Weihnachten

Weihnachten in den Pyritbergen

 

Eine zamonische Weihnachtsgeschichte

 

Als ich noch eine junge Haifischmade war, pflegte mir meine Großmutter oft die folgende Geschichte zu erzählen. Sie selbst hörte sie von ihrer Großmutter und diese wiederum von ihrer. Und nun sollt ihr sie hören.

In alten Zeiten, als die Winter noch strenger, der Schnee noch weißer und die Eiszapfen noch länger waren, lebte in den östlichen Pyritbergen ein alter Eydeet mit Namen Hägedorn Sodenbruch. In jungen Jahren war Sodenbruch von einer jungen Schreckse das Herz gebrochen worden und von Stund an war seine Seele erkaltet. Sein einziges Streben und Sehnen war seitdem die Mehrung und Wahrung seines Geldes und seine Götzen hießen Zins, Zinseszins und Zwangsvollstreckung. Könnt Ihr, liebe Leser, wohl erraten, welchen Beruf Sodenbruch ausübte? Richtig! Er war Geld- und Pfandleiher. Der einzige in den ganzen, großen und kalten östlichen Pyritbergen.

Die einträglichsten Geschäfte machte Hägedorn zu der Zeit im Jahr, in der auch die ärmsten der Armen in alle Winkel und Ecken spähen, ob sich nicht doch irgendwo eine vergessene Münze finden lässt; in der Zeit im Jahr, in der auch die stolzeste Frau vor der letzten Erbstück der geliebten Großmutter steht und wägt, es zu versetzen; zu der Zeit im Jahr, in der der bucklige Landmann vor seinen letzten Schwein steht und grübelt, wie viel er dafür wohl bekommen möge. Kurz - die besten Geschäfte machte Sodenbruch zur Weihnachtszeit, wenn sich alle nach ein klein wenig Behaglichkeit und Wärme sehnen.

An diesen Weihnachtsmorgen sah die trübe Sonne Sodenbruch besonders schlecht gelaunt über seinen Haferschleim gebeugt sitzen. War er doch schon um 5 Uhr in der Frühe aus dem warmen Bett geklopft worden. Zwei Kinder aus dem Waisenhaus im Tal hatten verfroren und mit großen Augen vor seiner Tür gestanden und ihn – es schüttelt Sodenbruch noch immer – um eine Spende gebeten. Weil doch Weihnachten sei. Nun, niemand kann behaupten, daß Sodenbruch kein Herz habe, und so hatte er darauf verzichtet, die Hunde auf die Kinder zu hetzen und sie nur mit den Besen vom Hof gejagt. Hei, wie waren die kleinen Waisen gelaufen und gerannt. Doch bevor sich der Eydeet in dieser süßen Erinnerung verlieren kann, klopft es an die Tür. „Herein“, brummt er missmutig. Eine ihn wohlbekannte, weil arme Witwe tritt, händeringend ein, an ihrer Schürze halten sich ihre zwei kleinen Kinder fest.

„Was kann ich für dich tun, Weib?“ herrscht Hägedorn die Frau barsch an. „Wenn du Geld willst – zeig mir das Pfand! Wenn du meine Zeit mit Jammern und Betteln verschwenden willst – da ist die Tür!“

Die Witwe knickst leicht ein und spricht: „Werter, hochgeschätzter Herr. Ich suche Euch auf in der Hoffnung, daß ihr mir bis zur nächsten Ernte wohl mit 10 Goldstücken aushelfen könnt. Es ist Weihnachten, und für eine arme Frau ohne Mann aber mit zwei hungrigen Mäulern, die gestopft werden wollen, ist dies eine harte Zeit. Ich versichere Euch …“ Schnaubend unterbricht Sodenbruch sie. „Weihnachten! Pah. Sentimentales Geschwätz!“ Die Kinder beginnen zu weinen. „Du willst zehn Goldstücke? Gut. Dann zeig mir das Pfand und ich leihe dir das Gold zu 33 % Zins per Monat! Nun? Wo ist dein Pfand?“

„Oh Herr.“ Die Witwe ringt die Hände. „Ihr wisst wohl, daß ich keine Güter mehr mein eigen nenne. Seit mein seliger Mann…“Das Gesicht des Eydeeten verhärtet sich und die Frau fährt rasch fort. „Doch statt eines Pfandes biete ich Euch die Arbeitskraft meiner Kinder. Sie sind anstellig und geschickt. Gebt mir die zehn Goldstücke und sie sollen ein halbes Jahr unentgeltlich für Euch arbeiten.“

„Knecht und Magd? Unentgeltlich? Und die Verköstigung? Und die Logis? Das kostet mich wohl nichts? Ich danke. Dieses Geschäft bringt mehr Kosten als Gewinn!“

Die arme Witwe sinkt vor den Eydeeten zu Boden, neigt den Kopf an sein Ohr und flüstert: „Hoher Herr, die Sache verhält sich so: Der Einödbauer Frider Friderson, ein Midgardzwerg von einigen Wohlstand, freit um meine Hand. Lediglich zwei Dinge stehen einer baldigen und für mich vorteilhaften Ehe im Weg: Die Mitgift in Höhe von zehn Goldstücken und die“ – sie verdreht leicht die Augen – „beiden Bälger hinter mir, die das einzige mit Hand und Fuß sind, das mein Gatte je fertigbrachte. Gebt mir das Gold und behaltet die Kinder. Ihr werdet schon Nutzen und Gewinn aus ihnen ziehen – weiß ich doch, daß die Bleigruben in den Dämonenbergen ständig auf der Suche nach neuen Arbeitern sind.“

Sodenbruch zieht die Augenbrauen hoch. Zehn Goldstücke für zwei gesunde, wenn auch etwas dünne Kinder? Das klang nicht nur gut, das war gut.

„Abgemacht, Weib!“ Er greift in seine Börse und zählt das Gold ab. Strahlend erhebt sich die Frau, knickst nochmals vor Sodenbruch und wendet sich dann an die Kinder: „Ihr bleibt für das Erste hier und hört in allen Belangen auf Herrn Sodenbruch. Denkt immer an eure euch liebende Mutter und seid gewiß, daß wir uns schon bald wieder sehen.“ Mit diesen Worten verschwindet sie aus der Hütte und der Geschichte.

Hägedorn Sodenbruch reibt sich das runzlige Kinn. Natürlich suchen die Bleigruben immer nach neuen Kindersklaven für die engen Stollen – aber jetzt herrscht tiefster Winter und die Wege sind verschneit. Erst im Frühjahr kommen die Sklavenhändler wieder in die Pyritberge, und bis dahin muß er die Kinder ernähren. Verflucht! Jede Mahlzeit schmälert seinen Gewinn. Er muß sich etwas einfallen …

RRRUUUUMMMMSSSS!!!!!!!!

Ein gewaltiger Knall lässt die Hütte erbeben und die Fenster klirren. „Der Mond ist in die Berge gestürzt“, kreischt der Junge und das Mädchen fängt an zu weinen. Nur Sodenbruch bewahrt Haltung, ermahnt die Kinder, sich still zu verhalten und öffnet die Tür. Ein bizarres Bild bietet sich ihn: Ein riesiger Schlitten liegt umgestürzt vor der Hütte, zwei keuchende und ausgemergelte Werwölfe hängen im Geschirr und eine schier gigantische Gestalt in roter Robe und mit weißen Bart steht dabei und brüllt die Schlittenwerwölfe an: „Himmel Arsch und Zwirn! Verdammtes Pack! Verlauste Tölen! Erst 93 Jahre im Geschirr und schon schlappmachen? Schlapp gemacht mitten in den Pyritbergen! Wenn ich nur wüsste, wo ich jetzt neue Zieher bekomme, dann erschösse ich euch auf der Stelle!“ Der zamonische Weihnachtsmann reckt die Fäuste gen Himmel und brüllt in die Stille: „Einen großen Sack voll Gold für ein paar neuer Schlittenzieher! Ach was – zwei Säcke voller Gold! Richtig große Säcke!“ Sodenbruch schwankt kurz, dann tritt er zum Weihnachtsmann und zupft diesen sanft am Rocksaum. „Entschuldigung. Sagten Sie tatsächlich zwei richtig große Säcke Gold?“ „Nein“, schnappt der Weihnachtsmann, „ich sagte drei Säcke!“ Seine tellergroßen Augen verengen sich zu Schlitzen. „Kannst Du mir etwa helfen?“ „Kommt darauf an, Herr, kommt darauf an“, entgegnet Sodenbruch lächelnd. „Leg noch einen Sack Gold oben drauf und wir kommen ins Geschäft.“ „Hohoho – mit dem Weihnachtsmann feilschen! Das ist der wahre Geist der Weihnacht! Also gut: Vier Säcke Gold für zwei Schlittenzieher!“

Sodenbruch bittet den Weihnachtsmann kurz zu warten und eilt in die Hütte, wo sich die Kinder unter den großen Eichentisch versteckt haben. „Oh ihr glücklichen, glücklichen, glücklichen Kinder“ heuchelt Sodenbruch. „Unter allen Zamoniern hat euch beide der gute Weihnachtsmann ausgewählt, um ihm bei der Bescherung zu helfen. Mir bricht schier das Herz vor lauter Freude und Seligkeit.“ Mit diesen Worten führt sie der Eydeet hinaus. In der Zwischenzeit aber hatte der Weihnachtsmann bereits die beiden erschöpften Werwölfe erschossen, sie in eine große Schneekugel gepackt und diese blindlings in das nahe Tal geschleudert – wo sie eine Lawine auslöst, die ein uns nur zu bekanntes Waisenhaus donnernd unter sich begräbt.

Nun betrachtet der Weihnachtsmann die Kinder. „Bissel mager sind sie ja. Aber ich sage immer: Je weniger Fett auf den Rippen, desto besser schmeckt die Peitsche! Hohoho.“ Und noch ehe die armen Kinder wissen, wie ihnen geschieht, sind sie im wieder aufgerichteten Schlitten eingeschirrt, schwingt sich der Weihnachtsmann auf den Bock und tanzt die Peitsche auf ihren Rücken. Die Kinder stemmen sich in den Schnee, der Schlitten zieht an und erhebt sich in die Lüfte. Sodenbruch winkt den Schlitten noch lange hinterher und erst, als nur das Wehklagen der Kinder und das gelegentliche „Hohoho“ durch die Lüfte hallt, lässt er die Hand sinken.

„Jetzt aber schnell in die Hütte“, murmelt er vor sich hin. „Den Gänsebraten in den Ofen und dann das gute Geschäft begossen.“ Und während sich die Hüttentür schließt und Kälte und Schnee aussperrt, ruft Hägedorn Sodenbruch nochmals über die Schulter: „Danke, guter Weihnachtsmann und ein schönes Fest, Zamonien.