Schneefall

Donnerstag, 03 November.

Die tiefe Stille eines schulfreien Tages lag an diesem Morgen über dem Gelände der Wiedenhof-Schule. Die verstreuten Gebäude waren dunkel, der Lehrerparkplatz oberhalb des Komplexes lag einsam und verlassen. Die aktuell grassierende Grippewelle hatte weit über die Hälfte des Lehrkörpers erwischt und lahmgelegt, so das die Schule zur Begeisterung der Schüler – und zum großen Bedauern der gestressten Eltern – geschlossen blieb.

Der dünne Rand der aufgehenden Sonne prangte rot am Horizont. Der wolkenlose Himmel verhieß einen schönen, wenn auch kühlen Herbsttag. Der Tau der Nacht hatte die unzähligen Spinnennetze im Gestrüpp und auf dem Gras wie mit funkelnden Diamanten überzogen. Der abflauende Wind, der aus der Richtung des alten Friedhofes heranwehte, trug die erste Ahnung von nächtlichem Frost und nahendem Winter in sich.

Die getigerte Katze nahm von dem Frieden und der Schönheit, die sie umgab, nichts wahr. Sie interessierte sich nicht im Mindesten für Sonnenaufgänge. Dem Wind konnte sie keine poetischen Inhalte abgewinnen; für sie war er einfach nur bewegte Luft, die ihr schon seit einer Stunde eine überaus interessante Witterung zutrug. Spinnweben, das Konzept von Ruhe und Frieden – nichts davon war für sie von Bedeutung, nichts davon war für sie auch nur in irgendeiner Weise wichtig. Für die Katze gab es nur – die Beute!

In der letzten Stunde war sie unendlich langsam an das Versteck ihres ahnungslosen Opfers geschlichen. Immer wieder hatte sie innegehalten, gelauscht und gewittert, unbeweglich verharrt.

Schließlich war sie nahe genug gekommen und vor dem großen Haufen gelber Müllsäcke, die an der Einfahrt des Lehrerparkplatzes aufgeschichtet lagen und auf ihre Abholung warteten, in Lauerstellung gegangen.

Bestimmt eine halbe Stunde hatte sie so verbracht – so still und starr, daß ein zufälliger Beobachter sie für tot hätte halten können. Erfroren in der Nacht. Ein aufmerksamer Beobachter aber hätte das langsame Senken und Heben des Brustkorbes des Tieres bemerkt. Das leise Zittern der wie eine Stahlfeder gespannten Muskeln. Wenn unser hypothetischer Beobachter sehr aufmerksam gewesen wäre, dann hätte er sich möglicherweise auch gefragt, was der Haufen Müllsäcke hier zu suchen hatte. Denn erstens standen nur wenige Meter weiter unten eine Reihe von entsprechenden Containern und zweitens wurden die gelben Säcke hier am Hermesbuschweg am Dienstag und nicht am …

Urplötzlich sprang die Katze. Nichts war zu sehen gewesen, nichts war zu hören gewesen. Und trotzdem hatte sie blitzartig reagiert. Möglicherweise hatte sich die Beute um ein Winziges bewegt, vielleicht hatte sich für den Bruchteil einer Sekunde der Geruch des Fangs verändert.

Was auch immer der Auslöser gewesen war – der Jagdinstinkt hatte die Kontrolle übernommen und das Raubtier hatte zugeschlagen.

Durch die Attacke der Katze war die fragile Statik des Haufens empfindlich gestört worden. Einige der prall gefüllten, gelben Müllsäcke gerieten ins Rutschen, zwei fielen zu Boden.

Ein Auge – bislang verdeckt von schmutzigen Verkaufspackungen und anderen, nicht mehr benötigten Reststoffen – starrte blicklos in den langsam heller werdenden Himmel. Der winzige Teil der Haut, der rund um das rot geäderte Auge erkennbar war, war bleich und fahl. Die Haut eines Toten.

Tote Haut und ein blickloses Auge inmitten eines Berges aus wiederverwertbaren Mülles. Ein fremdartiges und zugleich ausdrucksstarkes Bild.

Die in Bewegung geratenen Müllsäcke hatten die Katze verscheucht. Stille kehrte wieder ein. Nichts rührte sich mehr – wenn man von den Ästen der Bäume und dem Gras einmal absah. Die Sonne stieg langsam höher. Das Auge ruhte wieder ungestört in seinem Plastikgrab. Es kümmerte sich nicht darum, das es diese Gruft gar nicht hätte geben dürfen, daß die Müllabfuhr hier schon vor zwei Tagen vorbeigekommen war. Dem Auge und der Körper, zu dem es gehörte, waren solche Dinge einerlei. Ihm waren überhaupt alle Dinge einerlei!

Es spürte weder Kälte noch den Tau noch den Wind. Es hatte alles Irdische hinter sich gelassen. Im Leben hatte es vieles gesehen – schönes und häßliches, gutes und böses, großes und kleines. Unmittelbar vor seinem Tod hatte es noch Wut, Haß, Zorn und einen kurzen Ausbruch von Gewalt gesehen. Dann nichts mehr.

 

Nun gab es nichts mehr von Belang. Dem Auge blieb nur noch, geduldig zu warten. Es hatte Zeit. Zeit war alles, was es noch hatte. Es konnte warten. Es würde warten. Bis man es endlich fand. Bis man das Auge sehen würde, wie es dort ruhte. Unbeweglich und blind.

Es wartete noch immer, als fünf Stunden später der Hausmeister der Schule kam …

 

Erschienen 2014 im

 

Kirsch-Verlag.

ISBN: 978-3-943906-07

240 Seiten

Erhältlich im Buchhandel oder beim Verlag.

 

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Und wieder einmal holt die Wirklichkeit die Phantasie ein:

 

Was im Roman nur erdacht, wurde mittlerweile in Teilen Wirklichkeit.

 

Wenn Sie wissen wollen, wie aus Fiktion Realität wurde - lesen Sie "Schneefall".

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Die ursprünglich geplanten Titel für "Schneefall"