Tod eines Fahnenträgers

 

Exklusive Leseprobe

 

 

0.

 

 

Als der Motor verstummte, herrschte wieder Stille in diesem abgelegen Teil des Nutscheids. Schwaches Licht einer Januarsonne fiel ungehindert durch kahle Äste auf einen aufgeweichten Boden und zeichnete Muster in nasses Gras. Vereinzelt raschelte es im Unterholz und von Zeit zu Zeit erinnerte ein dünnes Vogelstimmchen daran, daß nicht alle von ihnen in den Süden geflohen waren. Durch den Schatten des Unterholzes verlief eine schnelle, wellenförmige Bewegung, ein kurzes Quieken erklang, dann war nichts mehr zu sehen.

 

Die Lichtung war klein. Und – was für den Mann in den alten Kadett besonders wichtig war – sie war schwer zu erreichen. Tief im dichten Wald lag sie, zu erreichen nur zu Fuß oder über einen alten, fast vergessenen Forstweg, der rund dreißig Meter an ihr vorbeiführte. Und jetzt, in den letzten Tagen eines viel zu milden Januars, war es nahezu ausgeschlossen, daß sich ein übermotivierter Wanderer hierher verirrte und die Lichtung und ihr kleines Geheimnis entdeckte. Kurz: Es war der perfekte Platz!

 

Der ausgezehrt wirkende Mann hinter dem Lenkrad des alten Kadetts warf einen raschen Blick in den Rückspiegel. Gut! Die Kinder schliefen noch. Die ruckelnde Fahrt während der letzten Minuten hatte sie nicht geweckt. Die süßen Engel! Wie sie da in ihren Gurten hingen, die Köpfe gegeneinandergelegt, das hellblonde Haar des Mädchens vermischt, verwoben mit dem etwas dunkleren ihres Bruders. Unschuld, gepaart mit dem Urvertrauen in eine Welt, die es schon nicht zulassen würde, das ihnen etwas Schlimmes zustoßen würde.

Die Augen des Manns begannen, feucht zu schimmern und er zwang sich, den Blick abzuwenden. Sentimentaler Idiot! beschimpfe er sich selbst in Gedanken. Sitzt hier rum und vertrödelst deine Zeit. Reiß dich gefälligst zusammen!

 

Papiertrockene Hände rieben drei, viermal über Hosenbeine, dann öffnete er die Autotüre und stieg aus. Wie immer, wenn er hier oben war – früher mit ihr, dann – später, in der schlimmen Zeit – nur noch alleine – spürte er es sofort: den Frieden! Die Ruhe! Wenn er lange genug hier bleiben würde, dann würde er vielleicht irgendwann Heilung finden. Kein seelenloser, mechanischer Automat mehr sein, sondern ein lebender, fühlender Mensch. Fühlend. Bei diesem Wort lächelte er freudlos. Wie lange war das schon her? Tage? Jahrhunderte? Nein, wenn er irgendwann einmal hier bliebe, um Frieden zu finden, dann wollte er – ein Stein sein. Ein weltenalter, nie bewegter, nie berührter Stein. Wieviel besser wäre das als ein dummer Mensch, ein Mann, ein Vater zu sein! Statt des flüchtigen Streichelns einer Kinderhand gäbe es nur die ewige Umarmung des Mooses. Statt eines kurz aufblitzenden Lächelns – oh, sie hatte nur kurz, so kurz lächeln dürfen, so furchtbar kurz …

 

„Papa …“ drang die schläfrige Stimme des etwa zehnjährigen Mädchens aus dem Auto.

 

Papa! Was für ein dummes Wort! Nichts als ein Konsonant und ein Vokal, beide in dümmlicher Wiederholung aneinandergereiht. Papa! Zwei Buchstaben, die die ganze Welt in sich bargen.

 

Mit einem Schlag zerstob die Vision von steinernen Frieden und bemooster Ruhe. Der Mann wandte sich um und öffnete die Augen. Ein rascher Blick durch das Seitenfenster überzeugte ihn davon, daß das Mädchen und ihr Bruder noch immer fest schliefen. Gut, dachte er, gut. Hast also nur im Schlaf geredet, mein Kleines. Das ist gut. Schlaf und träume, solange du es noch kannst. Seine Lippen verzogen sich erneut zu diesem unfrohen Lächeln. Er wußte, daß ihre Träume schon bald genug von der rauen, kalten Wirklichkeit gefressen werden würden. Aber er hatte keine Wahl. Wie hieß es? Ein Mann muß tun, was ein Mann eben tun muß! Punkt und Schluß.

 

Er ging zum Kofferraum des Kadetts und öffnete ihn. Darin lagen – neben einer großen Tüte voller „Lebensmittel“ wie Kekse, Süßkram und Schokolade sowie einige Flaschen Limonade – vier dicke, ordentlich gefaltete Wolldecken. Ansonsten war der Kofferraum leer. Keine Warnweste, kein Verbandskasten, kein Ersatzreifen. Wozu sich damit belasten? Er brauchte nichts davon. Nichts! Er brauchte auch kein Radio im Auto, keinen hochgezüchteten CD-Spieler oder ein Navigationsgerät. Wo er hinwollte, da kam er auch hin und schon immer war es während langer Autofahrten seine liebste Beschäftigung gewesen, sich Gesichten, Szenarien auszudenken. Er beugte sich vor und griff sich die Decken, klemmte sie unter einen Arm und nahm dann die schwere Tüte. Während er über den feuchten Waldboden stampfte, pfiff er leise vor sich hin.

 

Auf der Fahrt hierhin hatte er sich mit selbstquälerischem Genuß ausgemalt, was alles schiefgehen konnte. Dann hatte er seine Gedanken losgelassen und …

 

Der uniformierte Polizist stieg von seinem Motorrad und kam zu ihm herüber. Die Straße war einsam und verlassen.

„Sie wissen, warum ich Sie anhalte?“

„Ich kann es mir überhaupt nicht erklären. Bin ich zu schnell gefahren?“ hatte er in seiner Phantasie freundlich gefragt.

„Ihr rechtes Rücklicht ist defekt. Könnte ich bitte Ihren Führerschein und den Fahrzeugschein sehen?“

Dann würde sich der Beamte die Papiere ansehen und natürlich wäre alles in bester Ordnung damit. Und zweifellos würde er etwas Nettes über die schlafenden Engel auf den Rücksitz von sich geben und dann – im gleichen Atemzug – die abgefahren Reifen bemängeln. Beim Anblick der prall gefüllten Tüte im Kofferraum würde er wohl verständnisvoll grinsen und – wer konnte es wissen – denken: Ah, der Vater macht also mit seinen beiden Kleinen eine Art Winter-Picknick. Nun, jeden das seine und genug Decken hat er ja dabei und überhaupt ist der Januar ja viel zu mild für die Jahreszeit. Dann würde er natürlich das Fehlen von Warnweste und Verbandskasten registrieren, aber weil ihn der Anblick der vielen Schokolade merkwürdig milde gestimmt hatte, beschloß er, nichts zu sagen. Der Fahrer selbst stellte sich währenddessen nur als stumm dabeistehend vor, lächelnd, wenn es angebracht war, nickend, wenn es zu nicken galt und dabei die ganze Zeit an das Messer in seiner Jackentasche denkend und ob er wohl schnell genug wäre …

Irgendwann hatte sich der Polizist von dem Fahrer des Kadetts höflich verabschiedet war und zu seinem Motorrad zurückgestiefelt.

 

 

Und genau jetzt würde es passieren. Weil es immer im letzten Moment schiefging. War es nicht immer so im Leben?

 

 

„Was war das?“, würde der Beamte fragen und dabei den Kopf schief legen?

„Was war was?“, würde der Mann harmlos erwidern.

„Die Kinder. Ich glaube, eines Ihrer Kinder hat gerade um Hilfe gerufen“.

„Unmöglich. Warum sollten sie so etwas … Die spielen bestimmt nur oder toben oder …“

Aber der Beamte hatte sich nicht so einfach abwimmeln lassen. Natürlich dachte er sich nichts Schlimmes, als er die Tür öffnen wollte – immerhin war man hier in Deutschland, nicht in den USA oder Mexiko. Spielende Kinder, das war natürlich die naheliegendste Lösung, aber – sicher war sicher. Und dann starb er.

 

Nur wie er ihn sterben lassen sollte, da konnte sich der Fahrer des Kadetts nicht entscheiden. Sollte er es wie ein Raubtier machen und auf die Kehle gehen? Den Polizisten also den Hals aufschlitzen? Oder doch die klassische Methode – ein Stich in den Bauch, gefolgt von langsamem und schmerzhaftem Verbluten?

 

„Ich glaub, ich hätt' ihn die Gurgel durchgeschnitten“, murmelt der Mann vor sich hin, als er mit seiner Last die kleine Hütte, die am Rand der Lichtung stand, erreichte. „Manche Leute sind erstaunlich zäh und so ein Lederkombi ist bestimmt teuflisch schwer zu durchstechen. Nee, auf jeden Fall die Gurgel.“ Er stellte die Tüte ab und legte die Decken achtlos daneben. Stirnrunzelnd besah er sich das massive Vorhängeschloss, klopfte seine Taschen ab und strahlte zufrieden, als er den Schlüssel fand.

 

Obwohl die Hütte älter als die Zeit selbst wirkte, war sie doch in einen außerordentlich stabilen Zustand. Die Fenster waren mit dicken Brettern vernagelt worden, Dach und Wände wirkten fest und sicher, hatten aber immer noch genug Ritzen und Spalten, um spärliches Tageslicht durchzulassen. Die Einrichtung war spartanisch, aber was wollte man von einer vergessenen Waldhütte am Anus mundi auch erwarten? Zwei kleine, roh gezimmerte Stühle, ein ebensolcher Tisch. In einer Ecke ein roter Zehn-Liter-Plastikeimer, daneben zwei Rollen Klopapier.

Der Mann grunzte zufrieden und stellte die Tüte auf den Tisch ab. Die Decken warf er achtlos auf den Boden aus festgestampfter Erde. Wenigstens war es trocken hier drin und wie bereits festgestellt wurde: Der Januar war außerordentlich mild und ein paar Tage würden die Kinder es hier schon aushalten. Ohne Strom. Ohne Wärme. Ohne Fernsehen, Nintendos und Playstations. Ohne Vater und Mutter, die in nahen Waldbröl bereits seit zwei Stunden panisch und zunehmend verzweifelter nach ihren Kindern suchten. Ohne ihre Freunde aus Kindergarten und Schule, die noch nicht ahnten, was ihren Spielkameraden widerfahren war.

 

Als der Mann die immer noch schlafenden Kinder in die Hütte geschleppt hatte – kurz hatte er befürchtet, die Dosis des Betäubungsmittels sei zu hoch gewesen, aber DIE STIMME war in diesen Punkt sehr sicher gewesen! –, das Schloß vorgehängt hatte und zu seinem alten Kadett zurückgegangen war, hatte er gebetsmühlenartig gedacht:

„Nur ein paar Tage – Sie ist für immer fort! Nur ein paar Tage – Sie ist für immer fort! Nur ein paar Tage – Sie ist für immer fort!“

 

Nur ein paar Tage also. Länger sollte die Entführung nicht dauern. Nur ein paar Tage in einen viel zu milden Januar. Nur solange, bis der Karneval durch die Stadt gezogen war. Nur solange, bis er endlich der Gesellschaft die Maske vom häßlichen Gesicht reißen konnte, wie DIE STIMME ihn erklärt hatte.

 

 

Dabei hätte gerade er besser als jeder andere wissen müssen, daß für verzweifelte Eltern, die ihr Kind suchten, jede einzelne Sekunde die Hölle war. Und Karneval war erst in vier Tagen.