Mauer-Mord

Der Waldbröler Königsbornpark hatte eindeutig bessere Tage gesehen. Die wenigen Parkbänke waren bestenfalls unbequem und verschmutzt und im schlimmsten Fall nicht mehr zu benutzen. Die Wiesen – voller kahler Flächen – boten ein Bild des Jammers, an vielen Stellen lag Unrat und Müll. Die beiden Fußballtore auf einer der Wiesen hatten schon vor Ewigkeiten ihre Netze eingebüßt, der Basketball-Korb wurde nur noch vom Rost und gutem Willen gehalten. Der einstige Spielplatz war schon lange demontiert und niemand konnte genau sagen, wann die drei Springbrunnen zum letzten Mal im Betrieb gewesen waren.

Meistens hielten sich hier tagsüber Obdachlose und Alkoholiker auf, die sich im nahe gelegenen Aldi-Markt mit billigem Wein und Fusel versorgten und in diesem Park konsumierten. Ja, der Königsbornpark hatte seine besten Tage eindeutig hinter sich.

Egon Butz und Martin Böhme saßen auf einer Parkbank und gingen ihrer liebsten Beschäftigung nach: In großen, gierigen Zügen soffen sie billigstes Dosenbier, zerknüllten die leeren Blechbehälter danach grinsend mit einer Hand und warfen diese dann achtlos hinter sich. Normalerweise hätte Willi Schwudke ihnen dabei Gesellschaft geleistet, aber vor ein paar Sekunden war der Vierte in ihrem Bunde atemlos keuchend bei ihnen angekommen und hatte ein paar hastige Worte ausgestoßen, die den Gemarkungsleiter veranlassten, augenblicklich sein Mobiltelephon zu ziehen, es aufzuklappen und eine Kurzwahl-Taste zu drücken.

Als am anderen Ende abgehoben wurde, nahm Schwudke Habacht-Stellung ein. Was – ganz genau betrachtet – doch ziemlich überflüssig war, da ihn sein Gesprächspartner nicht sehen konnte. Gerade sagte er:

„Aber natürlich bin ich sicher, Reichsbannerträger! Kamerad Fatzler hier“ – er funkelte den in respektvollem Abstand stehenden Rabenbruder böse an – „hat es direkt aus erster Hand. Ich dachte mir daher… Bitte, Reichsbannerträger… Aber wieso? Ich kann doch auch und sicher viel… Jawohl, Reichsbannerträger! Sofort!“

Mit hochrotem Kopf und Mordgelüsten in den Augen hielt er das Telephon Fatzler hin, der es verdattert anstarrte.

„Der Reichsbannerträger will mit dir persönlich sprechen, Arschloch!“ zischte Schwudke leise. „Wehe dir Kerl, wenn du mich wieder blamierst! Denn dann…“ In einer vielsagenden Geste zog er sich den Zeigefinger der rechten Hand über die Kehle und lächelte dabei bösartig.

Fatzler nickte eingeschüchtert. Zu oft hatte er gesehen, zu gut hatte er noch in Erinnerung, was geschehen konnte, wenn Schwudke die Beherrschung verlor.

Es fehlte also nicht viel und Fatzler hätte die Hacken zusammengeschlagen, als er das Telephon nahm und hineinsprach:

„Roland Fatzler hier, Reichsbannerträger… Jawohl, habe ich... Jawohl, Reichsbannerträger! Mit meinen eigenen Ohren. Sehr gerne, Reichsbannerträger! Also, das war so…“

Und der geschundene Rabe, ein Auge grün-blau schillernd, die Nase unförmig angeschwollen und eine Hand noch immer auf die Rippen gepresst, die bei jedem Atemzug schmerzten, berichtete, wie er auf dem Weg nach Hause beim Waldbröler Rathaus vorbeikam; das Aufgebot der Journalisten – natürlich benutzte er dieses fremdländische und daher undeutsche Wort nicht, sondern bezeichnete sie als Presseärsche – bemerkte und neugierig wurde; sich unauffällig näherte und die sensationelle Neuigkeit hörte; sich sofort und unter starken Schmerzen in den Park begab, da er wußte, daß seine Kameraden um diese Uhrzeit dort meistens anzutreffen sind; und er sehr froh sei, dem hochverehrten Reichsbannerträger jetzt endlich einmal dienlich sein zu können.

 

„Selbstverständlich! Vielen Dank, Reichsbannerträger! Werde es nicht vergessen. Jawohl! Jawohl!“

Er legte auf, klappte das Mobiltelephon wieder zusammen und reichte es seinem Besitzer zurück. Dabei grinste er blöde.

„War außerordentlich zufrieden mit mir“, verkündete er dann voller Stolz. „Meinte, ich hätte gute Arbeit geleistet.“

Böhme brummte:

„So´n Blödsinn. Du bist doch zu doof, einen vollen Eimer Wasser umzuwerfen!“

 

Wieherndes Gelächter seines Trinkkumpanen Butz erscholl.

 

„Nur weil du deinen Arsch zufällig irgendwo vorbeigetragen hast und dabei etwas belauscht hast, hast du noch lange keine Arbeit geleistet.“

Er spuckte aus.

 

Erschienen 2010 im

 

Kirsch-Verlag.

ISBN: 978-3-933586-70-4

284 Seiten

Erhältlich im Buchhandel oder beim Verlag.

 

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Und wieder einmal holt die Wirklichkeit die Phantasie ein:

 

Der

Panarbora-Park

- wurde hier nicht die gigantomanische Anlage Werner Paulsens in leicht abgewandelter Form Realiät?