch kein Luxus, oder überhaupt irgendein Standard eingebaut werden. Der Kapitänsstuhl war ein alter Klappstuhl, am Boden festgeschraubt und zum Image mit einem Pappteller versehen auf dem Steuerrad stand. Die wirkliche Steuerung bestand aus 5 riesigen Hebeln, die immer von zwei Yetis gleichzeitig bedient werden mussten, um sie überhaupt bewegen zu können.

Nach dem tragischen Ableben des letzten Kapitäns hatte es Kastsim geschafft sich mithilfe der Unterstützung der Mondlichtschatten die Macht anzueignen. Aber wie war er überhaupt auf die alte Moloch gelangt?

Wie die meisten ehemaligen Insassen des Riesenschiffes hatte der gute Kastsim sich mit dem falschen Atlanten angelegt. Bekannt als „Der unbestechliche von Atlantis“ hatte er sich einen Namen gemacht und stand ganz oben in der Politik der Megastadt. Damit kam er leider Smeik in die Quere und bevor er sich versah stand er vor einem riesigen Schmelzofen und schaufelte Kohle in die rot glühende Öffnung vor ihm. Während dieser täglichen ungerechten Plagerei wuchs immer mehr sein Wunsch nach Rache an der einen Person die ihm das angetan hatte: SMEIK! Der brennende Wunsch diesem Fettwanst alle seine 14 Arme einzeln zu brechen glühte fast noch stärker in ihm als die Kohle, die er täglich schippte. Als er dann endlich gerettet wurde, war er auf dem Rücken seines Retters, einem der vielen Rettungssaurier die die Moloch evakuierten, so aufgeregt wieder nach Atlantis zu kommen das dieser sich über den hibbligen Nattifftoffen beschwerte. Umso größer war seine Enttäuschung als er sah, dass weder Atlantis noch das Objekt seiner Rachegelüste noch da waren, sondern Milliarden von Kilometern* entfernt durch das All schwebten. Das was ihn all die Jahre angetrieben hatte, wurde gewaltsam von ihm genommen, noch dazu von Unsichtbaren Leuten! Dem größten Alptraum aller Bürokraten, wie soll man denn beweisen das unsichtbare Regeln befolgen oder Steuern zahlen? Also tat er das einfachste was er in dieser Situation tun konnte: Er drehte durch!

Angetrieben von dem Nachhall des Zamomins, streifte er durch Zamonien, aber nur Nachts! Denn Nachts konnten ihn die Unsichtbaren, die auf ihn lauerten, um ihn ins All zu entführen, nicht sehen. So traf er auf kurz oder lang die Mondlichtschatten. Zuerst versuchten sie ihn natürlich auszuschlürfen, aber unbewussterweise machte Kastsim eine wissenschaftlich kolossale Entdeckung. Ein Wesen voller Hass schmeckt für einen Mondlichtschatten wie bittere Orangenmarmelade für einen Ottonormalbürger. Als sich die Mondlichtschatten noch angewidert um ihn herum am Boden wanden, besann sich Kastsim seiner machtpolitischen Kenntnisse und wurde zum Anführer der „Ersten Mondlichtschattigen Wander-Republik Zamoniens mit einem unumstößlichen Diktator an der Spitze“.

Wie die anderen ehemaligen Sklaven der Moloch wurde Kastsim nach einiger Zeit zurück zum letzten Ort der Moloch gerufen, nach Atlantis. Dort halfen er und seine Mondlichtschatten mit beim Bau der MOLOCH II und er bot sich als Oberster Berater der Kapitäne an. Denn wie jeder Politiker weiß, ist es schädlich gleich von Anfang an an der Spitze eines Unternehmens zu stehen, man muss erst mal die ambitionierten Leute ihre Hörner abstoßen lassen und dann kann man zeigen, dass man die Herrschaft eigentlich schon die ganze Zeit in den Händen hatte. Als dann der Kapitän von diesem verdammten Wolpertinger umgebracht wurde, beschloss Kastsim, dass es an der Zeit war, das Ruder in die Hand zu nehmen, wortwörtlich, bevor niemand mehr da war, denn man befehligen konnte. Den Yeti, der lautstark an Deck verkündet hatte, er würde das Schiff steuern, hatte er genau das gegeben was er wollte, er durfte steuern. Ächzend stand dieser an einem der riesigen Hebel und bewegte das Schiff dorthin, wo Kastsim es haben wollte.

Kastsim war lange genug an der Leitung der MOLOCH II beteiligt gewesen, dass er wusste was es brauchte um das Schiff wieder auf Vordermann zu bringen. Jemanden, der klare Regeln aufstellte. Und wer wäre besser für so einen Job als er, der perfekte Bürokrat?

Deshalb war das erste, was er machte, neue Gesetze einführen. Er war gerade bei Paragraph 55 Absatz 32 „Der neuen Währung: Gummibärchen“. Einer seiner treuen Mondlichtschatten schrieb seine geistreichen Gesetzesentwürfe geflissentlich auf und auch sonst lief auf der Brücke alles so, wie Kastsim es sich immer erhofft hatte.

Da kam ein Yeti zu ihm und sagte: „Sir, Mister Kanzler, Käptn, Sir…“

Mit einem Winken gab Kastsim seinem Schreiber zu verstehen das sie pausieren würden: „Was ist denn? Siehst du nicht das ich beschäftigt bin?“*

„Aber Sir Käptn Sir, Ihr habt noch gar keinen neuen Kurs gegeben“, stammelte der Yeti.

Kastsim stutzte. Der Idiot hatte Recht, das Luftschiff stand immer noch auf der gleichen Stelle. Das musste geändert werden. Schwungvoll erhob sich Kastsim aus seinem Kapitänsstuhl und trat nach vorne, so dass alle auf der Brücke ihn sehen konnten.

„Hört alle her! Das, was ich euch jetzt sagen werde, wird wahrscheinlich eure wichtigste Mission überhaupt! Die wichtigste Mission eures Lebens!“*

Alle Mondlichtschatten und Yetis und sonstige Daseinsformen grölten zustimmend.

„WIR WERDEN LOSFAHREN, IHN SUCHEN, FINDEN UND ZUR RECHENSCHAFT ZIEHN!

WIR WERDEN DEN GROßEN UNSICHTBAREN MANN FINDEN UND ZWINGEN STEUERN ZU ZAHLEN!!!“

In die darauf folgende Stille schallte auf einmal ein einsames leises „Klick“ durch den Raum.

Es kam aus Richtung der Tür der Brücke.

„Was war das?“ fragte einer der Yetis.

„Das“ flüsterte Kastsim „ist ein Zwergpirat, mit einem Metallfuß, der versucht eine solide Stahltür einzutreten.“

*Als Lindwurm sah ich mich eigentlich gezwungen dem niederen Volk die höchste Kunst der Maßeinheiten beizubringen: Dem Messen in Kreatio! Einer Maßeinheit erfunden und genutzt von uns Lindwürmern. Gemessen wird im Maße der Kreativität die man aufwendet um sich die Menge der gewünschten Masse vorzustellen. Aber dann besann ich mich unserer armen Brüder ohne Fantasie die dieses Meisterwerk ja auch noch lesen sollen und beschloss in einer ihnen bekannten Maßeinheit zu messen.

*Kastsims Stimme klang Übrigends als würde man auf einer Säge Geige spielen. Böse Zungen behaupten sein nerv tötendes Gequietsche wäre der eigentliche Grund für seine Verbannung von Smeik gewesen.

*Habe ich erwähnt, dass er durchgedreht war?

Kim

„Also gut. Wenn ich erst mal Käpten bin, werde ich... Ha, so ein Idiot."

"Äh… Wie bitte?", fragte Jens verwirrt, der im Gegensatz zu Nalla nicht gehört hatte, dass Kralle Eisenfuß mit besagtem Eisenfuß gegen eine massive Stahltür antrat.

"Du willst ein Idiot werden?"

Nalla schüttelte den Kopf. "Nein, Unsinn, Käpten werde ich und dann wird dieser verfluchte…"

Er sollte seinen Satz nicht zu Ende bringen. Und Käpten wurde er übrigens auch nicht.

Denn in diesem Moment trat eine weitere Partei in den Kampf um den Kapitänsposten ein. Sie nannten sich "Die Eisernen Männer", hatten sich in den untersten Decks der MOLOCH II zusammengefunden und waren im Besitz von Sprengstoff.

Und diesen hatten sie gerade eingesetzt. Besonders schlau war das sicher nicht, aber was will man von einem Haufen Räuber, Mörder, Auftragskiller, Kopfgeldjäger, Bürokraten und Irren auch anderes erwarten? Noch dazu, wenn sie allesamt unter mei… uhm.. dem unheimlichem Einfluss des Zamomins standen. Jedenfalls rissen diese unvernünftigen Trottel mit ihrer Sprengattacke ein riesiges Loch in das Schiff sowie den Käpten Kastsim und einen Haufen Käptenanwärter in den Tod.

Nalla wurde von einem herabstürzenden Metallklumpen am Kopf getroffen. Jens, der kleine Rettungssaurier, reagierte schnell, doch nicht schnell genug. Ob es nun die schwere Kette an seinen Flügeln oder die Unerfahrenheit war oder andere unheimlich unerfindliche Gründe, er konnte den Wolpertinger nicht retten. Vor lauter Schreck wurde er ohnmächtig und trudelte im abstürzenden Luftschiff seinem Verderben entgegen.

Jens Jensen wurde sanft vor und zurückgeschaukelt. Eine sanfte Hand berührte seine Schulter.

"Na, Herr Jensen, hatten Sie wieder diesen Albtraum?"

Jens schlug die Augen auf und blickte in große braune Augen, die in freundlich ansahen. Er blinzelte ein paar Mal und erkannte dann eine Hundlingsdame mit keckem Schwesternhäubchen.

"Wo bin ich? Und… wieso klingt meine Stimme so… so ALT?"

Jens fühlte Panik in sich aufsteigen.

"Nana", sprach die Hundlingskrankenschwester ihm beruhigend zu, "Sie klingen doch wie immer. Regen Sie sich nicht auf, es war nur ein Traum. Sie sind in Sicherheit hier in 'Nordend'."

" 'Nordend' ? Aber… das ist ein Altersheim? Ich… ich bin doch nicht alt? Ich habe doch gerade erst meinen eigenen Kontrollbereich zugeteilt bekommen… und dann war da dieser Blutschink und ich…", murmelte Jens durcheinander.

Ein Blick auf seine Flügel bestätigte es. Sie waren faltig, rissig, ausgeblichen… er war alt. Aber er konnte sich nicht erinnern, alt geworden zu sein. Was.. was war hier bloß los? Wie war er so plötzlich aus dem abstürzenden Luftschiff namens MOLOCH II ins Rettungssaurieraltersheim gekommen?

Völlig überfordert von der Situation schloss er die Augen und hoffte auf eine Erklärung.

Und dann kam sie…

"Hallo Jens", ertönte eine säuselnde Stimme in seinem Kopf.

"Na, hat dir meine kleine Vision der MOLOCH II gefallen? Zu schade, dass ich dich auch dieses Mal nicht überzeugen konnte, den Posten des Kapitäns selbst einzunehmen. Dann würdest du vielleicht endlich mal meine großartigen Pläne in die Tat umsetzen."

"Wer… wer spricht da?", fragte Jens in seine eigenen Gedanken hinein.

"Ich bin es, dein alter Freund", antwortete die Stimme, "das Zamomin."

"WAS? Aber… wieso.. was… was tust du in meinem Kopf?"

"Ach, verzeih, ich muss es dich jedes Mal wieder vergessen lassen… Moment…", antwortete die Stimme.

Und plötzlich füllte sich die Leere in seinem Kopf mit Bildern und Erinnerungen. Er war kein junger Rettungssaurier am Anfang seiner Rettungsmission, nein, er war schon lange im Geschäft und hatte unzählige Daseinsformen in allerletzter Sekunde errettet. Bis zu dem Tag, an dem er mit seinen Kollegen zu einer Rettung aufbrach, die alles ändern sollte… er war dabei gewesen, er hatte selbst Daseinsformen von der MOLOCH, der ersten MOLOCH, gerettet!

"Genau", flüsterte die Säuselstimme, "und so haben wir uns kennen gelernt. Ich habe mich verborgen im Kopf eines unterbelichteten Blutschinks, den du gerettet hast, aber der war zu nichts zu gebrauchen, also wohne ich jetzt in deinem Kopf."

"Du… du bist… aber das kann nicht… wie kann das… das ZAMOMIN?"

Ein heiseres Kichern ertönte.

"Hast du mich also doch erkannt. Keine Sorge, das wird nicht so bleiben. Bald werde ich diese Unterhaltung wieder aus deiner Erinnerung löschen. Weißt du, mittlerweile kenne ich mich hier ganz gut aus. Und glaub mir, irgendwann wird es mir gelingen, hier wieder raus zu kommen!"

Jens stutze. "Warte, soll das heißen, du bist in meinen Kopf hineingeschlüpft, kannst aber nicht wieder hinaus?"

"Nun, es hat ja keinen Zweck, das zu verheimlichen, du vergisst es sowieso gleich wieder… ja, es ist wahr, von mir ist leider nichts als eine unbestimmte Idee übrig geblieben. Aber ich werde schon wieder zu alter Größe gelangen! Und darüber hinauswachsen! Warte es nur ab! Die MOLOCH II wird Wirklichkeit werden und du kannst es nicht verhindern!

Noch versuchst du, in jeder meiner Visionen alle zur Vernunft zu bringen und zu verhandeln, aber ich werde stärker, ohja! Ich weiß noch, in meinen ersten Versuchen, dich zum Bau der MOLOCH II zu bewegen, hast du es tatsächlich geschafft, alle zu retten und zu versöhnen. Bah, ekelhaft. Aber nun sind wir schon bei Verrat, Neid, Gier… es wird nicht mehr lange dauern, dann habe ich deinen Geist völlig unter Kontrolle und du wirst niemanden mehr retten. Und wenn du erst selbst die Rolle des Kapitäns einnimmst, dann bist du soweit. Dann werden wir Nordend hinter uns lassen und…"

"Nein, niemals!", warf Jens ein. "Eher… eher sterbe ich, als dich wieder auf Zamonien loszulassen!"

"Ach, damit drohst du jedes Mal", höhnte das Zamomin. "Du wirst sowieso gleich wieder vergessen, dass ich überhaupt da bin. Irgendwann wirst du deinen Rettungsinstinkt hinter dir lassen und Kapitän werden und dann steht meinem Aufstieg nichts mehr im Wege! Dann wird mich dein Wunsch, die ganze Welt zu retten, hier nicht mehr einsperren!"

Jens war hilflos. Was sollte er tun? Wie sollte er nur gegen diesen miesen Hirnmanipulator ankommen? Genügte es, darauf zu vertrauen, dass sein Rettungssaurierinstinkt stärker war, als die unheilvolle Macht des Zamomins? Konnte er…

Doch den Gedanken ließ ihn das Zamomin nicht zu Ende denken.

"Bereit für die nächste Runde?"

Jens öffnete die Augen.

Irgendwo über Zamonien zog der junge Rettungssaurier Jens Jensen seine weiten, wenn auch etwas wackligen Kreise. Er war erst vor kurzen mit einem eigenen Kontrollgebiet betraut worden und war entsprechend nervös. Nicht auszudenken, wenn er einen Notfall übersähe, ein Unglücksfall seinen scharfen Augen entginge. Bereits sein Vater, sein Großvater und davor insgesamt siebzehn Ur waren Rettungssaurier gewesen und jeder von ihnen ließ Jens Jensen ständig wissen, in welch gewaltige Fußstapfen bzw. Flügelspannweiten er hier getreten war…

Äh Püh

Allein der Gedanke daran ließ Jens Jensen zittern, was gleich dazu führte, dass er nach unten absackte. Beunruhigt fing er sich wieder und nahm schwankend seine Ursprungshöhe wieder ein. Wie sollte er es bloß schaffen, das ehrenvolle Erbe seiner Familie zu bewahren? Dem jungen Rettungssaurier wurde schlecht. Verdammte Minderwertigkeitskomplexe! Schon in der Rettungssaurierschule hatte er Probleme damit gehabt. Aber kein Wunder, wenn man wie Jens alles vergeigte, was man nur vergeigen konnte. Physik-grottenschlecht, Rettungstheorie-mangelhaft, und die Flugmanöver hatten regelmäßig mit Abstürzen geendet, zur Freude der versammelten Klasse. Schamerfüllt dachte Jens an diese Zeit zurück. Mit knapper Mühe und Not hatte er die Abschlussprüfung bestanden, wenn auch nur mit einer miserablen Note. Aber er hatte es geschafft und war hier, in seinem eigenen Einsatzgebiet! Nun sollte seine Zeit kommen und er würde es allen zeigen, die je an ihm (zu Recht) gezweifelt hatten.

Jens Jensen ließ seinen scharfen Blick schweifen. Tief unter ihm lag in trügerischer Ruhe ein blauer See, klein, aber trotzdem gefährlich, wie er in der Schule gelernt hatte. Er sah nach links, wo bedrohlich das Dämonengebirge aufragte. Um seine Gipfel zogen dunkle Wolken, aus denen gefährliche Blitze zuckten und unheimliche Nebelschwaden peitschten. Jens sah genauer hin. Das sah bedrohlich aus. Er beschloss, sich dem Unwetter zu nähern um zu schauen, ob es bedauernswerte, dumme Wanderer zu retten gab. Mit kräftigen Flügelschlägen schwang sich Jens Schrecks* um Schrecks voran. Mit einem eleganten Bremsschlag kam er zum Stillstand und starrte angestrengt in die Wolkenwand, die sich vor ihm auftürmte. War da nicht...? Sah er da nicht...? Tatsächlich! Da ragte eine Spitze eines Schiffes aus dem Gewölk! Jens taumelte in der Luft herum, sackte mal wieder ab, fing sich und sah nochmal hin. Ein gewaltiges, stählernes Luftschiff brach da aus den Wolken hervor! Blitze umzuckten die Takelage und es war eingehüllt von Wolkenschwaden, die es geisterhaft umschwebten. Jens schluckte. Das war unglaublich unheimlich. Und es erinnerte ihn an.... Genau! In dem Augenblick, in dem es ihm einfiel, gaben die Wolken den Schriftzug auf der Seite des Schiffes frei. MOLOCH II stand da in fetten Lettern. Jens erschauderte. Die Legende war wahr! Kurz erwägte er, ob er sich einfach so schnell wie möglich aus dem Staub machen sollte, doch sein Rettungssaurierinstinkt war stärker. Er musste die bedauernswerten Kreaturen auf dem Schiff retten! Völlig instinktgeleitet schwang Jens sich hoch, flog über die MOLOCH II und setzte sich in den Luftstrom über ihr. Mit ausgebreiteten Flügeln schwebte Jens Jensen über dem Luftschiff und sondierte die Lage. Diverse zwielichte Gestalten wuselten auf dem Deck herum. Interessiert und etwas verängstigt betrachte Jens das Treiben und hielt dabei Ausschau nach jemandem, der gerettet werden musste. Davon abgelenkt schwankte er und stieß mit dem Schwanz an einen hohen Mast, an dessen Spitze Blitze zuckten. Elektrizität durchfuhr seinen Körper und ließ ihn unkontrollierbar zucken. Er stürzte ab, es wurde schwarz um ihn. In den Tiefen seines Gehirns hörte Jens Jensen ein leises Lachen. „Das Zamo...!“, durchfuhr es ihn noch, dann war nichts mehr.

Jens Jensen schlug die Augen auf und blickte in das grimmige Auge eines Zwergpiraten, der auf seiner Wange stand und ihn ansah. „Uah!“, machte er und schüttelte den Kopf, in der Erwartung, dass der Zwergpirat hinunterfallen würde. Doch alles, was passierte, war, dass ein fieser Schmerz seine Wange durchzuckte. Konzentriertes Schielen mit einem Auge zeigte Jens, dass der Zwergpirat sich mit einer krallenartigen Beinprothese in seiner Wange festhielt.

„Gestatten, Kralle Eisenfuß.“, stellte der Pirat sich vor. „Was für ein passender Name.“, murmelte Jens. „Wo bin ich?“ „Auf der MOLOCH II.“, antwortete Kralle. „Herzlich Willkommen und genieße deinen Aufenthalt. Ach ja, hat dir schonmal jemand gesagt, dass Du der schlechteste Rettungssaurier bist, den man je gesehen hat?“ Kralle Eisenfuß ließ ein hämisches Lachen hören und versenkte Jens mit einem Tritt seines Eisenbeins wieder in eine Ohnmacht.

Jens Jensen schlug zum wiederholten Male die Augen auf, blickte sich um und bemerkte, dass es dunkel war. Er betastete seine Wange und bemerkte, dass seine ledrige Saurierhaut mit unzähligen kleinen Löchern perforiert war. Große Wut auf Kralle Eisenfuß überkam ihn, mehr wegen der schmählichen Beleidigung, die dieser ausgesprochen hatte als wegen der Perforierung seiner Wange, was ja immerhin beeindruckende Narben hinterlassen würde. Er schwor gerade in Gedanken ewige Rache, als er plötzlich eine Stimme aus der Dunkelheit hörte. „Hallo, Jens.“, sagte jemand mit dunkler, volltönender Stimme.

„Wer, wer bist Du?“, stammelte Jens.

„Ich bin Dr. Dr. Amira P. Loslante, Eydeetin aus Florinth. Tut mir leid, dass ich Deine Gedanken gelesen habe, aber ich rate Dir ernsthaft davon ab, dich mit Kralle Eisenfuß anzulegen. Er ist gewalttätig und wahnsinnig und lässt sich von seiner Größe nicht davon abhalten, alles und jeden umzubringen, der ihm in die Quere kommt.“ Die Eydeetin schlug die Augen auf und erfüllte so den Raum mit schummrigem Licht. Jens blickte sie erstaunt an und sah sich dann im Raum um. Es war eine kleine Abstellkammer ohne Fenster, er selbst saß neben der Tür und Amira Loslante lehnte in der Ecke, die der Tür am weitesten entfernt lag. Sie war erstaunlich gut aussehend, sah man einmal von dem knubbeligen Auswuchs ab, der aus ihrem Kopf wuchs und der Tatsache, dass sie nur wenig fusseliges Haar hatte. Aber ihr Lächeln war umwerfend und ihr Blick freundlich und aufrichtig. Jens konnte gar nicht anders als sie anzulächeln. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er. „Tja, das weiß ich auch nicht.“, antwortete Amira. „Ich hab leider nur zwei Gehirne, ziemlich wenig für einen Eydeeten. Ich wollte diesen Wahnsinn hier beenden, aber... Na ja, sieh dich um. Die Leute hier sind Räuber und Mörder, Auftragskiller und Kopfgeldjäger. Wir sind auf einem Schiff voller Pyschopathen, Kleiner. Und es gibt keine Chance für uns, zu entkommen.“ Langsam schloss sie die Augen wieder und es wurde dunkel. „Aber wir müssen! Ich muss die Leute retten, sie können doch nichts dafür! Das ist mein Beruf, meine Berufung, mein Leben!“, rief Jens verzweifelt. „Wenn mich nicht alles täuscht, bist Du der schlechteste Rettungssaurier aller Zeiten.“, sagte Amira. „Du solltest Dir einen anderen Beruf suchen.“ Jens sog beledigt die Luft ein und schluchzte verzweifelt auf. Er hatte es doch allen zeigen wollen, hatte der Beste Rettungssaurier aller Zeiten, oder, na ja, wenigstens der Beste seiner Familie werden wollen, und jetzt? Jetzt saß er hier in einer dunklen Abstellkammer mit einer Eydeetin der Kategorie 2, was unterdurchschnittlich wenig war, und musste eher selber gerettet werden, statt jemanden zu retten. Jens strengte sich an und fing an zu grübeln. Er musste sich selber retten, um die anderen zu retten. Deshalb musste er erstmal hier raus kommen. Und dann... „Amira? Wie läuft das hier ab, auf dem Schiff? Wer hat das Sagen, wer hat die Macht?“ Die Eydeetin schlug wieder die Augen auf. „Im Moment hat Kralle Eisenfuß das Sagen, er ist der Käptn. Das ändert sich aber ständig. Auf der MOLOCH II. gibt es einen ständigen Kampf um die Macht, darum wer Käptn wird. Darum überlebt man auch nicht lange, wenn man es erstmal ist. Ich schätze mal, Eisenfuß bleiben höchstens noch zwei Tage.“ „Was? Wann ist er denn an die Macht gekommen?“, fragte Jens entsetzt. „Och, lass mal überlegen...Das muss letzte Wcohe gewesen sein.“, antwortete Amira mit einem freundlichen Lächeln. Jens schluckte. Das war nicht lange. Andererseits... „Amira“, fragte er langsam, und er hatte kurz das Gefühl, dass der Gedanke, denn er gerade hatte, nicht von ihm kam sondern von... Doch er schüttelte das Gefühl schnell ab. „Wie wird man denn eigentlich Käptn?“ Amira sah ihn mit großen Augen an. „Das ist es!“, hauchte sie, „Wie kann es nur sein, dass Du darauf gekommen bist, und nicht ich, die Eydeetin? Aber natürlich. Das ist die einzige Möglichkeit. Wir müssen kooperieren. Uns hocharbeiten. Und Käptn werden!“

*Schrecksen messen nicht in Macht und auch nicht in was-auch-immer. Sie messen in Schrecks. Ganz einfach.

Bärnum

Ja, Kapitän werden. Kapitän auf einem Luftschiff voller Psychopathen. Aber wie? Klar, einfach den jetzigen Kapitän über Bord werfen und schon könnte man selbst auf dem albernen Klappstuhl Platz nehmen und den Yetis an den Hebeln der Ruder die Befehle erteilen. Aber was würde das bringen? Wohin sollte man den Koloss lenken? Wann würde der Nächste versuchen, seinerseits das Kommando zu übernehmen?

In der Zeit, in der Jens reglos in der Ecke lag, hatte Amira versucht, alle Ecken des Rettungssauriergehirns zu durchstöbern und seine Gedanken zu lesen. Sie konnte, wenngleich aus sicherer mentaler Distanz miterleben, wie sich winzige, messerscharfe Krallen in die Wange des jungen Rettungssauriers bohrten, sie sah auch den riesigen Schriftzug, der aus dem Nebel stieg: MOLOCH II. Aber so sehr sie sich mühte, es gab da eine dunkle Ecke in Jens’ Gedanken, die konnte sie nicht lesen. Schließlich hatte sie nur zwei Gehirne, da war es schwierig, gleichzeitig die Gedanken eines anderen zu lesen und dann noch die eigene, gefährliche Umwelt zu beobachten und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Welche Gedanken waren das, an die sie da nicht rankam? Und wie kam Jens auf die wahnwitzige und doch gleichzeitig einfache Idee, Kapitän der MOLOCH II zu werden?

Die MOLOCH! Fast hätte Amira laut aufgeschrieen, als ihr der entscheidende Zusammenhang in den Sinn kam: Es gab schon einmal eine MOLOCH, gesteuert vom Zamomin. Sie saß hier auf der MOLOCH II und wer sonst könnte der Konstrukteur dieses wahnsinnigen Teils sein, wenn nicht das Zamomin?

Das Zamomin war es also, das sich in Jens’ Gehirn versteckt hatte und von dort aus die Geschicke, oder sollte man besser sagen, das Ungeschick, der MOLOCH II lenkte.

„Sehr richtig! Ich habe das Luftschiff erschaffen, mit der Kraft meiner Gedanken und mit der Muskelkraft dieses lächerlichen Haufens von Abenteurern, die nichts anderes im Sinn haben, als sich so lange zu prügeln, bis sie selbst Kapitän werden können und doch nur meine Sklaven sind“ ertönte die Stimme des Zamomins in Amiras Kopf.

Während Amira mit dem Zamomin stritt, kam ihr in ihrem anderen Gehirn die rettende Idee und gleichzeitig wurde ihr das größte Problem bewusst: Sie musste versuchen, mit ihren zwei Gehirnen in drei Ebenen zu denken. Sie musste erstens das Zamomin ablenken, sie musste zweitens Jens die richtigen Anweisungen geben und sie musste drittens, was das schwierigste war, streng darauf achten, dass die beiden ersten Ebenen nichts, aber auch gar nichts voneinander merkten

Sie brauchte eine dritte Kraft, die ihr dabei helfen würde, diese schwere Aufgabe zu lösen.

Das Zamomin glaubte, in Amira eine leichte Gegnerin gefunden zu haben. Es würde nicht mehr lange dauern, und auch diese kleine Eydeetin mit nur zwei Gehirnen würde seinen Befehlen gehorchen.

Die MOLOCH II flog langsam über dem zamonischen Kontinent dahin. Die Feuer in den Kesseln waren kurz vor dem völligen Erlöschen. Das Zamomin hatte die Kontrolle über die Mannschaft verloren

Die Blutschinken und Yetis saßen vor den Ofenlöchern und glotzen, die riesigen Kohleschaufeln in den Pranken, regungslos in die immer dunkler werdende Glut, die Mondlichtschatten, die noch vor kurzer Zeit die unschlagbare Söldnertruppe des Kapitäns Kastsim waren, schwebten unförmig und orientierungslos durch die rußverschmierten Maschinenräume.

Amira blickte durch ein Bullauge nach unten. Die Flughöhe hatte in den letzten Minuten bedenklich abgenommen. Fast hätte der Rumpf der MOLOCH II an den spitzen Graten des Pyritgebirges Schaden genommen, aber außer ein paar quietschenden Wetterfahnen an der Unterseite ging nichts verloren. . Jetzt sah sie deutlich deutlich vor dem Bug den riesigen Krater, den das vor vielen Jahren verschwundene Atlantis hinterlassen hatte.

„Und du willst Herrscher über ganz Zamonien werden? Du glaubst, du kannst alles? Du glaubst, du kannst dich in jedem Wesen verstecken und es kommandieren, so wie du es auf deiner Flucht erst mit diesem Blutschink getan hast und dann mit Jens Jensen?"

"Ich bin das Größte, was die Welt je erlebt hat. Ich werde zusammen mit Jens Jensen und Kralle Eisenfuß die ganze Welt beherrschen. Ich denke, Jens befiehlt und Kralle steuert. Und ihr werdet alle gehorchen! Alle!"

"Das Größte? Pah! In deinem Größenwahn bist du dir viel zu schade, dich in dem winzigen Gehirn eines Zwergpiraten zu verstecken. Schau ihn dir an, dieses armselige Wesen mit seinen Blechkrallen! Darin willst du wohnen? Lächerlich!"

"Ich kann alles!"

"Dann zeig es mir doch!"

Amira schaute über die Reling, sie schaute auf Jens, sie schaute auf den Zwergpiraten.

Kralle Eisenfuß saß immer noch auf dem Kapitäns-Klappstuhl, in einer Hand eine Rhummflasche, in der anderen den Pappteller.

Mit magischer Kraft schwebte das Zamomin einen kurzen Moment über Jens und verschwand dann mit einem leichten Zischen in dem löchrigen Dreispitz. Amira bemerkte, wie die vom Einfluß des Zamomins getrübten Augen des Rettungssauriers klarer wurden und Jens sie ansah. Fast wäre sie in dem Blick aus den dunklen Augen versunken, aber sie riß sich schnell aus ihren Träumereien, denn jetzt ging es um alles.

Im selben Moment lag die MOLOCH II genau über dem atlantischen Krater. Die Zeiger der Manometer an den Dampfkesseln des Luftschiffs zitterten ein letztes Mal und blieben am Nullpunkt stehen.

JETZT! rief Amira.

Sie schwang sich auf den Rücken des Rettungssauriers und, wie sollte es anders sein, in letzter Sekunde, hob Jens mit den kräftigsten Flügelschlägen seines Lebens vom Deck ab, während die MOLOCH II in dem riesigen Krater verschwand, dessen Grund man nicht einmal sehen konnte, wenn die Sonne genau senkrecht darüber stand.

Irgendwo in Zamonien … Oder besser gesagt: Irgendwo über Zamonien zog der junge Rettungssaurier Jens Jensen seine weiten, wenn auch etwas wackligen Kreise.

Amira saß auf seinem Rücken und in dem Moment, indem sie sich in den trotz der ledrigen Haut weichen Rücken des Rettungssauriers schmiegte und in eine bessere Zukunft glitt, spürte sie eine Wärme in sich aufsteigen und jetzt wusste sie, welche unendlich große Kraft ihr dabei geholfen hatte, die schwerste Aufgabe ihres Lebens zu lösen.