Wotanskerbe

Tod auf der "Wotanskerbe"

 

Das zweite zamonische Criminalstückchen

 

 

Der Tod kommt an Bord

Irgendwo an einer der nördlichen Küsten Zamoniens liegt die FCKW "Wotanskerbe" vor Anker, bereit, die letzten Passagiere für die Kreuzfahrt nach Groß-Troll aufzunehmen. Der Kapitän steht auf der Brücke und blickt mit seinem ersten Offizier auf die Creme de la creme der zamonischen Gesellschaft hinab, die langsam an Bord tröpfelt.

„Ah, da kommt die Gräfin d´ Amanda. Angeblich uralter Landadel – dabei weiß ich aus zuverlässiger Quelle, daß sie den Titel vor drei Jahren in Spiel gewonnen hat. Das schmalbrüstige Mädchen, das hinter ihr die ganzen Koffer schleppen muß, ist ihre Stieftochter Phellpe. Armes Ding – bei dieser Mutter hat sie nichts zu lachen. Angeblich hat ihr die Gräfin schon sieben Verehrer weggeschnappt und drei Männer mit Gift umgebracht“. Er grinst anzüglich und macht eine rüde Geste zur Gräfin hin. „Oho – sehen Sie diese beiden dort?“ Er deutet auf zwei perfekt gekleidete Herren, die gerade die Planke betreten. „Zwei Herren von echtem Schrot und Korn, sollte man denken. Dabei sind Monsieur Grams de Rouge und Monsieur Germi Noir die größten Hochstapler und Falschspieler, die es je in Zamonien gab. Man muß ein Auge auf sie haben.“

Der erste Offizier notiert sich dieses.

Ein kurzer Tumult bricht auf der Planke aus, als eine Dame auf den Saum ihres Kleides tritt und beinahe in das Wasser fällt. Der Kapitän runzelt die Stirn. „Die Schriftstellerin Darthula von Kitschheim. Eine schreckliche Person. Reden sie bloß nicht mit ihr – sie finden sich sonst garantiert als tragischer Held in einen ihrer Bücher wieder.“ Er winkt der Schriftstellerin freundlich zu. „Die verkniffene Dame dahinter ist ihre Verlegerin, Appeli von Suhrinsel. Hat ihr wahrscheinlich diese Reise geschenkt, damit sie über Bord fällt und ertrinkt. Har, har, har.“

Ein distinguiert aussehendes Paar betritt als Letztes das Schiff. „Das sind die beiden besten Anwälte Zamoniens – Sir Zeze Lotterhans und Lady Schwapp Luderjule. Was allerdings nur die wenigsten wissen: Sie sind auch die größten Hehler des Landes.“

Der Kapitän wendet sich an seinen ersten Offizier. „So, Mr. Chmuhl, alle an Bord. Bin mal gespannt, auf wenn es diese Inspektorin abgesehen hat. Genug Auswahl hat sie ja. Na, Leinen los.“

„Leinen los“ wiederholt Mr. Chmuhl brüllend die Anweisung und das schwere Schiff legt ab.

Die Fahrt beginnt, ein Schiff versinkt

Stampfend und schaukelnd legt das mächtige Schiff ab. Der Kapitän legt das Ruder um, die mächtigen Schiffsschrauben röhren los und von Luv her ertönt ein kaum hörbares Rumms! Der megalomanische Zwergpirat Minus und sein Maat Nano haben ihre Nussschale zu nahe an die "Wotanskerbe" herangeführt und das mächtige Schiff hat den Schrecken der zamonischen Ozeane einfach unterpflügt. Zum ewigen Leidwesen der christlichen Seefahrt aber konnten der ruch- und schamlose Minus und sein ehrenrühriger Kumpan Nano im letzten Moment die Ankerkette der Wotanskerbe packen und nun hieven sie sich Stück für Stück an Bord – und keiner sieht sie kommen, keiner sieht das Unheil nahen! Wo ist Inspektorin Tegum? Soll sie nicht für Recht und Gesetz auf dem Schiff sorgen? Ist es nicht ihre Aufgabe, kriminellen Elementen den Garaus zu machen? Wo ist Inspektorin Tegum? Da diese Frage zurzeit nicht beantwortet werden kann, wenden wir uns Kabine No. 7 zu – der Kabine, in der die Gräfin d´Amanda und ihre Stieftochter untergekommen sind.

Eine interessante Unterhaltung hebt an...

„Hast du diesen reizenden jungen Mann gesehen, Phellpe? Nur Muskeln und Sehnen! Und dieses Feuer in seinen Augen. Der versteht es bestimmt, eine Frau glücklich zu machen. Als er mir meine Bordkarte zurückgab, sah er mich so viel sagend an. Huh ... mir ist noch ganz schwummerig.“ Die Gräfin liegt wie hingegossen auf einen Diwan und beobachtet ihre Stieftochter beim Auspacken. Gerade will diese einen kleine Tasche öffnen, als d´Amanda aufspringt und ihr diese entreißt. „Nicht diese Tasche, mein Täubchen“, flötet sie. „Da sind Mamas besondere Fläschchen drin. Wir wollen doch nicht, daß es wieder ein Unglück gibt! Oder?“

Phellpe nickt verschüchtert.

Während sich die halbseidene Gräfin d´Amanda über den Inhalt ihrer Fläschchen äußert, geht der erste Offizier Mr. Chmuhl den Gang zu Kabine No. 9 lang. Gerade will er anklopfen, als er folgenden erregten Wortwechsel mit anhört:

„Das ist eine Unverschämtheit! Eine Frechheit! Ein Skandal! Ich bin Künstlerin!“ Darthula von Kitschheim ist außer sich. „Niemals werde ich diesen Vertrag unterschreiben. Meine Bücher sind preisgekrönt! Nach Mythenmetz verkaufe ich die meisten Bücher in Zamonien! Ich …“

„Sie haben nach Mythenmetz die meisten Bücher verkauft.“ Die Stimme der Literaturagentin ist kalt und schneidend. „Ihre Umsatzzahlen brechen ein. Nachthemden in Fetzen verkaufte sich nur noch 3.215.214,73 mal und von den Zahlen für Jungfernschaft in Gefahr und Sie waren Geschwister und konnten es doch nicht lassen will ich gar nicht reden“. Von Kitschheim heult auf, doch von Suhrinsel fährt gnadenlos fort: „Entweder sie unterschreiben diesen neuen Vertrag oder ich sorge persönlich dafür, daß sie in Zamonien und Umgebung nie wieder ein Buch herausgeben. Sie haben bis morgen Bedenkzeit!“

Mr. Chmuhl, der genug gehört hat und zu Recht annimmt, daß die beiden Damen kein Interesse an einer Schiffsbesichtigung haben, eilt weiter, um die Bewohner von Kabine No. 3 zum Diner am Kapitänstisch zu laden. Doch auch hier stößt er auf unerwartetes. Die Tür ist nur angelehnt und Stimmengewirr dringt heraus.

Du musst verrückt sein, Lotterhans, wenn du glaubst, er unterschreibt dieses – Dokument.“ Das letzte Wort spuckt Lady Luderjule beinahe aus. „Er ist nicht halb so dumm, wie du zu glauben scheinst. Aber mich ziehst du da nicht mit rein, hörst du. Ich weiß zu viel und ich rede zu gerne – also sei bloß vorsichtig.“

Der erste Offizier räuspert sich kurz und klopft dann an den Türrahmen. Das Stimmengewirr wird leiser. Dann erklingt ein joviales „Herein.“

Der erste Abend, der erste Mord

Später am Abend. Mr. Chmuhl hat es geschafft und alle Ehrengäste sitzen am großen Kapitänstisch und plaudern leise. Teurer Wein schimmert in geschliffenen Gläsern und exklusiver Schmuck strahlt im Licht der Kerzen. Nur der Platz des Kapitäns und seines rechten Nachbarn sind noch frei. Endlich geht die Tür auf und Kapitän Pecksniff erscheint – ihm zur Seite die berühmte Inspektorin Tegum. Die beiden nehmen Platz und Pecksniff schlägt leicht mit einem silbernen Messer an das teure Kristall. „Guten Abend, meine Damen und Herren, willkommen auf der "Wotanskerbe". Die dreiwöchige Kreuzfahrt nach Groß-Troll war schon immer ein ganz besonderes Ereignis. Umso mehr freue ich mich, auf dieser Fahrt so viele illustre Gäste begrüßen zu können.“ Er verneigt sich leicht in Richtung der Angesprochenen, die vergeblich versuchen, bescheiden oder überrascht zu wirken. „Lassen sie mich“, fährt er fort“, nun einen ganz besonderen Gast vorstellen. Es ist die bekannte Ermittlerin Tegum Z.“ Ein Raunen und Flüstern hebt an. „Wie sie alle wissen, ist Madame Z. in der letzten Zeit äußerst erfolgreich und aktiv gewesen. Sowohl der Fall des "Korndreschenden Schlägerknaben von Niederweizen" als auch die pikanten Affäre um den "Saphir der Mätresse des Freundes des Bekannten des Schwagers des Onkels des Bruders des Vaters des Herrschers von X" konnte von ihr elegant gelöst werden.“

Beifall ertönt.

„Ich darf ihnen versichern, daß Sie hier am Bord lediglich Entspannung und Erholung sucht. Sie können also aufatmen.“

Gelächter.

„Und nun – das Diner ist eröffnet.“

Die Gästeschar widmet sich der Tafel und auch die Detektivin ist scheinbar ganz und gar mit Messer und Gabel beschäftigt. Aber in ihren Kopf rattern und knattern die Zahnräder der juristischen Mahlsteine. „Wer ist es?“, denkt sie. „Ich weiß, daß es einer von ihnen ist. Aber wer? Es gibt zu viele Möglichkeiten und mir fehlen die Anhaltspunkte.“

Ein neuer Morgen zieht über das zamonische Meer hinauf und eine fahle Sonne beleuchtet die Wotanskerbe, auf der die dienstbaren Geister zum Leben erwachen. Stubenmädchen Moritura pocht leise an die Kabine No. 9 – an die Kabine, in der die Erfolgsschriftstellerin Darthula von Kitschheim ihr Domizil hat. Es erfolgt keine Reaktion. Das Stubenmädchen klopft etwas lauter. Immer noch nichts. Sie drückt probehalber die Klinke und die Tür schwingt auf. Das Stubenmädchen tritt zögernd ein. Da liegt doch jemand im Bett. Sie geht auf die Schlafstätte zu und ruft leise den Namen der Schriftstellerin. Keine Reaktion. Sie stupst die Dame leise an – keine Reaktion. Moritura greift in ihre Schürzentasche und holt ein Fläschchen Riechsalz hervor. Sie bricht es auf und hält es Darthula unter die Nase. Schnaubend erwacht diese und blickt sich mit roten Augen blöde um. Eine leere Flasche Rum fällt ihr aus der Hand.

In diesen Moment ertönt angsterfülltes Kreischen aus Kabine No. 10. Binnen kurzen ist das ganze Schiff zusammen-gelaufen, um Spuckeimerleerer und Nachttopfreiniger Klogatte am Kreischen zu hindern und um herauszufinden, was los ist. Um das Bett von Kabine 10 hat sich ein Kreis gebildet. Die Person, die darin liegt, schläft garantiert nicht mehr. Es sei denn, sie hat die Angewohnheit, sich vor den Schlafengehen einen blutschinkischen Dolch in das Herz zu rammen. Einen Dolch, der der Farbe der umgebenden Haut nach zu schließen auch noch vergiftet wurde.

„Lassen sie mich durch – ich bin Ärztin“. Lia von Tal, Doktorin der ekligen, blutigen und schwärenden Wunden, tritt vor, besieht sich die Leiche und verkündet dann vollkommen überflüssig: „Tja, da kann man nichts machen. Tot. Der Todeszeitpunkt liegt bei exakt 3.17 Uhr heute Nacht.“

Tegum Z. räuspert sich: „Dann bleiben ja nur zwei Fragen zu klären. Erstens: Wer von ihnen war heute Nacht um 3.17 Uhr nicht in seinen Bett und zweitens: Warum hält Appeli von Suhrinsel“ – sie zeigt auf die Tote – „eine Spielkarte in der linken und eine gesiegelte Urkunde in der rechten Hand?“

Zuviel Licht im Dunklen

Alle blicken betreten zu Boden, während die Inspektorin ihr Notizbuch zückt.

„Ich denke, wir können guten Gewissens niemanden von der Tat ausschließen. Es scheint als ob …“

Eine weibliche Stimme unterbricht Tegums Gedankengänge:

„Also, ich finde, sie können eine ganze Menge Personen ausschließen, meine Beste.“ Alle blicken sich nach Baronin d´Amanda um, die munter fortfährt: „Erstens ist es doch vollkommen klar, das es nur ein Subjekt aus der Domestiken-Kaste gewesen sein kann, das diesen scheußlichen Mord beging und zweitens gibt es viel zu viele Spuren, die auf einen von uns weisen.“

Tegum lächelt hintergründig. „Wenn sie diesen Punkt bitte näher erläutern könnten, Madame?“

„Wenn es sein muß. Sehen Sie: Die Tote hält eine Spielkarte in der linken Hand – und haben wir nicht zwei gewohnheitsmäßige Falschspieler an Bord?“

Empörtes Gemurmel der Herren Grams und Germi.

„Des Weiteren hält die Tote ein juristisches Dokument in Händen“, fährt d´Amanda unbeeindruckt fort, „ und zufällig sind zwei der erfolgreichsten Juristen Zamoniens am Bord (Beifälliges Nicken von Lord Zeze Lotterhans und Lady Schwapp Luderjule), die gleichzeitig auch die abgebrühtesten Hehler des Landes sind (Betretenes Schweigen bei Lotterhans und Luderjule). Nicht zuletzt ist allgemein bekannt, daß ich selbst nie ohne Gift reise – und der Dolch war vergiftet.“

Die Menge blickt sich ratlos an. Anstatt einer Entlastung hat die Baronin gerade eine schöne Menge an Indizien geliefert. Doch die Baronin, einmal in Fahrt, redet weiter. Und gerade weil es so viele Spuren gibt, können wir nicht Schuldig sein!“

Inspektorin Tegum grinst.

„Sehen Sie“, fährt d´Amanda fort: Die Karten sollen die Herren Germi und Grams verdächtigen, das Dokument die Kanzlei Lotterhans und Luderjule und das Gift schließlich mich. Aber glauben Sie im Ernst, einer von uns hätte solch belastende Spuren hinterlassen?“

Sie blickt triumphierend um sich, während die Leute um sie her beistimmend nicken. Nur Tegum Z. schüttelt ihr Haupt.

„Eine elegante Beweisführung, Baronin, aber leider vollkommen wertlos.“

Die Baronin verliert ihre Geschichtsfarbe.

„Jeder von ihnen hätte diese Spuren hinterlassen können in der Gewissheit, daß sie so argumentieren, wie sie es gerade getan haben.“

Während sich dieser Satz noch durch die Gehirnwindungen der Anwesenden schlängelt, fährt Inspektorin Tegum fort: „Was aber ihre erste Aussage anbelangt, die über die „höhere Gesellschaft“, so meine ich mich zu erinnern, daß sie vor ihren Aufstieg in höchste Kreise Lisel Betthupferl hießen und Damen-Unterwäscheverkäuferin waren“. Ein spitzer Schrei ertönt und die Baronin fällt in Ohnmacht.

Ein zweiter Todesfall

Später – im großen Salon des Schiffes. Um einen wuchtigen Tisch aus Nurnenholz haben sich zum fröhlichen Kartenspiel versammelt: Monsieur Grams de Rouge und Monsieur Germi Noir; die Schriftstellerin Darthula von Kitschheim; Lady Schwapp Luderjule und Lord Zeze Lotterhans; die Baronin und vormalige Verkäuferin d´Amanda nebst Schwiegertochter Phellpe und die Fachfrau für Schwärendes und Eiterndes, Lia von Tal. Während die Karten fliegen und die Einsätze sich stapeln, unterhält man sich angeregt über den Mord an der Verlegerin und über die Frechheiten, die sich die kleine Inspektorin gegenüber der Baronin erlaubt hat. Immer wieder steht einer der Sitzenden auf, weil er gerade die Rolle des Strohmanns inne hat und umrundet die Spielenden, kiebitzt in die Karten oder holt sich was zu trinken. Das Spiel nimmt seinen Gang, die Asse erscheinen aus Monsieur Grams Ärmeln und wandern in die Hände von Monsieur Germi, der arg überrascht ist, mit einen mal gleich 6 Asse im Blatt zu haben – man stelle sich vor, wie peinlich, sechs Asse, man wird ja als Falschspieler demaskiert, wie konnte den das passieren, war das etwa Böswilligkeit, wie wird man jetzt die überzähligen Asse los, oh nein, es wird ausgespielt – und die Gäste legen aus.

Am Nachbartisch sitzen der Kapitän, sein erster Offizier und die berühmte zamonische Ermittlerin zusammen und diskutieren den Fall. Gerade berichtet Chmuhl vom Streit, den die Verlegerin mit der Schriftstellerin hatte und von deren Drohung, Darthula von Kitschheim brächte nie wieder ein Buch auf den zamonischen Markt unter. Die Verlegerin rief ihr dann noch hinterher, sie brauche sie sowieso nicht mehr, sie schreibe demnächst ein eigens Buch, einen Enthüllungsroman, der alles übertreffen sollte, was in Zamonien je gedruckt worden sei.“ Tegum Z. nickt eifrig und notiert sich alles. Der Kapitän mischt sich ein:

„Meine liebe Madam Tegum, vielleicht könnte ich sie noch mit einen anderen Problem behelligen. Seit neuesten Verschwinden immer mehr Rumflaschen aus meinem persönlichen Vorrat und der zweite Maat behauptet steift und fest, des Nachts drängen Sauf- und Rauflieder aus den Zwischendeck herauf. Die Mannschaft – ein abergläubischer Haufen – weigert sich, nach dem Rechten zuschauen. Wenn sie vielleicht bei Gelegenheit …?“

Während am Kapitänstisch die Mühlen der Gerechtigkeit zu mahlen beginnen, kommt es am Nurnenholz-Spieltisch zu einer bizarren Szene von einigen Unterhaltungswert: Der mit sechs Assen auf der Hand erwischte Germi ist erregt aufgesprungen und versuchte sich gestenreich herauszureden. Mit einer besonders weit ausholenden Geste hat er die neben ihm sitzende Lady Schwapp Luderjule angestoßen, die nun schrecklich langsam nach vorne fällt und mit dem Gesicht in die Spielmarken plumpst. In ihren Nacken steckt eine dreizehn Zoll lange Hutnadel – von der der gut zwei Zoll unter ihrem Kinn wieder hervortreten.

Ein spitzer, flanderesker Schrei ertönt und Monsieur Noir fällt besinnungslos zu Boden. Die überzähligen Asse flattern umher, doch keiner achtet ihrer. Alle blicken auf die Leiche der vormaligen Spitzenanwältin und Hehlerin.

Nur die immer bereite Doktorin Lia und Inspektorin Tegum zeigen sich der Lage gewachsen.

„Tot“, nuschelt Lia. „Der Exitus trat sofort ein. Eine interessante Methode …Ich selbst habe dies nur einmal gesehen – bei den wilden Fhernhachen in tiefen Unbiskant. Die dortigen Fhernhachen-Meuchler pflegen ihre Opfer bevorzugt auf diese Weise zu meucheln. Aber wer sollte diese exotische Technik hier …?“Sie verstummt ratlos. Tegum Z. hat sich währenddessen die Hutnadel näher angesehen.

„Da ist ein M eingraviert und darunter sind zwei gekreuzte Säbel zu sehen.“

„Ein M“, lacht Lord Zeze Lotterhans auf. „Es war der finstere Malefizspieler aus Gralsund. Oder Malte Modderbloom. Oder aber … Jetzt habe ich es: Es war Morgu der maliziöse Meuchler aus Mauerbruch. Alles ehemalige Mandaten von uns. Alle von uns betrogen und über das Ohr gehauen.“

Er wischt sich über die Stirn.

„Sie irren sich“, erwidert Tegum ruhig, aber bestimmt. „Diese Gravur weist ausdrücklich auf eine Person hin: Es ist der Albtraum der Seefahrt, die Geißel der Meere, die Pest der Wogen.“ Alle halten den Atem an. „Diese Hutnadel gehört – Minus, den großen Schlachtschiffversenker!“ Germi, gerade aus der Ohnmacht erwacht, stößt einen weiteren spitzen Schrei aus und fällt wieder um. Die anderen reden wild durcheinander.

„Minus, der Notzüchtiger der Witwen und Waisen …“ „Diese Bestie hier am Bord …“ „Ich verlange …“ „Möchte gerne ein Autogram …“ „Sitzt meine Frisur?“ „… in Ketten legen und über Bord …“ „12.000 Pyras bezahlt und jetzt das …“ „Soll ja mal mit dieser Inspektorin was gehabt haben …“ „… und keine Ausflüchte, ja? Sucht das ganze Schiff ab, wenn es sein muß und …“

„Meine Damen und Herren – Ruhe bitte!“ Die befehlsgewohnte Stimme schneidet durch das Stimmengewirr wie heißer Draht durch kalte Butter. „Ich sagte lediglich, dass dies die Hutnadel des erzschurkischen Himmelhundes Minus ist – nicht, daß er der Mörder ist.“

Das Stimmengewirr wird wieder lauter, doch Tegum fährt unerschütterlich fort. „Meine Damen und Herren, bitte! Während des ganzen Nachmittages saßen der Kapitän, der erste Offizier und ich an diesen Tisch – der einzigen Tür in diesen Raum direkt gegenüber. Hätte jemand oder etwas diesen Raum betreten – wir hätten es unfehlbar sehen müssen. Nein, ich denke, der Fall liegt klar. Einer der Anwesenden in diesen Raum hat die arme Schwapp Luderjule für immer zum Schweigen gebracht und die Haarnadel benutzt, um den Verdacht von sich abzulenken. Ruhe! Ruhe, bitte! Es stimmt, sie alle haben an diesen Tisch gesessen und Karten gespielt – sie alle haben gespielt, bis auf den Strohmann. Immer wieder stand einer von ihnen auf, holte sich was zu trinken oder winkte das Dienstmädchen heran oder ging ausspucken. Irgendwann während des Spiels ist einer von ihnen Strohmann gewesen, stand auf und brachte das Opfer um. Eine Tat, die unerhörte Nervenstärke und bewunderungswürdigen Mut erfordert. Es hätte ja nur einer von uns aufblicken müssen und der zweifache Mörder wäre auf frischer Tat erwischt worden.“

Unter Deck

Während im Salon noch eifrig geredet wird, spielen sich im Zwischendeck der "Wotanskerbe" erstaunliche Dinge ab. Zwischen leeren Rumfässern und den Strünken von altem Kohl liegen zwei grölende und singende Gestalten auf den Boden, rülpsen und furzen vor sich hin. Es ist der schreckliche Minus, Geißel der See, und der nicht minder schreckliche Nano, erster Maat der Geißel.

„15 Mann-hicks und die hicks Kiste vom Toten – jo-hicks-hoo und nee Buddel hicks voll Rum. Nee Buddel hicks. He, Maat, brin-hicks-g mir eine neue Buddel hicks!“

Aaaabbbbeerrr Kapitän, waarrumm trinkt ihr eigggggentlich gaar so viel“, fragt der Maat mit schwerer Zunge. „Weeennnnn ihr so vielllll sauuft, könnenn wir dochhh gar nicht Plüüündern nicht …“ Er verstummt.

„Es ist das Weib! Es ist immer das Weib!“

Minus ist schlagartig nüchtern. „Seitdem mich dieses elende Weib verlassen hat, hatte ich keinen frohen Moment mehr im Leben. Die Perlen scheinen mir nicht mehr und das Gold hat seinen Glanz verloren. Verlassen hat sie mich, Nano. Und jetzt ist sie hier auf diesen Schiff und ich bin hier unten und muß trinken. Also, her mit der Buddel, Maat.“

Doch Nano kann und wird nie mehr antworten. Während des Sermons von Minus hat er eine neue Flasche Rum entdeckt – noch ganz ohne Staub oder Algenbewuchs – und sie in einen Zug geleert.

„Käpt´n – mir is gar nich wohl. Ich fühle mich so aufgebläht.“

Und tatsächlich: Der hagere Maat schwillt auf wie ein Ballon. Die Knöpfe platzen von seiner Weste, die Wangen blähen sich, die Arschbacken nehmen die Größe von Kürbissen an. Der entsetzte Minus schnuppert an der Rumflasche, die der mittlerweile grotesk aufgeblähte Nano hat fallen lassen.

„Da ist Hefe drin“, entfährt es den Notzüchtiger der Witwen und Waisen. „Beim Klabautermann - Hefe mit Rum. Du wirst …“

Er kommt nicht dazu, den Satz zu vollenden, den in diesen Moment trifft in ein Schlag auf den Kopf und er versinkt im süßen Nichts und dunklen Schwarz. Zwei ungeheuer starke Arme packen den armen, mittlerweile zur Kugel geblähten Nano und rollen ihn durch ein paar Räume. Dort stehen in sauberer Reihe die Kanonen des Schiffes. Der oder die Unbekannte bleibt vor der größten Kanone, der "Dicken Josepha" stehen. Mit schier überzamonischen Kräften wuchtet er Nano vor das Mündungsloch, presst ihn hinein und drückt, drückt, drückt. Dann – mit diabolischem Grinsen im Gesicht - entzündet er/sie ein Streichholz an der Stiefelsohle, hält die Flamme an die Lunte und richtet die Kanone noch ein wenig aus. Ein widerliches schmatzendes

Kawumm

erklingt und die Nano-Hefe-Rum-Kugel schießt aus der Kanone, beschreibt eine wunderschöne Kurve in der milden Seeluft und wird dann von den erbarmungslosen Kräften der Physik zerrissen.

Eine erste Spur und ein Schwertfisch

Unterdessen …

Tegum Z. hat sich mit einer Flasche Bärenfängers bester Alter zurückgezogen und ordnet ihre Notizen.

„Mal sehen … Laut Aussage des ersten Offiziers hatten sowohl die Schriftstellerin als auch die Anwältin kurz vor ihren Ableben einen heftigen Streit. In beiden Fällen ging es um das Ausplaudern von Interna. Ein Enthüllungsroman …hmm…juristische Winkelzüge oder Hehlerei … und immer der Versuch, zu viele Spuren zu legen. Eigentlich sind das dumme Verbrechen… aber nur oberflächlich betrachtet. Wenn man nur das ungeheurere Risiko bedenkt, das der Mörder einging, als er/sie Luderjule Schwapp erstach … Moment, warum ging er dieses Risiko überhaupt ein? Weil der Mörder kurz davor stand, von Schwapp enttarnt zu werden. Weil Luderjule etwas wusste ... und wenn sie etwas wusste, hat sie sich auch bestimmt rückversichert. Irgendwo müssen Notizen sein … in ihrer Kabine natürlich!“ Während dieser Deduktionen hat sich der Pegel von Bärenfängers bester Alter bedenklich geneigt und Tegum erhebt sich nur mühsam und schwankend. Gerade hat sie die Vertikale erlangt, da klopft es verhuscht an der Tür und das Stuben- und Dienstmädchen Moritura tritt scheu durch die Pforte.

„Entschuldigen sie bitte vielmals, Frau Inspektor, aber ich frage mich, ob sie mir wohl einen Rat geben können?“

Tegum lächelt weise, mütterlich und schwer angeschickert. „Aber immer, aber immer. Wo drückt der Schuh?“

Sehen sie, ich bin nur ein einfaches Ding aus den hinteren Wäldern und kenne mich nicht mit Recht und Gesetz aus. Und ich will keinen Schaden. Es ist nur so, das ich etwas gesehen haben, was ich mir nicht erklären kann …“

„Fahren sie fort, mein Kind“. Tegum strotzt nur so vor Verständnis.

„Sehen sie, zu meinen Pflichten gehört es, die Kabinen der Herrschaften aufzuräumen und in Ordnung zu halten, und als ich nach dem schrecklichen Ereignis“ – sie schluchzt kurz auf – „ in die Kabine ihrer Ladyschaft wollte, um alles zusammenzupacken, da sah ich jemanden herauskommen, der nun ganz bestimmt nichts darin zu suchen hat. Und dieser jemand hielt einen versiegelten Brief in Händen

„Einen versiegelten Brief?“ Die Wirkung des Bärenfängers verfliegt schlagartig. „Wer war es?“

Das Dienstmädchen setzt zu einer Antwort an, als das entsetzliche geschieht: Durch die offene Tür fliegt ein Schwertfisch herein, durchbohrt mit schrecklicher Wucht Moritura und reißt diese nach vorn. Mindestens 8 lebenswichtige Organe sind getroffen worden. Mit letzter Kraft versucht die treue Seele noch etwas zu sagen: „Bärenfänger … geheime Zutat … versteckter Raum im Zwischendeck … Kapitän und erster Offizier ... muß mich gesehen haben … hat damit geprahlt, einen Schwertfisch mit einer Hand 150 Meter werfen zu können … verflucht, es war … s Geschoß.“ Sie röchelt noch einmal kurz, dann etwas länger und verscheidet.

„Das ist ja mal wieder typisch!“ fährt Tegum wütend auf. „Anstatt sich den letzten Atemzug für den Namen und nichts als den Namen aufzusparen, erzählen sie einen fortwährend Romane!“

Ihr Blick fällt auf die Flasche Bärenfängers bester Alter. Was hatte die unglückliche Moritura doch gleich gesagt? Geheime Zutat? Ein Versteck im Zwischendeck? Kapitän und Offizier? Steckten die beiden hinter den ganzen Verbrechen? Eigentlich unmöglich, denn zum Zeitpunkt von Luderjules Ermordung saßen die beiden bei ihr am Tisch. Ein Spießgeselle? Unwahrscheinlich, da zu viele Mitwisser zu große Gefahr bedeuten. Hatte sie vielleicht sagen wollen, daß es ein Besatzungsmitglied war, der Kapitän und der erste Offizier aber von nichts wussten? Dann muß man herausfinden, welches Besatzungsmitglied die nötige Bewegungsfreiheit hat. Ein Geistesblitz durchzuckt sie. Bevor sie den Kapitän über den neuen Todesfall informiert, wird sie noch das Telegraphenbüro aufsuchen und ein oder zwei Kabel aufgeben. Es wäre doch gelacht, wenn sie nicht rausbekommen sollte, wer hinter der Firma steckt, die Bärenfängers bester Alter herstellt.

Telegramme und Liebschaften

An das zentrale Handelsregister in Atlantis - Stopp. Benötige folgende Auskünfte – Stopp. Wer ist Inhaber der Firma Bärendrückers bester Alter – Fassabfüllung“ – Stopp. Welcher Firmensitz ist eingetragen – Stopp. Welche Patente sind im Besitz der Firma – Stopp. Bitte um schnellste Antwort – Stopp. Gezeichnet: Tegum Zeter, Inspektorin der zentralen zamonischen Gendarmerie.

„Und jetzt werde ich zuerst den Kapitän und diese Ärztin informieren, daß in meiner Kabine eine Tote liegt und dann werde ich mir dieses Zwischendeck vorknöpfen. Gesagt getan und nur wenig später sehen wir die unerschütterliche Inspektorin mit einen Sturmlicht durch die düsteren Katakomben des Zwischendecks streichen. Ein leises Stöhnen lässt sie aufhorchen. Kurz entschlossen wendet sie sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam und stößt bald auf – Minus, den Korsaren der Konkubinen. Dieser reibt sich den Schädel, aus dem eine riesige Beule sprießt. „Was zum Teufel …“ entfährt es Tegum. „Minus! Du! Du hast nie wieder angerufen! Obwohl du es versprochen hast! Mein Schiff fährt aus, Liebste. Aber ich werde dich jeden Tag anrufen, Liebste, hast du gesagt. Und ich Schaf habe dir geglaubt.“

Mit schielenden Augen blickt Minus zur zornigen Tegum auf.

„Äh, Teufel auch, ich kann das erklären. Weißt du, erst ging das Telephon über Bord, dann verlor ich auch noch deine Nummer und dann kam mir immer was da-zwischen. Du weißt schon: Entern, kentern, meutern, eine saftige Prise machen, Jungfern schänden, Schwiegermütter über die Planke schicken …Aber ich habe immer nur an Dich gedacht, Herzchen. Bei meiner schwarzen Piratenseele.“ Treuherzig blickt er Tegum in die Augen. Diese spürt, wie hier im dunklen Zwischendeck der "FCKW Wotanskerbe" der Panzer aus Eis um ihrem Herzen schmilzt und mit einen kehligen Oh Geliebter! sinkt sie in Minus Arme, der sie umfängt und trotz Beule und Überraschung die Gelegenheit nicht ungenutzt lässt. Die Ermittlungen aber werden für ein kurzes Unterbrochen.

Während sich Minus, der große Tegumbewinger und die pflichtvergessene Ermittlerin sich also auf dem Feldbett der Lust wälzen, öffnet sich am anderen Ende des Zwischendecks leise knarrend eine Tür. Ein bestiefeltes Paar Füße tritt hervor, dann folgt eine im Schatten nicht zu erkennende Gestalt. Leise schleicht diese am sich windenden Pärchen vorbei, erreicht die Treppe zum Oberdeck und entfleucht.

Drei Stunden später...

Der erschöpfte Tegumnator Minus zündet sich gerade die vierte postkoitale Zigarre an, als die Inspektorin plötzlich hochfährt. Das Telegram! Die geheime Kammer im Zwischendeck? Bärendrückers bester Alter? All dies schießt ihr durch den Kopf, während sie sich erst eine Laterne und dann nach Luft schnappt: Deutlich zeichnet sich im Licht der Öllampe eine offene Tür ab. Der Mörder ist entkommen. Sie hatte ihn sicher in der Falle und ließ ihn entkommen! Wenn das bekannt wird! Diese Schmach hinge ewig an ihr. Doch halt! Die einzigen Zeugen für diese Pflichtvergessenheit sind der Mörder und Minus. Wenn sie der Mörder erst dingfest gemacht hat, glaubt diesen eh keiner mehr ein Wort. Und was Minus anbelangt … Sie greift nach einer Flasche Rum und schlägt den selig rauchenden Minus den Schädel ein. Dieses Verbrechen wird sie den schon bekannten Mörder in die Schuhe schieben. Niemand wird ihr etwas beweisen können. Sie lacht diabolisch auf und klettert auf das Oberdeck. Dort eilt sie zum Telegraphenbüro, wo sie folgende Nachricht vorfindet:

Inhaber der Firma ermittelt – Stopp. Name lautet XXX – Stopp. Eingetragener Firmensitz ist das Schiff FCKW "Wotanskerbe" – Stopp. Patente nicht einsehbar, da sie im Safe der Kanzlei Lotterhans und Luderjule unter Verschluß liegen – Stopp. Machen abschließend darauf aufmerksam, das gleiche Anfrage schon vor 6 Monaten durch bekannte Schriftstellerin erfolgte – Stopp.

Die Auflösung – Teil eins

„XXX also. Dann wollen wir also den Fall zum Abschluß bringen“ Fröhlich pfeifend und kurz Minus gedenkend schlendert Tegum Z. davon – hin zum großen Finale.

Eine halbe Stunde nach Erhalt des Telegramms sind alle Verdächtigen im Salon versammelt. Baronin d´Amanda schlürft gelangweilt an einen Getränk, ihre blasse Stieftochter Phellpe hockt missmutig neben ihr, die beiden Falschspieler und Kavaliere Germi und Grams platzierten sich mit den Rücken zur Wand, Lord Zeze Lotterhans blickt strahlend in die Runde und die Verlegerin Appeli Suhrinsel zerknautscht ein Taschenbuch. Im Hintergrund füllt das Mädchen für alles, Klogatte methodisch einen Spuckeimer um den anderen in das große Behältnis auf ihren Rücken und nur der erste Offizier und der Kapitän blicken unbeteiligt vor sich hin.

„Meine Damen und Herren“, fängt Tegum an, „ich danke ihnen, daß sie meiner Aufforderung zu diesen zwanglosen Treffen gefolgt sind. Bevor ich vor ihrer aller Augen den Mörder die Maske abreiße, lassen sie mich kurz die Verbrechen rekapitulieren: Als Erstes starb eine Autorin, die einen Enthüllungsroman zu schreiben gedachte; danach eine Anwältin mit sehr guten Kontakten zur Verbrecherwelt; des weiteren erwischte der Mörder noch das Dienstmädchen, das etwas wusste und sah, das sie besser nicht wusste oder sah und – wie ich eben erst erfahren habe, den Schrecken der jungfräulichen Seemänner und seinen ersten Maat.“

Ein Raunen geht durch die Menge.

„Fünf Morde also – fünf Morde, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben. Scheinbar, meine Damen und Herren! Wie ich herausfand, haben diese Verbrechen einen gemeinsamen Nenner. Und zwar Bärendrückers bester Alter – der derzeit beliebteste Schnaps in Zamonien und Umgebung.“

Ein kollektives HÄ? ertönt.

„Lassen sie mich erklären“, fährt Tegum Z. unbeirrt fort. „Wie ich herausfand, wird dieser Schnaps hier am Bord, in einer kleinen Brennerei im Zwischendeck – natürlich gut versteckt – gebrannt. Der Abtransport erfolgte durch den Maat des furchtbaren, letztlich aber auch nur sterblichen Minus. Den – wir wollen es mal Papierkram nennen – übernahm die Kanzlei Lotterhans&Luderjule, wobei Lady Luderjule auch die Kontakte zur zamonischen Unterwelt herstellte, die den Schnaps in die Kneipen, Pinten und Spelunken lieferte. Die unglückliche Darthula nun hatte dies alles ebenfalls herausgefunden und beabsichtigte, einen Enthüllungsroman zu schreiben. Was nun Minus und das Dienstmädchen Moritura betrifft …“ sie holt kurz Luft und fährt gezwungen lächelnd fort – „die beiden waren Bauernopfer in diesen teuflischen Spiel.“

„Also muß der Mörder zur Besatzung gehören“, kommt es von Signore Rouge. Er blickt sich selbstverliebt um und strahlt über die faltigen Wangen. „Damit sind wir aus dem Schneider. Wahrscheinlich war es dieser Offizier, dieser Chmuhl. Dem habe ich noch nie getraut. Richtige Verbrechervisage. Wahrscheinlich die Gene. Ganze Familie wahrscheinlich nur Räuber und Mörder!“

Den vereinten Kräften des Kapitäns und Tegums gelingt es nach wenigen Minuten, den Würgegriff Mr. Chmuhls um Germis Hals zu lösen und die beiden zu trennen.

„Sie haben vollkommen Recht. Der Mörder gehört tatsächlich zur Mannschaft der FCKW "Wotanskerbe". Genau genommen musste der Mörder, um Bärenfängers bester Alter zu brennen, ein Mitglied der Mannschaft sein. Denn nur hier am Bord hat er Zugang zur geheimen Zutat, die diesen Schnaps das einzigartige Aroma gibt. Lord Lotterhans – sie selbst trinken wahrscheinlich nie Bärenfängers bester Alter?“

Zeze schüttelt leicht das graue Haupt und verzieht angewidert die blutleeren Lippen. „Das dachte ich mir. Immerhin hüten sie die Patente und wissen daher, welche Ingredienz diesen Schnaps beigefügt wird. Sie wissen, dass das Produkt seinen einzigartigen Geschmack daher bezieht, das es zu 33 % aus XXX besteht!“

Ein entsetztes Aufkeuchen geht durch die Menge.

Die Auflösung – Teil zwei

„Sie sind der fünffache Mörder. Und sie sind ein arger Schnapspanscher! Und hiermit nehme ich sie kraft meines Amtes fest.“ Entschlossen deutet Tegum auf - Klogatte!

Klappernd fällt der blecherne Spuckeimersammelbehälter zu Boden und durch die unnatürliche Stille schneiden die Worte der Inspektorin wie ein heißes Messer durch Butter.

„Sie, Klogatte, Spucknapfleerer auf der FCKW "Wotanskerbe" sind der gesuchte Schnapsbrenner; sind der Schnapsbaron von Zamonien; sind der fünffache Mörder; kurz: Sie sind ein Scheusal!“

Der eilig herbeigewunkene Mr. Chumhl legt den versteinerten Schurken in Ketten, während Tegum fortfährt. „Natürlich hätte niemand gedacht, daß einer der reichsten Unterweltgrößen von Zamonien in einer solch subalternen Stellung wie als Spucknapfleerer und Pinkelbeckenschrubber arbeitet. Die ideale Tarnung also. Doch gleichzeitig war diese Tätigkeit unabdingbar für Klogattes schmutziges Geschäft, den die geheime Zutat, die Bärenfängers bester Alter seinen Geschmack nach Wohlstand und Gediegenheit gibt, diese geheime Zutat ist nichts anderes als – der Auswurf der Reichen! Die Baronin d´Amanda prustet ins Glas und rennt dann würgend zur Reling, um sich zu übergeben. Auch einige andere Gäste sehen plötzlich sehr grün aus.

„Ja, meine Damen und Herren, Bärenfängers bester Alter besteht zu 33 % aus ihren Rotz. Kein schöner Gedanke. Doch sollte diese Fahrt die letzte „Ernte“ für Klogatte werden. Er wollte noch einmal richtig Rotz einsammeln und sich dann mit seinen Vermögen zur Ruhe setzen. Da er aber genau wusste, daß seine Mitwisser und Helfershelfer ihn erpressen könnten, nutzte er die zufällige Anwesenheit so vieler halbseidener Mitbürger bei dieser Fahrt, um die Morde zu begehen - in der Hoffnung, daß der Verdacht auf einen von ihnen fällt.“ Tegum lächelt versucht bescheiden. „Natürlich konnte er nicht mit meiner Anwesenheit rechnen. Und so – Voilà.“

Applaus brandet auf, die illustre Gästeschar schüttelt der Inspektorin die Hände und der Kapitän möchte sie gerade in seine vierzehn Arme schließen, als die kalte Stimme von Klogatte erklingt:

„Brava, Madame. Alle Rätsel gelöst, alle Schliche enttarnt. Aber in einen Punkt liegen sie falsch: Der Mord an diesen elenden Zwergpiraten Minus geht nicht auf mein Konto. Den hat jemand anderes erlegt.“

„Und wer“, fährt der Kapitän ihn an, „wer soll das gewesen sein?“

„Vielleicht die Dame, die sich kurz vor seinen Tod noch in seinen Armen wand?“ kontert Klogatte.

Alle sehen Tegum an, die gelassen zurückblickt. Dann ertönt kollektives Gelächter und mit einen jovialen „Guter Versuch, alter Knabe“ wird Klogatte – noch immer in sehr schweren Ketten – kurzerhand über Bord geworfen, während die "Wotanskerbe" friedlich weiter Richtung Großtroll schippert. .