Giftiges Gras

Nachdem sich der Jubilar wieder beruhigt hatte, fuhr er in seinen Ausschweifungen fort:

„Wo war ich? Ach ja – bei meinem Lieferanten. Patenter Junge. Kommt an die tollsten Sachen ran. Geräucherte Tigerhoden, gemahlene Nashornhörner, Haifischleber, Skorpiongift und …“

„Skorpiongift?“ ächzte Eisenbarth fassungslos. „Sagten Sie gerade Skorpiongift …?“

„Sagte ich. Wunderbares Zeug. Darf man natürlich nicht zu oft nehmen. Höchstens zweimal im Monat. Oder vielleicht auch dreimal. Aber das Zeug wirkt Wunder, da kommt kein auf dem Wasser gehender Sandalenträger mit.“

Eisenbarth konnte, wollte nicht glauben, was er hier zu hören bekam. Sein Stift sauste durch sein Notizbuch, während er nachfragte: „Guter Mann, Sie wollen mir hier also allen Ernstes erzählen, Sie würden Gift schlucken, um Ihre Potenz zu steigern? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“

 

Wurstenbach winkte ab.

 

„Jungchen, ich bin alt und nicht blöde. Ich schluck doch kein Gift. Ist schon schlimm genug, was die mir hier an Pillen geben.“

 

Eisenbarth war erleichtert.

 

„Man spritzt sich das Zeug direkt in den Feldwebel, wenn de verstehst, was ich meine.“ Für den unwahrscheinlichen Fall, dass das nicht so sein sollte, unterstützte Wurstenbach seine Aussage mit einer mehr als deutlichen Geste.

Mit einem leisen Poltern fielen Notizbuch und Stift auf den Boden. Den Mund offen, die Augen weit aufgerissen, starrte Eisenbarth den alten Mann an. Ungläubig wiederholte er dessen letzte Worte: „Man – spritzt – sich – das – Zeug – in …“

„… direkt in den Feldwebel, ja. Probier es ruhig mal aus, Junge. Müsste hier noch ein paar Ampullen rumliegen haben, kannst ruhig eine mitnehmen. Ich sach dir, das wirste nie vergessen. Dein kleiner Soldat schwillt auf die doppelte Größe an und bleibt stundenlang hart wie eine Eisenstange. Wenn de willst, kannste damit ein tiefgefrorenes Ackerfeld umpflügen.“

Wieder ertönte das grässliche Lachen des Greises.

„Sie – spritzen – sich – das – Zeug …“

„Hast wirklich einen Papagei gefressen, was? Oder wiederholste immer alles, was du hörst?“

„... doppelte Größe … stundenlang … Ackerfeld …“ kam es zusammenhanglos zurück. „Wenn ich doch bitte einen – meine Güte, die doppelte Größe, sagen Sie? – einen Schnaps haben könnte? Ich glaube, den kann ich jetzt gebrauchen. Stundenlang, sagen Sie?“

Einen großzügig bemessenen Pernod später war Eisenbarth wieder einigermaßen klar im Kopf. Sofort begann er damit, seinen Gastgeber ins Gebet zu nehmen.

„Jetzt hören Sie mal, Sie binden mir hier doch einen Bären nach dem anderen auf! Gut, das mit Ihrem Liebesleben und Ihrer Seite im Netz, das will ich Ihnen ja noch glauben. Aber Nashornhörner und Tigerhoden? Skorpiongift? Hier – in einem Altersheim in Beuel? Also ehrlich – ich bitte Sie. Wie wollen Sie das Zeug denn …“

„Willst du damit andeuten, dass ich …“

„Na, besonders glaubhaft ist die Geschichte jedenfalls nicht, die Sie mir hier erzählen, Herr Wurstenbach. Das müssen Sie ja wohl selber zugeben.“

Der alte Mann zog die Augenbrauen zusammen und polterte los: „Jetzt hör mir mal gut zu, Jungchen: Überleg dir lieber gut, wen du hier einen Lügner schimpfst! Ich war ´44 an der Ostfront dabei und kann mich nicht erinnern, dich da irgendwo gesehen zu haben!“ Otto Wurstenbachs Wangen hatten sich mittlerweile dunkelrot gefärbt. Der Zweifel des Reporters an seiner Glaubwürdigkeit hatte ihn augenscheinlich furchtbar erzürnt.

„Was hat das denn jetzt …“

„Ich habe verdammt noch mal für mein Vaterland gekämpft und es nicht nötig, von so einem Schubiack wie dir Lügner genannt zu werden! Ist das angekommen?!“ Die letzten Worte brüllte er hinaus.

 

Der Reporter nickte stumm, wollte den alten Mann auf keinen Fall weiter aufregen. Fehlt mir noch, dass der hier einen Herzanfall kriegt, während ich mich mit ihm unterhalte, dachte Eisenbarth zynisch. Das wäre gar nicht gut für die weitere Karriere.

 

Irgendwann hatte Wurstenbach sich wieder beruhigt. Zwei Pernod hatten ihm dabei gute Dienste geleistet und die Färbung seiner Wangen war von einem ungesunden Tiefrot zu einem noch ungesunderen Schnapsrot gewechselt. Schnaufend stieß er aus: „Weiß gar nicht, warum ich mich überhaupt mit Leuten wie euch abgebe. Kommt ungefragt hierhin, löchert einen mit Fragen, und wenn euch die Antworten dann nicht passen, dann ist man eben ein Aufschneider! Hat wahrscheinlich nie gedient, der Arsch … Ich erkenne einen elenden Verweigerer doch sofort, wenn ich einen sehe!“

„Herr Wurstenbach, ich habe nie …“

„Sage ich ja! Und jetzt: Klappe zu! Sitzt hier mit seinem kleinen Notizbuch und lügt mir strack ins Gesicht. Überhaupt – was habt ihr Typen immer nur aufzuschreiben? Das Mädel, das mich vor gut zwei Wochen besucht hatte, schrieb auch alles Mögliche mit, was ich ihr erzählte.“

„Herr Wurstenbach, ich wollte keinesfalls …“

„War ein richtig süßes Ding, die Kleine. Und aufgeschlossen! Als ich ihr von meiner kleinen Leidenschaft erzählte, wollte sie sofort alles darüber wissen. Na, wenn einen etwas viel Geld kostet, dann will man auch damit angeben, richtig? Und was für die Kunst gilt, das muss auch für Potenzmittelchen gelten, oder? Hat mich dann aber nicht rangelassen, das kleine Biest. Legte wohl keinen Wert auf eine praktische Einführung!“ Erneut das schreckliche Lachen. „Keine Ahnung gehabt, was ihr da entging, die Kleine.“

 

Erschienen 2012 im

 

Kirsch-Verlag.

ISBN: 978-3-933586-92-6

248 Seiten

Erhältlich im Buchhandel oder beim Verlag.

 

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Und wieder einmal holt die Wirklichkeit die Phantasie ein:

 

Der ursprüngliche Titel wurde geändert, um die Gefühle der Happacher zu schonen.

 

Ob diese dann durch das "Ausheben" einer privaten Cannabisplantage" ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches verletzt wurden, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

Unten: Ursprünglicher Umschlag & Titel des Romans.